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Full text of "Berner Studien zur Philosophie und ihrer Geschichte"

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Berner Studien znr PhilosopUe nnd ihrer Gescliiclite. 

Band XXXXIII. 



HerausgegeDen von 

Dr. Ludwig Stein, 

Professor mn der UniversitHt Bern. 



Die 

sozialpädagogischen Strömungen 
der Gegenwart. 



Dargestellt und kritisch beurteilt 

von 

Dr. Js. Bamberger, 

Lehrer in Nürnberg. 







Bei-n 

Druck und Verlag von Scheitlin, Spring & C4ie. 
1906. 



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Inhaltsahgabe. 



I. Teil. 

Historisches über die Entwicklung der Individual- und Sozialpäda- 
gogik vom Altertum bis zum Zeitalter Pestalozzis 1—10 

U. Teil. 

Die sozialpädagogischen Strömungen der Gegenwart. 

1. Das Problem der Individual- und Sozialpädagogik .... 11 — 13 

2. Die ausgleichenden Bestrebungen bei Herder, Pestalozzi, 
Schleiermacher u. s. w 14—15 

3. Vertreter aus der Schule Herbarts 16—26 

A. DörpMd. 

B. Willmann. 

C. Ihre Anhänger Trüper, Hochegger, Lietz. 

4. Der Neukantianismus 27—46 

A. Natorp. 

a) Sein Standpunkt b) Sein System, c) Kritische 
Beurteilung. 

B. Görland. 

5. ^jUniversalistlsche*' oder „Kulturpädagogik" 47 — 70 

Bergemann. 

aj Sein Ausgangspunkt, b) Seine soziale Pädagogik, 
c) Kritik. 

6. Ethische Theoretiker 71—76 

A. Höffding. 

B. Wundt, Tönnies, H. Cohen. Ludw. Stein. 

7. Vertreter der Schulpraxis . 77—87 

A. Rissmann. 

B. Tews, Huckert, Kerschensteiner u. a. 

• UI. Teil. 

Schlussbetrachtungen 88 — 95 

1. Die historisch aufgetretenen Definitionen des Begriffes ,,Sozial- 
pädagogik*'. 

2. Der Begriff „Sozial" und die Ableitung des Begriffes „Sozial- 
pädagogik''. 

3. Gegner der Sozialpädagogik. 



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JÜL 1 1 1907 

B 



I. Teü. 



Im Kampf der Meinungen auf pädagogischem Gebiete seit dem 
Anfang des 19. Jahrhunderts bis auf unsere Tage hat wohl kein 
Losungswort mehr allgemeine Zustimmung gefunden als der Ruf des 
Wiener Pädagogen Dittes: „Pestalozzi für immer!" Jede Partei rekla- 
miert diesen Volksmann für sich und glaubt ihr System am besten 
begründet mit der fast zur marktschreierischen Reklame gewordenen 
Aufschrift: Pestalozzi. So erleben wir das ergötzliche Schauspiel, 
dass HerbartianerS Neukantianer *, Männer von rein praktischen Ge- 
sichtspunkten' sich alle auf Pestalozzi berufen, auf ihn, dem doch 
all dies Schulmässige gar so fremd und unbekannt war. Aber genau 
besehen, finden wir eine Lösung für diese widerspruchsvollen Schul- 
meinungen in der Persönlichkeit Pestalozzis selbst, der ganz erfüllt 
war von dem Geiste der Neuzeit und ihrer Kulturidee. In ihm waren 
gleichsam die geistigen, politischen und sozialen Strömungen seiner 
Zeit potenziert vorhanden. Und mit der ganzen Kraft seiner Persön- 
lichkeit übertrug er all das auf das Gebiet der Schule und der Er- 
ziehung. Wenn Pestalozzi als den Zweck der Erziehung die natur- 
gem'ässe Entwicklung des Kindes zur wahren, edlen MenschluJikeU 
und die harmonische Ausbildung aUer Kräfte und Fähigkeiten be- 
zeichnet, so ist damit das ganze Streben der Neuzeit gekennzeichnet, 
wie es seit den Tagen des Descartes und Bacon angebahnt worden 
ist. Im Gegensatz zur antiken Welt betont die Neuzeit^ den Ge- 
danken, dass die letzte Aufgabe des Einzel- und Gesamtlebens darin 
bestehe, aUe in der Menschheit angelegten Kräfte voll zu entwickeln 

' Wigge, Herbart und Pestalozzi. 
' Natorp, Herbart und Pestalozzi. 
' Vogel, Pestalozzi xl s. w, 

* Encken, (Schichte und Kritik der Gnmdbegriffe der Gegenwart, 1. Anfl. 
1878, 8. 187 ff. 

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und ins Unendliche zu steigern und zwar zur Macht über Natur, 
Menschenleben und Welt. So zeigt sich in diesem grossen Erzieher die 
alte Wahrheit bestätigt, dass die Schularbeit und die Pädagogik über- 
haupt abhängig ist von der Kultur eines Volkes, Erziehungsfragen sind 
Kulturfragen. * Es ist nur eine halbe Wahrheit zu sagen : „Wer die 
Schule hat, dem gehört die Zukunft". Die neuen erzieherischen Auf- 
gaben und Ideen eines Zeitalters sind immer zuerst in den Köpfen 
der Erwachsenen zur Reife gelangt und dann erst in die Schule ge- 
tragen worden.* Wie sich uns das im Zeitalter Pestalozzis gezeigt 
hat, so ist im allgemeinen die Entwicklungsgeschichte der Pädagogik 
in allen ihren Teilen abhängig von der Entwicklung des mensch- 
lichen Kulturlebens im weitesten Sinne. Besonders aber hat man 
dabei die Entwicklung der Philosophie eines Zeitalters zu beachten, 
den Stand der Einzelwissenschaften und die politischen sozialwirt- 
schafüichen Verhältnisse, denn von alledem sind die philosophischen 
Grundlagen der wissenschaftlichen Pädagogik (Psychologie, Ethik) 
die Unterrichtsstoffe, die Schulorganisation u. dgl. bedingt. Wie sich 
nun die Kulturentwicklung nicht immer in ruhigen Bahnen und in 
aufsteigender Linie bewegt hat, so zeigt auch die pädagogische Ent- 
wicklung gar oft eine unsichere Bewegung, Zickzacklinien und weit 
auseinander gehende Schulmeinungen. Das gilt besonders von un- 
serem gegenwärtigen Zeitalter, dessen Gesamtkulturzustand sich in 
schweren inneren Kämpfen auf allen GeWeten menschlicher Betäti- 
gung zu neuen Aufgaben und Zielen durcharbeitet. Für diese muss 
das neue Geschlecht erzogen werden. Neben freier Entwicklung der 
Individualität des Einzelsubjektes steht die Forderung der Erziehung 
für die Formen des Lebern in Staat, Kirche und Gesellschaft Daraus 
hat sich für die Pädagogik die Problemstellung ergeben : Individual- 
pädagogik oder Sozialpädagogik ? 

Es sind das nicht etwa Probleme, die unser Zeitalter neu ge- 
prägt hat. Vielmehr begegnen wir individualistischen oder univer- 
salistischen Anschauungen in der allgemeinen Kultur und in der 
speziellen Erziehungswissenschaft in den verschiedenen Zeitaltem, 
wie ein geschichtlicher Ueberblick uns dessen belehrt und zeigt, dass 
die sozialpädagogischen Gedanken in der Erziehung die älteren sind, 



* Schorer, Die Pädagogik vor Pestalozzi, S. 1 u. ff. 

' Dörpfeld bezeichnet deshalb die Erziehung als Vererbung der Kultur- 
güter der Väter und Vorväter. 

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— 3 — 

weil auch im Kulturleben die Sozialtendenz die ältere ist^ Freilich 
der Begriff der Sozialpädagogik ist erst seit einem halben Jahr- 
hundert schärfer und präziser formuliert worden, indem auch die 
Soziologie sich als Wissenschaft Eingang und Achtung verschafft hat. 
Aus alledem erklärt sich auch die Tatsache, dass bei näherer Unter- 
suchung über das Verhältnis zu diesen beiden Erziehungsproblemen 
kein Pädagoge des Altertums oder des Mittelalters schlechthin zur 
einen oder anderen sich hinneigtet „Aber so undifferenziert wir uns 
auch das geistige Leben primitiver sozialer Gruppen denken mögen, 
so steht doch die Oemeinschaß am Anfang der Menschheitsentwick- 
lung selbst" (Wenzel, Oemeinschaß und Persönlichkeit, S. 115). Wenn 
wir nun von den Naturvölkern ^ absehen, so sind es vornehmlich die 
Oriechen^ bei denen wir in der Erziehung einer sozial-universalen 
Tendenz begegnen. Da den Griechen das Familienleben in unserem 
Sinne ganz unbekannt war und das Ideal des Mannes auf das Staats- 
leben hinzielte, so waip die Erziehung der Hauptsache nach Pflicht 
des Staates und Staatserziehung^. So war hier die Sozialpädagogik, 
fast an der Grenze der Pädagogik liegend, politischer Natur und 
umfasste das Gebiet der Staats- und Rechtswissenschaft und prägte 
die ersten Grundlinien einer Schulverfassungstheorie aus. Vor allem 
war die Jugendbildung darauf gerichtet, eine Angleichung der Jungen 
an die Alten zu erzielen. Das gilt sowohl von der spartanischen als 
auch der athenischen Erziehung, wenn auch in Athen die Einzel- 
persönlichkeit und die geistige Bildung in höherem Masse zur Gel- 
tung kommen. Piaton, Aristoteles und die alexandrinische Schule 
stimmten diesen griechischen Volksanschauungen im ganzen zwar 
zu.. Aristoteles sagt : „Der einzelne Bürger soll nicht denken, er ge- 
höre sich an, sondern er mit den anderen gehöre dem Staate an." 
Dennoch haben sie sich gerade dadurch um die Pädagogik so grosse 
Verdienste erworben, dass sie ihren Bereich auf die sozialen Phäno- 
mene in weitem Masse ausgedehnt haben. Damit wurde die Päda- 
gogik von Anfang an auf die Fundamente der Philosophie gestellt. 



' Trüper, ErziehoDg and Gesellschaft. (Jahrbach des Vereins für wissen- 
schaftliche Pädagogik, Jahrg. 22, S. 292.) 

' Lietz, Indiyidaal- and Sozialpädagogik. (Bein, Aas dem pädagogischen 
Umyersitätsseminar za Jena, 1891, S. 58.) 

' Siehe hierüber : Edelheim, Beiträge zar Geschichte der Sozialpädagogik, 
S. 22—26. 

* Scherer, S. 25 ff. 

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— 4 — 

und das griechische Geistesleben ist so ausgestaltet worden, dass es 
noch heute als Bildungsmittel gelten kann K Als die nächsten Erben 
der griechischen Kulturarbeit betrachtet man die Bömer. Nur wenig 
haben sie die griechische Weltanschauung nach der idealen Seite 
umgebildet. Die Römer haben vielmehr allem ihr Nützlichkeitsprinzip 
als Stempel aufgedrückt. So ist es ganz natürlich, dass in der römi- 
sdien Erziehung der Mensch an sich keine hohe Schätzung erfahren 
konnte, vielmehr nur der Bürger als Angehöriger des Staates. Damit 
erhielt die Erziehung eine soziale Färbung. Doch darf nicht uner- 
wähnt bleiben, dass die Römer die Erziehung des Einzelnen bei allen 
Forderungen von Bürgersinu doch der Familie überliessen'. Femer 
wirkte der Römer sozial-ethisch, indem er seinen geistigen Besitz 
hinaus in die eroberten Länder trug und so nicht unwesentlich die 
Güter der Humanität vermehrte*. Besonders war es die Philosophie 
der Griechen, die erst durch die Römer allgemeines Volksgut ge- 
worden ist. Das war aber erst möglich durch ein neues Element, 
das im römischen Weltreich Einfluss gewann auf die Philosophie — 
die Religion Israels. Philosophisches Denken und religiöser Glaube 
suchten sich zu vereinigen, und dadurch war mit der grossen Volks- 
masse leichter Fühlung zu gewinnen für Kultur und Bildung, indem 
im Volke die Religion sich immer erhalten hatte*. 

Auf diese Weise wirkte Israels volkspädagogische Erziehung fort, 
und seine Kultur war nicht untergegangen mit seiner politischen 
Ifacht. Das JxAdentum empfing diese Befähigung zur sozialpödago-^ 
gischen Wirksamkeit aus seiner „Lehre**. Die „Tora** stellt eine 
sozialpädagogische Gesetzgebung dar, die Sozial- und Individual- 
erziehung mit gleichem Nachdruck betont^. Allgemeine und allum- 
fassende Volksbildung, auf der Wirksamkeit der Familienerziehung 
beruhend, war das Ziel dieses Gesetzes®. 



' Willmann, Didaktik I, S. 29. 

' Scherer, a. a. 0., S. 57 ff. 

» VTiUmaim II, S. 24. 

* Scherer, S. 66. 

^ Trftper hat in seiner schon mehrerwähnten Abhandlang über ^Erziehung 
and (^eseUschaff (Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, 1890, 
8. 208) darauf hingewiesen. Hoffentlich ist ^es dem Verfasser yorliegender 
Arbeit bald möglich, Trüpers Wunsch nadi einer speziellen Darstellang dieses 
Gegenstandes za erfüllen. 

« PenUteuch IV; 11, 29. 



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— 5 — 

Von jüdischen Vorstellungen überhaupt beeinflusst, hat das 
Christentum diese sozial-ethische Tätigkeit fortgesetzt und diese 
Volkspädagogik der ganzen zivilisierten Welt mitgeteilt. Im Mittel- 
alter ist dann innerhalb des Christentums die mächtigste aller sozialen 
Gemeinschaften entstanden — die Kirche. Ihr ist das Individuum 
in jeder Hinsicht vollständig untergeordnet und hat gar keine selb- 
ständige Bedeutung. So ist es geblieben noch lauge über die Zeit 
der Alleinherrschaft der ungeteilten Kirche hinaus. Diese Erschei- 
nung findet ihre Erklärung im Mrirtschaftlichen Charakter des Mittel- 
alters. Auch im wirtschaftlichen Leben bis tief ins 18. Jahrhundert 
hinein war das Individuum vollständig unselbständig und seinem 
Stand und seiner Zunft untergeordnet und beherrscht von einem 
anmassenden Beamtentum, einem hochfahrenden Adel und von den 
Launen entarteter Landesfürsten. Da ist es begreiflich, dass für die 
Herausbildung eines freien Individuums in der Erziehung nichts ge- 
schehen ist. Die Kirche stellte die Erzieher sowohl in den Kate- 
chetenschulen, in den Klosterschulen, in den Kathedralschulen, in 
allen Schuleinrichtungen der Scholastik, als auch noch in den schon 
etwas weltlichen Stadtschulen. 

So waren das Altertum und das Mittelalter beherrscht von einer 
einseitigen Sozialtendenz, die Erziehung war geleitet von einer 
schroffen Sozialpädagogik ^ 

Gegen diese bis zum Extrem gesteigerte Tendenz wandte sich 
der Geist der Neuzeit im Humanismus und in der B^armatum, die 
ihre schärfsten Waffen erhielten gegen den scholastischen Geist aus 
der erweiterten Welterkenntnis, wie sie durch die Kreuzzüge ange- 
bahnt, durch die Erfindungen und Entdeckungen am Ausgange des 
Mittelalters vertieft worden war. Daraus wurde auch ein neuer päda- 
gogischer Geist geboren, insbesondere hat der Humanismus von An- 
fang an eine pädagogische Richtung angenommen. Das Selbstgefühl 
des Einzelnen wurde wiedererweckt. Das war der erste Schritt zur 
Emanzipation des Individuums'. Dieser Befreiungskampf ist aber 
lange nicht über die'^ Theorie hinausgekommen. Wenn auch die 
grossen Männer des Geistes ihre beste Kraft daran setzten, durch eine 
Neugestaltung der Erziehung der neuen Weltanschauung Geltung zu 
verschaffen, den Wust der Scholastik hinwegzuräumen von der reinen 

' Bergemann, Aphorismen zur sozialen Pädagogik, S.U. 
' C. Müller, Indiyidaal- and Sozialerziehnng. (D. deutsche Schale, 1900, 
Seite 848.) 

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— 6 — 

Bibellehre und den Klassikern des Altertums, so ist es doch erst 
der durchaus praktisch gestaltenden Richtung des Pietismus gelungen, 
den Realismus der Philosophie und der allgemeinen Weltanschauung 
(seit Nikolaus von Kues, Giordano Bruno und Bacon von Verulam) 
als fruchtbaren Boden zu bearbeiten für die Entwicklung der wissen- 
schaftlichen Pädagogik und der Volksbildung. Aus dieser Bewegung 
ist der Pädagoge Comenius herausgehoben worden. Aber erst dem 
Zeitalter der Aufklärung war es vorbehalten, das Fundament zu legen 
zu einer neuen Welt- und Lebensanschauung und der Pädagogik eine 
wissenschaftliche Psychologie ^ und Ethik zu geben. Da beginnt das 
Zeitalter der Reformbestrebungen auf pädagogischem Gebiet*. In 
dieser Zeit tritt zum ersten Male der scharfe Gegensatz gegen die 
Sozialpädagogik des Altertums und des Mittelalters in die Erschei- 
nung in der Individualpädagogik. Der Zögling wird nicht mehr als 
Glied der Gesamtheit betrachtet; man betrachtet die Schule nicht 
mehr als Bildungsstätte für Leben und Staat und Gesellschaft. Der 
Individualismus in der Philosophie und der ganzen Kulturlage der 
Aufklärungszeit prägte sich auch in der Pädagogik aus. Das Ver- 
hältnis von Schule und OeseUschaft verengerte sich zu dem zwischen 
Lehrer und Kind. Es war ganz natürlich, dass mit der Begründung 
der Pädagogik durch die Ethik und hauptsächlich durch die Psycho- 
logie der Standpunkt und Ausgangspunkt in der Erziehung in das 
Subjekt verlegt wurde. Schon die Didaktiker des 17. Jahi-hunderts 
sind damit von selbst Individualpädagogen geworden '. Die Person 
des Zöglings wurde in den Vordergrund gerückt, und die Bildung 
des Einzelnen war Selbstzweck und wurde nicht mehr bloss um des 
Staates wegen oder der Nation wiUen erstrebt. 

Gegen die zum Extrem gewordene Sozialtendenz war diese neue 
Richtung die natürliche Reaktion, wie ja extreme Einseitigkeit immer 
den heftigsten Widerstand der Unterdrückten zur Folge hat. Die 
Reformation hatte es bloss mit der Aufklärung auf religiösem Ge- 
biet zu tun, zur Befreiung des Individuums. Doch diese Didaktiker 
versuchen die Befreiung auf allen Gebieten, oft unter Hintansetzung 
jeglicher historischer Bedingtheit des Zöglings*. So haben sie den 

* Dessoir, G^chichte der neueren deutschen Psychologie. 
' Scherer, a. a. 0., S. 566. 

' Eissmann, Individualismus und Sozialismus. 

* Schon hier setzt der Streit darüber ein, ob die einzelnen Didaktiker 
Sozial- oder Indiyidualpädagogen seien, wie es besonders um Diesterweg heute 

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ursprünglichen Ausgangspunkt von der allgemeinen Kulturentwick- 
iung vielfach verloren. Comenius und Locke dürfen hier als die be- 
deutendsten Vorläufer genannt werden für die herrschende Individual- 
pädagogik des 18. Jahrhunderts. Dieser Befreiungskampf der Geister 
ragt aber weit über diese Zeit hinaus ins 19. Jahrhundert hinein, 
an dem so die grössten Geister von dem Humanismus und der Re- 
formation an bis Kant und Goethe gearbeitet haben ^ Auf allen 
Gebieten sollte das Ueberlieferte, das historisch Gewordene ersetzt 
werden durch das Vernünftige und Natürliche. In Staat und Gesell- 
schaft, in Philosophie und Wissenschaft, in Kirche und Schule sollte 
alles Vernunft- und naturgemäss gestaltet werden. Daraus sind die 
Zeitströmungen des Rationalismus und Naturalismus entstanden, die 
auf pädagogischem Gebiet in konsequenter Weise den Individualismus 
nach sich zogen*, dessen ethische Spitze im Eudämonismus und Utili- 
tarismus endigte. Die Kirchen pädagogik sollte mit einem Schlage 
ersetzt werden durch eine philantropische Erziehung. Mit dem Phi- 
lantropismus ist der Weg gebahnt worden, wenn wir von Montaigne 
und dem schon genannten Locke absehen, hauptsächlich von J. J. 
Rousseau. Mit radikaler Schärfe suchte Rousseau auf allen Gebieten 
nachzuweisen, dass das Individuum das Primäre, die Gemeinschaft 
das Sekundäre, aus dem freien Willen Einzelner entstanden sei. Das 
führte ihn zu seinem „Contrat social", dessen Ideen Rousseau auf 
alle Verhältnisse zu übertragen wagte. Mit hinreissender Beredtsam- 
keit wird der Urzustand des alleinstehenden Individuums als der 
höhere bezeichnet gegenüber dem Kulturzustand der Vereinigung der 
Individuen. Neben der Forderung: „Zurück zur Natur '^ ist es in 
seiner Pädagogik hauptsächlich der Gedanke der Einzelerziehung 
(Hofmeister-Erziehung), den er mit Energie vertritt und durch den 
er auf sein ganzes Zeitalter und darüber hinaus eingewirkt hat. Auf 
dieser Weltanschauung des Individualismus hat sich dann die Päda- 
gogik der Philantropen aufgebaut. Sie wollten das praktisch aus- 
führen, was die Philosophen (von Bacon und Rousseau bis Lessing und 



g^eschieht, den die einen (Bissmann und Bergemann) einen Individaalpädagogen, 
die anderen (Nitschke und Mende, Schmidtel) einen Sozialpädagogen nennen 
(siehe Scherer, Pädagogischer Jahresbericht 1898, S. 9). Eine innere Berechti- 
gung ist diesem einseitigen Entweder — Oder kaum zuzusprechen, wie schon 
einleitend bemerkt ist und noch ausführlicher dargelegt wird. 

* Bergemann, Aphorismen, Seite 18. 

' Scherer, a. a. 0., Seite 566 ff. 

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— 8 — 

Leibniz) des 18. Jahrhunderts als Erziehungsaufgabe gestellt hatten, 
die Menschen zur Glückseligkeit zu führen, zur Philantropie. (Darin 
gipfelte für diese Philantropisten [Basedow, Rochow, Trapp, Bahrdt u. a.] 
das Zeitalter der Aufklärung.) Wenn wir auch zugeben müssen, dass 
diese Lehren vielfach Keime zu einer wahren Yolkserziehung ent- 
halten, so konnte die Arbeit der Aufklärungszeit auf den Grebieten 
der Philosophie und Pädagogik keine ausreichende sein. Vor allem 
lag in ihrer Moral die Gefahr, ganz in den Egoismus einzumünden. 
Hier setzte Kants Idealismus ein gegen den hergebrachten Realismus, 
(lieber Kants Pädagogik siehe Vogt, Kants Pädagogik in Reins En- 
cyklopädie, Bd. IV, S. 1.) Das blieb nicht ohne Einwirkung auf das 
pädagogische Gebiet. Der Grundgedanke aller pädagogischen Schriften 
jener Tage ist der Sittlichkeitsgedanke Kants ^ Damit war der ein- 
seitige Individualismus der Auf klärungszeit schon erschüttert. Voll- 
ends in andere Bahnen gelenkt wurde er für die Pädagogik erst mit 
Pestalozzi und der Pestalozzischen Pädagogik. Dennoch ist die In- 
dividualpädagogik, wie der Individualismus überhaupt, noch in das 
19. Jahrhundert mithineingenommen worden. Herhart kann mit Recht 
als extremer Vertreter der Individualpädagogik gelten, ebenso wie 
man die Philosophen Max Stimer und Nietzsche als Individualisten 
bezeichnet, die in ihren Anschauungen dem Anarchismus sehr nahe 
kommen, als Rückschlag gegen die extremen sozialistischen Theorien 
unserer Tage* und wohl als letzte Ausläufer in der individualisti- 
schen Entwicklungsreihe'. Aber gegen diesen Individualismus, der 
nur den Menschen als solchen in seiner Eigenart entwickeln will und 
sich nur vom Interesse für ihn leiten lässt^, hatten sich bereits in 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Männer von Bedeutung ge- 
wendet und gegen die Einseitigkeit dieser Richtung angekämpft. Von 
Adam Smith, Hume und den französischen Sozialpädagogen ^ führt 
die Umwälzung zum Universalismus neben Kant hauptsächlich zu 
Fichte, Schleiermacher und Hegel. Gerade zu der Zeit, als von Locke 
und Rousseau die Einzelerziehung am nachdrücklichsten betont worden, 
erhoben sich Stimmen für die öffentliche Erziehung, wenigstens der 

* Bissmann, Individaalismns und Sozialismas. S. 11. 
^ Bergemann, Aphorismen. S. 17. 

' Ziegler, Geistige and soziale Strömangen des 19. Jahrhonderts. Seite 
580-608. 

^ G. Müller, Individaal- and Sozialpädagogik. 

^ Edelheim, Beiträge zar (beschichte der Sozialpädagogik. 

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— 9 — 

niedereu Gesellschaftsklassen. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts 
und am Anfang des vorigen Jahrhunderts ist diese Doppelströmung 
der Individual- und Sozialpädagogik deutlich hervorgetreten, ohne 
dass es über beide zu einer klaren AuseiDandei-setzung gekommen 
wäre. Es lag das *an der allgemeinen Zeituuruhe, die, mit der fran- 
zösischen Revolution beginnend, alle Verhältnisse in Gärung versetzt 
hat. Wie Kant sich bemühte, in den entgegengesetzten Strömungen 
der überlieferten Philosophie in scharf kritischer Weise zu vermit- 
teln, so prägt sich auch in den daraus herzuleitenden pädagogischen 
Ideen jene Doppelseitigkeit aus. Es dürfte gerade bei den Philo- 
sophen unter den Pädagogen oder den Pädagogen unter den Philo- 
sophen jener Zeit schwer fallen, eine einseitige Richtung durchaus 
nachzuweisen. Wenn auch Kant in der Hauptsache, wie die Auf- 
klärungspädagogen im allgemeinen, Individualpädagoge ist, so neigt 
doch sein Prinzip der sittlichen Vollkommenheit, die ein allgemein' 
menscMiches ist, zur Sozialpädagogik hin, welche die Menschheit oder 
doch die Nation als soziales Ganzes ins Auge fasst'. Durch den 
politischen Druck jener Tage ist diese in der ganzen Zeitrichtung 
liegende Hinneigung zur Sozialtendenz noch verstärkt worden, üntei- 
diesen Einflüssen sind Pestalozzis Anschauungen gereift, die anfangs 
in weit höherem Masse sozialpädagogisch erscheinen, während Pesta- 
lozzi in seinen späteren Schriften sich mehr und mehr der Individual- 
Pädagogik nähert. Sein Vorbild und seine Schriften haben auch in 
dieser mannigfachen Art Einfluss geübt auf die Philosophen und Päda- 
gogen bis auf unsere Tage.* So ist uns der Individualismus neben 
der Sozialpädagogik in Praxis und Theorie erhalten geblieben und 
damit auch die Unruhe in der ganzen pädagogischen Zeitströmung, 
wie das schon einleitend betont worden ist. Wie Hegel am Anfang 
des 19. Jahrhunderts es gewesen ist, der den Univei*salismus in seiner 
Philosophie der Geschichte neu begründet hat, so ist es ein anderer 
Philosoph derselben Zeit, J. O. Fichte, welcher in seinen Reden über 
ndie Orundzüge des gegenwärtigen Zeitalters^ und in seinen „Beden 
an die deutsche Nation^ die sozialpädagogischen Ideen zum ersten 
Male bestimmter präzisierte, unter starkem Einfluss von Pestalozzi. 
Fichte hat den Versuch unternommen, den Intellektualismus und 



* Scherer, a. a. 0. 

' L. Stein, Pestalozzi als Völkererzieher (Der Sinn des Daseins, S. 802 
bis 885) und Chr. Rothenberger, Pestalozzi als Philosoph (Bemer Studien 
zur Philosophie und ihrer Geschichte, Bd. XI, 1898, S. 64—85). 

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— 10 — 

Individualismus des 18. Jahrhunderts nicht mehr als ausschliessliche 
Grundlage der Pädagogik zu betrachten, sondern aus der Ideenrich- 
tung des 19. Jahrhunderts sie vom sozialen und geschichtlichen 
Standpunkt aus neu zu begründen K Daneben ist es noch der Staats- 
rechtslehrer Lorenz v. Stein, der in seiner „ Verwaltungslehre"' das 
Bildungswesen von diesem Gesichtspunkt aus behandelt. Von diesen 
Männern aus hat sich dann eine mächtige Bewegung angebahnt, die 
unter dem Namen Sozialpädagogik sich ebenbtürtig neben die Indivi- 
dualpädagogik gestellt hat. 



Hochegger, Individnal- und Sozialpädagogik. Seite 7. 



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II. Teil. 



Diese geschichtliche Betrachtung zeigt uns das mit Sicherheit, 
dass die einseitige Betonung der Individualpädagogik oder Sozial- 
pädagogik in keinem Zeitalter der Lebensgesetzmässigkeit entsprechen 
konnte. Die geschichtlichen Tatsachen allein beweisen, dass es un- 
möglich ist, eine Richtung durch die andere in ausschliesslicher 
Weise ersetzen zu wollen. Es zeigt sich ganz deutlich, dass beide 
in systematische Verbindung und Ergänzung zubringen sind, damit 
der Einzelne und die Gemeinschaft Sinn und Bedeutung erlangen. 
Am klarsten .wird uns das, wenn wir das Problem der Individual- 
pädagogik und Sozialpädagogik bestimmt zu formulieren suchen. 

Beide Richtungen sind herausgewachsen aus den historischen 
Gegensätzen des Individualismus und Sozialismus. Deutlich zeigt 
sich uns das mit dem Beginn der Neuzeit in Deutschland, Durch 
den liberalistischen und wirtschaftlichen Indi\üdualismus ist die In- 
dividualpädagogik zu scharfer Ausprägung gelangt. Besonders waren 
es die Vertreter des Neuhumanismus, die sich die humane und 
ästhetische Bildung der Einzelpersönlichkeit zum Ziel setzten. Nur 
durch die Ausbildung der Individuen kann das Menschengeschlecht 
auf eine höhere Stufe der Kultur gebracht werden. Das Individuum 
als Einzelner wurde als höchster Typus hingesteUt. Alles kommt 
darauf an, den Wert der Einzelpersönlichkeit zu erhöhen. Je gründ- 
licher der Einzelmensch ausgerüstet ist mit Wissen, je mehr die 
Einzelindividuen befähigt sind, an der Kulturarbeit teilzunehmen^ 
um so grösser ist die Kraft der Vereinigung, der Gesellschaft solcher 
Einzelpersönlichkeiten. Daraus ist für die Pädagogik die Forderung 
entstanden: harmonische Ausbildung aller Kräfte. Nachdem der 
Individualismus mit Recht lehrt, dass dem Einzelnen ein absoluter 
Wert zukommt, entsteht für die Individualpädagogik die Frage : Wie 
sind Unterricht und Erziehung zu gestalten, damit der Einzelne 

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— 12 — 

berähigt wird mitzuarbeiten an der Kulturarbeit der Menschheit? 
Wie kann dafür Sorge geti'agen werden, dass an Körper und Geist 
gesunde Individuen heranwachsen? Die Aufgaben, die sich die In- 
dividualpädagogik damit stellt, erfordern eine gründliche Analyse der 
Individualität nach ihren Anlagen und den von aussen kommenden 
Anregungen zur Entwicklung. Dazu bedarf sie vor allem der Psy- 
chologie.^ Im weiteren muss sich dann die Individualpädagogik mit 
den speziellen pädagogischen Problemen befassen. Im Geiste einer 
solchen Pädagogik ist der Lehrer Büdner des Kindes und massgebend 
ist das Verhältnis von Zögling mtd Erzieher. Die Schule ist die 
äussere Veranstaltung zum Zwecke der Erziehung und der Belehrung 
des Kindes. Als Ziel der Erziehung werden persönliche Ideale auf- 
gestellt: persönlich- tüchtige und sittliche Persönlichkeiten sollen 
herangebildet werden. Der Individualpädagogik bleibt nach wie vor 
das Gebiet der eigentlichen Schulerziehuog. Sie hat die systematische 
Erziehung der Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren zu übernehmen. 
Die Individualpädagogik ist in diesem Sinne die eigentliche Elementar- 
pädagogik.' Ihre mächtigste Stütze soll sie an der Familienerziehung 
finden. Diese beiden Faktoren sollen besonders zusammenwirken in 
der Gemüts- und Charakterbildung. Das Schwergewicht der Schule 
liegt auf dem Gebiete des Unterrichtes. Und was auf diesem Ge- 
biete gelehrt wird, muss in vollem Einklang stehen mit der herr- 
schenden Wissenschaft. Im Sinne Pestalozzis soll sieh die Elementar- 
pädagogik auf Anschauung und Erfahrung stützen und sich insbesondere 
die Ergebnisse der experimentellen Methode zu eigen machen, die 
von hervorragenden Psychologen und Pädagogen der Gegenwart ge- 
pflegt wird und der Erziehungswissenschaft eine sichere Basis gewährt. 
Mit dem Erwachen des sozialen Bewusstseins im 19. Jahrhundert 
ist eine neue Wissenschaft zur Reife gelangt, die sich den philoso- 
phischen Disziplinen zur Seite gestellt hat, die Soziologie. Ihre 
Probleme beschäftigen sich mit der Lösung der Frage:* „Unter 
welche Bedingungen soll das Zusammenleben und Zusammenwirken 
wirtschaftlich und kulturell vorgeschrittener Individuen und sozialer 
Gruppen gestellt werden, damit die zu schaffende gesellschaftliche 
Organisation sich in einem alle Glieder dieser Gesellschaft möglichst 



' Diese benatzt alle Momente der natürlichen Entwicklang wie die Körper- 
pflege die natürlichen Gesetze der physischen. 

' Ladwig Stein, Die soziale Frage im Lichte der Philosophie, 1904, Stattgart. 
(Encke.) S. 13 u. S. 544. 

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— 13 — 

zufriedenstellenden Gleichgewicht befinde?^ Die Soziologie zeigt uns, 
dass wir Menschen in unserem Zusammenleben kein blosses Aggregat 
oder räumliches Nebeneinander darstellen, wie etwa ein Polypen- 
stamm, sondern dass wir im ständigen Wechselverhältnis zu einander 
stehen und infolgedessen unsere wechselseitigen Beziehungen nadi 
unserer jeweiligen Einsicht regeln können. Femer tut sie dar, dass 
bei allen bildungsfähigen Stämmen des Erdenrundes in einer be- 
stimmten Regelmässigkeit aus den kleinsten Gruppen der Individuen 
sich grosse Verbände entwickelt haben, und sie wirft die Frage auf:* 
fflst der Sinn der Menschheitsentwicklung die Einzelpersönlichkeit 
oder die Gesamtpersönlichkeit ?^ Sie bezeichnet uns den modernen 
Staat als das Organisierungssystem, in dem das Individuum und die 
Gattung und Gesellschaft einen Interessenausgleich finden. „Er ist 
gegenober dem Individuum und der Gesellschaft ein festes System 
von Ueber- und Unterordnung." Aus dieser Soziologie erwachsen 
nun auch der Pädagogik neue Aufgaben. Auf Grund des sozialen 
Bewusstseins und des daraus resultierenden sozialen Gewissens fordert 
unsere Zeit eine allgemeine, allen zuteil werdende Erziehung. Nicht 
bloss die Kinder bis zum 14. Lebensjahre sollen erzogen werden und 
Unterricht erhalten, sondern auch die Heranwachsenden und Er- 
wachsenen in ihrer Gesamtheit. Wir nennen die Gesamtheit der 
Erziehung der Grossen Sozialpädagogik. Für die Sozialpädagogik 
ist der Lehrer der Vertreter der älteren Oeneraüon, des Qesamt- 
wiUens. Massgebend für diese Pädagogik ist die Wertschätzung, 
welche eine Zeitströmung, eine Generation dem Bildungsstreben ent- 
gegenbringt. Für die Sozialpädagogik gilt das Verhältnis der Schule 
zum StacUe. Die Schule soll eine Eulturanstalt sein, die dem ganzen 
Volke allgemeine Bildung, Kunst und Wissenschaft, als ein nationales 
Kulturgut verbreiten soll.' In ihrer praktischen Organisation stützt 
sich die Sozialpädagogik auf die Elemente der Individualpädagogik 
sowohl hinsichtlich der Erziehung, als auch des Unterrichtes. Jeder 
Staatsbürger erhalte neben seiner eigentlichen Berufsbildung eine 
systematische Einführung und Belehrung über alle sozialen Institu- 
tionen des Staates und die soziale Gesetzgebung. Femer sollen in 
aufsteigender Weise die Probleme der Natur- und Geisteswissen- 
schaften dargestellt werden. Die Ergebnisse der Einzelwissenschaften 
sollen vereinigt werden zu einer einheitlichen sozial-philosophischen 

' Siehe obige Anmerkung. 

' Begener, Allgemeine ünterrichtslehre, S. 8« 

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— 14 — 

Weltanschauung. Welche Schulsysteme für diese Unterrichtsstoffe, 
die in ihren GrundzQgen hier angedeutet sind, zweckmässig zu ge- 
stalten wären, hat uns vor allem England gezeigt, wo man das Re- 
formwerk für Erwachsene in Angriff genommen hat: „University 
Extension" ist dort das Losungswort, das auch für uns massgebend 
sein muss. Es sollen also nicht bloss Fachschulen für die einzelnen 
Berufsarten ins Leben treten, sondern neben ihnen auch allgemein- 
wissenschaftliche Kurse, die sich dem Alter und den Verhältnissen 
der Besucher stufenweise anzupassen haben. 

Nachdem wir den vorläufigen Versuch gemacht haben, das 
Problem der Individual- und Sozialpädagogik begrifflich zu formulieren 
und in kurzen Andeutungen ihre praktische Durchführbarkeit zu 
zeigen, kehren wir zur geschichtlichen Betrachtung zurück zum 
eigenüichen Zeitalter der Sozialpädagogen, 

Sozialpädagogische Anklänge finden sich, wie schon erwähnt, 
seit dem Ende des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts. 
Herder versuchte schon beiden Richtungen gerecht zu werden, indem 
er den Einzelnen als Glied des Volkes betrachtet und ihm eine 
Bildung zuweist, die in Uebereinstimmung steht mit dem geschichtlich 
erwachsenen Volksleben. Herder nennt das Individuum einen „Modus 
des Volksgeistes", das infolgedessen für das soziale Gebiet erzogen 
werden muss. Hier ist noch besonders Schleiermachers zu gedenken. 
In seiner „Lehre von der Volksschule" hat er die politischen, so- 
zialen und nationalen Fragen zusammenhängend behandelt. Schleier- 
macher fordert von der Volksschule eine auf das Leben und seine 
Anforderungen Rücksicht nehmende allgemeine Bildung. Besonders 
hat er nach der ethischen Seite neue Bahnen eingeschlagen, indem 
er die pädagogische Tätigkeit in Verbindung brachte mit den sitt- 
lichen Gemeinschaften des sozialen Lebens. Die Erziehung soll ver- 
bünden werden mit den Aufgaben der Sitte, des Staates, der Kirche, 
und die Bildung mit dem geistigen Leben der Nation. Einen ähnlichen 
Standpunkt vertreten auch Ghrasser und Mager als Anhänger Hegels. 
Mager zeigte besonders hinsichtlich des Schulregimentes, dass die 
Gesellschaft der Boden der öffentlichen Schulen sei. („Bruchstücke 
aus einer deutschen Scholastik.") Auch Harnisch und Heinsim ver- 
dienen Erwähnung als Pädagogen, die „als die preussischen Pesta- 
lozzianer", die Individualpädagogik durch die Sozialpädagogik zu 
ergänzen bemüht waren, um dadurch die ganze Richtung der Er- 
ziehung zu erweitern. 

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— 15 — 

So waren für die Folgezeit fruchtbare Ansätze zur Weiterbildung 
der Sozialpädagogik geschaffen. Doch ist diese zunächst mehr in 
der Praxis versucht worden, während die Theorie noch vielfach in 
der Individualpädagogik wurzelte. Das gilt insbesondere vom Neu- 
Pestalozzianismus Diesterwegs und seiner Anhänger, wie Becker, 
Wurst, Grassmann, Völter u. s. w. Das berechtigt aber keineswegs 
dazu, Diesterweg atisschliesslicJi als Individualpädagogen zu bezeich- 
nen. Für seine theoretischen Anschauungen mag das schon eher 
gelten, nicht für seine Schulpraxis. „Lebe im Ganzen!^ war sein 
markanter Wahlspruch (Rebhuhn, Diesterweg und die soziale Frage. 
Deutsche Schule 1900, Seite 521.) So ist es schon oft gewesen, 
dass Theorie und Praxis nicht immer im gleichen Schritt sich be- 
w^en. Mit grösserer Berechtigung kann man Herbart als extremen 
Individualpädagogen bezeichnen; wenn auch er schon da und dort 
in eine soziale Betrachtungsweise hinüberzugleiten scheint, ist er 
doch Individualpädagoge geblieben und. ist über den Aufklärungs- 
individualismus nie hinausgekommen. Das ist schon eher seinen 
Schülern Lazarus und Steinthal in ihrer Völkerpsychologie gelungen. 
Wenn auch neuerdings der Versuch unternommen worden ist, bei 
allen Vertretern der Herbartschen Schule bis auf Bein sozialpäda- 
gogische Tendenzen nachzuweisen, so dürfte das deutlich betont 
und hervorragend nur für Wiümann und Dörpfeld und Trüper 
seine Richtigkeit haben. In unserer jüngsten Zeit treten noch andere 
Vertreter der Sozialpädagogik hervor, die von ganz anderen Amctiaur 
imgen und Grundlagen ausgehen und mit verschiedenen Mitteln ein 
anderes Ziel zu erreichen suchen. Wir können geradezu von sozial'' 
pädagogischen Strömungen sprechen, die einen glänzenden Beweis 
dafür liefern, wie tief schon diese Tendenz in die Theorie und Praxis 
eingedrungen ist.^ 

Trotzdem die pädagogische Theorie seit dem Anfang des 19. Jahr- 
hunderts bis in unsere Zeit herein vom Pestalozzianismus und Her- 
bartianismus und so individualistisch beherrscht war, hat sich gerade, 



' Wir dürfen aber dabei nicht übersehen, dass die einzelnen Strömungen 
mit ihrem Begriffe der Sozialpädagogik nicht dasselbe meinen. Es wird sich 
vielmehr zeigen, dass das Wort ^^SoziaP in seiner Verbindong mit ;,Pädagogik'' 
in yerschiedenen Grundbedeutungen aufgefasst wird. Wir werden sehen, dass 
auch der Begriff „Sozialpädagogik'' noch nicht völlig geklärt ist und damit 
ein gleiches Schicksal erleidet wie die übrigen mannigfachen Anwendungen des 
Begriffes „Sozial^. 

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— 16 — 

wohl unter dem mächtigen Einflüsse des wirtschaftlich - industriellen 
Aufschwunges, der sich auch bereits in der materialistischen Gre- 
schichtsauffassung geltend machte, von der Herbartschen Schule aus 
eine sozialpädagogische Strömung angebahnt, in den schon erwähnten 
Vertretern, die sich aber immer innerhalb des Herbartianismus eine 
selbständige Haltung bewahrt haben. Als Ausgangspunkt wird die 
Ethik benutzt, als deren Ausläufer auch die übrigen sozialpädago- 
gischen Strömungen angesehen werden können. 

A. Seitdem wir von Trüper die lichtvolle Arbeit über F. W. Dörp- 
felds soziale Erziehung in Theorie und Praxis besitzen, erkennen 
wir in geschlossener Totalität diesen rheinischen Schulmann auch in 
seiner vollen Wirksamkeit in der Richtung der sozialen Seite der 
Erziehung. „Er verstand es, unserem Volke ins Herz zu schauen 
und ihm nach allen Seiten des sozialen oder Gemeinschaftslebens 
hin von Utopistischem freie Ideale vorzuzeichnen, die noch für lange 
Zeit vorbildlich bleiben werden und auch trotz allen sozialen Den* 
kens und Forschens in den letzten drei Jahrzehnten in vielen Punk- 
ten nicht überholt worden sind." An der Hand dieser Arbeit und 
den Hauptschriften Dörpfelds soll sich die Betrachtung über ihn 
bewegen. 

Dörpfeld geht sehr scharf zu Gericht mit den Mängeln der 
Herbartschen Richtung, der er doch selber angehörte und betont 
vor allem, dass sie nicht imstande gewesen sei, sich über den her- 
gebrachten Individualismus zu erheben. Als Aufgabe jeder wahren 
Pädagogik bezeichnet er die Berücksichtigung des individuellen und 
sozialen Prinzips. Von dieser Doppelseite aus seien die pädago- 
gischen Frs^en zu behandeln. Es ist zweifellos, dass Dörpfeld mit 
seiner Kritik des Herbartschen Systems nach dieser Richtung voll- 
ständig im Rechte war, besonders wenn wir an Zillers ausserordent- 
lich einseitigen Individualismus denken. Es gilt das, wie schon 
erwähnt, auch noch für den grössten Teil der heutigen Schule Her- 
barts. Lange hat Dörpfeld allein für diese Ideen gekämpft, ohne 
in den eigenen Reihen Unterstützung zu finden, dafür aber von 
theologischer Seite umsomehr Anfeindung, gerade um seiner sozial- 
ethischen Ideen willen. Dörpfeld hat gezeigt, dass gerade auf dem 
Boden der Ethik Herbarts, die auf Piaton zurückgreift, die Entwick- 
lung zur Vereinigung der individualen und sozialen Aufgabe der 
Erziehung möglich ist. Das ist zwar auch schon vor ihm von Mager 
versucht worden. Es bleibt aber Dörpfelds Verdienst, diese Idee in 

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— 17 — 

Theorie und Praxis versucht zu haben. Diesen Ausgangspunkt für 
die Aufgabe der Pädagogik in dieser Doppelerscheinung teilt Dörp- 
feld auch mit Sozialpädagogen aus anderen Lagern. Mehr oder 
weniger ist die Ethik (und die ethischen Strömungen) die Trägerin 
dieser Bewegungen. Auch in Bezug auf die Au;fgabe, das Zid dürfte 
Dörpfeld viel Gemeinsames haben mit anderen Sezialpädagogen: Er 
bleibt nicht stehen bei einer Schulpädagogik, sondern er richtet 
seine Blicke auch auf die Erwachsenen; mit Recht nennt deshalb 
Trüper diese Pädagogik eine „Anthropädagogik". Zu ihr rechnet 
Dörpfeld die Erziehung in Schule und Haus, die Erziehung durch 
die Kirche und den Staat und alle sozialen Gemeinschaften. Des- 
halb betont auch Natorp,* dass Dörpfeld sich nicht in der letzten 
Idee unterscheidet, wohl aber in der Ausfuhrung dieser Idee, nicht 
in der allgemeinen Fragestellung, wohl aber in der Beantwortung 
vieler besonderer Fragen, die unter Voraussetzung der allgemeinen 
Frage der sozialen Pädagogik zu stellen, vielmehr durch die Tat- 
sachen selbst gestellt sind. Die soziale Seite des Unterriciüs und 
der Schüer Ziehung^ ist von Dörpfeld damit scharf charakterisiert, 
dass er den Lehrstoff nicht bloss als Baumaterial für die Bildung 
des Charakters, sondern auch als soziales Gut betrachtet, das die 
Schule dem Nachwuchs zu vererben hat. Die formale Bildung kann 
nach Dörpfeld am besten erworben werden an praktischen, zum Leben 
in innigster Beziehung stehenden Stoffen. Die Stoffauswahl soU 
daher erfolgen nach den Bedürfnissen der sozialen Gemeinschaften. 
Mit Besonnenheit und Klarheit tritt Dörpfeld für die Familie ein 
als einer erhabenen sozialen Erziehungsgemeinschaft. Für Döi-pfeld 
ist die Familie der Urorganismus jedes gesunden Volks- und Staats- 
lebens. ;,Es fliesset aus der Familie alle gute Sitte und gut Regi- 
ment, Denn wo in Häusern Gehorsam nicht gehalten wird, wird 
man es nimmerhin dahin bringen, dass eine ganze Stadt, Land, 
Fürstentum oder Königreich wohl regieret werde. Denn in dem 
Hause ist das erste Regiment, davon alle anderen Regimenter und 
Herrschaften ihren Ursprung haben. Wo nun die Wurzel nicht gut 
ist, da kann weder Stamm noch gute Frucht folgen."' Die Familie 

* Natorp, F. W. Dörpfelds soziale Erziehung, Deutsche Schule 1902. 
Seite 84. 

' Zur allgemeinen Didaktik, Bd. II. Realunterricht, Bd. IV. Sozial- 
pädagogisches und Vennischtes, Bd. X. 

' Katechismus fttr Väter und Mtttter. Ges. Sehr. Bd. X, 1, Seite 5. 



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— 18 — 

ist die jjNornuUef'ziehungsanstcdt^ nach welchem Muster aüe Anstalten 
und Schulen, die auf wahre allgemeine Bildung berufen sind, mög- 
lichst, d. h. so weit ihre besonderen Zwecke es zulassen, sich ricJUen 
sollen,^ So erstrebte Dörpfeld auch eine enge Beziehung von Schule 
und Haus in seinen ^Elternabenden^, die der Sache nach, wenn 
auch' nicht im Namen, von ihm begründet worden sind. Die Familien 
sollen sich vereinigen zu einer „Erziehungsgemeinschaft" — zur 
Ortsschulgemeinde, die Dörpfeld in ihrer sozialerziehlichen Bedeu- 
tung der Familie gleich hoch einschätzt. Solchen Verbänden von 
Familien legt er die Schulerziehung und die Sitteiiaufsicht über die 
Schuljugend auch ausserhalb der Schule auf. Die Organisation 
solcher Schulgemeinden soll auf dem Prinzip der Selbstverwaltung 
beruhen und bildet für ihn die Kernfrage der Sozialpädagogik.^ 

Wenn auch Dörpfeld die Schule in erster Linie zur Familie 
gerückt hat, so soU doch die Kirche in religiös-sozialem Sinne Ein- 
fluss ausüben auf die Schule. Diese muss dadurch konfessionell 
begründet sein, ohne etwa kirchlich dogmatisch zu werden und unter 
geistlicher Schulaufsicht zu stehen.^ 

Wie er in diesen Fragen selbständig seine Meinung vertrat, so 
hat er das auch in nationalen Fragen getan, namentlich hat er das 
Verhältnis von Schule und Staat und Volksleben in seiner Weise 
gekennzeichnet. Er war ein Feind der reinen Staatsschule. Der 
Staat soll nur das Wächteramt ausüben. Die Schule soU nicht nur 
für den Staat erziehen, sie umfasst mehr als das national Staatliche, 
nämlich alle Kulturgüter. Seine Teilnahme an der Sozialpolitik und 
der sogenannten sozialen Frage ist nach alledem überaus verständlich. 
Wie er alle Schulfragen in Theorie und Praxis unter dem Gesichts- 
punkt ihrer Anwendung aufs Leben betrachtete, so hat er auch 
direkt in die Fragen des praktischen Lebens eingegriffen ganz unter 
dem Einflüsse seiner sozial-ethischen, -psychologischen und -pädago- 
gischen Anschauungen. 

Sein Leben, seine Schultätigkeit, seine zahlreichen Schriften* 



» Freie Schulgemeinde. Ges. Sehr. Bd. VIII, 1, S. 12 flf. 

' Das Fundament stück einer gerechten, gesunden, freien und friedlichen 
Schulverfassung. Ges. Sehr. Bd. VIII, 8 Teile. 

^ Leidensgeschichte der Volksschule. 

^ Wir verweisen zu eingehenderem Studium auf die Gesammelten Schriften 
in gwölf Bänden^ hei C. Bertelsmann, Gütersloh; femer auf die schon erwähnten 
Arbeiten von Hindrichs, Camap und Trüper. 



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— 19 — 

sind durchaus erfüllt von sozialem Geiste. Und dennoch haben die 
Bestrebungen Dörpfelds nur geringe Erfolge erzielt, lieber die 
Ursachen spricht sich Dörpfeld selbst aus in einem Briefe an 
Dr. Finger.^ In scharf kritischer Weise beurteilt Natorp* manche 
Schwächen Dörpfelds und seines Systems. Dörpfeld war seiner 
ganzen Grundanschauung nach konservativ. Dadurch hat er sich 
das Verständnis des Sozialen in der Erziehung und des Pädago- 
gischen im Gemeindeleben selber verengt, bei aller Grosszügigkeit 
seines Denkens. So bekämpft er bis zur Erbitterung und Unge- 
rechtigkeit das Prinzip der Simultanschule. Sein IdeiJ der Schul- 
gemeinde widerspricht ganz der modernen Entwicklung der Gesell- 
schaft. Sein Prinzip, bis zur Verallgemeinerung durchgeführt, würde 
zu einem grenzenlosen Partikularismus führen. Dörpfeld hat zwar 
manch freieres Zugeständnis in diesen Fragen unter dem Druck der 
Verhältnisse gemacht, aber für seine Grundanschauungen ist das 
belanglos. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass er aus sozialen 
Gründen sich in seinen religiösen Anschauungen innerhalb seiner 
Sozialpädagogik bis zu dem Zugeständnis hindurchgerungen hat, den 
Religionsunterricht derart zu gestalten, um ihn auch denen zugäng- 
lich zu machen, die sich keinem der existierenden religiösen Bekennt- 
nisse anzuschliessen vermögen. Er verlangte also gewissermassen 
einen interkonfessiondlen simultanen Bdigionrnnterricht Für den 
objektiven Beobachter in dem fast unentwirrbaren Kampfe der Gegen- 
sätze auf dem Gebiete der Religion ergibt sich aber als einsäge Formel 
des Friedens zwischen Kirche und Staat in unserem Zeitalter des 
Ringens nach Geistesfreiheit die Forderung völliger Trennung von 
StacU und Kirclie. „Man gebe dem Kaiser^ was des Kaisers ist, dem 
Staate, was des Staates ist und überlasse die I^lege des Bdigiösen 
vollends den einzelnen Religionsgenossenschaften, Wenn es ihnen Ernst 
ist um Erhaltung ihres religiösen Prinzips, mögen sie allein die peku- 
niären Mittel hierzu aufbringen. Man möge nicht Andersdenkenden 
die Beitragspflicht zu Zwecken aufbürden, denen sie im Geist und 
Oewissen längst den Gehorsam gekündigt haben. Man baue den 
modernen Staat auf unter Wahrung des allgemeinen Moralgesetzes, 
in dessen Anerkennung sich wohl alle Staatsangehörigen, welchem 
sogenannten Glaubensbekenntnis sie auch angehören mögen, zusam- 



* Mitgeteilt von Trüper. 
' Siehe obige Anmerkung. 

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— 20 - 

men finden werden."^ Von alledem ist bei Dörpfeld keine Rede 
Sieht man vom Religiösen ab, so gebührt Dörpfeld Anerkennung 
für sein Ankämpfen gegen eine zu straffe Anziehung der staatlichen 
wie kommunalen Zentralgewalt „Selbstregierung in allen Kultur- 
angelegenheiten!'' ist sein unerschrockenes Losungswort, auch für 
das Schulwesen. Eine Verengung seines Gesichtskreises zeigt sich 
bei Dörpfeld auch darin, dass er unter Erziehungsgemeioschaften 
den Kindergarten kaum erwähnt. Und doch ist er in der Grossstadt 
unter dem Einfluss der wirtschaftlichen Verhältnisse, zu deren Aen- 
derung und Besserung noch viel, viel zu tun ist, vorerst gar nicht 
zu entbehren und es ist eine grosse Unterschätzung der Veinlienste 
Fröbels, wenn man die Kindergartenidee als unfruchtbar abtun will. 
Natorp nennt diese Voreingenommenheit Dörpfelds treffend einen 
Stimmungspartikularismus. Dieser zeigt sich auch darin, dass er 
die Schule bloss ein Nachbild der Familie nennt. Das hat seinen 
Grund in Dörpfelds Hinneigung zum Herbartschen „erziehenden 
Unterricht". Der Unterricht soll vielmehr der Uebergang zur bür- 
gerlichen Gemeinschaft sein, anders als die Familie, insbesondere 
kann die Hauptaufgabe der Schule nur in der Vermittlung von 
Kenntnissen bestehen, die sich aus den allgemeinen Kulturbedürf- 
nissen ergeben. Dann ist aber Dörpfelds Auffassung von der bür- 
gerlichen Gemeinschaft dementsprechend soziologisch nicht zutreffend. 
Diese ist mehr als ein mechanischer Apparat; sie baut sich gerade 
aus den engeren Gemeinschaften (Schulgemeinden u. dgl.) auf als 
„Zellen"* und ist so der organische Träger der Bewegungen des 
Kulturlebens. Auch seine Stellungnahme zu wirtschaftlichen Fragen 
ist beeinflusst von seinen allgemeinen konservativen Anschauungen, 
obwohl, es an freieren Regungen nicht fehlt, die an Pestalozzi und 
Owen erinnern. 

B. Es hat lange gedauert, bis er innerhalb seiner eigenen 
Schule nur zur Anerkennung gelangt ist. Erst 20 Jahre später ist 
durch ihn im entgegengesetzten konfessionellen Lager ein würdiger 
Mitkämpfer erstanden in dem Prager Professor für Philosophie und 
Pädagogik Otto WiUmann (geb. 1839). Willmann verdankt in seinen 
Anschauungen viel den Anregungen Magers, seines Lehrers Zilier 
und Dörpfelds, dessen sozialpädagogischen Standpunkt er historisch 

* M. Hirsch, Kultordefizit und J. Unold, Gmndlegong für eine moderne 
Lebensanschaanng. 

^ Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers, Bd. I. 

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- 21 - 

und soziologisch ia seineu beiden Hauptschriften: „Didciktik als 
BildtmgsleJire^ (2 Bände) und „Die soziale Auf gäbe der höheren 
Schtden^ (Vortrag, gehalten in der Gehestiftung in' Dresden) nicht 
nur ins Katholische, sondern, wie Natorp trefifend sagt, ins Ultra- 
montane übersetzt hat. Willmann verdankt seine (energische Betonung 
des soziologischen Gesichtspunktes in seiner Didaktik auch der An- 
regung durch den Staatsrechtslehrer Lorenz von Stein. Dieser hat in 
seiner „ Verwaltungslehre** (Bd. V) das Bildungswesen auch vom Stand- 
punkte des Staatsrechtslehrers als einen Teil der Verwaltungswissen- 
schaft bearbeitet und zwar in tieferer und umfassenderer Weise als 
es ältere Staatsrechtslehrer wie Pöllnitz, Aretin und Mohl getan 
haben. Stein behandelt das Bildungswesen nicht als Annex der 
Verwaltuogslehre und so als ein^ Erzeugnis des Staates, sondern er 
weist der Pädagogik ein eigenes Untersuchungsgebiet an, „die Grund- 
sätze aufzustellen, nach welchen die geistigen Güter dem Einzelnen 
durch die Mitarbeit anderer erworben werden".^ Die Verwaltungs- 
lehre behandelt die Gestalt und Ordnung der Bildungszweige, Organe 
und Anstalten, vermöge deren die Verwaltung die bildende Tätigkeit 
als eine Aufgabe der Gemeinschaft gegen sich selbst vollzieht. 
Dieser Ausgangspunkt ist es gewesen, der Willmann, obwohl inner- 
halb der Herbartschen Schule stehend wie Dörpfeld, dazu veranlasst 
hat, sich eine freiere Stellung zu bewähren gegenüber den abstrakten 
Formeln des „erziehenden Unterrichtes**, der „Charakterbildung**, 
„Harmonie der geistigen Kräfte" im hergebrachten Herbartianismus. 
Willmann hat ausser den bereits genannten Schriften auch in einer 
Abhandlung (im 31. Jahrgang des „Jahrbuchs für wissenschaftliche 
Pädagogik)** Stellung genommen zu dem Problemstreit von Individual- 
und Sozial Pädagogik. Willmanns pädagogische Anschauungen hängen 
natürlich enge zusammen mit seiner ganzen Weltanschauung und 
Philosophie. Durch seine „Geschichte des Idealismus** hat Willmann 
zur Genüge bewiesen, wie er mit Recht als Stütze des Klerikalismus 
gelten darf und betrachtet wird^, obwohl man das au» seinen frü- 
heren Schriften nie recht ersehen konnte. Und genau in demselben 
Masse gilt das von seiner Sozialpädagogik. Er steht ganz auf dem 
Boden der Kirchenlehre. Deshalb behandelt er in seiner „Didaktik** 
das kirchliche Bildungswesen mit grosser Schonung, während er über 

» Didaktik, Bd. I, a 8S— 85. 

' Paulsen, Deutsche Bundschan 1898, Nr. 21 und wieder abgedruckt in 
Panlsen, philosophia militans, Seite 1—28. 

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— 22 — 

die Aufklärung ganz so einseitig urteilt, wie es Dörpfeld in seiner 
Weise tut. Ueberhaupt haben alle diese Vertreter aus der Ziller- 
schen Schule das gemeinsam, dass sie, beeinflusst von der Ortho- 
doxie Zillers, ihre religiös-orthodoxe Richtung, die einen von der 
protestantisdien, die andern von der katholischen Seite, in die Pä- 
dagogik hineingetragen haben, in der rücksichtslosen Einseitigkeit. 
Nur so erklärt es sich, dass sich diese extrem-religiösen Richtungen 
zusammenfinden konnten in einer pädagogischen Schule'. 

Willmann bezeichnet als Aufgabe der Erziehung nicht nur die 
Herstellung einer bestimmten Verfassung des Individuums, des Zög- 
lings, durch ein zweites Individuum, den Erzieher, sondern dass 
auch die künftige Stellung des Zöglings im Leben und seine soziale 
Bestimmung dabei in Betracht komme. Als das soziale Ganze, für 
das der Zögling erzogen werden soll, betrachtet Willmann den Re- 
ligions- und Staatsverband. Gegen Hegel und Herbart wendet Will- 
mann ein, dass Hegel nur einseitig den Individualismus mit dem 
Sozialismus zu vereinigen suchte, und Herbart nur dem Individua- 
lismus huldigte. Das Altertum und das Mittelalter haben nach Will- 
mann den sozialen Gedanken in der Erziehung vielseitiger betont, 
wie in der Neuzeit Dörpfeld. An dessen System findet Willmann 
besonders rühmenswert, dass er die Kirche als den Verband erkannt 
hat, der dasjenige verbindet, was vom ethischen Kulturgehalt zur 
sittlichen Gesundheit des Volkslebens gehört und allem Sehnen und 
Streben die höchste, edelste Richtung gibt. Dieser kirchliche Ver- 
band ist für Willmann „der archimedische Punkt", welcher die 
Sozialforschung vor dem monistischen Wirbel bewahrt, der in der 
Staatsvergötterung endet ! Insbesondere wünscht Willmann auch die 
katholische Kirche heranzuziehen als Gegenstand des Studiums für 
die Sozialerziehung. Es ist klar, dass das Ziel dieser Art von Sozial- 
pädagogik in der Auslieferung der Schulen an die Kirche enden soll. 
In seiner teleologischen Analyse der Bildungszwecke und besonders 
der Bildungsarbeit legt Willmann zur Erreichung des Zieles den 



' So hat es anch neuerdings z. B. Bein nicht yerschmäht, wiederholt im 
Verein mit WiUmann gegen Männer von weiterem Blick, wie Natorp, anza- 
knüpfen, obwohl doch Willmann den protestantischen Standpunkt Beins ebenso 
scharf bekämpft in seiner nltramontanen Eampfesweise und Bein es verwunder- 
lich findet, dass sich in der Sozialpädagogik die verschiedenen Weltanschaaongen 
zusammenfinden; siehe Mitteilungen des Vereines der Freunde Herbartischer 
Pädagogik in Thüringen, 1901, Nr 19, Seite 16. 



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— 23 — 

sozial-ethischen Motiven besonderes Gewicht bei : ^Mit ganzer Kraft 
macht sich die soziiJ-ethische Tendenz geltend, wenn der Wert eines 
idealen Gutes mit einer gewissen Gewalt zum Bewusstsein kommt 
oder in dasselbe zurückgerufen wird. Als der Deutsche zu Anfang 
unseres Jahrhunderts „seines Volkstums Hehrheit ahnte^, drängte 
es alle, sich und andere mit dem neuen Geistesinhalt zu erfüllen; 
die Jugend verstand, dass sie für das Vaterland lernte, die Volks- 
schule wurde so gut wie die Hochschule zur Pflege der wiederge- 
fundenen nationalen Güter herangezogen, und diese erschienen nicht 
als Bildungsmittel, sondern als voltwichtige Bildungszwecke. ^ ^ „Die 
individual-ethische Auffassung muss zur sozial-ethischen und trans- 
zendenten weitergeführt werden."^ 

Als soziale Verbände für die Erzieliung bezeichnet Willmann 
zunächst das Haus, das zur Heimat, zum Volke, zum Vaterland er- 
weitert werden muss. Hinsichtlich des BüdungsinhdUes unterscheidet 
Willmann Zonen oder Ringe, welche sich wachsend um einen Mittel- 
punkt legen. Dieser Mittelpunkt ist der sittliche religiöse Zweck. 
Der nächste Ring ist dcu Gebiet des Bildungsinhaltes, welches das 
Gemüt bis zur Hingebung erwärmen kann und soll. Dazu rechnet 
Willmann die Religion und die heimat-vaterländischen Stoffe ander- 
seits. Um diesen engeren Ring legt sich der weitere herum, welcher 
sich aus den Bildungsinhalten zusammensetzt, die dem Geiste ideale 
Momente zuführen und zugleich in dem Gemüt die Teilnahme zu 
pflanzen vermögen. Ein dritter Ring umfasst jene Lebensgebiete, 
deren Ertrag zunächst dem Wissen und Können zugute kommt und 
das Gemüt nur vermittelter Weise erreicht. Darnach ergibt sich in 
den Unterrichtsstoffen die Reihenfolge: Religionsunterricht, Mutter- 
sprache, Geschichte, Weltkunde und Naturkunde, Sprachkunst und 
Tonkunst (Zusammenfassung in Philosophie)^. Diese Konzentration 
und Organisation hängt enge zusammen mit Herbarts Idee vom „er- 
ziehenden Unterricht", wenn auch Willmann sich dagegen zu ver- 
wahren sucht*. 

Als soziale Verbände und Träger des Büdungstveeens, als Be- 
ziefmngspunkte der Bildung, fordert Willmann Gleichstellung von Staat, 

> Didaktik, Bd. H, Seite 25. 
' Didaktik, Bd. n, Seite 86. 
• Didaktik,' Bd. ü, Seite 196 ff. 

^ Sic befriedigt psychologisch deshalb nicht, weil sie rein äasserlich gehalten 
ist. Nur der Stoff ist berttcksichtigt, nicht die Entwicklungsstufe des Kindes. 

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— 24 — 

Kirche «nd Schule. Natürlich soll auch die famüienhafte Bildung 
berücksichtigt werden. Doch nimmt Willmann in diesen Anschauungen 
einen konfessionellen Standpunkt ein, der ihn verhindert, ausser seinen 
Forderungen für die religiöse Bildung auch für die übrigen Bil- 
dungsgebiete recht sozialen Geist zu bekunden. Damit hängen auch, 
ganz ähnlich wie bei Dörpfeld, seine Forderungen hinsichtlich der 
organischen Gestaltung des Bildungswesens, der Schulkunde und der 
Bildungsarbeit im Ganzen, der menschlichen Lebensaufgaben zu- 
sammen, die alle gipfeln in scharfer Betonung konfessioneller Schulen 
und einer fast bis zur Karikatur gezeichneten Darstellung des mo- 
dernen Kulturbegriffes. 

C. An diese beiden Hauptvertreter der Sozialpädagogik des Her- 
bartianismus, Dörpfeld und Willmann, schliessen sich eine Reihe von 
bedeutenden Anhängern an. Vorzugsweise an Dörpfeld lehnt sich 
J. Trüper (Sophienhöhe bei Jena) an, der sich als Sozial pädagoge 
einen Namen gemacht hat durch seine Arbeiten: „Erziehung und 
Gesellschaft" (Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, 
22. Jahrg., 1890), „Die Familienrechte an der öffentlichen Erziehung" 
(1890), „Die Schule und die sozialen Fragen unserer Zeit" (3 Hefte 
1890), „F. W. Dörpfelds soziale Erziehung" (1901). Nach Trüper 
liegt die Sozialpädagogik an der Grenze der Pädagogik und ist zum 
Teil politischer und kirchenpolitischer Natur und greift so in das 
Gebiet* der Staatswissenschaft, der Rechtswissenschaft, der Sozial- 
wissenschaft hinüber; namentlich gilt ihm das von der Schulverfas- 
sungstheorie. Mit Recht betont Trüper, dass der politische Gesichts- 
punkt für sich allein nicht geeignet ist, das Verständnis des sozialen 
Charakters der Erziehung und Bildung zu erschliessen. „Denn Er- 
ziehung und Bildung haben es zu tun mit ethischen oder intellek- 
tuellen Gütern, welche der Staat nicht schafft, sondern nur schützt, 
bestenfalls regelt, fixiert und pflegt." Unterricht und Erziehung 
sollen zur Teilnahme am Gemeinschaftsleben befähigen. Nachdem 
nun noch Trüper all das „sozial" heisst, was sich auf die Gemein- 
schaft der Menschen bezieht, die durch die verschiedensten Zweige 
der Kultur miteinander verbunden und voneinander gegenseitig 
irgendwie abhängig sind, wird auch die Pädagogik zum gesellschaft- 
lichen Problem und ein Teil der sozialen Frage, insbesondere dann, 
wenn man die Gesellschaft nicht ausschliesslich als politisch-wirt- 
schaftliche auffasst. Aus dieser Beziehung von Erziehung und Unter- 
richt auf die Gesellschaft ergibt sich dann, dass die Schule stets 

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— 25 — 

geboren wird in ihren Tendenzen aus den jeweiligen Strömungen 
der Zeit heraus fürs Leben. „Nicht für die Schule, fürs Leben lernen 
wir." Der Massstab für die Beurteilung der Schulprobleme muss der 
Kulturstand der Gesellschaft sein. In seinen Untersuchungen über • 
den Begriff „Schule" und ihr Verhältnis zum sozialen Leben kommt 
Trüper zur Ueberzeugung, das« für unseren gegenwärtigen Kultur- 
stand die Individualerziehung unzulänglich sei. Er unterscheidet 
zwischen Allgemein- und Berufsbildung der Schule durch die Tendenz 
der verschiedenen Lehrfächer. Trotz aller Berücksichtigung der wirt- 
schaftlich-sozialen Fragen und der sozialen Schäden der Gegenwart 
in der Schule und der öffentlichen Erziehung will Trüper sozial- 
politische Fragen fernhalten von den Pforten der Schule. So bedeutet 
für Träper, ganz im Sinne Dörpfelds, die soziale Erziehung nicht 
ein Hinwegtäuschen über soziale Missstände und Schäden, auch nicht 
bloss eine Fürsorge für die wirtschaftlich Schwachen und Verwahr- 
losten und Entarteten, oder ein demagogisches Streben nach poli- 
tischer Herrschaft der Massen, sondern soziale Erziehung bede^t6t 
ihm Veredlung und Kräftigung des verschiedenartigen Gemeinschafts- 
lebens in unserem Volke und damit Veredlung des Volksganzen. 
An Trüper gegenüber Dörpfeld ist besonders hervorzuheben, dass er 
sich möglichst frei hält von Einseitigkeiten in der Uebertragung 
seiner Prinzipien in die Wirklichkeit. Durch seine Stellungnahme 
zum Religionsunterricht, zur Simultanschule, zur Schulverwaltungs- 
frage, zu wirtschaftlich-sozialen Fragen und ihre Anlehnung an Lehr- 
gegenstände der Sdiule weht ein echt volkswirtschaftlicher Geist, 
selbst wenn man nicht allen Punkten zustimmen kann.^ Aus ähn- 
lichen Gesichtspunkten leitet Dr. H. Lietz* die Notwendigkeit der 
Sozialpädagogik ab, aus dem Verhältnis von Individuum und Gesell- 
schaft, aus dem Kulturzustand unserer Zeit, besonders aus dem wirt- 
schaftlich-sozialen, dem sozialpolitischen, dem nationalen und dem 
religiös-kirchlichen Leben. So bestimmt Lietz die Aufgabe der Sozial- 
erziehung vom Standpunkte der Kultur und besonders von der Sozio- 
logie aus unter besonderem Hinweis auf H. Spencer und G. A, Lindner. 
Um eine solche Sozialerziehung zu erreichen, verlangt Lietz, dass 
alle Unterrichtsfächer vom sozialen Gesichtspunkte aus behandelt 

' Vor allem ist zu bemäügeln, dass er nur für das Individuam ein Bil- 
dimgsgesetz aufstellt, nicht auch für die Gemeinschaft 

* Dr. H. Lietz, Individuäl- und Sozialpädagogik. (Aus dem pädagogischen 
Üniversitäts-Seminar zu Jena. V. Heft, 1894, Seite 57—80.). 

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— 26 — 

werden sollen und im besonderen Belehrung über wirtschaftliche und 
politische Verhältnisse. Volkswirtschaft und Gesetzeskunde sollen in 
einem selbständigen Unterrichtsfache: Gesellschaftskunde, berück- 
sichtigt werden. So lehnt sich auch Lietz vielfoch an Dörpfeld an 
und an eine Reihe von Schulmännern, die vom rein praktischen 
Standpunkte aus solche Forderungen erhoben haben ^ Lietz spricht 
auch kurz über die Methode des Volkswirtschaftsunterrichtes aus 
dem sozialen Gesichtspunkt, ohne gerade viel neue Gedanken aufzu- 
stellen, die nicht schon grösstenteils bei Dörpfeld ausgesprochen 
wären. Selbst dieser volkswirtschaftliche Unterricht soll in die 
Zwangsjacke der Formalstufen gesteckt werden. Zustimmen kann 
man auch hier der Forderung, Parteipolitik fernzuhalten und bei 
allen Belehrungen den sazialethischen Massstab als Kriterium an- 
zulegen. 

Innerhalb der Schule Herbarts stehen auch noch zwei Vertreter 
der Soziälpädagogik, die sich hauptsächlich an Willmann anlehnen. 
Es sind das ViUanyi, der sich besonders bekannt gemacht hat durch 
seine Arbeit: „Die soziale und kulturelle Bildung als Aufgabe der 
Erziehung", und der als Grazer Hochschul -Professor verstorbene 
22. Hoctiegger, der „Ueber Individual- und Sozialpädagogik" geschrieben 
hat (Meyer, Pädagogische Zeit- und Streitfragen, Bd. IV, Heft 19). 
Aus der gegensätzlichen Ideenbewegung unseres Jahrhunderts gegen- 
über dem vorigen (19. Jahrhundert) ergibt sich für Hochegger auch 
für die Pädagogik die Notwendigkeit einer neuen Begründung, die 
nur erfolgen kann vom sozialen und geschichtlichen Standpunkt aus 
zur Erweiterung des individualen Gesichtspunktes. Keineswegs kann 
das Ziel der Erziehung darnach etwa eine Ausgleichung aller indhi- 
dueUen Eigenart sein, sondern gerade eine rechte Sozialpädagogik 
muss eine Herausarbeitung ganzer Persönlichkeiten mit aller Energie 
betonen. Aber das Individualisätsprinzip allein ist unzulänglich. Das 
beweist schon der Prozess der sozialen Lebensemeuerung, der über 
den Einzelnen hinausreicht. Die Erziehungsarbeit muss daher auch 
eine soziale sein. Diese Doppelseiti^keit teilt die Pädagogik mit allen 
Wissenschaften, die psychologische Vorgänge zergliedern. Hochegger 
redet dann besonders einer Staatspädagogik das Wort, d. h. der Staat 
soll nach seinen Bedürfnissen die Erziehung leiten. 



' Besonders 0. Fache, Mittenzwei, Patoschka, Kelle o. a., über die später 
noch gesprochen wird. 



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— 27 — 

Hochegger greift in seiner Staatsidee vielfach auf Piaton zurück. 
Doch soll der Staat nicht der einzige soziale Verband sein, der die 
Assimilation des heranwachsenden Geschlechtes beeinflusst. Auch 
die Kirche hat nach ihm ein historisches und soziales Anrecht auf 
die Jugendbildung. Dennoch geht Hochegger nicht so weit als Will- 
mann, die Stellung und Bedeutung der Kirche in der Gegenwart 
mit dem Mittelalter in eine Reihe zu setzen. Nachdem die Kirche 
die weltliche Wissenschaft dem Kulturstaate abgetreten hat, kann 
sie die volle Beeinflussung nicht mehr beanspruchen. Historische 
und soziale Faktoren, auch die Sitte haben die Erziehung zu be- 
einflussen. In praktische Einzelfragen des Untenichtes hat Hoch- 
egger weiter nicht eingegriffen. 

A. Der bedeutendste Theoretiker auf dem Gebiete der modernen 
Sozialpädagogik ist entschieden der Marburger Professor Paul Natorp 
(geb. 1854). Er gehört zur Richtung des Neu-Kantianismus, die 
seit den Tagen des Materialismusstreites das Losungswort aufgestellt 
hat: „Zurück auf Kant^ und so einzelne Probleme des Kantschen 
Systems zu neuem Leben erweckt hat. Namentlich bemüht sich der 
Neukantianismus, unsere Begriffie nach der erkenntnistheoretischwi 
Seite zu untersuchen. Ganz in dieser Richtung steht Natorp; doch 
geht er in seinen eigenen Meinungen mehrfach auf Sokrates und 
Piaton zurück, wie das besonders seine sehr verdienstvolle Arbeit: 
„Piatos Staat und die Idee' der Sozialpädagogik^ (1895) und eine 
Reihe anderer wertvoller Arbeiten im Gebiete der Geschichte der 
Philosophie zeigen. Indem in unserem Zeitalter die wissenschaft- 
lichen Theorien, nach dem Vorbilde der ganzen Zeitrichtung, von 
einer Sozialisierungstendenz getragen werden, in gewissem Sinne eine 
Parallelerscheinung des Platonischen Zeitalters, neigt sich Natorp 
neuerdings vielfach in seiner Philosophie einer Sozialphilosophie und 
sozialen Problemen überhaupt zu, und das führte ihn denn auch 
zur Sozialpädagogik im weitesten Sinne, und er hält in wirtschaft- 
lichen Fragen ungefähr die gleiche Tendenz ein, wie sie uns bei 
einem Juristen der Neukantianischen Schule, bei Rudolf Stammler 
(geb. 1856, Professor der Jurispimdenz in Halle) begegnet, auf den 
sich Natorp mehrfach bezieht. Stark beeinflusst sind Natorps sozial- 
pädagogische Anschauungen auch von dem Volksmann Pestalozzi, in 
dessen Ideen er sich liebevoll versenkt und ihnen vielfach erst die 
rechte Klarheit und Ausprägung gibt. Allerdings läuft es Natorp 
häufig unbewusst mit unter, dass er seine Kantischen Ideen etwas 

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— 28 — 

gewaltsam aus Pestalozzi herauszulesen sich bemüht, um diesen 
Schweizer zu einem unbewussten Anhänger Kants zu stempeln. In 
Wort und Schrift hat das Natorp schon wiederholt versucht. Bei 
alle dem darf man mit Recht sagen, dass Natorp wohl das tiefste 
und gründlichste über Pestalozzi geschrieben hat, das in der reich- 
haltigen Literatur über ihn enthalten ist.^ Das gilt namentlich von 
Natorps Schrift: „Herbart, Pestalozzi und die heutigen Aufgaben der 
Erziehungslehre" (1899). Natorp untersucht in dieser Schrift, ob 
Herbart oder Pestalozzi im stände seien, unserer heutigen Päda- 
gogik eine tragfähige Grundlage zu geben. Natorp prüft dann Her- 
barts allgemeine Bedeutung, seine Ethik und Psychologie als Grund- 
legung für dessen Einteilung der Pädagogik ; er stellt Untersuchungen 
an über „Regierung, Unterricht und Zucht" und über den „erziehen- 
den Unterricht". Natorps scharfe Kritik kommt zu dem Ergebnis, dass 
die theoretischen Grundlagen Herbails nicht mehr haltbar sind, und 
von der heutigen Philosophie werden sie allgemein einmütig verworfen.* 
In diesem Zusammenhang soll aus der Kritik Natorps nur das hervor- 
gehoben werden, dass Herbarts Anschauungen über die Willens- 
bildung durch Vorstellungen keine Brücke erkennen lassen von der 
Einzelerziehung zur Erziehung in der Gemeinschaft, in der und für 
die sich alle Willenserziehung abspielt, d. h. Herbart bleibt einseitig 
beim Individualismus stehen und mit ihm auch die meisten Anhänger 
und Verteidiger seiner Lehre. Im weiteren Verlauf seiner Schrift 
bespricht Natorp die Erziehungslehre Pestalozzis, die sich nach Natorp 
heraushebt aus dem Zeitalter Schillers und Kants und dem Zeitalter 
des Neuhumanismus. Natorp spricht von einem Zeitalter Pestalozzis, 
dessen Gedanken eine tiefe Uebereinstimmung mit der kritischen 
Philosophie Kants zeigten, wenngleich Pestalozzi das Bewusstsein 
dieser Abhängigkeit fehlen musste. (Das ist übrigens auch in einer 



' Siehe Bissmann, Deutsche Scliule, 1899, 3. Jahrgang. Anmerknng Seite 8. 

' Nur die heutige Herhartsche Schule unter Beins Führung macht davon 
eine Ausnahme. So hat Bein in seiner Zeitschrift für Philosophie und Päda- 
gogik, 1899. 4. Heft, im Verein mit Flügel und Just den Versudi unternommen, 
Natorp zu widerlegen. (Natorps Gegenkritik siehe Deutsche Schule, 1899, Seite 
424 fif. Kant oder Herbart?) Ausserdem hatte schon yorher sich Bein mit 
Wülmann vereinigt gegen Natorp. (Zeitschr. f. Philos. u. Pädag., 1899, 2. Heft). 
(Natorps Antwort siehe Deutsche Schule, 1899, S. 281, ^Offener Brief an W. Bein^.) 
Mit Becht sagt Natorp hier : »Ist es zu glauben, dass der Herbartianismus sich 
identifizieren wollte mit einem Ültramontanismus, der sich die Verekelung der 
grOssten Epoche unserer geistigen Geschichte zur besonderen Aufgabe macht?'' 



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— 29 — 

späteren Arbeit aus dem Herbartschen Lager behauptet worden: 
Wiget, Herbart und Pestalozzi, Jahrbuch des Vereins für wissen- 
schaftliche Pädagogik, 24. Jahrg.) Nach der Untersuchung der allge- 
meinen Grundlagen der Erziehungslehre geht Natorp über zur Be- 
trachtung Pestalozzis Grundansicht über die soziale Bedingtheit der 
Erziehung, insbesondere des Willens, im Anschluss an die ^Abend- 
stunden **. Pestalozzis Ethik und Sozialphilosophie und sein Verhältnis 
zur Religion kommen zur Darstellung in der Besprechung der „Nach- 
forschungen". Die tiefe Einsicht und die Bestrebungen Pestalozzis 
in diesen Punkten, seine sozialpädagogischen Anschauungen und seine 
wenn auch unbewusste Harmonie mit Kant, sind Natorp die wich- 
tigsten Ergebnisse für die neuen Richtpunkte in der Erziehung, ins- 
besondere für die Sozialpädagogik. All diese historisch - kritischen 
Ergebnisse sind als Einleitung zu betrachten für Natorps grösseres 
Hauptwerk : „Sozialpädagogik, Theorie der Willenserziehung auf der 
Grundlage der Gemeinschaft" (1899).^ In diese Schrift sind auch 
die Ideen hineingearbeitet, die Natorp in früheren Arbeiten schon 
niedergelegt hatte : „Religion innerhalb der Grenzen der Humanität. 
Ein Kapitel zur Grundlegung der Sozialpädagogik" (1894); „Pesta- 
lozzis Ideen über Arbeiterbildung und soziale Frage" (1894); „Piatos 
Staat und die Idee der Sozialpädagogik" (1895); „Grundlinien einer 
Theorie der Willensbildung" (Archiv systemat. Philosophie, 1. 1895, 
S. 65—100, 289—326; 2. 1896, S. 317—354). Natorps Lehrgebäude 
der Sozialpädt^ogik ist so eine Synthese der Philosophie Piatos, 
Kants und der Pädagogik Pestalozzis. Von Piaton hat er die Fest- 
stellung der Kardinaltugenden übernommen: 1. Wahrlmt (Wahr- 
haftigkeit), die es mit der Einsicht zu tun hat. Die Wahrheit ist 
die Voraussetzung aller übrigen Tugenden, sie ist die Tugend des 
Bewusstseins, da sie als Korrelat der praktischen Vernunft in so 
fundamentaler Weise, wie keine andere, die Sittlichkeit der Person 
bezeichnet, nämlich nach ihrem letzten Grunde im Bewusstsein. Zum 
Hervorbringen des Guten gehört aber Tatkmft, so ist 2. sittliche Stärke, 
Tapferkeit nötig. Diese beiden sind Tugenden der Vernunft und des 
Willens ; es muss aber auch eine Tugend geben, die sich unmittelbar 
auf den dritten Faktor der Aktivität, das Triebleben, bezieht. Das 
ist 3. die Reinheit^ sittliche Ordnung des TriMebens. Sobald das Ver- 
hältnis zur Gemeinschaft in Frage kommt, wird jede dieser drei 
Tugenden etwas vom Charakter 4. der Gerechtigkeit annehmen, welche 



' Inzwischen in zweiter Auflage erschienen. 

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• 30 — 

die drei anderen eigentlich in sich begreift, da sie Wahrheit, Kraft, 
Reinheit der Sittlichkeit im Verhalten zur Gemeinschaft bedeutet. 
Die sozialeu Tugenden sind dann dieselben, nur für die Gemeinschaft. 
An Plato klingt dann auch der Satz Natorps an, dass das Gute vom 
Individuum frei gewollt sein muss, aber das Sittliche ist überindivi- 
duell, von Haus aus nicht Privat-, sondern Gemeinschaftssache. Und 
indem Natorp sagt, es sei dem Inhalt nach sozial, berührt er sich 
wiederum mit Kant. Kants Erkenntnistheorie und Ethik sind Natorp 
dann die weiteren Leitfäden der philosophischen Untersuchung, nur 
dass Natorp Kants Formen des Erkennens und WoUens teilweise mit 
neuem Inhalte füllt, wie er sich auch Piaton gegenüber eine kritische 
Selbständigkeit bewahrt 

Im ersten Teil dieser Sozialpädagogik vollzieht Natorp die er- 
kenntnistheoretische Grundlegung in der erwähnten Art. Von Kant 
ausgehend, untersucht Natorp in deduktiver Methode die Begriffe 
Erziehung, Bildung, Wille, um sich dann besonders scharf dem 
Begriffe Idee zuzuwenden. „Das Wort Erziehung enthält das Be- 
sondere und Wichtige, dass menschliche Bildung Willenssacke ist: 
Dieser Grundbegriff der Erziehung oder Bildung enthält schon das 
phäosophische Problem des SoUens oder Zweckes oder Idee.^ Die Idee 
ist nach Natorp nicht durch eine Analogie der geistigen mit der 
materiellen Entwicklung, in der es nur Kausalität gibt, zu gewinnen, 
sondern aus uns ist die Zwecksetzung erst in die Naturwissenschaft 
hineingetragen worden, aus unserem Sdbsfbeumsstsein, das sich allein 
zu denken vermag unter der Idee des Zieles, So sagt uns die Ana- 
lyse unseres Bewusstseins, dass die Idee kein Naturhegriff ist. Ebenso 
wenig ist die Idee ein Begriff der Psychologie. Es gibt Erscheinungen 
als einziger Gegenstand der Erkenntnis, die diese Erscheinungen ordnet 
etwa nach dem Gesetze der Kausalität, und ein zweites, das Bewusst- 
sein der Erscheinungen, ohne besonderen Inhalt, unterschieden nur 
in der Art, wie die Erscheinungen sich aufreihen in einer gewissen 
Stufenfolge von Ordnungen, in der das letzte Glied nach der äusseren, 
der Objektseite, die äussere Wirklichkeit oder Natur ist, der ein 
Subjektives unabgelöst von unserer Bewusstheit als ein letztes, un- 
mittelbar Erscheinendes als innere Welt gegenübersteht. Es gibt 
deshalb doch keine doppelte Erscheinungsreihe des „Physischen und 
Psychischen". Jeder Inhalt des Physischen bezieht sich auch auf das 
Psychische und umgekehrt unter Berücksichtigung des entsprechenden 
Begi-iffsystems, Empfindung, Gedanke, Vorstellung u. s. w. Diese eigene 

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— 31 — 

Art der Erkenntnis ein und desselben Erscheinenden kann man Psycho- 
logie nennen, bei der es sich aber in beiden Fällen um zeiüiche Erschei- 
nungen, nicht um Zweckbegriffe, um die es sich aber in der Erziehung 
handelt. Will die Erkenntnis Zweckbegriflfe erlangen, so kann das nur 
aus dem Gesichtspunkte der Methode oder der Kritik geschehen. Daher 
sagt Natorp : Erkenntniskritik, nicht Psychologie — für die Idee, welche 
die bloss gedachte letzte Einheit, der Blickpunkt der Erkenntnis ist. 
Die Idee ist das Prinzip, von dem das praktische Sollen seinen Aus- 
gangspunkt nimmt. Der Inhalt der Idee ist eins mit dem des SoUens. 
So ergeben sich zwei Welten der theoretischen und praktischen Er- 
kenntnis: die Welten des Intellekts und des Willens. Als das Ge- 
biet des Intellekts bezeichnet Natorp die Erfahrung, die aber eines 
Abschlusses in sich nicht fähig ist. Sie muss sich der Idee des Un- 
bedingten unterordnen und erhält dadurch neue Bedeutung. Ihre 
Richtung erhält Gewissheit in der Richtung auf die Idee. So erhalten 
wir den Ursprung des SoUens im praktischen Sinne. Diese praktische 
Erkenntnis oder Idee ist dann das Oebiet des Willens. Kausalität ist 
hier ausgeschlossen, alles ruht in der Einheit des Bewusstseins, der 
Idee, die Kluft zwischen beiden wird geschlossen durch die Frei- 
lieit des Willens oder des Beumsstseins, das sich über die theoretische 
Erkenntnis erhebt. Die Verwirklichung des Gewollten ist dann Sache 
der Technik, die dann durch die Kausalität über die Natur herrscht. 
Die Technik ordnet sich nach den Wissensgebieten, für die Seelen- 
handlungen wird sie zur psychologischen Technik, deren vergrösserte 
Gestalt die soziologische Technik bildet, auf der alles Aeussere der 
Gemeinschaftsordnung, besonders der Erziehung (als Tätigkeit) be- 
i-uht. So stützt sich also die Ethik auf die Logik und auf die Ethik die 
Pädagogik des Willens, aber die Pädagogik des Verstandes auf die 
Logik. Die psychologische Erwägung ist erst sekundär, die die logischen, 
ethischen, ästhetischen Gesetze zu ihrer Erklärung schon voraussetzt. 
Nach dem Grade in den Altersstufen, in dem uns diese strenge 
Einheit des Bewusstseins klar ist, unterscheiden wir verschiedene 
Stufen der Aktivität ; von der untersten, dem Empirischen am nächsten 
stehenden Stufe des Triebes gelangen wir zum Wiüen im engeren 
Sinn und schliesslich zur letzten Stufe des VernunßwiUens. Diese 
Gesamtheit des aktiven Vermögens arbeitet hin auf den Ausbau einer 
Welt der Zwecke als Naturboden für das menschliche Wollen. Da- 
durch wird die ganze Erfahrung in das Blickfeld des praktischen 
Bewusstseins gerückt, d. h. idealisiert. 

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— 32 — 

Wie erwacht nun dieses praktische und theoretische Bewusstsein 
im Menschen? Wie gelangt es zur Herrschaft? Ein Selbstbewusst- 
seip entwickelt sich im Menschen nur im Wechselverhältnis von Be- 
wusstsein zu Bewusstsein, in und mit der Entwicklung der Beziehungen^ 
die aus dem empirischen Beumsstsein des einzelnen Subjektes hinaus 
zwr Oemeinscliaft hinüberreichen. Erziehung und Gemeinschaft haben 
so innere Beziehungen. Die Erziehung ruht ihrem Begriff nach — 
nicht als Selbsterziehung r— im Element der Gemeinschaft, schon in 
der Gemeinschaft des einzelnen Erziehers zum Zögling; ihr Ziel kann 
also nicht bloss auf das Leben in der Gemeinschaft, sondern es muss 
auch auf die Teilnahme am Aufbau der Gemeinschaft gerüstet sein. 
Der Mensch wird zum Menschen allein durch menschliche Gesellschaft. 
Das muss für die Erziehungslehre oberster Grundsatz sein in all 
ihren Massnahmen. Aus dem Bildungsinhalt der Gemeinschaft schöpft 
das einzelne Individuum seinen Teil und erweitert immer wieder sein 
Selbst durch diese Beziehung. Hier kann sieh dann die erste In- 
dividualität, die Spontaneität der Bildung entfalten, ganz nach der 
Auffassung von Sokrates, Piaton und Kant. Das ist der Sinn der 
bildenden Gemeinschaft. Dasselbe gilt vom Selbstbewusstsein und auch 
für das Praktische, das Willensgebiet. Jede Gemeinschaft ist auch 
eine Willensgemeinschaft. Das Wollen an sich ist zwar individuell; 
aber wenn der Eine dem Andern in der Gemeinschaft gegenüber- 
stehend, in freier Uebereinstimmung mit ihm dasselbe will, so ist 
das Wollen doch von der Gemeinschaft beeinflusst. Das zeigt gerade 
die Analogie der Entwicklung theoretischer Erkenntnis in der Ge- 
meinschaft des Lehrenden und Lernenden, wobei sich der Einfluss 
der Gemeinschaft im Lehrenden so herrlich zeigt. Dieses theore- 
tische Lernen hängt vom Wollen ab. Es gibt keine Verstandesbil- 
dung ohne Willensentwicklung im voraus ; primär ist also die Wil- 
lensbildung. So muss die Theorie der Willensbildung unbedingt von 
der Gemeinschaft ausgehen. Der Einzelmensch ist gleichsam nur 
eine Einzelzelle im ganzen Organismus der Gesellschaft der Mensch- 
heit. Das ist Natorps Auffassung der Erziehungslehre als Sozial- 
pädagogik, 

Gemeinschaft besteht nur im Verein der Individuen, dieser 
Verein wiederum nur im Bewusstsein der Einzelglieder. Das letzte 
Gesetz ist daher für beide, Individuum und Gemeinschaft, notwendig 
ein und dasselbe. 

Im Anschluss hieran entwickelt nun N. im zweiten Teile seiner 

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— 33 — 

„Sozialpädagogik" die Hauptbegriflfe der Ethik uud der Sozial- 
pbilosophie. 

Das Wollen des Guten bleibt individuell, indem kein anderer 
für mich wollen, für mich Vernunft haben kann. Aber diese Ge- 
setzes/brm verleiht dem Inhalt objektiven Charakter; denn meine 
Sache ist keine andere, als die auch jedes andern Sache sein sollte 
und der Wahrheit nach ist. Seinem Inhalte nach bleibt das Sitt- 
liche Gemeinschaftssache. Sittliches Bewusstsein ist als solches not- 
wendig Gemeinschaftsbewusstsein. Eine Spezifikation der an und 
für sich identischen Aufgabe des Sittlichen ist trotzdem nötig, je 
nachdem sie bloss in Hinsicht des Individuums oder in Hinsicht 
der Wechselbeziehung der Individuen in der Gemeinschaft erwogen 
wird. Die konkretere Gestalt der sittlichen Aufgabe aber ist die 
gemeinschaftliche ; doch der Einzelne ist, zugleich in seiner Gemein- 
schaftsbeziehung gedacht, konkreter als der bloss für sich gedachte 
Einzelne. Darum kann die Ableitung der konkret sittlichen Aufgabe 
nur vom Individuum ausgehen, deduktiv vom Abstrakteren zum 
Konkreten. Die Grundverhältnisse des Sittlichen lassen sich ein- 
teilen nach ihrer Beziehung auf die Grundfaktoren der Aktivität. 
Dadurch erhalten wir für das Individuum ein System von Grund- 
tugenden. Derselbe Einteilungsgrund gilt dann auch für die sozialen 
Tugenden, was ganz der Auffassung Piatons entspricht, wenn Natorp 
diese auch mannigfach modifiziert. Nach dieser Darstellung des Sitt- 
lichen in individueller und sozialer Bedeutung führt dann Natorp das 
System der individuellen Tugenden aus und untei*scheidet : 1. die 
Tugend der Vernunft: Wahrheit; 2. die Tugend des Willens: Tapfer- 
keit oder sittliche Tatkraft; 3. die Tugend des Trieblebens: Rein- 
heit oder Mass; 4. individuelle Grundlage der sozialen Tugend: 
Gerechtigkeit. Diese vierte Tugend begreift die drei anderen in 
sich und weist ihnen die neue Beziehung auf die Gemeinschaft an. 
Sie bedeutet zugleich Wahrheit, Kraft und Reinheit der Sittlichkeit 
im Verhalten zur Gemeinschaft. Diese Einheit der Tugenden ergibt 
sich aus dem Verhältnis der drei Stufen der Aktivität und dem 
Zusammenhang von Individuum und Gemeinschaft mit zwingender 
Notwendigkeit Die konkretere Gestaltung, die sich daraus ergibt, 
ftüirt zur Tugend des Soziallebens, dessen Funktionen in einem 
Parallelismus stehen zu denjenigen des individuellen Lebens. Den 
sozialen Funktionen entsprechen drei Grundklassen sozialer Tätig- 
keiten: die wirtschaftliche, die regierende und die bildende, die 

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— 34 — 

natürlich nicht als getrennt stehend betrachtet werden dürfen, son- 
dern so, dass sie sich nach dem Verhältnis von Mittel und Zweck 
einander unterordnen. Auf dem Grundfaktor der bildenden Tätig- 
keit, der Vernunft als Herrschaft des Bewusstseins über die übrigen, 
beruht die Aufgabe der sozialen Bildungstätigkeit: der sozialen 
Pädagogik. Sie hat sowohl die wirtschaftliche als die regierende 
Tätigkeit zur Voraussetzung und wirkt auf beide und so auf das 
soziale Leben in all seinen Beziehungen zurück. Aber sie geht in 
ihrem Zweck über beide hinaus. Ihr Zweck liegt im Bewusstsein, 
in einem Leben, in dem das Bewusstsein, in dem die Vernunft 
herrscht, nicht bloss dient. Menschenbildung, Bildung durch Arbeit 
und zur Arbeit, durch soziale Organisation und zur Teilnahme an 
ihr, ebenso wie durch und zu eigener bildender Tätigkeit, an sich 
selbst und andern. Das sind die Glieder des einen Organismus der 
Menschenbildung. Die Güte oder Tüchtigkeit des sozialen Lebens 
besteht in seiner Tugend im antiken Sinne: im normalen Verhältnis 
der Grundfunktionen. Das Gemeinschaftsleben entwickelt sich un- 
endlich weiter, zu einer ewigen Aufgabe der sittlichen Ordnung 
werdend, ihre Tugend wird zur Idee, d. h. zum Richtpunkte einer 
unendlichen Entwicklung nach einem Grundgesetz der sozialen Entwick- 
lung, Dieses Gesetz stützt sich auf die Idee eines allgemeingiltigen 
funktionalen Zusammenhangs unter den notwendigen Grundfaktoren 
des sozialen Lebens und ist begründet in einem Verhältnis von 
Methoden, die zwischen dem Gesetz der Idee und der Naturgesetz- 
lichkeit im Bewusstsein des Menschen eine Verbindung stiften. Das 
Grundgesetz des Bewusstseins ist es, das diese Analogie auf allen 
Gebieten durchfühlet und im Begriff einer Entwicklung des Menschen- 
tums zusammenfasst. Das ist das sozialpädagogische Ideal, bei dem 
wir nach Natorp stellen bleiben müssen. Darin sind auch die Grund- 
eigenschaften enthalten für ein sittlich geordnetes Gemeinleben — 
die Tugenden der Gemeinschaft: 1. Wahrhaftigkeit, d. i. Herrschaft 
des Bewusstseins; 2. Einstehen für Gesetzlichkeit; 3. Harmonische 
Ordnung des Trieblebens; 4. Gerechtigkeit; diese Tugend fasst 
sozial und individuell die drei anderen zusammen, gibt ihnen bald 
individuelle, bald soziale Bedeutung. Unter all den herrlichen Ge- 
danken, die Natorp in dieser Abhandlung über die sozialen Tugenden 
ausspricht, sei besonders der hervorgehoben: „Ohne Ursächliche 
Anerkennung des gleichen Büdungsanspruches aUer bleibt die Er- 
hebung sittlicher Forderungen im sozialen L^n sdber eine Unwahr- 

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v_ 35 — 

heit^ ^ Während in den beiden ersten Teilen Natorp uns hauptsächlich 
theoretische Auseinandersetzungen bietet, geht er im dritten Teil mehr 
ihrer praktischen Durchführung nach. Er spricht hier über: n^rga- 
rmation und Methode der WUlenserzieliung^ . Das wesentliche Mittel 
zur Willenserziehung ist die OrganisaMon der Gemeinschaft: Orga- 
nisation der Arbeit, rechtliche Organisation, Organisation der Bil- 
dung. Der Fortschritt in allen diesen bezweckt die Herrschaft mensch- 
licher Einsicht und Willenstat — Fortschritt des Bewusstseins. Die Bil- 
dungsfrage ist die grosse Sorge der Menschheit, und der Schwerpunkt 
dieser Frage liegt nach Natorp in der Erziehung des Willens, von 
dem Intellekt, Phantasie und Gefühl abhängig sind. Die Oi^anisation 
der Willensfirziehung muss der natürlichen Stufenfolge der Willens- 
entwicklung entsprechen : durch Trieb und Entschliessung zum Ein- 
heitsbewusstsein der Vernunft. Diese Oi^anisation muss auch Rück- 
sieht nehmen auf die drei sozialen Tätigkeiten, die früher erwähnt 
worden sind. Und so wird sie gleichermassen auf Individuum und 
Gemeinschaft einwirken, um den wahren und letzten Zweck der 
Menschenbildung zu erreichen. Das ist das Prinzip der Organisation 
der Willenserziehung. In der Erfahrung ist die Grundlage zu solcher 
Organisation gegeben in der Erziehung des Menschen, besonders des 
menschlichen Willens in den, in entwickelter Gemeinschaft mitwirken- 
den Faktoren : Haus, Schule und organisierte Gemeinschaft als freier 
Selbsterziehung im Gemeinleben der Erwachsenen. In unserer Zeit 
geht namentlich für Arbeiterkinder die Hauserziehung vielfach ab 
infolge der eigenartigen Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse. 
Die Familie steht immer mehr in Gefahr als eine der sozialen 
Organisationen zu verschwinden. Und doch muss das Haus, die 
„Zelle" bestehen bleiben, ohne die der ganze Organismus zu Grunde 
gehen würde. Es sollte in solchen Zeiten diese Organisation wenig- 
stens durch das Surrogat der Fröbelschen Kindergärten ersetzt werden. 
Diese Kinder^ten können auch viel beitragen zur Wiederherstellung 
des häuslichen Lebens des Arbeiters selbel*, indem sich auch unter 
dem Einfluss erhöhter Arbeitsgemeinschaft Familienverbände bilden 
sollten mit gemeinschaftlicher Sorge um die Erziehung der Kinder. 
Die grössere Freiheit vom Ärbeitszivang könnte auch der Erziehung der 
Kinder zu gute kommen. Auf diese Weise könnte eine organischere 



' Ghramzow, Kritische Streif züge im Gebiete der Sozi alpädagögik, hebt erfreu- 
licherweise den gleichen Gedanken besonders heraas. 

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— 36 — 

Form der Hanserziehnng entstehen über die Eindergärten hinaus, 
namentlich auch durch Heranziehung der Arbeiter und Arbeiterinnen, 
die beide weder nur Erziehung- noch ausschliesslich Erwerbspflicht 
hab^ dürften. Es ist dringend notwendig, dem sogenannten vor- 
schulpflichtigen Alter besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden; denn 
gerade die er$im% Jahre bedeuten für die Erziehung des Menschen 
ausserordentUeh viel. In dieser Zeit ist das geistige Wachstum am 
mächtigsten, gestaltreichsten, und die schaffende Kraft am grössten. 
Mit warmem Herzen und feinem Vei*ständnis behandelt Natorp in aus- 
führlicher Weise diese Familienrechte und -Pflichten als einen inte- 
grierenden Teil der sozialen Organisation der Erziehung, um sich 
dann der Schule zuzuwenden. Ihr Hauptgewicht JäUt sachgemäss auf 
die InteUektbUdung, auf den Unterricht. Die Verstandesbildung muss 
das Zentrum aller Schulerziehung sein. Freilich kann der Unter- 
richt nicht nur richtig denken, sondera richtig uHÜien lehren und 
vollzieht so auch ein Stück Willenserziehung, aber nicht das Ganze 
und Eigentümlichste; das bleibt dem Leben vor, neben und nacfi 
der Schule vorbehalten. Die Schule ist nur ein Stück Leben der 
sozial organisierten Geroeinschaft. Im weiteren spricht Natorp der 
Nationaischtde energisch das Wort. . Die Idee der Nationalschule ist 
untrennbar von der demokratischen Entwicklung der modernen Völker. 
Durch sie ist ein Volk im modernen Sinne überhaupt erst möglich, 
die Völker werden die führenden sein, die diese Idee am meisten 
verwirklichen. Dieser Idee entsprechend, darf es von Anfang an 
nur eine Schul|pittung für aüe Kinder geben, so lange es die Rück- 
sicht auf eine besondere Forderung der Berufsbildung gestattet. Im 
weiteren bespricht hier Natorp eine Organisation des gesamten Schul- 
wesens, in der besonders beachtenswert sind sein Eintreten für Aus- 
dehnung der Volksschule für oMe bis zum 12, Lebensjahre, die Scheidung 
der Schulen nach wissenschaftlichen und gewerblichen Berufen, in 
höheren Altersstufen als gegenwärtig, besonders seine gesunde Aus- 
gestaltungsidee für das Fortbildungsschulwesen. Nicht laut genug 
kann Natorps Wort ausgesprochen ^wenden, dass für den Besuch der 
höheren Schulen nur die Befähigung des Kindes und nicht, wie viel- 
fach heute Odd und Ehrgeiz der Eltern, massgebend sein sollte. Wie 
nun auf der untersten Stufe, im Hause, die Willensbildung ganz im 
Gebiete des Sinnlich-Praktischen stecken bleibt und sich auf der 
zweiten Stufe, der Schule, zum Verständig-Praktischen erhebt, so 
führt ei'st die dritte Stufe, die freie Selbsterziehung, auf die Höhe 

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— 37 — 

der praktischen Vernunft oder der freien Sittlichkeit. Dieses unbe- 
schränkte Vermögen der Selbstbildung soll der Gipfelpunkt aller 
Menschenbildung sein. Auch diese freie Bildungstätigkeit muss eine 
Organisation erhalten. Die Hochschtde ist eine solche ; sie ist geradezu 
das Zeiitralorgan der sozialpädagogischen Organisation. Nur muss 
sie zur ;, Volkshochschule" für aüe werden. Das wäre echt sozial- 
[Kldagogische Entfaltung und Bewegung zur konzentrativen Entwick- 
lung der Wirtschaft und zur demokratischen Entwicklung des öffent- 
lichen Lebens hin. (Diese Bewegung hat sieb bereits in einer Reihe 
ausserdeutscher Staaten glänzend bewährt unter dem Begriffe der 
UniversitätsausdehDung.) ^ In diesem Zusammenhang spricht Natorp 
auch Ober das Verhältnis und die Stellung der Religion zu dieser 
Erweiterung der Volksbildung, die einen weMicken Klerus schaffen 
muss zur Ueberwindung des Autoritätscharakters der geistigen Für- 
sorge, wie dieser erwachsen ist aus dem Anspruch einer bevorrechteten 
Klasse Geistlicher, die sich im Besitz der allein wahren Erkenntnis 
des Uebersinnlichen und der Beziehung zu ihm wähnen. Das muss 
gerade auch vom religiösen Standpunkt aus abgelehnt werden. Das 
Göttliche für den Menschen ist der ganzen Menschheit als Offen- 
barung gegeben, nicht einer privilegierten Klasse^ sondern den 
Menschen schlechthin. Wenn dieser Standpunkt allgemein anerkannt 
wird, dann wird sich die freie Bildungsarbeit an den Erwachsenen 
nicht mehr ablehnend gegen die Religioa verhalten. Nur in dieser 
demokraHsdhen Form wird sie vor einer Negierung durch die gegen- 
wärtige Entwicklung bewahrt bleiben. Es muss jedem einzelnen die 
Möglichkeit gegeben sein, ihr Wesen zu erkennen, und es wird mehr 
Verständnis dafür erwachen. Zu dieser Befreiung des Gedankens 
kann der Unterricht nur durch die Einwirkung auf den Verstand 
beitragen. Damit vollzieht er eine sittliche Leistung, indem er mit- 
erziehen hilft zur ersten aller Tugenden, zur Tugend der Wahrheit^ 
In der Erziehung der Erwachsenen darf die ^Volkshochschule'' nicht 
stehen bleiben bei der Verstandesbildung. Letzterdings muss — 
nach nordischem Muster — zu einem vielseitig erziehenden geord- 



' Natorp, lieber volkstümliche Universitätfikarse. Akademische Bevae, 1896. 
James Russd, die Volkshochsciinlen in England und Amerika, 1895. K Schultze, 
Volkshochschulen und Uniyersitätsaosdehnnngs-Bewegang 1897. 

' Im weitem ist über Natorps Aoseinandersetzungen mit der Bcligion 
seine Schrift zu vergleichen: „Religion innerhalb der Grenzen der Humanität", 
besonders Kap. 5. 

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- 38 — 

neten Zusammenleben die Möglichkeit gegeben werden. Es muss 
gleichzeitig gesorgt^ werden für gesunde Wohnung, Ernährung, 
Krankenpflege, Spiel und edle Unterhaltung, geistige Fortbildung 
und Kunstpflege unter den arbeitenden Klassen. Das fernere Ziel 
muss sein : Vergemeinschaftung und damit Versittlichung des ganzen 
Lä)em eines Volkes. 

In. welcher jPorm soll sich auf den einzelnen Stufen die willen- 
bildende Tätigkeit vollziehen? Jeder einzelne Akt soll zerfallen in 
Fortun, Mitixm und Nachixm, Das führt von Heteronomie zur 
Autonomie,' die sich dann kundgibt in der Fähigkeit, an der eigenen 
Leistung Kritik zu üben. Der positive Sinn dieser Unzufriedenheit 
führt dann zum Bewusstsein von der Unendlichkeit der Aufgabe des 
Sittlichen. Damit hängt nun im weiteren die Frage der Autorität 
und ihrer Hilfsmittel zusammen : Befehl und Gehorsam ; Lob, Tadel 
und Lohn und Strafe. Frühzeitig muss sich der Zögling dem Willen 
Besserwissender fügen lernen und auch ohne eigenes Wollen und 
Verstehen den Begriif der Verpflichtung gewinnen durch Oeivöhnung. 
Oew'ohnung ist der wichtigste Faktor der Willenserziehung. Aus 
dieser Uebung wächst die Lehre heraus, auch ohne äussere Zwangs- 
mittel, wie körperliche Züchtigung u. dgl. 

In klarer Weise zeigt Natorp die Erscheinungen der ein- 
zelnen Alterstypen auf und ihre Behandlung, namentlich nach der 
Willensseite hin und untersucht vor allem den Anteil der Verstandes- 
bildung an der Willenserziehung. Sie hilft nach Natorp dadurch 
besonders mit an der Willensbildung, weil sie die Selbsttätigkeit in 
Anspruch nimmt und das umsomehr, je reiner die Verstandestätigkeit 
ihre Eigenart bewahrt. Das führt zur Untersuchung der einzelnen 
Unterrichtsgegenstände an der Willenserziehung durch die Ver- 
standesbildung. Es bedarf nur des Hinweises, dass sich Natorp 
vollständig ablehnend verhält gegenüber dem Herbartschen „erziehen- 
den Unterricht" und dem Geschichtsunterricht als „Gesinnungs- 
unterricht". In diesen Abhandlungen finden sich treffende Anschau- 
ungen über den Unterricht in Geschichte insbesondere. Widerspruch 
erregt wohl die Schätzung der Mathematik und der mathematischen 
Naturwissenschaft für die sittliche Bildung, weil sie den Charakter 
des Intellektuellen am rechten bewahren und so den Geist diszi- 
plinieren und das Gewissen der Wahrheit erziehen. Natorp fordert 
philosophische Ethik für die Volkshochschulkurse im Zusammenhang, 
aus den Elementen konstruiert, die schon im Schulunterricht vor- 

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— 39 — 

banden sind. So soll die letzte Begründung des Sittlichen einmOnden 
in die Philosophie nach Art der Sokratischeu Schule. Das Leben 
muss fttr sie schon den Grund gelegt haben. Diese Bedingtheit 
schmälert ihre Würde nicht. Freilich eine unfehlbare Wirkung auf 
die Versittlichung des Menschen ist von ihr nicht zu erwarten. 
Diese Versittlichung ist auch auf die sonstigen Seiten angewiesen, 
die die Bildung des Intellekts zur WlUenserziehung beabsichtigen, 
hauptsächlich auf die Gebiete des Aesthetischen und Rdigiösen. Der 
Anteil dieser Gebiete an der Erziehung des Willens wird von Natorp 
in einer streng objektiven Würdigung geprüft und bewiesen, dass 
auch iu ästhetischer und religiöser Beziehung die soziale Auffassung 
der Erziehung neue und grosse Aufgaben stellt. 

Mit diesen Betrachtungen schliesst Natorp seine Sozialpädagogik. 
Im folgenden wollen wir es versuchen, sie einer kritischen Betrach- 
tung zu unterziehen. Vor allem sind es — ganz allgemein gesagt — 
die theoretischen Grundlagen Natorps, die nicht befriedigen. Wäh- 
rend fast alle Pädagogen, besonders auch die Sozialpädagogen, sieh 
psychologisch zu orientieren suchen, will Natorp in der Hauptsache 
seine Pädagogik auf Kant zurückführen. Soweit Natorp die Psycho- 
logie berücksichtigt, ist sie veraltet und bedient sich so umfassender 
Seelenvermögen. Alle grossen Fortschritte auf dem Gebiete der 
Psychologie durch Anwendung experimenteller und psychologisch- 
statistischer Methoden sind an Natorps Psychologie fast spurlos 
vorübergegangen. Ganz im Sinne jener Theorie der Seelenver- 
mögen und ihrer Erzeugungen spricht Natorp von , praktischer 
Vernunft", „selbstzwecklicher Phantasie" u. dergl. Wir erfahren 
nichts über ihr Wesen nnd noch weniger über ihren Ursprung. 
Nun sind das aber keine einheitlichen Kräfte und Vermögen. Sie 
sind komplexe Erscheinungsformen elementarer psychischer Vor- 
gänge. Sie sind Allgemeinbegrifife für bestimmte Richtungen der 
apperzeptiven Funktionen ! Davon ist bei Natorp keine Rede. Das 
verstehen wir, wenn wir Natorps ganze Abhängigkeit von Kants 
Geist berücksichtigen. Ueber ein Gefühl der Unsicherheit, um mit 
Natorps eigenen Worten zu reden, kommt man nicht hinaus in der 
Abhandlung über die Einheit des Selbstbewusstseins. Natorp hält 
das Selbstbewusstsein auf der niedersten Stufe für Erkenntnis. In 
Wirklichkeit ist aber das Selbstbewusstsein des Kindes ebenso gut 
aus der Oesamthät des Bewusstseinsinhaltes — Gefühls- und Vor- 
stellungsinhalt — zu erklären, wie das entwickelte Selbstbewusstsein. 

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— 40 — 

Von Anfang an ist das Selbstbewusstsein des Kindes ein Produkt 
der Vorstellungen, des Fühlens und Wollens. Ebensowenig befrie- 
digt uns Natorps Darstellung der Entwicklung des Willens, der 
Stufen des Willens und was er sonst noch über Vernunftwille und 
die Willenswelt sagt. Vor allem muss es als Mangel bezeichnet 
werden, dass er den Willen und die Willensbildung nicht von der 
Psychologie abhängig macht. Er stützt sich vielmehr auf Kants 
Ethik und Erkenntnistheorie. Hier zeigt sich klar, dass Natorp die 
Stellung der modernen Psychologie vollständig verkennt. Uns ist 
die Psychologie die Wissenschaft von den allgemeingiltigen Formen 
unmittelbar menschlicher Erfahrung und ihrer gesetzmässigen Ver- 
knüpfung. Sie wird zur Grundlage der Geisteswissenschaften, deren 
Inhalt in den aus unmittelbaren menschlichen Erlebnissen hervor- 
gehenden Handlungen besteht, indem sie die Erscheinungsformen 
und Gesetze dieser Handlungen untersucht. So ist die Psycho- 
logie eine allgemeine Geisteswissenschaft, die die subjektiven und 
objektiven Bedingungen des theoretischen Erkennens und prak- 
tischen Handelns gleichmässig berüchsichtigt. Ihre Ergebnisse 
kommen nun der Untersuchung der allgemeinen Probleme der Er- 
kenntnistheorie und der Ethik zu statten. Folglich bildet die Psycho- 
logie die Grundlage der Philosophie überhaupt und der Disziplinen, 
die mit ihr zusammenhängen; dazu rechnen wir doch mit Natorp 
auch die wissenschaftliche Pädagogik ! So ist es schon von der ganz 
allgemeinen Betrachtung der Stellung der Psychologie aus unbegreif- 
lich, dass Natorp die Pädagogik des Willens nur auf die Ethik und 
diese wiederum auf die Logik stützt. In noch höherem Masse er- 
scheint es als durchaus verfehlt, die Psychologie nicht als die erste 
und bedeutendste Grundlegung der Pädagogik gelten lassen zu wollen. 
Gerade durch die experimentelle Psychologie sind wir erst in der 
Lage, die wichtigsten Probleme der Pädagogik in Angriff zu nehmen : 
die Erforschung der Kinrlesseele, das Studium der kindlichen Indi- 
vidualität, das Verständnis für die Arbeit des Kindes. Unter solchen 
Voraussetzungen ist nur allzu begreiflich, dass Natorps Ausführungen 
über den Willen und seine Bildung uns kraus und unfruchtbar 
erscheinen. Der Wille ist bei Natorp nicht etwa psychologisch ent- 
standen, sondern er ist eine Idee, ein Prinzip, das ausser allem 
psychologischen Zusammenhang steht und in keiner Weise mit der 
empirischen Wirklichkeit verbunden ist. „Zwischen Verstand und 
Wille besteht keine Kluft, obgleich die begriffliche Grenze zwischen 

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— 41 — 

beiden fest und unverrückt bleiben muss. Verstand und Wille sind 
nicht zwei an sich selbständige, erst hinterher zusammenwirkende 
Vermögen oder seelische Kräfte, sondern sie sind als verschiorlio, 
doch notwendig zusammengehörende Richtungen eines und desselben 
Bewusstseins nur in der Abstraktion zu scheiden. Der Mensch ver- 
steht nur, indem er will, er will nur, indem er versteht. Auch 
bedarf es nicht des Umwegs (!) der Psychologie, dies zur Klarheit zu 
bringen. Das Gesetz der Idee bietet auch für diese Feststellung 
die vollkommen sichere und genügende objektive Grundlage; sein 
Erweis aber ist Sache der Erkenntniskritik, nicht der Psychologie. 
Im Beweisgang der kritischen Philosophie schliesst sich in ununter- 
brochenem Zusammenhang an die Logik die Ethik, und auf diese 
allein hat die Grundlegung zur Pädagogik des Willens sich zu stützen 
nötig." Die moderne Psychologie sagt uns hingegen, dass der Kon- 
trast der Gefühle die psychologische Grundbedingung der Willens- 
handlungen ist. Mit der Zunahme der -V^^rst^hmgs- und der Ge- 
fühlsinhalte und der Mannigfaltigkeit der Affekte erweitert sich auch 
das Gebiet der Willensvorgänge. Indem Natorp für seine Forschung 
sieh nur an Kant anlehnt und den einzigen Weg zur genauen Be- 
obachtung der Willensvorgänge, die experimentelle Methode, ablehnt, 
ist auch kein anderes Resultat zu erzielen. Ebensowenig befriedigt, 
vom Ständpunkt der modernen Psychologie aus, Natorps Abhandlung 
über das Bewusstsein. Auch das Bewusstsein hat nach seiner Mei- 
nung das Streben nach der Einheit in der „Idee". Er unterscheidet 
das theoretische vom praktischen Bewusstsein. Das theoretische Be- 
wusstsein, in der geraden Fortsetzung seiner Theorie des Willens 
liegend, richtet sich auf das unbedingt Gesetzliche. Es ist die gesetz- 
liche Form, die für den Aufbau der Willenswelt massgebend ist. 
Den Stoff soll die Erfahrung bieten. Daraus entsteht das praktische . 
Bewusstsein. Diese Erfahrung ist ein fortgesetzter Prozess, der die 
Richtung nimmt auf etwas als Seinsollendes. Diese Beziehung kann 
nach Natorp nur erklärt werden durch jenes Ursprüngliche des 
Bewusstseins, dem allein auch Nichtgegenwärtiges gegenwärtig sein 
kann, sei es nun in bloss theoretischer Vorstellung, vergegenwärtigt, 
oder in praktischer mit der eigenen Posivität des Sollens gesetzt. 
Darin liegt dann nach Natorp die enge Einheit des Bewusstseins. 
Dieses praktische Bewusstsein hat drei Stufen der Aktivität: Trieb, 
Wille und praktische Vernunft. Die unterste Stufe soll der Trieb 
sein, weil er dem Empirischen am nächsten steht. Der Trieb geht 

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— 42 — 

über in den Willen und dieser löst sieb auf in der praktischen Ver- 
nunft. Der Trieb ist nach Natorp das ursprüngliche Spontane, an 
das die Bildung des Menschen anzuknüpfen sei. Der Charakter 
und die weitreichende Bedeutung des Triebes wird ihm besonders 
klar am Begriffe der Arbeit. Der Arbeitstrieb ist ihm die Grund- 
form aller Triebe. Erst auf höherer Stufe treten dann der Wille 
und die praktische Vernunft hinzu. Zunächst sei bemerkt, dass wir 
unter Bewusstsein den Zusammenhang der psychischen Vorgänge 
verstehen. Es ist also nichts darunter zu begreifen, was neben den 
psychischen Vorgängen vorhanden wäre, wie das bei Natorp der Fall 
ist. Im weiteren kann zugegeben werden, dass die Bildung des 
Menschen an die Spontaneität angeknüpft werden soll. .Was ist aber 
dieses Spontane? Darauf gibt die moderne Kinderpsychologie eine 
andere Antwort, als Natorp sie gegeben hat. Ribot^ spricht von 
Spontaneität schon in der Zeit, in der beim Kinde die ersten Spuren 
der aktiven Aufmerksamkeit wahrzunehmen sind (attention spontan^). 
Es gibt, so führt Ribot aus, frühzeitige Augenblicke lebhaften Be- 
wusstseins, wo sich die gesamte Geistesfähigkeit des Kindes auf 
einen einzigen Punkt konzentriert, z. B. wenn das Kind durch den 
Anblick eines Lichtes oder einer lebhaften Farbe gleichsam bezaubert 
wird. Der Blick fixiert den Gegenstand, das Kind verharrt in einer 
Art Erstarrung oder Verzückung. Der ganze Körper richtet sich 
auf den betreifenden Gegenstand, alle Bewegungen hören auf. Die 
gesamte verfügbare Energie des Individuums wendet sich ein und 
demselben Punkte zu. Diese erste Form der Aufmerksamkeit nennt 
Ribot die spontane. Es ist klar, dass an diese Spontaneität kaum 
die Bildung des Menschen angeschlossen werden kann und dass 
Natorps Spontaneität nicht im Einklang steht mit dem Ergebnis 
Ribots Kinderpsychologie, wenn er den Trieb als das Spontane be- 
zeichnet. Und auch darin, wie Natorp die Stufenfolge des Triebes 
aufbaut und den Arbeitstrieb als den ersten bezeichnet, setzt er 
sich in Widerspruch mit der modernen Kinderpsychologie. Diese 
lehrt uns, dass mit der kombinierenden Phantasietätigkeit das Trieb- 
leben erwacht mit dem Spieltrieb, keineswegs aber mit dem Arbeits- 
trieb, wie Natorp behauptet. Was die Theorie des Spieltriebes, 
oder besser des Spieles anlangt, so nehmen die modernen Kinder- 
psychologen, besonders Qroos und Carr^ Spenzers Kraftüberschuss- 
theorie an, wenn auch mit manchen Modifikationen. Für uns kommt 



Psychologie de Tattention, pag. 8. 

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— 43 — 

dabei hauptsächlich die eine These dieser Theorie iu Betracht: Wenn 
die zur Entladung drängende Kraft keinen äusseren Anlass zu einer 
wirklichen Tätigkeit findet, so kommt es zu einer Nachahmung einer 
Tätigkeit, und daraus entspringt das Spiel in jeder Form. Damit 
wird das Spiel zu einer der Arten der Vorbereitung fürs spätere 
Leben. Im Spiel vervollständigt das Kind das Ererbte durch Er- 
worbenes. So 'wird das Spiel zu einer Art Selbstausbildung des 
Kindes, zu einer spontanen Tätigkeit. Es zieht immer weitere Kreise, 
es beginnt die regulierende Verstandestätigkeit. Allmählich entwickeln 
sich die Verstandsfunktionen. Mit dem Eintritt von Erkenntnisele- 
menten hört diese Spontaneität auf. 

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass dieser Grund- 
irrtum der theoretischen Grundlagen Natorps, diese veraltete Psycho- 
logie und die Unterschätzung der Psychologie überhaupt zusammen^ 
hängt mit Natorps Verhältnis zu Kant, in seinem Wurzeln im so- 
genannten Neukantianismus. Von diesem Standpunkte aus erklärt 
Natorp die Wirklichkeit der Tatsachen als die schlechteste Grund- 
lage der Erkenntnis. Mit Kant ist ihm die Erfahrung bloss der 
Anfang, nicht der Ursprung der Erkenntnis. Wenn wir uns nach 
Natorp auf diesen Ursprung besinnen, so gelangen wir zur Idee, Sie 
ist die letzte gedachte Einheit und der letzte, eigenste Blickpunkt 
der Erkenntnis. Die Erkenntnis ist überzeitlich, über Natur und 
selbst Mathematik hinaus, fundamentaler als dies alles. Wenn wir 
auch nicht so weit gehen wollen, diese „Idee" mit den substantiellen 
Formen der Scholastiker gleichzustelleo, so müssen wir doch gestehen, 
dass diese Idee in der Tat „überzeitlich" ist insoferne, als unsere 
Erkenntnis gerade von den Tatsachen der Erfahrung als dem Ur- 
sprung des Wissens ausgeht und aus den Ergebnissen dieser Er- 
fahrung die „Idee" konstruiert. Das ist erst die wahre „Idee" des 
Lebens, die ihren Endzweck aus dem reichen Material der Tatsachen 
konstruiert und die Erkenntnisse der Einzelwissenschaften zu einem 
widerspruchslosen System vereinigt. Natorp lehnt nun von seinem 
Standpunkte des Neukantianismus aus diese Art der „Erfahrung" 
ab und operiert mit den Kantischen Formen, den apriorischen An- 
schauungsformen und Kategorien und stützt sich ferner auf Piatons 
Ideenlehre, wie das gezeigt worden ist. Ein solcher Standpunkt nun, 
der nicht das Wirkliche in Begri£fe und Gesetze umsetzt, sondern 
ein Prinzip wählt, das über allem Wirklichen steht, eignet sich auch 
nicht zur Grundlegung der Pädagogik, besonders der Sozialpädagogik, 

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— 44 — 

die gerade aus der Geschichte der Gesellschaft und der Psychologie 
ihr Material empfangen muss. Gegenüber den ausserordentlich reichen 
und fruchtbaren Erfahrungen, welche auf den verschiedensten Ge- 
bieten und Hilfswissenschaften der Soziologie gemacht worden sind, 
vermögen Natorps „Idee" nnd „Gesetz", die er für die Psychologie 
nicht minder als für seine Erkenntnistheorie und Ethik und Sozial- 
philosophie aufstellt, nicht viel positiv Neues zu bieten. 

Wie wir nun mit Natorps theoretischen Grundlagen nicht ein- 
verstanden sein können, so vermögen wir auch nicht seinen Ausfüh- 
rungen in seinem praktischen Teil in ihrer Totalität zuzustimmen. 
Der Aufbau des praktischen Teiles ist unhaltbar, weil die theore- 
tische Grundlegung dazu als unannehmbar bezeichnet worden ist. 
Wenn auch Natorps Verdienst gross ist, weil er überhaupt die Not- 
wendigkeit einer Sozialpädagogik betonte, so ist doch keineswegs 
seine Fassung des Begriffes Sozialpädagogik zutreffend. Er sagt: 
„Der Begriff der Sozial pädagogik besagt also, die grundsätzliche An- 
erkennung, dass ebenso die Erziehung des Individuums in jeder 
wesentlichen Richtung sozial bedingt sei, wie anderseits eine mensch- 
liche Gestaltung sozialen Lebens fundamental bedingt ist durch eine 
ihm gemässe Erziehung der Individuen, die an ihm teilnehmen sollen. 
Darnach muss dann auch die letzte, umfassendste Aufgabe der Bil- 
dung für den Einzelnen und für alle Einzelnen sich bestimmen. Die 
sozialen Bedingungen der Bildung also und die Bildungsbedingungen 
des sozialen Lebens, das ist das Thema dieser Wissenschaft. Und 
dies betrachten wir nicht als zwei voneinander trennbare Aufgaben, 
sondern als eine einzige. Denn die Gemeinschaft besteht nur im 
Verein der Individuen, und dieser Verein wiederum nur im Bewusst- 
sein der Einzelglieder. Das letzte Gesetz ist daher für beide, In- 
dividuum und Gemeinschaft, notwendig ein und dasselbe." Und dann 
sagt er wieder: „Wir verstehen darunter (unter Sozialpädagogik) 
also nicht einen abtrennbaren Teil der Erziehungslehre etwa neben 
der individuellen, sondern die konkrete Fassung der Aufgabe der 
Pädagogik überhaupt und besonders der Pädagogik des Willens. Die 
bloss individuelle Betrachtung der Erziehung ist eine Abstraktion, 
die ihren begrenzten Wert hat, aber schliesslich überwunden werden 
muss." Das ist einseitige Sozialpädagogik insofern, als auch die Bil- 
dung des Individuums nur eine soziale ist. Es fehlt die Anerken- 
nung eines für sich bedeutsamen, seine eigenen Gesetze aufweisenden 
Problems der Individualbildung. Wir vermissen ferner in der Dar- 

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— 45 — 

Stellung der sozialen Organisationen manche sozialpädagogische Er- 
scheinungen. Vor allem fehlt es an einer Darstellung über die Lehre 
der Erziehungsfunktionen und über die Organisation des Schulunter- 
richtes, weil diese aus der einseitig sozialen Betrachtung nicht ge- 
wonnen werden können. Anderseits finden sich wiederum Definitionen 
und Auslassungen über den Begri£f und den Umfang der Sozialpäda- 
gogik, die zu allgemein gehalten sind oder gar nicht in das Gebiet 
der Sozialpädagogik gehören. Sind etwa alle ^sozialen Bedingungen 
der Bildung und die Bildungsbedingungen des sozialen Lebens^ 
sozialpädagogischer Art? Natorp identifiziert in solchen Fällen die 
Sozialpädagogik mit Sozialphilosophie und Soziologie überhaupt oder 
einer besonderen Disziplin. 

Wenn auch solche Mängel in der BegrifFsdefinition der Sozial- 
pädagogik vorhanden sind, so fehlt es doch nicht an einzelnen 
fruchtbaren Ideen für die praktische Pädagogik und Erziehung. Die 
mannigfachen Wechselbeziehungen zwischen der Erziehung und der 
Gesellschaft sind klar entwickelt. Er fordert für alle Bürger gleiche 
Recht auf Bildung. Darin schliesst er sich eng an Pestalozzi an. Er 
betont die hohe Bedeutung der Familie für die Erziehung. Doch ist 
es sehr fraglich, ob unter den heutigen Verhältnissen der industriellen 
Grossstädte diese Neugründung der Familienerziehung, wie es in der 
Darstellung der Natorpschen Sozialpädagogik gezeigt worden ist, 
möglich sei. Mit Notwendigkeit wird sich Natorps Forderung durch- 
setzen, die obligatorische Schulbildung bis zum 18. Lebensjahre aus- 
zudehnen. Auch manche der Anregungen hinsichtlich des höheren 
Schulwesens wird die Zeit noch erfüllen. Hinsichtlich des Bildungs- 
wertes der einzelnen Unterrichtsfächer polemisiert Natorp gegen die 
„GesinnungsstoflFe" der Herbartschen Schule. Nun bevorzugt aber 
Natorp Mathematik und Naturwissenschaften wegen ihrer formalen 
Seite des Erkennens. In diesem Formalen des Erkennens haben sie 
eine tiefe Wirkung auf den Willen, der als sittlicher Wille auch ein 
formales Gesetz hat Sehr beachtenswert für das Verhältnis der 
Sozialpädagogik zur Gesellschaft sind Natorps Ansichten über den 
Patriotismus in seinen Erörterungen über den Geschichtsunterricht. 
Der Patriotismus muss erwachsen aus Ueberzeugung. Diese kann 
nur gewonnen werden aus einer ungeschminkten Darstellung der 
historischen Tatsachen. Auf andere Weise ist die Begeisterung fürs 
Vaterland nicht zu erreichen. Wo sie erzwungen oder erkünstelt 
ist, wird sie im rechten Augenblick versagen und keinen Opfersian 

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— 46 — 

fOr die Gemeinschaft aufkommen lassen. Als Mittel sozialpädagogi- 
scher Einwirkung will Natorp die Religion nicht gelten lassen, 
wenigstens nicht die Religion mit transzendentalen Begriffen. Was 
er dafür eintreten lassen will , kann man als soziale Ethik be- 
zeichnen. 

Am Ende dieser kritischen Betrachtung angelangt, fassen wir 
noch einmal kurz die hauptsächlichsten Mängel zusammen. Abzu- 
lehnen sind vor allem seine theoretischen Grundlagen : seine veraltete 
Psychologie und Erkenntniskritik. Sein Begriff der Sozialpädagogik 
ist einseitig. Er berücksichtigt die Individualerziehung nicht. Natorp 
erörtert innerhalb der Sozialpädagogik Fragen, die mehr in das Ge- 
biet der Soziologie und Sozialpolitik gehören. 

Trotzdem ist Natorps Sozialpädagogik schätzenswert, da sie in 
der Kleinarbeit fruchtbare Einzelgedanken und Anregungen bietet, 
die immerhin gründlich durchdacht sind. In der Reihe philosophi- 
scher Systeme der Pädagogik wird sie eine hervorragende Stellung 
einnehmen und fruchtbare Anregung geben. Das hat sich neuerdings 
schon bestätigt, indem aus Natorps Schule eio jüngerer Sozialpäda- 
goge hervorgegangen ist, der sich bereits durch eine ansehnliche 
Arbeit über Sozialpädagogik einen Namen gemacht hat. Es ist A, Oör- 
land (in Hamburg), der in einer interessanten Darstellung „Paul 
Natorp als Pädagoge — zugleich mit einem Beitrag zur Bestimmung 
des Begriffes der Sozialpädagogik" (1903, Klinkhardt, Leipzig) be- 
handelt hat. (Zuerst ist diese Abhandlung in der „Deutschen Schule", 
1903, S. 469 ff., ei'schienen.) Von der Individualpädagogik behauptet 
Görland, dass sie vor dem Problem „von Gemeinschaft und Person" 
und von „Kultur und Erkennen" versage. Die Natorpsche Sozial- 
pädagogik — und auch seine eigene — grenzt er aber gegen die 
populäre Sozialpädagogik ab, die er auch „sozial interessierte" Päda- 
gogik nennt. Die eigene Sozialpädagogik bezeichnet Görland als 
„kritische" Sozialpädagogik. Er gesteht selbst, dass er seine Abhand- 
lung, als Schüler Natorps, in der latenten Stimmung geschrieben, 
die ein ernstes Studium der „ Sozial pädagogik" (Natorps) schafft. 
Und wenn auch Görland seine Gedanken in freier Selbstentwicklung 
der Idee der Sozialpädagogik gefunden hat, so sind sie in ihrem 
wesentlichen Kern ganz von Natorp bestimmt. Was wir an kritischen 
Bemerkungen gegen Natorp ausgesprochen haben, gilt füglich auch 
für Görland. Nur sei noch betont, dass diese „kritische" Sozial- 
pädagogik in ihrem praktischen Teile über ähnliche Versuche zur 

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— 47 — 

Lösung sozial pädagogischer Probleme, wie wir sie noch im weiteren 
Verlauf kennen lernen, weit emporragt. 

Das gilt ganz besonders gegenüber der Sozialpädagogik, wie sie 
von Patd Bergemann (geb. 1863 zu Löwenberg in Schlesien) in Jena* 
dargestellt worden ist unter dem Titel ;,Soziale Pädagogik auf er- 
fahrungswissenschaftlicher Grundlage und mit Hilfe der induktiven 
Methode als universalistische oder Kulturpädagogik". Bergemann be- 
hauptet also, von der ErfaJvnmgswissemchaft auszugehen durchaus 
auf dem Wege der Induktion. Er sagt: „Nicht aus irgendwelchen 
kritisch-philosophischen oder sonstigen Voraussetzungen werden päda- 
gogische Prinzipien abgeleitet, sondern die für die Erziehungswissen- 
schaft in Betracht kommenden Grundsätze werden gewonnen als 
Ergebüisse, als Konsequenzen von Erfahrungstatsachen, und zwar 
von Tatsachen der äusseren Erfahrung." üeber das Ziel, über das, 
was er mit seiner Pädagogik erstrebt, spricht er sich in „nicht miss- 
zuverstehender Weise" aus: „Meine Pädagogik sucht in besonders 
markanter Form dem Geiste der Zeit gerecht zu werden, welcher 
durchaus positivistisch gerichtet ist, aber doch nicht mit blosser 
Wissenschaft sich begnügt, sondern von dem Verlangen nach einem 
neuen geistigen Besitze ergriffen und eifrig bemüht ist, einen solchen 
zu suchen." Die einzige Wissenschaft, welcher Bergemann Einfluss 
auf seine Auseinandersetzungen gestattet — so meint er wenigstens — 
ist die Naturwissenschaft, oder besser gesagt, die Biologie. Unter 
dem biologischen Gesichtspunkt betrachtet er wahllos alles. 

Als eine seiner Grundanschauungen betont er in der Sozial- 
pädagogik die entwickelnd - evolutionistische Ethik. Es ist keine 
Spur mehr davon zu merken, dass Bergemann einst in der wissen- 
schaftlichen Pädagogik der Herbart-Reinschen Richtung (als Ober- 
lehrer am Pädagogischen Universitäts-Seminar in Jena) nahe gestanden 
hat. Als Vorläufer seiner „sozialen Pädagogik" beseichnet Berge- 
mann seine Schrift : „Die evolutionistische Ethik als Grundlage der 
wissenschaftlichen Pädagogik" (1894). Ueber dieselben Fragen spricht 
er auch in seiner Abhandlung: „Die drei Fundamentalprobleme der 
Pädagogik und ihre theoretische Lösung" (1897). (Sonst hat sich 
Bergemann noch in einer Anzahl von Arbeiten aus der Geschichte 
der Philosophie und der wissenschaftlichen Geographie und Anthro- 
pologie versucht, von denen namentlich seine anthropologischen Stu- 
dien ihn stark beeinflusst haben in seinen Anschauungen.) In ganz 

' Inzwischen Schuldirektor in Schlesien. 

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— 48 — 

charakteristischer Weise hat es Bergemann unterlassen, seiner Sozial- 
pädagogik eine psychologische Grundlegung vorauszuschicken. Erst 
nachträglich (!) ist als Ergänzung, wie er selber sagt, ein ^Lehrbuch 
der pädagogischen Psychologie" (1901) erschienen. Bergemann will 
es eben versuchen, seine Pädagogik ganz unabhängig (!) von allen 
philosophischen Grundlagen darzustellen. Er will ^von unten" her, 
nicht von „oben" arbeiten. Darin glaubt er am besten seinen Gegen- 
satz zu Natorp und aller herkömmlichen Art der Definition von 
Pädagogik als Kunstlehre, welche ihre Arbeit mit erborgtem Lichte 
leiste, gekennzeichnet zu haben. 

Der Mensch ist nach Bergemann ein Erzeugnis seiner Zugehörig- 
keit zur ganzen Menschheit in leiblicher und geistiger Beziehung. 
Daraus ergibt sich als Aufgabe der Erziehung: die naturgemässe 
Entwicklung dieser Beziehungen. Als letztes Zid der sozialen Für- 
sorge der älteren Generation der jüngeren gegenüber gilt Bergemann 
die Befähigung zur Mitarbeit an den Aufgaben der Gesellschaft. Die 
Erziehunjrsmittel gewinnt er aus der Entwicklung dieser Beziehungen 
des Individuums zur Gesellschaft. Seine sozialpädagogischen An- 
schauungen hat Bergemann zum ersten Male niedergelegt in seinem 
Schriftchen: „Aphorismen zur sozialen Pädagogik", das grundlegend 
geworden ist für seine umfangreiche Arbeit über die „soziale Päda- 
gogik". (Ausserdem hat sich Bergemann in kleineren Abhandlungen 
pädagogischer Fachzeitschriften über dasselbe Thema ausgesprochen.)' 

An der Hand seiner „sozialen Pädagogik", in die alle früheren 
Arbeiten hineingestellt sind, wollen wir Bergemanns sozialpäda- 
gogisches System zunächst darstellen und uns vorerst jeder kritischen 
Stellungnahme enthalten, obwohl gar viele Behauptungen des erwähn- 
ten Autors über seinen Ausgangspunkt, seine Methode, über seine 
neue Definition der Sozialpädagogik, der Umwelt und des Milieus 
(die er da und dort identifiziert mit „Gattung" im Gegensatz zum 
„Individuum") und seine fundamentale Verwechslung der Erziehung 
mit der Entwicklung (im biologischen Sinne) fortgesetzt dazu heraus- 
fordern. Die kritische Beurteilung soll sich zusammenhängend über 
das ganze System erstrecken. Bergemann erörtert zunächst die 
pädagogischen Grundbegriffe in ihrer erfahrungswissenschafüichen 
Ableitung. Als ersten dieser Grundbegriffe untersucht er den Begriff 
der Erziehung überhaupt, die er von seinem sozialpädagogischen 

» Deutsche Schule, 1897, Seite 14 ; Leipziger Lehrerzeitung, 6. Jahrgang 
Nr. 17 und 18 u. s. w. 



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— 49 — 

und ganz neuen Standpunkte (!) aus bezeichnet als die ^^absichtliche 
Einwirkung der Erwachsenen und Reifen auf die Unerwachsenen 
und Unreifen, damit diese zu jenen werden". „Die Erziehung ist 
ein Verhältnis, das für den einen Teil, den Zögling, ein zwangs- 
massiges ist, ihm zwar zu seinem eigenen und vornehmlich der Ge* 
Seilschaft Besten auferlegt, aber ohne seine Einwilligung, zumeist 
sogar gegen seine Neigung und jedenfalls, ohne dass er anfanglich 
seine Berechtigung und Notwendigkeit einsähe/ Dann wirft Berge- 
niann die Frage auf, ob durch die Erziehung dieses Ziel wirklich 
zu erreichen sei. Nach seiner Meinung bedingen Vererbung und 
Anlagen hauptsächlich ihre Möglichkeit und ihre Grenzen. Der 
Einfluss der Erziehung kann nach Bergemann niemals absolut sein 
und kann nur auf sogenannte mittlere Naturen eine entschiedenere 
Wirkung haben. Eine Gesetzmässigkeit lässt sich für ihren Einfluss 
auch nicht festsetzen infolge der mächtigeren [7mu;e2foeinwirkungen. 
Doch ist die Bildsamkeit des Individuums möglich durch diesen 
Zusammenhang mit der Umwelt oder der Gattung. „Die Einflüsse 
des Milieus, in welchem die Kinder aufwachsen, sind gewöhnlich 
ausserordentlich nachhaltig. Sie reichen weit über ihre wirkliche 
Dauer hinaus und in das spätere Leben des Menschen hinein. In 
den seltensten Fällen können sie vollkommen eliminiert und ganz 
unwirksam gemacht werden." Die Erziehung ist nach Bergemann 
nur in ganz engen Grenzen möglich, so weit es gelingt, ungünstige 
Einflüsse der Veranlagung und Vererbung aufzuheben oder zu hem- 
men oder Einflüsse der Umwelt zu korrigieren. Dennoch soll die 
Erziehung bis zur vollen Keife (etwa bis zum 20. Jahre) ausgedehnt 
werden. Ueber das Ziel der Erziehung sagt er: „Das Ziel der Er- 
ziehung kann nicht der Religion oder der Ethik entlehnt, sondern 
es muss aus der Biologie abgeleitet werden.^ Also nur di^ Biologie,, 
die die Erhaltung und Vervollkommnung des Lebens überhaupt und der 
Gattung im besonderen erstrebt, so meint Bergemanu, kann der Päda- 
gogik einen sicheren Boden geben, von dem aus der Mensch y,in Ange- 
messenheit seiner körperlichen und geistigen Kraft ein Kulturarbeiter^ 
werden kann als „ein tüchtiger Bürger seines nationalen Staates und 
als ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft im Gemein- 
schaftsleben überhaupt, dessen wirtschaftliche und politische Ansichten, 
dessen Rechtsanschauungen, Moral, Religiosität und Geschmack in 
Uebereinstimmung mit den Lehren und Ueberzeugungen der besten 
und edelsten Geister seines Volkes und seiner Zeit im aUgemeinen 

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— 50 — 

stehen und dessen Erkenntnis allseitig gefördert wird." Das mensch- 
liche Geschlecht ist fortwährend der Entwicklung unterworfen. So 
wird dieses Ziel ein immer höheres^ so dass sich mit ihm stets auch 
die Erziehungslehre wandeln muss und ynmöglich eine allgemein- 
gültige sein kann. Nur die formale Seite der Erziehung kann eine 
allgemeine Erziehung erfahren. In der Festsetzung der Erziehungs- 
funktionen muss sich die Pädagogik auf die physiologische Psycho- 
logie stützen und insbesondere den innigen Zusammenhang von 
Körper, und Geist berücksichtigen. Die fundamentale Erziehungs- 
funktion ist die Pflege, die sich auf das körperliche und geistige 
Wohlergehen des Zöglings erstreckt, um für einen normalen Ablauf 
der Entwicklung zu sorgen, besonders auf Vermeidung dessen soll 
sie achten, was Nei-vosität der Kinder hervorrufen kann : die Ueber- 
schüttung der Kinder mit Schall- und Lichtreizen durch frühzeitiges 
Besuchen von Gesellschaften, Konzerten, Theatervorstellungen u. dgl. 
Als zweite psycho-physische Erziehungsfunktion empfiehlt Bergemann 
die Uebung, besonders bezüglich des formell-gesellschaftlichen Ver- 
haltens des Kindes, sofern nämlich dasselbe dadurch auf das Ge- 
meinschaftsleben und seine Bedeutung schon sehr frühe hingewiesen 
wird und sich zusammennehmen, sich gewissen Regeln und Ordnungen 
fügen lernt. Diesen Erziehungsfunktionen koordiniert (!) dann Berge- 
mann noch das Spiel, die Zucht und den Unterricht (!), weil eben 
alle die spezifische Färbung erhalten durch die ihnen zugewiesene 
Stellung in der Erziehung für die Gemeinschaft, von der er ausgeht 
und zu der er immei* wieder zurückgeht. 

Im zweiten Teile seiner „sozialen Pädagogik" bespricht Berge- 
mann die soziologischen Grundlagen, die noch des weiteren die Be- 
deutung der Gemeinschaft ausführen sollen. In seiner masslosen 
Ueberschätzung der Gemeinschaft ist es ganz natürlich, dass Berge- 
mann die Unzulänglichkeit der Individualpädagogik, d. h. die indivi- 
dualistische Auffassung bis zum Zerrbild entstellt. Der individuelle, 
isolierte Mensch hat keine Existenz. (!) Es gibt nur soziale Wesen, 
die gleichzeitig von einem Einzel- und einem Gesamtgeist beherrscht 
sind (!) Der Individualismus ist gänzlich unfihig, die Erscheinungea 
des sozialen Lebens auch nur einigermassen befriedigend zu erklären, 
ob es sich um den idealistischen oder naturalistischen Individualismus 
handle. Bergemann kann nur durch eine Möglichkeit beiden Seiten 
gerecht werden, indem er sagt: „Der Mensch ist ein sozial-indivi- 
duelles Wesen". Durch diese Vereinigung und Verschmelzung werden 

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— 51 — 

die Einseitigkeiteil zur vielseitig«» E^heitlichkeit geführt. Die hohe 
Bedeutung des naturalistiseben Individualifimus, wie er besonders 
von Spinoza v^treten worden ist, kann dadurch erst ganz zur kraft- 
volleu Entfaltung gelangen in Verbindung mit dem Universalismus. 
Denken wir besonders an die Toleranzidee mit all ihren Fragen. 
Der Zusammenhang des Individuums mit der Gemeinschaft ist zu- 
nächst in leiblicher Beziehung darin begründet, dass das Neugeborene 
an einer ganz bestimmten körperlichen Beschaffenheit eines beson- 
deren Sozialverbandes teil hat. Es bleibt stets und unter allen Um- 
ständen, auch bei etwaiger Versetzung in ein anderes Milieu, als 
solches deutlich erkennbar; der seinem Leibe ein- und aulgeprägte 
besondere soziale Stempel ist unverwischlich. Ebenso ist in geistiger 
Beziehung die Abhängigkeit des Individuums vom Gesellschaftsver- 
band leicht nachweisbar. Die Seele des Kindes ist ein Teil der sozialen 
Psyche, die sich unter deren Einflüsse entwickelt, ist ein Stüek 
knospenhaften Volksehai*akters, die sieb allmählich unter dessen Au- 
spizien zur vollen Blüte entfaltet. Dennoch darf man nicht in den 
Fehler verfallen und die Einzelgeister als blinde Werkzeuge des 
Gesamtgeistes auffassen. (!) Dem widerspricht die Tatsache der Exi- 
stenz des Selbstbewusstseins. Im Selbstbewusstsein erfassen wir ui^ 
als Individuum, als Persönlichkeit. Gleichzeitig werden wir uns der 
Beziehungen bewusst, in denen wir zu unserer Umgebung stehen, 
erkennen wir unsere geistige Abhängigkeit von Vor-* und Mitwelt. 
Wir begreifen uns als Gliedganzes. Also der Einzelgeist ist nicht 
ein blosses Werkzeug des Gesamtgeistes, sondern vielmehr in seiner 
Stellung und seines Wertes sich wohl bewusster Beamter im Gesell- 
schaftshaushalte und -betrieb. Nur im Einzelgeiste ist eine energische 
Konzentration auf ganz bestimmte 2^ele möglidi ; dem Gesamtgeiste 
geht diese Fähigkeit ab, so dass er stets der Einzelgeister als 
Wegweiser bedarf, um ihn zu wahrhaft tatkräftiger Sammlung und 
sicherer Zielbewusstheit hinzufa^hren. Und ebenso ist das Individual- 
leben in seinem Instinkt und Triebleben sozial bedingt. Denn in 
diesen beiden Richtungen ist ihm ein, gewissen eigenartigen Lebens- 
bedingungen entsprechendes gewisses eigenartiges Gepräge von Ge- 
burt an eigen. Auch auf dem Gebiete des Empfindens, Fühlens und 
Wollens macht sich die soziale Bedingtheit des Individuallebens 
geltend, wie uns das ein Vergleich der verschiedenen Rassen und 
Völker lehrt und innerhalb eines Vidkes die geist^fe Verschiedenheit 
infolge verschiedener Lebenswelse, der eigentümlichen Beschaffenheit 

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— 52 — 

des besonderen engeren sozialen Milieus. Zusammenfassend lässt 
sich nach aUedem sagen, dass das Individualleben in jeder Hinsicht 
sozial bedingt ist. Der Einzelne denkt, fühlt und handelt in allen 
wesentlichen Stücken wie die Gesamtheit, in die er hineingeboren 
und in der er auferzogen wird und zum reifen Menschen heranreift 
In eingehender Erörterung zeigt dann Bergemann die Entstehung 
der sozialen Lebenskreise und ihre Entwicklung, um im Anschluss 
daran den Nachweis zu erbringen, dass die Kultur als Produkt des 
Gemeinschaftslebens und als Gemeinbesitz zu betrachten ist. Das 
Gesellschaftsleben zeigt stets die Richtung auf die Erhaltung der 
Gattung. Die letzte pädagogische Zwecksetzung der Triebkräfte des 
Gesellschaftslebens, die in Einzelnen aufgeführt werden, verfolgt 
eine zunehmende Verinnerlichung. Diese Verinoerlichung ist aber 
nur möglich, wo freie Personen und souveräne Charaktere gebildet 
sind, mit der natürlichen Energie des Willens, den Feuerfunken 
des Lebens aus sich heraus zu schlagen. Denn bloss solche freie 
Menschen, solche sich gewissermasseu selbstschaffende Personen 
sind vollkommene Glieder der Gesellschaft und vermögen allein den 
Menschheitszweck voll zu erfassen und zu erfüllen. „Personalistisch^ 
soll nach Bergemann die Eulturpädagogik sein, allerdings in anderem 
Sinne als bei Stirner und seiner Arbeit über das „unwahre Prinzip 
in der Erziehung". Mit Recht betont Bergemann an dieser Stelle, 
dass es unfruchtbar sei, als den Zweck der Gesellschaftstriebe die 
„Idee" (im Sinne Natorps) zu setzen. „Um der Idee willen etwas 
zu tun oder lassen, das erscheint dem Kind als Gipfel des Absurden. 
Dagegen begreift es sehr wohl, dass es uüi eines bestimmten Zweckes 
willen handeln soll." Die folgerichtige Konsequenz aus dem Gesagten 
muss zur Hsimng des Niveaus der Masse führen, damit die Erziehung 
alle Menschen zu Personen macht. „Erst wenn dies geschieht, wird 
es wieder eine Lust sein zu leben und zu schaffen, erst dann wird 
jeder der Gemeinschaft froh werden und freudig seine Kräfte in 
ihren Dienst stellen. Alles zu Hoffende ist somit eine Erziehung, 
welche personalistisch und sozial im Hinblick auf das Volksganze 
ist." Doch nicht ewig starr und unbeweglich sind die Güter der 
Verinnerlichung: Kultur und Sittlichkeit sind vielmehr fortgesetztem 
Wandel der Vervollkommnung und immer Verfeinerter Vertiefung 
ausgesetzt. Es erwächst also auch nach Bergemann ein Bewusstsein 
von der Unendlichkeit der Aufgabe — aber ganz im Anschluss an 
das Leben und sein Gesetz der Evolution. 

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- 53 — 

Die Aufgabe des einzelnen Menschen, mitzuarbeiten an der Ver- 
vollkommnung der Gattung, kann nur verstanden werden in der 
Selbsteinreihung in einen einzelnen Menschenverband. Der Abstand 
von Individuum und Gesamtmenschheit würde zu weit und infolge 
dessen das Verhältnis zwischen beiden unfruchtbar sein zur Zweck- 
setzung. Die individuelle Psyche hat besonderste (individuelle), be- 
sondere (volkische), allgemeine (kulturgesellschaftliche) und allge- 
meinste (menschheitliche) Züge aufzuweisen. Dennoch hat der Ein- 
zelne nur Phänominaieodstenz (!). Der denkende Mensch kann sich 
nicht denken ohne Oemeinschaft und die Oememsdiaft nicht am 
seinem Leben hinwegdenken. Er begreift sich ganz als historisches 
Wesen und wird der Nichtigkeit der eigenen Einzelheit inne. Der 
„einzelne^ Mensch ist ein blosses, leeres Abstraktum. Es gibt keine 
Einzelnen, wie leiblich nicht, so auch geistig nicht. Auch im Fühlen 
sind wir alle eine homogene Masse. Die geschichtliche Bindung ist 
allumfassend; alles ist Geschichte, Wir hängen, wir y^zappdn^ aUe 
am historischen Faden, wie der Fisch an der Angd. Die Macht des 
OesamtgeisteH erweist sich so als ein durchaus Reales. Die soziale 
Psyche oder RoUektivsede ist somit ebenso wirklich wie die Einzd- 
seele. Was für die Einzelsede das Hirn- und Nervensystem, das sind 
für die Kollektivseele, für die soziale Psyche die natürlichen Lebens- 
bedingungen, so dass uns auch die soziale Psyche als ein sehr kompli- 
ziertes Gebilde erscheint, allerdings mit grösserer Stabilität in ihrer 
Bewegung. Ihre Tätigkeit zeigt sich in der Schaffung, Erhaltung 
und Umbildung der Lebensformen, der individualen wie der sozialen. 
Sie soll auf der Grundlage angemessener materieller Lebensformen 
haltbare Lebensformen ideeller oder geistiger Art errichten. So wird 
die Lebenserhöhung erleichtert und ihr nach Möglichkeit Vorschub 
geleistet. Das vorzüglichste Mittel zur Erreichung dieses Zweckes 
ist offenbar die Erziehung. Wie sich die Erziehung zu gestalten 
habe, das zeigt Bergemann im dritten Teil, in dem er den theoreti- 
schen Aufbau der sozialen Erziehungslehre als Kulturpäda^gogik ent 
wickelt. Bergemann untersucht zunächst das Verhältnis der häus- 
lichen und öffentlichen Erziehung zu einander. Er kommt zu dem 
Schluss, dass die blosse Einzelerziehung durch Hofmeister u. dergl. 
im Hause ebenso zu verwerfen sei wie die vorwiegende Massen- 
erziehung. Die Einzelerziehung würde die Herausbildung gesell- 
schaftlicher Sonderlinge , die Massenerziehung die menschlicher 
Dutzend-, menschlicher Fabrikware zur Folge haben. Ein Neben- 

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— 54 — 

einander von häuslicher und öffentlicher Erziehung ist unbedingt 
notwendig. In warmen Ausführungen verbreitet sich Bergemann 
aber die Bedeutung der FamiUe fOr die Erziehung des Kindes ; wie 
die Familie die erhabemde soziale ErziehungsinstUuUon sei. ^Nur die 
Eltern können dem Kinde mit jenem warmen Hauche der Liebe 
nahen, der auch die Strenge als ein sanftes Joch erscheinen lässt, 
und der mit dieser im Verein das Wesen des Kindes erst zu einem 
so harmonischen gestaltet, dass es in seinen Aeusserungen wahrhaft 
uns entzttckt." „Es heisst aus dem Leben eines Menschen ein Stück 
grossen und edien Glückes hinwegnehmen, wenn man ihn seiner 
Familie entreisst. Eine Glücksquelle zu verstopfen, sollte man nun 
nicht so schnell bei der Hand sein ; man sollte erwftgen, dass Glücks- 
gefühlen eine grosse treibende Kraft innewohnt ; dass die Erinnerung 
an eine schöne, im Schosse der elterlichen Familie verbrachte Kind- 
heit auf das ganze fernere Leben mit allen seinen Kämpfen und 
Stürmen einen verklärenden Schimmer wirft. Diese Erscheinung ist 
wahrhaft ein Paradies und zwar ein solches, aus dem uns nichts 
vertreiben kann, in das wir flüchten können, so oft wir wollen, so 
oft wir darnach verlangen tragen und Bedürfnis haben, in dem wir 
verweilen dürfen, so lange es uns immer beliebt.^ Bergemann 
weist dann noch hin auf die von der Familie ausgehende Anregung 
für die spätere Lebensgestaltung des Kindes. „Wer in der Jugend 
ein geordnetes Familienleben mit all seinen Reizen, all seinem 
Glück kennen gelernt hat, der wird, zur Reife gelangt, den lebhaften 
Wunsch h^en, selbst einen häuslichen Herd, selbst eine Familie zu 
gründen. Ein Mensch dagegen, der nicht in seiner Kindheit die 
Freude des Familienlebens kennen gelernt hat, wird viel weniger 
leicht geneigt sein, sich zu verheiraten, ihm wird (Ue Gründung 
eiaes eigenen Herdes, einer eigenen Familie weit weniger am Herzen 
liegen." Trotz aU dieser herrlichen Vorzüge ist die Familienerziehung 
allein nicht ausreichend, um in vollkommener Weise den Gemein- 
geist der Kinder zu pflegen. Sie muss ergänzt v^rerden durch die 
öffentliche Ersdehung. Zu dieser öffentlichen Erziehung rechnet 
Bergemann diese Bestandteile: Schule, Spiel-, Tum- und Leaevereim- 
gungm, gemeinsame Ausflüge und Reisen tu a, m. Diesen verschiedenen 
Bestandteilen der Erziehung weist Bergemann die Erziehungsfunk- 
tionen zu und zwar so, dass die Doms^e des Hauses neben der 
Pflege hauptsächlich in der Funktion der Zuckt besteht. Charakter 
und QemUtsbUdung ist Sache des Harnes. Der Schule föUt die 

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— 55 — 

Funktion des Unterrichtes als Hauptdomäne zu, d. h. intellekttieUe 
Büdtmg. Mit Recht weist Bergemann darauf hin, dass auch auf 
dem Gebiete der Erziehung eine systematische Arbeitsteilung not- 
wendig sei. Er weist auf den verhängnisvollen Fehler hin, dem 
Lehrer zuzumuten bei seiner grossen Schülerzahl auch noch bei 
seiner sonstigen Tätigkeit zu individualisieren, d. h. die Charakter- 
bildung noch in sein Arbeitsgebiet ganz hereinzubeziehen. Das ist 
undenkbar. Auf dem Gebiete der Charakterbildung sind so grosse 
Differenzen zu beachten, die rein subjektiv sind und so nur in der 
Einzelerziehung des Hauses beachtet und verstanden werden, wie 
das aus den früher erwähnten Vorzügen der Familienerziehung 
evident hervorgeht. Der Charakter kann nur durch Gewöhnung, 
durch stete Einwirkung gebildet werden. Eine solche ist bloss der 
FamiKe möglich, nicht der Schule. In der Schule bringt das Kind 
täglich nur wenige Stunden zu, so dass es gar nicht möglich ist, 
so gründlich die Individualität des Einzelnen kennen zu lernen. 
Anders ist es auf dem Gebiete der intellektuellen Bildung. Hier 
sind die Unterschiede wenigstens beim normalen Durchschnitt, nicht 
so gross und fein, nicht so bedeutsam und vielsagend wie bezüglich 
der Gemütsveranlagung. Ausserdem beansprucht die Vermittlung 
so vielseitiger Kenntnisse Persönlichkeiten, die ihren Lebensberuf 
darin finden. Die intellektuelle Bildung muss so einer sozialen 
Institution, der Schule überlassen werden. In kritischer Weise wendet 
sich Bergemann g^en Natorps Meinung, dass die intellektuelle Bil- 
dung einen sehr bedeutsamen Beitrag zur Willenserziehung zu stellen 
vermöge. Wenn Bergemann auch zugibt, dass die intellektuelle 
Bildung im gewissen Sinne als im Dienste der Willensbildung stehend 
anzusehen sei, so bestreitet er, dass die Verstandesbildung zur Willens- 
bildung beizutragen fähig sei: „Mit Hilfe der Verstandesbildung 
vermag man wohl dem Willen eine Fackel anzuzünden; aber ihn 
zu zwingen, dem Leuchten dieser Fackel stets nachzugehen, das ver- 
mag man nimmermehr." Aber viel, viel schärfer wendet sich Berge- 
mann gegen „die Fabel des erziehenden Unterrichtes", den er ein 
Schlagwort als Schale ohne Kern nennt, wie er von Herbart und 
Ziller bis auf die Gegenwart von deren Schule gefordert wird. Sehr 
zum Nachteil der gedeihlichen allseitigen Entwicklung der Pädagogik 
ist das geschehen, indem dadurch — nach Bergemanns Ansicht — 
die Didaktik ungebührlich in den Vordergrund des Interesses ge- 
rückt, ja geradezu zum Mittelpunkt der pädagogischen Reflexionen 

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— 56 — 

gemacht und der Blick für das Ganze der Erziehungsarbeit und die 
Gesamtausdehnung des Erziehungsproblems getrübt wird. Der Grund- 
irrtum des „erziehenden Unterrichts" beruht in der Annahme, dass 
das von der Schule vermittelte Wissen direkt in Sittlichkeit umge- 
setzt werden müsse. Das Wollen des Individuums soll aus den Ge- 
dankenmasseu herauswachsen. Die Gefühle und Wollungen seien 
nicht selbständig, sondern nur Modifikationen der Vorstellungen,, 
„die durch das Zusammentreffen der Vorstellungen im Bewusstsein 
entsteheu". Nach Bergemann lehrt uns schon die Erfahrung, dass 
Vorstellungen, Gefühle und Strebungen koordinierte psychische Er- 
scheinungen und so qualitativ voneinander verschieden sind. Und 
vor allem zeigt uns das tägliche Leben, dass hohe intellektuelle Bil- 
dung nicht immer vereinigt ist mit einer entsprechenden Charakter- 
und Gemütsbildung, wie es doch nach dem „erziehenden Unterricht" 
sein sollte. Die Tugend ist eben nicht lehrbar, sondern sie kann 
nur durch Beispiel und Gewöhnung erworben werden. Es ist des- 
halb falsch, den „erziehenden" Unterricht von einem also nicht er- 
ziehenden zu unterscheiden. „Aller Unterricht wirkt erziehlich", 
sagt Th. Ziegler ^ „wenn er nur gut ist. Aber doch bleibt der Schule 
als eigentliche Aufgabe der Unterricht. Das Wesen der von ihr ge- 
übten Erziehung liegt vielmehr im Generalisieren, nicht im Indivi- 
dualisieren." Als Träger dieser Erziehung gelten Lehrer und Eltern 
und diejenigen Personen, denen es obliegt, die Turn-. Spiel- und 
Lesevereinigungen und die gemeinsamen Reisen und Ausflüge der 
Zöglinge zu Teiten; kurzum: cUle Menschen sind Träger der Er- 
ziehung. Dazu ist es nötig, dass sie alle sich dessen voll und klar 
bewusst sind und dass sie etwas davon verstehen. Für die Aus- 
bildung der berufsmässigen Erzieher fordert Bergemann, dass alle 
die gleichen Lehranstalten besuchen und dieselbe allgemein-pädago- 
gische Ausbildung empfangen. Ein Unterschied darf nur in der 
Sonderausbildung für diesen oder jeneji Teilzweck der Erziehung 
bestehen. Wer Erzieher von Beruf sein will, sollte das Gymnasium 
absolviert und dann die Universität besucht haben. Bergemann 
verbreitet sich noch im einzelnen über die Ausbildung der berufs- 
mässigen Erzieher und spricht dann über die Frage, wie die mebr 
gelegentlichen Erzieher zur Erfüllung ihrer harrenden Erziehungs- 
aufgaben tüchtig gemacht werden könnten. Der Gesellschaft muss 



Ziegler, die Fragen der Schulreform. 

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— 57 — 

das Recht eingeräumt werden, Kontrolle über die Hauserziehung 
auszuüben. So erheischt es das Wohl für die Gesamtheit und für den 
Einzelnen. Einem Erziehungsrat, der sich an die Gemeindeverwal- 
tung, mit behördlicher Autorität ausgerüstet, anschliesst, sollte diese 
Kontrolle übertragen werden. Ferner sollte durch besondere Mass- 
nahmen die pädagogische Einsicht der allgemeinen Erzieher ausge- 
bildet werden. Schon in der Fortbildungsschule sollten obligatorische 
pädagogische Kurse eingerichtet werden für beide Geschlechter. Auch 
in volkstümlichen Kursen für Erwachsene sollten pädagogische Be- 
lehrungen stattfinden. Vor allem sollten auch die Erwachsenen zur 
praktischen Betätigung in Familien, Schulen oder in eigens zu schaf- 
fenden freieren Vereinigungen zu Erziehungszwecken herangezogen 
werden. Auch die Presse müsste pädagogische Erziehungsprobleme 
in eingehender Weise behandeln. All das stellt Bergemann in ein- 
gehender Behandlung dar und fordert für die Mädchen geradezu die 
Konstituierung einer „pädagogischen Dienstpflicht^, damit die Nation 
im allgemeinen eine erhöhte Befähigung zur Erfüllung der ihr ob- 
liegenden erzieherischen Verpflichtung erlange. Im weiteren behandelt 
Bergemann die Gnmdzüge der leiblichen und geistigen Entwicklung 
der Erziehungsobjekte, welche in ihrer Art geradezu grossartig und 
überaus zutreffend genannt werden können. Ebenso gründlich ist die 
Darstellung über die Handhabung der „Erziehungsfunktionen" : über 
körperliche und geistige I^ege und gdegmüiclie Belehrung, getrennt 
von der Schule; über die Uebung, die in entsprechender Weise auf 
alle Teile der Erziehung verteilt ist; über das Spid und seine Be- 
ziehung zur Kunst; über die Zmht, deren Mittel im einzelnen er- 
wähnt sind, und im besonderen behandelt er als wichtigste Aufgabe 
der Zucht, den Zögling zur Selbstbeherrschung in geschlechtlicher 
Beziehung zu führen in ruhiger, sachlicher Besprechung geschlecht- 
licher Dinge. Namentlich der Mutter weist Bergemann dafür eine 
wichtige Vermittlung zu. Auf zwei Mittel weist Bergemann noch 
ausserdem hin: auf eine fein ästhetische Erziehung, die die Erhal- 
tung der Keuschheit stützen soll, und auf die gemeinsame Erziehung 
der Knaben und Mädchen ^ Neben den individualistischen Tugenden 
erfohren dann auch die ideellen Selbsterhaltungstriebe und die so- 
zialen Triebe eine Besprechung. Bergemann zeigt, wie sie im ein- 
zelnen erzieherisch zu beeinflussen seien. Besonders erwähnenswert 



Bergemann, Die Sittlichkeitsfrage und die Schule. 

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- 58 — 

sind Bergemanns Ausführungen über die Pflege der Heimat- und 
und Vaterlandsliebe und die Erziehung zum Kosmopolitismus und 
zur Humanität. Beide vertragen ganz gut eine enge Verbindung, 
wenn der Chauvinismus aus dem Spiele bleibt. In seiner Abhandlung 
über die Organisation der öflFentlichen Erziehung bespricht Berge- 
mann die Frage, wem die Pflege derselben obliegen soll. Ist der 
Kirche oder dem Staat das Recht der Pflege zuzusprechen? Trotz- 
dem Bergemann der Kirche ein gewisses historisches Recht auf das 
öflFentliche Erziehungsweseu zuweist, ist nach seiner Meinung keine 
Veranlassung gegeben, daraus ein aktuelles Recht für Gegenwart und 
Zukunft abzuleiten. Die Kirche ist nicht mehr, wie im Mittelalter, 
Bildungsgemeinschaft, sondern der moderne Staate der als nationaler 
Staat die ganz selbstverständliche Konkretisierung des Begriffes 
„Oesamtheit" darstellt ; der als parlamentarisch organisierter Volks- 
staat Besitz- und Wirtschafts-, Rechts- und Bildungsgemeinschaft, 
kurz Gesellschaftseinheit, der Repräsentant des Volksbewusstseins, 
im besonderen des VolkswiUens ist. Darin stimmt Bergemann ganz 
mit Natorp überein. Bergemann geht aber noch einen Schritt weiter 
und erklärt die Religion für den modernen Kulturmenschen als eine 
blosse Gefühlssache und ein Phantasiewerk, das als Randverzierung 
des Lebens dienen kann. So darf also der Kirche kein Einfluss auf 
das Erziehungswesen eingeräumt werden. Der Staat als Aufsichts- 
organ besitzt die grösste Autorität und ist vorzugsweise vom Geiste 
der bürgerlichen Pflichterfüllung getragen. Vertreten und unter- 
stützen lassen kann sich der Staat durch die Oemeinde, Der aus- 
übende Staatsbeamte darf natürlich nur ein Fachmann sein. Und 
an der Spitze des einzurichtenden Erziehicfigsministeriums sollte 
selbstredend auch nur ein Pädagoge stehen. Trotzdem Bergemann 
die religiöse Gemeinschaft für die Schulaufsicht ablehnt, soll die 
Jugend doch nicht ohne religiöse Belehrung bleiben. Doch darf der 
Glaube, zu dem erzogen wird, nur ein Vernunßglaube sein, der im 
Einklang steht mit der zunehmenden Natur- und Geschichtserkenntnis. 
Für eine solche Erziehung sollte der Staat mit aller Energie ein- 
treten. Die religiösen Belehrungen sollten in Form moralischer Unter- 
Weisungen geschehen. An dieser Stelle unterzieht Bergemann das 
Wesen und die Erziehung des Christentums einer Kritik, die vorerst 
wohl kaum allgemeine Zustimmung finden wird '. Dann gibt Berge- 



' V. Sallwttrk, Bergmanns Sozialpädagogik. (Deutsche Schale, 1901, S. 297.) 

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— 59 - 

mann einen Plan der äusseren Grestaltung des organisatorisctien Auf- 
baues des gesamten öffentlichen Erziehungswesens. Für elternlose 
Kinder oder solche ohne genügende elterliche Erziehung fordert er 
Elrziefanngshäüser in kleinen Gruppen, die echte Kinderheimstätten 
sein sollen, mit dem Charakter der Familienerziehung. Diese EJr- 
ziehangshäuser sind nicht zu verwechseln mit den Ztoangserziehungs- 
amfkdten für verderbte Kinder, welche allerdings nach Bergemanns 
Meinung einer Reorganisation bedürfen, indem für erblich belastete 
oder defekte Kinder getrennte Rettungshäuser eingerichtet werden 
gollten, um möglichst viele Kräfte in den Dienst der Kulturarbeit 
zu stellen, also auch Schwache nicht brach liegen zu lassen. Das 
Moment der Barmherzigkeit soll|:e aber erst in zweiter Reihe steheo, 
insbesondere dem gänzlich unbrauchbar gewordenen Individuum 
gegenüber nicht. Er fordert für solche die Lehre vom Recht auf 
dm Tod. Der Selbstmord darf nach Bergemanu nicht, wie bisher, 
unbedingt und uneingeschränkt verdammt werden. Diese Erziehungs- 
häuser sollen auch die Zentralstellen werden für die Pflege der 
Gymnastik, des Handfertigkeits-, Gesangs-, Zeichen- und Modellier- 
mterrichtes, der Jugendspiele und überhaupt aller jugendlichen Ge- 
selligkeit in grösserem Massstabe ; also auch die freien literarischen 
Veretnigungen sollen an sie angegliedert werden. Auch Kindergärten 
und Kmderbibliotheken müssten mit diesen Erziehungshäüsern ver- 
bunden werden. Die national 'kulturelle Schule ist gegliedert in: 
1. eine Primarschule^ welche die fünf ersten Schuljahre umfasst, vom 
giebmten bis zwölften Lebensjahre. Sie soll die dllgemeine Schide sein 
fikr aUe Kinder, wessen Standes, Ranges und Vermögens auch die 
Eltern sein mögen. Die Vorschulen an den höheren Lehranstalten 
sifid nur Brutstätten des Kastengeistes. Die Primarschule ist ein 
vorzügliches Mittel der sozialen Erziehung und für die Entwicklung 
des Solidaritätsbewusstseins von grosser Bedeutung. Die mit regerem 
und entwickelterem Vorstellungsleben in die Schule eintretenden 
Kinder üben einen günstigen Einfluss auf die Entwicklung weniger 
intelligenter Kameraden. Sollte diese bessere Entwicklung einzelner 
Kinder in der günstigeren Lage der Eltern ihren Grund haben, so 
betrachtet es Bergemann als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit, 
wenn sie im Zusammensein mit anderen Kindern in ihrer Entwick- 
lung etwas zurückgehalten werden ! Li diesen fünf Jahren kann der 
Lehrer genügend beurteilen, welche Kinder sich für die 2. Stufe, die 
Sekundärschule, Fortbildungs- und Bürgerschule und das Gymnasium 

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— 60 — 

umfassend, eignen. Also nur die Beßhigung des Kindes, nicht der 
Stand und der Reichtum der Eltern, darf für den Besuch der höheren 
Schule massgebend sein. Der Kurs der Fortbildungs- und Bürger- 
schule, als parallele Anstalten gedacht, umfasst je vier Jahre, das 
Gymnasium acht Jahre, indem es sich schon an die Primarschule 
ansetzt. Das Gymnasium soll ganz im Sinne des Frankfurter Reform- 
gymnasiums umgebildet werden. Mit dem 20. Lebensjahre sind diese 
Schulen durchlaufen. Fortbildungsschule und Bürgerschule unter- 
scheiden sich hauptsächlich darin, dass die Bürgerschule die Ele- 
mente der Mathematik und eine fremde Sprache, Französisch oder 
Englisch, lehrt, während die Fortbildungsschule gar nichts dergleichen 
in ihren Lehrplan aufnimmt Das Gymnasium hinwieder geht noch 
über die Elemente der Mathematik hinaus und vermittelt femer die 
Kenntnis des Französischen, des Englischen und der Elemente des 
Lateinischen, besonders sofern diese Elemente etymologisch von Be- 
deutung sind. Die genauere Kenntnis des Lateinischen und Griechi- 
schen bleiben dem gelehrten Studium des Historikers und des Philo- 
logen auf der Universität, gerade so wie die Erlernung des Sanskrit, 
der semitischen Sprachen etc., überlassen. Im Anschluss hieran be- 
handelt Bergemann den sogenannten Neuhumanismus und kommt 
zu einer entschiedenen Ablehnung für die neue Kultur, die sich auf 
den Naturwissenschaften aufbaut und gerade dadurch der humani- 
stisch-klassischen Kultur weit überlegen und zur höchsten Geistes- 
bildung viel fruchtbringender ist. Um allen den Besuch jeglicher 
Schule zugänglich zu machen, soll das Schulgeld beseitigt und die 
Unentgeltlichkeit der Bildungsmittel gewährleistet werden. In den 
unteren Klassen der Lehranstalten sollten die Lehrpläne gleichmäs- 
siger gestaltet werden, um den Uebergang von der einen zur anderen 
zu erleichtern. In den Primarschulen sollen in der Woche 13 Unter- 
richtsstunden, in den Sekundärschulen 20 — 24 genügend sein; ausser 
dem Sonntag verlangt Bergemann noch einen schulfreien Tag in der 
Woche für Schulwanderungen u. dgl. Diese Anordnungen würden dann 
ganz den Ergebnissen der modernen experimentellen Ermüdungsmes- 
sungen entsprechen, zur Vermeidung geistiger Ueberanstrengung. 
Die 5. Stufe des Bergemannschen Unterrichtssystems bilden die Fach- 
schtden, zu denen auch die Universität gehört. Die letzten Abschnitte 
dieses theoretischen Aufbaues der sozialen Erziehungslehre behandeln 
noch das foimale Unterrichtsschema und die Auswahl und Anord- 
nung der Unterrichtsstoffe. Der Gang des Unterrichtes vollzieht sich 

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— 61 — 

in der Ankündigung des zu behandelnden Gegenstandes, als^ dem 
ersten Akte, Uebergang zum zweiten Akte, dem eigentlichen Vortrag, 
der in der direkten Mitteilung des Tatsächlichen besteht, ohne es 
von den Schülern mühsam konstruieren zu lassen. Das darstelleud- 
entwickelnde Verfahren wird im allgemeinen abgelehnt und nur für 
die Behandlung von Gedichten empfohlen. Der mitgeteilte Stoff wird 
dann zusammeogefasst und eingeprägt im dritten Akte des Lehr- 
ganges in kurzen, prägnanten Sätzen. In interessanter Weise werden 
in diesen Abhandlungen die intellektuellen Bedingungen besprochen, 
als Grundlagen des Unterrichtsganges, wie: sinnliche Anschauung, 
Aufmerksamkeit, Gedächtnis (mit Berücksichtigung der experimen- 
tellen Arbeiten auf diesem Gebiet), Bildung des Denkens. Der Uuter- 
richtsgang wird dann an den einzelnen Unterrichtsgegenstanden er- 
läutert. Es ist nicht zu verkennen, dass diese Darbietungen mit zum 
Besten des ganzen Bergemannschen Lehrgebäudes gehören, wie das 
auch V. SaUwürk betont. Im Anschluss an sein Unterrichtsschema 
unterzieht B^rgemann die Formalstufen-Theorie der Herbartianei 
einer ausserordentlich scharfen Kritik. Er nennt diese Theorie ^Me- 
thodische Künstelei, komplizierter formaler Schematismus und eine 
müssige Spielerei und Zeitvergeudung, das die Schüler zu einer ober- 
flächlichen, stümperhaften, dilettantischen Auffassung der Wirklich- 
keit führt". Hinsichtlich der Auswahl und Anordnung der Unter- 
richtsstufe sollen die Grundbegriffe in drei konzentrischen Kreisen 
erörtert, erweitert und vertieft werden, aber nicht etwa im Herbart- 
schen Sinne. Denn Herbarts Lehre von den Kulturstufen und der 
Konzentration wird ebenfalls nach einer scharfen Untersuchung ab- 
gelehnt. Er nennt sie gekünstelt und verschroben ^ Besonders cha- 
rakteristisch für Bergemanns Sozialpädagogik ist hinsichtlich der 
Anordnung und Auswahl der Unterrichtsstoffe die Forderung eines 
Moralunterrichtes für den konfessionellen Religionsunterricht, der 
überhaupt wegfallen soll, und der OeseUschqftskunde als eines beson- 
deren Lehrgegenstandes im sechsten Schuljahre. Damit beschliesst 
Bergemann seinen theoretischen Aufbau der sozialen Erziehungslehre 
als Kulturpädagogik. Im 4. Teile seiner Sozialpädagogik behandelt 
er die Fragen des Kinderschuizes und der Volkserziehung, die natür> 
lieh über den Rahmen der Schulerziehung hinausgehen, aber gerade 



' Bergemann , Die Lehre von der forroalen und den kulturhistorischen 
Slnfes und vom der Konzentration im Lichte der anbefangenen Wissenschaft 

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— 62 — 

charakteristisch sind für Bei^emanns System und seinea Standpunkt 
Auf Grund eines reichen statistischen Materials werden die Gefahre 
der Kinderarbeit in intellektueller, moralischer und gesuhdheitliehiQr 
Beziehung beleuchtet und auch die Gefahren aus sonstigen sozialen 
Missständen erörtert. Bergemann hat vollkommen recht, wenn er 
sagt: ^Solchen Missständen gegenüber tut Abhilfe dringend not Sie 
liegt im Interesse der SdbsterhaLtimg der Qesdlschaft. Eine Nation, 
deren Glieder zum Teil im Alter der Reife schon abgenutzt, welk 
und verbraucht, die sittlich korrumpiert und intellektuell minder- 
wertig sind, ist auf die Dauer einfach nicht lebensfähig.^ Zu den 
sozialen Missständen ist vor allem die NoÜage breiter Massen^ des 
Volkes zu rechnen, die natürlich auf das elende Wohnen, die unzu- 
reichende EriiähiniDg und Kleidung höchst nachteilig einwirkt, indem 
sie die erste und einzige Quelle ist. Geradezu erschütternd wirkt 
das statistische Material, das hier zusammengestellt ist. Besondere 
Beachtung verdienen auch Bergemanns Ausführungen über die Für- 
sorge für die unehelichen Kinder wegen der Gefahren, denen sie durch 
ihre uneheliche Geburt ausgesetzt sind. Es ist selbstredend richtig, 
dass zu allererst für eine Erleichterung der sozialen Lage all der in 
solch gedrückten Verhältnissen Lebenden gesorgt werden muss, bevor 
an eine durchgreifende intellektuelle Hebung zu denken ist Die Be* 
seitigung der wirtschaftlichen Notlage und die Erkämpfung politischer 
Rechte für alle diejenigen, denen sie noch vorenthalten sind, muss 
freilich vorerst die Hauptsadie sein. Es Messe aber Steine statt Brot 
reichen, wollte man deshalb alle humanitären Bestrebungen für die 
intellektuelle Yolkserziehung unterlassen. Zu den Mitteln dieser 
Volkserziehung rechnet Bergemann öffentliche Lesehallen, Volksbüche- 
reien, volkstümliche Vorträge und Vorlesungszyklen und endlich die 
Volkshochschule; ferner i^Museumsführungen^ und VolksunterhaJ- 
tungen. Grossen Wert legt Bergemann auf eine ästhetische Erziehung 
des Volkes durch diese Veranstaltungen. Zum Schlüsse b^iandelt 
er die ethisch-religiöse Volkserziehung. Die bestehenden Kirchen 
sollen durch anders geai*tete religiöse Verbände und Gemeinschaften 
ersetzt werden. Der Bestand grosser Kirclien bringe Nachteile für 
die gesamte Kulturentwicklung. Sie unterwühlten geradessu die staat- 
liche Ordnung. Bergemann bezeichnet die Kirchen als bildungsfeindr 
lieh, die allen Bildungsbestrebungen gegenüber sich ablehnend ver- 
halten. Den kleinen religiösen Gemeinschaften, die an ihre Stelle zu 
treten hätten, ist die ethisch -religiöse Erziehung zu übertragen; 

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— 63 — 

diesen Gemeioscbaften gleichberechtigt sollen die „ethischen Vereine^ 
sein, die sich die Pflege der „humanen Ethik^ zur Aufgabe machen. 
Die Zukunft soll der Religion nicht entbehren; aber sie soll ver- 
zichten auf den transzendenten Monotheismus, der stets Hand in 
Hand geht mit dem Individualismus. An seine Stelle trete der im- 
manente Pantheismus oder Panmonismus als Religion des Univer- 
salismus. Aufgabe des Staates ist es in Bezug auf die ethisch-i'eli- 
giöse Volkserziehung, dass er Fürsorge trage, jeden nach seiner 
Fa^on selig werden zu lassen, damit die religiösen Gemeinschaften 
und ethischen Gesellschaften sich frei und unbehindert entwickeln 
können. So wird der Staat zum Hüter der Freiheit, Aufklärung, 
Toleranz und des Friedens. Mit diesen Gedanken schliesst Berge- 
mann sein sozialpädagogisches Lehrgebäude. 

Die kritische Beurteilung dieses sozialpädagogischen Systems 
muss sich in erster Linie gegen die B^ründung seiner Grundbegriffe 
wenden. Mit v. Sallwürk * können wir Bergemanns Standpunkt einen 
sozialen Naturalismus nennen. Die „Erfahrui^wissenschaft^, aus der 
Bergemann nämlich die pädagogischen Grundbegriffe ableitet, ist die 
Biologie. Das ist nun grundfalsch. Eine auf Biologie sich stützendiß 
^födagogik zeugt von einem doppelten Grundirrtum : das Wesen d^er 
Biologie und das der Pädagogik, d. h. der Erziehung, sind falsch 
aufgefasst. Die Biologie kann immer nur die natürliche/ sich selbst 
überlassene Entuncklung wissenschaftlich behandeln. Ist aber die Er- 
ziehung eine solche sich selbst überlassene Entuncklnng f Das ist ja 
gerade das Charakteristische in der Erziehung, dass sie mehr ist 
als natürliche Entwicklung. Die Erziehung sucht die Entwicklung 
nach einem Plane oder Ideal oder bestimmten Zielen überhaupt zu 
gestalten. Sie muss dadurch notwendigerweise gegenüber der natür- 
lichen Entwicklung des Kindes den Charakter des Zwanges annehmen. 
Sie zwingt die Entwicklung in bestimmte Bahnen nach dem Willen 
des Erwachsenen. Daraus folgt, dass der biologische Gesichtspunkt 
der Erziehung gar nicht gerecht werden kann, weil die Biologie von 
einem planmässigen Leiten der Entwicklung nichts weiss. Die Bio- 
logie reicht gerade an das, was der Erziehung eigentümlich ist, 
nicht heran. Diesen scharfen Unterschied übersieht Bergemann voU- 
stftndig. Er übersieht den fundamentalen Unterschied zwischen Ent- 
wicklung und Erziehung. Nur nebenbei sei bemerkt, dass auch seine 



* S. Bergemanns Sozialpädagogik, Deutsche Schale 1901, Seite 266). 

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biologischen Ansehauungen an sich nicht allen Anforderungen wissen 
schaftlicher Genauigkeit entsprechen. Es macht oft den Eindruck, 
als ob Bergemann das ganze Material seiner Exzerpte aus den wider- 
sprechendsten biologischen Systemen fast kritiklos und natürlich ohne 
inneren Zusammenhang nebeneinander gestellt hätte. Wie es mög- 
lich ist, auf eiue solch unsystematische Grundlage ein einheitliches 
System der Pädagogik zu stützen, bleibt unerklärlich. Aber man 
sieht es bei Bergemann dem ganzen System der Sozialpädagogik au, 
dass es eben keine Einheitlichkeit hat. Es sind nur Behauptungen 
ohne Beweis, wenn er sagt, seine Sozialpädagogik baue sich induktiv 
auf der erfahrungswissenschaftlichen Grundlage auf. Die ganze Dar- 
stellung geht vielmehr konstruktiv von gewissen Behauptungen aus 
und baut darnach die Tatsachen zusammen und zurecht. Die Ver- 
wendung von Tatsachen ist noch lange keine Induktion. Viel be- 
rechtigter dürfte Bergemann sein Verfahren deduktiv nennen, obwohl 
er so sehr eifert gegen Natorps Deduktion. So sind Bergemanns 
Grundlegungen auf erkenntnistheoretisch-logischen Fehlern aufgebaut 
und von einer falschen Erkenntnistheorie in starkem Masse beein- 
flusst. Dass Bergemann eine „pädagogische Psychologie^ nur zur 
Ergänzung seines sozialpädagogischen Systems späterhin geben will 
und nicht in seinen Grundlegungen gleich darbietet, ist eben aus 
diesen Fehlern zu verstehen. Die Psychologie gibt uns die Entwick- 
lungsgesetze, nach denen wir die Erziehung beeinflussen müssen und 
können; neben der Ethik und anderen Grundwissenschaften wirkt 
sie mit in der Bestimmung von Methode und Ziel der Erziehung. 
Wenn Bergemann sich aber auf die Biologie stützt, so leugnet er 
unbewusst damit die Möglichkeit, die Erziehung überhaupt zu be- 
einflussen. Konsequent verfährt Bergemann nach alledem nicht, wenn 
er als einer der pädagogischen Grundbegriffe, die aus dieser „erfah- 
mngswissenschaftlichen^ Grundlage abgeleitet werden, die Erziehung^ 
namentlich in ihrer sozialpädagogischen Auffassung, definiert mit den 
Worten : „Die Erziehung ist die absichtliche Einwirkung der Erwach- 
senen und Reifen auf die Unerwacbsenen und Unreifen, damit diese 
zu jenen werden.^ Diese Definition kann unmöglich aus der biolo- 
gischen Grundlegung abgeleitet werden; dann ist sie nicht sozial- 
pädagogisch und nicht neu; sie ist seit langem üblich. Ebenso un- 
begreiflich ist es, dass er das Ziel der Erziehung der Biologie 
entnehmen will, nicht der Ethik und der Keligion. Es liegt darin 
auch ein Stück Mangel an Einsicht in die wahren Werte des Lebens. 

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Ein Ziel der Erziehung, das sich an die Biologie anlehnen will, wird 
unmöglich wahre Hingebung, Erkenntnis und Schätzung des Innen- 
lebens und dUer geistigen Güter, Abwendung von sinnlicher Genuss- 
sucht, Geduld, Bescheidenheit, der Glaube an Ideale der Philosophie 
und Religion zu stände bringen*. 

Wie unsystematisch Bergemann verfährt, zeigt sich in seiner 
Darstellung der Erziehungsfunktionen. Als zweite psycho -physio- 
logische Erziehungsfunktion empfiehlt er die Uebung, besonders be- 
züglich des formal -gesellschaftlichen Verhaltens des Kindes, sofern 
nämlich dasselbe dadurch auf das Gemeinschaftsleben und seine Be- 
deutung schon sehr frühe hingewiesen wird; der Uebung folgen 
dann koordiniert die Funktionen: Spiel, Zucht und Unterricht, Können 
denn Zucht und Unterricht auf die Uebung verzichten? Spielt die 
Uebung hier nicht vielmehr eine sehr bedeutende Rolle? Um die 
Unzulänglichkeit der individualistischen Auffassung zu beweisen, die 
„in dem Gegenstand ihrer Bemühungen ein für sich bestehendes 
Wesen mit einer eigenen, beziehungslosen knospenhaften Leiblichkeit 
und Geistigkeit sieht und die ihre Aufgabe darin findet, die Knospe 
zur Entfaltung zu bi^ingen", stellt Bergemann (eingangs des zweiten 
Teiles : die soziologischen Grundlagen der Erziehungslehre) die kühne 
Behauptung auf: „Der isolierte individuelle Mensch existiert nicht, 
sondern der Mensch tritt uns entgegen als ein soziales Wesen, das 
gleichzeitig von einem Einzel- und Gesamtgeiste beherrscht ist^. 
Er bezeichnet sogar diese Anschauung, die übrigens stark an Wundt» 
Ueberschätzung der Gemeinschaft erinnert (s. Wundts Ethik, S. 529) 
als aus tiefgründiger Erfahrung entsprungen. D6r Individualismus 
hat nach Bergemann nur begrenzten Wert und transitorische Be- 
deutung und ist gänzlich unfähig, die Erscheinungen des sozialen 
Lebens auch nur einigermassen befriedigend zu erklären. Das Indi- 
vidualleben ist nach Bergemann in jeder Hinsicht, in leiblicher und 
geistiger, sozial bedingt. Der einzelne Mensch ist nur ein Abstraktum ; 
nur die Gesellschaft existiert. In den früheren Auseinandersetzungen 
über das Problem der Individual- und Sozialpädagogik haben wir 
bereits festgestellt, dass in solcher Ueberschätzung der sozialen Ge- 
meinschaften auf Kosten des Individuums ein ganz gewaltiger Fehl- 
schluss steckt. Es ist bereits gesagt worden, dass die Gesellschaft 
nicht existieren kann, wenn der Einzelne nicht existiert. Die reale 
Gesellschaft kann sich unmöglich aus nicht realen Individuen zu- 

> P.Barth, Soziologie und P&dagogik. (Rdn VI, Seite 714.^.^.^^^. |^qqq|^ 



— 66 — 

sammensetzen. Die Gemeinschaft ist vielmehr durch die Individuen 
erst geschaffen worden. So ist die Gemeinschaft nicht Selbstzweck, 
sondern Mittel zum Zweck.' Dieser Fehlschluss ist fOr Bergemann 
von weittragender Bedeutung, indem sich auf dieser Voraussetzung 
das ganze Werk aufbaut. Zunächst führt das Bergemann zu einer 
falschen Beurteilung des Individualismus, für den er gar kein rechtes 
Verständnis zeigt. Er übersieht, dass die Voraussetzung aller Sozial- 
pädagogik die Individualpädagogik sein muss und dass der Sozial- 
Pädagogik nur die Bedeutung einer ergänzenden Seite zukommen 
kann. Durch diese Unterschätzung der Individualpädagogik formuliert 
Bergemann auch die Aufgabe der Sozialpädagogik falsch. Er mutet 
ihr die Lösung der speziellen pädagogischen Probleme zu. Es gelingt 
ihm auch gar nicht, konsequent zu beweisen, dass der Mensch nur 
als Glied der Gesellschaft zu begreifen sei. Auf dem natürlichen 
Boden kommt das einigermassen zur Geltung in der Besprechung 
der Grenzen der Erziehung. In seiner Ausstattung ist der Mensch, 
so führt Bergemann aus, das Produkt einer langen Entwicklungsreihe. 
Seine Anlagen beruhen auf Vererbung von Generation zu Generation, 
und er muss sich so als ein Stück der Gesellschaft fühlen und folglich 
auch für sie leben. Nun ererbt der Mensch auch geistige Güter 
aus der Vergangenheit. Aber in geistiger Beziehung sollen wir nach 
Bergemann unsere eigenen Wege gehen und uns um vergangene 
Kulturbewegungen nicht kümmern. Anderseits erkennt Bergemann 
das Historische wieder an, wenn er unsere Abhängigkeit von früheren 
Kulturen nicht gut in Abrede stellen kann. Da ^zappeln^ wir dann 
alle am „historischen Faden". In diesem Punkte berühren sich 
Bergemanns Hauptirrtümer. Er gelangt nur zu dieser Ueber- 
schätzung und Inkonsequenz, weil er auch das Geistige nach der 
Biologie beurteilt. Fast könnte man von einem Stich in den Mate- 
rialismus reden. Mit ausserordentlichem Enthusiasmus überschätzt 
er die Naturwissenschaften für die Gewinnung einer Weltanschauung, 
während er den sogenannten Geisteswissenschaften zu wenig Wür- 
digung angedeihen lässt. Ungerecht urteilt Bergemann von dem 
Standpunkt aus über diejenigen, die nicht gleich ihm den Natur- 
wissenschaften den ausschliesslichen Einfluss auf ihre Weltanschauung 
gestatten, er nennt deshalb die Gebildeten des 19. Jahrhunderts 
von diesem Gesichtspunkt aus „eine verlogene verheuchelte Gesell- 
schaft". (Weit eher berechtigt ist solcher Pessimismus auf dem 

* S. Gramzow, Kritische Streifzttge a. 8. w. (Deutsche iSchule 1^00.^%i^j(^|^) 



— 67 — 

ethischen Gebiet, wo sich seine Kritik gegen Herbarts Ethik und 
die seiner Schule richtet. Auf dieser Seite gibt man die hohe Be- 
deutung der Ethik zu gerade für die neuen sozialen Probleme und 
spricht so viel von der „Idee des sittlichen Fortschrittes'' von der 
„Idee des Wohlwollens* u. dgl.* Dennoch hält man die reaktio- 
närsten Forderungen der verschiedensten „sozialen Parteien" der 
Gegenwart in einer ethischen Abhandlung noch für erwähnenswert 
und offenbar auch mit der „Idee der Nächstenliebe" für vereinbar. 
Bergemann hätte Veranlassung genug, nicht nur die theoretischen 
Grundlagen, sondern vor allem die Anwendung solcher Ethik im 
Gemeinschaftsleben zu bekämpfen, nachdem er sich selbst davon fern 
hält.) Obwohl nun Bergemann zugibt, dass das Historische nicht ganz 
aus der geistigen Seite auszuschliessen sei, gibt er das nur insoweit 
und zu dem Ende zu, um daraus die Existenz der Kollektivseele zu 
beweisen, von der die Einzelseele ein Teil sei. „Indem das Kind seinen 
Eltern, seinen Verwandten, seinen Stammesgenossen und Volksgenossen 
im körperlichen Habitus gleicht, gleicht es ihnen auch auf geistigem 
Gebiete, in seiner ganzen geistigen Wesenheit. Die Seele des Kindes 
ist ein Teil der sozialen Psyche, der sich unter deren Einfluss ent- 
wickelt, ist ein Stück knospenhaften Volkscharakters, der sich all- 
mählich unser dessen Auspizien zur vollen Blüte entfaltet". Eine 
bestimmte Formulierung dessen, was wir uns unter der sozialen 
Psyche vorstellen sollen, vermissen wir. Er spricht zwar von der 
Struktur und Organisation der sozialen Psyche und ihren allgemeinen 
und besonderen Funktionen. Aber wir erfahren nur immer wieder, 
dass der „einzelne Mensch" ein Abstraktum ist und dass die natür- 
lichen Lebensbedingungen die materielle Grundlage der sozialen 
Psyche vorstellen. Es sind allgemeine Betrachtungen, die nicht viel 
beweisen. Dieser Mangel ist um so nachteiliger, als Bergemann 
vorher den Seelenbegriff der idealistischen Auffassung im Indivi- 
dualismus, der nach Bergemann in der Annahme einer Seelenmonas 
bestehen soll, als irrig hingestellt hat. Er definiert die Seele „als 
Summe unserer inneren Erfahiomgen, im Bewusstsein zu einer ge- 
wissen Einheit zusammengefügt und sich in einer Stufenfolge von 
Entwicklungen endlich zum selbstbewussten Denken und freien sitt- 
lichen Wollen erhebend." Wie sich diese wirklich existierende 
Einzelseele — auch nach Bergemann — nun aus dieser sozialen 
Psyche individualisiere, wie wir uns das Selbstbewusstsein des Ein- 

* Rein, Gmndriss der Ethik (Beetz, Bücherschatz des Lehrers. Band^^^al^ 



— 68 — 

zelnen in seiner Entwicklung zu denken haben, das stellt er dar. 
Nur der Begriff der sozialen Psyche selbst fehlt. Man könnte Berge- 
mann gerade aus den Tatsachen, die er anführt, die ausschliessliche 
Existenz der Einzelseele beweisen und dartun, dass die soziale Psyche 
nicht existiert, sondern nur eine Abstraktion ist. So bewegt sich 
Bergemann für den Beobachter und Beurteiler in diesen Beweis- 
führungen für die Nichtexistenz des isolierten Individuums und seiner 
Abhängigkeit von der allein existierenden Gemeinschaft in Wider- 
sprüchen und Fehlschlüssen, die nicht nur seinen theoretischen 
Auseinandersetzungen jeden Wert entziehen, sondern auch seine 
praktische Sozialpädagogik, die sich darauf aufbaut, zu erschüttern 
im Stande sind. Das zeigt sich im dritten Teil seiner „Sozial- 
Pädagogik^, in dem er über den theoretischen Aufbau der sozialen 
Er:riehungslehre als Kulturpädagogik spricht. Wir haben in der 
Darteilung des Inhaltes gesehen, dass er da viele fruchtbare Ideen 
und Anregungen zum Ausdruck bringt, für die er allgemeine Zu- 
stimmung findet. Bergemann tritt mit Recht für die Vertiefung der 
Familienerziehung in unserer Zeit ein; obwohl sich dagegen viele 
Schwierigkeiten geltend machen lassen, muss doch darauf das Augen- 
merk gerichtet werden, wenn es besser werden soll mit der Erziehung 
der heranwachsenden Jugend, die mit der intellektuellen Ausbildung 
nicht gleichen Schritt hält. Dass Bergemann nicht alles der Schule 
aufbürdet, ist wohl berechtigt und ebenso verständlich ist es, dass 
er sich aus diesem Gesichtspunkt gegen y,die Fabel des erziehenden 
Unterrichtes" wendet. Aber weniger Zustimmung wird Bergemann 
finden für seine Abhandlung über die Subjekte oder Träger der Er- 
ziehung und die Organisation der öffentlichen Erziehung. In ge- 
wissem allgemeinem Sinne ist es richtig zu sagen: „Alle Menschen 
sind Träger der Erziehung". Wenn aber die Organisation der Men- 
schen als Erzieher im Sinne Bergemanns durchgeführt wäre, dann 
würde bald alle wahre Erziehung aufhören, und gerade jene „Dutzend- 
und Fabrikware" würde heranwachsen, gegen die Bergemann einen 
Widerwillen empfindet, den er von Nietzsche sich angeeignet zu haben 
scheint. Jedes Kind in jedem Alter und auf jeder Stufe soll nach 
Bergemann so vielen Vereinigungen aller Art angehören, dass an 
ein individuelles Ausleben und Entwickeln gar nicht zu denken ist. 
„Herdentiere" schlimmster Sorte würden damit gross gezogen werden. 
Hier zeigt sich am deutlichsten, wie sehr Bergemanns Sozialpäda- 
gogik das Individuum unterdrückt und opfert für die Gemeinschaft. 

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Viel Anerkennenswertes und Richtiges bringt Bergemann in seiner 
Darstellung über die Objekte der Erziehung. Sehr ausführlich spricht 
er über die körperliche Entwicklung in den verschiedenen Lebens- 
altem des Kindes. Doch wird Bergemann nicht behaupten wollen, 
dass nur eine Sozialpädagogik all das finden kann. Bezeichnender- 
weise verweilt Bergemann hingegen bei der geistigen Entwicklung 
nur ganz kurz. Es sind kaum die Elemente der psychologischen 
Entwicklung berücksichtigt. Das dargebotene statistische Material 
einzelner Untersuchungen verschiedener Kiuderpsychologen kann 
kaum dafür oder für die oft genannte Experimentalpsychologie ange- 
sehen werden. Trotzdem Bergemann über die Handhabung der 
Erziehungsfunktionen im einzelnen beherzigenswerte Wege gibt, so 
leidet die ganze Abhandlung an der bereits gerügten unsystematischen 
Einteilung. Immerhin kann man Bergemanns Besprechung über die 
wichtigste Aufgabe der „Zucht", den Zögling zur Selbstbeherrschung 
in gesellschaftlicher Beziehung zu erziehen, nur zustimmen und die 
beiden Mittel: die ästhetische Erziehung zu vertiefen und Knaben 
und Mädchen durch gemeinsame Erziehung an unbefangene Kamerad- 
schaftlichkeit zu gewöhnen, als berechtigt anerkennen. Die Be- 
sprechung der sozialen Triebe und der sozialen Tugenden (Gerech- 
tigkeit und Wohlwollen, Heimats- und Vaterlandsliebe, Humanität) 
könnte die beste Gelegenheit sein, die Beziehungen der Individual- 
zur Sozialpädagogik zu kennzeichnen in ihrer gegenseitigen Ergän- 
zung. Statt dessen geht Bergemann natürlich immer wieder von der 
Gemeinschaft aus, der sich das Individuum ohne Selbstberechtigung 
unterordnen muss. Nach diesem Gesichtspunkt organisiert er auch 
den Schulplan und den ganzen inneren ünterrichtsbetrieb. Auch 
hier verfährt Bergemann in seiner Einteilung unsystematisch. Er 
spricht in seiner äusseren Organisation des Unterrichts von der 
Bedeutung der einzelnen Unterrichtsgegenstände nach dem Grade der 
Ermüdung, die sie hervorrufen. Solche experimentell-psychologische 
Untersuchungen stehen doch im innigsten Zusammenhang mit dem 
inneren Unterrichtsbetrieb. In seinem Unterrichtsschema sollte man 
sie im Zusammenhang mit den Fragen der Aufmerksamkeit, des Ge- 
dächtnisses, der Bildung des Denkens u. dgl. eher ei-warten. Dar- 
nach sollte dann die Anordnung und Auswahl der Unterrichtsstoffe 
geschehen. Mit welcher Berechtigung Bergemann alle diese Probleme 
und Fragen als Teile einer „sozialen Erziehuugslehre" bezeichnet, ist 
nicht zu verstehen. Unbewusst lenkt Bergemann hier in die Individual- 

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— 70 — 

Pädagogik ein, deren ausschliessliches Gebiet alle diese speziellen 
pädagogischen Fragen und alle Aufgaben, die sich aus der Natur 
des Kindes ergeben, bilden, wie das nun schon des öfteren betont 
worden ist. Das gilt selbst von dem besonderen Unterrichtsfach, 
der Gesellschaftskunde, die eingeführt werden soll in Volks- nnd 
Fortbildungsschulen und höheren Schulen, um den Schüler zum klaren 
Bewusstsein seiner Beziehungen zur Gesellschaft zu bringen. Man 
kann ganz gut beide Seiten, die individuale und soziale, als berech- 
tigt und sich gegenseitig ergänzend anerkennen und für reifere 
Schüler die Einführung der Gesellschaftskunde eben deshalb fordern, 
und doch ist es möglich und notwendig, der Individualpädagogik die 
besondere Behandlung dieses Unterrichtsgegenstandes zu überlassen. 
Am charakteristischsten zeigt Bergemann, wie weit er den Begriff 
der sozialen Pädagogik überspannt, wenn er noch in den Rahmen 
seines Systems (im vierten Teil) die Fragen des Kinderschutzes und 
der Volkserziehung hineinstellt. Wenn auch diese Fragen von grosser 
Wichtigkeit sind für die ganze Zukunft der Erziehung und Berge- 
mann unstreitig viel Interessantes und Gutes bietet, so überschreiten 
sie den früher entwickelten Begriff der Sozialpädagogik und der 
Schulerziehung überhaupt und führen in das weite Gebiet der Sozial- 
politik und der Sozialwissenschaft hinein. 

So sehr es auch nötig gewesen ist, auf die vielfachen Mängel 
des Bergemannschen Systems der „Sozialen Pädagogik" hinzuweisen, 
können wir ihm die Anerkennung nicht versagen, dass er mit grossem 
Fleiss das Material zu seiner Arbeit zusammengetragen hat. Mit 
Kühnheit und Unerschrockenheit tritt er ftlr seine Ideen ein. Es 
weht ein frischer Zug durch seine Anschauungen, und den Hauch 
von reformatorischem Geiste der Umwälzung alles Hergebrachten 
verspüren wir aus seinem System. 

Neben diesen Hauptströmungen der gegenwärtigen Sozialpäda- 
gogik, die sich ergeben haben aus der Betrachtung der Entstehung 
dieses Begriffes und dem Zusammenfassen der Arbeiten darüber, die 
gewisse Grundanschauungen gemeinsam haben, sind zum Schlüsse 
noch zwei Richtungen zu nennen, die in gewissem Sinne sich gegen- 
über stehen wie Theorie und Praxis. Die eine Richtung beschäftigt 
sich mehr mit der theoretischen Grundlegung, die andere mit der 
praktischen Durchführung pädagogischer Ideen. Jene Theoretiker 
unternehmen in weit intensiverem Masse als Bergemann den Ver- 
such, die EtMk als das Orundproblem der Pädagogik zu postulieren* 

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— 71 — 

Sie gehen von der Anschauung aus, die Ethik für sich allein sei 
schon im stände, das Erziehungsziel zu bestimmen und sei ander- 
seits als evolutionistische Ethik geeignet, der Pädagogik eine wissen- 
schaftliche Grundlage zu geben. Die Brücke zur Individual- und 
Sozialpädagogik ist gegeben durch ihre Fragen : Wer ist sittlich und 
was ist sittlich? Die erste Frage, ob der Charakter des Handelnden 
gut sei, kann nur heissen, ob erden sozialen formen angepasst sei; 
und für die Frage, ob die Handlung recht sei, gibt es kein anderes 
Kriterium als den Sozialwert desselben.* Zu dieser Richtung Inder 
Ethik gehören alle jene Männer, die den Versuch unternommen 
haben, die Ideen des Positivismus von Mill und Comte mit dem 
Evolutionsprinzip zu verbinden durch die Anwendung des Ent- 
wicklungsgedankens auf die Tatsachen des geistigen Lebens, wozu 
von Darwin schon die Anregung ausgegangen war. Diese funda- 
mentale Unterscheidung, wie sie durch diese neuere Ethik geschaffen 
worden ist, wird gegenwärtig von der Wissenschaft als bleibend be- 
trachtet und so auch in die Probleme der Erziehungswissenschaft 
hineingetragen, vor allem hinsichtlich der Individualpädagogik und 
Sozialpädagogik. Diese Ethik steht in schrofifem Gegensatz zur Moral- 
philosophie, wie sie auf Kant zurückgehend, vom Neukantianismus 
und seiner Sozialpädagogik versucht worden ist und ebenso zu der- 
jenigen des Herbartianismus, dessen sozialpädagogische Vertreter sich 
nahe berühren mit der christlichen Ethik: insbesondere gilt das 
von einem ansehnlichen Teil des Herbartianismus, die einem hervor- 
ragenden Oegner der erwähnten neueren Ethik nahe stehen, dem 
Verfasser der „Moralstatistik in ihrer Bedeutung für eine christliche 
Sozialethik, AI. von Oettingen. Die Vertreter dieser neueren Ethik ver- 
suchen mit Hilfe der Materialien aus Anthropologie, Ethnologie, Sitten- 
geschichte, Religions- und Rechtsgeschichte die sittlichen Phänomene 
im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kultur und den Formen 
des gesellschaftlichen Lebens dem Verständnis nahe zu bringen. Neben 
Jhering („Zweck im Recht"), Herbert Spencer (Principles of Ethics, 
I. Band), Sigwart (Vorfragen der Ethik), PauJsen (System der Ethik), 
Oizycki („Moralphilosophie"), Döring („Philos. Güterlehre"), Simmd 
(„Einleitung in die Moralwissenschaft", „Die Probleme der Geschichts- 
philosophie") und einer Reihe anderer hervorragender Ethiker der 
Gegenwart sind es hauptsächlich zwei Männer, die durch ihre ethischen 
Untei^suchungen der Frage der Individual- und Sozialpädagogik nahe 

* Jod], Geschichtl. Abriss der Ethik. (Rein, Encyklopädie, Bd. 2, S. 82 ff.) 

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— 72 — 

stehen. Es ist in erster Linie der Däne A) Harald Hbffding (geboren 
1843), durch seine „Grundlagen der humanen Ethik" und durch seine 
„Ethik", die durch deutsche Uebersetzungen (von F. Bendixen) auf 
die deutsche Moralphilosophie und Pädagogik eingewirkt haben. In 
seinen Voraussetzungen der Ethik kommt Höifding zu dem Schluss, 
dass die fortnellen ethischen Begriffe nicht geeignet sind, einen Grund 
der Einteilung der Ethik abzugeben. Die Ethik muss vielmehr in 
die individuelle und die soziale Ethik eingeteilt werden. Nach einer 
Untersuchung der historischen Entwicklung des Verhältnisses zwischen 
Individuum und Gesellschaft entscheidet sich HöfiFding für den Ver- 
such, die individuelle und soziale Ethik einander zur Seite zu stellen. 
Der Schwerpunkt der Ethik ist sozialer Natur: „Sie deuten gegen- 
seitig aufeinander hin, indem das Individuum als organisches Glied 
einer Gesellschaft und die Gesellschaft als eine organische Gesamt- 
heit von Individuen zu betrachten sind." Daraus ergibt sich für 
Höfifding die Folgerung, in der er mit Jodl übereinstimmt, dass das 
ludividualziel der Erziehung aus dem sozialen Ziel abgeleitet wei-den 
muss. Die Pädagogik hat im Individuum das Sozialziel zu verwirk- 
lichen, um den individualen und sozialen Daseinszweck zu erreichen. 
Im übrigen ist Höifding pädagogischen Fragen im einzelnen nicht 
näher getreten, wenn er auch in seiner Abhandlung über die soziale 
Ethik das Verhältnis von Ethik und Pädagogik, das Verhältnis des 
Staates zu den Kindern untersucht. Aber seine Ethik an und für 
sich enthält fruchtbare Gedanken, die leicht von der Theorie zur 
Praxis der Pädagogik geführt werden können und indirekt durch die 
Stellungnahme zur individuellen und sozialen Ethik auch schon die 
Frage der Individual- und Sozialpädagogik aufrollen. In noch höherem 
Masse fruchtbar für die Praxis der Pädagogik überhaupt und ins- 
besondere für die Problemdurchführung des Individualismus und 
Sozialismus, ohne jedoch der pädagogischen Praxis selbst näher ge- 
treten zu sein, wirkt der Polyhistor unserer Zeit, B) WUhdm Wundt 
(geb. 1832) in Leipzig. Für die Frage der Individual- und Sozial- 
pädagogik kommt hauptsächlich die „Ethik" in Betracht, in zweiter 
Linie auch seine „Völkerpsychologie", die Wundt die Vorhalle der 
Ethik nennt. Als Vorschule und Hilfsmittel ist die Psychologie ihm 
unentbehrlich, namentlich wenn diese über die Individualpsychdogie 
hinausgeht. So ausgerüstet, ist es möglich, die Probleme der Ethik 
unmittelbar an die Betrachtung der Tatsachen des sittlichen Lebens 
anzuschliessen, ohne die eigenen Ueberlegungen in die Tatsachen 

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— 73 — 

hinüberzutragen. Wie alle Vertreter dieser neueren Ethik, so stellt 
auch Wundt die Ethik als die ursprüngliche Normwissenschaft auf, 
und als eine ihrer vornehmsten Aufgaben weist er ihr zu, die An- 
wendung der ethischen Prinzipien auf die Hauptgebiete des sittlichen 
Lebens, auf Familie, Recht, Staat und Gesellschaft, einer Betrach- 
tung zu unterwerfen. Diese Aufgäbe führt unmittelbar in die ein- 
zelnen ethischen Wissenschaften über, zu denen unter anderen auch 
die Pädagogik zählt. Von besonderer Bedeutung für die Frage der 
Individual- und Sozialpädagogik sind seine Untersuchungen über das 
Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit, über Individualismus und 
Universalismus, in seiner Abhandlung über den sittlichen Willen. In 
der Darstellung der sittlichen Zwecke bespricht er die individuellen 
und sozialen Zwecke. Ebenso unterscheidet Wundt in der Besprechung 
der sittlichen Nonnen zwischen individuellen und sozialen Normen. 
Femer spricht Wundt in dem letzten Abschnitt seiner Ethik über 
die gitÜicJien Lebensgebiete und unterzieht die einzelne Persönlichkeit, 
die Gesellschaft, den Staat und die Menschheit einer Betrachtung an 
und für sich und in ihrem gegenseitigen Verhältnis. Die einzelne 
Persönlichkeit — so führt Wundt aus in der Betrachtung des Ver- 
hältnisses des Einzelnen zur Gesamtheit — als Einheit von Fühlen, 
Denken und Wollen mit dem Willen als Träger aller übrigen Ele- 
mente, steht vor allem unter dem Einfluss des WoUens anderer 
Persönlichkeiten, mit denen sich der einzelne Willen zumeist in 
der Erstrebung gleicher Zwecke begegnet, diese Uebereinstimmung 
fördert bald den einzelnen Willen, bald verwickelt sie in Konflikte 
mit anderen und sogar mit sich selbst. Die Macht des Einzelwillens 
kann nur dann Erfolg haben, wenn sie sich in zureichender Ueber- 
einstimmung mit der Gesamtrichtung der übrigen Willen befindet. 
Der individuelle Wille muss sich wiederfinden als Element eines 
OesanUunllens, von dem er in seinen Motiven und Zwecken getragen 
ist. Dieser Uebergang des Einzelbewusstseins in ein Gesamtbewusst- 
sein mit ihm entsprechendem Gesamtwillen wird durch alle die Mo- 
mente der Kultur und Sitte bezeichnet, in denen das übereinstim- 
mende Fühlen und Denken einer Gemeinschaft sich ausprägt. Zu 
diesen Momenten rechnet Wundt Sprache, religiöse Anschauungen, 
gemeinsame Lebensgewohnheiten und Normen des Handelns. Der 
natürliche Abschluss einer solchen Gemeinschaft ist die staatliche 
Vereinigung. In dieser Gestaltung des Gesamtbewusstseins kommt 
dessen Charakter als Oesamttville am klarsten zum Ausdruck. Hin- 

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— 74 — 

sichtlich des Verhältnisses des Individualismus zum Universalismus 
stellt Wuudt die Tatsache fest, dass der isolierte individuelle Mensch 
in keiner Erfahrung existiert und zweifellos nie in einer solchen 
existiert hat. Wir kennen den Menschen nur als ein sozialem- Wesen, 
gleichzeitig beherrscht von einem Einzelwillen und von einem Ge- 
samtwillen. Nichts spricht dafür, dass dieser aus jenem erst ent- 
standen sei. Auch in der Untersuchung der sitttichen Ztvecke liegt 
bei Wundt das Schwergewicht im Sozialen. Er sagt hinsichtlich der 
individuellen Zwecke: Sich selbst erhalten zu allgemeinen, nicht zu 
bloss individuellen Zwecken, beglückt sein durch aUgemeine, nicht 
durch bloss individuelle Zwecke des eigenen Handelns, seine Fähig- 
keiten ausbilden und vervollkommnen, nicht um individuellen, sondern 
um allgemeinen Zwecken zu dienen: dies ist die Maxime, nach der 
wir unsere sittliche Beurteilung individueller Wissenszwecke ein- 
richten. Das wahre Zweckabjekt des sittlichen Willens kann nicht 
unser eigenes Ich und nicht die individuelle Persönlichkeit unseres 
Nebenmenschen sein. Es bleiben allein zwei soziale Zwecke als die 
eigentlichen Objekte des sittlichen WoUens übrig: die öffenüiche 
Wohlfahrt und der allgemeine Fortschritt. Wundt ist in seiner Auf- 
fassung nahe daran, ähnlich wie Hegel die GeseUschaft oder Gattung 
al^ eine mystische Gesamtheit aufzufassen. Er sagt: „Besteht etwa 
das öffentliche Wohl in der Summe aller oder möglichst vieler Einzel- 
wohlfahrte in der „Maximation der Glückseligkeit"? Und besteht 
dem entsprechend der allgemeine Fortschritt in dem Fortschritt mög- 
lichst vieler Individuen?" Er fährt dann fort: „Je mehr extensives 
Glück eine Handlung hervorbringt, je mehr sich in ihr das bewusste 
Streben verrät, den Einzelwillen dem Gesamtwillen unterzuordnen, 
um so höher steht sie allerdings in unserem Urteil. Das ist aber 
nur unter der Voraussetzung verständlich, dass das Glück einzelner, 
mögen es deren noch so viele sein, nicht der letzte Zweck, sondern 
nur Mittel zur Erreichung weiter zurückliegender und allgemeinerer 
Zwecke sei." Und an einer anderen Stelle heisst es: „Mag dieses 
Einzeldasein noch so reich beglückt und vollkommen sein, es ist ein 
Tropfen im Meere des Lebens. Was können sein Glück und sein 
Schmerz für die Welt bedeuten?" Mit Recht bemerkt dagegen Hoff- 
ding: „Soll der Begriff der Gesellschaft sich wissenschaftlich anwenden 
lassen, so muss dies geschehen, dass man an jedem Punkte zu ent- 
scheiden vermag, welche Gruppe von Individuen er vertritt. Sobald 
es sich aber als unmöglich erweist, den Begriff einer Gesellschaft 

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— 75 — 

in den Begriff einer Gruppe von ludividuen umzusetzen, die unter 
gewissen bestimmten Verhältnissen leben, gibt ersterer Begriff uns 
keine ethische Belehrung; es lassen sich keine ethischen Normen 
aus demselben ableiten. Mystik tritt an die Stelle des Denkens. Das 
einzelne Individuum ist nur ein Tropfen im Ozean. Und der Ozean 
exi8tiei*t nicht um des einzigen alleinigen Tropfens willen. Was ist 
aber ein Ozean, der nicht aus Tropfen besteht? Und wird nicht der 
ganze Ozean klar sein, wenn jeder einzelne Tropfen klar ist? Und 
erst dann ist er vollkommen klar. Jede Ethik, die die Möglichkeit 
fortschreitender Verifikation nicht aufgeben will, muss dabei beharren, 
dass die Gesellschaft stets von bestimmten Individuen vertreten wird. 
Darum braucht sie nicht zu übersehen, dass ethisches Wirken, wie 
alle Kraftentfaltung, mit dem ganzen Weltprozess im Zusammenhang 
steht." Eine gewisse Selbstberichtigung dieser fast mystischen Auf- 
fassung der Gesellschaft vollzieht Wundt, indem er hinsichtlich der 
gütlichen Normen die individuellen Normen in ihrer Beziehung auf 
die Zwecke des sittlichen Subjektes als eine der Hauptformen ethi- 
scher Normen selbständig gelten lässt neben den sozialen und humanen 
Normen. Ebenso würdigt der 4. Abschnitt über die sitÜicJien Lehens- 
gebiete die einzelne Persönlichkeit selbständiger und in ihrer gi-ossen 
Bedeutung für Gesellschaft, Staat und Menschheit, wenn auxk immer 
wieder der Schwerpunkt nach der Seite der Gesellschaft gerückt ist 
„Es ist ein sittliches Postulat, dass jeder Mensch einen Beruf hohe, 
d. h. dass er in der regelmässigen Erfüllung bestimmter sittlicher 
Zwecke seine Lebensaufgabe erblicke." ' Für die Pädagogik im« all- 
gemeinen — das sei hier beiläufig als nicht zur Hauptsache gehörig 
bemerkt — sind Wundts Anschauungen über die geistige Bildung 
des Einzelnen sehr interessant, namentlich über die einzelnen Stufen 
der Teilnahme an den allgemeinen geistigen Interessen. So sagt er 
über die ei*ste Stufe, die des religiösen Interesses: „Die Wahrheit, 
über die schliesslich auch alle Wissenschaft nicht empordringen kann, 
dass der Einzelne nicht für sich selbst lebt, sondern dass er mit 
seinem Einzeldasein in einer allgemeinen geistigen Gemeinschaft 
aufgeht, mit den endlichen Zwecken, die er verfolgt, unendlichen 
Zwecken dient, deren letzte Erfüllung seinem Auge verborgen bleibt, 
diese Wahrheit predigt die Religion jedem Gemüt. Sie bringt sie 
zumeist in verhüllten symbolischen Formen zum Ausdruck, die aber 
darum doch ihres Eindrucks nicht minder sicher sind, als wenn ihre 
Sprache die der voUbewussten Erkenntnis wäre. Wenn daher die 

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Religion je ihre Mission als Erziehungsmittel zur Sittlichkeit voll- 
endet hätte, als geistiges Bindemittel der Menschheit und allgemeinste 
Verkünderin jener grössteu sittlichen Wahrheit, ohne die kein Leben 
lebenswert ist, könnte sie niemals entbehrt werden." Kunst und 
Wissenschaften^ sind die nächsten Stufen, die ergänzen und vervoll- 
kommnen, ohne dass die frühere etwa verschwände. Namentlich be- 
trachtet es Wundt als einen Grundirrtum, dass die Religion eine 
primitive, durch die Wissenschaft zu verdrängende Anschauungs- 
form sei. Von hoher sozialpädagogischer Bedeutung sind Wundts 
weitere Untersuchungen über die Oesdlschaß, innerhalb d^ren er 
die Familie, die Gesellschaftsklassen, die Vereine und die Gemeinde 
betrachtet; über den Staat als Besitz- und Wirtschaftsgemeingut, 
als Rechtsgemeinschaft, als Gesellschaftseinheit und als Bildungs- 
gemeinschaft; und endlich über die Menschheit hinsichtlich des wirt- 
schaftlichen Völkerverkehrs, des Völkerrechtes, des Verbandes der 
Kulturstaaten und des geistigen Gesamtlebens der Menschheit. Die 
höphste Idee ist ihm die Humanität, aus der sich ein Pflicktbewusd- 
sein der Völker entwickelt, dow den sittlichen Lebensaufgaben des 
Einzelnen Richtung und Ziel gibt Ausser Wundt haben sich auch 
Ferdinand Tönnies („Gemeinschaft und Gesellschaft, Abhandlung 
des Kommunismus und Sozialismus als empirischer Kulturformen") 
und Hermann Cohen („Gemeinschaft und Individuum" in seinem 
kritischen Nachtrag zu F. A. Langes „Geschichte des Materialis- 
mus", 7. Auflage, 1902, Seite 510 fif.) mit allgemein soziologischen 
ProWemen beschäftigt, deren Wirkungen sich auch dem pädagogi- 
schen Gebiet fruchtbar zeigen werden, da auch diese Denker die 
Interessen der Gemeinschaft und des Individuums und Ausgleich zu 
bringen suchen von der ethischen Seite aus. So sagt Cohen: „Die 
Ethik hat beide Probleme, das der Gemeinschaft und das des In- 
dividuums, zu ihrer Aufgabe, und zwar nicht etwa beide nebenein- 
ander oder nacheinander, sondern als einander fordernde, einander 
bedingende, als WechselbegrifiFe." 

Unter den modernen Soziologen* ist noch Ludwig Stein (Pro- 
fessor in Bern) zu nennen, der neben allgemeinen philosophischen 
Fragen („An der Wende des Jahrhunderts") sich mit der Sozial- 
philosophie im besonderen befasst hat (^^Die soziale Frage im Lichte 

' üeber die Bedeutong der einzelnen Wissensgebiete (vom Standpunkte 
Wundts aus) für die Pädagogik ist schon oben die Eede gewesen. 
* Siehe auch ^Die Zukunft" (Harden) 1904, Nr. 5, Seite 158 ff. 



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— 77 — 

der Philosophie").^ Als den letzten ideologischen Faktor unter den 
höheren Formen des menschlichen Zusammenwirkens bezeichnet er 
die Erziehung, die ihrer Methode nach experimentell, ihren Zielen 
nach sozial werden muss. Die Erziehung der Kleinen seitens der 
Schule nennt er Individtuüpädagoffiky und die der Grossen seitens 
des Lebens gilt ihm als Sozialpädagogik; mit dieser Unterscheidung 
wird die Pädagogik der Zukunft sich «inverstanden erklären können. 
In der Durchführung für die Praxis stellt sich Stein auf den Boden 
Jener ethischen Sozialisten, welche in England das pädagogische 
Reformwerk für Erwachsene mit glücklicher Hand in Angriff ge- 
nommen haben", wo die ^jFabian Society" das Entstehen der „Toyn- 
beehall" im Osten Londons begünstigt und besonders die ^University 
Extension" angefacht und über Europa verbreitet hat. Die durch- 
greifende Sozialisierung der Kulturmenschheit muss nach Stein das 
Programm des Rechtssozialismus in Deutschland werden. AUe diese 
sozialphilosophischen Abhandlungen, insbesondere diejenigen Wundts,* 
haben gleichsam als Ergänzung all der bisher aufgeführten Rich- 
tungen der Sozialpädagogik eingewirkt auf eine Anzahl praktisch 
tätiger Schuimänner, welche ihrerseits dann eine sozialpädagogische 
Richtung zur Geltung gebracht haben, die sich weniger der Theorie 
als vielmehr der Praxis der Pädagogik zuwendet und alle Einzel- 
fragen unter dem sozialpädagogischen Gesichtspunkt betrachtet. Oft 
handelt es sich in diesen Betrachtungen um Schulstatistik, Hygiene 
oder sonstige allgemeine oder besondere Aufgaben des Unterrichtes. 
Als einer der bekanntesten dieser Schulmänner und Bannei*träger 
dieser Bewegung gilt mit Recht Robert Rissmann, Rektor in Berlin. 
Ausser seinen in verschiedenen Schulzeitungen zerstreuten einzelnen 
Artikeln hat Rissmann zur Frage der Individual- und Sozialpäda- 
gogik Stellung genommen in seiner Schrift: „Individualismus und 
Sozialismus in der pädagogischen Entwicklung unseres Jahrhunderts" 
(Pädagogische Zeit- und Streitfragen von J. Meyer, 5. Band, erstes 
Heft, 1892). Er wurde zu seinen Untersuchungen — so berichtet 
Rissmann selbst — hauptsächlich durch das Studium der „Ethik" 
und der „Allgemeinen Philosophie" Wundts, sowie durch soziologische 

* „Der Sinn des Daseins'' ist schon früher erwähnt, besonders die Abhand- 
lang „Pestalozzi als Yolkserzieher''. 

' yRvt können davon absehen, sio einer eingehenden Kritik zu unterziehen, 
um nicht in Wiederholungen za verfallen. W. legt aach zu hohes Gewicht auf 
die Bedeutung der Gemeinschaft 

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— 78 — 

Schriften angeregt. Femer berichtet Rissmann, dass es DUtes war, 
von dem er den ersten Hinweis erhielt auf die praktische Seite der 
Sozialpädagogik und der ihn in eindringlichster Weise auf die soziale 
Gefahr aufmerksam machte, die in dem zwischen den verschiedenen 
Volksklassen bestehenden Bildungsgegensatze liege mit Hinweis auf 
Schmollers Wort: „Die Dissonanz der Büdungsgegen^tze ist der 
letzte Grund aller sozialen Gefahr.^ Diesen Standpunkt hat Riss- 
mann bis in die Gegenwart herein festgehalten in seiner Monats- 
schrift: jjDie deutsche Schule^, die er seit 1897 (im Auftrage des 
deutschen Lehrervereins) herausgibt. Die erstgenannte Schrift ver- 
folgt hauptsächlich den Zweck einer historischen Führung durch 
diese Frage. Am Schlüsse definiert Rissmann ihre Bedeutung für 
die Gegenwart. Der Bildung „für die Schule" gegenüber verlangt 
die Gegenwart Bildung fürs Leben, d. h. Bildung zu Menschen, die 
Verständnis für die Kulturentwicklung der Gegenwart besitzen und 
fähig und bereit sind, im Dienste derselben ihre Kraft zu verwerten. 
Als Irrwege, vor denen diese Bewegung bewahrt werden muss, be- 
zeichnet er das Einlenken in Eudämonismus und UtHitarismus, Der 
zweite Abweg wäre die üniformität Um diesen zu vermeiden, ver- 
langt Rissmann, dass man das Was der Bildung der gesellschaftlichen 
Gruppe, das Wie dagegen der Eigenart des Einzelnen zuschreibt. 
Die Eigenart des Zöglings hat also hauptsächlich auf die Gestaltung 
der Methode im einzelnen Einfluss. Als dritter Irrweg gilt der 
Mechanismus und Materialismus, die Ansicht, dass der Besitz von 
Kenntnissen an sich schon Bildung sei. In dieser Hinsicht bleibt die 
Individualpädagogik eines Rousseau, Pestalozzi * u. s. w. nach Riss- 
mann ewig bestehen in der Methodik des Unterrichtes. Zu eng war 
immer das Ziel, der teleologische Teil der Pädagogik. In seiner Ab- 
handlung: „Zur Einführung" (der deutschen Schule, 1897) bezeichnet 
er als die Aufgabe der Sozialpädagogik, das Zusammengehörigkeits- 
geßhl, das in dem hochgesteigerten wirtschaftlichen Wettkampf un- 
serer Tage der Menschheit beinahe ganz entschwunden ist, ihr wieder 
einzupflanzen. Ein neues L^nsideal soll erstellen, damit das Vater- 
landsgefühl wieder erwache, die verbindende Macht der religiösen 

' Bissmann bemüht sich immer wieder, besonders in der „deutschen Schule''. 
Pestalozzi bei aUedem als Ftlhrer beizabehalten. Er yerfallt dabei oft in den 
gleichen Fehler wie Natorp: P. za viel soziaipädagogisch sn interpretieren, 
Siehe Bissmann, Pestalozzis Pädagogik. (Bein, Encykiop&die Y, S. 600. ~ 
DeaUche Schale 1898, S. 280 and 1899, S. 1 ff.) 

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Gemeinschaften wieder erstarke und der schroffe Gegensatz der wirt- 
schaftlichen Gesellschaftsklassen sich wieder mildere. Auch auf dem 
Gebiete des Schulwesens, wo sich die einzelnen Schularten wie die 
Volksklassen abgeschieden gegenüberstehen, als Standesschulen, muss 
die Bewegung zum Oamen hin einsetzen und Sorge tragen, dass die 
Schule bis in ihre höchsten Stufen allen offen stehe, die dazu be- 
fähigt sind. Es ist eine soziale Pflicht, die in der wirtschaftlichen 
Lage begründeten Hindemisse völlig wegzuräumen. In der Schule • 
soll dieses Zusammengehörigkeitsgefühl und dieses Ideal gepflegt und 
ein Geschlecht erzogen werden, das wieder im Menschen den Men- 
schen achtet, und das bereit ist, dem Nächsten, ohne zu fragen, wess 
Standes er sei, die hilfreiche Hand zu bieten, wenn er hinauf strebt 
zum Licht. Rissmann verwirft* die Versuche, durch den Religions- 
unterricht und Geschichtsunterricht die Sozialdemokratie bekämpfen 
zu wollen; ebenso hält er es für falsch, nur die krankhaften Er- 
scheinungen am Volkskörper zu sehen und nach Spezialmitteln gegen 
jede Krankheit zu suchen, wie Handfertigkeitsunterricht, Haushal- 
tungsunterricht, Volkswirtschaftslehre, Gesetzeskunde, Buchführung, 
Gesundheitslehre, Technol(^e, Jugendspiel. Die Aufnahme dieser 
Bestrebungen soll nach Rissmann unter gewissen Bedingungen trotz- 
dem erfolgen: 1. Ihr erziehliclier Wert muss ausser Frage gestellt 
sein ; 2. darnach ist ihre Stellung im System der Schulerziehungs- ' 
mittel ihnen anzuweisen. Auch Zweckmässigkeitserwägungen können 
noch hinzutreten. Die Aufnahme der „Volkswirtschaftslehre" in den 
Lehrplan sollte etwa nur darauf hinauslaufen, dass im Geschichts- 
unterricht auch den Hauptmomenten in der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung des deutschen Volkes Beachtung geschenkt würde, die 
des „Handfertigkeitsunterrichtes", dass das Modellieren (im Sinne 
Hertels) als Veranschaulichungsmittel im Zeichenunterricht zur An- 
wendung komme. Dieser Standpunkt hat Rissmann zu einem der 
wärmsten Vertreter des Handfertigkeitsunterrichtes gemacht*. 

Anderseits betont aber Rissmann, dass diese Bestrebungen nur eine 
dienende Stellung im Unterricht einzunehmen haben ; denn die Lösung 
der sozialen Frage kann von der Erziehung allein nicht übernommen 
werden, so kann sie auch nicht alles übernehmen. Sie ist nur ein 
Faktor zu dieser Lösung. Die Schule soll zum „sozialen Bewusst- 

' „Interregnam^. (Leitartikel im Januarheft der ^^Deutschen Schale'', 189^.) 

' Rissmann, Handarheitsunterricht der Knaben. Geschichte und gegen- 

w&rtiger Stand. (Bein, Encyklopädie IDE, S. 218 ff. , 

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sein" erziehen, d. h. zu der üeberzeugung, dass der Einzelne im 
Ganzen wurzelt und dass er in seinen Urteilen und .Wollen unter 
dem Einfluss der sozialen Sphäre steht, in der er sich bewegt und 
femer, dass er wiederum auch für das Ganze lebt und wirkt, um 
die Zwecke des Ganzen zu fördern. Daraus soll sich das Bewusst- 
sein bestimmter Rechte entwickeln, die der Einzelne gegenüber der 
Gesamtheit geltend machen darf, und das Gefühl der Pflicht, für 
das Bestehen und die förderliche Entwicklung derselben eintreten 
zu müssen. Dazu ist aber unbedingt notwendig, neben der reli- 
giösen (der Einzelne ein Bürger des Reiches Gottes) und der natio- 
nalen (der Einzelne ein Bürger des Vaterlandes), auch die politische 
(der Einzelne als Bürger des Staates) und die wirtschaßUche Seite 
(der Einzehae als Glied des wirtschaftlichen Organismus) zu berück- 
sichtigen. Die erziehliche Bedeutung dieser Belehrungen liegt nach 
Rissmann in der Einsicht, dass jeder Einzelne teil hat am Gedeihen 
des sozialen Ganzen und damit an der Kulturarbeit. Jeder kann 
deshalb von der Gesamtheit die Mittel verlangen, die ihm die Mög- 
lichkeit gewähren, nach seiner Eigenart dem Ganzen zu dienen und 
jeder muss sein Wollen auf solche Ziele richten, die dem Ganzen 
förderlich sind. Neben dem direkten Einfluss auf den Unterricht 
tritt Rissmann ein auch für die „allgemeine Volksschule", für den 
gemeinsamen Unterbau des gesamten Schulwesens, für einheitliche 
Organisation desselben, für vollständige Unentgeltlichkeit des Unter- 
richts, für freie Lehrmittel u. dgl., für die obligatorische Fortbil- 
dungsschule, für erhöhte Lehrerbildung und gemeinsame Ausbildung^ 
der Lehrer aller Schulgattungen. Diese Forderungen sind zwar 
früher schon erhoben worden. Sie sollten aber durch die sozial- 
pädagogische Beleuchtung scharfe Ausprägung und sichere BegrtUidung 
erhalten. In dieser praktischen Hinsicht erstrebt die Sozialpäda- 
gogik Rissmanns die möglichste Ausgleichung der Bildungsgegens&tze,. 
die zwischen den sozialen Schichten des Volkes bestehen. Und es. 
versieht sich nach Rissmann von selbst, dass darin nicht etwa ein 
Streben nach Nivellierung der zwischen den Individuen bestehenden 
geistigen Differenzen eingeschlossen ist. Wenn Rissmann auch sagt,, 
dass der Einzelmensch, von dem die früheren Gesellschaftstheorien 
ausgingen, ein „blutleerer Schemen", ein Begriff ohne Inhalt sei, sa 
ist die Individudlität im umfassenden Sinne des Wortes nicht die 
Wurzel, aber das Ziel der Entwicklung. Gesellschaft und Individuum 
sind nach ihm Realitäten, die beim Erziehungswerk beachtet werden 

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— 81 — 

massen. Daraus ergibt sich für ihn ein gerechter Ausgleich zwischen 
Individual- und Sozialpädagogik und eine richtige Auffassung beider 
Richtungen. Insbesondere bemüht sich Rissmann, die Sozialpäda- 
gogik vor dem Vorwurfe der Nützlichkeitspädagogik zu bewahren. 
Er bezeichnet es als einen unglückseligen Gedanken, auch jene Be- 
strebungen unter dem Namen „Sozialpädagogik^ zu bezeichnen, die 
sozialpolitische Einrichtungen bezwecken und in das Erziehungswesen 
aufgenommen werden sollen, um gewisse soziale Notstände zu be- 
seitigen, wie Kinderhorte, Ferienkolonien, Schulbäder, Jugendspar- 
kassen ü. dgl. Bei all diesen Einrichtungen — mit Ausnahme des 
Haudarbeitsunterrichtes — kommen nicht in erster Linie pädagogische 
Zwecke, also bildende Einwirkung auf die körperliche und geistige 
Entwicklung des Kindes, in Betracht. Daraus ist ein beispielloser 
Wirrwarr und eine BegriflFsverwirrung entstanden, die dazu benützt 
werden, um die Sozialpädagogik im allgemeinen zu bekämpfen. In 
zahlreichen Skizzen und Stimmen zur Sozialpädagogik vertritt Riss- 
mann in seinem Monatsblatt immer wieder diese Auffassung der 
Sozialpädagogik und verteidigt sie gegen ihre Kritiker'. Ausser Riss- 
mann kommen in der „D. Schule" noch eine Reihe duadLerer praktischer 
Schulmänner zu Worte in ihrer Stellung zur Frage der Individual- 
Pädagogik und Sozialpädagogik, m^Bütow in Pyritz (1898), C, Müller 
in Eilenburg (1900), Nägd in Gutzkow, Johannes Sdimarje in Altona 
u. s. w. Neben diesen Schulmännern sind noch eine Reihe anderer zu 
nennen, die in selbständigen Arbeiten sozialpädagogische Ideen und 
Forderungen vertreten haben, bald im Interesse des höheren, bald im 
Interesse des Volksschulwesens. Es ist hier vor allem Theobald 
Ziegler, Professor in Strassburg, zu nennen, der aus seiner Tätig- 
keit im höheren Schuldienst warmes Interesse und tiefes Verständnis 
für die sozialpädagogischen Fragen geschöpft hat Seine Ideen hat 
er teils in der „Deutschen Schule", teils in selbständigen Schriften 
vertreten („Die Fragen der Schulreform", „Die soziale Frage eine 
sittliche Frage", „Allgemeine Pädagogik", „Sozialismus und Indivi- 
dualismus". [Rein, Encyklopädie VI]). „Nicht als ob eine „soziale 
Pädagogik" etwas ganz Neues wäre," sagt er*, „es wird vielmehr die 
alte Pädagogik sein, nur in einem neuen, vom sozialen Geiste ge- 

* Jahrgang 1898, Skizzen zur Sozialpädagogik. Seite 362, 494, 694, 748. 
Jahrg. 1899, Seite 261, 175, 878, 641. Jahrg. 1900, Seite 252, 805, 576 und 
577. Jahrg. 1901, Seite 107, 242, 821. 

• Deuteche Schnle 1897. S. 8. /^ T 

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— 82 — 

trieben. Und auch dieser Geist ist schon seit hundert Jahren mitten 
unter uns. 1797 erschienen Pestalozzis ^Nachforschungen über den 
Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechtes", und 
sie sind die Verkündigung des sozialen Geistes, sind der Ruf zur 
Revolutionierung der Geister und zur Reform der Verhältnisse. Aber 
was damals noch die Stimme eines Einzelnen war, das tönt uns heute 
in vollem Chor von allen Seiten laut und immer lauter entgegen: 
„Erfüllet euch mit dem sozialen Geiste, leget Hand an eine gründ- 
liche Reform unserer vielfach recht ungesunden, vielfach recht un- 
moralischen Kultur; es ist wirklich nicht alles wert, beim alten 
gelassen und erhalten zu werden." Mit diesen Worten spricht also 
Ziegler zunächst sein Bekenntnis zu Pestalozzi aus, das ihn an die 
Seite seines Freundes Natorp und an die Seite Rissmanns führt, und 
sein soziales Bekenntnis im allgemeinen. Als besonderen Forderungen 
spricht er der Universitätsausdehnung oder Volkshochschulbewegung 
nach dem englisch-amerikanischen Muster das Wort und der Umge- 
staltung der Mittelschulen nach dem neuen Geiste. Am energischsten 
soll die Volksschule die Sozialisierung in die Hand nehmen, da sie 
dem Volke am nächsten steht. Sozial ist ihm vor allem der Gedanke 
der allgemeinen Volksschule. Darum weg mit den Vorschulen, die 
den antisozialen Kastengeist grossziehen und die Volksschule so 
schwer schädigen. Sozial ist ferner die Forderung der simultanen 
Schule und der Gedanke einer gründlichen Hebung des Lehrerstandes. 
Das Wichtigste einer sozialen Pädagogik bleibt Ziegler aber das 
Herz. . Die Volksgenossen aus den Kreisen der Arbeiter sollen wieder 
Vertrauen zu uns fassen. Das kann in der Schule geschehen und 
darüber hinaus durch Verbreitung eines sittlichen sozialen Geistes. In 
seinen Reformvorschlägen für die Schulen wendet sich Ziegler mehr 
den Mittelschulfragen zu, so besonders in den Fragen der Schulreform. 
In ähnlicher Weise beschäftigt sich der Oberlehrer Egon Huckert 
in Neisse mit der Frage, wie die Schüler der höheren Bildungsau- 
stalten am besten eine gesellschaftskundliche Belehrung erhalten 
könnten, in seiner „Sammlung sozialpädagogischer Aufsätze". Nach 
dem Vorgang von Oelsner^ und Nachtigall* und Direktor Moor- 

' üeber den volkswirtschaftlichen Unterricht. Osterprogramm der Wöhler- 
schale in Frankfurt a. M. 1885. 

' Die Berftcksichtigimg des volkswirtschaftlichen Elements bei dem Ge- 
schichtsunterricht in höheren Lehranstalten. Programm der Gewerbeschule zu 
Bemscheid. 1888. 

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— 83 — 

meisterS der sich dHrch selbständige nationalökonoimscbe Werke 
und Uebersetzungen ausländischer schon hervorgetan hat, sollen die 
höheren Schulen damit Sozialpädagogik treiben, dass sie Volkswirt- 
schaftslehre unterrichten. Huckert schliesst sich keiner Theorie der 
Sozialpädagogik an, ihn leiten nur praktische Gesichtspunkte der 
Nützlichkeit. Für seinen Volkswirtschaftsunterricht will er kein be- 
stimmtes System zugrunde legen,, um nicht die politischen Tages- 
kämpfe in die Schule zu tragen. „Auf die Erziehung, die Erfüllung 
der Herzen der Jugend mit einer gesunden, opferfreudigen Gesin- 
nung den volkswirtschaftlichen Dingen gegenüber muss mehr Gewicht 
gelegt werden." Die verschiedenen wirtschaftlichen Anschauungen 
gestatten auch gar nicht eine Festlegung in einem geschlossenen 
System für die Schule. Sie wandeln allzusehr und oft. Huckert ver- 
langt deshalb nur eine Geschichte der Nationalökonomie. Vor allem 
sollen dann die volkswirtschaftlichen Belehrungen sich an einzelne 
ünterrichtsgegenstände anschliessen, z. B. Religion, Deutsch, alte 
Sprachen, Geschichte, Geographie. Einen besonderen Unterrichts- 
gegenstand wünscht er nicht. Natürlich sollen die Lehrer volkswirt- 
schaftliche Bildung besitzen, um solchen, doch mehr gelegentlichen 
Unterricht bei entsprechenden Lehrplänen fruchtbar zu gestalten. 
Solche und ähnliche allgemeine Gedanken führt Huckert in seinem 
ersten Aufsatze aus: „Die höheren Schulen und die soziale Frage". 
Es folgen dann noch Abhandlungen über die Frage: „Wie kann die 
höhere Schule an dem Kampfe gegen Verschwendung, Luxus und Ver- 
gnügungssucht teilnehmen ?" „Ist die Zahl der Nutztiere ein sicherer 
Massstab für die wirtschaftliche Lage eines Landes?" Die weiteren 
Aufsätze beschäftigen sich mit den preussischen Agrargesetzen im 
Anfange dieses Jahrhunderts und ihren Folgen; mit dem Zweck 
des Geschichtsunterrichtes an den höheren Lehranstalten. In einem 
sechsten Aufsatze tritt Huckert für sozialpädagogische Ferienkurse ein, 
und zum Schlüsse behandelt er noch einmal die „Belehrungen über 
die geseUschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in den höheren 
Lehranstalten". Huckerts Abhandlungen sind durchweht von durchaus 
praktisch gerichtetem Geiste und sind reich an methodischem und 
volkswirtschaftlichem Wirken. Nur warnen möchten wir vor einer 
Verquickung von Religion und Volkswirtschaftslehre — gerade aus 
den Erfahrungen des pi'aktischen Lebens heraus. Der Verfasser einer 

' üeber volkswirtschaftliche Belehrung im Unterricht der höheren Schalen. 
Programm des Gymnasiums in Schlettstadt. 1889. , ^^^T^ 

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— 84 — 

„deutschen Sozialgeschichte", Direktor Emü Sttäzer, steht in seinen 
Forderungen über „Die soziale Frage der neuesten Zeit und ihre 
Behandlung in Oberprima" Huckert sehr nahe in einer Reihe von 
Gedanken. Er wttuscht,- die sozialen Fragen nach zwei Grundsätzen 
behandeln zu lassen. Die Erörterung soll nur in natürlichem, un- 
gezwungenem Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung er- 
folgen, und dieser Zusammenhang ist stets nach dem Verhältnis von 
Ursache und Wirkung klar zu stellen in heuristischer oder kateche- 
tischer Lehrweise. Stutzer führt dann in Form einer Skizze eine 
solche Geschichte der sozialen Frage im Zusammenhang mit der ge- 
8chichtliche^ Entwicklung durch. Wie Huckert und Stutzer, so steht 
auch der Jurist F. Stoerk, Professor in Greifswald, in seiner Abhand- 
lung: „Der staatsbürgerliche Unterricht" stark unter dem Einfluss 
der „Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichtes vom 
4. bis 17. Dezember 1890" auf der sog. „Berliner Schulkonferenz". 
Stoerk verlangt vom „staatsbürgerlichen Unterricht" Kenntnis der 
notwendigen Beziehungen, der Einwirkungen und Ei^gänzungen im 
System des heimatlichen Rechtes, des heimatlichen Staates. Dem 
jugendlichen Geiste sollen die ihm zunächst fassbaren gesellschaft- 
lichen Einrichtungen und Erscheinungen zum Bewusstsein gebracht 
werden. Stoerk vei*weist auf die mustergültigen Darstellungen der 
staatsbürgerlichen Lehre, wie sie zum Teil die Schweiz zur Befrie- 
digung einer seit längerer Zeit gesetzlich dort befestigten Studien- 
forderung im allgemeinen Unterrichtssystem besitzt und die schlicht 
und volkstümlich, in knapper Form und in gewinnender Wärme der 
Sprache das Leben in der Familie im höheren Lichte des Rechts- 
und Pflichtenverbandes, die uachbarrechtlichen Beziehungen, die 
Schule und ihren Bereich, das kameradschaftliche Verhältnis und 
die Freundschaft, die ersten und engsten Kreise des nationalen Ver- 
bandslebens behandeln \ Und das verlangt Stoerk nicht nur vom 
Gymnasialunto?*richt, sondern auch von den Fortbildungsschulen,, 
gewerblichen Fachschulen im Sinne der Dresdener Gehe-Stiftung. 
Wie von Stoerk so^ sind auch noch von anderen Juristen, Schmidt- 
Warneck, Sch^moller („Fichte, eine Studie auf dem Gebiete der Ethik 
und Nationalökonomie"), Rümelin, Bergbohm, Exner, Leonhard,. 

» Kwikelin, Statistik des (Jnterrichtswesens in der Schweiz. Femer Ar- 
beiten von BiOder (Gesellschafts- uhd Verfassungskunde). Numa Droz (die 
Elemente des bürgerlichen Unterrichts). HwMiker (Leitfaden für (Jesellschafts- 
konde). MosmanUt Bebsamen, Schnebeli u. s. w. 

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-— 85 — 

Frank, Gierke u. s. w. Versuche gemacht wordeu, dem Unterrichte 
die Wege zu weisen für eine staatsbürgerliche Propädeutik und den 
praktischen Unterrichtsfragen näher zu treten. Wie L. v. Stein einst 
auf Willmanns Sozialpädagogik einwirkte, so erleben wir es auch 
jetzt wieder, dass nicht nur von philosophischer Seite im weitesten 
Sinne, sondern auch von Seite der Juristen sozialpädagogische An- 
regungen ausgehen. Insbesondere ist von den Schulmännern, die 
hauptsächlich unter dem Einflüsse der Juristen stehen, das Feld der 
Büi^erkunde, des staatsbürgerlichen Unterrichtes sehr fleissig be- 
arbeitet worden. Eine wahre Hochflut solcher Versuche behandeln 
dieses neue Gebiet für Mittel- und Volksschulen^. Einige darunter 
kommen dem politischen Gebiete sehr nahe und stehen somit nicht 
weit vom ursprünglichen Ausgangspunkt aller Sozialpädagogik ^. Nach 
allgemeinen Gesichtspunkten ist neuerdings wieder in hervorragender 
Weise „die staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend" von 
dem Münchener Schulrat Dr. Oeorg Kerschensteiner behandelt worden. 
Als Erziehungsiwe/ der der Volksschule entwachsenen Jugend unter- 
scheidet er das der technischen und das der intellektuellen und 
sittlichen Erziehung. Sehr interessant sind seine Untersuchungen 
über die äusseren und inneren Grundlagen der staatsbürgerlichen 
Erziehung; als Grundlage der Nationalökonomie betrachtet er mit 
Höffding die Ethik, Neben den schulmässigen Erziehungskräften 
(Fortbildungsschule, Unterhaltungsabende, Fachschulen , Jugendvereine) 
redet er von nichtschulmässigen, wie Volksbilduiigsvereinen, Volks- 
Hochschul- und Volkshygiene- Vereinen, Turnvereinen, Erziehungs- 
räten u. dgl. Seine Schlussbetrachtungen berühren teilweise dieses 
Gebiet nochmals, wenn er von der Notwendigkeit einer grossen Er- 
ziehungspolitik, vom Einfluss des Weltverkehres auf die Volkserziehung 
und der Erziehung der oberen Stände und ihrer Bedeutung für die 
Massenerziehuhg spricht. Mit dieser Scheidung von den Erziehungs- 
kräften der staatsbürgerlichen Erziehung liegt wohl der Gedanke 
ausgesprochen, als Sozialpädagogik im engsten Sinne nur ein Formal- 



' In dieses Gebiet gehören u. a. MUnch^ Zeiterscheinungen und ünter- 
richtsfragen. 1895. Mann, Staat nnd BildTingbwesen. 1901. Ferner Bürger- 
Inmden von Fache, Patuschka, Viereck, Dörpfeld, Mittenzwei u. s. w. Ltter, 
Krüger (die sozialen Aufgaben des Volksschullehrers. 1902). 

* Brüchner, Erdehung und Unterricht vom Standpunkte der Sozialpolitik. 
1895. Gemer, Individual- und Sozialpädagogik. 1902. K. lischery Grundzttge 
einer SozialpSdagogik und Sozialpolitik. 1892 und 1896. (Mit einem Anhang.) 

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prinzip für die Behandlung der theoretischen Pädagogik zu bezeichnen. 
Von diesem Gresichtspunkte aus ergibt sich aber dann die Notwen- 
digkeit zu den Belehrungen, wie sie von all den praktischen Schul- 
männern dieser ergänzenden RiclUung der Sozialpädagogik gefordert 
werden ^ So erfährt die Sozialpädagogik eine Erweiterung in ihrem 
Umfange. Sie soll nicht nur eine bestimmte Richtung in der Päda- 
gogik bezeichnen, sondern sie soll neue Wege zeigen, wie ein ganzes 
Volk, die ganze Volkggenossenschqft auf eine höhere Stufe der Kultm* 
zu heben und das gesamte Volksleben so zu gestalten ist, wie es 
die möglichste Verbreitung der Kultur erfordert. So wird die Sozial" 
Pädagogik zur Volkspädagogik^, eingedenk des Wortes von Denzd: 
„Wer da weis, was Erziehung vermag und doch von Volksbildung 
gering denkt und zwischen sich und den sogenannten niederen 
Schichten eine Scheidewand, ziehen kann, in dessen Brust schlägt 
kein menschliches Herz''. Zu den Sozialpädagogen, die praktisch als 
Schulmänner tätig waren, muss natürlich auch F. W, Dörpfdd ge- 
rechnet werden, der aber schon an anderer Stelle besprochen ist mit 
Rücksicht auf sein Verhältnis zum Herbartianismus. Als einer der 
hervorragenden Wortführer der Sozialpädagogik muss zum Schluss 
auch der Berliner Lehrer J. Tews* genannt werden, auf dessen Auf- 
fassung der Sozialpädagogik eben hingewiesen worden ist. Er hat 
sich von der schulpolitischen Seite her der Sozialpädagogik genähert, 
und auch seine Stellungnahme innerhalb der Sozialbildungsbewegung 
hat ihn dazu bestimmt. („Die Bedeutung der Volksbildung für die 
sittliche Entwicklung unseres Volkes^ u. dgl.) Es lässt sich nicht 
leugnen, dass bei den meisten dieser praktischen Schulmänner die 
Sozialpädagogik stark von sozialpolitischen Ideen beeinflusst ist. 
Ferner muss hei*vorgehoben werden, dass der Begriff der Sozial- 
pädagogik bei diesen Vertretern noch nicht abgeklärt und abgerundet 
ist und fortgesetzt Schwankungen unterliegt. Eine einheitliche über- 
einstimmende Fassung ist ihm nicht gegeben, wie etwa bei anderen 
Autoren. Da begegnen wir noch vielfach einem heissen Ringen und 
Kämpfen, um den Uebergang vom Alten zum Neuen zu bewerk- 

' Gramzow, Kritische Streifzüge durch die Sozialpädagogik. (Deutsche 
Schule. 1900. Seite 289.) 

' TewSy Sozialpädagogik und kulturpolitische Skizzen. (Preussische Lehrer- 
zeitung. 1898.) Was ist Sorialpädagogik? (Pädagogische Zeitung. 28. Jahrg. 
Nr. 88. 

' üeher Tews siehe: ^Die deutsche Schule^ 1905, Seite 255. 



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— 87 — 

stelligen, um die grundlegenden und bleibenden Elemente mit den 
neuen Gesichtspunkten zu verbinden und zu versöhnen. Bei diesen 
Männern der Schulpraxis finden wir nur in einem eine bestimmte 
Harmonie der Anschauungen: die bisherige Erziehungslehre wird 
nicht ungestüm abgelehnt und als unbrauchbar beiseite geschoben, 
wie das Bergemann tut. In rechter Erkenntnis will man nur neue 
Beziehungen herstellen für den Unterricht und die Erziehung. 



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III. Teil. 



Die Betrachtung dieser sozialpädagogischen Strömungen hat uns 
gezeigt, wie das bereits oben gesagt worden ist, dass der Begriff 
„Sozialpädagogik^ von den verschiedenen Autoren nicht einheitlich 
gedeutet worden ist. Es lassen sich nun als Ergebnis aus diesen 
historisch aufgetretenen Standpunkten der Sozialpädagogik die vor- 
handenen Nuancen des BegriflFes „Sozialpädagogik" ableiten. Die 
sozialpädagogische Strömung des Herhartianmnus kennt nur ein 
Bildungsgesetz : das des Individuums, das wohl für eine Gemeinschaft 
erzogen werden soll, ohne dass aber das Bildungsgesetz der Gemein- 
schaft bestimmter formuliert würde. Die Gemeinschaft, welche für 
diese Strömung in Betracht kommt, umfasst auch nicht alle Formen 
gleichmässig. Der spezifisch konfessionelle Standpunkt des protestan- 
tischen Dörpfeld berücksichtigte in erster Linie die Interessen der 
protestantischen Kirche. Der ultramontan-katholische Willmann ver- 
tritt nur die Gemeinschaft der katholischen Kirche in streng thomi- 
stischem Geiste, wie er uns das in seiner keineswegs „idealistischen" 
„Geschichte des Idealismus" zeigt. 

Natorp definiert „Sozialpädagogik" in folgender Weise: „Der 
Begi-iflF der „Sozialpädagogik" besagt also die grundsätzliche Aner- 
kennung, dass ebenso die Erziehung des Individuums in jeder wesent- 
lichen Richtung sozial bedingt sei, wie anderseits eine menschliche 
Gestaltung sozialen Lebens fundamental bedingt ist durch eine ihm 
gemässe Erziehung der Individuen, die an ihm teilnehmen sollen, 
darnach muss dann auch die letzte, umfassendste Aufgabe der Bildung 
für den Einzelnen und für alle Einzelnen sich bestimmen. Die sozialen 
Bedingungen der Bildung also und die Bildungsbedingungen des so- 
zialen Lebens, das ist das Thema dieser Wissenschaft." „Die Ge- 
meinschaft besteht nur im Verein der Individuen, und dieser Verein 
wiederum nur im Bewusstsein der Einzelglieder," sagt Natorp des 



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— 89 — 

weitereu (Sozialpädagogik, S. 94). „Das letzte Gesetz ist daher für 
beide, Individuum und Gemeinschaft, notwendig eines und dasselbe.". 
Nach Natorp ist also das Büdungsgesetz des Einzelnen identisch mit 
dem Bildungsgesetz der Gemeinschaft. Sein Gemeinschaftsbegriff ist 
weit und umfassend. Er erstreckt sich über alle Formen des sozialen 
Lebens und erweitert sich zum Ganzen des Menschengeschlechtes. 

Bergemann geht in der Festsetzung des Begriffes der Sozial- 
pädagogik, wie das früher ausgeführt worden ist, von zwei nicht 
klar geschiedenen Gesichtspunkten aus, die in seiner „Sozialen Pä- 
dagogik'' immer wieder nebeneinander und nacheinander stehen, ohne 
dass ihre Grenzen oder ihr Geltungsbereich genau zu erkennen 
wären. Nach Bergemauns biologischem Gesichtspunkt ist der Mensch 
das Erzeugnis der Gattung (Menschheit) ; darnach ist die Erziehung 
als Gattungs- (Menschheits-) Erziehung zu betreiben. Nicht das 
Bildungsgesetz des Einzelnen, sondern dasjenige der Gesamtheit ist 
massgebend. In der Tat hat Bergemann kaum den Versuch gemacht, 
das Bildungsgesetz des Einzelnen darzustellen. Dazu fehlt seinem 
System ein Hauptfaktor: Die Psychologie. Nach seinem eigenen 
Geständnis kann er diese erst später darstellen in einer neuen Dar- 
stellung, ganz unabhängig von seiner sozialen Pädagogik. (Inzwischen 
ist sie erschienen als „Pädagogische Psychologie.) Im weiteren kann 
Bergemann wiederum nicht oft genug betonen, wie stark das Indi- 
viduum abhängig sei von der Umwelt, Die ganze Kraft der Er- 
ziehung muss sich in diesem Sinne darauf richten, das Individuum 
an die Umwelt anzupassen. Sein GemeinschaftsbegriiF soU alle sozialen 
Formen umfassen ; doch schliesst er bald die kirchliche Gemeinschaft 
vollständig aus, um sie dann wieder in Form kleinerer religiöser 
Gemeinschaft einzuschliessen ; oder er preist die Familie als soziale 
Gemeinschaft, entzieht ihr aber wieder die Kinder schon sehr frühe 
durch seine verschiedenen erziehenden Vereinigungen. 

Unter den Theoretikern ist besonders von Wtmdt zu betonen, 
dass der OesamttviUe als der vorherrschende dem Einzelnen das 
Gesetz gibt. Der Gesamtwille ist nach Wundt in der Gemeinschaft 
des Staates verkörpert, dessen Institutionen sich der Einzelne ein- 
fügen muss. Die Erziehung muss deshalb vom Gesichtspunkte einer 
Summe von Institutionen des Gesamtwillens aus beherrscht werden. 

Bei den Männern der Schidpraxis, die wir aufgeführt haben, ist 
der Begriff „Sozialpädagogik" aus einzelnen rein praktischen Ueber- 
legungen über die Bedeutung der einzelnen Erziehungsfaktoren ge- 

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— 90 — 

bild6t. Die Bildungsgesetze des Einzelnen und der Gesamtheit wer- 
den dabei nicht erörtert und auch der BegriflF der Gemeinschaft 
erfährt keine eingehendere Darstellung. 

Dass solche Abstufungen in den historisch aufgetretenen Stand- 
punkten wirklich vorhanden sind, hängt zusammen mit den Schwan- 
kungen des BegriflFes „Sozial" an sich. Nach der Interpretation 
eines modernen Rechtslehrers * hat der Begriff „Sozial" eine drei- 
fache Grundbedeutung. Er wird gebraucht: 

1. im Sinne von staatlich - politisch und gesellschaftlich. Als 
Beispiel hiefür gelten : Sozialphilosophie als Staats- und Gesellschafts- 
philosophie, wofür neuerdings auch Soziologie identisch gebraucht 
wird. Ferner bezeichnet in diesem Sinne der BegriflF Sozialwissen- 
schaften Staats- und Gesellschaftswissenschaften. 

2. „Sozial" wird weiter angewendet im Sinne von gesellschaft- 
lich in Oegenubersteümig zu staatlich -politisch. Zur Gesellschaft 
gehören der Form nach Individuen, Familie, Stände und Klassen, 
Stämme, Kirche und Gemeinde; dem Inhalte nach gehört dazu so- 
wohl das wirtschaftliche Gesellschaftsleben (Volkswirtschaft), als auch 
das sonstige allgemeine Gesellschaftsleben, also Bevölkerungsverhält- 
nisse und sonstiges physisches wie auch geistiges Leben. Hieher 
rechnet man Nationalökonomie und Statistik, Sozialökonomik; ferner 
die Bewegungen zur Besserung tieferer Schäden in der Volkswirt- 
schafts-, Bevölkerungs- und Gesundheits-, sowie der geistigen Gesell- 
schaftsbildung und -gestaltung. Auf diesem Gebiete findet eine starke 
Durchdringung mit politischen Fragen statt. 

3. Endlich bezieht man den BegriflF „sozial" auf bestimmte Teile 
der Gesellschaft und des Gesellschaftslebens: Volksgliederung, Ge- 
sellschafts-, bezw. Wirtschaftsorganisation und Gruppen- wie Klassen- 
leben, mit besonderer Rücksicht auf wirtschaftlich schwächere Volks- 
kreise, daher auch arbeiter- und auch verkehrsfreundlich und 
gesellig zu erwähnen ist. Dieser Bedeutung gehören eine Reihe der 
verbreitetsten Anwendungen von „sozial" an, so besonders die soziale 
Frage im engeren Sinne als Arbeiterfrage. Hieher gehört die viel 
gebrauchte Nebeneinanderstellung von wirtschaftlich und sozial, wie 
sie sich vorfindet in den BegriflFen: wirtschaftliches und soziales 
Volksleben, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, WIrtschafts- und Sozial- 

* Wasserrab, Sozialwissenschaft und soziale Frage. S. 29 ff. (1900.) (Leipzig, 
Dancker & Homblot) 



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— 91 — 

poIitik u. s. w. Es findet darin eine Art Gegenüberstellung statt des 
Güterlebens überhaupt zu. dem grossenteils davon abhängigen son- 
stigen Volksleben. 

Diese Grundbedeutungen des Begriffes „sozial" zeigen uns, dass 
er ein Grenzgebiet der Nationalökonomie und der Soziologie bildet, 
deren Grundlage früher schon erwähnt worden ist. Sie versetzen 
uns in die Lage^ einigermassen diesen mehrdeutigen Begriff zu 
verstehen. 

Ganz ist es aber nicht möglich, diese Mehrdeutigkeit von An- 
wendungen zu beseitigen. Das gilt insbesondere für den Begriff 
„Sozialpädagogik", welcher aus der Soziologie herausgewachsen ist. 
Dieser BegriflF gestattet eine so weite Fassung, dass alle drei Be- 
deutungen gemeint sein können. In Anlehnung an diese Unterschei- 
dungen sind als logisch mögliche Bedeutungen des Begriffes „Sozial- 
pädagogik" zu unterscheiden: Im Sinne der ersten Deutung des 
Begriffes „sozial" ist die Sozialpädagogik die Wissenschaft des Bü- 
dungsgesetzes der Gesamtheit in Staat und Oesdlschaft im allgemeinen. 
Dieses Bildungsgesetz umfasst aber auch das Bildungsgesetz des Ein- 
zelnen. Beide Gesetze sind keineswegs identisch. So sagt uns die 
zweite Deutung. Sie sagt uns auch femer, welche sozialen Gruppen 
unter der Gemeinschaft zu verstehen sind: der Form nach Individuen, 
Familie, Stände, Klassen, Stämme, Kirche und Gemeinde. Dem In- 
halte nach sagt uns diese zweite Deutung, dass die Wissenschaft der 
Sozialpädagogik alle jene Elemente und Stoffe umfassen muss, die 
zur Bildung des physischen und geistigen Lebens notwendig sind. 
Die di-itte Deutung endlich sagt uns, dass die Sozialpädagogik auch 
praktische Ueberlegungen über die BedeiUung dev einzelnen sozialen 
ErziehungsfaJäoren anzustellen hat,, wenn sie sich z. B. der Arbeiter- 
frage annehmen will, wiewohl in der Erziehung auf diese Bücksicht 
zu nehmen sei, ohne dass sie aber durchaus ins politische Fahr- 
wasser einmünden soll. So muss sich die Sozialpädagogik als Er- 
ziehungswissenschaft die Aufgaben dieser dreifachen Orundbedeutung 
zei eigen machen. Sie ist dann ihrem vollständig aufjgestellten Be- 
griffe nach die Wissenschaft, die zeigt, wie für die Gesellschaft und 
den Staat unterriclUet und erzogen werden soU, 

Nach diesen Auseinandersetzungen bedarf es nur noch eines 
kurzen Hinweises, dass die historisch aufgetretenen Standpunkte der 
Sozialpädagogik im Hinblick auf die logisch möglichen Bedeutungen 
und auf den vollständig aufgestellten Begriff der Sozialpädagogik ein- 

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— 92 — 

seitig sind. Die Sozialpädagogik des Herbartianismus bleibt befangen 
im Bildungsgesetz des Individuums. Herbarts Individualismus ist nicht 
überwunden. Natorp kenut kein Bildungsgesetz, das sich besonders auf 
das Individuum bezieht. Bergemann gelingt es vor allem nicht, das 
Bildungsgesetz der Gesamtheit zu formulieren. Wundt gilt das Bil- 
dungsgesetz der Gesamtheit als das Ueberwiegende gegenüber dem 
Bildungsgesetz des Einzelnen. Und endlicli sei von den Männern der 
Schulpraxis gesagt, dass sie die Sozialpädagogik nur einseitig im 
Sinne der dritten Deutung entstehend sich denken. 

Nachdem so bei den verschiedenen Sozialpädagogen der Begriff 
der Sozialpädagogik nicht übereinstimmend formuliert ist und noch 
weitgehende Meinungsverschiedenheiten bestehen, ist es leicht be- 
greiflich, dass Gegner sich erheben, die sie bekämpfen. Mit ihrer 
Mutterwissenschaft, der Sozialphilosophie, teilt die Sozialpädagogik 
das Schicksal, dass sie noch lange nicht gesichert ist. Sie steckt 
noch im ersten Stadium der Entwicklung^ obwohl sie in ihren 
Ansätzen ein hohes Alter aufzuweisen hat. Als Hauptgegner gilt 
JRehmke (geb. 1848, Professor in Greifswald). Mit Recht sagt Scherer 
von ihm, dass jedes Wort aus seinem Munde, das nur in irgend 
einer Hinsicht den Streit zwischen den beiden Richtungen, der In- 
dividual- und Sozialpädagogik, berührt, von den Gegnern wie ein 
Evangelium aufgenommen wird. Insbesondere gilt das von seiner 
Broschüre: „Der Schvlhen^, eine allgenmue pädagogische Unter- 
suchung^ (Leipzig und Frankfurt, Kesselring). Rehmke definiert die 
Pädagogik als die Wissenschaft von der Schulerziehung. Nach den 
verschiedenen Schulen unterscheidet er die allgemeine Pädagogik und 
die Fachpädagogik. Die allgemeine Pädagogik ist ihm die Wissenschaft 
der Erziehung des Individuums zu einer sittlichen Persönlichkeit. Die 
Fachpädagogik zeigt, wie das Individuum zu einem besonderen Sich- 
auswirken gelangen soll. Die Mittel und Wege beider sind nicht 
erwähnt. Sie beide haben das Gebiet der ÄcÄiiZerziehung so völlig 
untereinander aufgeteilt, dass neben ihnen kein Platz für die soge- 
nannte Individual- und Sozialpädagogik bleibt. Diese könnten höchstens 
bei der allgemeinen Pädagogik untergebracht werden als besondere 
Erscheinungen, Je nachdem wir nun — nach Rehmke — das 
Erziehungsziel oder den zu Erziehenden ins Auge fassen, sind zwei 
Weisen möglich, Individual- und Sozialpädagogik zu begreifen. Das 
Erziehungsziel wird bestimmt nach der Ethik. Darnach müsste 
dann auch eine Individual- und Sozialethik unterschieden werden, 

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— 93 — 

von denen die eine die sittlichen Aufgaben des Individuums in Bezug 
auf sioh selbst, die andere in Bezug auf die Mitmenschen erörterte, 
oder die Individualethik müsste die sittlicheo Aufgaben des Indivi- 
dqums überhaupt, die Sozialethik die sittlichen Aufgaben der Gesell- 
schaft bearbeiten. Diese Art der Individual- und Sozialpädagogik 
lehnt Rehmke ab, indem er sagt': ;,Je nach der Auffassung der 
Unterscheidung „Individual- und Sozialethik" werden nun auch die 
Gegenstände der Individual- und Sozialpädagogik verschiedene sein. 
Nach der ersten Auffassung sind ihre Gegenstände zwar einer ge- 
sonderten wissenschaftlichen Betrachtung vielleicht fähig, aber für 
die Schulerziehung, und in dieser allein kann ja die Pädagogik als 
Wissenschaft von der systematischen und methodischen Einwirkung 
auf die Entwicklung des Bewusstseinsindividuums praktisch werden, 
bilden sie die untrennbaren Momente einer einheitlichen Schulauf- 
gabe." Aus dieser letzteren Tatsache, so meint Rehmke, könnte als 
besonderes Stück der allgemeinen Pädagogik die „Individual- und 
Sozialpädagogik" nur dann behandelt werden, wenn sich ein Nutzen 
für die Klarstellung der Aufgabe jener allgemeinen Pädagogik ergäbe. 
Das hält Rehmke, ohne einen Grund anzugeben, für undenkbar und 
aus kaum überwindlichen Schwierigkeiten, die auch verschwiegen 
sind, für undurchführbar. Darum hält es Rehmke für ratsamer, 
diese das Zid der Erziehung berücksichtigende Unterscheidung der 
Individual- und Sozialpädagogik in die allgemeine Pädagogik gar 
nicht aufzunehmen; Wenn wir für eine Unterscheidung von „Indivi- 
dual- und Sozialpädagogik" den zu Erziehenden berücksichtigen, so 
ist für die eine das einzelne unselbständige Individuum, für die 
andere die Gesellschaft der selbständigen Individuen ma^^sgebend, 
sagt Rehmke. Diesen Richtungen würde dann die allgemeine Päda- 
gogik als eine besondere Wissenschaft gegenüberstehen, während 
Individual- und Sozialpädagogik als angewandte allgemeine Pädagogik 
zu gelten hätten. Ihre Einheit müssten sie darin finden, dass sie 
ein und derselben Psychologie angehörten. Eine solche Scheidung 
in Individualpädagogik als die Wissenschaft der Erziehung der Un- 
erwachsenen und in Sozialpädagogik als der Wissenschaft der Er- 
ziehung der Erwachsenen lässt Rehmke gelten. Nicht einverstanden 
ist er, die Unterscheidung von Individuum und Gesellschaft zugrunde 
zu legen, da diese Unterscheidung die Gesellschaft oder das gemein- 
same Ganze ebenfalls als ein Individum betrachte. Dieser Unter- 



" Schulherr, Seite 11 flf. 

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— 94 — 

Scheidung gegenüber müsste der Nachweis erbracht werden, dass 
neben einer Individual- noch eine Sozialpsychologie bestehe. Diesen 
Nachweis zu erbringen, hält Rehmke für undenkbar, weil einzig allein 
die zur Persönlichkeit sich entwickelnde menschliche Seele als ein 
besonderes Konkretes zu erweisen sei, während das Bewusstseins- 
individuum ;,Gesellschaftsseele^ sich nicht in der Erfahrung finden 
lasse; jene Behauptung schwebe also in der Luft. Nachdem die 
Sozialpsychologie nicht konkret besteht, gibt es nach Rehmke auch 
keine Sozialpädagogik. „Somit ist die Behauptung von Individual- 
und Sozialpädagogik als zwei besonderen, durch den Gegenstand der 
Erziehung (den zu Erziehenden) unterschiedenen Wissenschaften 
schlechtweg abzuweisen. Was man hier unter Individualpädagogik 
versteht, deckt sich durchaus mit dem, was wir als die Pädagogik 
überhaupt bezeichnen; was man aber hier unter „Sozialpädagogik^ 
versteht, ist und bleibt ein Hirngespinst.^ Dennoch verlangt Rehmke, 
in der Pädagogik von Sozialpädagogischem zu reden und die Be- 
ziehungen des Individuums zur Gesellschaft zu berücksichtigen; in 
diesem Sinne existiert tatsächlich eine Sozialpädagogik. Insbesondere 
erklärt er sich einverstanden mit den praktischen Bestrebungen des 
Lehrers Teivs (Universitätsausdehnung, Volksbibliotheken, Lesehallen 
u. s. w.). Nur hält es Rehmke für unnötig, für diese Bestrebungen 
das neue Wort „Sozialpädagogik^ einzuführen. 

Nach unseren Darlegungen über den Begriff „Sozialpädagogik^ 
empfinden wir, dass sich Rehmke gegen die einseitige Sozialpädagogik 
wendet, die die Individualerziehung nicht berücksichtigt. Insofernc 
stimmen wir Rehmke vollkommen zu. Wenn er aber sagt, die In- 
dividualpädagogik sei die Wissenschaft von der Erziehung der Un- 
erwachsenen, so beschränkt er unnötigerweise beide. Auch der 
Erwachsene wird noch individuell erzogen, und die Erziehung der 
Unerwachsenen muss auch bezogen werden auf die sozialen Verhält- 
nisse, muss also auch sozialpädagogisch sein, Individual- und Sozial- 
päddgogik ergänzen sich zur Pädagogik im ganzen. Das übersieht 
Rehmke. Ferner geht es nicht an, Pädagogik nur als Schulerziehung 
zu bezeichnen. Sie umfasst nach unserer Auffassung mehr als das, 
wie gezeigt worden ist. Damit fallen dann auch Rehmkes Bedenken 
gegen eine Individual- und Sozialethik weg, die auch tatsächlich 2wei 
untrennbare Momente bilden für eine, das Individuelle und Soziale 
umfassende Pädagogik. Auch Rehmkes Bedenken gegen die „Gesell- 
schaftsseele" sind nicht allzu schwerwiegend. Es stehen der Psycho- 

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— 95 — 

logie Tatsachen zu Gebote, die den Charakter psychischer Objekte 
haben, ohne experimenteller Einwirkung fähig zu sein. Wir meinen 
die geschichtlich entstandenen geistigen Erzeugnisse, wie Sprache, 
Mythologie u. dgl. Sie setzen die Existenz einer Gemeinschaft voraus, 
an die sie gebunden sind. Insofeme sind wir wohlberechtigt, vou 
einer „Gesellschaftsseele" zu sprechen. Individual- und Sozialpsycho- 
logie bilden aber eine Einheit. So sind wir im Rechte, zwei Seiten 
der Pädagogik zu unterscheiden in Mcksicht auf den zu Erziehenden. 
Am Ende lenkt Rehmke doch noch in die Sozialpädagogik ein, ohne 
aber zu merken, dass er sich der einseitigen Richtung nähert, die 
wir bei den Männern der Schulpraxis charakterisiert haben. 

Als ein weiterer Hauptgegner zeigt sich der moderne Herbar- 
tianismus. Das ist um so. verwunderlicher, als aus seinen Reihen 
Sozialpädagogen hervorgegangen sind, und obwohl nach Willmanns 
Ansicht eine Weiterentwicklung des Herbartianismus in der sozial- 
pädagogischen Richtung eine Stütze an Herbarts soziologischen An- 
sichten findet. Trüper* verwahrt sich und Dörpfeld sogar dagegen, 
mit Natorp oder Bergemann als Gesinnungsgenossen in eine Reihe 
gesetzt zu werden. Die scuJüidien Gründe hiefür sind nicht recht 
zu begreifen. Trotz aller Gegnerschaft wird es nicht möglich sein, 
die Notwendigkeit der Sozialpädagogik neben der Individualpädagogik 
abzustreiten, wie das dargelegt worden ist. 

' Mitteilungen des Vereines der Freunde Herbart'scher Pädagogik in 
Thüringen, 1901, Nr. 18 und 19. 



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Bener Stadien zur Philosophie und ihrer Geschichte. 



Band XXXXIV. 



Herausgegeben von 

Dr. Ludwig Stein, 

Professor an der Universitllt Bern. 



Die intellektuelle Anschauung 
bei Schopenhauer. 



Dargestellt und kritisch beurteilt 

von 

Dr. Qotthard Lehmann 

aus Oberkirch (Baden), 



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Bern 

Druck und Verlag von Scheitlin, Spring & Gie. 
1906. 

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Inhaltsverzeichnis. 



A. Historischer TeiL 

I. Kapitel. 

Die intellektuelle Anschauung bei den Griechen. 

1. Bei Piaton. 

2. Bei Plotin. 

II. Kapitel. 

Die mittelalteriiche Mystik mit besonderer Rücksicht auf Meister Ekkehardt. 

III. Kapitel. 

Die intellektueUe Anschauung in der neueren Philos. 

1. Das Erkenntnis-Problem bei Descartes. 

2. Absolutes Prinzip und intellektuelle Anschauung bei Spinoza. 

3. Fichtes absolutes Ich imd die intellektuelle Anschauung. 

4. Scheltings Identitätsphilosophie und die intellektuelle Anschauung. 

B. Systematischer Teil. 

Schopenhauer imd die intellektuelle Anschauung. 



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Historischer Teil. 



L Kapitel. 



Hatte Sokrates dem Skeptizismus gegenüber das Begriffliche, 
Allgemeine zum Massstab des wahren objektiven Wissens erhoben 
und war er hierdurch der Vater der Philosophie des objektiven Ge- 
dankens geworden^ so war es sein grösster Schüler Piaton, der die 
geniale Lehre seines Meisters weiterbildete und vollendete, indem 
er in Verbindung mit der sokratischen Begriffslehre die beiden anti- 
thetischen Systeme der Eleaten und des Heraklit, sowie die Philo- 
sophie der Pythagoräer und des Anaxagoras zu einer systematischen 
Einheit verschmolz. Piaton hatte von den Eleaten die Ueberzeugung 
übernommen, dass das, was das Wesen des wahren Wissens ausmache, 
der Begriff, auch das Wesenhafte des Seins bilden müsse, wenn die 
Wahrheit in der Uebereinstimmung der Erkenntnis mit der Wirklich- 
keit bestehen soll. So sind ihm die Ideen nicht mehr ein bloss For- 
males, Gedachtes, sondern zugleich auch das wahre Wesen, die 
Substanz der Dinge, das Wirkliche schlechthin. (Zeller, Gesch. der 
Phil, der Gr., Band II', S. 541 bis 547.) Sind hiernach die Ideen oder 
Gattungsbegriffe allein Gegenstand des wahren Wissens, sofern eben 
nur das Unveränderliche erkannt werden kann, so können die Einzel- 
dinge, da sie in stetiger Veränderung begriffen sind, auch keine 
absolute Realität besitzen. Letztere sind daher nicht Gegenstand 
des reinen Denkens, sondern der sinnlichen Wahrnehmung, die nicht 
das wahre Sein, sondern das Nichtsein zum Gegenstande hat. 

Ebenso wie für Piaton die metaphysischen oder ontologischen 
Prinzipien zwiefacher Natur sind : das Sein oder die Ideen und das 
Nichtsein oder die Materie, so ergibt sich für ihn auch demgemäss 
eine doppelte Erkenntnis weise : das begriffliche Denken und die 
sinnliche Wahrnehmung. Ersteres bezieht sich auf das Wesenhafte 
der Dinge, die Ideen, letzteres hingegen auf das Wandelbare, die 
Einzcldinge oder alles, was seinen Grund im Nichtsein hat. Die 
sinnliche Wahrnehmung kann uns keine absolute Wahrheit, kein 

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Wissen, sondern nur Wahrscheinlichkeit gewähren. Auch die durch 
Wiederholung und Wiedererkennung derselben Vorstellungen ge- 
wonnene Erfahrung vermag uns wohl einen höhern Grad der Mei- 
nung, aber noch keineswegs ein eigentliches Wissen zu geben, weil 
die Einsicht in die Gründe, in die Notwendigkeit der Sache fehlt» 
Allein das diskursive, reflektierende Denken ist Wissenschaft im 
höchsten Sinne, sofern dasselbe auf das Seiende (usfa) sich bezieht. 

Die Ideen sind bei Piaton nach demselben System gegliedert,, 
wie die Begriffe im Denken durch die logische Operation des Ueber- 
und Unterordnens systematisch geordnet werden; sie bilden eia 
Stufenreich, so dass die höhere stets die vorangehenden niederen- 
in sich begreift. Die höchste Idee, zu der wir gelangen können,, 
die Idee des Guten, muss demnach alle Naturideen in sich befassen, 
wenn auch nur unbewussterweise ; so erklärt es sich, wie Piaton 
dazu gelangen konnte, das Erkennen als eine Erinnerung, als ein 
ßewusstwerden aufzufassen. Indem die Ideen ursprünglich dem eigenen. 
Geiste eingeboren aind, ihm inhärieren, so konnte er behaupten,, 
dass die Seele bei Gelegenheit des Wahrnehmens der Einzeldinge 
sich der in ihnen enthaltenen Ideen wiedererinnert, die ihr ursprüng- 
lich angehören. Diesem philosophischen Gedanken hat Piaton jedoch 
einen mythologischen Ausdruck verliehen, indem er behauptet, die 
Seele habe die Ideen in ihrem präexistenten Zustande geschaut in 
ihrer Reinheit, sie sei aber dieses Schauens durch Herabsinken in 
die Körperlichkeit verlustig geworden. Dennoch vermöge die Seele 
auch in der Sinnenwelt zur intelligiblcn Anschauung der Ideen 
wiederzugelangen, indem sie durch die Anregung der von ihr wahr- 
genommenen Einzeldinge sich der in ihnen enthaltenen Ideen wieder- 
erinnert und vermittelst des diskursiven Denkens zu den Urbildern 
aufsteigt, an denen auch die Sinnendinge noch teilhaben. • 

Beim Neuplatonismus mit seiner schroffen Gegenüberstellung 
von Gott und Welt, Diesseits und Jenseits, Sinnenwelt und intelli- 
gibler Geisteswelt, musste auch die Erkenntnisart dementsprechend 
eine andere sein. Weder Piaton noch Aristoteles hatten die Gott- 
heit über den Bereich 'des vernünftigen Denkens hinausgehoben, 
beiden war die denkende Erkenntnis des Wirklichen die höchste^ 
da sie ja nur im Denken das wahrhafte Sein zu erfassen glaubten. 
Der Neuplatonismus hingegen hatte das höchste Seinsprinzip soweit 
allem Denkbaren entrückt, dass es gegenüber allem bestimmten Wirk- 
lichen als ein unbestimmtes Ueberwirkliches erscheint, als den letzten 

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— 3 - 

unerkennbaren Grund alles Seins und Denkens. Nicht durch diskur- 
tiv€s Denken können wir daher zur höchsten Wahrheit gelangen, 
da dieses sich immer nur auf ein bestimmtes Sein beziehen kann, 
sofern letzteres als Denkinhalt ein solches unbedingt sein muss. Von 
dem einen unterschiedslosen Sein dagegen kann nichts Positives 
ausgesagt werden, ja nicht einmal das Prädikat des Seins dürfen 
wir ihm genau genommen beilegen, sofern es eben über alle denk- 
bare Wirklichkeit erhaben sein soll. 

Der Hauptvertreter des Neuplatonismus, Plotin, unterscheidet 
ähnlich wie Piaton eine doppelte Erkenntnisweise, die sinnliche 
Wahrnehmung und das begriflfliche Denken. Beide Arten des Er- 
kennens haben für ihn aber einen bloss mittelbaren Wert, da sie 
sich nur auf das endliche bestimmte Sein beziehen. Sie reichen nicht 
hin zur Erkenntnis des einen unterschiedslosen Seins, das infolge 
seiner Erhabenheit über alle Denkform, auch nicht vom Denken er- 
Casst werden kann. Die sinnliche Wahrnehmung ist für Plotin nur 
eine Vorstufe, durch sie werden wir auf ein höheres wahrhaft Seiendes 
hingeführt, von dem das Sinnliche nur ein Abbild ist. Es kommt 
ihr daher keine Wahrheit zu, sie ist nur ein verdunkeltes Denken. 
Mehr Wahrheit hat für ihn das vermittelte Denken, da dieses auf 
das Wesen der Dinge, die Ideen gerichtet ist. Um zur höchsten 
Wahrheit und Wirklichkeit, d. h. zur Anschauung der Ideenwelt vor- 
zudringen, bedürfen wir eines unmittelbaren Wissens, das seine Prin- 
zipien aus einem höhern Prinzip (Nus) entlehnt. Als Voraussetzung 
und Grund alles mittelbaren Wissens können in diesem Subjekt und 
Objekt nicht verschieden sein^ es gründet sich mithin auf die Iden- 
tität von Anschauendem und Angeschautem, es ist die reine Selbst- 
anschauung des Denkens (das Denken des Denkens wie bei Aristoteles). 

Auf dieser Stufe der intellektuellen Anschauung, auf welcher 
göttliches und menschliches Denken unmittelbar zusammenfallen, ist 
die menschliche Persönlichkeit (Ichbewusstsein) noch nicht völlig 
untergegangen, diese verschwindet erst auf der höchsten möglichen 
Stufe der Erkenntnis, der Anschauung des Urwesens selbst. Die An- 
schauung des Göttlichen in seinem wahren Sein kann sich also nur 
durch mystische Ekstase vollziehen, welch letztere freilich nur den 
dazu auserlesenen Geistern erreichbar ist. Es ist dabei selbstverständ- 
lich, dass der Zustand des Erleuchteten während der Ekstase ein völlig 
bewusstloser sein muss; denn wie könnte, was an sich selbst ein 
Bestimmungsloses, Einfaches schlechthin ist, in unser Bewusstsem 

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— 4 — 

eingehen, das doch immer an eine Vielheit, zum mindesten an eine 
Zweiheit (Subjekt ^^ Objekt) gebunden ist. Die Erleuchtung, welche 
dem Menschen im Zustande der Ekstase zuteil wird, teilt aber auch 
kein eigentliches Wissen von Gott mit, obgleich sie uns seiner un- 
mittelbaren Gegenwart versichert. Gott lässt sich, da er seinem 
Wesen nach nichts Wissbares ist. nicht beschreiben, sondern nur 
unmittelbar schauen. Ja nicht einmal von einem Schauen Gottes 
kann gesprochen werden, sondern nur von einem Gott-Sein, da in 
diesem Zustande der Seele jeder Unterschied selbst, auch der von 
Subjekt und Objekt aufgehoben ist, auf welch letzterem eben das 
Bewusstsein beruht. Zu diesem Zuztande der unmittelbaren Eins- 
werdung mit Gott gelangt die Seele dadurch, dass sie einen Lau- 
terungsprozess durchmacht, in dessen Verlaufe sie sich immer mehr 
von der Aussenwelt (allem äusserlichen konkreten vielheitlichen Sein) 
abwendet, um im selben Masse sich in sich selbst zu vertiefen, bis 
sie schliesslich ihr eigenes Wesen, welches im Grunde mit Gott 
identisch ist, wiedergefunden hat. 

Erweist sich somit der Neuplatonismus in seinen höchsten Er- 
kenntnisgraden als Mystizismus, d. h. als ein Hinausgehen über die 
gewöhnlichen Erkenntnisfähigkeiten, der sinnlichen Wahrnehmung 
und des begrifflichen Denkens, die er beide nur als Vorstufen zu 
einer höheren Erkenntnis betrachtet, so wurde er eben hierdurch die 
Quelle aller spätem spekulativ-religiösen Mystik im Mittelalter bis 
auf die neuere Zeit, üeberall, soweit es sich um spekulative My- 
stik handelt, werden wir daher im wesentlichen dieselben Prinzipien, 
dieselbe Stufenfolge der Erkenntnisgrade wiederfinden, die dem 
Neuplatonismus eigen sind. Von der sinnlichen Erkenntnis an- 
steigend, die uns nur ein unwirkliches Bild des wahrhaft Seienden 
liefert, schwingt sich der Geist empor vermittelst des begrifflichen 
Denkens zur Erkenntnis der Ideen oder ewigen Wesenheiten der 
Dinge, um von hier zur unmittelbaren Anschauung der Einheit der 
Ideenwelt (Nus) zu gelangen. Den Abschluss findet der Erkennt- 
nisprozeSs erst in der durch Ekstase herbeigeführten Eins werdung 
(unio mystica) mit dem Göttlichen selbst. ^ 

' Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass derartige ekstatische Zustände in 
denen sich die Mystiker während der Kontemplation befinden, obwohl etwas unge- 
wöhnliches, so doch an sich nichts übernatürliches sind; sie finden ihre psychologische 
Erklärung in einer bis zur IJeberschwänglichkeit gesteigerten Geislesbetätigung. 



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IL Kapitel 



Durch die Schriften die unter dem Pseudonym eines Dionysius 
Areopagita wahrscheinlich um die Mitte des 4ten Jahrhunderts ent- 
standen sind (vergl. Nirschl, Lehrb. d. Patrologie, Band II S. 141) 
und die einen starken Anklang an die neuplatonische Schule zeigen, 
fand die christliche Mystik ihre selbständige Begründung im Gebiete 
der Wissenschaft. Zwar fehlt es nicht an Ansätzen zur christlichen 
Mystik im Gebiete der religiösen Literatur der ersten christlichen 
Jahrhunderte ; so im Johannes-Evangelium und in den Paulinischen 
Schriften, in denen ein gewisser philonischer Einfluss, namentlich 
in der Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt, unverkennbar 
ist. Auch Origenes und die Alexandriner besprechen die Beschauung 
und Augustinus legte in seinen Werken, de civitate dei, in seinen 
Bekenntnissen, in der Auslegung der. Genesis, die Grundlinien zu^ 
doktrinellen Mystik. Zu einem wirklichen System der Mystik kam es 
aber erst durch den Verfasser der pseudo-dyonischen Schriften, der 
durch die Herübemahme neuplatonischer Gedanken sowohl, wie 
auch der ganzen Darstcllungs weise ein solches aufstellte und somit 
als der Begründer der christlichen Mystik angesehen werden kann. 

Das Pseudo- Dionysische System stellt sich uns dar als eine 
Verschmelzung heidnisch-neuplatonischer Ideen mit christlichen Glau- 
benslehren. Wir finden in ihm daher die gleiche Dreiteilung der 
Stufenfolge des mystischen Lebens wieder, die wir im Neuplatonis- 
raus kennen gelernt haben, wenn auch mehr dem christlichen Geiste 
entsprechend nach Form und Inhalt. Der untersten Stufe in der 
neuplatonischen Mystik, der übersinnlichen Erkenntnis, die gleichsam 
ein propädeutisches Mittel zur höhern Erleuchtung bildet, indem sie 
den Geist von dem Konkret Sinnlichen abwendet, um ihn das Wesen 
der Dinge erkennen zu lassen, entspricht hier die Reinigung. Es 
folgt sodann die Erleuchtung bei Dionysius als eine Mittelstufe, 
entsprechend der Anschauung der Ideenwelt bei Plotin. Die höchste 
Stufe die Einigung (unio mystica) ist aber hier insofern verschieden 

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— 6 — 

von der neuplatonischen, als sie nicht wie diese eine wesenhafte, 
substantielle ist; indem bei Dionysius die Seele ihre Eigenexistenz 
beibehält und nur eine Umbildung erfährt, durch die es ihr ermög- 
licht wird, Gott zu schauen. Die Vergottung der Seele die im 
Zustande der Ekstase sich vollzieht und für den christlichen Mystiker 
gleichsam eine Vorwegnahme des Zustandes der Seele nach dem 
Tode bedeutet, vollzieht sich durch ein völliges Aufgehen des 
menschlichen Denkens und Wollens in das Göttliche, so dass die 
Seelensubstanz zwar in Ewigkeit bestehen bleibt, aber sich ganz in 
die göttliche Form verwandelt. (Vergl. hiezu Stöckl. Gesch. der Philo- 
sophie des Mittelalters Band I; ferner Nirschl, Lehrb. d. Patrologie 
und Patristik, Band II.) 

Eine eigentümliche Art von Mystik bildete sich im 9. Jahrhundert 
bei den Arabern durch die Sekte der Sufis aus unter dem Einfluss 
neuplatonisch alexandrinischer Gedanken, welch letztere schon im 
8. Jahrhundert durch Vermittlung der Syrer bei den Arabefn Auf- 
nahme fanden. 

Für die Kontinuität der philosophischen Gedankenentwicklung ^ 
sind jedoch nur die «reinen* Philosophen von Bedeutung geworden, 
ein Al-Kindi, Al-Faräbi, ibn Sina und ibn Roschd. 

Die Tradition knüpfte hierbei an jenen spätgriechischen Eklek- 
tizismus an, jenem seltsamen Gemisch von neuplatonischen, alexan- 
drinischen und aristotelischen Lehren, wie wir solches bei einem 
Porphyr und Alexander von Aphrodisias finden. 

Der Einfluss Al-Kindis erstreckte sich nur auf die arabisch- 
jüdische Philosophie, innerhalb welcher er hauptsächlich durch seine 
Lehre von der Vierteilung des Intellekts grundlegend geworden ist. 

Von einer umfassenderen Nachwirkung auf die Philosophie der 
Folgezeit waren Al-Farabis Schriften. Nicht nur hat er als Logiker 
speziell durch seinen Kommentar zur zweiten Analytik «die aus- 
gedehnteste Wirkung auf die Lateiner des 13. Jahrhunderts ausgeübt* 
(Prantl, Gesch d. Logik II 301), auch als Metaphysiker ist er durch 
seinen Gottesbeweis vorbildlich für einen Albertus Magnus und die 
ganze mittelalterliche Philosophie geworden. 

Die weitaus grösste Bedeutung in traditioneller Hinsicht hat 
ibn Sina (Avicenna) erlangt, der Hauptvermittler zwischen der grie- 
chischen Philosophie und der Scholastik des 13. Jahrhunderts. Das 



* Vergleiche hierzu L. Stein, Archiv für Gesch. d. Philos.. Band VII I894, über 
das erste Auftreten der griech. Philos. unter den Arabern S. 350 — 361. 



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— 7 — 

Hauptproblem des christlichen Mittelalters das Universalienproblem 
fand seine Behandlung wesentlich in jener Form, die den Scholasti- 
kern von Avicehna überkommen war. Auch die Lehre .von der 
< doppelten Wahrheit > geht letzten Endes auf ihn zurück *. In 
der Frage nach der persönlichen Unsterblichkeit der Seele, die das 
christliche Mittelalter beschäftigte, waren Avicenna und ibn Roschd 
die Autoritäten, an die sich die beiden streitenden Parteien der 
Aufklärer und der kirchengläubigen Philosophen anklammerten. Di-e 
ersteren beriefen sich auf ibn Roschd, die letztem auf Avicenna. So 
nehmen die Aaraber in der Geschichte der Philosophie nicht nur 
eine rein vermittelnde Stellung ein, zwischen der griechischen und der 
christlich scholatischen Spekulation, sondern sie haben durch eigene 
Umbildung und Verarbeitung des ihnen überkommenen Materials, 
dem gesamten mittelalterlichen Denken die Richtung vorgezeichnet. 

Die mystisch intellektuelle Erkenntnisweise hat sich während 
des ganzen Mittelalters behauptet als Begleiterscheinung aber auch 
als Reaktion gegen die Vorherrschaft des reinen begrifflichen Wissens 
Scholastik, wiewohl sie nicht selten mit diesem Hand in Hand ging. 
Wir finden sie in den Schriften eines Bernhard von Clairvaux, bei 
den Viktominern Hugo und Richard, vor allem aber bei unsem 
deutschen Mystikern des 14. und 15. Jahrhunderts, von denen wir 
hier nur den bedeutendsten einen Meister Eckehardt einer kurzen 
Betrachtung unterziehen, da er, was die Höhe der theosophischen 
Spekulation anbelangt, alle andern weit überragt und daher mit 
Recht als der Meister der deutschen Mystik bezeichnet wird. Ein 
Ruysbrook, Johann Tauler, Heinrich Suso und der unbekannte Ver- 
fasser der deutschen Theologie haben aus seinen Schriften geschöpft 
und stehen mit ihm im innigsten Zusammenhang. 

Es ist unschwer in Eckehards mystischen System den Quellen 
nachzuforschen, aus denen er seine Lehre geschöpft haben mag, 
wiewohl die vielen Zitate, denen wir in seinen Schriften begegnen, 
ims nicht immer dazu eine sichere Stütze bieten. In der Haupt- 
sache mögen es wohl 3 geistige Elemente gewesen sein, die von 
tiefgreifendstem Einflüsse auf seine Weltanschauung gewesen sind, 
wie sich mit ziemlicher Sicherheit erkennen lässt. Es ist dies in 
erster Linie der Neuplatonismus mit dem er sich in seiner Gottes- 
Ichre berührt, sodann der Aristotelismus, der sich in seiner Seelen- 



Vergl. L. Stein. Die Kontinuität der griech. Phüos. in der Gredankenwelt der 



Araber Band Xu I899, S. 397 im Archiv für Gesch. der Philos. 

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— 8 — 

lehre ausgeprägt findet und schliesslich die Lehrerschaft des Albertus 
Magnus, welch letzterer er manche seiner mystischen Lehren ver- 
dankt. Wenn Eckehardt den Neupiatoni smus auch* nicht in seiner 
Ursprünglichen Form kennen gelernt hat, so hat er ihn doch sicher 
in der durch Dionysius Areopagita überkommenen, von diesem ins 
-christliche umgedeuteten Form gekannt, wie sich aus seinen Schriften 
leicht erkennen lässt. 

Das Lehrsystem Eckehards ^ ist ein Emanationssystem. Das Sein 
ist Eines in aller Vielheit und Mannigfaltigkeit der Dinge. Das Eine 
Sein beharrt aber nicht in starrer Ruhe, es bestimmt sich ewig zur 
Vielheit und Besonderheit fort ohne seine Einheit dadurch einzu- 
büssen. In aller Besonderung zu der sich die Einheit «gebiert», 
beharrt diese in wandelloser Ruhe. Die Bewegung ist freilich nur 
in der Vielheit der Momente möglich, zu der sich die Einheit be- 
stimmt, während die Einheit in der Vielheit unbeweglich ist und 
stets die gleiche bleibt. Die Weltschöpfung ist ein ewiger Prozess 
fortschreitender Determination und fortschreitender Negation, denn 
alle Vereinzelung beruht eben auf Einschränkung. Aber ebenso 
ewig wie die Schöpfung, vollzieht sich auch die Aufhebung aller 
geschaffenen Dinge, indem das Sein aus der Vereinzelung und Zer- 
spreitung sich zurücknimmt zur unentfalteten Einheit. 

In Anlehnung an die christliche Trinitätslehre hat Eckehardt 
die Stufenfolge des Schöpfungsprozesses allegorisiert. Er unterscheidet 
in christlich dogmatischer Weise innerhalb des einen Seins eine 
Dreiheit von göttlichen Personen: Gott -Vater, Gott -Sohn und hei- 
liger Geist. Die drei Personen oder Hypostasen sind die Wirkungs- 
weisen der Gottheit oder des einen alles umspannenden Seins. Die 
Gottheit erkennt in sich ihr Wesen im Vater und indem der Vater 
sein Wesen erkennt, erkennt er oder gebiert in sich den Sohn. Die 
Liebe des Vaters zum Sohne ist an sich der heilige Geist. In dem 
Auseinandertreten der Personen offenbart sich das Wesen (die Gott- 
heit), welch letztere «als ein selber Einfaches auch alle Dinge in 
einfacher Gestalt in sich beschlossen hält», während es doch von 
sich aus als Wesen, weder gebiert noch die Dinge setzt ! Die Setzung 
der Dinge geschieht durch die Personen, ohne die das Wesen weder 
zu wirken noch zu sein vermag. Nicht als von den Personen ge- 
schieden darf das Wesen aufgefasst werden. «Ein und dasselbe 



* Vei^gl. hierzu Meister Eckehardts Schriften und Predigten, neu herausgegeben 
von O. Büttner. 

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— 9 — 

Wesen ist das natürliche Wesen der Personen und auch das Wesen 
aller Dinge : Es ist das Sein in alJem Seienden, das Licht in allem 
Leuchtenden, die Natur in allen Naturen. Das alles ist es als dieses 
schlechthin Einfache». Anders verhält es sich mit den Personen: 
«Person ist was als ein besonderes, bewusstes Wesen seine Eigenart 
festhält, gesondert von den andern, ebenso imterschiedlichen Per- 
sonen». Die Zeugimg des Sohnes aus dem Vater geschieht nicht 
durch eine Entäusserung des Wesens des letztem, sondern sie ge- 
schieht allein aus seiner Eigenschaft als Person, aber eben doch nur 
vermöge seines Wesens. «Er gibt dem Sohne indem er ihn gebiert, 
•eine von seiner eigenen verschiedene Persönlichkeit, nicht aber 
verschiedenes Wesen oder verschiedene Natur». Daher begreifen 
auch aJle Personen das Wesen bis zum Grunde, in gleichem Masse, 
da es ihr eigenes natürliches Wesen ist. Ihre Göttlichkeit kommt 
ihnen nur insofern zu als sie das Wesen in sich fassen. So sind 
die drei Personen eine Verkörperung des Wesens, wodurch aus- 
■gedrückt werden soll, dass auch die drei Personen und die eine 
Natur zusammen nur ein Eigenwesen ausmachen. In dieser ihrer 
Einheit liegt auch der Grund, warum alle drei Personen das gleiche 
schöpferische Vermögen besitzen. Die dreifache Besonderung in die 
die Fülle der Gottheit sich gliedert, findet sich analog in seiner 
Seelenlehre. In der Seele spiegelt sich der ganze innergöttliche 
iProzess wieder. Eckehardt unterscheidet innerhalb dieser den Seelen- 
grund (Ftlnklein) als den Quell der Besonderung von den Kräften 
•oder Seelen vermögen in denen jener wirksam wird. Die Kräfte 
«erfallen ihrerseits wieder in die obersten oder geistigen, die mitt- 
leren oder seelischen und die niedem oder sinnlichen. In der Dreiheit 
der obersten Kräfte : Gedächtnis, Vernunft und Wille oder Liebe 
haben wir das Gegenbild der Dreifaltigkeit K Gottesgrund und Seelen- 
grund sind aber Eines und Dasselbe; denn «indem Gott den Menschen 
jnachte, da schuf er sein angemessenes Werk, sein Ebenbild in der 
Seele. Danun muss Gott auch notwendig in der Seele wirken, denn 
seine Natur, sein Wesen und seine Gottheit hängt daran». 

Alle geschaflfenen Dinge stanunen vom Vater, er schafft sie 
ohne Unterlass in seinem Sohne. Alle endlichen Dinge haben ihre 
ewigen Urbilder im Sohne; sie sind in ihm «eingeboren». «Der 
höchste Engel, die Seele, die Mücke, haben alle ein gleiches Urbild 
in Gott». Indem die Dinge in Raum und Zeit entflossen sind, 

' Vc^l. bei Büttner, Einleitung L. III. t 

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— 10 — 

sind sie dabei doch «in unendlicher Gestalt in der Ewigkeit ver- 
blieben». 

In derselben Stufenfolge und ebenso ewig, wie der Ausfluss 
aller Dinge aus ihrem Urquell, vollzieht sich auch deren Rückkehr^ 
Dieser Rückgang ist das religiöse Grunderlebnis der Seele. Er 
nimmt seinen Anfang mit der Geburt des Sohnes Gottes in der 
Seele und endet mit dem völligen Versenken in das Urwesen, 
welches Eins ist mit dem Seelengrunde. Um die Geburt Gottes in. 
der Seele vorzubereiten, muss der Mensch sich abtrennen von allen 
äusseren Dingen, von aller Mannigfaltigkeit « denn zu seiner Geburt 
muss Gott eine ledige, unbekümmerte, freie Seele haben, in der nicht» 
ist als er allein und die niemandes wartet denn auf ihn allein». Die 
Seele die sich mit ihren Kräften nach «aussen zerspreitet und zer- 
streut» hat, muss diese « wieder heimrufen und sie aus den zerspreitetem 
Dingen heraussammeln in ein inwendiges Wirken». Zu einem völligen 
«Vergessen und Nichtwissen» muss die Seele gelangen, denn «man 
soll hier ja zu einer höhern Form des Wissens aufsteigen und dieses. 
Unwissen soll nicht wieder aus Unwissen stammen, sondern aus 
Wissen soll man gelangen in ein Unwissen». 

Ist der Mensch durch völlige Entselbstung bis zu seinem Urbilde 
in Gott vorgedrungen, d. h. ist sein «Icht» zu «Nicht» geworden, 
dann ist die Gottwerdung eingetreten, die in dem Seelengrunde 
geschieht. Zwischen diesem Grunde der Seele und dem Wesen 
Gottes gibt es kein trennendes Medium mehr, beide sind Eins 
geworden. Hier ist der Ort «wo das Erkennende das ist, was 
erkannt wird». 

Die Gotteswerdungslehre Eckehardts entspricht ganz dem. 
O ff enbarungs Vorgang in der Trinität, es handelt sich hier wie dort 
um einen reinen Erkenntnisprozess. Wie die drei Personen in der 
Trinität nur die drei hypostasierten Momente des Selbsterkenntnis- 
prozesses in Gott sind, so entspricht ins psychische umgedeutet diesem 
Vorgang die Gotteswerdungslehre in der mystischen Kontemplation \ 

Derselbe Grundgedanke von der Einheit alles Seienden in Gott, 
den wir schon bei Plotin kennen gelernt haben, kehrt hier bei 
Eckehardt wieder, nur in christlich dogmatischem Gewände. In 
Eckehardts Gott finden wir ganz den Nus des Plotin wieder, ebenso 
in seiner Gottheit das abstract «Eine». 



* V^ergl. Leop. Ziegler, Preuss. Jahrbücher «Die philos, und religii>se Bedeutung 

des Meisters Eckehardt.» ii5. Band, Heft III, 

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Das L/ehrsystem Eckehardts bildet für uns die Brücke von der 
-spät griechischen religiös mystischen Spekulation zu der neuern 
Philosophie. Das Ich, das in seinen einzelnen Momenten im Er- 
kenntnisprozess metaphysisch vergegenständlicht und in eine jen- 
•seitige intelligible Welt hinüberprojiziert, erscheint bei Plotin und in 
religiös dogmatischer Weise bei Eckehardt, es taucht wieder auf als 
■das Grundproblem in der neuern Philosophie, zunächst in empirischer 
O^stalt bei Dcscartes und später als verabsolutiertes Prinzip bei Fichte. 



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III. Kapitel. 



Die griechische Spekulation hatte in naiver Weise die Existenz 
einer objektiv realen Welt vorausgesetzt. Es war in ihr noch gar 
nicht zu einer Unterscheidung einer bloss im Bewusstsein gegebeneiv 
Welt von einer realen Selbständigkeit beanspruchenden Wirklichkeit 
gekommen. Mochte auch Plato die metaphysische Realität des Be- 
sondern und Konkreten leugnen, so hatte er doch die objektiv reale 
Existenz der Gattungsbegriffe (Ideen) angenommen, wodurch der 
Begründer jenes Begriflfsrealismus wurde, der die mittelalterliche 
Philosophie beherrschte. Erst in der neuern Philosophie wurde daa 
Erkenntnisproblem von der äussern gegenständlichen Welt ins Innere 
verlegt, indem der Unterschied einer im Bewusstsein gegebeneiv 
Wirklichkeit von einer reale Selbständigkeit beanspruchenden Aussen- 
welt zum Bewusstsein kam. 

Von dieser Erkenntnis ausgehend, war es zunächst unumgäng- 
lich, dass man die Existenz einer objektiv realen Welt in Zweifel 
zog, indem man sich die Frage stellte nach der Möglichkeit einer 
apriorischen von der Erfahrung unabhängigen Erkenntnis. So war 
es Decartes, der vom Selbstbewusstsein ausgehend eine apodiktisch 
gewisse Erkenntnis der Wirklichkeit zu erlangen strebte. Apodiktisch 
gewiss kann nun aber nur eine Erkenntnis sein, die sich auf den 
unmittelbaren Inhalt des Bewusstseins bezieht. Alles Sein muss 
daher notwendig ein bewusstes sein, denn von einer Wirklich- 
keit, die nicht Bewusst-Sein ist, kann unmittelbar nichts gewusst 
werden. Unmittelbar gewiss ist allein das eigene Denken, 
dessen Existenz nicht bezweifelt werden kann, sofern überhaupt 
gedacht wird. Aus der Existenz des Denkens folgt nun aber 
notwendigerweise die Existenz eines denkenden Subjekts, ohne 
welches nicht gedacht werden könnte, sofern eben denken soviel 
bedeutet, als ein Beziehen von Vorstellungen und Begriffen auf 

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eine Einheit (Subjekt). Der Satz cCogJto* besagt nichts, als 
dass ich denkend existiere, wobei allerdings die logische Funktion 
des Ich bereits vorausgesetzt ist. Die Existenz des Ich kann nicht 
durch eine synthetische Folgerung aus dem Satze «Ich denke» 
gewonnen werden, da die Hypothesis «Ich denke» bereitsin der 
Thesis «Ich bin» eingeschlossen ist. Dennoch ist, wie Natorp ge- 
zeigt hat, der Sinn des Cartesianischen Satzes «Cogito ergo sum> 
der, dass aus der Existenz des Denkens die Wirklichkeit des den- 
kenden Subjeks gefolgert wird, was selbstverständlich nur durch 
eine Synthesis geschehen kann, sofern aus dem allgemeinen Begriff 
des Denkens das Dasein des denkenden Subjekts durch keine Ana- * 
lyse herauszubringen ist. (Vergl. hierüber Natorp Untersuchungen 
über die Erkenntnistheorie Descartes' S. 33 bis 36.) Die Erkenntnis 
des Ich ist also keine unmittelbare, denn wir können wohl denken, 
ohne dass wir unseres Subjekts dabei bewusst sind; dieses wird 
erst dadurch erkannjt, dass wir darauf reflektieren. Da das Ich mit 
dem Denken notwendig verknüpft ist, sofern es nur ein konstitutives 
Moment im Denkprozess bildet, so kann es ebendarum keine vom 
Denken unabhängige Realität besitzen, sondern es ist seiner Natur 
nach nur eine Denkfunktion, d. h. seine Existenz besteht und in mit 
dem Denken. Aus dieser seiner Abhängigkeit von Denken folgt 
ferner, dass das Ich als solches nicht das Substrat oder der Produ- 
zent des Denkens sein kann. Daher sagt Descartes, (Med. II), der 
Satz «Ich bin», «Ich existiere», ist notwendig wahr, indem ich ihn 
denke : denke ich ihn nicht, so kann es sein, dass ich gar nicht 
existiere. (Ebenda S. 32.) 

Aus dem Akte des Denkens kann nicht mehr als die Existenz 
des denkenden Subjekts gefolgert werden, sofern alles Denken auf 
ein solches jederzeit notwendige Beziehung hat : dagegen kann die 
Beziehung des Denkens auf ein bewusstseintranscendentes Korrelat 
mit Recht bezweifelt werden ; letzteres bedürfte erst einer ander- 
weitigen Begründung. Sollen die Dinge ausser uns nicht blosse 
Vorstellungen sein, da sie als solche von Traumgebilden nicht zu 
unterscheiden wären, so muss es ein Kriterium geben, das uns ihre 
reale Existenz verbürgt. Dieses glaubt Descartes in der Klarheit 
und Deutlichkeit gefunden zu haben, mit der wir die Dinge im 
Bewusstsein vorfinden. Mit derselben Klarheit und Deutlichkeit mit 
der wir unser eigenes Ich erkennen, drängt sich uns auch das 
Vorhandensein von «Ichen» oder Seelen, sowie Körpern auf, wo- 



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raus Descartes auf deren reale Existenz schliesst '. Das Sein, das 
wir wahrnehmen, ist ein zweifaches : Ein unausgedehntes denkendes 
und ein ausgedehntes räumliches, welche beide Arten nichts mit- 
einander gemeinsam haben ; diese schli^ssen sich vielmehr gegen- 
seitig aus, d. h. sie sind einander entgegengesetzte Realitäten oder 
Substanzen. 

Durch den schroffen Dualismus ist Descartes ausserstande ge- 
setzt die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zu erklären, 
die doch erfahrungsgemäss stattfindet; er sieht sich desshalb genötigt, 
dieselbe durch übernatürliche unmittelbare Einwirkung Gottes zu 
begründen. Gott, dessen Existenz Descartes aus der Idee des Un- 
endlichen in uns zu beweisen sucht, hat die beiden Substanzen 
Geist und Körper zu einander in Beziehung gesetzt, sie zu einander 
hingeordnet. Damit ist aber die Schwierigkeit nicht gehoben; denn 
wäre die Seele mit unserem Bewusstsein identisch, wie Descartes 
behauptet, so müssten auch die Seelenfunktionen ins Bewusstsein 
fallen; d. h. wir müssten wissen, wie die Seele es anfängt unsern 
Leib zu bewegen, (wie schon Geulinx richtig bemerkt hat); da 
dieses aber offenbar nicht der Fall ist, so kann die Tätigkeit auch 
nicht von uns ausgehen, sondern nur von Gott. Der Dualismus führt 
so notwendigerweise zum Occasionalismus, jener Denkrichtung, die 
behauptet, dass Gott bei jeder Gelegenheit der Bewegung unseres 
Körpers in unserem Bewusstsein die entsprechende Vorstellung bewirkt. 

Auf dem Boden des Dualismus ist dieses Problem nicht zu 
lösen, ohne zum Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es musste die 
Aufgabe der nachfolgenden Philosophie sein, denselben zu über- 
winden. Dies wurde in der Folgezeit auf dreierlei Weise versucht: 
1. dadurch, dass man eines dieser Prinzipien leugnete, wie dies der 
Phänomenalismus in Bezug auf die Materie tat, indem er diese als 
blosser Schein (oder Erscheinung) auffasste. Vertreter dieser Rich- 
tung sind Berkeley, Leibniz, (in gewissem Sinne auch Kant.) 2. Beide 
Prinzipien werden einem mit diesen identischen Dritten oder Ab- 
soluten als dessen Attribute untergeordnet, wie in der Identitäts- 
philosophie eines Spinoza und Schelling. 3. Der Geist oder das 
empirische Ich wird zum allgemeinen absoluten Prinzip erhoben, 
wie bei Fichte. 

Es ist hier nicht unsere Aufgabe, die genannten Systeme der 
Reihe nach in ihrem Aufbau und in ihrer Innern Zusammengehörig- 

' Damit hat Descartes das Problem nicht gelöst, sondern ist ihm vielmehr aus 
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keit zu verfolgen, wir greifen vielmehr aus diesem Zusammenhange 
nur diejenigen heraus, die für eine historische Orientierung in un- 
serem Problem von Bedeutung sind. 

Bei Descartes hatte sich die Wirklichkeit in eine Zweiheit ge- 
spalten, in eine denkende und eine ausgedehnte Wesenheit, wodurch 
er, wie wir gesehen haben, ausser stände war, die Tatsache der 
Beziehung beider Prinzipien zueinander zu erklären. Spinoza war 
es, der diesen Dualismus aufhob, indem er beide Prinzipien als zwei 
verschiedene Erscheinungsweisen einer und derselben Ursubstanz be- 
stimmte. Körper und Seele sind nicht verschiedene Wesenheiten, 
sie sind im Grunde ein und dasselbe Ding, von zwei verschiedenen 
Seiten gesehen : von innen als Seele oder Geist, von aussen als 
Körper oder Ausdehnung. Die eine absolute Substanz äussert sich 
also auf zwei verschiedene Arten, als Körperwelt (d. h. sub attributo 
extensionis) und als Bewusstseinswelt (sub attributo cogitationis). 
Sofern die Substanz in keinem ihrer Attribute enthalten ist, so kann 
dieselbe auch unter keinem ihrer Attribute, also auch nicht vom 
Denken begriffen werden. «Substantia id est, quod in se est et per 
se concipitur>, sagt Spinoza. Sowie sie die alleinige Ursache ihrer 
selbst, sowie alles Seins überhaupt ist, so schliesst sie alles Sein 
und alle Realität in sich. Ihre Aeusserungs weisen können daher 
auch keine selbständige Existenz besitzen, sie können nicht aus der 
Substanz heraustreten, sie folgen vielmehr aus ihrer Natur mit mathe- 
matischer Notwendigkeit, gleich wie aus der Natur des Dreiecks 
folgt, dass drei Winkel gleich zwei rechten sind. Ist aber die Wir- 
kimg schon in der Ursache, d. h. ist das Spätere schon im Frühern 
unmittelbar enthalten, so muss demnach alles Geschehen als ein 
zeitloses betrachtet werden. Das Geschehen ist daher nicht kausal 
bedingt, es ist ein blosses logisches Folgen. Die logische Verknü- 
pfung der Begriflfe und die reale Verknüpfung der Dinge sind völlig 
eines und dasselbe. Die realen Naturgesetze sind zugleich logische 
Denkgesetze. Das tatsächliche Verhältnis der Substanz zu ihren 
Wirkimgen ist sonach dasjenige des Begriffs zu den in ihm enthal- 
tenen Momenten. (Vergl. Drews: Das Ich als Grundproblem der 
Methaph., S. 53.) 

Besitzt di6 absolute Substanz mit ihren zwei Attributen alleinige 
Realität, so können die Einzeldinge keine Realität für sich haben; 
diese sind für Spinoza daher nur Einschränkungen oder Modi der 
beiden Seinsweisen der absoluten Substanz, als Modi der Ausdeh- 

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hung sind sie Körper, als solche des Denkens Seelen oder Gei- 
ster und zwar ist jedes Ding Körper und Seele zugleich. Es 
gibt keinen Körper ohne Seele und umgekehrt. Gehören also 
Körper und Seele infolge ihrer Identität im Absoluten notwendig 
:zusammen, so muss jeder Vorstellung als Modus des Denkens ein 
IVlodus der Ausdehnung oder ein körperlicher Vorgang korrespon- 
<iiereh. Es findet zwischen beiden Vorgängen kein Kausal Verhält- 
nis statt, sie befinden sich in einem blossen Parallelismus, so dass 
die Modi des Denkens sowohl als diejenigen der Ausdehnung ihre 
Verursachung in ihresgleichen haben. 

Ergibt sich, wie wir gesehen haben für Spinoza die Einheit 
von Wesen und Erscheinung aus dem reinen Denken, so ist anderer- 
seits die Vielheit und Konkretheit der Einzeldinge eine Tatsache 
der Erfahrung. Hier entsteht nun die Frage, wie es möglich sei, 
dass der Erfahrungsinhalt mit dem Scheine der Realität auftrete, 
während dies doch dem reinen Denken offenbar widerspricht. Spi- 
noza glaubt diesen Widerspruch dadurch zu beseitigen, dass er die 
Erscheinungswelt für einen blossen Schein, für eine reine Täuschung 
unseres niedrigsten inadäquaten Erkenntnisvermögens (Imaginatio) 
erklärt. Spinoza unterscheidet nämlich drei Stufen oder Arten 
menschlicher Erkenntnisweise ; erstens die blosse Meinung oder 
Imagination, zweitens die Erkenntnis durch allgemeine Begriffe und 
drittens die scientia intuitiva (intellektuelle Anschauung). Die Imagi- 
nation ist eine inadäquate Erkenntnis, sofern sie das wahre Sein 
der Welt uns nur in verworrener, unklarer Weise zu erkennen gibt, 
d. h. so, wie durch die trübe Sinnlichkeit hindurch das Sein sich 
wiederspiegelt. Es ist die Aufgabe des Denkens diese Erkenntnis- 
stufe zu überwinden, wodurch wir auf eine höhere, weil adäquatere 
Form der Erkenntnis geführt werden, die Vernunft. Diese hat die 
Gemeinschaftsbegriffe (notiones communes) zum Gegenstande. Die 
göttliche Idee mit ihren Attributen kann aber nicht auf dem Wege 
des diskursiven Denkens erfasst werden, diese müssen vielmehr sub 
specie aeternitatis, d. h. so wie sie in Gott notwendig und ewig ent- 
halten sind ohne Ableitung ergriffen werden, durch die scienta intuitiva. 
Auf dieser höchsten Erkenntnisstufe, in welcher die Vorstellungen 
mit ihren Gegenständen selbst identisch sind, haben wir ebendarum 
die vollkommenste d. h. adäquateste Form des Erkennens gewonnen. 

Mit der intellektuellen Anschauung, als Gipfel der Erkenntnis, 
wo Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut wird, ist für Spinoza 

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zugleich auch die höchste Seligkeit verbunden, welche in der höchsten 
Liebe Gottes beruht. Der amor dei intellektualis ist das Einigungs- 
prinzip, durch welches der Mensch seine Persönlichkeit aufgibt, um 
dafür des Genusses der Seligkeit Gottes teilhaftig zu werden. 

Da wir nach Spinoza alle nur als geistige Wesenheiten in der 
göttlichen Vernunft, modi axn Attribut des Denkens sind, so wäre 
diese Teilnahme des Menschen an der göttlichen Glückseligkeit von 
diesem Gesichtspunkte aus wohl zu verstehen. Dennoch ergibt sich 
die intellektuelle Anschauung nicht so widerspruchslos aus seinem 
System, wie es wohl scheinen möchte. Aus der einen Substanz des 
Spinoza lassen sich die Attribute nicht ableiten, d. h. sie werden 
nicht aus dem ßegriflf der Substanz deduziert, sie kommen vielmehr 
wie Hegel sagt, <zu dem Begriff der Substanz von aussen hinzu». 
(Hegel, Gesch. der Phil. III S. 384). Der Unterschied der Attribute 
als Bestimmungen der einen Substanz fUUt ganz und gar nur in die 
Perception des individuellen endlichen Bewusstseins, d. h. sie ergeben 
sich als eine Folgerung aus dem Verstände, sofern nach Spinoza 
jedes Wesen nur unter diesen Attributen begpriffen werden kann; 
keineswegs aber kann die absolute Substanz selbst unter diesen 
Bestimmungen begriffen werden, denn diese hat an sich gar keine 
Bestimmtheit, sofern sie reine Identität mit sich selber ist. ^ Wie 
sich also mit dieser Fassung des absoluten Prinzips bei Spinoza 
die intellektuelle Anschauung vertragen soll, ist nicht einzu- 
sehen. 

Anders verhält es sich bei Fichte. Dieser hatte das Bewusst- 
sein selbst zum absoluten Prinzip erhoben, da er die Wurzeln alles 
Seins in jenem aufgedeckt zu haben glaubte. Mit Kant und dem 
Rationalismus war er der Ueberzeugung, dass eine apodiktisch sichere 
Erkenntnis der Wirklichkeit nur möglich sei unter der Bedingung, 
dass das gesamte Sein nach Form und Inhalt, aus dem Bewujst- 
sein, ohne Zuhülfenahme der Erfahrung, abgeleitet werden könne. 
Während aber Kant nur die objektiven Formen und Gesetze des 
Seins ins Bewusstsein verlegte, dem Sein seinem Inhalte nach eine 
bewusstseintranscendente Geltung als cDing an sich» zuschrieb, so 
begründete er hierdurch einen bloss formalen Rationalismus. Fichte 
hingegen liess das Sein, sowohl seiner Form als seinem Inhalte nach 
aus dem Bewusstsein hervorgehen, indem er das kantische cDing 
an sich» leugnete. Ist aber da& Sein mit seinem letzten Rest ganz 



*) Vergl. Ulrici, Gresch. und Kritik der Prinzipien der neueren Phil. S. 45 bis 63 

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im ßewusstsein aufgegangen, dann muss es möglich sein dasselbe 
aus dem Bewusstsein heraus a priori zu < konstruieren». Die Phi- 
losophie hat aber nicht nur allein das Sein a priori zu bestimmen, 
d. h. sie ist nicht nur Wissenschaft vom Sein, sondern sie vermag 
uns zugleich auch ein Wissen vom Zustandekommen des Seins zu 
geben, in welch letzter Hinsicht sie Fichte als Wissenschaftslehre 
bezeichnet. (Drews, S. 61). Als metaphysischer Grund alles Seins 
kann nun aber das Ich kein individuelles, sondern nur ein über- 
greifendes überindividuelles Prinzip sein. Dies überindividuelle Ich 
ist seiner Natur nach kein starres Sein, keine Substanz, wie bei 
Spinoza, sondern, als der Produzent alles bestimmten Seins, muss 
es notwendigerweise als ein tätiges Prinzip gedacht werden, das 
den gesamten Inhalt des Seins aus sich heraus setzt. Das absolute 
Ich ist nach Fichte seiner Natur nach absolute Tathandlung. Als 
absolutes Tätigkeitsprinzip kann das Ich von nichts ausser ihm 
seienden beschränkt werden. Seine Tätigkeit ist somit eine unbe- 
schränkte ins Unendliche gehende. Indem aber das Ich als produ- 
zierendes Prinzip notwendig eine Tat vollbringt, so kann dies nur 
geschehen, indem die absolute Tätigkeit sich in sich selsbt reflektiert, 
d.h. sich selbst als Sein setzt. So sagt Fichte: «Das Ich setzt 
sich selbst und es ist vermöge dieses blossen Setzens durch sich 
selbst und umgekehrt, das Ich ist und setzt sein Sein vermöge sdnes 
blossen Seins. Es ist zugleich das Handelnde und das Produkt der 
Handlung, das Tätige und das was durch diese Tätigkeit hervor- 
gebracht wird ; Handlung und Tat sind Eins und dasselbe und daher 
ist das : Ich bin Ausdruck einer Tathandlung, aber auch der einzig 
möglichen». (Sämtliche Werke I, S. 96). Da im absoluten Subjekt 
Tätigkeit und Produkt identisch sind, so können wir uns desselben 
nur bewusst werden, indem wir selbst jene ursprüngliche Tathand- 
lung in uns vollziehen, d. h. die Erkenntnis des absoluten Tätig- 
keitsprinzips kann nur auf einer unmittelbaren Vernunftanschauung 
beruhen. 

Die intellektuelle Anschauung ist nach Fichte nichts anderes 
als < das unmittelbare Bewusstsein, dass ich handle und was ich 
handle. Sie ist das, wodurch ich etwas weiss, weil ich es tue». 
(1 S. 463.) 

Es war Schelling, der dem Fichteschen Idealismus eine weitere 
Ausgestaltung gab; indem er ihn mit spinozistischen Elementen 
verband, gelangte er dadurch zu einem neuen Identitätssystem. 

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Fichte hatte das individuelle objektive Dasein der Dinge oder die 
* Natur aus seinem absoluten Prinzip nicht unmittelbar abzu- 
leiten vermocht ; er Hess diese erst sekundär durch das individuelle 
Ich als dessen Objekt gesetzt sein, wodurch deren Existenz zu einer 
bloss subjektiv bedingten herabsank. Die Natur galt ihm nur als 
eine, vom endlichen Ich sich selbst gesetzte Schranke, zum Zwecke 
"<ler Erreichung einer höhern Existenzialform, sie" hatte mithin keine 
selbständige Realität und konnte keine haben, wenn anders Fichte 
seinen Apriorismus aufrecht erhalten wollte. 

Bei Schelling hingegen ist die Natur dem endlichen Ich durch- 
aus koordiniert ; sie tritt als ein ebenbürtiges Prinzip dem subjektiven 
Geist an die Seite, indem er den Grund beider Prinzipien in die 
absolute Vernunft verlegt. Geist und Natur sind ihm zwei ver- 
schiedene Erscheinungsweisen eines Dritten, das mit beiden identisch 
ist, worin er sich mit Spinoza bertihrt. Während aber bei Spinoza 
beide Prinzipien unabhängig von einander bestehen und als zwei 
parallel neben einander herlaufende Erscheinungen des Absoluten 
betrachtet werden, so stehen sie bei Schelling in einem Abhängig- 
keitsverhältnis zu einander, derart, dass beide nur durch- und mit- 
einander zugleich existieren können. In dieser ihrer gegenseitigen 
Beziehung konstituieren sie das, was wir die Welt nennen. Als 
Produkte einer und derselben Urtätigkeit stellen beide Prinzipien 
dasselbe Wesen nach zwei verschiedenen Seiten dar, indem dasselbe 
Wesen sich nach der subjektiven Seite als Ich oder Geist betätigt, 
nach der objektiven hingegen als Natur. Ist nun das absolute 
Prinzip seinem Wesen nach weder Natur noch Geist, sofern es eben 
die Identität beider ist, so kann es ebendarum auch nicht Gegen- 
stand der unmittelbaren Erkenntnis sein, da sein Wesen jenseits 
aller möglichen Erkenntnis liegt. Es wäre mithin als ein Bewusst- 
loses zu denken. Damit müsste Schelling darauf verzichten, eine 
apriorische Erkenntnis vom Sein zu gewinnen, denn die Möglichkeit 
einer solchen beruht ja gerade auf der Identität von Bewusstsein 
und Sein. Eine unmittelbare Erkenntnis ist nur möglich, wenn der 
Unterschied von subjektivem und objektivem Sein in irgend einem 
Punkte aufgehoben ist. Ein solcher Punkt ist nach Schelling aber 
das endliche individuelle Ich, dessen Wesen in der Identität von 
Subjekt und Objekt von Denkenden und Gedachten besteht, sofern 
es eben selbst nur diese Identität im Akte des Selbstbewusstseins 
ist. Somit ist die Erkenntnis dieser Identität im Ich zugleich auch 

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eine absolute Erkenntnis, da die Identität der Gegensätze im Ab- 
soluten dieselbe ist wie im individuellen Ich. 

Allerdings wird nicht jeder dieser Erkenntnis des Absoluten 
im individuellen Ich teilhaftig. Schelling hält die intellektuelle 
Anschauung für ein besonderes < Organ der Philosophie», das nur 
wenig Begnadigte wirklich besitzen, obwohl es der Anlage nach in 
Jedem vorhanden ist. «Uns allen» wohnt nach Schelling <ein ge- 
heimes wunderbares Vermögen bei, aus dem Wechsel der Zeit in unser 
Innerstes, von allem was von aussenher hinzukam, enkleidetes Selbst 
zurückzuziehen und da unter der Unwandelbarkeit des Ewigen in 
uns anzuschauen. Diese Anschauung ist die innerste eigenste Er- 
fahrung, von welcher allein alles abhängt, was wir von einer über- 
sinnlichen Welt wissen und glauben. Diese Anschauung zuerst 
überzeugt uns, dass irgend etwas im eigentlichen Sinne ist, während 
alles Uebrige nur erscheint, worauf wir jenes Wort übertragen. Sie 
unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung dadurch, dass 
sie nur durch Freiheit hervorgebracht und jedem Andern fremd und 
unbek^innt ist, dessen Freiheit von der eindringenden Macht der 
Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewusstseins 
hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit der 
Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens eine Annäherung zu 
ihr, mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen 
Lässt». (Sämtliche Werke 1, III, S. 609). 



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Systematischer Teil. 



Schopenhauer und die intellektuelle Anschauung. 



Der Rationalismus, der im Hegerschen Panlogismus seinen 
Höhepunkt erreicht hatte, war aus dem Bestreben hervorgegangen, 
eine apodiktische Gewissheit in der Erkenntnis der Wirklichkeit zu 
erlangen. Dies konnte natürlich nur möglich sein, wenn das Sein 
an sich ein vernünftiges logisches ist, denn nur wenn Denken und 
Sein zusammenfallen, kann das letztere apriori erkannt werden. 

Es war Schopenhauer, der mit dem Rationalismus brach, indem 
er das Seinsprinzip als ein irrationales alogisches, nämlich als Wille 
bestimmte. 

Mit der Bestimmung des Grundprinzips alles Seins als eines 
alogischen, ist er gezwungen auf eine apodiktische Erkenntnis des 
Realen zu verzichten, er erklärt daher den Begriff einer apriori zu 
findenden Metaphysik für c notwendig eitel». (Welt als W.u. Vorst.) 
II, S. 200 f.) 

Gleich wie Kant geht auch Schopenhauer von der rein vor- 
stellungsmässigen Natur alles uns bekannten Seins aus. Der Satz 
der Phänomenalität, wonach alles wahrnehmbare Sein nur als In- 
halt unseres Bewusstseins gegeben sein kann, bildet für beide die 
Grundlage und der Ausgangspunkt ihres philosophierens. Kant, dem 
es danmi zu tun war, die Möglichkeit der Metaphysik als Wissen- 
schaft zu retten, hatte sich die Frage vorgelegt, wie synthetische 
Urteile apriori möglich seien. Er glaubt die Möglichkeit synthe- 
tischer Urteile apriori darin zu finden, dass diese sich auf die allge- 
meinen Bedingungen gründen, unter welchen Dinge überhaupt erkannt 
werden können. Auf die Frage, ob auch Metaphysik als Wissen- 
schaft auf solchen apriorischen Erkenntnissen Zustande kommen 
könne, ergab sich ihm eine doppelte Antwort, indem diese für ihn 
zugleich verneinend wie bejahend ausfällt. Verneinend, sofern unter 



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— 22 — 

Metaphysik eine Wissenschaft von «Dingen an sich» die ausserhalb 
möglicher Erfahrung liegen, verstanden wird. Bejahend dagegen, 
wenn darunter eine Wissenschaft begriffen wird von den allgemeinen 
Vernunftprinzipien oder Denkgesetzen und deren richtige Anwendung 
auf Gegenstände möglicher Erfahrung. 

Da für Kant Sein und Bewusstsein identisch sind, das Ich 
als der reale Träger der apriorischen Funktionen mit diesen selbst 
zusammenfällt, so muss es für ihn folgerichtig eine apodiktisch 
gewisse Erkenntnis von den apriorischen Bedingungen aller Er- 
fahrung geben. 

Kant hatte somit den Rationalismus nicht überwunden, sondern 
ihn gerade wieder neu zu begründen gesucht, dadurch, dass er die 
Form vom Erfahrungsinhalte lostrennte und erstere als die vor 
aller Erfahrung gegebene apriorische Bedingung derselben nachge- 
wiesen zu haben glaubte. 

Schopenhauer verlegt das Wesen des Ich oder der Seele eben 
nicht in die erkennende Funktion derselben, sondern gerade in ein 
konträres Prinzip, das er Wille nennt. Er hält es für den Grund- 
irrtum aller ihm vorangegangenen Philosophen, dass sie das Wesen 
der Seele in das erkennende Bewusstsein setzen und den Willen 
als ein sekundäres Prinzip daraus abzuleiten suchten. Der Wille 
ist für Schopenhauer vielmehr das primäre fundamentale Prinzip, 
das vom Intellekt völlig unabhängig ist und diesem gegenüber durch- 
aus den Vorrang behauptet. Der Intellekt ist ein vom Willen erst 
bedingtes sekundäres Prinzip; er ist blosse «Funktion des Willens». 
(Schopenhauer Welt als Wille und Vorst. II, 222 f.). * 

Im Unterschiede von Kant will daher Schopenhauer die Me- 
taphysik nicht auf das bloss formale der Erscheinung beschränkt 
wissen, von dem ersterer gezeigt hat, dass es aller Erfahrung als 
deren apriorische Bedingung vorausgeht und von dem es daher 
allein eine apodiktisch gewisse Erkenntnis geben kann. « Apodiktische 
Gewissheit kann einer Erkenntnis nur ihr Ursprung apriori geben; 
eben dieser aber beschränkt sie auf das bloss formale der Erfahrung 
überhaupt, indem er anzeigt, dass sie durch die subjektive Beschaffen- 
heit des Intellekts bedingt sei. Dergleichen Erkenntnis also, weit 
entfernt uns über die Erfahrung hinauszuführen, gibt bloss einen 

' Darnach sollte man meinen, dass für Schopenhauer das reale Sein oder der 
Wille vom Bewusst-Sein grundsätzlich verschieden ist, was, wie sich noch zeigen wird» 
aber durchaus nicht der Fall ist. 



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— 23 ~ 

Teil dieser selbst, nämlich den formellen, ihr durchweg eigenen und 
daher allgemeinen, mithin blosse Form ohne Gehalt». (W. als W. und 
Vorst. n, S. 209.) Was ihr Prinzip anbetrifft, so kann sie auch nicht 
von reinen Vemimfterkenntnissen oder blossen Begriffen, sondern nur 
von der < empirisch anschaulichen Erkenntnis » und der Betrachtung 
gegebener Tatsachen ausgehen. Denn alle Begriffe sind doch erst 
aus konkreten, einzelnen Sinnesanschauungen abstrahiert worden, 
wie z. B. Wesen, Sein, Substanz, Vollkommenheit u. s. w. Sie ent- 
halten nichts, was nicht schon in der empirischen Anschauung ge- 
geben wäre, man kann daher auch nicht mehr aus ihnen schöpfen. 
Reine Begriffe die keinen empirischen Ursprung haben, sind nur 
die mathematischen, Raum, Zeit sowie das Gesetz der Kausalität 
deren A priori tat auch Kant angenommen hatte. Das Denken und 
Erkennen ist darnach selbst ein erfahrungsmässig Gegebenes und 
zwar das erste, mit dessen Untersuchung die Metaphysik anzufangen 
hat. (Ebenda 11, S. 182 und 291.. 

Die Metaphysik ist für Schopenhauer zunächst, wie alle übrigen 
Wissenschaften, Erfahrungs Wissenschaft. Da aber die Metaphysik 
-auf die Totalität des Erfahrungs wissens gerichtet ist imd möglichste 
Vollständigkeit des menschlichen Wissens anstrebt, sowie die richtige 
/Zureichende Erklärung vom Zustandekommen der Erfahrung zur 
Aufgabe hat, so bedarf sie dazu eines, den einzelnen Fachwissen- 
•schaften überlegenen Standpunktes. Es gilt vor allen Dingen ein 
Prinzip ausfindig zu machen, das den zureichenden Erklärungsgrund 
für alle möglichen Erfahrungen abgibt, ohne den Boden der sichern 
Erkenntnis zu verlassen. So muss also die Metaphysik als Wissen- 
schaft von den letzten Gründen und Bedingungen der Erfahrung 
über diese selbst hinausgehen «um Aufschluss zu erteilen über das 
was hinter der Natur steckt». 

Hier stösst Schopenhauer auf das Problem, wie eine aus der 
Erfahrung geschöpfte Wissenschaft über diese dennoch hinaus führen 
^önne, ohne sich ins Unsichere zu verlieren. Den Schlüssel zur 
Lösung des Problems glaubt nun aber Schopenhauer in der auch 
-schon von Kant gegebenen Zerlegung der Erfahrung in eine äussere 
•und innere zu finden. Von diesem Gesichtspunkt aus hat die Me- 
taphysik das in der Erfahrung Vorhandene aufzufassen, «als eine 
gegebene aber irgendwie bedingte Erscheinung, in welcher ein von 
ihr selbst verschiedenes Wesen, welches demnach das Ding an sich 
^äre, sich darstellt. Dieses nun sucht sie näher kennen zu lernen : 

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— 24 — 

Die Mittel hierzu sind teils das Zusammenbringen der äussern mit 
der Innern Erfahrung, teils die Erlangung eines Verständnisses der 
gesamten Erscheinung mittelst ihres Sinnes und Zusammenhanges. . . 
Auf diesem Wege gelangt sie von der Erscheinung zum Erscheinenden, 
zu dem was hinter jener steckt; daher td fiiiä rd (pvalxa.^ (Pa- 
rerga II, § 21). Sie unterscheidet sich darin wesentlich von den 
einzelnen Fachwissenschaften, da sie nicht wie diese bloss auf die 
äussere Erfahrung gerichtet ist, sondern zugleich auch ihre Er- 
kenntnis aus der Innern Erfahrung dem Selbstbewusstsein schöpft. 

Gerade im Selbstbewusstsein glaubt Schopenhauer die wich- 
tigsten Aufschlüsse über das Wesen der Dinge zu finden, ohne 
welches alles man nicht einen Schritt über das den Sinnen immittel- 
bar Gegebene hinaus kommen könnte. Nur dadurch also, dass wir 
an der richtigen Stelle, die , innere mit der äussern Erfahrung in 
Verbindung setzen, kommt methaphysische Erkenntnis zustande; 
sofern wir nur von der innem Erfahrung aus recht eigentlich die 
tiefsten Aufschlüsse über die äussere Erfahrungswelt erhalten, ist 
die Metaphysik vornehmlich Geisteswissenschaft. 

Obwohl Schopenhauer vom Selbstbewusstsein aus das richtige 
Verständnis der Aussen weit gewonnen zu haben glaubt, da in 
ihm das der Erscheinungswelt zu Grunde liegende Wesen am un- 
mittelbarsten sich offenbart, so muss er doch einräumen, dass der 
den Erscheinungen zu Grunde liegende Kern nicht als solcher für 
sich allein, losgerissen von der Erscheinung betrachtet werden kann, 
sondern immer nur in seiner Beziehung zur Erscheinung. Dennoch 
können wir, meint er, c durch richtige Deutung und Auslegung dieser 
in Bezug auf jenen ihren innem Kern Aufschlüsse über sie erlangen, 
welche sonst nicht ins Bewusstsein kommen.» (Welt als W. und 
Vorst. I. Kap. 17 ; S. 212.) Indem somit die Metaphysik, sich ihrer 
Aufgabe bewusst bleibt, die in der richtigen Ausdeutung des 
bewusstseinsimmanenten Erfahrungsstoffes besteht, daher vom Ding 
an sich nie anders redet, als in seiner Beziehung zur Erscheinung, 
geht dieselbe nicht über die der menschlichen Vernunft von Kant 
gesteckten Grenzen hinaus, sondern bleibt bewusstseinsimmanent. 
Wir werden aber im Verlaufe unserer Untersuchung noch dartun, 
wie wenig er selbst sich der ihm durch seinen erkenntnistheore- 
tischen Standpunkt gezogenen Grenzen bewusst war, so dass es 
ihm nur durch eine Erschleichung möglich war, seiner Willensmeta- 
physik eine scheinbar feste Begründung zu geben. 

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— 25 — 

In seinen erkenntnis theoretischen Untersuchungen geht Schopen- 
hauer vom Satze der Phänomenalität aus, welcher besagt, dass alles 
Sein, sofern es Inhalt meines Bewusstseins ist, eben darum zunächst 
ein vorgestelltes ideelles Sein ist. «Die Welt ist meine Vorstellung*, 
sagt Schopenhauer; «dies ist eine Wahrheit, welche in Beziehung 
auf jedes lebende Wesen gilt, wiewohl der Mensch allein sie in das 
reflektierte abstrakte Bewusstsein setzen kann, und tut er dies wirk- 
lich, so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten» 
Es wird ihm dann deutlich und gewiss, dass er keine Sonne kennt 
und keine Erde, sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, 
eine Hand, die eine Erde fühlt, dass die Welt, welche ihn umgibt, 
nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf 
ein anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist>. (W. als W. und 
Vorst. I 3 f.) Dass alles Sein, sofern es Vorstellungs-Sein ist, nur als 
Objekt für ein Subjekt gedacht werden kann, dies ist eine Wahr- 
heit, die wir nicht auf dem Wege des discursiven Denkens erlangen, 
sondern deren wir uns unmittelbar in unserem eigenen Selbstbe- 
wusstsein vergewissern können. 

Die objektiv reale Welt in ihrer Abhängigkeit und Beziehung 
zum vorstellenden Subjekt kann als solche nur unter den dem Sub- 
jekte eigenen apriorischen Formen, Raum, Zeit und Kausalität er- 
kannt werden, welche allem Objektsein notwendigerweise -anhaften. 
Der gemeinschaftliche Ausdruck aller apriorischen Erkenntnis formen 
aber ist der Satz vom zureichenden Grunde, so dass unsere ganze 
apriorisch gewisse Erkenntnis eben nur der Inhalt dieses Satzes in 
seinen verschiedenen Formen bildet. 

Sind die Dinge blosse Vorstellung, d. h. ist ihr Dasein durch-, 
aus durch die dem Subjekte eigenen Formen und Gesetze bedingt, 
so können sie ausserhalb unseres Bewusstseins keine Realität be- 
sitzen. Schopenhauer leugnet daher auch folgerichtig das Ding an 
sich, welches Kant als bewusstseintranscendentes Korrelat annahm, 
obgleich er ihm keine positive Bestimmung zu geben vermochte. 
Somit wäre Schopenhauer auf dem, Standpunkte des subjektiven 
Idealismus angelangt, den vor ihm schon Berkeley eingenommen 
hatte. Von diesem Standpunkte aus ist es Schopenhauer unmöglich, 
die bewusstseinstranscendente Realität der Welt zu begründen. Denn 
ist das Dasein der Welt durch das jeweils sie vorstellende Subjekt 
bedingt und konunt ihr daher keine von diesem unabhängige Realität 
zu, so ist er genötigt, um dem Solipsismus zu entgehen, eine Vicl- 

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— 26 — 

'heit von «Ichen» oder Subjekten anzunehmen, die alle die Welt auf 
•dieselbe Art vorstellen, wie sein eigenes Ich. Angenommen selbst 
die Existenz fremder Subjekte wäre hinreichend verbürgt, so wäre 
doch nicht völlig Gewissheit darüber zu erlangen, ob die fremden 
Subjekte die Welt ebenso vorstellen wie das eigene Ich; es bliebe 
immerhin die Möglichkeit vorhanden, dass sie eine ganz andere 
. Welt vorstellen, indem sie eine andere Beschaffenheil haben. Es 
ginge mithin Schopenhauer das Criterium für die objektive Realität 
verloren. Nun kann aber selbst die Existenz fremder Subjekte von 
•diesem Standpunkte aus mit gutem Recht bezweifelt werden, denn 
mein eigenes Selbstbewusstsein kann mir die reale Existenz fremder 
Subjekte nicht verbürgen, diese könnten ja ebensowohl blosse Vor- 
stellung sein, wie alle übrigen Dinge. Der subjektive Idealismus 
mündet daher notwendig in den Solipsismus, von dem Schopenhauer 
sagt, dass er durch Vernunftbeweise nicht zu widerlegen wäre, son- 
dern eine kleine Grenzfestung bilde, «die zwar auf immer unbe- 
zwinglich, «deren Besatzung aber durchaus nie aus ihr herauskam, 
daher man an ihr ohne Gefahr vorbeigehen uud sie im Rücken 
liegen lassen darf». (I 125 S.) 

Als subjektiver Idealist ist also Schopenhauer nicht im Stande, 
zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, denn ist die 
Welt blosse Vorstellung, dann gilt von ihr die alte Weisheit der 
Jnder: «Es ist die Maya, der Schleier des Truges, welcher die Augen 
der Sterblichen umhüllt und sie eine Welt sehen lässt, von der man 
weder sagen kann, dass sie ist, noch dass sie nicht ist, denn sie 
gleicht dem Traume, gleicht dem Sonnenglanz auf dem Sande, welcher 
der Wanderer von Ferne für ein Wasser hält, oder auch dem hin- 
geworfenen Strick, den er für eine Schlange ansieht.» Schopen- 
hauer kann dieser Konsequenz nicht entgehen, wiewohl er sich 
•darüber hinwegzutäuschen sucht, indem er glaubt, dass die vor- 
stellungsmässige Natur der Welt deshalb ihre empirische Realität 
nicht aufhebe. Nur einem durch Vernünfteln verschrobenen Geiste 
Tcönne es einfallen, ihr«? empirische Realität zu leugnen. Dennoch 
ist er sich aber wohl bewusst, dass die bloss empirische Realität 
-der Welt nicht die alleinige sein kann, dass ihr vielmehr ein be- 
wusstseinstranscendentes Correlat, Ding an sich, zu Grunde liegen 
■müsse, wenn anders sie mehr als ein wesenloser Traum sein soll. 
«Was uns /um forschen antreibt ist eben, dass es uns nicht genügt, 
-ZU wissen, dass wir Vorstellungen haben, dass sie solche und solche 

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— 27 — 

sind und nach diesen und jenen Gesetzen, deren allgemeiner Aus- 
druck der Satz vom Grunde ist, zusammenhängen. Wir wollen die 
Bedeutung jener Vorstellungen wissen! Wir fragen, ob diese Welt 
nichts weiter als Vorstellung sei, in welchem Falle sie wie ein. 
wesenloser Traum oder ein gespensterhaftes Luftgöbilde an uns vor- 
überziehen müsste, nicht unserer Beachtung wert, oder aber, ob sie 
noch etwas anderes noch etwas ausser dem ist und was sodann dieses 
sei.> {1 117 S.) Er selbst gibt zu, dass wir von dfer Vorstellung 
aus, am Leitfaden des Satzes vom Grunde, nimmermehr zu diesem 
Realen gelangen können, da dieser nur Vorstellungen, Objekte mib 
einander verbindet, mithin nur bewusstseins immanente Geltung hat. 
Wie will nun aber Schopenhauer zu diesem Realen gelangen, da 
es ausserhalb alles Vorstellbaren liegen und von diesem seinem 
Wesen nach grundverschieden sein soll r 

Ist von aussen mittelst logischer Reflexion, d. h. durch Vermitt- 
lung des Satzes vom Grimde über die Vorstellungswelt nicht hinauszu- 
kommen, so muss es einen andern durch «das Innere der Dinge 
führenden Weg> geben, wie Schopenhauer glaubt, d^r uns zur Er- 
kenntnis des Wesens der Dinge führt. 

Wenn wir nämlich nicht bloss das erkennende Subjekt sind, son- 
dern auch selbst dem zu erkennenden Wesen angehören, selbst das 
Ding an sich sind, so wird es uns dadurch ermöglicht, zu unserem 
selbst eigenen innem Wesen vorzudringen, «zu welchem uns ein 
Weg von innen ofifen steht, gleichsam ein unterirdischer Gang, eine 
geheime Verbindung, die uns wie durch Verrat mit einem Male in 
die Festung versetzt, welche durch Angrift' von aussen zu nehmen 
unmöglich war». (Welt als Wille und Vorst. II 219 S.) 

Wenn wir demnach, das Ding an sich nicht objektiv, d. h. 
als Vorstellung zu erkennen vermögen, so müssen wir, da wir ja 
selbst das zu erkennende Wesen sind, eine diesem adäquate Er- 
kenntnis besitzen, die uns befähigt, dasselbe unmittelbar wahrzu- 
nehmen, wie es an sich ist. Dies ist nur möglich, wenn Bewusst- 
sein und sein identisch sind. Subjekt und Objekt müssen in einem 
Punkt zusammenfallen, wenn das Wesen selbst erkannt werden soll, 
dieser Einheitspunkt ist für Schopenhauer aber das eigene Selbst 
oder Ich. Das eigene Ich ist also für Schopenhauer der Schlüssel, 
mit dem er das innerste eigenste Wesen der Dinge erschliessen zu 
können glaubt, da im Selbstbewusstsein dieses am unmittelbarsten, 
in die Erscheinung tritt. «Das Ding an sich kann eben als solches- 

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— 28 — 

nur ganz unmittelbar ins Bewusstsein kommen, nämlich dadurch, dass 
es selbst seiner bewusst wird; es objektiv erkennen wollen, heisst 
<?twas Widersprechendes verlangen. Alles objektive ist Vorstellung 
mithin Erscheinung, ja blosses Gehirnphänomen.» (Ebenda.) In der 
äusseren Wahrnehmung, d. h. objektiv betrachtet, stellt sich uns das 
Ding an skh zunächst dar, als unser eigener Leib, durch welchen 
alles objektive Erkennen erst vermittelt wird, sofern dessen Af- 
fektionen für den Verstand den Ausgangspunkt für die Anschauung 
der Vorstellungswelt bilden. Eben dieser Leib ist uns aber auf 
zwei grundverschiedene Arten in unserem Bewusstsein gegeben, 
■ceinmal als Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter 
Objekten und den Gesetzen dieser unterworfen ; sodann aber auch 
zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem un- 
mittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.» (L 117S.) 
Der Leib ist nichts anderes als der vorgestellte Wille, d. h. von aussen 
gesehen, wie er sich in Raum und Zeit objektiviert hat. Der Wille 
hingegen ist der von innen betrachtete Leib oder Ding an sich. 
Diesem seinem eigentlichen Wesen nach ist der Wille nicht Objekt 
für ein Subjekt also auch nicht den Gesetzen und Formen des Ob- 
iektseins unterworfen. Wille und Leib sind im Grunde wesens- 
gleich, sofern der Leib nur die Erscheinung des Willens, der Wille 
aber das Wesen des Leibes ist. 

In dieser ihrer Identität ist der Grund zu suchen, warum jeder 
Akt des Willens zugleich auch eine entsprechende Bewegung des 
Leibes auslöst und umgekehrt. So sagt Schopenhauer: «Der Willens- 
akt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte 
verschiedene Zustände, die das Band der Kausalität verknüpft, stehen 
nicht im Verhältnis der Ursache und Wirkung, sondern sie sind 
Eines und Dasselbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen ge- 
geben: einmal ganz unmittelbar und einmal in der Anschauung für 
den Verstand.» (Ebenda 119 S.) 

Durch diese doppelte uns cauf zwei völlig heterogene Weisen 
gegebene Erkenntnis,» welche wir vom Wesen und Wirken unseres 
eigenen Leibes haben sollen, glaubt Schopenhauer der misslichen 
Konsequenz des theoretischen Egoismus entgangen zu sein, sofern 
eben durch sie der Nachweis geliefert zu sein scheint, dass die 
Welt noch etwas mehr ist, als blosse subjektive Vorstellung. Dieses 
Etwas, das die objektive Realität der Welt verbürgen soll, muss 
eben darum ein von der Vorstellung völlig Verschiedenes und Un- 

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— 29 — 

abhängiges sein. Wenn nun aber Schopenhauer glaubt, dieses Ding 
an sich, wie er das Reale mit Kant nennt, im eigenen Selbstbe- 
wusstsein unmittelbar ergreifen und als Wille bestimmen zu können, 
so gerät er damit in direkten Widerspruch mit seinen erkenntnis- 
theoretischen Grundprinzipien. Denn entweder ist das bewusste 
Sein allein real, dann können alle Bestimmungen des Seins also 
auch der Wille nur eine bewusste Realität besitzen, d. h. sie können 
nur in und mit der Bewusstseinsform bestehen, oder aber man ver- 
lässt den subjektiven Idealismus, indem man ein letztes Sein unab- 
hängig vom Bewusstsein annimmt (wie Kant), dann kann dasselbe 
auch nicht unmittelbar in das Bewusstsein eingehen, wie Schopen- 
hauer dies vom Willen behauptet. Schopenhauer ist vom Standpunkt 
des transcendentalen Idealismus aus nicht berechtigt, diesem trans- 
cendenten Sein irgend eine positive Bestimmung beizulegen. Er 
gibt sich mithin einer Täuschung hin, wenn er glaubt, im eigenen 
Bewusstsein das Ding an sich als Wille unmittelbar ergreifen zu 
können. Ueberdies ist das, was wir Wille nennen, doch nur ein rein 
psychologischer bewusstseinsimmanenter Vorgang, von dem wir nicht 
einmal mit Sicherheit wissen können, ob ihm innerhalb der psychischen 
Sphäre eine selbständige reale Bedeutung zukommt, umso weniger 
Berechtigung hat Schopenhauer, dieses durchaus unsichere Prinzip 
zu einem bewusstseinstranscendenten metaphysischen zu erheben. 

Die Art der Erkenntnis, durch welche Schopenhauer zu seinem 
verabsolutierten Willensprinzip gelangt, ist die der unmittelbaren Ver- 
nunftanschauung, genau wie bei Schelling. Sagt er doch selbst : cDie 
Identität des Willens und des Leibes kann nur nachgewiesen, d. h. aus 
dem unmittelbaren Bewusstsein, aus der Erkenntnis in concreto, zum 
Wissen der Vernunft erhoben oder in die Erkenntnis in abstrakto 
übertragen werden ; hingegen kann sie ihrer Natur nach niemals 
bewiesen, d. h. als unmittelbare Erkenntnis aus einer andern un- 
mittelbaren abgeleitet werden, eben weil sie selbst die unmittel- 
barste ist u. s. w.» (I. 122 S.) Hingegen «der Begriff Wille ist der 
einzige unter allen möglichen, welcher seinen Ursprung nicht iii der 
Erscheinung, nicht in blosser anschaulicher Vorstellung hat, sondern 
aus dem Innern kommt, aus dem unmittelbarsten Bewusstsein eines 
Jeden hervorgeht, in welchem dieser sein eigenes Individuum, seinem 
Wesen nach, unmittelbar, ohne alle Form, selbst ohne die von Sub- 
jekt imd Objekt erkennt und zugleich selbst ist, da hier das Er- 
kennende imd das Erkannte zusanmienfallen.> (I. 133 S.) 

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— 30 — 

So sehr auch Schopenhauer gegen die von Fichte und Schelling' 
vertretene intellektuelle Anschauung ausfällig wird, so liegt dieselbe 
doch seiner Willensmetaphysik zu Grunde, wie wir aus obigen Zi- 
taten klar und deutlich erkennen können, wenn er sich auch dessen* 
nicht bewusst war. Polemisiert er doch beständig: gegen jenes <in^ 
uns liegende unmittelbar auf Metaphysik angelegte orakelartige Ver- 
mögen, wodurch man gleichsam ein in die supralunarische ja über- 
natürliche Welt sich öffnendes Fensterlein hat, um alle die Wahr- 
heiten ganz fertig und zugerichtet in Empfang nehmen zu können,, 
um welche die bisherige altmodische, ehrliche, reflektierende und 
besonnene Vernunft sich Jahrhunderte lang vergeblich abgemüht und 
gestritten hat.> Behauptet er doch, von einer unmittelbaren Ver- 
nunftanschauung nicht den mindesten Begriff zu haben und erklärt 
daher die Annahme einer solchen für eine »bare Lüge.» Nichtsdesto- 
weniger hat sich Schopenhauer ihrer bedient, wie wir bereits- ge- 
sehen haben, sobald die empirischen Erkenntnismittel zur Bestim- 
mung seines metaphysischen Willensprinzips nicht mehr ausreichten. 

Wenngleich die Willenslehre Schopenhauers sich nicht einzig 
und allein auf unmittelbare Vernunftanschauung gründet, sondern 
neben dieser als mitbestimmenden Ausgangspunkt noch einen physo- 
logischen Erkenntnisgrund hat, so kommt letzterem doch nur eine 
untergeordnete Bedeutung zu. Wir haben nach Schopenhauer eine 
doppelte Wahrnehmung unseres Willens, gemäss seiner Unterscheidung 
von innerem und äusserem Sinn. Die äussere Wahrnehmung bezieht 
sich aber naturgemäss nur auf die Erscheinung des Willens in der 
Objektität des Leibes, keineswegs aber auf das «Was» oder den 
Willen, wie er an sich ist. Die äussere Wahrnehmung kann uns 
deshalb keine adäquate Erkenntnis des Willens liefern, weil deren 
Erkenntnisobjekt, der Leib, den Willen immer nur unter den Formen, 
Raum und Zeit und Kausalität zeigt, mithin so, wie er dem Satz vom 
Grunde unterworfen ist. Wenn wir im Selbstbewusstsein den Willen 
seinem Wesen nach in seiner unverhülltesten Form wahrnehmen, 
so hat dies nach Schopenhauer seinen Grund in der unmittelbaren 
Identität des Subjekts des Vorstellens mit dem Objekte, im eigenen 
Selbst, wie wir bereits dargelegt haben. 

Nun gibt uns zwar auch die innere Anschauung noch keine völlig 
adäquate Erkenntnis des Willens, wie er an sich ist, was seinen Grund 
darin hat, dass wir denselben immer nur unter der Form der Vor- 
stellung, d. h. als Objekt für ein Subjekt in unserem Bcwusstsein vor- 

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— 31 — 

finden. Da ferner die Erkenntnis, die wir von unserem Willen haben, 
von derjenigen unseres Leibes nicht zu trennen ist, sofern der Leib 
eben die Bedingung der Erkenntnis unseres Willens nach der physio- 
logischen Seite bildet, so können wir den Willen nie in seiner Ganz- 
heit, so wie er an sich ist, erkennen, sondern immer nur in der 
Aufeinanderfolge seiner einzelnen Akte, also in der Zeit. So frei 
-auch der Wille im Selbstbewusstsein von den zwei Formen Raum 
und Kausalität ist, so ist er hier doch immer noch an die Form der 
Zeit gebunden, sowie an die allgemeine Form des Vorstellens über- 
haupt. Können wir demnach in der Innern Wahrnehmung keine 
völlig adäquate Erkenntnis unseres Willens besitzen, da wir ihn ja 
immer nur alls Bewusstseinsinhalt vorfinden, so folgt daraus, dass 
wir ihn als Ding an sich unabhängig vom Bewusstsein überhaupt 
nicht wahrzunehmen vermögen. Diesen selbstverständlichen Schluss 
2ieht aber Schopenhauer keineswegs. Er hält sich gleichwohl für be- 
rechtigt, diese bewusstseinsimmanenten rein psychologischen Willens- 
akte mit seinem von ihm angenommenen transcendenten, metaphy- 
sischen Willenssubstrat zu identifizieren. 

Als Ding an sich ist der Wille von allen Formen der Objekti- 
^ation frei, selbst von den allgemeinsten des Objekts für ein Sub- 
jekt, folglich ist er seinem Wesen nach völlig erkenntnislos, «ein 
dunkler finster Drang» oder. Energie ohne Ziel und Zweck. Es 
unterliegt somit keinem Zweifel, dass vom Willen oder Ding an 
sich, nachdem es dergestalt aller positiven Bestimmungen entkleidet 
ist, nichts mehr übrig bleibt, was uns noch berechtigte, demselben 
die Bezeichnung «Wille» beizulegen. Denn was wir gewöhnlich 
«Wille» nennen, das sind doch nur einzelne von ganz bestimmten 
Motiven und Zielen geleitete psychologische Vorgänge in unserm 
Bewusstsein. Ferner bedeutet für uns Wille soviel wie Zielstrebig- 
keit. Ein blinder Wille aber wäre eine contradictio in adjecto: er 
wäre ein Wille, der will ohne etwas Bestimmtes zu wollen. Wenn 
nun aber Schopenhauer von diesen rein psychischen Vorgängen auf 
ein metaphysisches Substract schliesst, das in allen Dingen das 
Gleiche sein soll, so muss er dabei auf ^wissenschaftliche Begründung 
Verzicht leisten. 

Mit dem Willen als Ding an sich glaubt nämlich Schopenhauer 
nicht nur sein eigenes inneres Wesen erkannt zu haben, sondern 
•zugleich auch das Wesen aller ausser ihm sich befindlichen Dinge, 
•der ganzen Natur, wie sie im endlichen Ichbewusstsein in die Er- 

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— 32 — 

scheinung tritt. Er hält sich für berechtigt, alle Objekte ausser iins^ 
die uns nicht auf doppelte Weise als Leib und Wille, sondern ledig- 
lich als Vorstellungen gegeben sind, nach Analogie unseres eigenen 
Leibes zu betrachten. Denn da sie ebenso wie er einerseits Vor- 
stellung sind, so dürfen wir anderseits annehmen, meint Schopen- 
hauer, dass ihnen, abgesehen von diesem ihrem Objektsein, dasselbe 
Wesen zu Grunde liegt, das wir in uns selbst als Wille unmittelbar 
wahrnehmen. Wie will nun aber Schopenhauer die Realität der 
Aussendinge beweisen, da diese doch ebenso, wie unser Leib zu- 
nächst, nur Vorstellung sind? Der Wille kann ihm jedenfalls nicht 
als Beweismittel dienen, da er ja selbst nur im eigenen ßewusst- 
sein vorkommt, also subjektiv ist, mithin ihm höchstens seine eigene 
Existenz verbürgen kann. Der Wille in fremden Individuen kann 
aber niemals Gegenstand unserer unmittelbaren Wahrnehmung werden. 
Es müsste mithin die Existenz dieser berieits anderweitig verbürgt 
sein, bevor Schopenhauer dazu übergehen könnte, ihr Wesen nach 
Analogie seines Eigenen zu beurteilen. Schopenhauer nimmt dies 
als selbstverständlich an, obwohl er es von seinem erkenntnis- 
theoretischen Standpunkte aus nicht zu rechtfertigen vermag, wie 
wir bereits dargelegt haben. Er hält den theoretischen Egoismus, 
der alle Erscheinungen ausser seinem eigenen Individuum für blosse 
Phantome ansieht, für ein skeptisches Sophisma, das zwar durch 
Beweise nicht zu widerlegen sei, aber als ernstliche Ueberzeugung 
nur im Tollhause gefunden werden könne und als solche bedürfe 
es dann gegen ihn nicht, sowohl eines Beweises, als einer Kur. 
(Vcrgl. W. als W. und Vorst. 1 124 S.) . 

Hätte nun aber sein Willensprinzip wirklich transcendente Gel- 
tung, d. h. wäre es das allen Dingen zu Grunde liegende Wesen, 
so wäre nicht einzusehen, wie Schopenhauer die Vielheit und Mannig- 
faltigkeit der Dinge zu erklären imstande ist. Denn da der Wille 
nur Einer sein soll, ein unterschiedsloser blinder Drang ohne alle 
Form und Inhalt, so kann er als solcher unmittelbar nicht als Er- 
klärungsgrund für die objektive Realität der Vielheit der Welt heran- 
gezogen werden. Schopenhauer ist entweder gezwungen, eine Viel- 
heit von einzelnen Willensakten anzunehmen, wodurch sein subjek- 
tiver Idealismus in die Brüche ginge, denn dann müssten die An- 
schauungsformen Raum, Zeit und Kausalität transcendente Geltung 
haben, oder aber er muss ein neues Prinzip ausfindig machen, das* 
die Vennittlung zwischen Einheit und Vielheit herzustellen imstande 



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— 33 — 

ist und welches zugleich den zureichenden metaphysischen Erklärungs- 
grund für die Individualität abgibt. Da unser Bewusstsein nach 
Schopenhauer nur die höchste Objektivationsstufe des Willens- ist^ 
alle Erscheinungsformen aber durchaus durch dasselbe bedingt sind^ 
so müssen jene Formen und Stufen der Objektivation des W illens 
noch etwas für sich selbst sein, abgesehen vom rein empirischen 
subjektiven Bewusstsein. Jene Formen müssen demnach vorempi- 
rische, d. h. vorintellektuelle Realität haben, ohne aufzuhören, Ob- 
jekte zu sein, sofern sie eben doch nur Erscheinungen sind. Schopen- 
hauer nennt sie im Anschluss an Plato und Schelling Ideen. 

Die Ideen sind das bleibende Beharrliche im Wechsel der Er- 
scheinungen, sie verhalten sich zu den einzelnen Dingen wie die 
ewigen Ur- oder Musterbilder zu ihren Nachbildern, genau wie bei 
Plato. Da sie vorempirische Existenz haben müssen, so bezeichnet 
sie Schopenhauer mit den Scholastikern als die cuniversalia ante 
rem,» als die cunitates ante rem» oder die «species rerum». (VergL 
II 418 u. I 277.) 

Sind die einzelnen anschaulichen Dinge durch ihre Ideen be- 
stimmt, sofern diese in die Formen von Raum, Zeit und Kausalität 
eingegangen sind, so sind die- Ideen an sich frei von allen Formen 
des Satzes vom Grunde, welch letzterer eben das «prinzipium indi- 
viduationis bildet. «Während die Individuen, in denen sie sich dar- 
stellt, unzählige sind und unaufhaltsam werden und vergehen, bleibt 
sie unverändert als die eine und selbe stehen und der Satz vom 
Grunde hat für sie keine Bedeutung.» (Vergl. Welt als Wille und 
Vorst. § 30.) Dennoch ist die Idee vom Willen als Ding an sich ver- 
schieden, da dieselbe immer nur Erscheinung sein kann, somit sich als 
Objekt für ein Subjekt darstellt, wenngleich sie die untergeordneten 
Formen der Erscheinung, deren gemeinschaftlicher Ausdruck der 
Satz vom Grunde ist, bereits abgelegt hat oder noch nicht in diese 
eingegangen ist. Die Idee ist demnach als ein Mittelding zwischen 
den einzelnen durch unsern Intellekt bedingten Formen der Er- 
scheinungswelt und dem Willen als Ding an sich zu betrachten. 

Die Einzeldinge sind nur eine mittelbare Objektivation des 
Willens, sofern sie durch den Intellekt bedingt sind, dieser aber 
selbst nur Objektivation des Willens ist ; die Idee hingegen als durch- 
aus unabhängig vom endlichen Erkejinen «ist die alleinige unmittel- 
bare Objektivität des Willens, sofern sie keine andere dem Erkennen 
als solchen eigene Form angenommen hat, als die der Vorstellung 

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— 34 — 

•überhaupt, d. h. des Objektseins für ein Subjekt. Daher ist auch 
sie die möglichst adäquate Objektität des Willens, ja selbst das 
Ding an sich nur unter der Form der Vorstellung.» (Ebenda 
:^ 32.) 

Wenn nun die Idee in ihrem Objektsein nicht Gegenstand un- 
seres individuellen endlichen Bewusstseins sein kann, ohne in die 
dem I-ntellekt eigenen Formen einzugehen, so muss es ein absolutes 
überindividuelles Subjekt sein, das die Idee vorstellt, als solches 
muss es aber auch von allen Formen des Objektseins frei sein, 
ebenso wie sein Objekt die Idee, weshalb es Schopenhauer als das 
«reine Subjekt des Erkennens» bezeichnet. 

Im endlichen individuellen Bewusstsein fällt Subjekt und Ob- 
jekt auseinander. Das Subjekt des Erkennens als die Identität des 
Denkens und Wollens bezieht sich hier nur auf Erscheinungen des 
einen Willens, wie dieser auf einer bestimmten Objektivationsstufe 
am Leitfaden des Satzes vom Grunde sich zur Vielheit und Mannig- 
faltigkeit objektiviert hat. In der Idee hingegen müssen Subjekt 
und Objekt zusammenfallen, wenn anders der Pantheismus Schopen- 
hauers zu Recht bestehen soll, denn, wäre das reine Subjekt der 
Idee von ihrem Objektsein verschieden, so müsste es neben diesem 
eine selbständige Realität haben, es käme mithin eine Zweiheit in 
die Idee hinein, wodurch diese aufhören würde, eine unmittelbare 
adäquate Objektivation des einen Willens zu sein. In der Idee sind 
daher Subjekt und Objekt nicht mehr zu unterscheiden, weil erst, 
indem sie sich gegenseitig vollkommen erfüllen und durchdringen, 
die Idee, die adäquate Objektität des Willens, die eigentliche Welt 
als Vorstellung ersteht: Ebenso sind auch das dabei erkennende und 
das erkannte Individuum, als Dinge an sich, nicht unterschieden. 
Denn, sehen wir von jener eigentlichen Welt als Vorstellung gänz- 
lich ab, so bleibt nichts übrig, denn die Welt als Wille.» (Vergl. 
§ 34 I.) Ebenso wie der Wille das An sich der Idee ist, die ihn 
vollkommen objektiviert, so ist er auch das an sich des einzelnen 
Dinges und des dasselbe erkennenden Individuums, die ihn nur un- 
vollkommen objektivieren. Sofern der Wille nicht Objekt, d. h. 
Vorstellung eines Subjekts überhaupt ist, sei es des absoluten oder 
-des individuellen empirischen Subjekts, so ist er auch von allen 
Formen frei, die mit dem Vorstellungssein verbunden sind, er ist 
als solcher daher einer und derselbe im vorgestellten Objekt, wie 
im vorstellenden Subjekt, *denn an sieh sind sie der Wille, der hier 

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— 35 — 

sich selbst erkennt* und nur als die Art und Weise, wie ihm diese 
Erkenntnis wird, d. h. nur in der Erscheinung ist, vermöge ihrer 
Form, des Satzes vom Grund, Vielheit und Verschiedenheit. So 
wenig ich ohne das Objekt, ohne die Vorstellungserkenntnis des 
Subjekts bin, sondern blosser blinder Wille; ebensowenig ist ohne 
mich, als Subjekt des Erkennens, das erkannte Ding Objekt, son- 
dern blosser Wille, blinder Drang.» (Ebenda § 34). . 

Wie nun der Wille im empirischen Individuum nun der Wille 
im empirischen Bewussltsein sich seiner unmittelbar bewusst wird,, 
indem er sich als wollend erkennt, so erkennt er sich in der Idee,, 
welche nichts anderes ist, als die Voi;stellung des Willens in seiner 
adäquatesten Form. Während aber in der empirischen Vorstellung 
Subjekt und Objekt getrennt erscheinen, worin eben der Grund für 
die inadäquate Form des Erkennens zu suchen ist, so erkennt sich. 
der Wille in der Idee als die unmittelbare Identität von Subjekt 
und Objekt, da er hier sowohl mit dem Subjekt als mit dem Ob- 
jekt identisch ist. Ebenso wie das absolute Subjekt sich in der 
Ideenwelt erkennt, so erkennt sich der Wille in dem absoluten, 
Subjekt - Objekt. 

Nun ist das Erkennen oder der Intellekt, selbst nur eine Ob-^ 
jektivation des einen Willens auf einer höhern Entwickelungsstufe,. 
bedingt durch einen tierischen oder menschlichen Organismus. Der 
Wille, der bis dahin im Dunkeln umhergeirrt ist, hat sich in ihm 
gleichsam «ein Licht angezündet», wodurch er seiner selbst bewusst 
wird und in allen seinen Objektivationen sein eigenes Wesen wieder- 
findet. Ursprünglich zwar ist der Intellekt auf rein praktische Zwecke 
abgerichtet, in dem er sich für die einzelnen Dinge nur in bczug 
auf ihre Relationen interessiert, um so dem Willen als Richtschnur 
seines praktischen Verhaltens dienen zu können. Keineswegs ist 
er darauf angelegt, das innere Wesen der Dinge zu erkennen, er 
bezieht sich vielmehr nur auf das Aeussere derselben. «Der Intel- 
lekt» sagt, Schopenhauer «ist demnach eine blosse Flächenkraft, 
haftet an der Oberfläche der Dinge und fasst blosse spccies transi- 
tivas, nicht das wahre Wesen derselben.» Hierin ist auch der Grund 
zu suchen, «warum wir auf unniittelbarem Wege, d. h. durch un- 
kritische direkte Anwendung des Intellekts und seiner Data, die 
Welt nicht begreifen können, sondern beim Nachdenken über sie 
uns immer tiefer in unauflösliche Rätsel verstricken. (W. als W. 
und Vorst. II. Cap. 22, 336 S.) 

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— 36 — 

Da nun der Satz vom Grunde die allgemeine Form ist, unter 
•der alle Erkenntnis des individuellen Subjekts steht, sofern durch 
ihn erst alle Vielheit und Besonderheit möglich wird, so macht ihn 
eben diese seine Beschränktheit unfähig, die ewigen Formen oder 
Ideen der Dinge unmittelbar in ihrem Ansichsein zu erkennen, da 
diese nicht in jene Formen einzugchen vermögen, ohne ihre Einheit 
•einzubüssen. Liegen mithin die Ideen ganz ausserhalb der Erkennt- 
nisphäre des individuellen Subjekts, so wird ihre Erkenntnis, falls 
eine sol(5he zustande kommen soll, nur unter Aufhebung der Indi- 
vidualität im erkennenden Subjekt möglich sein. ' Es muss also im 
individuellen Subjekt eine Veränderung eintreten, wodurch das Sub- 
jekt, sofern es eine Idee erkennt, aufgehört hat, ein individuelles zu 
sein. Dies geschieht dadurch, dass das Subjekt sich seiner ursprüng- 
lichen Funktion als Diener des individuellen Willens und seiner 
Zwecke entledigt. Die dem Willen und seinen Zwecken dienende 
Erkenntnis erkennt von den Dingen nichts weiter als ihre BeEie- 
hungen zu einander, sie erkennt die Gegenstände nur so, wie sie 
in Raum und Zeit unter diesen und jenen Umständen aus bestimmten 
Ursachen u. s. w. da sind, d. h. also immer nur einzelne Dinge, 
keineswegs aber deren allen zugrunde liegendes Wesen, die Idee. 
Zu einer Erkenntnis der Idee, die immer eine Ausnahme bildet^ 
kann es nur ganz phitzlich kommen, «indem die Erkenntnis sich vom 
Dienste des Willens losreist, eben dadurch das Subjekt aufhört, ein 
blos individuelles zu sein und jetzt reines, willenloses Subjekt der 
Erkenntnis ist, welches nicht mehr dem Satz vom Grunde gemäss, 
den Relationen nachgeht, sondern in fester Kontemplation des dar- 
gebotenen Objekts, ausser seinem Zusammenhange mit irgend an- 
dern ruht und darin aufgeht». (W. als W. und Vorst. I j§ 34; 243.) 

Dieser Zustand der unmittelbaren Anschauung der Idee ist nur 
möglich, wenn sich das individuelle Bewusstsein seiner Individualiät 
entledigt und aufhört, eben dieses bestimmte Subjekt zu sein, was 
dadurch geschieht, dass das Individuum in der Kontemplation sich 
ganz in seinen Gegenstand verliert, «d. h. eben sein Individuum seinen 
Willen vergisst und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel 
des Objekts bestehen bleibt, so dass es ist, als ob der Gegenstand 
allein da wäre, ohne Jemanden, der ihn wahrnimmt und man also 
nicht mehr den Anschauenden von der Annschauung trennen kann, 
sondern beide Eins geworden sind, indem das ganze Bewusstsein 
'von einem einzigen anschaulichen Bilde gänzlich gefüllt und einge- 

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— 37 — 

nommen ist, wenn also solchermassen das Objekt aus aller Relation 
zu etwas ausser ihm, das Subjekt aus aller Relation zum Willen 
getreten ist, dann ist, was also erkannt wird, nicht mehr das ein- 
zelne Ding als solches, sondern es ist die Idee, die ewige Form, 
<iie unmittelbare Objektität des Willens auf dieser Stufe: und eben 
dadurch ist zugleich der in dieser Anschauung Begriffene nicht mehr 
Individuum, denn das Individuum hat sich eben in solche Anschauung 
verloren, sondern es ist reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Sub- 
jekt der Erkenntnis.» (Ebenda) Wie nun aber eine derartige unmittelbare 
Erkenntnis der Idee im menschlichen Bewusstsein möglich sein soll, 
ohne dass dieses sich selbst aufhebt, ist nicht einzusehen. Alle Er- 
kenntnis setzt nach Schopenhauer Individualität voraus, sofern eben 
kein Erkennendes ohne ein von diesem verschiedenes Erkanntes be- 
stehen kann. cDaher,» sagt Schopenhauer selbst, «ist ein Bewusst- 
sein, welches durch und durch reine Intelligenz wäre, unmöglich.» 
(II Cap. 19). Nun soll es aber gerade die Individualität sein, die 
in der künstlerischen Betrachtungsweise schwinden soll, sofern hier 
der Anschauende mit dem angeschauten Gegenstände völlig Eins 
ist ; folglich kann auch von einem Erkennen oder Anschauen der 
Idee im Zustande der Kontempation nicht mehr gesprochen werden, 
sondern höchstens von einem Einssein mit der Idee. Dass aber 
dieser Zustand kein bewusster mehr sein kann, dies ist nach Schopen- 
hauers eigener Definition vom Bewusstsein erwiesen. 

Schopenhauer unterscheidet allerdings in der Idee das Subjekt 
des Erkennens von seinem Objekte oder Korrelat desselben, wo- 
durch er den rein vorstellungsartigen Charakter der Idee glaubhaft 
zu machen sucht. Allein diese Unterscheidung wird dadurch völlig 
bedeutungslos und wird zu einem blossen Sophisma, dass er hinterher 
wieder beide für identisch erklärt. Die Komplikation, in die Schopen- 
hauer hierbei offenbar geraten ist, hat ihren Grund in den erkennt- 
nistheoretischen und metaphysischen Voraussetzungen seines ganzen 
Systems. Das metaphysische Grundprinzip der Wille soll, obwohl 
an sich völlig bewusstseintranscendent, dennoch im Selbstbewusst- 
sein unmittelbar, wenn auch nicht vollständig, so doch in seiner un- 
verhülltesten Form, sich in diesem zu erkennen geben, was, wie wir 
gesehen haben, auf der Identität des Subjekts des Wollens mit dem 
Subjekt des Erkennens (Ich) beruht. Darnach wäre also das Be- 
wusstsein des Willens mit diesem selbst identisch, oder was das- 
selbe bedeutet Sein und Bewusstsein sind Eines und Dasselbe. ^Vie 

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— 38 — 

nun freilich eine solche Identität möglich sein soll, bei der absolut 
entgegengesetzten Natur beider Prinzipien, das konnte sich Schopen- 
hauer selbst nicht erklären. Es gesteht daher oflfen ein: «Die 
Identität des Subjekts des Wollens mit dem erkennenden Subjekt,, 
vermöge welcher (und zwar notwendig) das Wort «Ich» beide um- 
schliesst und bezeichnet, ist der Weltknoten und daher unerklärliche 
Denn nur die Verhältnisse der Objekte sind uns begreiflich, unter 
diesen aber können zwei nur insofern Eins sein, als sie Teile eines 
ganzen sind. Hier hingegen, wo vom Subjekt die Rede ist, gelten, 
die Regeln für das Erkennen der Objekte nicht mehr und eine wirk- 
liche Identität des Erkennenden mit dem Erkannten^ also des Sub- 
jekts mit dem Objekt ist unmittelbar gegeben. Wer aber das Un- 
erklärliche dieser Identität sich recht vergegenwärtigt, wird sie mit 
mir das Wunder Kd&e^oyfjv nennen.» (üeber die 4-fache Wurzel, 
des Satzes vom zureichenden Grunde S. 143 § 42). 

Der Wille ist nun aber der Gleiche im individuellen Bewusst- 
sein wie in der Idee : denn ebenso wie er mit dem empirischen. 
«Ich» zusammenfällt, so ist er auch mit dem «reinen Subjekt des 
Erkennens» identisch, als welches er sich in der Idee objektiviert hat. 
So ist denn schliesslich das reine Subjekt des Erkennens als das 
Organ der intellektuellen Anschauung nichts anderes als eine Er- 
weiterung oder Höherpotenzierung des empirischen Subjekts, worauf 
allein jene geheimnisvolle Erhebung des individuellen Ich zun> reinen 
Subjekt des Erkennens in der Kontemplation beruht. Der Wille aber, 
als absolutes Prinzip, ist und bleibt seinem Wesen nach ein be- 
wusster, wie sich Schopenhauer auch drehen und wenden mag; denn. 
es ist nicht einzusehen, wie die Form der Vorstellung seinem eigent- 
lichen Wesen dennoch fremd sein soll, nachdem er ihn selbst mit 
dem Subjekt der Erkenntnis zusammenfallen lässt. So beruht denn, 
ebenso wie seine Ideenlehre auch seine Willensmetaphysik auf in— 
tellcktueller Anschauung. 



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Bemer Studien zur Philosoptiie und ihrer Gescliiclite. 

Band XXXXV, 



Herausgegeben von 
Dr. Ludwig Stein, 

Professor an der Universitilt Bern. 



Das Kausalproblem 



bei 



Kant und Schopenhauer 



Von 

Dr. Slavi P. Tschauscheff 

aus SUistra (Bulgarien) 




BERN 

Buchdruckerei Schcitlin, Spring & Cie. 
1906. 



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Das Kausalproblem bei Kant und Schopenhauer. 



Eines der Hauptprobleme, die Kant in seiner Kritik der reinen 
Vernunft einer eingehenden Untersuchung unterzogen hat, ist das 
Kausalproblem, d. h. das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung. 
Im nachfolgenden werden wir versuchen sowohl die Kantisehe Theorie 
der Kausalität, als auch die Kritik und die Umbildung zur Darstel- 
lung zu bringen, welche dieselbe durch Schopenhauer erfahren hat 
und dabei eioige wichtige Konsequenzen berücksichtigen, die sich 
daraus für die Theorie des Sehens ergeben. Zuvor aber wollen wir 
die Beziehungen Kants zu seinem Vorgänger D. Hume erörtern und 
die Gesichtspunkte hervorheben, welche für die Gestaltung der 
Kantischen Theorie der Kausalität massgebend gewesen sind. Dies 
erscheint um so notwendiger, als Kant selbst den Einfluss Humes 
80 hoch anschlägt, dass er in seinen Prolegomena ausdrücklich er- 
klärt: seine Kritik der reioen Vernunft sei nichts weiter, „als die 
Ausführung des Hume'schen Problems in seiner möglichst grössten 
Erweiterung" (Prol. Ausg. Schulz S. 35). Allein man muss diesen 
Ausspruch Kants cum grano salis verstehen und nicht etwa glauben, 
dass Kant ganz ausschliesslich unter dem Einfluss Humes gestanden 
habe. Vielmehr lassen sich an Kants Kritik der reinen Vernunft 
deutliche Spuren erkennen, die auf eioen Einfluss Newtons, dann 
vor allem Leibnizens und anderer Vorgänger und Zeitgenossen hin- 
weisen ^ Darauf werden wir später noch zurückkommen. Zunächst 
haben wir uns mit der Hume'schen Kritik und Theorie der Kausalität 
zu beschäftigen. 

Humes scharfsinnige Kritik richtet sich hauptsächlich gegen 
die bei früheren Philosophen weit verbreitete Ansicht, dass der 



» Siehe Ldebmanns ^Analysis der Wirklichkeit^ S. 208—256, 2. Aufl. 

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— 2 — 

Kausalnexus, den wir zwischen zwei Erscheinungen, resp. Objekten 
annehmen, vollkommen begreiflich und etwas den Dingen immanentes 
sei. Dem gegenüber weist Hume überzeugend nach, dass dies nicht 
der Fall ist, und das Kausalgesetz weder ein Axiom noch ein Empeirem, 
weder, a priori noch a posteriori gewiss ist. Er war der erste unter 
den Philosophen, welcher mit vollem Bewusstsein die Frage nach 
der logischen Berechtigung der kausalen Urteile oder, mit Kant zu 
reden, nach dem Dignitätsgrad des Kausalgesetzes aufwarf. Er legte 
sich die Frage vor: Worin mag der Grund liegen, dass wir von 
dem Eintritt einer Erscheinung auf den Eintritt der darauffolgenden 
Erscheinung schliessen? Sind alle kausalen Urteile, die wir voll- 
ziehen, logisch fundiert V Diese Frage verneint H. entschieden. Nach 
ihm handelt es sich bei den kausalen Urteilen um eine Beziehung, 
die zu den Tatsachen als etwas völlig neues hinzutritt, und die eben 
deswegen unmöglich ein Werk unserer Vernunft sein kann, da diese 
sich bloss analytisch betätigt, d. h. die Begriffe in ihre Bestandteile 
zergliedert, ohne dadurch unsere Erkenntnis zu bereichern. Ein 
anderes Charakteristikum unserer Vernunfterkenntnisse ist, dass sie 
sämtlich auf dem logischen Prinzip der Identität und des Wider- 
spruches beruhen. Auf dieses Prinzip lassen sieh aber die kausalen 
Schlüsse nicht zurückführen, weil die verknüpften Perzeptionen sich 
sehr wohl ohne Widerspruch trennen lassen und ihr kontradik- 
torisches Gegenteil immer möglich bleibt. Eben hier entdeckt unser 
Philosoph den grossen Irrtum der früheren Denker, d. h. der Rationa- 
listen, die da glaubten, dass die Ursache in sich die Wirkung involviere, 
und diese aus jener begrifläich erschlossen werden könne. 

Ebenso kann der Grund der Synthese, die wir bei dem kausalen 
Schliessen vollziehen, nicht in der Erfahrung^ liegen; denn die 
Erfahrung gibt uns bloss eine Aufeinanderfolge gewisser Wahr- 
nehmungen, nicht aber ihre Auseinanderfolge oder, um Kants Aus- 
druck vorwegzunehmen: wir haben nur ein Folgen, aber kein Er- 
folgen (Krit. d. r. V. S. 108). Jede Perzeption verbürgt sich selbst, 
sie weist nicht über sich selbst hinaus. Dass ich an einem Zeitpunkt 
zwei Erscheinungen auftreten sehe, lässt nicht den Schluss zu, dass 
sie in der Zukunft stets verbunden auftreten müssen. In der Er- 
fahrung finden wir nur ein post hoc, wofür ein propter hoc zu setzen 
uns nicht berechtigt. Wenn der Grund der angeblich notwendigen 

* Erfahrung ist hier gleichbedeutend mit Sinnesempfindung, wie in 
diesem Falle auch bei Kant, wie wir später sehen werden. 

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— 3 — 

Terbindung ia den kausalen Urteilen weder im Denken, noch in 
Hier Erfahrung liegt^ das Kausalgesetz also weder ein Axiom, noch 
ein Empeirem ist, so folgt daraus nach Hume eben, dass der Kausal- 
nexus keine „notwendige Verbindung", sondern vielmehr eine sub- 
jektive Nötigung darstellt, die, wie er meint, vermöge der Einbil- 
dungskraft und der Assoziationsregeln in uns zu stände kommt. Weil 
wir öfter eine Erscheinung B auf die Erscheinung A folgen sehen, 
so glauben wir unter dem Druck des psychischen Zwanges der 
Gewohnheit, dass sie auch fOrderhin notwendig aufeinanderfolgen 
müssen. Mithin folgert Hume, haben alle kausalen Urteile, die wir 
tagtäglich über die Gegenstände fallen, keine notwendige, sondern 
nur eine subjektive Geltung. Es gibt nach Hume eine rein empi- 
rische Wissenschaft, die sich mit der Aufzählung der Tatsachen 
befasst und eine mathematische Wissenschaft, deren Erkenntnisse 
sich auf das logische Prinzip der Identität und des Widerspruches 
bezw. auf eine Analysis der „Ideen" in ihre Bestandteile gründet. 
Alle übrigen Wissenschaften, die das Kausalgesetz zu ihrer Voraus- 
setzung haben, stehen auf unsicherem Boden. ^ 

Alle diese kritischen Betrachtungen Humes, die wir mit ein 
paar Stridien gekennzeichnet haben, wirkten mächtig und bestimmend 
auf Kant ein ; im wesentlichen stimmte er ihnen bei ; allein er wai* 
weit davon entfernt, „ihm in Ansehung seiner Folgerungen Gehör 
zu geben" (Prol. Einleit. S. 34). Ausser durch Ilume wurde Kant 
auch durch Newton beeinflüsst, und seine auf solider Basis gegründete 
Naturwissenschaft war gleichsam die negative Instanz, um einen 
Ausdruck K. Fischers hier zu gebrauchen, an welcher der Skepti- 
zismus scheitern musste.* So durch die kritischen Erörterungen 
Humes angeregt und von der Naturphilosophie Newtons belehrt, 
gewann Kant eine neue Grundlage, von der er eine neue Lösung 
des Kausalproblems versuchte. Seine Methode war die Newtons. 

' Siehe Humes ^Traktrt über die menschl. Natur^ IL Teil S. 99 ff. 
herausg. v. Lipps. 

' Was die Streitfrage anbetrifft, ob Hume ein Skeptiker war, schliessen 
wir uns hier der Ansicht Steins an, der nachgewiesen hat, dass H. den Skepti- 
zismus als Methode nur einen heuristischen Wert zuerkannte, während er 
aufs schärfste sich gegen den Skeptizismus als Prinzip wendet (Siehe 
Stein ;,Der soziale Optimismus*' S. 131 ff.) Wenn wir weiter von Skepti- 
zismus H's sprechen, so fassen wir denselben in der erstem Bedeutung. 
Ueber den erkenntnistheoretischen Wert des Zweifels siehe Rickert H. 
„Der Gegenstand der Erkenntnis'' S. 8, ff, 2, Aufl. 

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— 4 — 

Er wollte der Newton der Vernunft werden, wie sich Liebmann 
trefifend ansdrOckt.^ Kant hält, in Uebereinstimmnng mit Hume eine 
Deduktion der objektiven Geltung der Kausalität von der Erfahrung^ 
her fOr unmöglich; denn, wie er sich ausdrückt: „Die Erfahrung 
sagt uns zwar, was da sei, aber nicht, dass es notwendiger Weise 
so und nicht anders sein müsse^ (Krit. d. r. V. Einl. S. 35, herausg. 
V. K. Kehrbach). Ferner ist Kant mit, Hume darüber einig, dass 
der Grund der kausalen Verknüpfung in dem erkennenden Subjekt 
zu suchen ist, aber er weicht von ihm entschieden ab, indem er 
nicht wie jeuer den Kausalnexus der Willkür und dem Spiel unserer 
Vorstellungen preisgibt, sondern in demselben vielmehr eine Funktion 
unseres spontanen Denkens erblickt. Oder mit anderen Worten: 
Kant versucht statt einer psychologischen Lösung des Kausalproblems 
eine logische.' Er ist also im Gegensatz zu Hume, ein Apriorist, 
d. h. er nimmt au, dass es gewisse Prinzipien gibt, die unabhängig 
von der Erfahrung sind und diese vielmehr erst möglich machen. 
Er steht in dieser Hinsicht auf demselben Standpunkte wie Leibniz. 
Er erkennt auch die Wahrheit des von den Sensualisten aufgestellten 
und durch Leibniz ergänzten Satzes an j^NUiü est in inieUectu quod 
non ante ftierü insensu, nisi intdlectus ipse^. Allein der kantische 
Apriorismus unterschneidet sich von dem Leibniz^schen Apriorismu.s 
dadurch, dass alle apriorischen Erkenntnisformen, ^die in unserem 
Gemüt breit liegen*', einen nur immanenten Gebrauch haben, d. h. 
nur innerhalb der Sphäre unseres Bewusstseins anwendbar sind^ 
nicht aber eine transzendente, jenseits der Erfahrung liegende Be- 
deutung besitzen, wie bei Leibniz/ Der kantische Apriorismus ist, 
wie wir es nennen ein immanenter, der Apriorismus Leibnizens 
dagegen ein transzendenter. D. Hume hatte, wie wir sahen, durch 
seine zersetzende Kritik die Grundlage der theoretischen Natur- 
wissenschaft erschüttert und ihr die Existenzberechtigung als Wissen- 
schaft völlig abgesprochen. Dem gegenüber übernimmt es Kant, sie 
gemäss dem jetzt gewonnenen Standpunkte von neuem zu begründen. 

* Siehe Liebmaiin, „Analysis der Wirklichkeit" S. 288. Vergl. hierau 
Cohen, „Theorie d. Erfahr.** S. 55, 67. 

' Erfahrg.-Sinnesempfind. Vergl. Vaihinger, „Gomment. z. Kr. d. r. V. 
I. Bd. S. 176. Eucken, „Grdbg. d. Gegenw.* S. 59, 62. 

« Vergl. E. Kcenig: ;,Entwickl. Kausalbl.*' I. Bd. S. 207. Stein, L. ;,Der 
soziale Optimismus^ S. 147 u. S. 150. 

* Siehe A. Lange „Geschichte d Materialismus", Bd. IL S. 84. j 

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— 5 — 

^Ihre objektive Notwendigkeit zu retten", wie sich Vaihinger richtig 
ausdrückt, „das war eine der Orundtriebfedem der kantischen Philo- 
sophie".* Treten wir nun der kandischen Lösung des Problems näher. 
Schon Hume erkannte, wie wir oben hervorhoben, in den kausalen 
Urteilen eine Synthese, die er seinen Prinzipien gemäss psychologisch 
aus der Ideenassoziation ableiten wollte. Kant pflichtet ihm insofern 
bei, als er wie jener in den kausalen Schlüssen eine Synthesis er- 
kannt, die als eine völlig neue Beziehung zu dem Subjekts- und 
Prädikatsbegriff hinzutritt; allein, was den Ursprung dieser Synthese 
anbelangt, so perhorresziert er die Hume'sche Lösung und sucht sie 
Leibniz folgend, im transzendentalen, apriorischen Denken.^ Kant 
adoptiert die Unterscheidung, die Leibniz in seiner „Monadologie" 
zwischen v^ritös öternelles und v^rit^s de fait mächt. Entgegen der 
Ansicht Humes, der nur den ersteren die logische Notwendigkeit 
vindizierte, unternimmt es Kant die objektive Gültigkeit der letzteren 
zu begründen. Bei ihm tritt diese Unterscheidung auf, als eine 
Unterscheidung von „synthetischen und analytischen Urteilen". Es 
gibt wie Kant sagt, synthetische Urteile a priori.^ Er fragt sich 
jetzt: Wie sind sie möglich? Welches sind die Regeln und die 
Bedingungen, die diese synthetischen Urteile ermöglichen? Sie können 
nach Kant einzig und allein auf regressivem Wege, a conditionato, 
ad conditionem eruiert wei-den. Auf diese Weise findet er die reinen 
* Yerstandesgrundsätze, die den Stammbesitz unseres Verstandes aus- 
machen und denen gewisse Stamm- oder Verstandesbegriffe oder 
Kategorien zu Grunde liegen. 

Zur vollständigen Feststellung derselben benutzt Kant die 
Urteilstafel der traditionellen SehuUogik, wobei sich ftb* jede Urteilart 
eine Kategorie ergibt. Hieraus entsteht für ihn die schwierige Frage: 
wie ist es möglich, dass die Verstandesbegriffe trotz ihres subjektiven 
Ursprunges eine objektive Geltung haben können? Diese Frage be- 
zeichnet Kant als quaestio juris, mit ihrer Beantwortung beschäftigt 
«ich die transzendentale Deduktion. Diese hat nach ihm die Aufgabe, 



* Siehe Vaihinger ;,Gommentar'' z. K. d. r. V. I. Bd. S. 860. 

» Vergl. E. König ^Entwickl. d. Kausalprobl." I. Bd. S. 15. 

■ Fast alle Kantforscher sind der Meinung, dass der Hume'sche Gegen- 
satz zwischen logischen und psychologischen Wahrheiten, zwischen Denk- 
zwang und Anschauungszwang, viel klarer und präziser ist, als die kantische 
Unterscheidung. Näheres darüber siehe L. Stein, ^Der soziale Optimismus*' 
S. 144. 



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— 6 — 

die Rechtmässigkeit des Kategoriengebrauches nachzuweisen, im Ge- 
gensatz zu der empir. Deduktion, die nur die Beantwortung der 
quaestio facti bezweckt. Kant sagt in Krit. d. r. V. S. 107/8 „Ohne 
Funktionen des Verstandes können allerdings Erscheinungen in der 
Anschauung gegeben werden. Ich nehme z. B. den Begrifif der Ur- 
sache, welche eine besondere Art der Synthesis bedeutet, da auf 
etwas A was ganz verschiedenes B nach einer Begel gesetzt wird. 
Es ist a priori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen 
enthalten sollen, (denn Erfahrungen kann man nicht zum Beweise 
anführen, weil die objektive Gültigkeit dieses Begriffs a priori muss 
dargetan werden können) und es ist. daher a priori zweifelhaft, ob- 
ein solcher Begriff nicht etwa gar leer sei und überall unter den 
Erscheinungen keinen Gegenstand antreffe. Denn dass Gegenstände 
der sinnlichen Anschauung den im Gemüt a priori liegenden formalen 
Bedingungen der Sinnlichkeit gemäss sein müssen, ist daraus klar, 
weil sie sonst nicht Gegenstände vor uns sein würden, dass sie 
aber auch überdem den Bedingungen, deren der Verstand zur synthe- 
tischen Einheit des Denkens bedarf, gemäss sein müssen, davon ist 
die Schlussfolge nicht so leicht einzusehen. Denn es können wohl 
allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, dass der Verstand sie 
den Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäss fände, und alles 
so in Verwimmg läge, dass z. B. in der Reihenfolge der Erschei- 
nungen sich nichts darböte, was eine Regel der Synthesis an die 
Hand gäbe und also dem Begriffe der Ursache und Wirkung ent- 
spräche, so dass dieser Begriff also ganz leer, nichtig und ohne 
Bedeutung wäre. Erscheinungen würden nichtsdestoweniger unserer 
Anschauung Gegenstände darbieten, denn die Anschauung bedarf der 
Funktion des Denkens auf keine Weise." 

In der Vorrede zur zweiten Auflage der Krit. d. r. V. entwickelt 
Kant in ein paar prägnanten Sätzen das Programm, welches seinem 
Hauptwerk zu Grunde liegt. Die Neuheit und Originalität seines 
Standpunktes vergleicht er hier nicht unzutreffend mit dem des Koper- 
nikus, welches das bis dahin in der Astronomie geltende geozentrische 
System durch das heliozentrische ersetzte. Kant sagt wörtlich: „Bis- 
her nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den 
Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas 
durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert 
würde, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. Man versuche 
es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit 

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— 7 — 

besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen 
sich nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit 
der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zu- 
sammenstimmt, die aber Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, 
etwas festsetzen soll." (S. 17). Diese Betrachtung Kants, die er in 
betreff der Möglichkeit der Metaphysik als Wissenschaft anstellt, 
gilt auch mutatis mutandis fOr die Naturwissenschaft, deren Existenz- 
berechtigung Kant nachweisen will. Der oben zitierte Passus Kants 
enthält implizite die Lösung der vorhin von ihm aufgeworfenen 
Frage nach der Rechtmässigkeit des Kategoriengebrauchs. Wenn 
einmal nach Kant die Kategorien apriorischen Ursprungs sind, zu- 
gleich aber für die Erfahrung resp. für die Gegenstände gelten sollen^ 
so bleibt nichts anders übrig, als zu erklären, dass die Kategorien 
eben die Bedingungen und Gründe für die Möglichkeit der Erfahrung 
abgeben. Dieses ist, wie Kant sagt, „das Prinzipium, woi*auf die 
ganze Nachforschung gerichtet werden muss". (Kr. d. r. V. S. 110.) 
Im darauffolgenden Abschnitt, wo Kant in extenso von der Eotstehung 
der Erfahrung bezw. dem Anteil des Denkens an diesem Prozoss 
handelt, will er den Nachweis für die Richtigkeit seiner Behauptung 
liefern. Wenden wir uns dieser Untei-suchung zu und verfolgen 
wir, wie er im einzelnen seiner Aufgabe gerecht wird. 

Mit der Affektion unserer Sinne durch die Dinge an sich werden 
viele Empfindungen in unserem Bewusstsein ausgelöst, die vermöge 
der „vor aller Erfahrung im Gemüte liegenden" Anschauungsfonnen 
räumlich und zeitlich geordnet werden, wodurch dann die Erschei- 
nungen entstehen. Diese allein bilden eine Vielheit mannigfaltiger 
Perzeptionen, die an sich zueinander in keiner Beziehung stehen. 
Erfahrungserkenntnis wird daraus erst dann entspringen, wenn die 
isolierten Empfindungen in einen Zusammenhang gebracht werden 
oder um Kants eigene Worte zu gebrauchen: „wenn an diesen Ein- 
drücken eine Synthesis vorgenommen wird". Diese Synthesis setzt 
ein spotanes Vermögen voraus, welches Kant Einbildungskraft nennt 
und von dem Vermögen der Rezeptivität streng unterschieden wissen 
will. Die Einbildungskraft bewirkt, dass wir beim Eintritt einer 
neuen Empfindung die vorausgegangenen in unserem Bewusstsein 
reproduzieren, d. h. also die Mannigfaltigkeit der Empfindungen in 
Verbindung setzen, woraus dann das Weltbild hervorgeht. Kant 
sagt in Bezug darauf: „Nun ist offenbar, dass wenn ich eine Linie 
in Gedanken ziehe, oder die Zeit von einem Mittag zum andern 



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— 8 — 

denken, oder auch nur eine gewisse Zahl mir vorstellen will, ich 
erstlich notwendig eine dieser mannigfaltigen Vorstellungen nach 
der andern in Gedanken fassen müsse. Würde ich aber die vor- 
hergehenden (die ersten Teile der Linie, die vorhergehenden Teile 
der Zeit oder die nacheinander vorgestellten Einheiten) immer aus 
den Gedanken verlieren und sie nicht reproduzieren, indem ich zu 
den folgendeu fortgehe, so würde niemals eine ganze Vorstellung 
und keiner aller vorgenannten Gedanken, ja gar nicht einmal die 
reinsten und ersten Grundvorstellungen von Raum und Zeit ent- 
springen können" (Kr. d. r. V. S. 117). „Die Synthesis der Appre- 
hension ist also," um uns Kants eigener Woi-te zu bedienen, „mit 
der Synthesis der Reproduktion unzertrennlich verbunden". Allein 
die Funktion der Einbildungskraft sichert die Erfahrungserkenntnis 
noch lange nicht; wir würden mit ihr die ins Bewusstsein eintre- 
tende Vorstellung stets als neue auffassen, ohne dieselbe mit der 
gleichen, früher einmal vorhandenen und latent gewordenen Vor- 
stellung als identisch zu erkennen. Die Einbildungskraft also erweist 
sich, trotzdem sie ein spotanes Vermögen repräsentiert, als unzu- 
länglich eine Erfahi-ungserkenntnis zu gewährleisten. „Sie gibt uns 
zwar Erscheinungen," wie Kant sagt, „aber keine Gegenstände eines 
empirischen Erkenntnisses, mithin keine Erfahrung" (Krit. S. 133). 
Damit also Erfahrungserkenntnis zustande kommt, muss eine andere 
Fähigkeit postuliert werden, die eben das verrichtet, was die Ein- 
bildungskraft nicht zu leisten vermag. Dieser hinzutretende Faktor 
ist nach Kant die Rekognition — die Synthesis der Rekognition 
im Begriff. 

Sie wird sich nur dann völlig betätigen können, wenn im Flusse 
der Erscheinungen ein umwandelbares transzendentales, mit sich 
identisch bleibendes Bewusstsein, im Gegensatz zu dem empirischen, 
dem Wechsel der Vorstellungen unterworfenen Bewusstsein, ange- 
nommen wird. Dieses ursprüngliche transzendentale Bewusstsein 
bezeichnet Kant als transzendentale Apperzeption, als das Radikal- 
vermögen aller unserer Erkenntnis.* Kant sagt selbst hierzu: „Dass 
sie (die transzendentale Apperzeption) diesen Namen verdiene, erhellt* 
schon daraus, dass selbst die reinste objektive Einheit, nämlich die 
der Begriffe a priori (Raum und Zeit) nur durch Beziehung der 

• Nach Hume ist transzend. Apperzeption ein Bündel von Vorstellungen. 
Kant, auch Schopenhauer, wie wir sehen werden, machen Front gegen 
diese Anschauung Humes. 



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— 9 — 

Anschauungen auf sie möglich sind. Die nummerische Einheit dieser 
Apperzeption liegt also a priori allen Begi*iffen ebensowohl zu Grunde, 
als die Mannigfaltigkeit des Raumes und der Zeit den Anschauungen 
der Sinnlichkeit" (Kr. d. r. V. S. 121). Die transzendentale Apper- 
zeption ist nicht bloss die intellektuelle Bedingung für das Zustande- 
kommen der ßekognition, sondern sie ist zugleich der Grund für 
die Möglichkeit der Objekte resp. für die Einheit der Natur. ^ Sie. 
bildet das Korrelat aller unserer anschaulichen und begrifflichen Er- 
kenntnis. Die zuletzt von uns behandelte Funktion, die wichtigste 
von allen in der Genesis der Erfahrungsobjekte, ist anderseits eine 
Betätigungsform unseres Denkens; sie ist eine Denkfunktion, ein 
Yerstandesakt. Sie bildet gleichsam den intellektuellen Faktor unserer 
Erkenntnis überhaupt. Die Perzeptionen, die uns die Sinnlichkeit 
zuführt, werden durch das intellektuelle Vermögen in Erfahrungs- 
erkenntnisse * verarbeitet. Mit dieser Betrachtung sind wir unserem 
Ziele einwenig näher gerückt. Es ist eben hier der Ort, die Frage 
aufzuwerfen: Welches sind die Regeln, durch deren Anwendung das 
Denken die vereinzelten Wahrnehmungen in Erfahrungsgegenstände 
umwandelt? Die Frage ist nach dem Gesagten leicht zu beantworten. 
Die Regeln sind eben die Verstandesgrundsätze, in denen wir am 
Anfang unserer Betrachtung die synthetischen Prinzipien erkannten, 
die unseren synthetischen Urteilen zu Grunde liegen und sie ermög- 
lichen. Kant sagt hierüber wörtlich: „Die Bedingungen a priori 
einer möglichen Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der 
Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung. Nun behaupte ich, die 
eben angeführten Kategorien sind nichts anderes, als die Bedingungen 
des Denkens zu einer möglichen Erfahrung, so wie Raum und Zeit 
die Bedingung der Anschauung zu eben derselben enthalten. Also 
sind jene auch Grundbegriffe, Objekte überhaupt zu den Erfahrungen 
zu denken und haben also a priori objektive Gültigkeit; welches 
dasjenige war was wir eigentlich wissen wollten'^ (Kr. d. r. V., S. 124). 
In den Prolegomenen (§ 18) unterscheidet Kant Wahrnehmungs- 
und Erfahi-ungsurteile. Die ersten sind solche, die bloss subjektive 
Geltung haben; die letzteren dagegen besitzen objektive Gültigkeit. 
Jene drücken bloss eine ^logische Verknüpfung der Wahrnehmungen 

' Die Natur bedeutet hier die gesetzmässig geordnete Sinnen weit. Siehe 
K. Fischer S. 409. 

' üeber die zweifache Bedeutung des Begriffes d. Erfahrung bei Kant 
siehe Vaihinj[er, Komm. I. Bd. S. 176 ff. 



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— 10 — 

in eiuem denkenden Subjekt^ aus und bedürfen keines reinen Yer- 
standesbegriflfes ; diese erfordern jederzeit über die Vorstellung der 
sinnlichen Anschauung noch besondere im Verstände ursprünglich 
erzeugte Begriffe, welche es eben machen, dass das Erfahnmgsorteil 
objektiv gültig ist^. Alle Urteile, die wir über die Gegenstände 
fällen, sind nach Kant zuerst Wahrnehmungsurteile. Erst durch 
ihre Subsumtion unter einen Verstandesbegriff werden sie Erfahrungs- 
urteile, d. h. sie erhalten den Charakter der Notwendigkeit uud der 
Allgemeingültigkeit. Dadurch werden sie zugleich auf Objekte bezogen 
und bekommen mithin auch eine gegenständliche Bedeutung. „Es- 
sind", wie Kant sagt, „objektive Gültigkeit und notwendige Allge- 
meingültigkeit (für jedermann) Wechselbegriffe" (Prol. § 19). Diese 
Unterscheidung erläutert Kant an einem Beispiel, welches wir, weil 
es unser Problem unmittelbar berührt, wörtlich anführen. lu einer 
Anmerkung der Prolegomena heisst es: „Wenn die Sonne den Stein 
bescheint, so wird er warm. Dieses Urteil ist ein blosses Wahmeh* 
mungsurteil und enthält keine Notwendigkeit, ich mag dieses so oft 
und Andere auch noch so oft wahrgenommen haben. Die Wahrneh- 
mungen finden sich nur gewöhnlich so verbunden. Sage ich aber: 
Die Sonne erwärmt den Stein, so kommt über die Wahrnehmung 
noch der Verstandesbegriff der Ursache hinzu, der mit dem Begriff 
des Sonnenscheins den der Wärme notwendig verknüpft und das 
synthetische Urteil wird notwendig allgemein gültig, folglich objektiv 
und aus einer Wahrnehmung in Erfahrung verwandelt" (Prol. 20, Anm.). 
Aus alle dem geht hervor, dass unser Denken, bezw. unser 
Vei*stand sich nach zwei Seiten hin betätigt: einmal reflektierend^ 
indem er die Bedingung für das Zustandekommen sämtlicher Er- 
fahrungsurteile bildet, das andere Mal objektivierend, indem er selbst 
die Erfahrungsobjekte erzeugt. ^ Die Rechtsfrage, wie die Kategorien 
trotz ihres subjektiven Ursprunges eine objektive Gültigkeit haben 
können, ist nunmehr durch die transzendentale Deduktion beant- 
wortet. Wir subsumieren alle Wahrnehmungen unter die Verstandes- 
begriffe, weil nur dadurch erst Erfahrungserkenntnis zustande kommt. 
Damit ist auch die Frage nach der Möglichkeit und Erkennbarkeit 
der Natur im Sinne Kants gelöst. Unter Natur versteht Kant „das 
Dasein der Dinge, sofern es nach allgemeinen Gesetzen bestimmt 
ist" (Prol. § 14). Diese allgemeinen Gesetze sind nichts anderes, als. 



» Vergl. E. König, „Entwickl. d. Kaus. Fr.'', I. Bd., S. 262. 

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— 11 — 

eben die synthetischen Regeln, die Ordnung und Zusammenhang in 
das Chaos der dureh die Sinnlichkeit gegebenen Erscheinungea 
bringen. Kant äussert sich darüber folgendermaesen : „Wie ist Natur 
in formaler Bedeutung, als der Inbegriff der Regeln, unter denen 
alle Erfahrungen stehen müssen, wenn sie in einer Erfahrung als 
verknüpft gedacht werden sollen, möglich? Die Antwort kann nicht 
anders ausfallen als : sie ist nur möglich vermittelst der Beschaffen- 
heit unseres Verstandes, nach welcher alle jene Vorstellungen der 
Sinnlichkeit auf ein Bewusstsein notwendig bezogen werden, und 
wodurch allererst die eigentümliche Art unseres Denkens, nämlich 
durch Regeln, und vermittelst dieser die Erfahrung, welche von der 
Einsicht der Objekte an sich selbst ganz zu unterscheiden ist^ 
(Prol. § 36). Damit haben wir die Grundzüge der transzendentalen 
Logik gegeben, deren Aufgabe war, die Regeln, resp. Begriffe unseres^ 
Verstandes, welche den Urteilen zu Grunde liegen, zu eruieren und 
ihre objektive Gültigkeit nachzuweisen. Nun sind die Kategorien 
nicht mehr subjektive Regeln unseres Verstandes, sondern Gesetze,. 
die eine objektive Erkenntnis begründen. Vor allen übrigen Kate- 
gorien nimmt die der Kausalität bei Kant eine hervorragende Stellung 
ein; auf sie hat er den meisten Nachdruck gelegt, und das mit 
Recht; denn es war, wie wir sahen, gerade der Kausalgedanke, an 
dem D. Hume seine zersetzende Kritik ausübte, woraus sich dann 
für ihn die Unmöglichkeit einer logischen Begründung der Natur- 
wissenschaften ergab. Kant unternimmt nun nichts geringeres, als 
diesen obersten Grundsatz der Naturwissenschaft neu zu begründen 
bezw. seine logische Berechtigung nachzuweisen. Abgesehen aber 
von dem allgemeinen Beweis, den Kant in seiner transzendentalen 
Deduktion für die Gesamtheit der Kategorien vorbringt, liefert er 
in dem Kapitel über die ^Analogien der Erfahrung^, besondere Be- 
weise für einzelne wichtige Kategorien. 

In der zweiten Analogie der Erfahrung behandelt Kant am ein- 
gdiendsten unser Problem, nämlich die Kategorie der Relation. 
Fassen wir seine Beweisführung dort näher ins Auge. Kant geht 
hier von der Tatsache aus, dass die Apprehension des Mannigfaltigen 
successiv sei. Diese Zeitfolge der Succession ist ursprünglich ganz 
unbestimmt und subjektiv. Es fragt sich nun, wie wir zu einer 
objektiven Zeitfolge der Erscheinungen kommen. Diese Frage bildet 
den springenden Punkt der ganzen Kantschen Argumentation, und 
von ihrer Beantwortung hängt letzten Endes die Möglichkeit einer 

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— 12 — 

kausalen Erkenntnis ab. Kant bedient sich bei seinen Erörterungen 
des folgenden berühmt gewordenen Beispieles: Die Apprehension 
der Teile eines vor mir stehenden Hauses ist stets successiv, zugleich 
aber beliebig; ich kann z. B. von dem Giebel des Hauses anfangen 
und bei dem Boden desselben endigen oder dieselbe. Reihe rückwärts 
durchlaufen, oder von rechts nach links oder umgekehrt apprehen- 
dieren. Die Succession bleibt also hier stets willkürlich umkehrbar. 
Anders verhält es sich bei der Betrachtung der Bewegung eines 
Schiffes, welches den Strom hinabfährt. In diesem Falle haben wir 
es nicht mehr mit einer subjektiven Folge der Apprehension zu tun, 
denn die Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen ist nicht be- 
liebig, sondern an eine bestimmte Ordnung gebunden: ich muss 
stets das Schiflf erst an einem Punkte A, dann bei B u. s. w. wahr- 
nehmen. Die Vorstellungsreihe ist also hier im Gegensatz zu dem 
erstenBeispiel eine festbestimmte und nicht beliebig umkehrbare ; mit- 
hin haben wir eine objektive Begebenheit vor uns. Sowohl im ersten, 
als auch im zweiten Falle handelt es sich um Erscheinungen, Vor- 
stellun^sreihen, die innerhalb unserer immanenten Sphäre des Be- 
wusstseins sich abspiegeln. Die oben aufgeworfene Frage würde 
jetzt dahin lauten: Korrespondiert der Folge der Vorstellungen im 
Subjekt eine gleiche Folge der Erscheinungen im Objekt? Ist die 
Zeitfolge der Teile des Hauses und der Orte in der Bewegung des 
Schiffes an sich die gleiche, wie in der ursprünglichen Apprehension ? * 
Gibt es nicht ein Kriterium zwischen der subjektiven und der ob- 
jektiven Zeitfolge, zwischen der Koexistenz und der Succession? 
Man könnte darauf vielleicht antworten: Ja, allerdings, wir haben 
ein solches Kennzeichen und dieses ist eben durch die Zeitordnung 
selbst gegeben. Eine solche Antwort wäre aber für Kant widei-sinnig, 
denn dadurch bekennt man sich zu der Voraussetzung mancher 
dogmatischer Philosophen, dass nämlich die Zeit eine den Dingen 
an sich inhärente Eigenschaft sei, woraus dann folgt, dass sie ausser 
uns existiert, was Kant für einen Zirkel hält. * Das wirckliche Kri- 
terium besteht vielmehr nach Kant einzig und allein in einer Regel, 
die vor aller Erfahrung die Zeitfolge im Objekt so bestimmt, dass 
sie unter gleichen Bedingungen jederzeit, also notwendigerweise 



' Siehe Kants Kr. d. r. V., S. 182. Vergl. hierzu Laas, „Analog, d. Er- 
fdhr^ §§ 21 u. 37. 

2 Siehe K. Fischer. ^Gcsch. d. neuern Philos". Bd. IV., S. 436, Jub. Ausgb. 



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— 13 — 

stattfindet.^ Diese Regel ist eben keine andere als die der Kasualität. 
Indem das Kasualitätsprinzip die Zeitfolge notwendig bestimmt, 
konstituiert eo ipso den transzendentalen Gegenstsand.' Hören wir 
Kants eigene Worte darüber, er sagt: „Man siebet bald, dass, weil 
Uebereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt Wahrheit ist^ 
hier nur nach den formalen Bedingungen der empirischen Wahrheit 
gefragt werden kann, und Erscheinungen im Gegenverhältnis mit 
den Vorstellungen der Apprehension, nur dadurch als das davon 
unterschiedene Objekt derselbe könne vorgestellt werden, wenn sie 
unter einer Regel steht, welche sie von jeder andern Apprehension 
unterscheidet, und eine Art der Verbindung des Mannigfaltigen not- 
wendig macht. Dasjenige an der Erscheinung, was die Bedingung 
dieser notwendigen Regel enthält, ist das Objekt" (Krit. d. r. V., 
S. 183).' Ziehen wir die Summe unserer bisherigen Darlegungen* 
Durch die apriorische Regel der Kausalität wird das Zeitverhältnis^ 
der Erscheinungen bestimmt oder mit Kant zu reden, die subjektive 
Folge der Apprehension wird in eine objektive Folge der Erschei- 
nungen umgewandelt. Daher ist die Ordnung zweier Wahrneh- 
mungen, A und B, die im Subjekte aufeinanderfolgen, eine objektiv- 
notwendige, wenn A jederzeit vorausgeht und B darauf folgt, d. h» 
wenn A als Ursache, B als Wirkung aufgefasst wird. Belegen wir 
das mit einem Zitat aus Kants Hauptwerk. Er sagt da: „Wenn 
wir also erfahren, dass irgend etwas geschieht, so setzen wir dabei 
jederzeit voraus, dass irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer 
Regel folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Objekt 
sagen, dass es folge, weil die blosse Folge in meiner Apprehension ,^ 
wenn sie nicht durch eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes^ 



* Siehe hierzu die Ausführ. A. Riehl im ;,Philo8. Kritizismus", II. Bd. 
1. T. S.250ff; Bütschli, O. ^Kants Lehre von der Kausalität*' in ^Annalen 
der Naturphilosophie*'. IV. 3, S. 358 flf. 

' Transzendental heisst hier, alles was als konstituierendes Moment 
der Erfahrung (im allgem. Sinne) erkannt worden ist Siehe König ;,Ent- 
widL d. C. Prop". I. Bd., S. 293. Treffend bezeichnet es Liebmann als me- 
takosmisch. Siehe seine „Analys. d. Wirklichk." S. 238, ferner Valhinger,. 
,Comm.« II. Bd., S. 7. 

* Der transzendentale Gegenstand bei Kant ist nicht dasselbe wie das 
„Ding an sich", sondern es ist eine Schöpfung unseres spontanen Verstandes- 
vermögens, unseres Denkens. Identifiziert man dieses transzendentale Er- 
fahnmgsobjekt mit dem Dinge an sich, so gerät man dadurch in Wider- 
sprüche und Antinomien, wie das Kant in seiner Dialektik nachgewiesen hat. 

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— 14 — 

bestimmt ist, keine Folge im Objekt berechtiget. Also geschieht es 
immer in Rücksicht auf eine Regel, nach welcher die Erscheinungen 
in ihrer Folge, d. i. so wie sie geschehen, durch den vorigen Zustand 
bestimmt sind, dass ich meine subjektive Synthesis (der Apprehen- 
sion) objektiv mache, und, nur lediglich unter dieser Voraussetzung 
allein ist selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht, möglich^ 
(Krit. d. r. V. S. 185). Daraus folgt für Kant, dass die Beziehung, 
in die wir eine Wahrnehmung zu einer andern vorhergehenden 
setzen, nicht willkürlich umkehrbar ist; ich kann nicht einmal die 
Wahrnehmungsreihe A-B, das andere Mal B-A folgen sehen, sondern 
ich muss stets zuerst A, darauf B auftreten sehen; diese beiden 
Wahrnehmungen stehen mit andern Worten in einem notwendigen 
Kausalnexus. Da nach Kant die Notwendigkeit oder wie er sagt: 
das ^Nicht-anders-sein-können*' eines Prinzips ein Zeichen seiner 
Appriorität ist, so folgt daraus, dass die Regel der Kausalität eine 
appriorische ist, oder, wie Riehl sich treffend hierzu ausdrückt, 
„gerade der Beweis der Notwendigkeit einer Denkfunktion zur Ver- 
wandlung empfundener Eindrücke oder Wahrnehmungen" in beur- 
teilte Objekte ist die transzendentale Rechtfertigung ihrer Appriorit&t.' 
Die oben vorgeführte Beweisführimg Kants für die Appriorität 
der Kausalität ist, wie man sofort einsieht, gegen Humes Lösung 
des Kausalproblems gerichtet. Dieser versuchte, wie wir sahen, die 
Kausalität aus der Erfahrung abzuleiten, indem er erklärte, sie sei 
unserer Gewöhnung entsprungen, die sich durch vielfache Wieder- 
holungen derselben Perzeptionen ausgebildet habe. Er hält das 
propter hoc für das psychologische Resultat eines oft wiederholten 
post hoc. Diese Deduktion des propter hoc aus dem post hoc ist 
nach Kant eine Unmöglichkeit; denn zwei Perzeptionen, die aufein- 
ander folgen, werden nur dann eine objektive Zeitfolge abgeben, 
wenn sie der Regel der Kausalität unterworfen sind. Also gerade 
das umgekehrte ist nach Kant richtig: nämlich, dass das propter 
hoc das post hoc bestimmt. Nicht die oft wiederholte Succession 
ist die Bedingung der Kausalität, sondern die Kausalität stellt sich 
dar, als die Bedingung der objektiven Succession. Hume führt die 
Kausalität auf die Succession zurück und glaubt damit das ganze 
Problem gelöst zu haben. Ueber die Schwierigkeit, die nach Kant 
darin liegt, die objektive Zeitfolge im Gegensatz zu der subjektiven 



Siehe Riehl, „D. philos. Kritizismus", IL Bd. I. Th., S, 252. 

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— .15 — 

fest abzugrenzen und zu fixieren, setzt sich D. Hume hinweg, weil 
er sie gar nieht sieht. Der Punkt, auf den Kant gerade so grosses 
<jewicht legt, ist von Hume gar nicht untersucht worden. Eben 
-darum macht er sich eines Zirkels schuldig, indem er voreilig die 
Erfahrung resp. die objektive Zeitfolge von vornherein als gegeben 
betrachtet, woraus er dann die Kausalität ableitet. Kants Beweis- 
fahrung läuft, wie man sieht, darauf hinaus, die Hume'sche Lösung 
des Kausalproblems resp. eine etwaige empirische Deduktion des 
Kausalproblems schlechthin ad absurdum zu führen. Kant ist, was 
nach dem obigen einleuchtet, wie Hume ein Vertreter der Successions- 
theorie. Nach ihm ist in der kausalen Relation die Ursache stets 
früher, als die Wirkung; jene ist das zeitliche Prius, diese das 
zeitliche Posterius, oder um die termini technici des Aristoteles und 
<ier Scholastiker zu gebrauchen, das eine ist eine apriorische, das 
andere eine aposteriorische Erkenntnis.* Daraus folgt, dass eine 
Koexistenz der Ursache und Wirkung nicht möglich ist: denn, wie 
Kant sagt, „die Ursache kann ihre ganze Wirkung nicht in einem 
Augenblicke verrichten" (Krit. d. r. V., S. 191). Gesetzt dieser Fall 
träte ein, so würde der ganze Weltlauf sich in einem Moment zu- 
sammenziehen.' Wenn man andrerseits der Successionstheorie recht 
gibt, so erhebt sich eine neue Schwierigkeit. Die tagtiigliche Er- 
fahrung lehrt uns, dass es viele Fälle gibt, wo Ursache und Wirkung 
gleichzeitig sind, z. B. um hier Kants eignes Paradigma anzuführen, 
der geheizte Ofen und die Wärme in einem Zimmer. „Ich sehe 
mich nach der Ursache um und finde einen geheizten Ofen. Nun 
ist dieser, als Ui-sache mit seiner Wirkung der Stubenwärme, zu- 
gleich; also ist hier keine Reihenfolge, der Zeit nach, zwischen 
Ursache und Wirkung, sondern sie sind zugleich, und das Gesetz 
gilt doch" (Kr. d. r. V., S. 190). Wie lässt sich diese Schwierigkeit 
eliminieren ? Um ihr zu begegnen macht Kant eine strenge Unter- 
ncheiduug von Zeitablauf und Zeitordnung. Im oben angeführten 
Beispiel Kants sind der geheizte Ofen und die Wärme hinsichtlich 
ihres Zeitablaufes gleichzeitig, dagegen hinsichtlich ihrer Zeitordnung 
ist der geheizte Ofen vor der Stubenwärme. „Die Zeit", wie Kant 
sagt : „zwischen der Kausalität der Ursache und deren unmittelbaren 
Wirkung kann verschwindend (sie also zugleich) sein, aber das Ver- 
hältnis der einen zur andern bleibt doch immer der Zeit nach 

* Siehe K. Fischer, IV. Bd., S. 191. Vaihinger, Comm. I. Bd, S. 191. 

* Siehe E. König, „Eni d. G. P.« I. Bd. S. 316. 

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— 16 — 

bestimmbar" (Kr. d. r. V., S. 191). Zur Veranschaulichung dieser 
seiner Unterscheidung führt Kant ausserdem noch ein anderes Beispiel 
an: die Kugel und die durch sie bewirkte Vertiefung auf einem 
Kissen. Die Ursache und die Wirkung sind im vorliegenden Falle 
zugleich: reflektiert man jedoch auf ihre dynamische Verknüpfung, 
so ist die Ursache früher als die Wirkung, in unserem Beispiel die 
Kugel früher als die Vertiefung; das kausale Verhältnis ist also 
hier ein bestimmtes und nicht umkehrbares. Wenn man den Fall 
umgekehrt denkt, d. h. wenn ich zuerst eine Vertiefung auf dem 
Kissen sehe, so folgt daraus nicht, dass sie von eijier bleiernen 
Kugel herrührt. 

Ein anderes Moment des Kantschen KausalbegriflFes, das von 
grosser Wichtigkeit ist und wodurch er sich von seinem Vorgänger 
Hume unterscheidet, ist das Moment des Wirkens, der Begi'iff der 
Kraft. Kant sagt: „Die Kausalität führt auf den BegriflF der Hand- 
lung, diese auf den BegriflF der Kraft und dadurch auf den BegriflF 
der Substanz (Kr. S. 191). Aus unsem bisherigen Ausführungen 
geht klar hervor, dass Kant nicht bloss annahm, die Wirkung folge 
stets auf die Ursache, sondern auch jene erfolge aus dieser oder 
was dasselbe besagt, Kant legt der Ursache eine innewohnende Kraft 
bei, die die Wirkung hervorbringt.^ 

Das Resultat, zu welchem Kant in seiner Untersuchung kommt, 
ist also folgendes : die apriorische Regel, die unsere Wahrnehmungen 
in der Weise reguliert, dass sie jederzeit notwendig in einer be- 
stimmten Ordnung auftreten, ist die der Kausalität. Da alle Er- 
scheinungen ihr unterworfen sind, so ist sie zugleich ein Gesetz 
oder, um mit Kant zu reden : „Alle Veränderungen geschehen nach 
dem Gesetze der Verknüpfung der Ursache und Wirkung**. (K. d. 
r.V., zweite Auflage.) Eine Veränderung tritt niemals vereinzelt auf, 
sondern bildet stets ein Glied in der Kette eines bestimmten Kausal- 
nexus. Kannt nennt die Gesamtheit aller gesetzmässig geordneten 

* Wartenberg, Dr. M. ^jKants Theorie der Kausalität ". Auf die schwie- 
rige Frafje, ob Kant den Begriff des Wirkens in den KausalbegriflF aufge- 
nommen hat, können wir hier nicht eingehen. Siehe darüber König, ^Ent 
d. C. P." I. Bd. S. 318—320. Wir schliessen uns der Ansicht an, dass Kant 
einen Kraftbegriff in der kausalen Relation angenommen hat und demnach er 
als Begründer des Dynamismus gilt Seine diesbezüglichen Schriften, in 
welchen er seine Ansichten darlegt, sind: ;,Monadologia physica" und später 
in seiner ^metaphys. ADfang8£[r. der Naturwissenschaft^. Siehe Liebmann 
«Gedanken und Tatsachen*', IL Bd , 2. Heft, S. 129. 



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— 17 — 

Erscheinungen Natur ^ und die Möglichkeit unserer Erkenntnis des 
Universums ist dadurch gegeben, dass wir die Gesetze desselben 
bestimmen. Liebmann bemerkt hierzu sehr richtig: „Die strenge 
Gesetzmässigkeit des' W^ltlaufs im Ganzen, wie im Einzelnen fällt 
eben zusammen mit der Begreiflichkeit des Weltlaufes; wo sie auf- 
hörte, da stünde der Verstand still.* Daraus geht hervor, dass die 
Gesetzmässigkeit, die wir im Naturgeschehen beobachten, ihren Grund 
allein in unserem Verstände hat, indem die Bedingungen möglicher 
Erfahrung liegen. Bei jedem Versuche sie empirisch aus den Objekten 
abzuleiten würden die beiden Merkmale der Gesetzmässigkeit, näm- 
lich Allgemeingültigkeit und .Notwendigkeit fehlen. Kant sagt in 
Bezug darauf: „Eine solche und zwar notwendige Uebereinstimmung 
der Prinzipien mö^icher Erfahrung mit den Gesetzen der Möglichkeit 
der Natur kann nur aus zweierlei Ursachen stattfinden: entweder 
diese Gesetze werden von der Natur vermittelst der Erfahrung ent- 
lehnt, oder umgekehrt, die Natur wird von den Gesetzen der Möglich- 
keit der Erfahrung überhaupt abgeleitet und ist mit der blossen 
allgemeinen Gesetzmässigkeit der letztern völlig einerlei. Das erstere 
widerspricht sich selbst, denn die allgemeinen Naturgesetze können 
und müssen a priori (d. i. unabhängig von aller Ei'fahrimg) erkannt 
und allem empirischen Gebrauche des Verstandes zu Grunde gelegt 
werden, also bleibt nur das zweite übrig".® (Proleg. S. 101.) Nach 
allen diesen Erörterungen erscheint jetzt die kopernikanische Wen- 
dung Kants als vollkommen gerechtfertigt. Jetzt konnte er seinen 
berühmten Ausspruch tun: „Der Verstand schöpft seine Gesetze 
nicht aus der Natur, sondern schreibt sie ihr vor" (Proleg., S.. 102). 
Dieses Wort enthält in nuce das ganze Ergebnis seiner Kritik, und 
deswegen verdient es als Motto seinem Hauptwerke vorgesetzt zu 
werden. Demnach sind die Naturgesetze nichts weiter als hinaus- 
projizierte Denkgesetze, oder wie sich Stein bildlich ausdrückt „die 
Natur ist ein grosser Universalphonograph, der uns die Melodien 



' üeber den doppelten Sinn des Ausdruckes reine Naturwissenschaft 
bei Kant siehe Vaihinger ^Komm.^ I. Bd. S. 305. 

' ^Analysis der Wirklichkeit*' S. 190. 

' Es ist hier bei Kant das empirische Gesetz wohl von einem all- 
gemeinen Verstandesgesetz zu unterscheiden; jenes setzt „gewisse Wahr- 
nehmungen voraus**, dieses dagegen „enthält die Bedingungen ihrer not- 
wendigen Vereinigung in einer Erfahrung". Das erstere ist stets dem letz- 
teren subordiniert, 

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— 18 — 

singt, die wir zuvor in den Schalltrichter hineingetrillert haben^. 
(„An der Wende des Jahrhunderts", S. 20; „Soziale Frage im Lichte 
der Philosophie". S. 58 und 519, 2. Aufl.; „Der Sinn des Daseins", 
S. 57). Die Welt erscheint also nicht als eine Abbildung der Aussen- 
dinge, wie die alten Philosophen meinten, sondern sie ist eine 
Schöpfung unseres spontanen Geistes. Diesem sind aber in seiner 
Tätigkeit gewisse unübersteigliche Schranken gesetzt: sie aufzuzeigen 
und hiermit den Standpunkt des immanenten Appriorismus zu be- 
gründen, war die Aufgabe der Kant'schen Erkenntnistheorie. 



Von den Epigonen Kants war es ausser Fichte namentlich 
Schopenhauer, auf den seine Transzendentalphilosophie einen ent- 
scheidenden Einfluss ausübte. Er selbst gesteht dies, indem er in 
der Vorrede seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung" 
ausdrücklich erklärt : „Kants Philosophie ist die einzige, mit welcher 
eine gründliche Bekanntschaft bei dem hier Vorzutragenden geradezu 
vorausgesetzt wird" (Edit. Griesebach, S. 13). Was wir bei Schopen- 
hauer finden, ist ein modifizierter Kantianismus : Nicht Kant wider- 
legen will er, sondern vielmehr seine Fehler aufdecken und berich- 
tigen und dadurch seine Philosophie zur Vollendung bringen. Die 
Korrekturen und die Modifikationen, die er an der Philosophie Kants 
vornimmt, beziehen sich meistens auf seine Erkenntnistheorie, die 
wir in grossen Zügen dargestellt haben. Das Kardinalproblem der 
Kausalität, dem Kant so viel Nachdenken gewidmet hat, nimmt auch 
in der Erkenntnistheorie Schopenhauers eine hervorragende Stellung 
ein. Betrachten wir die Gestalt und die Fassung näher, die es 
durch Schopenhauer erfahren hat. 

Den Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie Schopenhauers bildet 
der Satz „die Welt ist meine Vorstellung".^ Dies ist nach ihm eine 
Wahrheit a priori, mit deren Einsicht erst die philosophische Be- 
sonnenheit beginnt. Mit diesem Satze ist aufs schärfste der Phä- 
nomenalismus, der schon durch Cartesius in die neuere Philosophie 
eingeführt wurde, ausgesprochen. Er sagt, dass die objektive Welt, 
die sich uns darbietet, nicht wie der naive Realismus meint, zweimal 
vorhanden ist, sondern nur einmal in mir und zwar zunächst als 
Bewusstseinsinhalt, als Vorstellung. Hieraus entspringt aber sofort 

* Ueber die verschiedene Bedeutung dieses Satzes siehe Volkelt, „Scho- 
penhauer*, S. 65 ff. 

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— 19 — 

<lie schwierige erkenntnistheoretische Frage : Wie gelangen wir denn 
zn einer objektiven Anschauung der Dinge? Schopenhauer meint, 
genau so wie Kant, dass wir nur vermittelst gewisser in uns bereit- 
liegender Grundformen a priori eine objektive Welt erkennen können 
und zwar sind solche die Kausalität, der Raum und die Zeit. Sie 
liegen vor aller Er&hrung im Intellekte präformiert und sind Spe- 
zifikationen des Satzes vom zureichenden Grunde, welcher der ge- 
meinschaftliche Ausdruck für die gesetzmässige Verbindung unserer 
Vorstellungen ist. Der Satz vom zureichenden Grunde, das prinzi- 
pium rationis sufficientis, nimmt verschiedene Gestalten an, gemäss den 
verschiedenen Vorstellungsklassen. In der ersten Vorstellungsklasse, 
unter die alle empirischen Vorstellungen fallen, tritt der Satz vom 
Grunde auf als Satz vom zureichenden Grunde des Werdens, das 
principium rationis sufficientis fiendi, d. h. als Gesetz der Kausalität. 
In der zweiten Vorstellungsklasse, die alle abstrakten, durch das 
Denken gewonnenen Begriffe umfasst, tritt der Satz vom Grunde 
auf als Satz vom Grunde des Erkennens principium rationis sufficientis 
«ognoscendi. In der dritten Klasse, in die nach Schopenhauer die 
apriorischen Anschauuugsformen Baum und Zeit gehören, tritt der 
Satz vom Grunde in der Form des Satzes vom zureichenden Grunde 
des Seins auf, principium rationis sufficientis essendi. Endlich in 
•der letzten Vorstellungsklasse, der wichtigsten nach Schopenhauer, 
die das Subjekt des Willens begreift, gestaltet sich der Satz vom 
Grunde als Satz vom zureichenden Grunde des Handelns, principium 
rationis sufficientis agendi, oder als Gesetz der Motivation. Diese 
vier Gestaltungen bezeichnet Schopenhauer als vierfache Wurzel des 
Sitzes vom zureichenden Grunde. Es handdt sich hierbei nicht, wie 
der Ausdruck „Wurzel" leicht den Anschein erwecken könnte, um 
völlig von einander verschiedene Wurzeln, die ihren Ursprungsort 
in unserem Bewusstsein haben und selbständig neben einander 
bestehen, sondern jede von diesen stellt eine Anwendungsart der 
obersten Kategorie des Satzes vom Grunde dar. Man bezeichnet es 
als das Verdienst Schopenhauers, den Erkenotnisgrund von dem 
Eausalgrund, die durchgängig von dogmatischen Philosophen vor 
Kant, besonders von Spinoza konfundiert wurden, streng unterschieden 
zu haben. ^ Anderseits aber hat man an seiner Distinktion bemängelt. 



* Vor Schopenhauer hat auf diesen Fehler nach K. Fischer Crusius 
aufmerksam gemacht- Siehe s. „Gesch. d. neu. Phil.'*, Bd. IX, S. 168. 

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— 20 - 

dass sie willkürlieh und logisch nicht gerechtfertigt sei.^ Gehen wir 
jetzt auf die für uns wichtigste Form des Satzes vom Grunde ein, 
auf das Gesetz der Kausalität. 

Schopenhauer steht mit Kant auf dem Standpunkt des Aprio- 
rismus. Nach ihm sind Raum, Zeit und Kausalität nicht empirischen 
Ursprungs, sondern vor aller Erfahrung gegeben. Sie sind, mit Kant 
zu reden, Bedingungen einer möglichen Erfahrung. Bei dieser Ge- 
legenheit spricht Schopenhauer von der Unzulänglichkeit der Ansicht 
des naiven Realismus, der bekanntlich annimmt, dass die objektive 
Aussenwelt ohne unser Zutun vorhanden sei, und dass sie duixb 
das Mediimi der Sinne in unseren Kopf hineingelange. Daran zu 
glauben, bemerkt Schopenhauer drastisch „muss man von allen 
Göttern verlassen sein" (Satz v. Grd., § 21, S. 66). Damit findet 
der Sensualismus, der bloss mit der Sinnesempfindung auskommen 
zu können glaubt, eo ipso seine Widerlegung. ^Die Empfindung ist", 
nach Schopenhauer, „ein ärmliches Ding, ein Vorgang im Organis- 
mus selbst^ als solche auf das Gebiet unterhalb der Haut beschränkt, 
kann daher an sich selbst nie etwas enthalten, das jenseits dieser 
Haut, also ausser uns läge. Sie kann angenehm oder unangenehm 
sein, welches eine Beziehung auf unsern Willen besagt, aber etwas 
Objektives liegt in keiner Empfindung" (Satz v. Grd., § 21, S. 60). 
Die subjektiven Empfindungen bilden nach ihm vielmehr das Material, 
aus dem unser Verstand durch seine apriorischen Funktionen die 
objektive Aussenwelt konstruiert. Die in uns vorhandenen Empfin- 
dungen haben ursprünglich nur einen zuständlichen Charakter, d. h. 
sie sind Veränderungen, die nur allein in der Form des Innern 
Sinnes, der Zeit, also successiv auftreten. Die objektive Anschauung 
entsteht nur durch den Hinzutritt der andern Hauptfunktionen un- 
seres Intellekts, hauptsächlich durch die Kausalität. Vermöge des 
Gesetzes der Kausalität fassen wir die sinnlichen Eindrücke als 
Wirkungen auf, die als solche notwendig gewisse Ursachen haben 
müssen. Diese Ursachen werden zugleich vermittelst der Rauman- 
sehauungen durch den Verstand ausserhalb unseres Leibes verlegt. 
Das Gesetz der Kausalität ist es, welches dann diese Veränderungen 
in das Verhältnis von Ursache und Wirkung bringt, wodurch erst 
die objektive Anschauung entsteht. Demnach sind es nur Verän- 
derungen, die dem Gesetze der Kausalität oder dem zureichenden 

* Siehe den Aufsatz v. J. V. A. Hickson in der vierteljährlichen Schrift 
f. wissenscli. Phil., 25. Jahrgang, S. 147. 

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— 21 — 

Grunde des Werdens, wie Schopenhauer es auch treffend nennt, 
unterworfen sind, nicht aber reale, fertige Objekte. Daher ist es 
nach Schopenhauer ein falscher Sprachgebrauch, wenn man die 
Objekte selbst als Ursache ansieht: „Es hat keinen Sinn zu sagen, 
ein Objekt sei Ursache eines andern, zunächst, weil die Objekte nicht 
bloss die Form und Qualität, sondern auch die Materie enthalten, 
diese aber weder entsteht, noch vergeht; und sodann, weil das Gesetz 
der Kausalität sich ausschliesslich auf Veränderungen, d. h. auf den 
Ein- und Austritt der Zustände in der Zeit bezieht, als woselbst es 
dasjenige Verhältnis reguliert, in Beziehung auf welches die frühere 
Ursache, die spätere Wirkung heisst und ihre notwendige Verbindung 
das Erfolgen" (Satz v. Grd., § 20, S. 49). Aus diesen Erörterungen 
ergibt sich für Schopenhauer folgende Fassung des Kausalgesetzes: 
„Jede Veränderung in der materiellen Welt kann nur eintreten, 
sofern eine andere ihr unmittelbar vorhergegangen ist" (Welt als 
Wille und Vorstellung, I. Buch, Kap. 4, S. 52). Die Kette der Kau- 
salität ist notwendig anfangs- und endlos : Die Begriffe, causa prima 
und causa sui werden von Schopenhauer als völlig widerspruchsvoll 
verworfen. „Das Gesetz der Kausalität ist also nicht so gefällig, 
sieh brauchen zu lassen, wie ein Fiaker, den man, angekommen wo 
man hingewollt, nach Hause schickt. Vielmehr gleicht es dem, von 
Goethes Zauberlehrlinge belebten Besen, der einmal in Aktivität ge- 
setzt, gar nicht wieder aufhört zu laufen und zu schöpfen, so dass 
nur der alte Hexenmeister selbst ihn zur Ruhe zu bringen vermag" 
(Satz V. G., S. 51, § 20). 

Schopenhauer verficht die sog. Successionstheorie, zu deren 
Vertretern, wie wir schon sahen, Hume und Kant gehörten. Auch 
nach ihm geht die Ursache stets die Wirkung, der Zeit nach, voran. 
Es ist vollkommen widersinnig, meint er, zu behaupten, dass Ursache 
und Wirkung zugleich seien: es gibt wohl Fälle, wo wir nicht im- 
stande sind, alle sich schnell aufeinanderfolgenden Veränderungen 
wahrzunehmen, und infolge dessen schliessen, dass keine Zeit zwischen 
denselben verlaufen sei, resp. die Ursache und Wirkung simultan 
seien. Dieser Schluss ist jedoch irrig: Denn gesetzt er wäre richtig, 
so kämen wir konsequenterweise zu der Annahme, dass alle Ereig- 
nisse in rerum natura sich in einem Augenblick abspielen würden, 
was eine Absurdität ist. Vielmehr stellen alle Veränderungen im 
Weltlauf ein Kontinuum dar, deren einziger Regulator das Gesetz 
der Kasualität ist. In diesem Zusammenhang bespricht Schopenhauer 

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— 22 — 

das Beispiel Kants von dem Ofen und der Stubenwärme. Nach 
Schopenhauer ist die Annahme einer Simultanität von Ursache und 
Wirkung unmöglich and ungereimt: eben deswegen bezeichnet er 
das hierzu angefahrte Beispiel Kants als irrig: Kant hat nach ihm 
irrtümlicherweise statt der Veränderungen (der Zustände) der Dinge^ 
die Dinge selbst für die Ursache gehalten und dadurch den oben 
gerügten Fehler begangen. Schopenhauer sagt weiter in Bezug 
hierauf; ^Der Zustand des Ofens, dass er eine höhere Temperatur, 
als das ihn umgebende Medium hat, muss der Mitteilung des Ueber- 
Schusses seiner Wärme an dieses vorhergehen, und da nun jede 
erwärmte Luftschicht einer hinzuströmenden kälteren Platz macht,, 
erneuert sich der erste Zustand, die Ursache, und folglich auch der 
zweite, die Wirkung, so lange, als Ofen und Stube nicht dieselbe 
Temperatur haben. Es ist hier also nicht eine dauernde Ursache, 
Ofen und eine dauernde Wirkung, Stubenwärme, die zugleich wären, 
sondern eine Kette von Veränderungen, nämlich eine stete Erneuerung 
zweier Zustände, deren einer Wirkung des andern ist. Wohl aber 
ist aus diesem Beispiel zu ersehen, welchen unklaren Begriff von 
der Kausalität sogar noch Kant hatte" (S. v. G., § 47, S. 168 ff.). 
Diese kritische Bemerkung Schopenhauers halten wir für durch- 
aus zutreffend: denn es erscheint uns vollkommen unerfindlich, wie 
ein starres, unveränderliches Ding, der Ofen, eine Zustandsäuderung, 
die Stubenwärme zur Wirkung haben kann. Auf der andern Seite 
müssen wir Kant hier in Schutz nehmen. Den Vorwurf, den Scho- 
penhauer gegen Kants Theorie der Kausalität erhebt, schiesst über 
das Ziel hinaus. Kant lag es fem, zu behaupten, dass die Dinge 
selbst Ursache von Veränderungen seien. Im Gegenteil! Der Ge- 
danke, dass der Begriff der Kausalität auch dann einen Sinn erhält^ 
wenn er auf Veränderung bezogen wird, worauf Schopenhauer un- 
berechtigterweise einen Originalitätsanspruch erhebt, ' ist früher 

^ Siehe E. Laas, „Kants Analogien der Erfahrung^ S. 139—140; J. V. 
A. Hickson i. d. Vierteljahrsschrift f. w. Philos., 25. Jahrg., S. 149. Hier sei 
im Vorbeigehen die Kontroverse gestreift, die sich über diesen Punkt zwischen 
Wundt und Sigwart entsponnen hatte. Nach Wundt bezieht sich die Kau- 
salität nur auf Ereignisse oder Veränderungen, nicht auf die Dinge. Die 
Dinge sind nach ihm nur die ;,permanenten Bedingungen^ der Wirksamkeit 
(Wundts „Logik", I, S. 586 ff.). Sigwart polemisiert dagegen und meinte 
dass die Kausalität in solcher reinen abstrakten Fassung nicht durchführbar 
ist. ;,Der Begriff der Veränderung lässt sich", nach Sigwart, „ohne den 
des Dinges oder des Gegenstandes überhaupt nicht denken". Es ist gar 

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— 23 — 

schon von Kant an verschiedenen Stellen seines Hauptwerkes aus- 
gesprochen worden, wenn derselbe auch nicht in schärferer Form 
hei-vortritt. Was Kant mit dem angefahrten Beispiel wollte, war, 
die anscheinend koexistierenden Erscheinungen zu erklären, worauf 
er, um seine Behauptung, dass die Kausalität sich nur auf successiv 
auftretende Veränderungen bezieht, zu retten, gezwungen sah, einen 
Unterschied zwischen Zeitordnung und Zeitablauf zu machen.^ Folgen 
wir jetzt nach dieser Zwischenbemerkung weiter dem Gedankengange 
Schopenhauers. Wir haben mit Schopenhauer in dem Gesetz der 
Kasualität diejenige Norm erkannt, die ausschliesslich die Verände- 
rungen, den Wechsel der Zustände eines oder mehrerer Objekte 
bestimmt. Diesen Veränderungen liegt nach Schopenhauer ein be- 
harrliches Substrat, eine Materie oder Substanz (diese Begriffe sind 
nach ihm identisch, siehe S. v. G., § 26, S. 99) zu Grunde, die dem 
Kausalgesetz vollständig entrückt ist. Hieraus ergibt sich der Satz 
von der Beharrlichkeit der Substanz, welcher besagt, dass die Ma- 
terie weder entsteht, noch vergeht mithin quantitativ unveränderlich 
ist. Diesen führt Schopenhauer nicht als eine besondere selbst- 
ständige Kategorie auf, sondern vielmehr als ein KoroUarium der 
Kausalität.^ Wenn wir alle kausalen Beziehungen samt ihren 
spezifischen Qualitäten, d. h. die „Wirkungsarten des Körpers^ aus- 
scheiden, so bleibt nur die Materie übrig: sie ist die blosse Wirk- 
samkeit überhaupt, das reine Wirken als solches, die Kausalität 
selbst objektiv gedacht; sie ist daher „kein Objekt der Anschauung", 
„sondern ein zu jeder Kealität als ihre Grundlage hinzugedachtes". 
(S. V. G., § 21, S. 94). 

Das Zustandekommen der Veränderung bezw. der Eintritt der 
Wirkung ist allein bedingt durch die Naturkräfte. Das Wesen der- 
selben bleibt uns stets verborgen, und ihre Erkenntnis entzieht sich 
für immer unserm Verstände. Daher bezeichnet sie Schopenhauer 
mit dem scholastischen Ausdruck qualitates occultae. Was ims von 

nicht gleichgültig, an welchen Dingen die Veränderung vor sich gehl. Bei- 
spielsweise: „Wenn die Wirkung das „Ereignis" des Schmelzens ist, so 
schmilzt Eisen bei einer andern Temperatur als Eis". (Sigwart „Logik^, 
II, S. 178 p., 2. Aufl.). Vergl. hierzu Hom, Ric. »Der Kasualitätsbegriff in 
der Philosophie und im Strafröchf*, 1893, S. 7 flf. 

» Siehe Cohen: „Kants Theorie d. Erfahr.**, S. 460—461. 

* Diese Ableitung des Satzes von der Beharrlichkeit der Substanz von 
dem der Kasualität halten wir für nicht stichhaltig. An einer späteren Stelle 
werden wir uns mit dieser irrigen Ansicht Schopenhauers auseinandersetzen. 



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— 24 — 

ihnen bekannt ist, sind nur ihre Aeusserungen, das Wie der Erschei- 
nungen die per occasionem in die Form der Kausalität eingehen, 
nicht aber ihr Inhalt, das Was der Erscheinungen. Um hierzu das 
eigene Paradigma Schopenhauers anzuführen: „Dass der Bernstein 
jetzt die Flocke anzieht, ist die Wirkung: ihre Ursache (causa 
occasionalis) ist die vorhergegangene Reibung und jetzige Annäherung 
des Bernsteins und die in diesem Prozess tätige, ihm vorstehende 
Naturkraft ist die Elektrizität." (Satz v. Gr. § 20, S. 50). Hiernach 
definiert Schopenhauer das Naturgesetz „als die Norm, welche eine 
Naturkralt, hinsichtlich ihrer Erscheinung an der Kette der Ursachen 
und Wirkungen, befolgt, also das Band, welches sie mit dieser ver- 
knüpft" (S. V. Grd. S. 59). Diese Definition des Naturgesetzes weicht 
entschieden von der Kantschen ab, während sie mit den Ansichten 
der heutigen Naturforsehung im grossen und ganzen zusammenfällt' 
Schopenhauer unterscheidet drei Formen der Kasualität. Die Ursache 
im engsten Sinne, den Reiz und das Motiv, denen naturgemäss drei 
Arten der Veränderung entsprechen, und zwar die unorganischen, 
die organischen Veränderungen und die tierisch-menschlichen Aktionen. 
In die erste Form fallen alle mechanischen, physikalischen und 
chemischen Ursachen. Für alle diese gilt das dritte Newtonsche 
Grundgesetz, nämlich, dass Wirkung und Gegenwirkung einander 
gleich sind, dass die Ursache an Grösse immer der Wirklichkeit 
gleichkommt; woraus dann folgt, dass jene aus dieser sich berechnen 



* K. König unterwirft in seiner oft von uns zitierten Abhandlung 
Scliopenhauers Lehre von den Naturkräften einer Kritik (IL Bd. S. 69 — 74) 
und sucht den Nachweis zu führen, dass dieselbe vom Standpunkte der 
exakten Naturforschung aus ganz unhaltbar und unbrauchbar sei; sie sei 
vielmehr „ein Produkt einer verfehlten Spekulation, welche sich auf rein 
grammatikalisches Missverständnis gründet (daselbst S. 72). Diese Ansicht 
Königs halten wir nicht für zutreffend. Nach unserem Dafürhalten verträgt 
sich Schopenhauers Lehre von den Naturkräften sehr wohl mit dem heutigen 
Dynaraismus der Naturwissenschaft. Die exakte Naturforschung bezw. die 
Vertreter der dynamischen Theorie nehmen gewisse punktuelle Kraftzentren 
an, aus deren Wirkungen und mannigfaltigen Kombinationen die materielle 
Welt entsteht. Diese Hypothese stimmt mit der Schopenhauerschen Lehre 
von den Naturkräften überein. Dieselben sind, wie bekannt, ein X, etwas 
an sich Seiendes, welches allen Erscheinungen zu Grunde liegt Sie reprä- 
sentieren das nicht wahrnehmbare Agens, bei dessen Anwesenheit erst die 
Wirkung aus der Ursache erfolgt Bezeichnen wir es mit Liebmann (Analysis 
(1. Wirkl. S. 141 ff) als causa efficiens und fassen wir unter causa occasionalis 
die sämtlichen wahrnehmbaren Realbedingungen zusammen, die notwendig 



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— 25 — 

litsst und umgekehrt. Unter der zweiten Form fasst Schopenhauer 
alle Veränderungen in der organischen Natur zusammen; das sind 
die der Pflanzen und des vegetativen (bewusstlosen) Teils des tierischen 
Lebens. Hier sind Ursache und Wirkung nicht gleich, und die Grösse 
der Wirkung folgt keineswegs aus der Grösse der Ursache, wie es 
in der ersten Form der Fall war. Vielmehr kann hier sogar die 
Wirkung durch Verstäi'kung der Ursache aufgehoben werden. Die 
dritte Form der Kausalität (das Motiv) begreift alle mit Bewusstsein 
geschehenden Aktionen sämtlicher animalischer Wesen unter sich. 
Während die beiden ersten Formen der Kausalität, um in Wirk- 
samkeit zu treten, stets des Kontaktes und einer gewissen Dauer 
bedürfen, so kann bei dieser letzteren die Einwirkung sehr kurz, 
ja momentan sein ; das Motiv braucht nur wahrgenommen zu werden. 
Dieser letzte Punkt der Betrachtung Schopenhauers bildet gleichsam 
das Sprungbrett, wodurch er sich von seiner Erkenntnistheorie in 
seine Willensmetaphysik, in das Reich der Dinge an sich versetzt. 
Er reflektiert hier weiter folgendermassen: jede Handlung der Menschen 
muss stets motiviert sein, d. h. sie muss gemäss dem Gesetze der 
Motivation aus einer bestimmten Ursache notwendig hervorgehen. 
Das Innere der Erscheinungen, die sich in rerum natura abspielen, 
können wir niemals sehen, dies bleibt für uns stets ein Geheimnis. 
Was wir dabei wahrnehmen, sind nur Ursachen und Wirkungen, die, 
aufeinanderfolgen, gleichsam ihr post hoc, nicht aber wie diese aus 



vorhanden sein müssen, damit die Wirkung eintritt, so stellt sich heraus, 
wie Liebmann das in seinem Werke nachweist, dass hierin zwei sonst ganz 
heterogene Systeme übereinstimmen, nämlich die heutige Naturwissenschaft 
einerseits und der theologische Occesionalimus der Gartesianer andererseits. 
Beide Standpunkte unterscheiden sich dadurch, dass sie die causa efüciens 
verschieden benennen. Jene und mit ihr auch Schopenhauer, bezeichnen 
dieselbe als „Naturkraft'', dieser dagegen als „Dens". Hier wie dort haben 
wir eine Metaphysik, die Metaphysik der einen ist immanenter Occasionalismus, 
die der andern transzendenter Occasionalismus. (Siehe Liebmann daselbst 
S. 191 L und 850 f.)- Wenn ferner Köni^ behauptet, dass der Begriff der 
Naturkraft bei Schopenhauer ein metaphysischer Begilff ist, wie etwa bei 
Malebranche, so ist ihm hierin völlig zuzustimmen, dass aber diese Hypothese 
Falsch sei und zu keinem Ziele führe, ist nicht, wie König meint, aus der 
Geschichte der Philosophie einzusehen: ja gerade das Gegenteil lehrt sie 
uns bisweilen, nämlich, dass gewisse Hypothesen, die ursprünglich durch 
«iie Philosophen auf ispekulativem Wege gewonnen sind, sich später als 
stichhaltig und fruchtbar erwiesen haben. (Vergl. hierzu Hörn, R. ;,Der 
KausalitätsbcgrifF in der Philosophie und im Strafrechf S. 11 und 14). 

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— 26 — 

jener erfolgen, die sog. causae efficientes, die qualitates oecultae. 
Nur in uns selbst, in unsern Willenshandlungen können wir diesen 
unmittelbaren Kausalzusammenhang belauschen, „hier stehen wir^, 
sagt Schopenhauer, „gleichsam hinter den Kulissen und erfahreu das 
Geheimnis, wie, dem innersten Wesen nach, die Ursache die Wirkung 
herbeiführt. Hieraus ergibt sich der wichtige Satz : Die Motivation 
ist die Kausalität von Innen gesehen.^ Diesen Satz bezeichnet 
Schopenhauer als den Grundstein seiner Metaphysik. Auf den weiteren 
Aufbau seines metaphysischen Gebäudes wollen wir jetzt nicht ein- 
gehen. Später werden wir bei Gelegenheit diesen Punkt streifen und 
ihn einer Kritik unterwerfen.* 

Die objektive Anschauung ist nach Schopenhauer durch und durch 
eine kausale Erkenntnis, d. h. eine Verstandeserkenntnis oder, wie 
er sich anders ausdrückt, „die ganze Wirklichkeit ist für den Ver- 
stand, durch den Verstand, im Verstände" (W. a. W. u. V. § 4, S. 43). 
Daraus ergibt sich für Schopenhauer das sog. Prinzip der Intellek- 
tualität der Anschauung. Diese empirische Anschauung ist also nicht 
bloss das Produkt des sensualen Faktors; der Anteil des sensualen 
Faktors bei dem Zustandekommen der Anschauung ist zu gering. 
Die subjektive Empfindung allein kann zu keiner objektiven An- 
schauung führen; sie bildet vielmehr das rohe Material, welches 
unser Intellekt vermöge des ihm immanenten Kausalgesetzes zu 
objektiven Anschauungen verarbeitet. Unsere objektive Anschauung 



* Nebenbei sei hier auf gemeinschaftliche und trennende Züge dieser 
Ansicht Schopenhauers und der Theorie der Kausalität Humes hingewiesen. 
Hume suchte, wie bekannt^ den Kausalnexus psychologisch, mit Hülfe der 
in uns obwraltenden Assoziationsgesetze zu erklären, wobei er den Schluss 
post hoc, ergo propter hoc als einen verfehlten verwarf. Schopenhauer 
erkennt in Uebereinstimmung mit Hume an, dass wir in der Natur stets em 
post hoc finden, allein er behauptet, nicht wie jener, dass der Kausalnexus, 
den wir in die Dinge hineindeuten, etwas subjektives und nicht notwendig*>8 
an sich trüge, sondern diese kausale Interpretation hält er für richtig und 
notwendig. Noch ein anderer Punkt, worin die beiden Denker diflferieren 
ist, dass Hume von vorneherein eine Abteilung der kausalen Verknüpfung 
aus dem Willensvorgang bekämpft, während Schopenhauer dies bewusster 
Weise tut In diesem Punkt stimmt Schopenhauer mit Maine de Biran 
überein, der den Kausalbegriff auch aus dem unmittelbaren Willensvorgang 
deduziert. (VergL ;,Oeuvres philos. publikes'' und ;,Oeuvres inedites publiees 
par E. Naville, III. Bd., 1859 I., p. 268 flf. Vergl. hierzu Volkelt ^Erfahrung 
und Denken«* S. 91 flf., 1. Aufl.). 



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— 27 — 

also trägt durchgÄngig den Charakter der Intellektualität an der 
Stirn. 

Dieser Prozess der Objektivation, den der Verstand an den 
Empfindungen vollzieht, die uns durch die Sinne zugeführt werden, 
ist kein bewusst reflektierender, sondern ein intuitiver, unbewusster 
Prozess. Im Anschluss daran unterscheidet Schopenhauer eine intuitive 
und eine diskursive Erkenntnis. Jene ist nach ihm eine primäre, 
diese eine sekundäre Erkenntnisart. Das subjektive Korrelat der 
ersten Erkenntnisart ist der Verstand, das der zweiten die Vernunft. 
Es leuchtet sofort ein, dass hierbei das Verhältnis dieser beiden 
Erkenntnisvermögen, trotz der formellen Uebereinstimmung sich ganz 
anders gestaltet als bei Kant. ^ Die Anschauung bedeutet nach 
Kant bekanntlich lokalisierte und zeitlich-geordnete Affektionen unserer 
Sinne. Letztere erhalten ihre objektive Geltung erst durclj das 
gesetzmässige transzendentale Denken, wodurch dann die Erfahrung 
entsteht. Die Erfahrung ist also nach Kant das Produkt sowohl 
eines sensualen Faktors, d. i. der reinen Sinnlichkeit mit ihren 
immanenten Formen — Raum und Zeit — , als auch eines intellek- 
tuellen Faktors — der Denkformen oder Verstandskategorien — . 
Was die Kausalität anbetrifft, so ist sie nach ihm eine Denkkategorie, 
ein Verstandesgrundsatz, der die Succession der Anschauungen gesetz- 
mässig regelt und ihnen den gegenständlichen Charakter verleiht. 
Ganz anders liegt die Sache bei Schopenhauer. Er nimmt auch wie 
Kant einen sensuellen und einen intellektuellen Faktor zur Erklä- 
rung der Genesis der Erfahrungsobjekte an. Allein bei ihm erhalten 
diese Funktionen eine ganz andere Anordnung und vor allem eine 
ganz andere Bedeutung. Während Kant eine objektive Anschauung 
für eine contradictio in a^jecto hält, so ist diese nach Schopenhauer 
allein das Richtige. Die Anschauung besitzt nach ihm von vorne- 
herein einen gegenständlichen Charakter. Es gibt nach ihm bloss 
subjektive Empfindungen, die uns die Sinne vermitteln, und objektive 
Anschauungen, die unser Verstand aus jenen gleichsam schafft. Das 
transzendentale Denken, das nach Kant die Funktion hat, aus den 
Anschauungen die Erfahrungsobjekte zu konstituieren, bekämpft 
Schopenhauer aufs schärfste. Er meint, dass Kant deswegen diesen 
Irrtum begangen habe, weil er „das Verhältnis zwischen Empfindung, 



* Ueber die Bedeutung der Ausdrücke Verstand und Vernunft bei Kant 
siehe Vaihinger ^Comm." I. Bd., S. 230. 

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— 28 — 

Anschauung und Denken falsch gefasst hat und demnach die An- 
schauung, deren Form doch der Raum und zwar nach allen drei 
Dimensionen sein soll, mit der blossen subjektiven Empfindung in 
den Sinnesorganen identifiziert, das Erkennen eines Gegenstandes 
aber allererst durch das vom Anschauen verschiedene Denken hinzu- 
kommen lässt." (W. a. W. u. V. I. Anhang. — Krit. d. Kant. Phil. 
S. 603). Den transzendentalen Gegenstand Kants hält Schopenhauer 
aus diesem Grunde für ein Unding, da er weder eine intuitive Vor- 
stellung, noch ein abstrakter Begriff sein soll, also etwas nicht 
vorhandenes darstellt. Daher verlangt er, dass wir von den Kategorien, 
denen gemäss der Gegenstand gedacht wird, „elf zum Fenster 
hinauswerfen und allein die Kausalität behalten, jedoch einsehen, 
dass ihre Tätigkeit schon die Bedingung der empirischen Anschau- 
ung ist, welche sonach nicht bloss sensual, sondern intellefctual ist, 
und dass der so angeschaute Gegenstand das Objekt der Erfahrung, 
^ins sei mit der Vorstellung, von welcher nur noch das Ding an 
sich zu unterscheiden ist." (Krit. d. Kant. Phil. S. 572). Während 
bei Kant das Denken samt seinen Kategorien die Hauptfunktion in 
der Genesis der Erfahrungsobjekte ist, indem es die Objekte erst 
hinzudenkt, spielt dasselbe bei Schopenhauer eine untergeordnete 
Rolle: es hat einzig und allein mit dem Begriffe der diskursiven 
Erkenntnis zu tun, die der anschaulichen entsprungen ist und allen 
Wert durch ihre Beziehung auf letztere erhält. ^ An dieser Stelle 
rügt Schopenhauer an der Erkenntnistheorie Kants, dass sie die 
beiden obengenannten Erkenntnisarten „heillos vermischt habe", und 
er bezeichnet diese Konfundierung als das Grundgebrechen, welches 
der ganzen Philosophie Kants anhafte. Kant hat nach Schopenhauer 
nicht sorgfältig untersucht, was ein Begriff und was eine Anschauung 
ist, sondern „ohne sich zu besinnen, oder umzusehen sein logisches 
Schema und seine Symmetrie verfolgt." (Krit. d. Kant. Phil. S. 554). 
Bei dieser Gegenüberstellung der Erfahrungs- resp. Wahrnehmungs- 
theoritn der beiden Denker muss noch ein wichtiger Gesichtspunkt 
methodologischer Natur hervorgehoben werden, aus welchem der 
Unterschied, der zwischen beiden besteht, als wohlbegründet erscheint. 
Diesen Punkt, mit dem wir uns eingehend beschäftigen werden, 
betrifft die Verschiedenheit der Methoden. ^ Kants neue Methode 



' Vergl. diesbezügliche Ausführungen W. a. W. u. V. II. Kap. 7. 
- Die durch K. angeregte Methodenfrage steht heutzutage im Vorder- 
grund der philosophischen Diskussion. Von den zahlreichen Schriften, die 

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— 29 — 

ist, wie er selbst bezeichnet, eine transzendentale. Fragen wir jetzt 
nach den charakteristischen Merkmalen, durch welche sich die neue 
Methode Kants von den übrigen unterscheidet. Hunies Theorie der 
Wahrnehmung ist eine psychologische. Der Kausalgedanke war ihm 
nur das Produkt eines psychologischen Faktors der Assoziationsgesetze. 
Die psychologische Fassung der Kausalität führte ihn konsequenter- 
weise zum Skeptizismus. Kant, der diesem Skeptizismus aus dem 
Wege gehen wollte, wurde durch -Newton ^ zu einer neuen Methode 
geführt. Diese Methode ist die transzendentale. Das Verfahren^ 
welches Kant bei der Erschliessung der Prinzipien, die den wissen- 
schaftlichen Urteilen zu Grunde liegen, anwendet, ist ein analytisch- 
regressives. Diese transzendentalen Prinzipien bilden nach ihm die 
logischen Grundlagen, worauf sich jede Wissenschaft aufbaut, resp. 
jede mögliche Wissenschaft aufbauen soll. 

Diese Grundsätze, die Kant als Niederschlag aus den vorge- 
fundenen wissenschaftlichen Urteilen herauspräpariert, besitzen einen 
rein formalen Charakter : sie sind absolut starr, unveränderlich und 
jeder geschichtlichen Entwicklung entrückt.* 

Wie aus dem obigen hei-vorgeht, will Kant durch seine Methode 
nicht die psychologische Entstehung und die geschichtliche Ent- 

(liese Frage behandeln, seien nur folgende erwähnt: Rickert, H. ;,Die Grenzen 
der naturwissenschaftlichen ßegriffsbildung*', ^jKulturwissenschaft und Natur- 
wissenschaft* ; Windelband, W. »Präludien*' (nament. d. Artikel, kritische oder 
genetische Methode?) 2. Auf! , Rektoratsrede v. 1894, „Geschichte und Natur- 
wissenschaft"; Scheler, M. ;,Tran8zend. und psychologische Methode''; 
Stammler, R. „Wissenschaft und Recht"; Stein, L. „An der Wende des 
Jahrhunderts", S. 168, „Die soziale Frage im Lichte der Philos.", S. 50 f.; 
Lamprecht, „Ueber geschichtliche Auffassung und geschichtliche Methode"; 
Oncken, A. „Geschichte der Nationalökonomie", I. Teil, S. 9.; Medicus, F. 
;,Kant und Ranke", Kantstudien Bd. VIII, 1903. 

* Die transzendentale Methode ist in dem Nachdenken über die 
Philososphae naturalis principia mathematica entstanden, wie sich Cohen 
sehr treffend ausdrückt Ks. Theorie d. Erfahr. S. 67. Vergl. auch Lieb-^ 
mann, ,Analys. d. Wirkl." S. 237. 

* Dasselbe Verfahren schlägt Kant in seiner Moralphilosophie ein, 
indem er das Sittengesetz rein formal fasst und das sittliche Urteil nur auf 
den Willen, nicht auf die Handlung oder die Folgen derselben bezieht. 
Jede psychologische Begründung der Ethik erscheint dadurch bei Kant 
ausgeschlossen. VergL Zeller, „Vorträge und Abhandlungen", III. Sammlung 
(Art. Ueber das Kantsche Moralprinzip und den Gegensatz formaler und 
materialer Moralprinzipien. Ferner Cohen, H., „Kants Begründung der 
Ethik- Sigwart, Ghr, „Vorfrage der Ethik", S. 22 ff. 

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— 80 — 

Wicklung der Erkeuntnispriozipien verfolgen, sondern sie vielmehr 
logisch begründen und ihren Dignitätsgrad feststellen. Es fragt sieb, 
ob Kant dieser seiner Aufgabe gerecht werden konnte ohne ZuhOlfe- 
nahme gewisser psychologischer Betrachtungen? Darüber ist man 
verschiedener Meinung. Einige verdienstvolle Kantianer und Kant- 
forseher wie Cohen/ Riehl- und König' bejahen diese Frage. Sie 
sind der Ansicht, dass die transzendentale Methode die sie akzeptieren, 
sehr wohl ihre Aufgabe verrichten kann, ohne die Psyeholi^e heran- 
zuziehen, und was Kant anbetrifft, so meinen sie, dass die psycho- 
logischen Betrachtungen innerhalb seiner Erkenntnistheorie nur dem 
Zwecke dienen, die Notwendigkeit der transzendentalen Bedingungen 
als Grundlagen der psychologischen Bedingungen der Wahrnehmung 
nachzuweisen. Dagegen heben andere Philosophen, wie Fries und 
Hebart und neuerdings Laas, Lipps u. a. nur die psychologischen 
Momente in Kants Erkenntnistheorie hervor, und stellen daher die 
Forderung auf, dass einer jeden Untersuchung über die apriorischen 
Elemente unseres Bewnsstseins, sowie über ihren Erkenntniswert 
stets eine eingehende psychologische Erörterung derselben vorhergehen 
muss. Wir schliessen uns vorläufig der Ansicht Vaihingerc* an, der 
unseres Erachtens hier das richtige getroffen hat. Kants Methode 
bezeichnet er als eine transzendental-psychologische. Die beiden 
Auffassungen, die wir eben skizziert haben, hält er mit Recht für 
einseitig und übertrieben, Kant hat nach ihm die Psychologie nicht 
vollständig aus seiner Erkenntniskritik verbannen wollen, sondern 
sie bildet vielmehr ein notwendiges Glied seiner Beweisführung. 
Die transzendentale und die psychologische Methode stehen bei Kant 
nicht in einem exklusiven Gegensatz, sondern ergänzen sich gegen- 
seitig. Im Gegensatz zu der transzendental-psychologischen Methode 
Kants steht vielmehr die sog. empirisch-psychologische, die haupt- 
sächlich durch Locke begründet und von Hume weiter ausgebaut 
wird. Diese ist es, welche Kant in seinen Werken auf Schritt und 
Tritt bekämpft, nicht aber die psychologische Methode schlechthin. 
Wenn es sich so verhält, so entsteht hieraus die Frage, ob über- 
haupt Kants Methode in der Gestalt, in welcher sie uns in seinen 

' Cohen, „Kants Theorie der E^fahrung^ S. 66, 77. . 
' Riehl, „Philos. Kritizismus«, I. Bd., S. 311 ff. 
» König, „Entwickl. d. K.-Problems^, I. Bd., S. 287 ff. Vergl. Stein, L. 
^Der soziale Optimismus^, S. 32 ff. 

* Siehe Vaihinger, ;,Comm.'', I. Bd., S., 823 ff. 

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— 31 — 

Werken entgegentritt, eine heuristische Bedeutung beizumessen ist? 
Die bisherigen Versuche, die von Seiten vieler Kantianer unternommen 
worden sind, die Methode Kants nach einer gewissen Richtung aus- 
zubilden, beweist zur Genüge, dass man bei Kant nicht stehen bleiben, 
sondern über ihn hinausgehen muss. Dieses Bestreben ist unserer 
Meinung nach an sich berechtigt. Es fragt sich nun, lassen sich 
nicht vielleicht die beiden Tendenzen, die bei Kant ineinanderüber- 
gehen, nach einer andern Richtung hin modifizieren oder, was das- 
selbe besagt: Könnte nicht ein dritter Weg gefunden werden, der 
für die wissenschaftliche Forschung fruchtbar wäre? 

Es muss hier hinzugefügt werden, dass Kant innerhalb seiner 
Theorie der Erfahining dem Transzendentalismus den Vorzug ge- 
geben hat. Er weist bekanntlich eine empirisch-psychologische Ab- 
teilung — die quaestio facti der Erkenntnisformen — von vornherein 
zurück und will statt dessen die quaestio juris beantworten d. h. 
die konstitutiven Elemente unserer Erkenntnis logisch begründen. 
Diese Aufgabe, die er sich vindiziert, könnte er ohne Heranziehung 
psychologischer Tatsachen nicht vollständig lösen. Die transzendentale 
Ableitung der Erkenntnisbedingungen bedarf also gewisser psycholo- 
gischer Erörterungen. Die psychologische Methode erweist sich mithin, 
obwohl untergeordnet, doch als ein notwendiges und unentbehi'liches 
Anhängsel der transzendentalen Analysis der Erfahrung. Kant sagt 
an einer Stelle seiner Prolegomena: „Um alles bisherige in einem 
Begriff zusammenzufassen ist zuvörderst nötig die Leser zu erinnern, 
dass hier nicht von dem Entstehen der Erfahrung die Rede sei, 
sondern von dem was in ihr liegt. Das erstere gehört zur empi- 
rischen Psychologie und würde selbst ohne das zweite, welches zur 
Kritik der Erkenntnis und besonders des Verstandes gehört, niemals 
gehörig entwickelt werden können (ProL § 21 a.). Aus diesen Worten 
geht hervor, dass Kant, trotzdem er der transzendentalen Analysis 
den Vortritt lässt, doch die psychologische Betrachtungsweise als 
solche nicht ausgeschlossen wissen will. Welches ist die psycholo- 
gische Betrachtungsweise resp. Methode, die geeignet wäre Kants 
Theorie der Wahrnehmung zu ergänzen ? Diese Frage fällt für uns 
mit der vorhin angeschnittenen Frage zusammen, nämlich nach dem 
dritten möglichen Wege, den die Kant'sche Transzendentalphilosophie 
zulässt Diese dritte Möglichkeit finden wir in der Theorie der 
Wahrnehmung Schopenhauers. Wie wir schon sahen, ist die Schopen- 
hauer'sche Theorie der Wahrnehmung eine intellektualistische. Nach 



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— 32 — 



ihm ist es der Verstand oder der Intellekt, der mit seiner imma- 
nenten Kausalfunktion den Weltbau konstituiert. Der Verstand ist 
bei Schopenhauer wie bei Kant transzendental; er schafft die An- 
schauung. Zur Rechtfertigung der Schopenhauer'schen Theorie der 
Wahrnehmung wollen wir hier zum Vergleich die Humes heranziehen, 
und auf die Vorzüge hinweisen, die jene gegenüber dieser besitzt. 
Der gi-osse Vorzug, der Schopenhauer'schen Theorie der Wahrneh- 
mung, gegenüber der Humes ist der, dass sie sich nicht bloss mit 
einem assoziativen Faktor begnügt, sondern ausser ihm, im scharfen 
Gegensatz zu den Empirikern ein apperzeptives Vermögen,* nämlich 
den Intellekt annimmt. Während Hume die Kausalität auf die 
Mechanik mehrerer Vorstellungen resp. Assoziationen zurückführt, 
fasst Schopenhauer dieselbe als eine immanente Funktion unseres 
Verstandes auf. Stellen wir zur Veranschaulichung dies graphisch dar: 

D. Humes Thiorle der Wakmikniiiii SehopeMhaaeraThiirliderWakr- 
eine psyeheioiiseh-inpirlsehi. nehnmii line Inteiliktulistisehe (trantz.) 

Der tMtnalt Faktor. Der ist oc. Faktor. Der tentuale Faktor. D. a^^r. od. d. int. F. 
Oll ElririMMisknft 
Einer Aufeinander- 
folge der Empfin- 
dungen kosscrpon- 
diert eine Aufein- 
anderfolge der 
Wahrnehmungen 
durch die Einbil- 
dungskralt. Die 
Kausalität ist dem- 
nach eine willkür- 
liche und subjek. 
Verknüpfung der 
Wahrnehmungen. 

Den Vorzug, den wir bei Schopenhauers Theorie der Wahrnehmungen 
finden, bildet zugleich den Punkt, worin sich Schopenhauer mit Kant 
berührt. Sowohl Kant als Schopenhauer teilen die Ansicht, dass es 
bestimmte Gesetze gibt, die sich nicht in die psychologischen Assozia- 
tionsregeln auflösen lassen und daher einen höhern Dignitätsgrad 
beanspruchen als die letzteren. Kant nennt diese Gesetze: „Gesetze 

' Aehnlich nimmt Wundt eine Apperceptionstätigkeit an, die einen 
hohen Dignitätsgrad besitzt als Assoziationsprozess. Es gibt nach ihm eine 
logische Kausalität, die höhere Erkenntnis als die Naturkausalität, resp. 
psycholog. Kausalität besitzt. Siehe »Logik*', I. Bd., S. 627, 2. Aufl. 

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Die Sukzession der 

Empfindungen (die 

Impressionen). 



Das Chaos der 
„nichtssagenden 
Empfindungen^. 



Der Verstand bringt 
vermöge derEausal- 
funktion die Erfah* 
rung die gesetz- 
mässige Ordnung, 
die objektive An- 
schauung zustande. 



— 33 



des transzendentalen Denken^. Schopenhauer dagegen nennt sie 
Intellektualgesetze oder mit Beibehaltung des Kant'schen Terminus 
„transzendentale Wahrheiten". (Siehe S.v. Grd. §§ 32 u. 33.) Den 
Inbegriff der transzendentalen Wahrheiten bezeichnet er in lieber- 
einstimmung mit Kant als reine Naturwissenschaft. Die andern 
Differenzen zwischen Kant und Schopenhauer haben wir schon früher 
erörtert. 

Zur Veranschaulichung möge folgende graphische Darstellung 
der Kant'schen Theorie der Erfahrung dienen: 

Der sensnale Faktor. Der intellektuelle Faktor. 



Die Affetotion durch 
die Dinge an sich. 



Die chaotischen 
Wahrnehmungen 
worden durch die 



«MlytttiiHilLFiktiri 



Ä. Die Apprehen- 



reinen Formen der sion des Mannig- 
Sinnlichkeit (das faltigen in der An- 



Bezeptiyitätsyer- 

mögen) Baum und 

Zeit geordnet. 



schauung. 

B, Beprodnktion 
ia der Einbildungs- 
kraft. 

C, Rekognition im 

Begriff. 



(takfuttliM) 
tnm. Ii|. Fnktlii» 



reine Apprehension. 



d. transz. Synthesis. 



Wahrnelimungtblldtr. 

von subjektiy-zustandlichem Charakter 
mit zufällig willkürlicher Verknüpfung. 



transz.Apperception. 

Verstandeskategorie 

Gesetze d. objektiv. 

Denkens. 



Erfahningsobiekte 

von gegenständlich. 
Charakter mit not- 
wend, Verknüpfung. 

Wir haben oben die Philosophie Schopenhauers einen modifi- 
zierten Kantianismus genannt; dies muss aber cum grano salis 
verstanden werden. Denn trotz der innigen Verwandtschaft und 
Uebereinstimmung die zwischen den philosophischen Grundanschau- 
ungen dieser beiden Denker bestehen, lassen sich bei Schopenhauer 
gewisse Beziehungen und Gedankengänge nachweisen, die auf Origi- 
nalität Anspruch machen können. Dies gilt besonders für unser 
Problem der Kausalität. Wir sahen, dass Schopenhauer gleich Kant 
auf dem Standpunkt des Apriorismus steht; allein bei ihm erfährt 
derselbe eine ganz andere Fundamentierung als bei Kant. Das 
Novum, das wir bei Schopenhauer finden, ist die Auffassung des 
Verhältnisses zwischen dem erkannten Objekt und erkennendem 

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— 34 — 

Subjekte. Alle Aussenobjekte die vom Subjekt erkannt werden, haben 
ihren Sitz zunächst in unserem eigenen Leibe. Da dieser zugleich 
ein Medium darstellt, welches uns Affektionen vermittelt, die dann 
unser Verstand aufnimmt und in Erkenntnisse verarbeitet, so ist 
er das erste und unmittelbai'ste aller Objekte, gleichsam der primus 
inter pares. Demnach sind uns die übrigen Objekte unmittelbar 
gegeben, d. h. sie sind zunächst in unserm sensiblen Leibe als sub- 
jektive Empfindungen gegeben, und sodann werden sie vermöge der 
intellektuellen Funktion der Kausalität objektiviert. Daraus geht 
hervor, dass es die Verstandesfunktion der Kausalitilt ist, welche 
die Erfahrung resp. die empirische Anschauung zu stände bringt. 
Sie ist also eine conditio sine qua non für die Existenz einer realen 
Welt ausser uns (praeter mentem). Bei dem Prozess der Verwandlung 
der subjektiven Empfindungen in objektive Anschauungen werden, 
wie wir sahen, ausser der Kausalität von unserem Verstände noch 
die beiden Formen der Sinnlichkeit — Raum und Zeit — heran- 
gezogen; diese bilden sozusagen ein Posterius im Vergleich zu der 
Kausalfunktion, die ein Prius dai'stellt. Sie ist in erster Linie 
diejenige Funktion, die die im Subjekt vorhandenen Empfindungen 
als Wirkungen auffasst und auf Objekte ausser uns als ihre Ursachen 
bezieht. Dieser Prozess der Objektivierung der Empfindung invol- 
viert nach Schopenhauer, was wir früher andeuteten, einen intuitiven, 
unbewussten Verstandesschluss im Gegensatz zu dem Vernunftschluss, 
der eine Verknüpfung von Urteilen, also diskursiv ist.^ Schopenhauer 
kennt zwei Betätigungsformen der Kausalfunktion : eine refiektierende- 
bewusste und eine intuitive-unbewusste. Es ist die zweite Form der 
Kausalität, die er in seiner Untersuchung im Auge hat, nicht die 
erste, die bei ihm gar nicht in Betracht kommt.* An diesem Ort 
tadelt er mit Recht an Kant, dass er die beiden Formen der Kau- 
salität vermischt und nicht auseinandergehalten hat. Er sagt hier: 
„Kant hat die Vermittlung der empirischen Anschauung durch das 
uns vor aller Erfahrung bewusste Kausalitätsgesetz entweder nicht 
eingesehen, oder weil es zu seineu Absichten nicht passte geflissent- 
lich umgangen" (S. v. Gr., S. 96, § 20). Schopenhauer zitiert ferner 
andere Belegstellen von Kants Kritik, um zu beweisen, dass Kaut 
tatsächlich dem transzendentalen Realismus nahe gestanden hat. Er 
sagt hierzu : Nach Kant ist die „Wahrnehmung etwas ganz unmittel- 



* Vergl. Liebmann, ^Kant und Epigonen*', S. 167 
» Volkelt, ^Schop.«, S. 102 ff. 



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— 35 — 

bares, welches ohne alle Beihülfe des Kauseinexus und mithin des 
Verstandes zustande kommt; er identifiziert sie geradezu mit der 
Empfindung^. Aus diesem Grunde kommt er zu der falschen An- 
nahme, dass das Kausalgesetz als allein in der Reflexion, also in 
abstrakter, deutlicher Begriffserkenntnis vorhanden und möglich ist, 
hat daher keine Ahnung davon, dass die Anwendung desselben aller 
Reflexion vorhergeht, was doch ofienbar der Fall ist, namentlich bei 
der empirischen Sinnesanschauung, an welche ausserdem nimmer* 
mehr zustande käme" (S. v. G., S. 97, § 21).* 

Das Hauptverdienst Schopenhauers besteht, um dies zu rekapitu- 
lieren, darin, dass er am schlagendsten den Nachweis führte, dass wir 
nur unter der Voraussetzung des Kausalnexus zu einer extramentalen 
Erkenntnis der Dioge kommen können. Das Kausalgesetz ist das 
Band, das die Sinnesempfindung mit der objektiven Anschauung 
verknüpft. Es ist gleichsam die Brücke, die uns von der Sphäre 
der Immanenz zu der Sphäre der Transzendenz hinüberführt.' In diesem 
Punkt hat Schopenhauer, wie Liebmann richtig bemerkt, Kant wirklich 
korrigiert. (Vergl. s. Abhandl, „Ueber den objek. Anblick", S. 112 ff). 
Kant spricht im Auschluss des zweiten Raumarguments von einem Be- 

' Man suchte diesen Vorwurf, den Schopenhauer Kant macht, dadurch 
zu entkräften, dass man auf die zweifache Funktion des Verstandesvermöp^ens, 
nämlich einmal auf den reflektierenden und das andere Mal auf den objek- 
tivierenden Verstand hinwies. Diese Uebereinstimmung ist, wie wir anderswo 
hervorhoben, eine ganz formelle, dem Wortlaute nach, nicht dem Sinne 
nach Wenn man die Unterscheidung bei Kant mit der bei Schopenhauer 
als zusammenfallend betrachtet, so begeht man nach unserer Ansicht den 
Fehler der quatemio terminorum: man vergisst dabei was Verstand bei 
Kant heisst und was bei Schopenhauer. Bei Kant bedeutet der Verstand 
soviel als Denken, bei Schopenhauer ist er dagegen das Vermögen, an- 
schauliche Objekte zu erkennen. Der Grenzstrich ist, wie man sieht, bei 
Kant zwischen Anschauung und Denken gezogen, während er bei Schopen- 
hauer zwischen Empfindung und Anschaunug ist Die Kritik, die Schopen- 
hauer in diesem Punkt an Kant ausübt, halten wir von dem Standpunkt 
der totalen Diversit&t der anschaulichen und abstrakten J^rkenntnis, der 
wir uns anschliessen, für zutreffend. Dadurch hat sich unserer Meinung 
nach Schopenhauer ein Verdienst erworben, indem er die Unklarheit, die 
bei Kant über diesen Punkt herrscht, beseitigt 

' J. Volkelt und Ed. v. Hartmann haben besonders die transzenden- 
tale Bedeutung der Kausalität betont. Vergl. Volkelt, ;,Kants Erkenntnis- 
theorie'', 1879, S. 184 ff. Ed. v. Hartmann, ^^Ding an sich und seine Beschaffen- 
heit", S. 35 ff. Ferner Hom, R., »Der Kausalitätsbegriff in der Philos. etc.*', 
Seite 26. 

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— 36 — 

zogenwerden der Empfindung auf Etwas ausser uns; es ist aber unklar, 
was Kant unter dem Wort „Etwas" versteht. Dasselbe lässt eine 
zweifache Deutung zu: man kann unter Etwas, worauf die Empfindun- 
gen bezogen werden, entweder das von Kant eingeführte „Ding an 
sich" verstehen — dann verlässt man den Boden der Erfahrung und 
macht sich dadurch eines transzendenten Gebrauches der Kausalitäts- 
kategorie ^ schuldig — oder aber man versteht darunter den vermöge 
des objektivierenden Denkens (Kant sagt transzendentalen) hinzuge- 
dachten — besser gesagt erzeugten — Gegenstand. Eben dieser 
zweiten Ausdeutungsweise ist Schopenhauer nachgegangen und hat 
den Gedankengang Kants nach dieser Richtung modifiziert und weiter 
ausgeführt. Der Widerspruch, den er bei Kant fand, bestand, wie 
erinnerlich, darin, dass dieser einerseits den Gegenstand schon bei 
der Wahrnehmung entstehen Hess, mithin einen Kausalzusammenhang 
vor jeder möglichen Erfahrung annahm ; anderseits sollte aber das 
transzendentale Denken durch seine Kategorien, resp. die Kausalitäts- 
kategorie erst den Gegenstand erzeugen. Schopenhauer erscheint 
die Sache einfacher als Kant: Es gibt auf der einen Seite Empfin- 
dungen, die uns die Sinne liefern und auf der andern Seite objektive 
Anschauungen, die ein Erzeugnis unseres schöpferischen Intellekts, 
bezw. des Kausalitätsgesetzes sind. Damit hat also Schopenhauer 
auch das zweite Raumargument Kants korrigiert.* 

Zu den Hauptvertretern der sog. Theorie der unbewussten 
Schlüsse gehört auch Schopenhauer.^ Nach ihm ist der kausale 
Schluss von der Wirkung auf die Ursache, d. i. das Bindeglied 
zwischen der Empfindung in uns und ihrem adäquaten Objekt ausser 
uns, ein intuitiver, unbewusster Schluss. Es ist ein Verdienst Scho- 
penhauers, dass er den unbewussten Kausalschluss bei dem Objekti- 

* Auf diesen Widerspruch bei Kant hat zuerst G. E. Schulze in seinem 
„Aenesidemus*, S. 261 flf. 273 (1792) hingewiesen, vor ihm Fr. IL Jacobi. 

» Vergl. Vaihinger, ;,Gomm ^, II. Bd., S. 164, 

• Diese Theorie der unbewussten Schlüsse ist nicht zum ersten Mal von 
Schopenhauer aufgestellt worden. (Nach Riehl »Philos. Kritizismus", II. Bd. 
2. Teil, S. 65 schon bei Alhazen; nach Liebmann, ^^Obj. Anblick", S. 113, 
bei Campanella und Hobbes). Dieselben finden wir sporadisch vertreten bei 
Descartes. Siehe s. „Betracht, ü. d. Grundl. d. Philos.«, II. Edit., 8. 44. D. Hume 
(vergl. üeber den Verstand, ed. Lipps, S. 537) und Kant (vergl. Kr. d, r. V., 
S. 315, S. 186, Proleg. § 30, S. 94). Vergl. hierbei E. Zeller, ^Vortr. in Abhdlg.* 
III. Samml., S. 225—279. E. v. Hartraann, ;,Philo8. d. Unbewusst", 10. Aufl., 
S. 18 flf. Laas, „Analog, d. Erfahr.^ S. 287, Anm. 72. E. v. Hartmann, ^,0. Ding 
a. s. u. s. Beschaffenheit'', S. 68. 

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— 37 — 

vationsprozess ausdracklich hervorgehoben und betont hat. Sein bei 
weitem wichtigstes Verdienst ist es aber, dass er auf Grund seines 
Prinzips der Intellektualität eine eigenartige Theorie des Sehens 
entwickelt. Dieser müssen wir im Vorbeigehen einige Betrachtungen 
widmen. Schopenhauer nahm b^anntlich zur Erklärung des Zu- 
standekommens der Anschauung zwei Faktoren an ; der erstere, der 
sensuale Faktor, ist durch die Sinnesempfindungen, und der zweite, 
der intellektuelle Faktor, durch unseren Verstand samt seinem Kau- 
salgesetze gegeben. Die grosse Kluft, die zwischen diesen beiden 
Faktoren besteht, zu zeigen, sowie auch die Art und Weise, wie der 
letztere aus dem ersteren die extramentale Welt aufbaut, ist die 
Aufgabe, die Schopenhauer sich im 21. Kapitel seiner Abhandlung 
über den Satz vom Grunde stellt. Die objektive Anschauung verdankt 
ihre Entstehung hauptsächlich zwei Sinnen, dem Gesichtssinn und 
Tastsinn. Diese nennt Schopenhauer daher objektive Sinne, im 
Gegensatz zu dem Gehörs-, Geruchs- und Geschmackssinn, die nach 
ihm subjektiv sind. Wie können nun beim Sehen die subjektiven 
Affektionen durch den Intellekt in objektive Anschauungen umge- 
wandelt werden? Dieses Problem, welches wir früher als das er- 
kenntnistheoretische Hauptproblem bezeichneten, erhält hier eine 
ganz andere Wendung, eine psychologisch-physiologische. Dasselbe 
teilt sich naturgemäss in folgende Spezialprobleme : 1. Wie ist die 
Tatsache zu erklären, dass wir die Gegenstände ausser uns aufrecht 
sehen, trotz ihrer umgekehrten Gestalt auf der Netzhaut? (Das 
Problem des Aufrechtsehens); 2. Wie geht es zu, dass wir statt 
zwei Objekte entsprechend den zwei Netzhautbildern, bloss ein Objekt 
sehen? (Das Problem des ' binokularen Einfachsehens) und 3. Wie 
können wir die Gegenstände in der EntfernuDg (Tiefe, perspektivisch) 
sehen, da doch unsere Netzhautbilder flächenhaft sind (Das Problem 
der dritten Dimension). 

Die Lösung dieser drei Probleme fällt Schopenhauer nach allem 
bis jetzt ausgeführten nicht schwer. Sie dienen ihm jetzt als Beleg 
für seine idealistische These, dass unser Verstand spontan und 
schöpferisch resp. die Anschauung nicht in der Sinnesempfinduug 
gegeben ist. Demnach hat die Theorie des Sehens für ihn mehr 
eine transzendental-philosophische, als eine psychologische Bedeutung.^ 

Die Funktionen, die unser Verstand unbewusst an den sinnlichen 
Daten vollzieht, sind gemäss der vorhin aufgestellten Anordnung 



* Siehe Liebmann, ;,Analy8. d. Wirkl.**, S. 145. 

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— 38 — 

folgende: Der Verstand macht es, vermöge des ihm immanenten 
Kausalgesetzes möglich: erstens, dass wir die Objekte trotz ihrer 
umgekehrten Gestalt in der Betina, aufrecht sehen. Die Strahlen, 
die von dem sichtbaren Objekt ausgehen, durchschneiden sie in der 
Oefihung der Pupille und bildeih-«ieh sodann in der Retina verkehrt 
ab. An diese, durch die Irritierung der Sehnerven hervorgerufenen 
Empfindungen ^ tritt sofort der Verstand heran und bezieht dieselbe 
mit Hülfe des Kausalgesetzes auf die Objekte. Diese Dislozierung 
der Empfindungen in den Raum geht so vor sich, dass die Licht- 
strahlen des umgekehrten Bildes von der Retina aus wieder zurück- 
verfolgt werden und infolge dessen das Bild aufrecht erscheint. 
Zweitens macht der Vei'stand, dass wir das zweimal Empfundene 
einmal sehen. Beim Fixieren eines Objektes bringen wir unsere 
Augen in solche Stellung, dass die Bilder nur auf das Zentrum der 
Netzhaut fallen und somit einen optischen Winkel bilden an dem 
Punkt, wo sich die beiden konvergierenden Augenaxen schneiden. Die 

' König, in seiner oft von uns erwähnten Abhandlung ;,Entw. d. 
K.-Problems", Bd. II, S. 55 unterwirft die Schopenhauersche Lehre von 
der Intellektualität der Anschauung einer beachtenswerten Kritik. Den 
Haupteinwand, den er dagegen macht, ist kurz folgender: Der intellek- 
tualistischen Theorie der Wahrnehmung Schopenhauers ist nach ihm kein 
erkenntnistheoretischer Wert beizumessen, weil sie nicht erklären kann, 
wie ein ;, Wirken der Dinge untereinander, ein objektives Geschehen ausser 
uns*' stattfindet Die ganze Theorie der Genesis der Anschauung Schopen- 
hauers samt seinem Beweise für die Apriorität der Kausalität läuft nach 
ihm auf einen circulus vitiosus hinaus, der darin besteht, dass Schopenhauer, 
um das Zustandekommen der Objekte im Raum zu erklären, ad hoc eine 
Realität der Aussenwelt von vornherein annimmt. Dieser kritische Einwand 
Königs ist unseres Erachtens kaum zutreffend: er ist vielmehr auf eine 
falsche Interpretation der Wahrnehmungstheorie Schopenhauers, resp. der 
falschen Auslegung des Begriffes der Empfindung bei Schopenhauer zurück- 
zuführen. König meint, dass Schopenhauer nicht berechtigt ist, von einer 
Konstruktion der Aussenwelt durch den Intellekt zu reden, da er ja die 
Objekte als „beharrlich existierend und aufeinander wirkend" denkt; d. h. er 
lässt den Substanz- und Kausalbegriff ausserhalb des Subjekts also ti*ans- 
zendent gelten und danach erst will er beweisen, wie die alleinige apriorische 
Form der Kausalität die ganze erfahrbare Welt erzeugt. Er hätte, nach 
König, in diesem Falle Recht von einer Rekonstruktion der Dinge in d&r 
Aussenwelt zu sprechen, was die Annahme einer Mitwirkung gewisser 
rationeller Elemente nicht schlechtweg ausschliesst, nicht aber von der 
Konstruktion der Aussenwelt an dem Leitfaden des Verstandes. Diese 
Auslegungsweise der Schopenhauerschen Wahrnehmungstheorie drückt 
unseres Wissens nicht den wahren Sachverhalt aus. König fasst den 

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— 39 — 

beiden Netzhautpunkte stellen symetrische entsprechende oder gleich- 
namige Stellen dar. Sobald der Verstand, der hinter allen Affek- 
tionen lauert, diese geometrische Korrespondenz der beiden Netz- 
hautbilder bemerkt, führt er sie kausal auf, indem er die ihnen 
korrespondierenden Ursachen auf ein Objekt im Räume bezieht und 
so den Gegenstand statt doppelt nur einfach sieht. Drittens fügt 
der Verstand unbewusster Weise die dritte Dimension hinzu. Die 
flächenhaften Retinabilder werden durch das Kausalgesetz in plastische 
umgewandelt. Durch diesen Hinzutritt der dritten Dimension ist 
zugleich die Entfernung der Objekte untereinander gegeben. Beim 
Sehen sind uns die Richtungs (Projektions-) linien, in denen die 
Objekte liegen, gegeben, nicht aber ihre Entfernung: sie wird erst 
durch den Intellekt hinzugefügt.* 

Das bis jetzt von uns entwickelte Prinzip der Intellektualität 
der Anschauung ist für Schopenhauer insofern von grosser Bedeutung, 
ak er nur in ihm den einzig möglichen Beweis für die Apriorität 

sensualen Faktor bei Schopenhauer als transzendent auf. Würde man diese 
Auslegungsweise Königs akzeptieren, so wäre der von ihm gerügte Wider- 
spruch da und es liesse sich derselbe nicht hinwegdisputieren. Tatsächlich 
verhält es sich aber bei Schopenhauer anders. Die Empfindung ist nach 
ihm nicht transzendent sondern immanent: sie ist ihm ein „subjektiver 
Vorgang innerhalb des Organismus**, d, h. ihr haftet von Hause aus nichts 
Objektives an. Die objektiv-räumliche Bezeichnung, oder, um den treffenden 
Ausdruck Volkels zu gebrauchen, „der Schein der Transsubjektivität'' 
kommt erst zustande durch die bewusste Betätigung der Kausalgesetze 
(vergl. d. Aufs. v. Volkelt „Beiträge zur Analysis des Bewusstseins^ i. d. 
Zeitschrift f. PhiL und phil. Kritik, Bd. 112, S. 225 ; „Erfahrung und Denken", 
S. 94 ff, 1. Aufl.). Hieranschliessend sei auf einen Berührungspunkt von 
eminenter Wichtigkeit zwischen Kant und Schopenhauer hingewiesen. 
Sowohl Kant als Schopenhauer stehen auf dem Standpunkt des formalen 
(transzendentalen) Idealismus.* Beide Denker vindizieren übereinstimmend 
dem intellektuellen Faktor (der Form) einen hohem Dignitäts- oder Objek- 
tivitätsgrad: es ist die Form, die das chaotische Durcheinander von Affek- 
tionen ordnet; sie kann demnach nie in der Empfindung enthalten sein. 
Siehe Krit. d. r. V., S. 243, Schs. Satz v. Grd., § 21. 

* Diese in kurzen Zügen entwickelte Theorie des Sehens ist in der 
Folgezeit von H. Helmholz (vergl. „d. neuem Fortschritte in der Theorie 
des Sehens*, „Physiol. Optik"), Nagel, Zöllner u. a. m. verfochten und weiter 
aosgebildet worden. Unter andern hat auch O. Liebmann in seinem Werke 
-jüeber den objektiven Anblick*' diese Theorie vertreten und konsequent 
durchgeführt Auf die von Helmholz angeregte Kontroverse zwischen der 
empirischen und natlvistischen Theorie des Sehens können wir hier nicht 
eingehen. Wir- begnügen uns, auf die hauptsächlichsten Vertreter und ihre ^ 

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— 40 — 

des Kausalgesetzes erblickte. Kant ging, wie wir sahen, in seiner 
Gewissenhaftigkeit so weit, dass er sich nicht bloss mit der allge- 
meinern Begründung der Apriorität der Kategorien in seiner trans- 
zendentalen Deduktion begnügte, sondern speziell für die Kausalitäts- 
kategorie, ebenso wie für die beiden andern Kategorien der Relation 
einen besondern Beweis erbrachte, den wir früher in extenso behandelt 
haben. Schopenhauer verwirft in § 23 seines „Satzes vom Grunde" 
diese tiefsinnige Beweisführung Kants. Seine diesbezüglichen Einwen- 
dungen lassen sich in folgende Punkte zusammenfassen: ^ 1. Die 
Beispiele des Hauses und des Schilfes die Kant heranzieht, um die 
Notwendigkeit eines Unterschiedes zwischen der subjektiven völlig 
unbestimmten Wahrnehmungsreihe einerseits, und der gesetzmässig 
bestimmten, jeder Willkür entzogenen Zeitfolge im Objekt andrer- 
seits, darzutun, findet Schopenhauer unzutreffend. Diese Unter- 
scheidung ist nach ihm unbegründet, denn in beiden Fällen haben 
wir es mit Begebenheiten zu tun, die als solche stets Veränderungen 
realer Objekte darstellen, die wir eben objektiv erkennen. Von einer 
subjektiven und objektiven Succession kann demnach keine Rede 
sein. Der einzige Unterschied der zwischen diesen beiden Begeben- 
heiten besteht, ist der, dass im ersten Falle — beim Betrachten 
des Hauses — die Veränderung von dem eigenen Leibe des Beo- 
bachters, und namentlich von einem Teil desselben, und zwar von 
dem Auge ausgeht, während im zweiten Falle — beim Schiffe — 
sowohl das Auge des Beobachters, als auch das betrachtete Objekt 
in einer Veränderung begriifen sind. Der Schluss Kants von der 
Willkür der Apprehension der Teile des Hauses auf ihre Nichtobjek- 
tivität ist nach Schopenhauer falsch, weil dies, ebenso wie das Fahren 
des Schiffes, eine Begebenheit ist. Dort wie hier haben wir es immer 
mit Veränderungen realer Objekte zu tun, im ersten Falle bewegt 
sich unser Auge vom Giebel bis zum Grunde oder vom Grunde bis 
zum Giebel oder von links nach rechts etc., was alles Begebenheiten 

Schriften hinzuweisen. Helmholz „Physiolog. Optik*, § 28. 8. 594 ff, S. 606 ff. 
A. Lange, „Gesch. d. Materialis.^, IL Bd., S. 409 ff. Liebmann, „Anal. d. 
Wirkl.^ S. 199 ff. K. Fischer, „Gesch. d. neu. Philos.«, Bd. IX. S. 189 ff. 
Die Beziehungen Helmholzs speziell zu Kant erörtert eingehend Goldschmid 
in seinem Buche „Kant und Helmholz*'. Vergl. hierzu Cohen, „Kants Theorie 
der Erfahrung*', S. 236. 

' Eine beachtenswerte Kritik der Kantschen Beweisführung vom Stand- 
punkt der Biologie liefert O. Bütschli in dem Artikel „Kants Lehre von der 
Kausalität", Annalen der Naturphilosophie IV. Bd., 3. Heft, 'S. 309 ff. 

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— 41 — 

sind, genau so wie ihm zweiten Falle die Bewegung des Schiffes 
eine Begebenheit ist Schopenhauer bemerkt hierzu: „Es ist gar 
kein Unterschied, ob ich an einer Reihe Soldaten vorbeigehe oder 
diese an mir; beides sind Begebenheiten. Fixiere ich vom Ufer 
aus den Blick auf ein nahe vorbeifahrendes Schiif, ^o wird es mir 
bald scheinen, dass das Ufer mit mir sich bewege und das Schiff 
still stehe: hierbei bin ich nun zwar in der Ursache der relativen 
Ortsveränderung irre, da ich die Bewegung einem falschen Objekte 
zuschreibe, aber die reale Succession der relativen Stellungen meines 
Leibes zum Schiffe erkenne ich dennoch objektiv und richtig (S. v. 
G., S. 103 — 104). Das Moment der Willkür der Apprehension, 
worauf die Argumentation Kants sich stützt, ist nach Schopenhauer 
hier von keiner ausschlaggebenden Bedeutung. Wie die Reihenfolge 
der Wahrnehmungen bei der Apprehension der Teile des Hauses 
beliebig umkehrbar ist, so lässt sich auch ebenso die Succession der 
Veränderungen des stromabwärtsfahrenden Schiffet umkehren, „so- 
bald der Betrachter ebensowohl die Kraft hätte, das Schiff strom- 
aufwärts zu ziehen, wie die, sein Auge in einer der ersten entgegen- 
gesetzten Richtung zu bewegen^. Kant hat nach Schopenhauer gar 
nicht die Tatsache berücksichtigt, dass unser Leib «ein Objekt unter 
Objekten ist. (Wie wir früher sahen, hat Kant diesen Punkt gar 
nicht berührt und wir betrachten es als ein Verdienst Schopenhauers, 
dass er das Verhältnis zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem 
Objekt klar gelegt hat). Die Aufeinanderfolge der Eindrücke der 
andern Objekte auf unsern Leib ist eine unmittelbare, objektiv- 
empirische, nicht aber eine subjektiv-willkürliche, die dann, wie Kant 
irrig meinte, durch die Regel der Kausalität objektiv fixiert wird. 
Hiermit erweist sich die Unterscheidung zwischen subjektiver und 
Zeitfolge, die den nervus probandi der ganzen Argumentation* Kants 
bildet, als nicht stichhaltig.^ 

2. Ein anderes Bedenken Schopenhauers, welches sich dem ersten 
unmittelbar anschliesst, bezieht sich auf das Kriterium der Objektivität 



» Cohen in seiner „Theorie der Erfahrung", S. 456 will beweisen, 
dass Schopenhauer die ganze Beweisführung Kants missverstanden hat. Er 
tut das durch die Hinzuziehung der dritten Analogie Kants, die Schopenhauer 
vollständig ausser Acht gelassen hat. Unserer Meinung nach ist die Kritik, 
die Schopenhauer in dieser Hinsicht an Kant ausübt, ganz berechtigt. Nicht 
die dritte Analogie ist es, die hier als Ergänzung hinzukommen nmss, 
sondern die erste, wie wir später sehen werden. 

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— 4:2 — 

(was zugleich Apriorität bedeutet) der Kausalität, oder mit Anwendung 
von Kants eigenen Worten, auf das Problem des Folgens und Er- 
folgens. Kant hat behauptet, dass wir nur vermöge des Kausal- 
gesetzes eine subjektiv-unbestimmte in eine objektiv-bestimmte Folg<3 
umwandeln können. Zwei Veränderungen, die aufeinanderfolgen, 
werden dann als objektiv erkannt, wenn wir vermöge des Kausal- 
gesetzes die eine als Antecedens, die andere, darauffolgende, als 
Konsequenz aulfassen. Die unmittelbare Folgerung von dieser Be- 
hauptung Kants ist, dass er das Aufeinanderfolgen der Erscheinungen 
nur als ein Auseinanderfolgen anerkannt wissen will. Das post hoc 
muss stets ein propter hoc sein. Dieser Behauptung Kants tritt 
Schopenhauer aufs entschiedenste entgegen. Nach ihm können die 
Erscheinungen successiv aufeinanderfolgen ohne auseinander zuer 
folgen, d. h. nicht jede Succession braucht kausal gedeutet zu werden. 
Dadurch wird nach ihm das Kausalgesetz keineswegs umgestossen, 
dasselbe gilt trotzdem. Kant ist nach Schopenhauer zu weit ge- 
gangen, indem er alles Folgen nur für ein Erfolgen ausgibt. Schopen- 
hauer führt eine Reihe negativer Instanzen gegen diese Behauptung 
Kants an. (Vergl. hierzu E. v. Hartmann, „Das Ding au sich und 
seine Beschalfen]ieit^, S. 56 if.). a. Kant kann nach ihm auf keinen 
Fall erklären, was man im gewöhnlichen Sprachgebrauch als Zufall, 
oder was Aristoteles als aujLioearjxog bezeichnet.* Zufällig' nennt 
man, was nach Kant ein Nonsens wäre, eine Succession von Be- 
gebenheiten, die in keinem Kausalnexus untereinander stehen. Wenn 



' Siehe Arist. „Topik" I. 5, 102 b. 6, ferner Metaphys. V. 102, 5 a. 14. 

' A. Lange, in seiner ;,Gesch. d. Mat.", Bd. II, S. 47, nennt witzig die- 
jenigen, die alles dem Zufalle zuschreiben, „privilegierte Dummköpfe*". 
Offenbar will er dadurch nicht Kant verteidigen und das Wort „Zufall*' aus 
dem Sprachgebrauch eliminieren. Dies ist viel mehr als eine Persiflage 
derjenigen aufzufassen, die aus Unwissenheit und Unkenntnis hinter jeder 
Erscheinung ein dämonisches Wesen erblicken, „dessen Tücke für alle seine 
Missgeschicke den genügenden Grund enthält.^ Zu akzeptieren ist hier die 
Unterscheidung Liebmanns („Analys. d. Wirkl.^, S. 188 ff) zwischen Zufall 
im absoluten und relativen Sinn. Wenn man es im ersten Sinne nimmt, 
so muss konsequenterweise jedes gesetzmässige Auftreten der Ereignisse, 
resp. jede kausale Erklärung derselben bestritten werden, wie das bei den 
Sensualisten und den Mystikern der Fall ist; im zweiten Sinne genommen, 
entspricht es dem gewöhnlichen Sprachgebrauch und bedeutet ein Zu- 
sammentreffen zweier von einander weit entfernter Kausalreiheu. Wenn 
Schopenhauer hier von dem Zufall spricht, so hat er die letzte Bedeutung, 
den relativen Zufall vor Auge. 



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- 43 — 

beispielsweise beim Hinausgeheu ein Ziegelstein vom Dache herunter- 
fällt und mich trifft, so sage ich und die andern, dass dieses Ereig- 
nis ein Zufall gewesen ist. Niemanden würde es einfallen, den Fall 
des Ziegelsteines mit meinem Hinausgeheu ip kausale Verbindung 
zu setzen, trotz der Succession, die zwischen ihnen besteht; es sind 
das von einander getrennte toto genere verschiedene Kausalreihen, 
die in demselben Zeitpunkt aufeinander gestossen sind. b. Ebenso 
verhält es sich bei der Succession und Apprehension der Töne einer 
Melodie. Kant würde in das grösste Paradoxon verfallen, wenn er 
die objektive Aufeinanderfolge der Töne hier durch das Kausalgesetz 
entstehen Hesse. Hier haben wir wiederum ein Folgen (Succession), 
nicht aber ein Erfolgen (kausale Deutung), c. Aufs schlagendste 
wird die Hypothese Kants durch das letzte Beispiel, die Succession 
von Tag und Nacht widerlegt. Diese hatte man von jeher als ob- 
jektiv erkannt, ohne dieselben kausaliter aufzufassen. Die richtige 
Ursache dieses Phänomens kannte man bis auf Copernicus nicht, 
erst dieser hat sie ermittelt. Hiermit erweist sich zugleich die 
Hypothese Humes als unzulänglich. Obwohl die Folge von Tag und 
Nacht so oft sich wiederholt, so wird dadurch doch niemand veran- 
lasst dieselbe kausal aufzufassen. Hume bildet nach Schopenhauer 
ein Analogen Kants. Dieser erklärte das propter hoc für ein post 
hoc, das Erfolgen ftlr ein Folgen. Kant fällt dagegen, in dem Be- 
streben, Hume zu widerlegen, in das entgegengesetzte Extrem und 
meint, dass nur das propter hoc es ist, welches das post hoc be- 
stimmt, und es kein anderes Folgen gebe, als das Erfolgen. 

3. Mit diesem letzteren Fehler läuft bei Kant ein. anderer mit 
unter, den er an Leibniz getadelt hat, nämlich, dass er „die Formen 
der Sinnlichkeit intellektuierte". Nach Kant erhält eine Erscheinung 
ihren Objektivitätswert nur durch die Denkfunktion der Kausalität, 
andererseits behauptet er aber sonderbarerweise — im Widerspruche 
mit sich selbst — dass das empirische Kriterium der kausalen 
Relation die blosse Sinnlichkeit sei. Es ist hier nicht einzusehen, 
warum dann die Objektivität der Succession aus der Kausalität ent- 
springen sollte.* Das richtige Verhältnis ist nach Schopenhauer 
folgendes : Das Korrelat der kausalen Erkenntnis oder des Erfolgens 
ist der Verstand; nur er kann die Erscheinungen kausal auffassen, 

» Laas sucht in seiner ^Analogie d. Erfahr.*', S. 193 den Fehler Kants 
dadurch zu entfernen, dass er die betreffende Stelle transzendental-dea- 
lislisch deutet. ^ 

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— 44 — 

das adäquate Vermögen des Folgens dagegen ist die Sinnlichkeit; 
(diesen Ausdruck behält Schopenhauer bei, trotzdem er denselben 
nicht für geeignet hält) nur durch sie können wir die Successiou 
erfassen. Daraus folgt mit logischer Notwendigkeit, dass sowohl die 
Succession der Erscheinungen in der Zeit, als auch die Koexistenz 
der Dinge im Räume empirisch erkennbar ist. Der vierte kritische 
Einwurf, der gleichsam eine Paraphrase der obengenannten bildet, 
betrifft die falsche Fassung des Begriffes der Wirklichkeit. Kant 
glaubt, dass eine Erscheinung nur dann eine objektive Realität be- 
anspruchen dürfte, wenn sie sich als Glied eines gesetzmässigen 
Zusammenhanges erweist, oder, mit Kant zu reden, die gesetz- 
mässige d. i. kausale Folge ist die Bedingung der Erfahrung. Wirk- 
lich sein heisst nach ihm soviel als gesetzmässig ableitbar sein. Eine 
Erscheinung darf nach Kannt dann, „wirklich^ genannt werden, 
wenn sie sich auf einen kausalen Zusammenhang zurückführen 
lässt. Erläutern wir das an dem folgenden Beispiel, welches man 
hierzu oft herangezogen hat. Angenommen ich sitze in meinem 
Zimmer und nehme plötzlich eine Palme vor mir wahr. Da ich 
geistig gesund bin, weiss ich ganz genau, dass das eine trügerische 
Wahrnehmung ist, die durch Ueberanstrengung oder durch irgend 
eine andere Ursache in mir hervorgerufen worden ist. Woran erkenne 
ich nun, dass die Palme, die ich halluziniere, nicht wirklich ist, 
d. h. dass ihr kein reales Objekt korrespondiert? Kant oder ein 
Kantianer würde darauf folgende Antwort geben : Dass du die hal- 
luzinierte Palme nicht für wirklich halst, verdankst du allein dem 
Kausalgesetze ; du weist, dass in deinem Zimmer keine Palme wächst, 
da ihr die nötigen Existenzbedingungen vollständig fehlen, mithin 
lässt sie sich nicht als ein Glied einer Kausalkette einordnen ergo 
die Palme ist eine subjektive Erscheinung.' Wie man aus diesem 
Paradigma ersieht, geht die Absicht Kants dahin, zu beweisen, dass 
die Wirklichkeit einer Succession nur von ihrer kausalen Notwendig- 
keit abhängig ist. Gerade das Umgekehrte trifft nach Schopenhauer 
zu : Die Succession der Veränderungen realer Objekte ist von vorne- 
herein empirisch, mithin auch wirklich. Notwendig ist eine Succession 
zweier oder mehrerer Zustände nur dann, wenn unser Verstand ver- 



* Diese Frage behandelt sehr eingehend Schopenhauer. Vergl. „W. a. 
W. u. V.", I. Bd., S. 49 ff. Vergl. die interessanten Ausführungen Lasswitzs 
in seinem Buche ;, Wirklichkeiten*', S. 362 ff. Auch Busse, L., ^Philosophie 
und Erkenntnistheorie'', S. 21 ff. 



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— 45 — 

mittelst des Kausalgesetzes jeder Begebenheit eine bestimmte Stelle 
anweist. Eben diese Notwendigkeit der Succession deutet darauf 
hin, dass das Gesetz der Kausalität kein Empeirem, sondern ein 
apriorisches, vor jeder Erfahrung gegebenes Prinzip ist. Schopen- 
hauer beruft sich ferner bei seiner Begründung der Apriorität des 
Kausalgesetzes auf die Apodiktität mit der sich uns das Kausidgesetz 
aufdrängt. Aehnlich wie Kant meint er, dass das Kausalgesetz ein 
absolut notwendiges, a priori feststehendes Prinzip sei, demnach 
einen höhern Dignitätsgrad besitzt, als das Naturgesetz. Dasselbe 
unterscheidet sich von dem letzteren dadurch, dass es sich nicht 
wegdenken lässt, daher denknotwendig ist, während das Naturgesetz, 
als eine durch Induktion gewonnene Regel die Denkmöglichkeit seines 
Nichtbestehens sehr wohl zulässt. Um hierzu sein eigenes Beispiel 
anzuführen : Wir können uns z. B. denken, dass das Gesetz der 
Gravitation einmal aufhörte zu wirken, nicht aber, dass dieses ohne 
Ursache geschähe" (S. v. G. S. 106). 

Nachdem wir die Theorie der Kausalität bei Kant und Schopen- 
hauer in grossen Zügen entwickelt haben, wollen wir unsere eigene 
Stellung zu dem Problem darlegen. Bevor wir aber dazu schreiten, 
wollen wir den Standpunkt Schopenhauers einer immanenten Kritik 
unterwerfen und die etwaigen Korrekturen und Ergänzungen, die 
derselbe zulässt, in Erwägung ziehen. Der erste Irrtum, der der 
ganzen Philosophie resp. Erkenntnistheorie Schopenhauers anhaftet, 
ist ihre sog. materialistische Tendenz. Schopenhauer, der sich zu 
dem idealistischen und phänomenalistischen Standpunkt Kants be- 
kennt, huldigt andrerseits dem vulgären Materialismus. Es gibt in 
der Geschichte der Philosophie keinen andern Philosoph, der die 
Unzulänglichkeit des Materialismus so treffend dargelegt hat, wie 
Schopenhauer. Wie lässt sich dieser seltsame Widerspruch bei 
Schopenhauer erklären? Schon der Satz von der Korrelativität von 
Subjekt und Objekt scheint ebenso den Materialismus, wie den extremen 
Subjektivismus, etwa den Fichtes, auszuschliessen. Schopenhauer 
selbst bemerkt, dass diese beiden Richtungen ein circulus vitiosus 
begehen, indem sie den Satz vom Grunde auf das Verhältnis vom 
Subjekt und Objekt anwenden. Während der subjektive Idealismus 
den zureichenden Grund aller Erscheinungen in das Subjekt verlegt, 
sucht dagegen der Materialismus alles von dem Objekt abzuleiten^ 
indem er das Subjekt ignoriert resp. dasselbe für eine Modifikation 
der Materie erklärt. Eben diesen Zirkel, den Schopenhauer an beiden 

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— 46 — 

philosophischen Anschauungen rügt, hat er selbst begangen. Was 
den subjektiven Idealismus anbetrifft, so schlägt er sich hier in seiner 
Kritik mit seinen eigenen Waffen ; er selbst supponierte, wie Fichte, 
dem Selbstbewusstsein ein transzendentales Sein, das er den Willen 
nannte und worin er den Schlüssel für die Erkenntnis des Dinges 
an sich zu finden glaubte. Aber auch den Fehler des Materialismus 
hat Schopenhauer mitbegangen. Am krassesten tritt das in seiner 
Erkenntnistheorie zu Tage. Nach ihm ist der Intellekt identisch 
mit dem Gehirn, die Erkenntnisformen mit den Gehimfunktionen. 
Der Intellekt verdankt seine Existenz dem blinden Willen; da der 
Intellekt die ganze Welt zustande bringt, so ist dieselbe ein „Gehirn- 
phänomen ^. Daraus folgt, dass die appriorischeo Funktionen zweimal 
vortianden sind; das erste Mal, bevor das Gehirn da war, um es zu 
ermöglichen, und das zweite Mal mit dem Entstehen desselben, um 
die objektive Welt gleichsam post festum hervorzubringen. Der 
Zirkel ist hier ja ersichtlich ! Wir verzichten darauf, die Irrtümer 
und die Fehler, die der Philosophie Schopenhauers anhaften, aufzu- 
decken ; dieselben sind von vielen nachgewiesen und kritisiert woi-deu, 
l)e8onders von K. Fischer und J. Volkelt, auf deren Schriften wir 
gelegentlich verweisen. Vielmehr liegt uns bei dem Hinweis auf das 
hauptsächlichste Gebrechen der Erkenntnistheorie Schopenhauers 
daran, die Frage anzuknüpfen, ob sich dasselbe nicht beseitigen, 
resp. durch andere Elemente ergänzen lässt, oder um die Frage 
näher zu präzisieren, ob die materialistische Tendenz der Erkenntnis- 
theorie Schopenhauers, dessen Grundprinzipien wir im grossen und 
ganzen als richtig anerkannt haben, eliminiert werden kann, ohne 
dass dadurch seinen Grundanschauungen Abbruch geschieht? Diese 
Frage ist in bejahendem Sinne zu beantworten. In diesem Falle 
ist der Schlachtruf des Neukantianismus ;,Zurück auf Eant^, den 
(). Liebmann zuerst geprägt hat, durchaus berechtigt. Die hier 
nötige Ergänzung finden wir in einem Rekurs auf Kants Formulie- 
rung der Aufgabe seiner Transzendentalphilosophie: Kant, der 
Kritiker ging nicht wie seine Vorgänger von gewissen vorgefassten 
Meinungen über das Wesen der Dinge aus, sondern der Ausgangs- 
punkt seiner Betrachtungen bildete das Bewusstsein, diese nicht 
weiter zerlegbare Urtatsache katexochen. Seine immanenten Schranken 
festzustellen, d. h. die metakosmischen Bedingungen, die der Wissen- 
schaft zu Grunde liegen, zu eruieren, war, wie wir wissen, die Auf- 
gabe seiner Transzendentalphilosophie, bezw. Erkenntnistheorie. Dies 

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— 47 — 

war seine kopernikanische Leistung, das Bahnbrechende und das 
Epochemachende an seinem Kritizismus.^ Die Erkenntnistheorie, 
resp. die Wahrnehmungstheorie Schopenhauers bedarf nach einer 
andern Seite hin einer Ergänzung. Wie wir uns erinnern, nimmt 
Schopenhauer keine besondere Kategorie der Substanzialität an. Die 
alleingebietende Kategorie in der Welt der Erscheinungen ist nach 
ihm die Kausalität, deren der Raum und Zeit zu Dienste stehen. Der 
Substanzkategorie spricht er nur eiijen abgeleiteten Wert zu; sie 
ist ihm ein Korrollarium der Kausalität, wie er z. B. auch das Gesetz 
der Trägheit für ein solches hält. Er indentifiziert sie bald mit 
der letzteren, bald mit der Materie. Substanz und Materie hält er 
für Synonima. (W. a. W. u. V. I. 41 ff.) Andererseits behauptet er, 
„die Materie sei durch und durch Kausalität; ihr Wesen sei das 
Wirken". „Das Sein der Objekte besteht in ihrem Wirken." (W. a. 
W. u. V. I. § 4 S. 9, U. S. 48 ff.) Daraus geht hei-vor, dass die Sub- 
stanzialität oder Sempitemität der Materie, wie er sie noch anders 
nennt, identisdi ist mit der Kausalität. Diese Ansicht Schopenhauers 
ist völlig falsch und ungereimt. Es ist gar nicht abzusehen, wie 
die Substanz, die toto genere von der Kausalität verschieden ist, 
aus derselben folgen soll. Aus der kausalen Auffassung einer Reihe 
von Erscheinungen folgt nicht eo ipso, dass diese realiter vorhanden, 
d. i. mit einem materiellen Substrat ausgestattet sei. Die Behaup- 
tUDg Schopenhauers, dass das Sein der Objekte in ihrem Wirken 
besteht, muss als falsch und widerspruchsvoll verworfen werden. 
Statt dessen bleibt der Satz der Scholastiker „Operari sequitür esse" 
iü seiner vollen Geltung.' Weiter wäre es entschieden konsequenter,' 
wenn man, wie Liebmann es tut, die Substanzialität neben der 
Kausalität als eine selbständige Kategorie auffiasst: Die erstere ist 
der letzteren nicht subordiniert, wie Schopenhauer meint, sondern 
vielmehr koordiniert und besitzt denselben Dignitätsgrad wie jene.' 

' Vergl. O. Liebmann, „D. Geist d. transc. Phil.", S. 8 ff. „Ged. u. 
Tats/, I. Bd. Vorr. VUL, ^Anal. d. Wirkl.*', S. 222. Die Aufgabe der Er- 
kenntnistheorie ist, v^ie man daraus sieht, wesentl. verschied, v. d. Psycho- 
logie. Während die erstere mit dem aprior. Prini. u. i. Geltungsbereich zu 
tun hat, legt d. letzt a. d. psychogenetische Entstehung d. Hauptgewicht 
Siehe Liebmann „Klimax d. Ther.*, S. 73. Sehr treffend vergl. er dtiselbst 
d. Aufg. e. Erkenntnistheoretikers ra. d. Operation e. Chirurgen. Aebnl. 
Cohen „Kants Theon d. E^fahr.^ S. 70 ff, 200 ff. 

• Siehe Liebmann ;,Kant u. d. Epig.", S. 181 ff. 

' Vergl. Liebmann, „Ueber d. obj. Anblick'', S. 115 ff. 

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— 48 — 

Mit dieser Betrachtung wäre unsere Aufgabe, die wir uns 
anfangs stellten, als erledigt anzusehen. Die Theorie der Kausalität 
bei Kant und Schopenhauer, sowie ihre wichtigeren, erkenntnistheo- 
retischen Prinzipien kennen wir in ihren Grundzügen. Die gemein- 
same Basis, worauf die beiden Denker stehen^ haben wir akzeptieil 
und weiter auszuführen gesucht. Es heisst jetzt, die letzten Konse- 
quenzen daraus zu ziehen. Wie wir ausführten, sind Kausalität und 
Substanzialität, Raum und Zeit Bewusstseinselemente ; sie repräsen- 
tieren den intellektuellen Faktor unserer Anschauung. Diesem gegen- 
über steht der sensuale Faktor, der a posteriori die Bausteine zum 
Aufbau des Weltbildes liefert. Beide Faktoren sind aber zugleich 
immanente Faktoren: sowohl der intellektueUe, als der sensuale 
Faktor sind integrierende Bestandteile des Bewusstseins, obwohl ihr 
Erkenntniswert graduell verschieden ist. Der intellektuelle Faktor 
steht über dem sensualen, er ist diesem gegenüber souverän. Diese 
Souveränität offenbart sich darin, dass der intellektuelle Faktor das 
Aggregat von Empfindungen, die uns der sensuale Faktor zuführt, 
in gesetzmässige Beziehungen setzt, woraus dann der Kosmos der 
Erscheinungen entsteht. Demnach erscheint das ganze Universum 
als ein Produkt unserer metakosmischen oder Intelligenzgesetze. 
Diese sind die obersten Prinzipien, die überhaupt jeder Wissenschaft 
zu Grunde liegen und sie ermöglichen. Ausser diesen Gesetzen haben 
wir auch Naturgesetze. Wie verhalten sich diese zu jenen? Das 
haben wir bereits an einer früheren Stelle antizipiert. Wir haben 
dort gesagt, dass die Naturgesetze den metakosmischen subordiniert 
sind. Wenn wir mit Liebmann den Inbegriff der Gesetze, in uns 
als eine „Logik der Gedanken" dagegen dieselbe ausser uns realisiert 
als „Logik der Tatsachen" bezeichnen, so ergibt sich daraus folgende 
bedeutungsvolle Wahrheit : Es besteht eine Korrespondenz zwischen 
der Logik der Gedanken und der Logik der Tatsachen, die sich 
dadurch kund gibt, dass die Natur gezwungen ist, dasjenige ge- 
schehen zu lassen, was der Verstand des Subjektes durch richtige 
Schlüsse aus richtigen Prämissen erschlossen hat.^ Die Logik der 
Tatsachen beruht auf der Allgemeingültigkeit des Kausalgesetzes, wel- 
ches besagt, dass an jedem Zeitpunkt stets aus gleichen Ursachen mit 
realer Notwendigkeit die gleichen Wirkungen hervorgehen. Nun ent- 
steht aber hier wieder die Frage: Wie ist es mit der Allgemein- 
gültigkeit und Begreiflichkeit des Kausalgesetzes bestellt? Welchen 

* Siehe LiebmauD ,Gri. d. krit. Metaphys.", S. 139. 

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— 49 — 

Dignitätsgrad kann es beanspruchen ? Diese kritische Frage müssen wir 
jetzt zum Schluss eingehend erörtern. Der Kritizismus Kants ging 
darauf hinaus, zu beweisen, dass das Kausalgesetz ein synthetisches 
Prinzip a priori ist, welches allein eine Erfahrung, resp. eine mögliche 
Erfahrung konstituiert Das Kausalgesetz also tritt bei Kant mit 
dem Anspruch auf, apodiktisch gewiss zu sein und für alle Erfahrung 
zu gelten. Besitzt das Kausalprinzip den Dignitätsgrad, welchen 
Kant ihm zuschreibt? Kann dasselbe ein allgemeingültiges und not- 
wendiges Prinzip a priori im Sinne Kants sein? Diese Fragen 
müssen wir verneinen. Kant behauptet zu viel, wenn er sagt, dass 
die Erfahrung bezw. die mögliche Erfahrung, ohne die Kausalität 
nicht zustande kommt. Die Schopenhauer'sche Kritik ist, wie wir sahen, 
ganz berechtigt. Kant hätte Recht gehabt, wenn er seine Behaup- 
tung dahin eingeschränkt hätte, dass die Naturwissenschaft ohne 
die Annahme der strengen Allgemeingültigkeit der Kausalität nicht 
möglich wäre, nicht aber die Erfahrung schlechthin. Das Kausal- 
gesetz kann also nicht ein synthetischer Grundsatz von apodiktischer 
Gewissheit sein, wie Kant ihn fasst. Bei Schopenhauer fanden wir 
eine ähnliche Begründung der Kausalität wo er sich auf die Apodik- 
tizität und das Nichthinwegdenkenkönnen des Kausalgesetzes beruft. 
Er legte dem Kausalgesetze geradezu eine axiomatische Bedeutung 
bei. Das halten wir von vorneherein für verfehlt. Das Kausalgesetz 
darf auf keinen Fall als Axiom aufgefasst werden, denn ein Axiom 
schliesst immer sein kontradiktorisches Gegenteil aus, während bei 
einem kausalen Urteil das kontradiktorische Gegenteil sehr wohl 
denkbar ist. Jeder kann sich sehr wolil einen regellosen Zufall, 
ein ursachloses Geschehen denken ; es gibt ja noch heute Tausende 
von Menschen, darunter auch Philosophen, die an Wunder glauben, 
d. h. eine Durchbrechung der Kausall^ette für möglich halten. Selbst 
Kant, sowie Hume waren, wie wir wissen, der Ansicht, dass das 
Kausalgesetz nicht die Gewissheit etwa eines logischen Denkgesetzes 
oder eines mathematischen Axioms besitzt. Das Kausalgesetz ist also 
kein Axiom. Ebensowenig ist es aber kein Empeirem, das sich, wie 
manche moderne Philosophen meinen, induktiv aus der Fülle der 
Beobachtungen ableiten lässt. Prüfen wir auch diese Ansicht auf 
ihre Richtigkeit hin. Kant erkannte, wie wir schon sahen, von 
vorneherein eine Deduktion der Kausalität aus der Erfahrung nicht 
an. Sein Hauptargument dagegen war, dass sämtliche auf empirischem 
Wege entstandenen Urteile und Regeln nur den Charakter der 

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— 50 — . 

komparativen Allgemeinheit, nicht aber den Charakter der strengen 
absoluten Allgemeingültigkeit und Notwendigst, die für jede Wissen- 
schaft die Grundlagen abgeben, besitzen. Die Positivisten, vor allem 
J. S. Mill (J. 8. Mill „Sjstem d. ind. Logik" übers, v. Gomperz, 
2. Aufl. Kap. nL Yergl. d. Kiit Liebmanns i. s. „Klimax d. Theor.^ 
S. 96 — 113, wo er den Nachweis führt, dass die Positivisten eine 
Art von dogmatischer Metaphysik treiben) sehlagen den eben von 
Kant bekämpften Weg ein. Mill meint, dass das Kausalgesetz in- 
duktiv durch Generalisation aus der Erfahrung entsteht.^ Eine 
Konsequenz daraus ist seine weitere Behauptung, dass es sehr wohl 
möglich sei, dass die Erfahrung uns Fälle aufweise, wo das Kausal- 
gesetz aufhört zu gelten. Hier verfährt Mill ganz konsequent und 
das macht ihm als Positivisten alle Ehre. Andrerseits sfteht die An- 
sieht Mills auf gleidiem Boden wie etwa der Mystizismus Swedenborgs. 
Beide glauben, dass sehr wohl ein Zustand eintreten könne^ der 
keine Naturnotwradigkeit aufweist, d, h. die Naturgesotzlidikeit würde 
durchbrochen, oder um das Kind hier beim rechtem Namen zu nennen, 
beide sind Wundergläubige. Wunder und Zufall gehören nicht in 
das Gebiet der wissensdiaftlichen Erkenntnis, sondern sind ak« 
hypostasierte fromme Wünsdie dem Bereiche des Glaubens zuzuweisen.' 
Das« das Kant^sdie Argument gegen die Empiristen noch zu Redit be^ 
steht, leuchtet aus folgender Betrachtung ein. Die allgemeinen Regeln, 
die wir aus der Erfahrung gewinnen, beruhen auf Induktionsschlüssen ; 
dabei fassen wir nur eine begrenzte Zahl von Beobaefatungsfälleu 
ins Auge, durch deren Generalisation wir zu einer allgemeinen Regel 
gelangen. Alle auf solchem Wege entstandenen Regeln können keinen 
Anspruch auf strenge Allgemeingültigkeit erheben; eine einzige 
negative Instanz wäre hier im Stande die ganze Regel umzustossen.^ 
Die positiven Instanzen können uns also nicht berechtigen, solch 
einer Regel ausnahmslose Geltung für alle Erfahrung zuzusprechen. 
Hiermit wird auch die Ansicht Kants, dass die Kausalität für alle 
Erfahrung sdilechthin gilt, eo ipso ad absurdum geführt. Die uni- 
verselle Erfahrung ist uns verscfalos^n, wir kennen mir ein Bruch- 
stück davon. An der Tatsache der räumlichen und zeitlichen Be- 



' Das Verhältnis J. S. Mills zu Kant erläutert sehr eingehend König 
in seiner ,Entw. d. K.-Probl.*', Bd. 11, S. 230 ff, wo er die Ansicht Mills einer 
Kritik unterwirft. 

» Vgl. Hom, R. „D. Kausalitätsbegr. 1. d. Phil. u. i. Straft*.*, S. 15. 

• Siehe Stein, L ,D. Sinn des Daseins", S. 119 u. 128. 



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- 51 - 

greuztheit unserer Erfahftmg scheitert also sowohl das induktive, 
als aiieh das Kant'sche Verfahreu.^ Aus all diesen Erörterungen 
scheint hervorzugehen, dass Home schliessiieh doeh Becht gehabt 
hat. Das Kausalgesetz erwies sieb weder als ein Axiom, noch als 
Empeirem. Werden wir aber dadurch nicht dem Skeptizismus in 
die Arme geworfen? Können wir nicht vielleicht eine sichere Durch- 
fahrt zwischen der Scylla des Emperismus und der Charybdis des 
extremen Apriorismus finden? Die Antwort auf diese Frage muss 
nach aüen bisherigen Erörterungen bejahend ausfallen. Den dritten 
möglichen Weg finden wir, wie sich aus unserer Untersuchung ergibt, 
auf Kant'schen Grundlagen stehend, teilweise bei Schopenhauer, 
Sigwart und Liebmänn. Die beiden letzteren fassen, wie wir bereits 
andeuteten, das Kausalgesetz als ein lotelligenzgesetz auf, dessen 
Funktion ist, die fragmentarischen, a posteriori gegebenen Wahr- 
nehmungen zu gesetzmässigen Erscheinungen zu stempeln. Daher 
bezeichnet Liebmann das Kausalgesetz sehr treffend als eine Inter- 
polationsmaxime unserer Erfahrungswissenschaft.* Das Kausalgesetz 
ist zugleich eine Hypothese. Sie unterscheidet sich von andern 
Hypothesen dadurch, dass sie einen höhern Erkenntniswert insofern 
beanspnieht, als dieselbe stets durch die Ueberfülle der positiven 
Instanzen und die gänzliche Abwesenheit negativer Instanzen be- 
stätigt wird. Diese Hypothese ist berechtigt und für die wissen- 
schaftJiche Forschung geradezu unentbehrlich. Ihre Existenzberech- 
tigung lässt sieb durch folgende Betrachtung ad contradictoriam 
nachwdsen. Angenonunen die entgegengesetzte Annahme wäre richtig, 
nämlich dass das Kausalprinzip in rerum natura keine Geltung 
besässe und die Erscheinungen bald in dieser Reihenfolge und 
Kombination, bald in jener aufträten, so würde in diesem Falle von 
einer wissenschaftlichen Welterklärung gar keine Rede sein. Würde 
beispielsweise die Erscheinung A in einem Zeitpunkt im Räume 
bald den Effekt B in anderem Zeitpunkt und Ort den Effekt C zur 
Folge haben, oder was dasselbe besagt, wiese uns das Geschehene 
keine konstante Gesetzmässigkeit auf, so wäre unser Streben, das 
Bein zu begreifen, einfach ein Nonsens. In diesem Sinne kann man 
dem Kausalgesetz eine relative Apriorität zu erkennen, nicht eine 
absolute, wie Kant es tut. Daraus folgt, dass das Kausalgesetz die 

* Vgl Liebmann, „Krit Mctaphis.*', 8. 186. 

' Vgl Liebmann, „Klimax d. Theor.**, S. 85 ff, femer Liehmanns „Krit 
Metaphys.*', S. 136 ff. . 

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— 52 — 

stillschweigende Grundvoraussetzung jeder wissenschaftlichen For- 
schung ist. Jede Wissenschaft trachtet darnach, Gesetze aufzufinden, 
d. h. gewisse Wirkungen auf bestimmte Ursachen zurückzuführen. 
Hiermit erweist sich das Kausalgesetz zugleich als ein Postulat.^ 



' Im Anschlüsse des Kausalitätsproblems ist in der gegenwartigen 
Philosophie ein heftiger Streit entbrannt, der sich auf die Methode der 
Geistes- Wissenschaft, resp. die Geschichte bezieht Die Streitfrage lässt sich 
dahin formulieren: Ist die Geschichte eine Gesetzeswissenschaft im Sinne 
der Naturwissenschaft oder nicht?, anders ausgedrückt: Ist die Aufgabe der 
Geschichte die ihr zugewiesene Sphäre der Erscheinungen kausal zu deuten 
oder soll neben der kausalen Interpretation auch die teleologische Betrach- 
tungsweise hinzutreten ? Hier stehen sich zwei Parteistandpunkte gegenüber; 
der Naturalismus (biologische, mechanisch-kausale Auffassung) und der 
Kritizismus (teleologisch-kausale Auffassung). Die erstere Richtung per- 
horresziert den Dualismus, der die letztere statuieren will zwischen kausaler 
(naturwissenschaftlicher) und teleologischer (historischer) Tendenz und 
meint, dass, wenn die Geschichte keine Gesetzes Wissenschaft ist, so höre sie 
auf, überhaupt Wissenschaft zu sein. Die kritisch-teleologische Richtung 
tritt dieser Behauptung entgegen. Nach ihrer Ansicht ist und muss die 
Geschichtswissenschaft neben dem kausalen Prinzip auch das teleologische 
Moment mit heranziehen. Zu den Hauptvertretern der ersten Richtung 
gehören : die Theoretiker des Marxismus, an deren Spitze steht Max Adler, 
^D. Kausalität und Teleologie im Streit um die Wissenschaft* (Aus Marx- 
studien), Wien 1904 und K. Lamprecht „üeber geschichtliche Auffassung 
und geschichtliche Methode*'. Zu der zweiten Richtung gehören: Stammler, R. 
„Wissenschaft und Recht^; Ricitert, „Grenzen der naturwissenschaftlichen 
Begriffsbildung", „Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft" ; Windelband, 
^Die Rektoratsrede", 1894, „Ueber Geschichte und Naturwissenschaft*^, 
^Präludien", 2. Aufl. Wir können unmöglich auf alle Einzelheiten und 
Finessen dieser Kontroverse eingehen. Zu der Frage sei folgendes bemerkt : 
Das Kausalitätsprinzip als solches ist für die Geisteswissenschaften unent- 
behrlich. Allein innerhalb derselben ist seine Geltungssphäre beschränkt. 
Nicht alle Handlungen des Menschen lassen sich restlos auf die mechanische 
Kausalität reduzieren. Ist das Kausalprinzip für die Naturwissenschaft, mit 
Kant zu reden, ein konstitutives Prinzip, so kann dasselbe im Gebiet der 
Geisteswissenschaft nicht dieselbe Bedeutung besitzen. Hier muss vielmehr 
die andere Form der kausalen Betrachtung hinzutreten, nämlich die tele- 
ologische, die kausale Verbindung von Zweck und Mittel. Allein mit dem 
teleologischen Prinzip darf man nicht zu weit gehen und alles nur unter 
dem Gesichtspunkt der Zweckkategorie betrachten, wie es etwa bei Aristoteles 
und Lieibniz der Fall ist. Auch das teleologische Prinzip hat seine Grenzen ; 
es tritt nur da ein, wo die mechanische Kausalität sich nicht mehr durch- 
führen lässt Es ist im Sinne Kants kein Erkenntnisprinzip, sondern nur 
ein regulatives Prinzip, eine heuristische Maxime. (Kant, „Kritik der 
Urteilskraft*', § 54). Aus alledem folgt, dass die Kausalität in der Geistes- 

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— 53 — 

Als solches drückt es eine Forderung aus, die unser Verstand an 
das Gegebene behufs Erkenntnis desselben stellt. Jede Wissenschaft 
postuliert ex tacito das Kausalgesetz, oder mit Liebmann zu reden, 
sie nimmt an, dass der subjektiven Logik der Gedanken eine Logik 
der Tatsachen korrespondiert* 

Die Logik der Tatsachen, die Ordnung die im Universum herrscht, 
schliesst, wie wir sahen, von vorneherein ein regelloses Geschehen, 
einen absoluten Zufall aus. Hier drängt sich eine weitere Frage 
auf, die noch ihrer Beantwortung harrt und diese Frage lautet: 
Warum herrscht eine Weltordnung, warum nicht eine Anarchie? 
Hat die Logik der Tatsachen einen Grund oder ist sie grundlos? 
Diese Frage ist eine transzendente und als solche gehört sie in das 
Gebiet der Metaphysik. Wenn man sie beantworten will, so muss 
man vorher die Frage nach der Möglichkeit der Metaphysik als 
Wissenschaft näher erörtern. 

Greifen wir wieder auf Kant zurück. 

Er schränkte, wie wir wissen, die Geltung der Kausalität auf 
das immanente Gebiet der Erscheinungen ein. Sie hat nach ihm 
«inen immanenten, aber keinen transzendenten Gebrauch. Kant hat 
aber selbst, wie Jacobi, Aenesidemus-Schulze, S. Maimon und andere 
Kantforscher bewiesen haben, gegen dieses Verbot Verstössen, indem 
er die Kategorie der Kausalität jenseits der Erfahrung auf die Dinge 
an sich anwendete.^ Kant hat also damit den Kausalschluss trans- 



ijvissenschaft (nach Rickert ^Kulturwissenschaft", nach Windelband ;,Er- 
eigniswissenschaft^O nicht eine mechanische ist, wie in der Naturwissen- 
schaft, sondern eine immanenl-teleologische. ^Die Kausalität in der Geistes- 
-wissenschaft isf, wie sich Stein treffend ausdrückt, ^der terminus aquo, 
die Teleologie der terminus ad quem.*' Stein, L., ;,An der Wende des 
Jahrhunderts*', S. 49 ff. „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie", S. 50 
und 55 ff, 2. Aufl., 1903. ;,Der Sinn des Daseins , S. 54 und 411 ff. Vergl. 
ferner Slgwart «Logik", S. 225, II. Bd. Wundt, W. ;,Logik", L Bd., S. 577 
u. 584. Derselbe Meinungsgegensatz tritt uns auf dem Gebiet der Soziologie 
entgegen. Der naturalistischen Geschichtswissenschaft entspricht hier die 
mechanische Staatsauffassung, der teleologischen — die organische Staats- 
auffassung. Näheres darüber siehe den Artikel ;,Mechanische und organische 
Staatsauffassung* in Steins ;,Soziale Optimismus." S. 180 ff. 

' Was für die Kausalität gesagt ist, gilt mutatis mutandis auch für 
die Substanzialität Siehe Liebmann, ;,Krit. Metaphys.", S. 124—27. 

^ Siehe Vaihinger ^^Kants Kr. d. r. V." I. 83 ff. 83 ff. Kant hat in seiner 
Prolegomena (wo er bekanntlich gegen Garve polemisierte) alle Versuche 
bekämpft, die darauf hinausliefen, seinen Kritizismus mit dem Berklyschen 

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— 54 — 

zendeut gebraucht, mithin eine Metaphysik angenommen. Die Stelle, 
wo Kaot bewuABterweifie Metaphysik treibt, ist die transzendentale 
Dialektik. Hier definiert er die Yermuift im engern Sinne als das 
Vermögen voa dem Gegebenen, Bedingten auf die Totalität seiner 
Bedingungen zurückzuschliessen, woraus dann nach ihm die sog. 
traufizeadentaleo Idaen (Yemunftbegriffe) entstehen. Diese Ideen 
sind notwendig und unrermeidlieh, obwohl sie transzendental siud. 
Kant sagt wAi-tlich hierüber: Sie sind nicht willkürlich erdichtet, 
sondern durch die Natur dar Vernunft selbst aufgegeben und be- 
ziehen sieh daher ootwendigenreiseauf den ganzen Verstandesgebrauch. 
Sie sind endlich transzendent und übersteigen die Grenzen aller 
Erfahrung, in welcher also niemals ein Gegenstand yorkommaa 
kann, der den transzendentalen Ideen adäquat wäre (Kr. d. r. W. 
S. 283). Ferner sagt er in seiner Preisschrift „die Fortschritte der 
Metaphysik*' : „Es würde also in Absicht auf diesen Gebraudi der 
Vernunft niemals auf eine Mataphysik als abgesonderte Wissenschaft 
gesonnen werden, wenn die Vernunft hierzu nicht ein höheres Inte- 
resse bei sich gefunden hätte, wozu die Aufsuchung und systema- 
tische Verbindung aller Elementarbegriffe und Grundsätze, die a priori 
unserer Erkenntnis der Erfahrung zu Grunde liegen, nur die Zu- 
rüstung war 

Genug : Kant hat wirklich die Metaphysik als Wissenschaft für 
möglich gehalten. Nach ihm ist das metaphysische Bedürfnis das 
Streben nach Vollendung und Einheit, in der menschlichen Natur 
begründet. Kant redet von zweierlei Arten der Metaphysik, von 
einer im guten und einer im schlechten Sinne. Die erstere ist die 
Metaphysik, die Kant eben für möglich hält und zu begründen suchte, 
die letztere dagegen erklärt er für falsch und verfehlt. Jene ist, 
um uns hier der Bezeichnung Liebmanns zu bedienen, eine kritische. 



Idealismus zu identiüzieren. Kant war sich dessen bewusst, dass, wenn die 
Lehre von dem Ding an sich von seiner Theorie der Erfahrung gestrichen 
wird, so würde sie konsequenterweise zu Skeptizismus und Illusionismus 
führen. Sogar bei Fichte, den man mit Recht einen Zuendedenker Kant» 
nennt, blieb ein kleiner Rest von dem Kantschen Ding; an sich, nämlich 
den rätselhaften ^Anstoss''. Siehe darüber bei Ed. v. Hartmann, ^^Das Ding 
an sich und seine Beschaffenheit**, vgL femer j»Das Grundproblem der 
Erkenntnistheorie*', 1899, S. 57 ff. „Grundlegung des transzendentalen 
Realismus", S. 28 ff. 



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— 55 — 

diese eiae dogmatische Metaphysik.^ Der Unterschied dieser beiden 
Arten der Metaphysik ist ein wesentlich methodologisdier. Wilhrend 
die erstere darauf hinansgefat, alle Erkenstsis stu» der Vemmft 
abzuleiten vaiä die Wirklichkeit in Begriffe aulznlöee», ohne sich 
dabei die Frage nach der Möglichkeit einer solchen Erkemrtnis vor^ 
zttlegen, so schlägt dagegen die letztere gerade den entgegengesetzten 
Weg ein ; sie untersucht zuerst die Grenzen und Leistmgsfah^eit 
unseres £rkenntnis?erm(ygens und erst dan« stellt sie hypothetisch- 
transzendente Erörterungen über das Jenseits Gelegene an. Sie 
▼erfährt hier gemäss dem Spruehe Götbes: 

„Willst du ins Unendliche schreiten, 

„Geh' nur im Endlichen nai^ allen Seiten!^ 

Die drei transzendenten Ideen sind keine konstitutiven Prinzi- 
pien, sondern nur regulative, wie ein solches beispielsweise das 
Prinzip der teleologischen Naturerklärung ist. (Kant, „Kfftik der 
Urteilskraft^* S. 24.) 

Demnach gestaltet sich das Verhältnis der Erkenntnistheorie 
(oder Transzendentalpbilosophie) zur Metaphysik bei Kant ganz 
anders, als bei den dogmatischen Philosophen, resp. Kationalisten. 
Die Metaphysft ist nicht mehr eine Fundametrtaldisziplin, die inner- 
halb eines Lehrgebäudes den ersten Platz einnimmt, sondern sie ist 
durch und durch von der Erkenntnistheorie abtefengig; erst n«h 
Abschluss und Vollendung der letzterefn tritt sie als ein mtigKcher 
Lösiingsversuch der letzten Probleme der Erkenntnis hinzu, oder 
um Kants bildliche AusdiUcke hierzu zu gebrauchen, sie ist ihm 
keine „Matrone** mehr, sondern mir eine „Geliebte" in die er das 
S^icksal hat, verliebt zu sein, obgleich ef sich von ihr nur selten 
einiger Gunstbezeufgungen rühmen kann" (Träume eines Geister- 
s^ers etc. S. 61). 

Aus dieser Betrachtung geht klar hervor, dass Kant in: Ictrter 
Linie ein Metaphysiker ist. Er selbst liefert in seiner Preisschrift 
eine Definition der Metaphysik. Dort definiert er sie y^ls die 
Wissenschaft von der Erkenntnis des Sinnlichen zu der des Ueber- 



^ Vaihinger in s. „Comm.", I., S. 282, will für die beiderlei Arten der 
Metaphysik die Namen transzendente und immanente Metaphysik einführen. 
Diese Bezeichnung, obschon sie von Kant hef rührt, gibt zu vielen Begriffs- 
verwechslungen und Missverständnissen Anlass. Eine immanente Metaphysik 
ist unserer Meinung nach ein Unding : Jede Metaphysik ist von vornherein 
transzendent. 

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56 — 

sinnlichen duixh die Vernunft fortzuschreiten (Fortschr. d. Met. edit, 
Hartenstein IV. 520). Von unserem Standpunkt aus können wir 
diese Definition Kants sehr wohl akzeptieren.' 

Nachdem wir die Vorfrage, ob und wie eine Metaphysik möglich 
ist, im Eantischen Sinne entschieden haben, wollen wir an das von 
uns oben berührte Problem herantreten und die letzten Eonsequenzen 
daraus ziehen. Hat also die Weltgesetzlichkeit einen Grund oder 
nicht? Diese Frage ist nach allem Ausgeführten in bejahendem Sinne 
zu beantworten. Die Gesetzlichkeit allen Geschehens weist auf eine 
einheitliche, jenseits des Bewusstseins gelegene Weltsubstanz als 
ihren zureichenden Grund hin.* 

Die einheitliche Weltsubstanz, zu deren Annahme wir die Motive 
aufgezeigt haben, ist zugleich das letzte Glied, mit welchem unsere 
Theorie der Wahrnehmung abschliesst. Sie bildet gleichsam den 
transzendentalen Faktor der Theorie der Genesis der Erfahrung. 
Von früher sind uns der sensuale und der intellektuelle Faktor 
bekannt ; sie stellten die sog. immanenten Faktoren unserer Erkenntnis 
dar. Jetzt tritt der transzendente Faktor als wohlbegründet hinzu. 

Damit sind wir am Schlüsse unserer Untersuchung angelangt. 
Wir sind weit davon entfernt, zu glauben, das Problem erschöpfend 
behandelt zu haben. Unsere Untersuchung lief vielmehr darauf hin- 
aus, die Kausalitätstheorie Kants und Schopenhauers in den Grund- 
zügen darzulegen und ihren bleibenden esoterischen Kern scharf 
hervortreten zu lassen. Wie man sieht, standen wir nicht streng 
auf dem Boden Kants, sondern wir versuchten ihn in vielen Punkten 
durch andere Elemente zu ergänzen. Hierbei verfuhren wir einge- 
denk der Worte eines Denkers der gesagt hat: „Jede zukünftige 
Philosophie muss, um wahr zu sein, die Feuerprobe des Kantischen 
Kritizismus bestanden haben, sonst wäre sie ein Anachronismus oder 
eine ignoratio elenchi". 

* Bei Kant schiebt sich hier die Ethik ein, die Lehre von den Postulatea 
der praktischen Vernunft 

* Zu demselben Endresultat kommt auch Sigwart in seiner „Logik",. 
IL Bd., S. 749. Vgl. hierzu Liebmann, „Kr. Met.", S. 204 ff. 



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57 



Literatur 



Aristoteles 

Adler, M. 

Busse, L. 
Bütschli, O. 

Cohen, H. 

Descartes, R. 

Eucken, R. 
Fischer, K. 

Goldschmid 
Hume, D. 
Hartmann, Ed. v. 



Helmholz, H. 

r 

Hickson, J. W. A. 



Hom, Ric. 
Kant, Jm. 



König, E. 
Liebmann, O. 



Metaphysik. 
Topik. 

Die Kausalität und Teleologie im Streit um die Wissen- . 
Schaft Wien, 1904. 

Philosophie und Erkenntnistheorie. 1894. 
Kants Lehre von der Kausalität i. d. Owald, Annal. d. 
Naturphil. IV. 3. 

Kants Theorie der Erfahrung. 2. Aufl. 1885. 
Kants Begründung der Ethik. 

Betrachtungen über die Grundlage der Philos. üebersetzt 
V. K. Fischer. 

Grundbegriffe der Gegenwart. 

Geschichte der neuen Philos. Bd. 1, V, VI u. IX. -Jubiläums- 
ausgabe. 

Kant und Helmholz. 

Traktat über die menschl. Natur. L Teil, Herausg. v. Lips. 
Philosophie des Unbewussten. 10. Aufl. 
Das Ding an sich und seine Beschaffenheit 
Das Grundproblem der Erkenntnistheorie. 1889. 
Grundlegung des transzendentalen Realismus. 
Physiologische Optik. 

Die neueren Fortschritte in der Theorie des Sehens. 
Die Kausalität in der neuern Philos. u. d. Naturwissen- 
schaft von Hume bis R. Mayer in Vierteljahrsschr. f. 
wiss. Philos. 

Der Kausalitätsbegriff in der Philos. u. i. Strafrecht 1898. 
Kritik der reinen Vernunft Herausg. v. Kehrbach. 
Kritik der Urteilskraft 

Prolegomena zu einer jeden künft. Metaphys. Herausg. 
V. Schulz. 

Fortschritte der Metaphysik. Herausg. v. Hartenstein. 
Träume eines Geistersehers. Erläut herausg. v. Kehrbach. 
Entwicklung des Kausalproblems von Gartesius bis 
Kant 2 Bde. 

Analysis der Wirklichkeit 2. Aufl. 1901. 
Der Geist der Transzendentalphilosophie. 1901. 
Grundriss d. krit Metaphysik. 1901. 
Klimax der Theorien. 1884. 
üeber den objektiven Anblick. 1869. 
Kant und Epigonen. 

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— 58 



Lange, H. 
Laas, E. 
Lasswitz, K. 
Lamprecht 

Mayer, J. R 
Mill, J. St. 
Maine de Birau 

Medicus, F. 
Oncken, A. 
Riehl, A. 
» kert, H. 



Schopenhauer, A, 

Schulze, G. E. 
Sigwart, Chr. 

j> 
Stein, L. 



Stammler, R. 
Scheler, M. 
Vaihinger, H. 
Volkelt, J. 



Wundt, W. 
Windclband, W. 

Wartenberg, M. 
ZeUer, E. 



Geschichte des Materialismus. 2 Bde. 

Kants Analogien der Erfahrung. 

Wirklichkeiten. 2. Aufl. 

üeber geschichtliche Auffassung und geschichtliche 

Methode. 

Kants Psychologie. 

System der induktiven Logik. 2. Aufl. 

Oeuvres philos. publikes. 

Oeuvres inMites publikes par E. Naville. 3 Bde 

Kant und Ranke, Kantstudien, Bd. Vlll. 1903. 

Geschichte der Nationalökonomie. I. Bd. 

Der philos. Kritizismus. 

Der Gegenstand der Erkenntnis. 2. Aufl. 

Die Grenzen der naturwiss. Begriffsbild. 

Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. 

Welt als Wilde und Vorstellung. Herausg. v. Griesbach. 

Der Satz vom zureichenden Grunde. 

Aenesidemus. 

Logik. 2 Bde. 2. Aufl. 1893. 

Vorfrage der Ethik. 1886. 

Die soz Frage im Lichte der Philos. 2. Aufl. 

An der Wende des .Jahrhunderts. 

Der soz. Optimismus. 

Der Sinn des Daseins. 

Wirtschaft und Recht. 

Transzendentale u. psychol. Methode. 

Kommentar z. Krit. d. r. Vernunft. 2 Bde. 

Schopenhauer. 

Erfahrung und Denken. 

Kants Erkenntnistheorie. 

Beiträge z. Analys. d. Bewussts. i. d. Zeitschr. f. Philos. u. 

phil. Krit. 

Logik. 2 Bd. 

Präludien. 

Geschichte u. Naturwiss. Rektoratsrede. 

Kants Theorie der Kausalität. 

Vorträge und Abhandlungen. 



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Benier Stadien zur Philosophie and ihrer Geschichte. 

Band XXXXTT^ 



Herauagegeben yon 
Dr. Ludwig Stein, 

Professor an der UniTersitKt Bern. 



Die Politik und die Diciitung 



Von 



Dr. phil. Hans Pototzky 




BERN 

Buchdruckerei Scheitlin, Spring & Cie. 
1906. 

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Herrn 

Professor Dr. Lijid\vig Stein 

in Bern 



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Vorwort 



Die vorliegende Arbeit ist die etwas erweiterte Wiedergabe 
zweier Vorträge, die ich im Juli 1905 vor einem Bern^ literarischen, 
und im Juni 1906 vor einem Breslauer staatswissenschaftlich gebil- 
deten Publikum gehalten habe. 

Für gütige Mitteilungen und Ausktlnfte bin ich zu Dank ver- 
pflichtet den Herren: 

Dr. Ludwig Stein^ Prof. der Philosophie an der Universität Bern, 
Dr. Oscar Wcdzel, Prof. der Literaturgeschichte a. d. Universität Bern, 
Dr. A. Oncken, Prof. der Staatswüsemchaften an der Universität Bern. 

Breslau, 1. Juli 1906. 

Dr. Hans Pototzky. 



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Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

1. Einleitung 5 

2. Die Politik in der Romantik 7 

3. Die soziale Frage im modernen deutschen Drama 36 



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Einleitung. 



Die Forschungen über die deutschen Romantiker sind gegen- 
wärtig auf einem toten Punkt angelangt. Die Literarhistoriker der 
Neuzeit, welche diese schwierige Epoche in Angriff genommen haben, 
konnten nicfht umhin, sich auf ästhetischen und literarischen Details 
festzulegen. Keiner dieser modernen Forscher hat darüber nach- 
gedacht, ob nicht die literarischen Romantiker mit den sogenannten 
Staatsromantikem in irgend einem Zusammenhange, bzw. Abhängig- 
keitsverhältnis gestanden haben. Als Reinhold Steig in seinem Werke : 
„Kleists Berliner Kämpfe" schüchtern auf die Beziehungen zwischen 
Heinrich von Kleist und Adam Müller hinwies, erklärte Oskar Walzel 
in einer Rezension dieses Baches, dass man sich davor hüten müsse, 
das politische Moment bei den Romantikern in den Vordergrund zu 
stellen. Auch Koch in seiner Literaturgeschichte (neueste Auflage) 
erwähnt nur ganz nebensächlich Kleists Beziehungen zu Adam Müller. 
Und so kann es bei der Einseitigkeit dieser Forschung uns nicht 
wunder nehmen, wenn ein Gelehrter, wie Georg Brandes, die deutschen 
Romantiker als reif fürs Narrenhaus, bzw. für die Lungenheilstätte 
erklärte. Sehr mit Unrecht! Welch geistige Macht damals die deutschen 
Romantiker in Preussen repräsentierten, kann man am besten daraus 
erkennen, dass sie der allmächtige Minister Hardenberg ernst, bitter 
ernst nahm und sie ein halbes Menschenalter hindurch mit Waffen 
bekämpfte, die wir heute als recht wenig fair bezeichnen müssen, 
ein Vorgang, der sich seitdem nur ein einziges Mal im preussischen 
Staate wiederholte, als nämlich Bismarck in ähnlicher Weise, wie 
vormals Hardenberg, die „Laskerei" (Liberalismus) mittelst Differen- 
zierung und Integrierung zerschmetterte. Damals war es der rebel- 
lierende Adel, vertreten durch 'die Romantiker, während in den 
80er Jahren das aufstrebende Bürgertum, vertreten durch die libe- 
ralen Freihändler (Lasker und Bamberger) den Ministerpräsidenten 
zum energischen Einschreiten veranlasste. Glaubt Steig wirklich, 
dass es die Person des Leutnant Kleist gewesen war, gegen welche 
Hardenberg zum tötliehen Sehlage ausholte. Hardenberg wusste sehr 

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wohl, dass Kleist nur ein Werkzeug in den Händqn der antimini- 
steriellen und in gewissem Sinne auch revolutionären „christlichen 
Tischgesellschaft" gewesen war. Die Frage, ob Kleist damals Poli- 
tiker oder Dichter gewesen ist, entscheidet sich wohl von selbst. 

Der zweite Abschnitt meiner Arbeit behandelt die „soziale Frage 
im modernen Drama". Es ist eine missliche Sache, an die Darstellung 
der Beziehungen zwischen Naturalismus und Wirtschaft heranzugehen, 
ohne mit wenigen Worten eine Zeitfrage zu berühren, die Sombart 
in seiner Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert in die Worte fasste: 
Auch das Verlagsgeschäft ist ein kapitalistischer Beruf geworden. 
Grundfalsch ist es selbstverständlich, den Naturalismus als rein 
kapitalistisches Gewächs zu bezeichnen. Anders liegt jedoch die 
Sache, wenn wir die Frage stellen: „Haben überzeugte Anhänger 
des Naturalismus ihre Sympathien für diese literarische Bewegung 
nicht nur rein literarisch, sondern auch in ihrem wirtschaftlichen 
Berufe in der Weise zum Ausdruck gebracht, dass sie, auch ohne 
ihre Macht zu missbrauchen, in Wahrheit einen kapitalistischen Trust 
(nicht Corner, da die Mitglieder der Vereinigung bona fide gehandelt 
haben), bildeten? Diese Frage muss bejaht werden. 

Es bestand in Berlin eine, wenn auch nicht oflfizielle Verbindung 
von Dichter, Verleger, Kritiker und Theaterdirektor. Ein ganzes 
Jahrzent hindurch stellten diese Herren, vom volkswirtschaftlichen 
Standpunkte aus betrachtet, eine kapitalistische Macht dar. Wohlge- 
merkt, sie vertraten ursprünglich nur ideelle, keine materiellen In- 
teressen. Erst durch die vollständige Ausschliessung . einer jeden 
Konkurrenz und die damit verbundene Beeinflussung der öffentlichen 
Meinung, bzw. des zahlkräftigen Publikums verwandelte sich die ideelle 
Macht in eine materielle. 

Diese Herren betrachteten sich nach wie vor als Repräsentanten 
des Naturalismus, und kein objektiv Denkender darf ihnen verübeln, 
dass sie treu zur Fahne hielten und gegen jede neue Richtung Front 
machten. In der Eisenindustrie sind nicht die reinen, sondern vor 
allem die gemischten Trusts, welche die Fabrikation des Roheisens, 
sowie der Panzerplatten regelt, für die Allgemeinheit gefährlich. 
Auch im vorliegenden Falle würde eine Dichter- oder Verleger-Kon- 
vention nur internes Interesse beanspruchen. Ein Trust, der hingegen 
die Haupttypen des literarischen Lebens umschloss, musste die ernste- 
sten Bedenken hervorrufen. 



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Die Politik in der Romantik. 



Elg oioivog ägiotog dfivvso&at siegt jidrQtjg. 
„niade", 12, 248. 

Die Mehrzahl der modernen Aesthetiker stimmt darin überein, 
dass der Kampf ums Drama gleichbedeutend sei mit dem Kampf 
für die Persönlichkeit, gegen das Milieu und den Zeitgeist. 

Dementsprechend stellt der Nietscheforscher Ewald die Forderung 
auf: „die Kunst darf nichts gegen den Individualismus unterneh- 
men, sie darf nirgends gegen diesen gerichtet sein, sondern soll 
im Gegenteil immer ihre Abhängigkeit von ihm bewahren, d. h. die 
Masse muss überall vom unsichtbaren Geiste einer grossen Indivi- 
dualität beherrscht sein. 

Ewald glaubt ferner, dass alle Gebildeten heute für den In- 
dividualismus eintreten, obgleich er sich nicht verhehlt, dass der 
sozialistische Gedanke auch in den höheren Schichten der Gesell- 
schaft bedenkliche Fortschritte macht. Ewald weiss nicht, dass vor 
allem in der Politik gerade der Nietzschesche Individualismus sehr 
zur Verbreitung kommunistischer Ideen beigetragen hat, da die 
modernen Uebermenschen glaubten, in dieser Partei am ehesten das 
Herrenrecht der blonden Bestie verwirklichen zu können. Heute, 
wo selbst dem überzeugtesten Nietsche Anhänger klar geworden ist, 
dass der Sozialismus für Individualitäten keinen Baum bietet, sind 
die konsequenten Nietscheaner, wie z. B. Herrmann Bahr, („zwei 
Jahre habe ich mit dem sozialistischen Auguren vergaspelt, bis ich 
sie erkannte") zum Anarchismus übergegangen, während alle übrigen 
Gebildeten nicht für ein individualistisches, sondern für ein societäres 
Prinzip eintreten. Langsam fasst der Rechtssozialismus Ludwig Stmis 
{Anton Mengers „Neue Staatslehre" ist für unsere Zeit zu extrem), 
der heute in Deutschland zum Teil durch Datnaschkes Bodenreform 
und durch Naumanns soziales Kaisertum der HohenzoUern verwirk- 
licht worden ist, in unserem Vaterlande Fuss. 

Während Stein^ sich der Hoflhung hingibt, dass die Künstler 
sieh in Zukunft vom Individualismus abwenden und neuen Idealen 

* Soziale Frage im Lichte der Philosophie, S. 350. IL Auflage. Stuttgart 1 903 

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— 8 — 

zuwenden werden, erinnert Paul Natorp an den von Comte stam- 
menden Ausspruch: 

„Das Individuum ist eine Fiktion, so gut wie das Atom". 

Wir befürworten aber keineswegs die heutige pessimistische 
soziale Kunst, sondern treten mit Nietsche dafür ein, dass der Sinn 
des Lebens zu suchen . ist in einem energischen Jasagen zu allen 
schönen und grossen Dingen. Diese Tendenz soll in der Kunst zur 
Herrschaft gelangen. Nur eine soziale Kunst, welche nicht bloss 
die Blossen und Mängel unserer Wirtschaftsordnung schonungslos 
aufdeckt, und die Organe, welche diese soziale Disharmonie angeblich 
verschulden mit Zuchtruten geisselt, sondern der Kehrseite des 
Bildes sich zuwendet und an der Symmetrie einer harmonisch ge- 
gliederten Arbeitsgemeinschaft ihre Phantasie berauscht und ihre 
ästhetischen Motivationen bereichert, ist erst im stände, den So- 
zialisierungsprozess der kulturlich vorgeschrittenen Menschheit zu 
beschleunigen. (Stein, Soziale Frage, S. 532). 

Nur diejenigen Völker werden im stände sein, grosse Männer 
hervorzubringen, welche, bis in die untersten Schichten hinein, ein 
gewisses Mass von Bildung besitzen. Denn selbst das Genie, das 
zumeist aus den niedrigen Volksklassen stammt, braucht einen ge- 
eigneten Nährboden, um sich frei entwickeln zu können. 

Nachdem man lange Zeit hindurch geglaubt hatte, unsere mo- 
derne literarische Bewegung sei ohne jede Anlehnung an die Ver- 
gangenheit geschaffen worden, bemüht man sich heute langsam nach 
rückwärts schreitend, die Quellen dieser Bewegung aufzudecken. 

Die einen glauben, der Naturalismus sei eine aufgewärmte 
Stunn- und Drangperiodo, die anderen ziehen Vergleiche mit der 
Romantik, während die dritten dem jungen Deutschland die Vater- 
schaft des Naturalismus zuschreiben. 

Um dieses schwierige Problem einer befriedigenden Lösung 
zuzuführen, muss man sich zunächst die Frage vorlegen : Von welchen 
Faktoren hängt das Entstehen einer neuen literarischen Bewegung 
ab? Betrachten wir die Sturm- und Drangperiode, die Romantik, 
das junge Deutschland und den Naturalismus, so erkennen wir auf 
den ersten Blick, dass eine Verbindung von religiösen, politischen 
und philosophischen Problemen die Basis aller dieser Bewegungen 
bildet. Voltaire inaugurierte die religiöse, Rousseau die philosophische 
und die Enzyklopädisten die politische Aufklärung. Auf die Romantik 
haben den grössten Einfluss ausgeübt Fichte^ der Grtlnder der „Ich" 

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— 9 — 

Philosophie, Schellingy der Vater der neuen Naturreligion und Burke, 
und die Stdatsromantiker, die Wiederhersteller des mittelalterlichen 
Absolutismus. 

Was die Beziehungen zwischen der Romantik und dem jungen 
Deutschland anbelangt, so ist dieses, trotz aller Gegensätze Fleisch 
von ihrem Fleisch, Blut von ihrem Blut. Gerade der anarchische 
Charakter der Heineschen Dichtungen zeigt uns, dass sich das junge 
Deutschland noch nicht zu neuen Idealen durchgekämpft hat. Was 
die philosophische Weltanschauung Heines anbelangt, so schwankte 
dieser zwischen Hegel und einem philosophischen Libertinismus, 
welcher damals in Frankreich in hoher Blüte stand. Ferner pendelte 
Heine aus dem Grunde zwischen allen drei Religionen hin und 
her, weil er als begeisterter Jude zusehen musste, wie die Juden, 
anstatt von innen heraus sich ?u reformieren, protestantischen Ritus 
mit Orgel und seichten Predigten annahmen, weil er ferner als guter 
Protestant an Stelle eines lutherischen einen romantischen Prote- 
stantismus in Berlin aufdämmern sah und weil Heine schliesslich, 
als Verehrer der romantischen katholischen Religion zusehen musste, 
wie, unter dem Verwände, eine Annäherung zwischen Katholizismus 
und Wissenschaft herbeizuführen, arglose Studentenherzen in Mün- 
chen, durch die Jesuiten annektiert wurden. Was die Politik anbe- 
langt, so können wir es Heine nachempfinden, dass er sich in Paris 
heute als Monarchist, morgen als Republikaner bezeichnete, je nach- 
dem der royalistische Saint-Siraonismus oder der kommunistische 
Enfantinismus in ihm die Oberhand gewannen. 

In der naturalistischen Bewegung entspricht Stirners „Ich", 
Wahn, sowie Nietsches „Lehre vom Uebermenschen" Fichtes Lehre 
vom „Ich"; Haeckds auf darwinistischer Grundlage beruhenden 
Naturverherrlichung steht ScheUings Naturreligion gegenüber; an die 
Stelle von Burkes „Verwerfung der Volksautorität" ist Marx „Kom- 
munistisches Manifest" getreten. 

Der Entwickelungsgang der romantischen und der naturalistischen 
Schule ist ein ähnlicher. Zunächst ein gewisses Stürmen und Drängen, 
(1. Romantische Schule Holz und der junge Hauptmann); alsdann 
wird der Radikalismus überwunden, es findet eine Annäherung an 
fremde Systeme statt (2. Romantische Schule -Standesdrama) und 
schliesslich klingen beide Bewegungen in einen mystischen Symbolismus 
aus. (Steflfens-Materlink). Nur einer kleinen Gruppe gelingt es, unter 
Hervorkehrung des anarchistischen Charakters, wieder festen Fuss zu 
fassen. (Junges Deutschland- JSaÄr^ Sehnitzler), Digitizedby^OOQlc 



— 10 - 

Ricarda Huch und Oskar Ewald haben an den verschiedensteo 
Stellen ihrer Werke auf den ästhetischen Zusammenhang zwischen 
Romantik und Naturalismus hingewiesen. Von der volkswirtschaft- 
lichen Bedeutung der Romantik hingegen besitzen beide Schriftsteller 
keine genügende Vorstellung. Denn die Kenntnis der Staatsromantiker 
ist selbst in Nationalökonomischen Fachkreisen bis zum heutigen 
Tage eine sehr beschränkte. Seit einigen Jahren bemüht sich die 
Onckensche Schule in Bern, diese hochinteressante Wirtschaftsepoche 
dem allgemeinen Verständnis näher zu bringen. Am Anfange des 
vergangenen Jahrhunderts dominierte in Deutschland die Smühsche 
Schule. Die Anhänger dieser Bewegung wurden im Laufe der letzten 
Jahre von der Onckenschen Schule eingehend untersucht. Was die 
Staatsromantiker anbelangt, so besitzen wir bisher uur eine einzige 
Monographie, und zwar über Adam MiiMer; eine Würdigung der 
Verdienste Justus Mosers ^ Friedrich Gents, Ludwig von Hauers, 
Edmund Burkes als Nationalökonomen ist bisher noch nicht erfolgt. 
Roschers Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland ist voll- 
kommen veraltet. Damaschkes Geschichte der Nationalökonomie ist 
das Werk eines Dilettanten und von Onckens vortrefflicher „Geschichte 
der Nationalökonomie" ist bisher leider nur der erste Band erschienen. 

Wir beabsichtigen zunächst eine rein theoretische Untersuchung 
über den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Drama bezw. 
Literatur anzustellen, alsdann soll der Einfluss der Politik auf die 
Literatur in der der Romantik vorangehenden Epoche kurz skizziert 
werden. Im Anschluss hieran werden wir in die Untersuchung der 
beiden Hauptthemen eintreten. 

Es möge an dieser Stelle noch einmal betont werden, dass es 
sich im ersten Teile vor allem um eine volkswirtschaftliche, historisch- 
dogmatische Untersuchung handelt. Selbstverständlich wird das zu 
Tage geförderte Material auch für den Literarhistoriker von grossem 
Interesse sein. 

Professor JeUinek (Heidelberg) macht in seinem „Recht des 
modernen Staates"^ darauf aufmerksam, dass in dengrossen sozialen 
Parteikämpfeu immer ein Element des Menschen mit dem ganzen 
Menschen identifiziert wird. So ist in dem Zeitalter der Glaubens- 
kriege der Mensch lediglich als religiöses Geschöpf betrachtet worden. 
Die Revolution und das sie vorbereitende Naturrecht haben in der 



Berlin 1900. 

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— 11 — 

Freiheit das Wesen des Menschen gesucht. Der moderne Sozialismus 
hingegen erfasst den Menschen lediglich als ein ausschliesslich von 
seinen wirtschaftliehen Interessen beherrschtes Subjekt und betrachtet 
alle anderen Erscheinungen des Gemeinlebens als Nebenprodukte der 
einen grossen Grundkraft. Und in der Tat finden wir in den Werken 
der Klassiker vor allem rechtsphilosophische, bei den Romantikern 
politische und bei den Naturalisten ökonomische Ideen vor. 

Die Einwirkung der schönen Wissenschaften auf das staatliche 
Leben charakterisiert JeUinik (1) folgendermassen : „Nicht minder 
wirken Literatur und Kunst, selbst wenn sie auch keinerlei politische 
Zwecke zu verfolgen scheinen, auf manche Seiten des Staatslebens 
ganz energisch ein. Da sie einen Teil der Atmosphäre bilden, in 
welcher die Organe des Staates leben, äussert sich, ihr Fortschritt 
auch in dem Wechsel der Anschauungen dieser. Man denke nur an 
den Einfluss der Aufkläi-uug des 18. Jahrhunderts, auf die staat- 
lichen Reformen jener Zeit, die Bedeutung des Einflusses, den poli- 
tische und ökonomische Schriftsteller unserer Zeit auf die Gestaltung 
herrschender Parteien genommen haben." 

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Staatslehre 
Kostgängerin der Literatur. Auf die „Utopia" des Thomas Monis 
1516 folgten 1517 Luthers 95 Thesen, die das Signal zum Ausbruch 
der Bauernrevolution gaben, deren Ziele zwar religiöser Natur waren, 
der Ausgangspunkt aber ein sozialer gewesen ist. Die Bauernkriege 
waren, wie Georg Adler in seinem „Kommunismus in der Zeit der 
Bauernkriege" nachweist, eine eminent soziale Bewegung. Auf Bacons 
„Nova Atlantis" und CampaneUas „Sonnenstaat", folgte 1621 in Eng- 
land die soziale Bewegung „Levellers" (d. i. Puritaner mit kommu- 
nistischen Tendenzen). Im Jahre 1753 schrieb Morelly den Staats- 
roman „Basiliade", zwei Jahre später ein sozialistisches Manifest, 
den „Code de la nature". 

Bomseau schreibt 1771 seine „Nouvelle H61oise". Die Folge 
davon war Sih/es „Tiers 6tat" und die französische Revolution. Endlich 
erschien im Jahre 1842 Cabets „Voyage en Icarie", in welchem, wie 
Stein: Soziale Frage schreibt, die Grundlinien eines kommunistischen 
Staatswesens scharf und fest gezogen und die Details der kommu- 
nistischen Staatseinrichtung in allen Verzweigungen mit einer fast 
pedantisch zu nennenden Genauigkeit angegeben sind. Und prompt 
folgte darauf das blutige Revolutionsjahr 1848, sowie Marx: Kom- 
munistisches Manifest. Wir haben es hier nicht mit zufälligen Er- 

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— 12 — 

scheinungen zu tun, sondern jene Utopisten sind, wie Stein richtig 
bemerkt, „die poetischen Sturmvögel, die das orkanartige Heran- 
rauschen einer neuen Zeit künden." Heute liegen die Verhältnisse 
umgekehrt ; denn heute treibt die Literatur im Kielwasser der Politik. 
Die Zeiten sind leider vorüber, in welchen eine Persönlichkeit zu- 
gleich Künstler, Denker und Mensch sein konnte. Man kann Ewald 
nur beistimmen, wenn er in seinem Werke: „Die Probleme der 
Romantik als Grundfragen der Gegenwart"^ sehreibt: „Heutzutage 
würde ein Fachphilosoph Gefahr laufen, sich vor seinen gelehrten 
KoUegen rettungslos zu kompromittieren, wenn er ästhetische Nei- 
gungen verriete oder gar selber produzierte." Der Gelehrte ist also 
heute nicht mehr Künstler, während der Künstler sich heute betrebt, 
von Gelehrten entlehnte wissenschaftliche Ideen dem Volke mund- 
gerecht zu machen. Infolgedessen gewöhnt sich das Publikum daran, 
alle Wissenschaft nur aus zweiter Hand zu schöpfen. Bölsche war 
solange ein Liebling des Publikums, als er Häckd popularisierte. 
Als er aber eines Tages in künstlerisch vollendeter Form eigene 
Gedanken veröffentlichte, wurden diese Veröffentlichungen vom Pu- 
blikum kaum beachtet. Es gibt heute literarische Werke, die man 
als dramatisierten Marx oder dramatisierten Nietsche oder drama- 
tisierten Darmn bezeichnen könnte. 

Wir wissen, dass zu Beginn der ersten romantischen Schule 
einige von den Tendenzen der Sturm- und Drangperiode wieder auf- 
gegriffen wurden. Durch die Dichtung unmittelbar auf das Leben 
einwirken zu wollen, ist ein bezeichnender Zug der Sturm- und 
Drangzeit, wie der aufsprossenden Romantik. Andererseits tritt gerade 
hierin eine Verwandtschaft zwischen der Geniezeit, bezw. der Romantik 
und dem tendenziösen Drama der Naturalisten und jüngstdeutschen 
Dichterschule unserer Tage hervor. Damals, wie im Ausgang des 
19. Jahrhunderts begnügten sich die Dramatiker nicht mit einer 
bloss ästhetischen Wirkung, sie wollten dazu beitragen, für einmal 
aufgeworfene Fragen Stimmung zu machen, und sie in ihrem Sinne 
zu fördern. Nicht allein Schillers Kabale und Liebe, eine ganze Reihe 
von Dichtungen behandeln so den Standesunterschied der Liebenden, 
wie es in der Gegenwart die Dramen : Rosenmontag und Zapfenstreich 
wieder tun. 

Die Quellen, aus denen die Stürmer und Dränger geschöpft 
haben, liegen klar zu Tage. Eine grosse Anzahl von Untersuchungen 

> Berlin 1905. 

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— 13 — 

belehi"! uns, dass vor allem Rousseau und Montesquieu auf die Genie- 
epoche eingewirkt haben. Der Widerwillen der Stüi'mer und Dränger 
richtete sich vor allem gegen das „tiutenklexende Säkulum". Montes- 
quieu schildert die Bureaukratie seiner Zeit mit den Worten: (Die 
Aehnlichkeit des W. B/schen Aufsatzes Russlands ^Tschinoumiki^ 
daheim und im Baltenlande in der Sammlung : Wir Balten, heraus- 
gegeben von Kirschstein und Tornius,^ mit den Rousseauschen Aus- 
führungen ist geradezu frappant). „Ehrgeiz trotz Faulheit, niedrige 
Instinkte trotz des Stolzes, die Sucht, sich ohne Arbeit zu berei- 
chern, Unwillen für die Wahrheit, Schmeichelei, Ven*at, Hypo- 
krisie, Vernachlässigung der Pflichten, Verachtung der Bürgertugen- 
den, die Furcht, dass der Begierende ja nicht tugendhaft oder ehrlich 
sei, und die Erwartung des aus seinen Schwächen zu ziehenden 
Nutzens, dies sind die Charaktereigenschaften des grössten Teiles 
der Hofschranzen." Dies änderte sich, als die Macht der Staats- 
beamten durch die Parlamente beschränkt wurde, als femer Manu- 
faktur und Industrie den Begriff des Privatbeamten schufen. Olszewski 
in seinem Werk über die Bureaukratie^ schreibt: „Was ist nun 
diesen an die Tradition der alten Herrlichkeit immerfort zurück- 
denkenden Epigonen der alten allmächtigen Kepräsentanten der mittel- 
alterlichen Bureaukratie verblieben ? Es verblieb ihnen ihr Amt und 
die Ueberbleibsel von Amtsgewalt, welche überdies vor den Angriffen 
des seiner Stellung und Rechte bewussten, volle Emanzipation von 
der Bevormundung der Behörden anstrebenden Bürgers verteidigt 
werden musste. Es musste nun dieser Rest der Amtsgewalt nach 
Tunlichkeit konzentriert und durch Form und Schablone gefestigt 
werden; damit auch nicht das geringste Nachgeben in konkreten 
Fällen zum Beispiele und Beweise dafür werde, dass auch dieser 
Rest der Macht nicht mehr nötig sei. Den übrigen Mitbürgern gegen- 
über war es angezeigt, für die Verteidigung des durch ungünstige 
mateiieUe Lage immer fadenscheiniger gewordenen Ansehens des 
Standes gute Miene zum bösen Spiele zu machen, die über dem 
Schreibpult und am Kanzleitisch durchgeriebenen Aermel zu ver- 
stecken, und am bitteren Untergrunde der schwer zu ertragenden 
Wirklichkeit phantastische Traumbilder einer besseren Zukunft aus- 
zuspinnen." In einer solchen Atmosphäre zu leben, dünkte der jungen 
Generation im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts unmöglich. Wir 



» Leipzig 1906. 
* Wirzburg 1904. 



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— 14 - 

glauben es diesen jungen Leuten, dass sie einen Abscheu vor jeder 
Art von literarischer Beschäftigung hegten. Wie Koch in seiner 
Literaturgeschichte berichtet, „warf Klinger seine angefangenen Dich- 
tungen ins Feuer, als er die angestrebte Leutnantsstelle endlich 
erhielt. Oöihe protestierte unter Anführung des Bibelspruchs, an 
seinen Früchten soll man den Baum erkennen, heftig dagegen, dass 
man das, was wir aufs Papier sudeln, als unsere Früchte ansehe 
und Lavater schrieb in seiner Physiognomik: ^Oöthe wäre ein herr- 
liches handelndes Wesen bei einem Fürsten, dahin gehört er. Er 
könnte König sein." Schüler beabsichtigte Minister zu werden und 
Herder schrieb in sein Tagebuch: Warum könnte ich eine solche 
Stiftung nicht ausführen, eine Republik für die Jugend ?" Man be- 
denke, dass alle diese Männer die Worte Bousseaus faszinierten, 
laut welchen die natürlichen Grenzen der Staatsgewalt nur in dem 
Belieben des souveränen Gemeinwillens liegen. 

Es ist hingegen sehr unwahrscheinlich, dass die modernen 
Schriftsteller des Arbeiterdramas aus Marx geschöpft haben. Um 
Marx zu verstehen, dazu bedarf es eines vieljährigen theoretisch- 
volkswirtschaftlichen Studiums, leider ist aber keiner der modernen 
Autoren Nationalökonom. Vor allem haben die modernen Autoren 
aus der Praxis geschöpft, im übrigen ist der Einfluss der öflTent- 
lichen Meinung bei allen diesen Schriften deutlich erkennbar. Die 
Gesamtheit der sittlichen, religiösen, literarischen, wirtschaftlichen 
Anschauungen erzeugt die öifentliche Meinung. Sie kann schleditweg 
als die Ansicht der Gesellschaft über Angelegenheiten sozialer und 
politischer Natur bezeichnet werden. Sie tritt ans Tageslicht vor 
allem in der Presse. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Gre- 
schichte des Einflusses der öffentlichen Meinung auf die moderne 
Literatur recht bald einen Bearbeiter finden würde. Als Vorbild 
könnte hier James Bryces Werk: „The American Commonwealth 
3. ed. 1895 dienen. Wir begnügen uns damit, den ebenerwähnten 
Zusammenhang zu konstatieren. Die Bildung, Feststellung, Bedeutung 
der öffentlichen Meinung im Detail zu untersuchen, gehört zu den 
interessantesten Problemen der Sozialwissenschaft, zugleich aber auch 
zu den schwierigsten, da es sich hier, wie Jellinek^ Allgemeine Staats- 
lehre" bemerkt, „um massenpsychologische Vorgänge handelt, deren 
Objekt mit Hülfe unserer wissenschaftlichen Methoden schwer zu 
beobachten ist". Diese Abhängigkeit der Naturalisten von der öffent- 
lichen Meinung finden wir auch bei den Romantikern. „Selbst äusser- 

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— 15 — 

lieh, in den Programm Worten" schreibt Ewald „die in den breiten 
Schichten der mittleren Bildung kursieren, in den sozialen Umgangs- 
formen, in allen Nuancen der Stilgebung, wie sie nicht zuletzt in 
der Phraseologie der Journale Ausdruck erhält, herrscht jene Dupli- 
zität von Intuition und Analyse vor, in der man nicht ganz mit 
Unrecht das Wesen der Romantik zu erblicken sich gewöhnt hat." 

Die überaus grosse Rolle, welche die Politik in der Romantik 
und in dem modernen Drama spielt, ist bisher noch nicht genügend 
gewürdigt worden. Das Ziel beider Bewegungen ist ein gleiches 
gewesen: Es galt eine Staatsreform durchzuführen. Wir setzen in 
Yorliegönder Arbeit der Romantik das moderne Drama gegenüber, 
weil der moderne Dichter, der zum Volke sprechen will, nur im 
Drama gehört wird. Im Roman und in der Novelle verhallt des 
Dichters Stimme nach kurzer Zeit. 

Durch die Forschungen von Ricarda Hv/ch} und Oskar Ewald^ 
ist es erwiesen, dass das Zeitalter der Romantik seine Realität und 
seine Romantik gehabt hat. Vom Standpunkt der Politik hat die 
Romantik Reaktionäre sowie Liberale in seinen Reihen gehabt. Dem 
Eintreten für das Mittelalter bei den Heidelberger und Jenemer 
Romantikern entspricht die Sehnsucht nach dem Kommunismus bei 
den Naturalisten. Den reaktionären Romantikern trat die Arndt 
und Bettina Gruppe entgegen ; in ähnlicher Weise ist heute das 
Arbeiterdrama durch das liberale Standesdrama von der Bühne ver- 
drängt worden. 

Pol und Gegenpol in der Romantik entsprossen dem gleichen 
politischen Nährboden; in ähnlicher Weise wächst in der natura- 
listischen Bewegung das Standesdrama aus dem Arbeiterdrama heraus. 
Den Ursprung beider Bewegungen werden wir nunmehr untersuchen. 

Wir wissen heute, dass die Romantiker nur aus dem Grunde 
zum Unbewussten hinabsteigen, weil ihnen das Bewusstsein selbst 
Problem geworden war, wir wissen ferner, dass auch das Staats- 
problem bei den Romantikern eine grosse Rolle spielte. Hingegen 
ist es völlig unbekannt, dass denjenigen Romantikern, die nicht zum 
SchlegeUchen Kreis gehörten, das Staatsproblem das Endziel aller 
Probleme war. Wir wissen, dass die Sturm und Dränger der Rousseau- 
ASieyesschen Kampf des 3. gegen den 2. Stand zum Problem erhoben. 
Wagners Kindsmörderin geiselt die Anmassung der Ofl&ziere, alle 

» Blütezeit und Verfall der Eomantik, Leipzig 1901/02. 
' Probleme der Eomantik, Berlin 1905. 

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16 — 

Boui^eoistöchter als Freiwild zu betrachten. Schüler in seiner Kabale 
und Liebe fordert die Einführung der Menschenrechte gegenüber 
der Tyrannei der Fürsten und brandmarkt in der Kammerdiener- 
szene den schändlichen Menschenhandel. 

Die Reaktion konnte nicht ausbleiben. Oöthe suchte den Gegen- 
satz von Sturm und Drang im Klassizismus, in der Anlehnung an 
die Griechen. Die Romantiker suchten ihn im Mittelalter. Selbst- 
verständlich konnten Klassizismus und Romantik nicht unmittelbar 
aufeinander folgen. Es fehlte zunächst eine Persönlichkeit, die selbst 
nicht schöpfensch, jedoch im stände war, seinen Zeitgenossen den 
Weg zu zeigen. Diese Persönlichkeit war Friedrich Schlegel, Oskar 
Walzel weist auf die Bedeutung der Brüder Schlegel mit den Worten 
hin : „Sie repräsentieren die notwendig einer Periode regsten Schaffens 
nachfolgende abwägende und abschätzende Phase der Geistesgeschichte, 
welche die Ergebnisse jener schöpferischen Zeit prüft, um die Spreu 
vom Weizen zu sondern." ^ 

Ricarda Euch nennt Wühdm ScUegd den Direktor, Wortführer, 
Herausgeber, Anordner und Antreiber der romantischen Schule. Er 
sowie sein Bruder Friedrich dürfen in der Tat nicht mit den übrigen 
Romantikem in einem Atemzuge genannt werden. An -der Ver- 
jüngung sämtlicher Wissenschaften haben die beiden Schlegels mit 
Ausnahme von Uebersetzuugen positiv nicht mitgearbeitet. Heine 
behauptet sogar, dass es WUhdm mit der Schlegelschen Schule am 
wenigsten ernst war. Hervorragendes leisteten die Brüder einzig 
und allein in der, wie Heim sagt, reproduzierenden Kritik, „wo die 
Schönheiten eines Kunstwerkes veranschaulicht werden, wo es auf 
ein feines Herausfühlen der Eigentümlichkeiten ankam". Wie in 
allen andern Wissenschaften, so mangelte es auch in der Politik 
den beiden Schlegels durchaus an originellen Ideen. Aber die An- 
regung zur Beschäftigung mit der Politik ging unzweifelhaft auch 
von ihnen aus. Wie der Feldherr, nachdem er seine Befehle erteilt 
hat, hie und da bei der Ausführung dieser mithilft und sich bei 
Ausübung dieser Tätigkeit einem subalternen Ingenieuroffizier unter- 
ordnet, so wurden auch die Brüder Schlegel in der Politik und 
Nationalökonomie, selbstverständlich nur vorübergehend, die gelehrigen 
Schüler ihrer eigenen Jünger. 

So ist es leicht erklärlich, dass alle Literaturhistoriker, welche 
sich mit der romantischen Bewegung befasst haben, die Behauptung 

* Deutsche Nationalliteratur, Band 143. 

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— 17 — 

aufstellen, die Romantiker hätten sich nur höchst widerwillig mit 
der Politik beschäftigt; die romantische Bewegung sei vor allem 
eine ästhetische gewesen. So schrieb z. B. Heinrich von Treitschke 
in seiner deutschen Geschichte: „Es geschah zum ersten Male in 
aller Geschichte, und konnte nur in einem so durchaus idealistischen 
Volke geschehen, dass eine ursprünglich rein ästhetische Bewegung 
die politischen Anschauungen verjüngte und umgestaltete." Treitschke 
nimmt demnach an, dass erst die Erniedrigung des Vaterlandes die 
Bomantiker zu Politikern gemacht habe. 

In Uebereinstimmung hiermit beabsichtigt Beinhold Steigs Werk: 
Kleists Berliner Kämpfe"^ nicht mew politischen Abschnitt aus Kleists 
Leben, sondern den politischen Abschnitt der Vergessenheit zu ent- 
ziehen. Diese Ansicht ist grundfalsch. Man werfe einen Blick auf 
Joseph Oörres, von dem selbst Bicarda Huch zugestehen muss, dass 
er die Seele der kleinen Schar Heidelberger Romantiker gewesen 
ist, diese sowohl durch seine Persönlichkeit, sowie durch seine Ideen 
begeisternd. Es ist kein Zufall, dass sich gerade der Anführer mit 
Politik beschäftigt hat. Umso berechtigter konnte die Mannschaft 
sich ästhetischen Träumerein hingeben. Sie war sicher, dass Oörres 
imstande war, diese Träume zur rechten Zeit politisch zu verwerten. ^ 
Niemand war daher Voss verhasster, als gerade Oörres, „der struppige 
Lauscher". Wir werden sofort sehen, dass auch die Schlegel später 
Oörres politische Ideen akzeptierten. Oörres hat nicht, wie man 
bisher annahm, drei Metamorphosen (eine ästhetische, eine politische 
und eine religiöse) durchgemacht, sondern, wie Dr. Franz Schulz 
(cf. Bericht der Oörres Gesellschaft) richtig bemerkt, schon in dessen 
frühesten schriftstellerischen Leistungen sind die Vordeutungen auf 
seinen späteren Geistesgang enthalten; ferner ist es erwiesen, dass 
die Grundlinien dieser grossen, mehr mit dem Herzen als mit dem 
Verstände schaffenden Persönlichkeit in jeder Epoche ihres Lebens 
und an jedem Stoflfe, den sie formten, heraustraten. An Oörres, der 
auf der einen Seite der zweiten romantischen Schule angehört, auf 
der anderen Seite den Staatsromantikern beigesellt werden muss, 
kann am klarsten demonstriert werden, welche Stellung der Politik 
n der romantischen Bewegung anzuweisen ist. Oörres, der vierte 
Alliierte der Befreiungskriege, war der erste Romantiker, welcher 
der Politik den ihr gebührenden Platz in dem neuen System neben 
der Philosop hie und der Poesie anwies. In der Münchener Zeitschrift 

' BerUn 1901. 

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— 18 



^Aurora" schrieb Oörres 1805 seinen berühmten Aufsatz: „Drei 
Revolutionen". Er warf der Politik vor, dass sie sich von der 
Philosophie (sc. Aufklärungsphilosophie) habe umgarnen lassen. Er 
weist auf die Poesie hin, die durch die Bttckkehr zum Mittelalter 
in neue Bahnen gelenkt worden sei. 

In dem Aufsatz : Die Herabkunft der Ideen und das Zeitalter, 
eifert Oörres gegen die giftige Weltklugheit, die in der Kunst, in 
der Poesie und Politik zur Herrschaft gelangt sei. 

Beifolgendes Schema hat den Zweck, die folgenden Ausführungen 
zu unterstützen. 

Josepk Görres und der Werdegang der Politik in der RonaotiL 



DasJahrl906, 


Schellings 


Mystik des 


Allgemeiner 


. Die BrAder 


Schlegels Auf • 


Naturphilo- 


Novalis. 


ästhetischer 


Schlegel als 


ruf, Fichtes 


sophie. 




Widerwille 


Fürsprecher 


Beden. 






gegen die 


der mittel- 




Tieks Satiren. 


Beyolution. 


alterlichen 










Poesie und 






Joseph Görres 




Kunst. 


als Gegner 


Gegner der 


Gegner des 


Gegner der 


Fürsprecher 


Napoleons. 


philosophi- 


religiösen 


jakobinischen 


der mittel- 




schen Auf- 


Unglaubens. 


Beyolution. 


alterlichen 




klärung. 






Poesie und 
Kunst. 


Arndts 


Arnims, poli- 


Adam Müllers 


Kleists 


Gebrüder 


Schlachten- 


tisch-mittel- 


christliche 


Berliner 


Grimm,mittel- 


lyrik. 


alterliche 
Poesie. 


Staatslehre. 


Abendblätter. 


alterUche 

politische 

Sagen und 

Märchen. 



Oörres nimmt demnach die Ideen sämtlicher romantischer Zeit- 
genossen in sich auf, verarbeitet sie, und gibt sie in neuer Form 
von sich. Auf der Grundlage dieser neuen Ideen bauen die jüngeren 
Romantiker eine neue Schule auf, deren Grundlage uuntaehr die 
Politik wird. 

Wir ersehen aus obenstehender Tabelle, dass die Spätromantiker 
sich mit der Politik nicht aus äusseren Gründen, d. h. nicht um 
eine patriotische Bewegung zu entflammen, beschäftigten, sondern 
weil sie klar erkannten, dass sie nur in dem Fall die romantischen 
Ideen verwirklichen könnten, will sagen eine mittelalterliche Stäude- 
und Zunftverfassung, ein mittelalterliches Recht, eine geleuterte Religion 

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- 19 - 

einführen könnten, wenn sie die politische Macht im Staate besässen. 
Die Romantiker wurden in dem Augenblicke, wo sie die Lehren in 
ein Universalsystem gegossen hatten, politische Revolutionäre. Es 
ist unzweifelhaft, dass, wenn nicht die Bekämpfung Napoleons alle 
Kräfte absorbiei*t hätte, es zwischen aufgeklärtem Absolutismus und 
der Romantik zu einem Kampf auf Tod und Leben gekommen wäre. 
Fridrich Schlegels Aufforderung in den Heidelberger Jahrbüchern aus 
der Vergangenheit nicht nur ästhetische Träumereien, sondern auch 
tatkräftig handeln zu lernen, sowie ein Gedicht dieses Romantikers, 
in welchem er sagte, es sei des Dichters Ziel und Trachten, den 
Heldenruhm des deutschen Namens aus der Zeit, „als Rittertum der 
Andacht sich verbunden", wieder herzustellen, also ein Gedicht von 
ausgesprochen patriotischem Charakter, dessen Bedeutung vor allem 
darin bestand, dass ihm eine erklärende und empfehlende Rezension 
Wähelm Schlegds voranging, diese Veröflfentlichungen zeigen uns, 
dass der Hass gegen Napoleon nur der Blitzableiter war für den 
Hass der Romanti]^er gegen die sich in Staat und Kirche einnistende 
Nikolaische Aufklärung in Preussen. Aber Hardenberg liess keinen 
Zweifel darüber aufkommen, dass er der Romantik vor den Befreiungs- 
kriegen niemals Einfluss auf die Politik einräumen würde. Daraufhin 
desertierte der von seiner Geliebten missgeleitete Friedrich Sclüegd 
in der Hoflfnung, von nun an im Solde MettemicJis ein sorgenfreies 
Dasein führen zu können. Nunmehr verstehen wir, warum eine 
schwache Natur, a la Qentz zum Lumpen wurde, warum eine Kraft- 
natur wie Kleist untergehen musste, warum alle Mittelmässigkeiteu 
z. B. Foiiqu4 Ritterromane schrieben. Wenn in Fotiqu^ Zauberring 
der Kaufmann seine goldene Elle zerschlägt und alsdann den Ritter 
bittet, alle Kaufmannsgeschäfte aufgeben und ihm als Knappe folgen 
zu dürfen, so lesen wir zwischen den Zeilen die Worte : Ach wenn 
es doch in Wirklichkeit so wäre. Die Romantik ist wohl zum grössten 
Teil Reaktion gegen die RotASseau-Adam Smithscke Lehre. 

Um die wirtschaftlich-politische Tätigkeit der Romantiker charak- 
terisieren zu können, ist es notwendig, auf der einen Seite das 
wirtschaftliche Milieu, in welchem sie ihre Tätigkeit ausgeübt haben, 
bezw. welches sie bekämpft haben, einer eingehenden Untersuchung 
zu unterziehen, auf der andern Seite dogmenhistorisch zu unter- 
suchen, welche Staatsrechtler, bezw. Nationalökonomen den grössten 
Einfluss auf die Romantiker ausgeübt haben. Wie schon der Name 
besagt, stehen die literarischen Romantiker in engen Beziehungen 

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— 20 — 

zu den politischen Bomantikern. Vor allem ist der Einfluss Adam 
MuUers, Ludmg von HaUers und des Engländers Burke auf die 
Schriften der Bomantiker deutlich erkennbar. 

Adam Müller, den wir als Vorläufer Friedrich lAsU bezeichnen 
können, hat zum ersten Male nachgewiesen, dass nur diejenigen 
Länder exportfähig sein können, deren Bewohner ein ausgeprägtes 
Nationalgefühl besitzen.^ 

Denn, wenn eine Nation durch ihre Industrie einen Eindruck 
auf andere Nationen machen will, so muss sie auch durch ihre 
Nationalität und durch ihre Sitten die Völker reizen und übertreffen. 

Es ist kein Unglück, wenn Deutschland der Schuldner Englands 
an Metallgeld wird; sondern die Gefahr liegt darin, dass Deutschland 
in Ermangelung eigener Nationalität von der britischen Nationalität, 
den britischen Sitten uiid dem britischen Komfort abhängig wird. 
Aber das einzige Mittel ist, selbst nach dem wahren Gelde, nach 
der Nationalkraft zu streben und so der vaterländischen Produktion 
eine vaterländische Garantie zu geben, die vaterländische Produktion 
durch ein vaterländisches Band in Einheit und in Freiheit zu setzen.*^ 
(Elemente, S. 259.) Einige Jahrzehnte später hat Friedrich List den 
Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht er- 
kannt und Ausbildung der produktiven Kräfte Deutschlands gefordert.^ 

Auch als Politiker war MiUler bedeutend, obgleich er auf diesem 
Gebiet Originelles nicht geleistet hat. 

Die Staatslehren MiiUers und HaUers ergänzen sich gegenseitige 
Müllers „unsterblicher Souverän im unsterblichen Volke"* (1. Buch, 
Kap. 9, S. 256), entspricht der L. von HaUerschen Erklärung, dass 
der Fürst dem Staat zeitlich vorangeht und das Volk eine Schöpfung 
des Fürsten sei (Band 1, S. 511). 

Rousseau folgert (Contr. soc. 1, 3) aus der Machtlehre, die 
Aufforderung zu dauernder Bekämpfung der bestehenden Ordnung. 
„Wenn der Staat seinem Wesen nach nichts anderes ist, als faktische 
Herrschaft, so ergibt sich daraus psychologisch das Streben des 
Beherrschten, mit allen Mitteln zur Herrschaft zu gelangen. 



' Adam H. Müller: Die Elemeute der Staatskunst, Berlin 180}. 

' Friedrich List : Nationales System der politischen Oekonomie. Neu« 
ausgäbe, Gustav Fischer, Jena 1905. 

' Ludwig von Haller: Restauration der Staatswissenschaften, 2. Auf- 
lage, 1820. 

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— 21 — 

Bei HaUer manifestiert sieh die Macht, welche den letzten Grund 
des Staates bildet, als Eigentumsmacht. Schöpfer der Staaten sind 
fttr Haller begüterte, mächtige und eben dadurch unabhängige Menschen, 
Fürsten oder Korporationen, und sobald man hinreichend grosse, 
durchaus freie Ländereien, Reichtümer und die damit verbundene 
Macht erworben hat, so tritt man damit unmittelbar in die Klasse 
der Fürsten ein. 

Die Fürsten und republikanischen Kommunitäten herrschen aus 
eigenem Recht, d. h. Kraft ihrer Freiheit und ihres Eigentums. 
(1 S. 473 flf.) {Haller stand damals in Diensten der aristokratischen 
Republik Bern, Hauer unterscheidet scharf zwischen aristokratischer 
[ewiger] und kommunistischer Republik. Dies ist in Hauers Augen 
ein Werk des Satans.) 

Adam Muller erkennt nur denjenigen Adel an, der seiner ur- 
sprünglichen Verfassung getreu bleibt, d. h. wo der einzelne Adelige 
sich nur für zeitigen Repräsentanten der Familien-Freiheiten und 
als zeitigen Niessbraucher der Familienrechte ansieht (S. 258/59). 
Mutier behauptet ferner, dass der Adel die erste und einzig not- 
wendige staatsrechtliche Institution im Staate sei; er repräsentiere 
den einzelnen Menschen und ihrer augenblicklichen Macht gegen- 
über, die Macht und die Freiheit der unsichtbaren und der abwesen- 
den Glieder der bürgerlichen Gesellschaft. 

Müller tritt für Christus und das Vaterland ein, das Vaterland 
befand sich in Not und so fordert Müüer im Sinne der preussischen 
Kriegspartei; der Krieg muss zur Nationalangelegenheit gemacht 
werden. Wir sehen also, dass auch der Kriegsdrang der Romantiker 
von Adam Müüer wissenschaftlich begründet wurde. Nach Muller 
bindet die Not das vorher geschiedene. Interesse von Souverän und 
Volk: denn die durch den Krieg entstandenen Finanzangelegen- 
heiten greifen in das innerste Herz der Völker und wenn keine 
andere Stimme in der ungeheuren Wüste von Waren, Metallen und 
toten Besitzern mehr gehört wird, so ist die physische Not viel- 
leicht imstande, jene himmlischen Mächte zu erwecken von denen 
allein der Mensch die Herrschaft über die Welt empfangen kann. 
(S. 371.) Die demokratische Republik hingegen ist allen Roman- 
tikem ein Greuel. 

MüUer schreibt (Bd. 2, S. 98) : „Im Staate des tiers 6tat ent- 
weichen aus dem Staatsverein Leben, Recht, Gleichgewicht und 
Freiheit; der Souverän wird zu einer legislativen und administra- 

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— 22 — 

tiven Maschine, zu einem obersten Polizeichef. Er ist es, der überall 
seinen unversöhnlichen Gegner, den sogenannten Feudalismus aufspürt 
verfolgt und ihn auch vernichten würde, wenn die christliche Gesetz* 
gebung, die das Lehensrecht erzeugen und ausbilden half, nicht über 
allen Angriff erhaben bleibe, sollte auch eine ganze Generation zu 
ihrem eigenen Verderben ihren hohen Geist verkennen. 

Die Romantiker sahen in Napoleon nicht nur den Feind ihr^ 
Vaterlandes, vielmehr war Napoleon für sie, als Erzeugnis der Revo- 
lution, die Inkarnation des Bösen. 

Das Programm der Staatsromantiker war streng konservativ, 
aber keineswegs phantastisch. 

Müüer schreibt (S. 124), „Man muss so viele Zeugen herbei- 
rufen, als man kann für die Lehren der Zeit, weil jedes Herz die 
neue, grosse, nationale, bürgerliche und christliche Aera zu be- 
schleunigen vermag^. „Einheit der Kirche und des Staates und anstatt 
aller anderen unnützen kleinlichen Teilung der Macht, anstatt aller 
gemeinen politischen Ordnung die grosse einfache Teilung der Personen 
in Stände, Adel und Bürgerschaft, oder der Sachen in korporatives 
Eigentum, Familieneigentum und Privateigentum, das ist das ewige 
Schema aller wahren Staatsverfassung, die Garantie der Dauer und 
der Macht." 

MüUer verurteilt also aufs Schärfste die von Locke und Montes- 
quieu geforderte „Teilung der Gewalten". Bei der MüUer'schen 
Teilung der Berufe fehlt aufFß.lligerweise der Bauern- und Arbeiter- 
stand. Das erklärt sich daraus, dass ein Lohnarbeiterstand damals 
in Deutschland noch nicht existierte ; was den Bauernstand anbelangt, 
so war MüUer ein ausgesprochener Gegner der Aufhebung der Leib- 
eigenschaft.^ 

Den grössten Einfluss auf die deutschen Romantiker hat der 
Engländer Edmund Burke ausgeübt. In der ersten Nummer der 
„Berliner Abendblätter veröffentlichte Heinrich von Kleist folgenden 
Aufruf: 



* Müllers Elemente der Staatskunst erschienen 1809. Im Jahre 1815 
gab der Smithianer L. H. v. Jakob seine preisgekrönte Schrift : „Ueber die 
Arbeit leibeigener und freier Bauern*' heraus. Auf Grund dieser Arbeit 
wurde in Russland die Aufhebung der Leibeigenschaft verftlgt. Die An- 
schauungen der Staatsromantiker gingen also keineswegs unwidersprochen 
ins Land hinaus. Vergl. Dr. Hans Pototzky, L. H. v. Jakob als National- 
ökonome, Strassburg 1905. 

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— 23 — 

„Welche geistige Macht soll in Preusseu nach dem nationalen 
Zusammenbruch zur Herrschaft kommen, die prinzipielle Anerken- 
nung der Revolution oder die prinzipielle Gegnerschaft gegen dieselbe? 
Der Bruch mit der alteuropäischen Verfassung der Staaten oder 
die Staatsanschauung Edmund BurJcesf Die Reform der wirtschaft- 
lichen Zustände Preussens in der durch Adam Smiths Werk vom 
Nationalreichtum vorgeschriebenen Richtung? (Vergl. B. Steig „Kleists 
Berliner Kämpfe, S. ö3.) In der Dresdener Zeitschrift Fhobus schrieb 
Müller: „Lest den Burke^, gegen den „selbst das grOsste, das herr- 
lichste Handbuch der Staatswissenschaft, der Adam Smith zurück- 
treten müsste". 

Uns erscheint heute ein derartiger Ausruf als eine Blasphemie. 
In meiner Arbeit über L. H. v. Jakob^ habe ich nachgewiesen, \n 
welch' ungeheuerlicher Weise einzelne Lehren Smiths von der Smit- 
schen Schule in Deutschland verunstaltet worden sind. Vor allem 
wollte man SmitJi k tout prix zum Manchestermann und zum An- 
hänger einer schrankenlosen Gewerbefreiheit stempeln, obgleich in 
Smith „Wealth of nations" auch nicht ein einziges Mal in Formel 
„Laissez faire, laissez passer^ zur Anwendung gebracht ist. 

Burkes „Reflections on the French-Revolution" bildete, wie wir 
sofort sehen werden, eine sehr schätzenswerte Ergänzung der Müller- 
sehen: Elemente der Staatskunst. Auf die „Reflections" • folgte der 
„Appeal from the New to the Old Whigs". In dieser Arbeit griflf 
Burke auf das Schärfste die jakobinische (sc. Rousseau' sehe) Gesell- 
schaftstheorie an. „Im Namen der höchsten Autorität des Volkes 
wird uns befohlen, sagt er, eine unbeschränkte Macht zur Aenderung 
der Regierungsgrundlagen als eine Sache zwar nicht von ausser- 
ordentlicher Notwendigkeit, aber von allgemeinem Recht anzuer- 
kennen. Was ist das Volk? Eine Anzahl haltloser unverbundener 
Individuen, die imaginären Teile des Gesellschaftsvertrages sind nicht 
das Volk, noch können sie sich selbst durch gelegentlichen Vertrag 
dazu machen. Eine nach Köpfen gezählte Menge ist nach der Zäh- 
lung nicht mehr ein Volk als vor der Zählung. Die korporative 
Einheit des Volkes ist in der Tat etwas künstlich. Und wie wird 
die oberste Autorität des Volkes ausgeübt ? Durch den Willen einer 
Majorität. Welche Macht hat aber die Majorität, um die Minorität 
zu verpflichten. Das Volk hat kein Recht nach seinen eigenen 

* Ludtoig Heinrieh van Jakob als Nationalökonom, Verlag von Josef 
Singer, Strassburg 1905. 



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— 24 — 

Grundzügen irgend eine staatliche Autorität auszuüben. Bürgerliehe 
Gesellschaft entsteht niciit durch Zählung der KOpfe, sie ist ein 
sozialer Organismus und eine soziale Ordnung . . . Der Mensch ist 
geboren, ein Bürger derjenigen Ordnung zu sein, in welche er ge- 
langt, und ist an sie gefesselt durch die Verpflichtungen anderer 
gegen ihn und diu'ch seine Verpflichtungen gegen andere, welche 
nicht von ihm selbst erledigt sind, noch erledigt werden können. 
Er kommt weder zur Welt als eine beziehungslose Einheit noch 
erwirbt er durch irgend einen Veilrag einen phantastischen Bechts- 
titel auf ein Hunderttausendstel der unteilbaren Souveränität des 
Volkes." 

Burke prophezeite, dass die französische Monarchie nicht fried- 
lich durch eine Revolution umgestaltet werden könne. 

Wir haben Burke aus dem Grunde so ausführlich zitiert, weil 
in der Tat dieser Staatsmann von den Romantikern als Parteipapst 
verehrt worden ist und vor allem, weil, so unglaublich es auch 
klingt, Burkes Name heute vollkommen vergessen ist. In Jellineks 
Recht des modernen Staates 1900, dem hervorragendsten Werke 
über die Geschichte der Staatslehre, wird der Name Burke über- 
haupt nicht mehr erwähnt. In Steim : Soziale Frage im Lichte der 
Philosophie wird Burke nur als Anthropologe, aber nicht als Staats- 
mann betrachtet, während seine Gegner, Montesquien und Rousseau 
uns in ausführlicher Weise vorgeführt werden. Einzig und allein 
Burkes^ Landsmann PoUock schrieb 1893 in seiner „An introduction 
to the history of the science of politics": „Burke war zu gross 
für seine Zeit. Er gab der Geschichte ihren Platz in der Staats- 
lehre wieder, aber wie einige der grössten Denker der reinen Philo- 
sophie hinterliess er keine Schüler und die tatsächliche Entwickelung 
der Staatslehre im 19. Jahrhundert leitet sich nicht von ihm ab". 
Und derselbe Burke, der als Staatslehrer keine Schüler fand, wurde 
der Vater einer grossen literarischen Bewegung. 

Das Verdienst, Burke seinerzeit in Deutschland eingeführt zu 
haben, gebührt Friedrich von Qentz. 

Die Verbindung zwischen Friedrich von Oentz und der roman- 
tischen Schule beruhte, wie Ewald (a. a. 0. S. 209) richtig bemerkt, 
auf dem Gefühle einer tiefen inneren Verwandtschaft. Oentz: Auf- 
fassung vom Wesen des Staates ist bisher noch nicht eingehend 
untersucht worden. EivcUd war als nationalökonomischer Dilettant 
nicht imstande, das von ihm gesammelte Material kritisch zu ordnen. 

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— 25 — 

Am Anfange des 19. Jahrhunderts, wurden die beiden konsti- 
tuierenden Elemente des Staates, wie Jeüinek schreibt, häufig als 
das Essentielle des Staates selbst hingestellt. Die Liberalen indenti- 
:fizierten den Staat mit dem Volke, die Absolutisten, vor allem 
Hauer, behaupteten, dass der Staat im Fürsten enthalten sei, ja 
sogar, dass dieser dem Staate zeitlich vorangehe, und auf diese 
• Weise zum Schöpfer eines Volkes geworden sei. Bei Oentz ist der 
Staat weder das Eigentum eines Menschen noch ein Gegenstand der 
Willkür des Volkes, er ist eine ewige Gesellschaft, bestimmt Gegen- 
wart, Vergangenheit und Zukunft durch ein unlösbares Band anein- 
anderzuknüpfen : Die Oentzsche Auffassung vom Wesen des Staates 
hat grosse Aehnlichkeit mit der Oierkeschen Staatstheorie. Bei 
Qierke erscheint der Staat als ein durch eine feste Organisation 
und dauernde Zwecke geeinigter Verband, als eine von den einzelnen 
unterschiedene Einheit, die trotzdem nur durch die Vielheit und 
in der Vielheit der Individuen besteht. In einem wichtigen Punkte 
jedoch deckt sich die Gentzsche Anschauung nicht mit der Gierke- 
schen Lehre. Gentz betrachtet den Staat als ein organisches Ge- 
bilde im physischen Sinne, das unabhängig von den Individuen sein 
eigenes von Naturgesetzen beherrschtes Dasein führt (vergl. Gentz 
Staatstheorie in Ewald „Probleme der Romantik") Ueber den ein- 
zelnen Gliedern der Gesellschaft als Kontrahenten erhebt sich gleich- 
sam die objektive Macht des Staates, die die beharrende Basis im 
Wechsel darstellt.^ 

„Die organische Lehre pflegt nach Jeüinek eng mit der Auf- 
stellung eines Normalorganismus verknüpft zu sein, wodurch sie zu 
•einer politischen Theorie wird. Sie zeichnet einen Idealtypus des 
Staates zum Zweck der Beurteilung gegebener staatlicher Zustände. 
In der Zeichnung dieses Typus wird oft mit der grössten Willkür 
verfahren. Und so verbindet Oentz mit seiner Staatsauffassung die 
ethische Theorie in der Weise, dass er dem Fürsten die Verpflichtung 
auferlegt, die Krone zum Besten seines Volkes zu tragen. Oentz 
ethische Theorie wird am besten durch Burkes Ansichten über die 
französische Revolution illustriert. Die betreffende Stelle lautet: „Der 
Staat ist nicht bloss eine Gemeinschaft in Dingen, deren die grobe 
tierische Existenz bedarf, er ist eine Gemeinschaft in allem, was 
sehön, schätzbar, gut und göttlich im Mensehen ist. Da die Zwecke 

» Vergl. Schleiermacher: Wir wollen den Staat rein als Naturer- 
zeagnis betrachten (physis). 

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— 26 — 

einer solchen Verbindung nicht in Generationen zu erreichen sind^ 
wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben und 
denen, welche gelebt haben und denen, welche noch leben sollen.** 
Ebenfalls von Bwrke stammt Oentz Begeisterung für das mittelaltelr- 
liche Feudalwesen, sowie Oentz Erklärung der Religion als staats- 
erhaltendes Prinzip. 

Neben Burke hat vor allem Locke einen ungeheuren Einfluss^ 
auf Oentz ausgeübt. Die Quintessenz der Lockeschen Lehre lautet: 
„Das Eernwesen des Menschen liegt in der Freiheit. Diese wird 
gewahrleistet durch eine Repräsentativ Verfassung, innerhalb welcher 
dem Einzelindividiuum das Ausleben seiner Persönlichkeit gewähr- 
leistet wird. Als aber im Jahre 1814 durch die Charte Louis XVIII. 
das monarchische Prinzip im Gegensatz zur Volkssouveränität zum 
Dogma erhoben wurde (der König verleiht die Verfassung aus freier 
Machtvollkommenheit, indem er einerseits die alte Stellung des^ 
Königtums wahrt, wonach die ganze öffentliche Gewalt Frankreichs- 
in der Person des Königs ihren Sitz habe, an ihrer Ausübung jedoch 
dem Volke ein Anteil gewährt werde), führte es Oentz auch in das^ 
deutsehe Staatsrecht (Artikel 57 der Wiener Schlussakte) ein. Um 
dem monarchischen Prinzip in Deutschland den Boden zu ebnen, 
brachte es Oentz mit dem altern „teutschen Staatsrecht" in Verbindung- 
In der Stein-Hardenbergschen Zeit und auch auf dem Wiener Kon- 
gress war man sich über den Unterschied ständischen und repräsen- 
tativen Wesens überhaupt nicht klar gewesen. Man hielt beides für 
dasselbe. Erst Oentz erklärte die repräsentative Verfassung als ein 
Erzeugnis der Revolution und hielt ihr die ständische Verfassung 
im Sinne des älteren „teutschen Staatsrechts" entgegen. (Vgl. Bomhakr 
Preussische Staats- und Rechtsgeschichte, Berlin 1903). Gewte wandelte 
demnach die Lockesche Volkssouveränität in das monarchische Prinzip^ 
die 2>o(;/ces^/ie Repräsentativverfassung in eine ständische Verfassung um. 

Was die Lehre von den Staatszwecken anbelangt, so übernimmt 
Oentz fast wortgetreu die Lockesche Doktrin. JeUinek schreibt über 
diese Theorie: „Nach Vertreibung der Stuarts und der Schöpfung 
der Bill of Rights hat Locke, indem er Schutz des Eigentums, das 
Leben und Freiheit in sich fasst, als einzigen Staatszweck bezeichnet, 
die liberale Staatstheorie begründet." Q^ntz sagt: „Der Staat ist 
nicht da, um nach irgend einem selbstgewählten Massstab und wäre 
es auch der der erhabendsten Philantropie, die gesellschaftlichen 
Unebenheiten auszugleichen, das Mehr oder Weniger im Recht ist 

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— 27 — 

seine Sache nicht: die einzige Un^eichheit, die er verhüten soll, ist 
die, welche in der Rechtsverletzung entsteht.^ 

Die Lockesche Lehre wirkte auf das physiokratische System 
(laissez faire, laissez passer), weniger aber auf Adam Smith ein. In 
Anlehnung an Locke sagt Oentz: ^Im Wirtschaftsleben habe der 
Staat nicht die Aufgabe, politische Neuerungen einzuführen, das 
Individuum aber auch nicht, diesen ist nur wirtschaftliche Tätigkeit 
gestattet, in welche sich wiederum der Staat nicht hineinzumischen 
hat^ Wir sehen also, dass Oentz seine volkswirtschaftlichen Anschau- 
ungen aus tjocke^ aber nicht aus Adam Smith so schöpfte ; denn dieser 
wies dem Staate eine ganze Anzahl wirtschaftlicher Funktionen zu. 

Oentz Wahlspruch lautete: „Zwei Prinzipien konstituieren die 
moralische und intelligible Welt. Das eine ist das des immerwähren- 
den Fortschrittes, das andere das der notwendigen Beschränkung 
dieses Fortschrittes." Oentz hat dies^es Prinzip in durchaus origineller 
Weise durchgeführt: während er in der Staatspolitik durchaus 
reaktionär gesinnt war, huldigte er in der Wirtschaftspolitik dem 
Fortschritt. 

Betrachten wir nun die durch Hardenberg geschaffene wirt- 
schaftliche Lage in Preussen, gegen welche die Romantiker so leiden- 
schaftlich Opposition machten. In dem Edikt vom 27. Oktober 1810 
über die Finanzen des Staates und die neuen Einrichtungen wegen 
Abgaben u. s. w., heisst es (cf. BomJiak: Preussische Staats- und 
Rechtsgeschichte, Berlin 1903): „In Aussicht genommen wurde eine 
Reiche Grundsteuer nach Herstellung des Katasters." 

Durch das Gendarmerie Edikt vom 30. Juli 1812 erhielt auch 
das flache Land die längst erstrebte neue Organisation. Die Orts- 
polizeiverwaltung sollte von dem Schulzen und Dorfgerichten aus- 
geübt werden, während die Gutsherren diese nur zu beaufsichtigen 
und bemerkte Mängel dem Kreisdirektor anzuzeigen hatten. 

Die Steinsche Agrarreform war bekanntlich zur Hälfte gescheitert. 
Erhalten blieb die patrimoniale Verfassung des flachen Landes in 
Ort und Kreis, die bis zur Lösung des gutsherrlich bäuerlichen 
Bandes und Schafiung eines dinglich und wirtschaftlich freien Bauern- 
standes, der den sozialen Zeitumständen des flachen Landes allein 
entsprediende Ausdruck in der Verwaltung war. 

Die wirksame Neugestaltung der Verhältnisse des flachen Landes 
b^^n erst mit dem Regierungsedikte vom 14. September 1811 und 

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— 28 — 

der Gemeinheitsteilungsordnung von demselben Tage.* Die Gesetz- 
gebung verfolgte das Ziel, den Bauern das dienstfreie Eigentum ihrer 
Stellen zu verschaffen. Das Regulierungsedikt gewährte jedem Teile, 
dem Bauern wie dem Gutsherrn das Reeht, einen Antrag auf Aus- 
einandersetzung zu stellen, mit deren Erledigung der Bauer das dienst- 
freie Eigentum seiner Stelle erhielt. Die Prästationsfähigkeit der 
bäuerlichen Stellen sollte unter allen Umständen erhalten bleiben. 

Interessant ist die Kritik, welche Achim von Arnim seinerzeit 
an der Stein-Hardefibergschen Refoim geübt hat. (Iris 1821, 5. Sp. 
426 — 437), abgedruckt in Reinhold Steig: „Achim von Arnim und 
Jakob und Wilhelm Grimm. ^ * Achim von Arnim ist erst im Jahre 
1806 mit politisch-volkswirtschaftlichen Ideen an die Oeffentlichkeit 
getreten. Im Prospekt beim Erscheinen von „Des Knaben Wunder- 
hom^ hat Arnim die denkwürdigen Sätze niedergelegt : „Aber eben 
jetzt, wo der Rhein einen schönen Teil unseres alten Landes loslöst 
vom alten Stamme, andere Gegenden in kurzsichtiger Klugheit sich 
vereinzeln, da wird es notwendig, das zu bewahren und aufmunternd 
auf das zu wirken, was noch übrig ist, es in Lebenslust zu erhalten 
und zu verbinden.*" — In einem Briefe Arnims an Brentano vom 
8. September. 1806 heisst es: „Wer des Vaterlandes Not vergisst, 
den wird Gott auch vergessen in seiner Not . . . Wir glauben mit 
einem Schlage hier unseren Glauben darlegen zu müssen, dass 
Deutschland schon seit dem bayrischen Erbfolgekriegc nur in Preussen 
und soweit es mit Preussen verbunden, noch vorhanden war." 

Wir begegnen hier zum ersten Male in der deutschen Literatur 
dem Bulowscheti Ausspruch : „Preussen in Deutsehland voran." Arnim 
war aber auch ein tüchtiger Nationalökonom. In dem obenerwähnten 
Aufsatze lesen wir : „Niemand zweifelt, der Königsberg in den Jahren 
des Unglücks gekannt hat, dass es nicht einzelne Theorie, sondern 
Ueberzeugung der meisten aus der Erfahrung war, dass die allge- 
meine Lähmung aller Verhältnisse beim Eindringen der Franzosen 
aus der Gewohnheit des allzuvielen Regiertwerdens hervorgegangen 
sei. Die Selbsttätigkeit aller Stände durch Hinwegräumung ihrer 



* Literatur über die preussische Finanz- und Wirtschaftsreform vgl. 
Nasse, Bornhak; über die Bauernbefreiung vgl. ICnapp; femer Gesetzes- 
sammlung 1811. 

* Verlag von Gotta, Stuttgart und Berlin 1904. 

* Vgl. hiermit Friedrich Wilhelm III. Worte: ;,Der Staat muss durch 
geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren haf 

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— 29 — 

HemmuDgen wieder möglich zu machen, war das erste Bemühen der 
Gesetzgebung, welcher der Minister Stein vorstand. Zwei Leute 
scheinen wohl äusserlich dasselbe zu wollen, und doch tut jeder es 
in so verschiedener Art, dass die Resultate sich feindlich bestreiten. 
Stein behandelte die Verfassung des Landes als eine achtbare Grund- 
lage für sein künftiges Gebäude ; er riss niemals etwas nieder, ohne 
etwas besseres an die Stelle zu setzen ; er kannte nicht bloss eine 
Provinz, er hatte sie alle anzuschauen gesucht; er glaubte nicht 
durch Willkür eine konstitutionelle Regierung zu begi-ünden; nicht 
durch leichtsinnige Gesetze, deren Lücken jeder Leser beim ersten 
Durchlaufen hätte einsehen können, wichtige Verhältnisse zu be- 
gründen ; er unterschrieb nicht ohne Prüfung, was etwa der Enthusi- 
asmus ihm darbot, auch wenn er den Rat anderer benutzte; er 
duldete nicht, dass auf das Bestehende in den Gesetzen geschimpft 
wurde; er scheute keine Persönlichkeit, kaufte keine von sich ab^ 
sondern wusste sie in seine Bahn zu lenken, war überhaupt im 
strengsten Sinne sparsam mit den Hülfsmitteln des Staates. Das& 
auch die unter ihm bearbeiteten Gesetze wie alles menschliche ihre 
Fehler haben, ist ausgemacht, aber ganz überflüssig, in sich wider- 
sprechend, auf den Schein gerichtet ist keines.** 

Steig bemerkt hierzu: „Sehr genau sind diese negativen Urteile 
abgewogen, da die positiven eigentlich von Hardenbety gelten sollen." 

Und in der Tat hat Achim von Arnim den tiefen Gegensatz,, 
welcher zwischen der Weltanschauung Steins und Hardenbergs be- 
steht, glänzend wiedergegeben. Der tiefe Sinn, der in den Arnimscheii 
Ausführungen liegt, wird uns erst völlig verständlich, wenn wir er- 
fahren haben, was der berühmte Staatsrechtler Bornhak über diese 
beiden Staatsmänner geschrieben hat (Bornak, S. 371): 

„Stein geht überall von den Lebensbedingungen der Gesamtheit 
aus. Der einzelne soll in den Dienst zunächst eines engeren Ge- 
meinwesens und dann des Staates gestellt, damit nach den Interessen 
des Staates die Versöhnung von Staat und Gesellschaft erzielt werden,. 
Stein ist den genossenschaftlichen Zwischenbildungen zwischen Staat 
und Individuum überhaupt nicht abgeneigt. Selbst für die verfallende 
Zunftverfassung hat er ein warmes Herz und meint nur, man hätte 
sie, statt die Gewerbefreiheit einzuführen, zeitgemäss umgestalten 
sollen. Während seiner späteren Lebensjahre als Staatsmann ausser 
Diensten lenkt er geradezu wieder in altständische Auffassungen ein. 
Der individualistische Gesichtspunkt der Freiheit und Gleichheit liegt. 

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— 30 — 

ihm fern. Gegenüber der Uebermacht französischer Ideen behauptet 
Stein mit Entschiedenheit die Grundgedanken germanischen Staats- 
lebens, nur dass er in origineller Weise die Gesamtheit zum Aus- 
gangspunkte macht. So wurde er der konservative Reformer des 
preussischen Staates^. 

Wir verstehen jetzt, warum alle Romantiker Stein so glühend 
verehrten. Der Mann war Fleisch von ihrem Fleische, Blut von 
ihrem Blute. Wie für die Romantiker, so war auch für Stein die Sorge 
um das Vaterland die erste aller Pflichten. In zweiter Reihe aber 
standen bei Stein, sowie bei den Romantikem das Interesse für den 
Adel, sowie für die mittelalterliche Zunftverfassüng. 

„Für Hardenberg*^, so schreibt Bornhak, „ist das Individuum, 
seine Freiheit und schrankenlose Entwicklung das Mass aller Dinge. 
Dem Staate erwächst nur die Aufgabe, alle bisherigen Schrank^i 
freier Entwicklung fortzuräumen, die volle Freiheit und Gleichheit 
aller zu verwirklichen durch eine umfassende Finanz- und Wirt- 
schaftsreform. Sie tritt in den Mittelpunkt der Hardenberggehen 
Reformtätigkeit, während die Verwaltung nur Mittel zur Erreichung 
jenes höheren Zweckes wird. Bei dieser individualistischen Auffassung 
der Dinge Jst für genossenschaftliche Zwischenbildungen zvnschen 
dem einzelnen und dem Staate kein Raum. Sie unterliegen als Hemm- 
nisse der freien Entwicklung der Zertrümmerung. Ueber dem ein- 
zelnen Staatsangehörigen steht nur die allmächtige Staatsgewalt. 
Dieses Staatsideal ist nicht neu, es ist das der französischen Revo- 
lution, Uebertragung der Errungenschaften der französischen Revo- 
lution auf Preussen im Wege friedlicher Reform, das ist der Inhalt 
des ganzen Hardenbergischen Reformprogramms. Mit Recht bezeichnen 
seine altständischen Gegner Hardetiberg als Jakobiner. 

Der Adel hätte seine Tradition verleugnen müssen, wenn er die 
Zertrümmerung der mittelalterlichen Ständeordnung mit verschränkten 
Armen hätte über sich ergehen lassen. Der Adel musste Oppositions- 
partei werden und Hardenberg war berechtigt, diese Opposition mit 
Gewaltsmassregeln, wie die Unterdrückung der Kleistschen Abend- 
blätter zu beantworten, umsomehr als der Adel auch die äussere 
napoleonfreundliche Politik Hardenbergs aufs Schärfste bekämpfte. 
Wir müssen uns die Frage vorlegen, was wäre aus den Romantikern 
geworden, wenn man ihnen Gelegenheit gegeben hätte, sich an der 
Reorganisation des Staates zu beteiligen und wenn last not least 
Napoleam eiserne Hand nicht auf Preussen gelegen hätte. Novalis 

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— 31 — 

mit seiner hysterischen Sehnsucht nach der blauen Blume wäre ein 
Prediger in der Wüste geworden. Denn der krankhafte auf 
mittelalterliche Zustände gerichtete Drang der Romantiker hätte sich 
in gesunde Taten umgesetzt. Der Politiker Kleist wäre nicht äusser- 
lich und innerlich verblutet, der geniale, patriotische Oentz wäre 
keine Kreatur Metternichs geworden, Görres wäre nicht den Pfaffen 
in die Hände gefallen. Es ist kein Zufall, dass alle die Romantiker, 
•die sich mit Politik beschäftigt haben, entgleist sind. Auf den rich- 
tigen Platz gestellt, hätten sie auf politischem Gebiete Grosses ge- 
leistet^ und die übrigen Romantiker mit sich gerissen. Wühdm 
JScMegds „Systeme Continental" ist das Werk eines geistreichen 
Wirtschaftspolitikers, das nicht wie WcUzd^ schreibt, um einer 
Modelaune zu genügen, abgefasst worden ist. Auch Wühdm Schlegels 
„Betrachtungen über die Politik der dänischen Regierung", sowie 
«in Teil seiner Proklamationen und Aufrufe sind keineswegs das 
Werk eines Dilettanten. 

Auch Friedrich Schlegd verband mit der Staatsauffassung der 
Homantiker eine glühende Vaterlandsliebe. Seine staatswissenschaft- 
lichen Anschauungen wurden weder von Hardenberg noch von Metter- 
fdch gewürdigt und seinen Patriotismus durfte er nur vor und während 
4er Freiheitskriege offen bekennen. 

In den Vorlesungen über neuere Geschichte, die Friedrich 
Schlegd im Jahre 1810 in Wien hielt, lässt er, wie WcUzd berichtet, 
<die Ideen frei ausströmen, welche er im Dienste Stadions im Lager 
des Erzherzogs Karl nicht zu Wort hat kommen lassen können; 
sie sind eine Fortsetzung der Proklamationen, wie diese, streng 
österreichisch gedacht, voll Invektiven gegen Napoleon, Was er in 
-den Heidelbergischen Jahrbüchern gepredigt hatte, die Notwendigkeit 
ijich den grossen Zeitereignissen gegenüber der ästhetischen Träumerei 
zu entledigen, sich an einer gewaltigen Vergangenheit zu tatkräftigem 
Handeln neue Kräfte zu holen, diese Impulse werden jetzt im grossen 
-Stil durchgeführt.* 

Wenn Karl Imniermann ausrief, „er vermöge nicht einer par- 
lamentarischen Debatte aufmerksam zu folgen, weil er sich von solchen 
Abstraktionen kein Bild machen könne, so besagt das nur, dass das 
politische Parteileben mit seiner, wie Heinrich von Treitschke sagt, 

* Einleitung zu Schlegels Werken, herausgegeben von Professor Walzel, 
£)eutsche National-Literatur, Bd. 143. 

* Walzel, a. a. O., Einleitung, S. 61. 

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— 32 - 

^freiwilligen Beschränktheit und seinem grundsätzlich ungerechten 
Hasse alle grossen und edlen Naturen abstiess ; keineswegs aber ist 
der Hass gegen das kleinliche Parteigezänk zu identifizieren mit 
nationaler Interesselosigkeit". Die starke Beteiligung der Romantiker 
an den Freiheitskriegen ist doch der beste Beweis dafür, dass die 
Romantiker durch und durch politische Naturen waren. 
Wohlfahrts Verse: „Nah' ist der Tag, der unserem Volk, der Welt 
Die Freiheit wieder, Schutz den Christen gibt", 
beweisen, dass der Schlachtruf: „Für Gott, König und Vaterland*^ 
das Grundprinzip der romantischen Weltanschauung gewesen ist 

Das erste Stiftungsfest der christlichen Tischgesellschaft nach 
Beendigung der Befreiungskriege wurde durch ein Trinklied Achim 
von Arnims eingeleitet. Es ist bisher noch niemandem aufgefallen,, 
dass die Verse 14 — 16 das politische Programm der Romantiker 
enthalten. Die betreffenden Verse lauten: 

14. „Keiner lässt von Frankreichs Wahn 
Sich jetzt mehr bethören 

Dass auf künstlich neuer Bahn 
Grosse Völker steigen an 
Wie in Springbrunns Röhren. 

15. Wo ein Strom sich bilden soll, 
Muss er weit entstammen 
Und der Quellen reicher Zoll 
Der aus stiller Flut entquoll 
Trifift von selbst zusammen. 

16. Wie von selbst erfüllt sich auch 
Wie umsonst wir sinnen 

Nicht durch listiger Worte Hauch 
Durch der Menschen frommer Brauch 
Wächst ein Volk tief innen. 

17. Krieg zerstört den Eigensinn, 
Lehrt im Ganzen leben, 

Dann durchdringt des Ganzen Sinn 

Die Verfassung mit Gewinn 

Wird Gesetze geben." 
Vers 14 enthält eine strikte Absage an den Jakobinismus und 
an die „Grosse Männer Theorie". Diese Worte sind eine poetische 
Umkleidung der Lehren Edmund Biirkes. Wir erfahren aus Vers. 

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— 33 — 

15, dass die einzige Rettung für die Völker in der Rückkehr zum 
Mittelalter, gemäss Hallers „Restauration der Staatswissenschaft" 
liegt Vers 16 besagt, dass nur das Christentum imstande ist, die 
Völker zu veredeln, keineswegs aber „die listigen Worte" der Auf- 
klärungsphilosophen. Diese Verse sind die Quintessenz aus Adam 
Müllers „Elementen der Staatskunst". Der 17. Vers enthält ebenfalls^ 
Müller'sche Gedanken über die Wirkung eines Krieges auf die 
Moral des Volkes. Der Krieg verwandelt alle Egoisten in Altruisten. 
Heinrich von Kleist vertrat die gleichen volkswirtschaftlichen 
und politischen Anschauungen, wie sein Freund Achim von Arnim. 
In der heiligen Cäcilie hat der Dichter, wie wir Steigs^ sorgfältigen 
Untersuchungen verdanken, den legendären Stoff und die Erzählung 
von den übernatürlichen Vorgängen tendenziös benutzt, um gegen die 
durch Hardenbergs Edikt bestimmte Säkularisation aller geistlichen 
Güter und die Aufhebung der Klöster politische Opposition alier- 
feinster und allerschärfster Art zu macheu.* 

Auch Kleists: „Kriegslied an die Deutschen" ist eine Tendenz- 
dichtung. In der Handschrift zu dieser Arbeit finden wir die Verse : 

„Zottelbär und Pantertier 

Hat der Pfeil bezwungen" 
und am Schluss: 

„Brüder nehmt die Keule doch 

Dass er gleichfalls weiche." 
Beinhold Steig schreibt in seiner Schrift : Neue Kunde von Heinrich 
von Kleist, Berlin 1902, S. 66/67 (Verlag von Georg Reimer, Berlin) 
„Also auch „der Franzmann" bedeutet „alle Franzosen" auf deut- 
schem Grund und Boden. Die Ausrottung der Raubtiere ist an kein 
Gesetz gebunden, jedermann kann sie erschlagen; wo und wann er 
auf sie trifft. Keine reguläre Jagd, kein regulärer Krieg wird gegen sie 
geführt. So soll auch Kleists Willen zufolge 1809 gegen die Fran- 
zosen ein irregulärer, nicht moderner Vernichtungskrieg unternommen 
werden." Was Kleist in der Hermannsschlacht seinen Zeitgenossen 
vor allem vorführen wollte, das war die erfolgreiche patriotische 
Revolutionierung der Massen. Der gleichen Tendenz dient auch das 
Kriegslied der Deutschen. Kleist als ehemaliger Militär wusste sehr 
genau, dass das auf Ostpreussen, die Mark und Schlesien beschränkte 
Preussen, ja auch die ausserhalb des Rheinbundes stehenden Länder, 

* R. Steig: Kleists Berliner Kämpfe, Berlin 1901. 

* S. Rahmer: Das Kleistproblem, Berlin 1908. 

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— 34 — 

einen regulären Krieg gegen die französische Uebermacht nicht 
durchführen könnten. „Aus dieser Erkenntnis entsprang SdiiUs 
opferbereiter Todeszug, entsprang aber auch Oneisenam tiefdurch- 
dachter Plan, an dessen Gelingen der König, der für den Bestand 
des Staates verantwortliche, zweifelte. Schill, Onmenau^ Kleist und 
Clamewitz kannten nur: Freiheit des Vaterlandes oder Tod. Und 
so spricht in dem „Kriegsliede^ märkisch preussischer Mut zu den 
Deutschen." 

Den Romantikem verdanken wir auch unzweifelhaft das Ent- 
stehen einer nationalen Bühne, denn, wie Treitschke mit Recht sagt, 
„ist die nationale Bühne auch durch Schiller den Deutschen nicht 
geschenkt worden. Es fehlte dem Dichter der lebendige Verkehr 
mit dem Volke." 

Der Patriotismus der Romantiker war keineswegs Salonpatrio- 
tismus. Auf Achim von Arnim wirkte das Verbot, an der Befreiung 
des Vaterlandes aktiv teilnehmen zu dürfen, geradezu niederschmet- 
ternd. Als Orimm in einem Briefe an Arnim seiner Freude darüber 
Ausdruck gibt, dass nunmehr dieser vor einer feindlichen Kugel 
sicher sei, fühlt sich Arnim aufs Tiefste verletzt. Für Kleist sind 
diejenigen Fürsten, welche vom Tode Napoleons eine Besserung in 
der Lage Deutschlands erhofifen, geradezu verächtlich. 

„Die Schwätzer" ruft er aus, „die, ich bitte Dich 

Lass sie zu Hause gehen 

Die schreiben, Deutschland zu befreien. 

Mit Chiffern, schicken mit Gefahr des Lebens 

Einander Boten, die die Römer hängen, 

Versammeln sich im Zwielicht, essen, trinken 

Und schlafen, kommt die Nacht, bei ihren Frauen. 

Meinst Du, die Hessen sich bewegen. 

Auf meinen Flug mir munter nachzuschwingen, 

Eh' das von meinem Maultier würd ich hoffen 

Die Hoffnung: Morgen stirbt Augustus, 

Lockt sie, bedeckt mit Schmach und Schande 

Von einer Woche in die andere." 

Es ist in vorliegender Abteilung vor allem der Nachweis erbracht 
worden, dass die literarischen und die Staatsromantiker wissen- 
schaftlich zusammengehören. Die Staatsromantiker haben ihre Ideen 
vor allem von Burke und Locke entliehen, während die literarischen 

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— 35 — 

Eomantiker sich gern und willig haben von den Staatsromantikern 
leiten lassen. Die Romantiker waren ursprünglich politische Revolu- 
tionäre, Hardenberg erkannte als einziger die ungeheure Gefahr, 
die seinem Staatssystem von dieser Bewegung drohte. Er verstand 
es, die Politiker von den Literaten zu trennen und alsdann die 
Anführer unschädlich zu machen. FriedncJi Schlegel ging rechtzeitig 
zur Gegenpartei über. Wilhelm Schlegel und Oetitz mussten aus 
finanziellen Gründen in den Dienst Mettemichs treten. Adam Mül- 
ler musste Berlin verlassen, Kleist verübte Selbstmord, Arnim wurde 
politisch überwacht, die christliche Tischgesellschaft flog auf, OöÜie 
zog seine schützende Hand von den Romantikern. Nur Oörres wühlte 
auch fernerhin unermüdlich gegen die Hardenberg' sehe Regierung. 
Sein XJebertritt zum Ultramontanismus war kein Verrat. Man vergesse 
nicht, dass damals die Katholiken die einzigen waren, die offen gegen 
Hardenbergs Liberalismus ä la Nicolai Opposition machten. War 
doch die Nicolai'sche Freigeisterei sogar einem Oöthe zu abge- 
schmackt Und so kam es, dass alle die Staatsromantiker, welche 
auch nach dem Wiener Kongi'ess in Ansehen standen, mit Ausnahme 
von Oörres und Arnim, politische Kreaturen Metternichs geworden 
waren. Die deutschen Romantiker wären sehr wohl imstande gewe- 
sen, der deutschen Nation eine politische, kulturelle und literarische 
Rainessance zu schenken. Dass diese herrliche Bewegung zum Schluss 
klägliche Ritterromane hervorbrachte, das verdankt die Romantik 
einzig und allein der Person des Minsters Hardenberg. 



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Die soziale Frage im modernen deutschen 

Drama 



Die letzte Aufgabe des Einzel- und Gre- 
samtlebens besteht darin, alle in der Mensch- 
heit angelegten Kräfte voll zu entwickeln 
und ins Unendliche zu steigern, und zwar 
zur Macht über Natur, Menschenleben und 
Welt und zur daraus quellenden Freude 
am Dasein. 

Rudolf Encken 

Geschichte and Kritik der Grundbegrifife der 

Gegenwart, 1878, S. 186. 

Professor Max Koch schreibt in seiner Literaturgeschichte 
(2. Auflage 1904): „Was die Literatur heute bis aufs Tiefste erregt,, 
und überall im Drama und Roman, im Lied, wie in kritischer Be- 
trachtung zum Durchbruch kommt, ist die soziale Frage. Die alten 
liberalen Formen und Errungenschaften, für die ein früheres Ge- 
schlecht mit Gutzkows „Ritter vom Geist" und Spidhagens „Pro- 
blematische Naturen sich begeisterte, erschienen nebensächlich neben 
der alle Stände durchdringenden, vielgestaltigen, sozialen Bewegung.*^ 
Die bedeutungsvollste Anregung erhielt, wie heute allgemein ange- 
nommen wird, unsere moderne Literaturgeschichte von Taine, Taifie 
machte als erster den soziologischen Gesichtspunkt geltend neben 
und vor dem ästhetischen und psychologischen. Vor allem verdanken 
wir Taine die Lehre vom Milieu, nach welcher jedes Individuum 
nur ein Produkt seiner Umwelt sei. Stein (Soziale Frage im modernen 
deutschen Drama) sieht in dieser Lehre nur die natürliche Reaktion 
des sozialen Determinismus gegen den Indeterminismus, der Gattung 
gegen die Spezies, des Wohls aller gegen Willkür und XJebermut 
des einzelnen." Auch Marx stellt fest, dass jeder Mensch, ebenso 
wie ein ganzes Volk, das Produkt seiner Umgebung sei. In origineller 
Weise rechnet aber Marx auch geschichtliche Bedingungen zum 
Milieu hinzu. Und unter diesen geschichtlichen Bedingungen versteht 
Marx vornehmlich die Entwickelung der Produktionskräfte und die 
daraus sich ergebenden Klassenkämpfe (vgl. Stein a. a. 0., S. 291). 



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— 37 — 

Bevor wir also den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Drama 
^iner gründlichen Untersuchung unterziehen, müssen wir uns zunächst 
mit der materialistischen Geschichtsauffassung auseinandersetzen. 
Insofern man von der Richtigkeit der Lehre von der Identifizierung 
des Menschen mit dem- Wirtschaftssubjekt überzeugt ist, insofern 
man mit Marx darin übereinstimmt, dass die Produktionsweise des 
materiellen Lebens dem sozialen, politischen und geistigen Lebens- 
prozess bedingt, insofern man davon überzeugt ist, dass politische 
und juristische Bewegungen, literarische und philosophische Bedin- 
gungen gleichsam einen Ueberbau, die volkswirtschaftlichen Bedin- 
gungen hingegen das Fundament bilden, die Geschichte eine Epoche 
demnach nicht in der Philosophie, sondern in der Oekonomie der- 
selben liegt, so rauss man auch einen Schritt weitergehen und die 
Behauptung aufstellen, dass alle Dramen, da sie sich ja mit Menschen- 
schicksalen beschäftigen, soziale, d. h. Standesdramen sein müssen. 

Mit Hinweis auf Eduard Bernstein: Voraussetzungen des So- 
isialismus, behauptet jedoch JeUinek, dass „die psychologische Zer- 
gliederung des Individuums, die durchaus nicht zusammenfällt mit 
dem, was ein Individuum sich selbst dünkt, aber zweifellos ergibt, 
dass es von anderen als ökonomischen Interessen aufs tiefste bewegt 
werden kann, daher auch die von ihm geschaffenen „ideologischen 
Formen" nicht ausschliesslich aus den ökonomischen Produktions- 
bedingungen erklärt werden dürfen. 

Im Jahre 1872 stellte Ousiav Schmoller in seiner Rede zur 
Eröffnung der „Besprechung der sozialen Lage" in Eisenach fest: 
„Unsere heutige Gesellschaft drohte mehr und mehr einer Leiter 
zu gleichen, die nach unten und oben rapide wächst, an der aber 
die mittleren Sprossen mehr und mehr ausbrechen, an der nur noch 
ganz oben und ganz unten ein Halt ist". Und in dem Jahre 1876 
hatte SchmoUer sogar den Untergang unserer Kultur prognostiziert, 
falls wir forttreiben in dem elementaren Strudel einer wachsenden 
Vermögensungleichheit. „Ich glaube", so schloss SchmoUer seine Rede, 
^nur Unkenntnis der Tatsachen, und ein hohes Mass von sanguini- 
schem Optimismus wird dies leugnen können". Gross geworden 
waren aber diese Ueberzeugungen im Schatten der Sozialdemokra- 
tischen Lehre. Auf der Theorie von Malthm und Ricardo hatte 
Ferdinand Lassalle sein ehernes Lohngesetz aufgebaut, welches lautet : 
„Der durchschnittliche Arbeitslohn beschränkt sich auf die in einem 
Volke gewohnheitsmässig zur Fristung der Existenz und zur Fort- 

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~ 38 — 

Pflanzung erforderliche Lebenskraft^. Zu gleicher Zeit glaubte Katl 
Marx die Dekomposition und den Untergang der bürgerlichen Ge- 
sellschaft nicht nur aus Beobachtungen folgern zu können, sondern 
ihn sogar als die Resultante der in jener Gesellschaft tätigen ele- 
mentaren Kräfte mit genau der Sicherheit berechnen zu können, 
mit der sich für Newton aus der Kenntnis des Gravitationsgesetzes 
die Kenntnis der Planetenbahnen ergab. So war, um mit Jiditis 
Wolf zu reden (1), unter dem Drucke einer Stimmungswissenschaft 
der soziale Pessimismus herrschende Doktrin des Tages geworden. 
Kunst und Literatur beugten willig ihr Haupt vor diesem neuen 
Götzen. Triumphierend konnte bereits 1892 der „Vorwärts" aus- 
rufen : ^ Es handelt sich nämlich um den Untergang der heutigen 
kapitalistischen Gesellschaft und den Sieg der Sozialdemokratie, ein 
heranreifendes Ereignis, mit welchem sich unsere Gegner mehr und 
mehr vertraut machen". Auf welche Tatsachen stützte sich nun dieser 
soziale Pessimus? Zunächst verlor im 19. Jahrhundert das Handwerk 
dadurch an Boden, dass die Nachfrage nach einer Reihe von Hand- 
werkserzeugnissen ganz aufhörte, oder wenigstens stark nachliess. Die 
gleiche Wirkung, wie das völlige Aufhören des Bedarfs an gewissen 
Handwerksprodukten hat die Ersetzung einzelner Waren durch andere, 
die dem gleichen Gebrauchszwecke dienen, die aber aus ganz anderen 
als den bisher vom Handwerk verwendeten Rohstoffen von der 
Grossindustrie angefertigt werden. In vieler Hinsicht ganz ähnliche 
Schicksale wie das Handwerk hat auch die jüngere Schwester des 
Handwerks, die Hausindustrie durchgemacht. In der Hausindustrie 
beschäftigt ein kapitalkräftiger und kaufmännisch gebildeter Unter- 
nehmer eine gi'össere Zahl von Arbeitern ausserhalb seiner Betriebs- 
stätte in ihren eigenen Wohnungen, eine Wirtschaftsform, die wir 
später in Gerhard Hauptmanns Webern kennen lernen werden. Dass 
es die Fabrik mit der Maschine ist, welche die Hausindustrie ver- 
drängt, das zeigen deutlich die Ermittlungen, welche man im Bezirk 
der Handelskammer Schweidnitz (Ort der Handlung in Hauptmanns 
Webern) angestellt hat. Die Zahl der Handspinner, die für eigene 
Rechnung arbeiten, betrug im Jahre 1849 noch über 84,000, zwölf 
Jahre später waren es dagegen nur noch 14,500. Diese Zahlen lassen 
auf ein ungeheures Elend schliessen. Seit den 60er Jahren hat dann 
die Handspinnerei als selbständige Beschäftigung überall ganz auf- 
gehört. Mit dem Handspinnen Hessen sich in den 60er Jahren aber 
* Zeitschrift für Sozialwissenschaft, I. Jahrg. 

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— 39 — 

auch beim grössten Fleiss kaum mehr als 6 Pfennige täglich ver- 
dienen. Dazu kam noch, dass durch das neue System der Arbeits- 
zerlegung die Einführung der regelmässigen gewerblichen Arbeit von 
Kindern und Frauen in umfassendem Masse möglich wurde. Und 
solche Arbeit war höchst gewinnbringend für den Fabrikanten, da 
sie ihm viel billiger zu stehen kam, als die von Männern. Sofern 
die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, 
Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, 
aber grösserer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- 
und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen 
Anwendung der Maschinerie. 

Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Kartelle aufkamen, 
glaubte man allgemein, mit vollen Segeln in den Sozialismus hinein- 
zusteuem, Die Kartelle sind zwar sozialistische Organisationen, aber 
zu nicht sozialistischen Zwecken. Bald machte die Kartelle für das 
Streben der Unternehmer nach Verlängerung der Arbeitszeit ver- 
antwortlich. Es ist dies insofern ganz verständlich, als die Unter- 
nehmer durch Verlängerung des Arbeitstages, sowie Einführung der 
Sonntags- und Nachtarbeit, das grosse in ihren Maschinen und 
Fabrikanlagen investierte Kapital besser verwerten zu können glaubten. 
Die geringen Ansprüche, welche viele Maschinen an die sie bedienen- 
den Arbeitskräfte stellen, rufen wieder bei den Unternehmern die 
Tendenz hervor, gelernte Arbeit durch ungelernte, die Arbeit er- 
wachsener Männer durch Frauen- und Kinderarbeit zu ersetzen. 
Bei dieser Gelegenheit muss auf Bjoemsom „Ueber unsere Kraft** 
(2. Teil) hingewiesen werden. Als Nichtdeutscher kann er leider im 
Rahmen dieser Abhandlung keinen Platz finden; ich begnüge mich 
daher, hier in der Einleitung auf seine vorzügliche Charakterisierung 
von Untemehmerverbänden hinzuweisen. 

Nachdem in kurzen Zügen das soziale Milieu, aus welchem das 
naturalistische Drama herausgewachsen ist, vorgeführt worden ist, 
gehen wir nunmehr zur Besprechung der einzelnen, unter diese 
Kategorie fallenden Werke über. 

Häufig beobachten wir in dem sozialen Tendenzdrama das Vor- 
kommen von Streiks. Und in der Tat gewinnen die Streiks der 
90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts besondere Bedeutung da- 
durch, dass stets hinter den streikenden Fabrikarbeitern die Gesamt- 
heit der oi^anisierten Arbeiter steht. Seit mehreren Jahrzehnten 
bestehen in England die trade unions, Gewerkvereine. Diese haben 

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— 40 — 

die Aufgabe, die Lage der gelernten Arbeiter zu verbessern, haupt- 
sächlich auf dem Wege der Arbeitslosenversicherung. Diese Gewerk- 
vereine sind aber auch eine Kampforganisation. Die Gewerkvereine 
der ganzen Welt sind verpflichtet, diejenigen organisierten Arbeiter, 
die einen berechtigten Streik führen, mit Geld zu unterstützen. In 
Deutschland haben die Gewerkvereine in den 90er Jahren eine all- 
gemeine Bedeutung erlangt. Während früher in der Bühnenliteratur 
Streiks überhaupt nicht vorkamen, werden sie jetzt durch Bjoemsen 
in die moderne Literatur eingeführt. 

In Fuldas „Verlorenem Paradies" * beobachten wir zum ersten 
Male ein Zurückweichen des Unternehmers vor den organisierten 
streikenden Ai'beitern. Es ist typisch für die Entstehung des Streikes, 
dass sie, gleichwie im „Verlorenen Paradies", von jungen Burschen 
inszeniert werden und dass diesen redegewandten, jungen Leuten 
gegenüber die alten Arbeiter gar nicht zu Worte kommen können 
und von der Masse mitgerissen werden. Wie im „Verlorenen Para- 
dies", so glauben auch in Wirklichkeit die Arbeitgeber erst dann 
an einen Streik, wenn er bereits proklamiert ist. Fassen wir die 
Ursache des Ausbruchs der beiden Streiks etwas näher ins Auge, 
so handelt es sich im „Verlorenen Paradies", sowie in den „Webern" 
um einen, infolge Lohnstreitigkeiten ausgebrochenen Streik. Als 
sekundäres Moment tritt in den „Webern" noch die Angst vor der 
Konkurrenz der Maschine hinzu. Das Kriterium, laut welchem die 
Maschine zur Verelendung des Arbeiters beitrage, stammt von Med- 
thus, Marx hat es später modifiziert. Er wbt der Ansicht, dass die 
Maschine den gelernten Arbeiter zum ungelernten degradiere. Die 
Masse der ungelernten Arbeiter bilde nun eine industrielle Reserve- 
armee, die durch das permanente Ueberwiegen von Angebot ein 
Hinaufschrauben des Lohnes für alle Zeiten unmöglich mache. Die 
Folgen eines Streiks sind nicht nur für den Arbeiter traurige. Auch 
der Unternehmer erleidet unermesslichen Schaden. Fabrikbesitzer 
Bernhardi (im „Verlorenen Paradies") kommt erregt aus der Fabrik 
nach Hause: „Nichts habe ich erreicht!" Die Fabrik ist geschlossen. 
Ich weiss nicht was ich beginnen soll — ich weiss nicht. (Er wirft 
sich fassungslos in einen Stuhl). Frau Bernhardi: Aber ein Streik, 
davon hört man doch jetzt alle Tage; das kann doch das Leben 
nicht kosten. Geschäft ist nun einmal Geschäft. Da geht einem nicht 



* Fulda, „Das verlorene Paradies", Verlag von Gotta, Stuttgart. 

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- 41 — 

malles nach dem Kopf. Glaubst Du, ich habe hier im Hause nicht 
^uch meine Sorgen und Widerwärtigkeiten? Bemhardi: Das also ist 
ein Verständnis bei einem solchen Unglück? Frau Bemhardi: Ich 
bitte Dich, erkläre mir wenigstens, was ist denn da so schlimmes 
dabei? Bemhardi: (aufspringend) Schlimmes! Dass ich diesen Streik 
nicht beilegen kann — unmöglich, ganz unmöglich — und dass ich 
ihn noch viel weniger aushalten kann, nicht 10, nicht 8 Tage, dass 
mir so oder so die unerhörtesten Verluste drohen — Konventional- 
strafen, Abfall der Kundschaft, Ueberholung durch die Konkurrenz 
— mit einem Worte, eine Kalamität. 

Ob- die Forderungen der Arbeiter im „Verlorenen Paradies" 
berechtigt sind, darüber lässt uns der Verfasser im Unklaren. Es 
hat aber den Anschein, als wenn Fuldas Sympathien auf Seiten der 
streikenden Arbeiter ständen. 

Hauptmann hingegen in seinen „Webern" stellt sich ganz offen 
auf die Seite der hungernden Weber. Die Not dieser Arbeiter wird 
-durch folgende Worte grell beleuchtet. Weher Bäcker: „Und wenn 
man achtzehn Tage iebern Stuhle gelegen hat, Abend fer Abend, 
wie ausgewundeu, halb drehnig vor Staub und Gluthitze, da hat 
man sich glicklich dreiz'ntehalb Beehmen erschind't. (Der Beehm 
ist der schlesische Ausdruck für 10 Pfennige). Der geringe Lohn, 
welchen der Weber verdiente, musste für Miete und Mehl ausgegeben 
werden. „Der Pauer und der Edelmann, die ziehn an eenem Strange", 
heisst es an einer anderen Stelle. Empörend ist es, dass die Kirche 
trotz der grossen Anzahl von Todesfällen die Weber zu recht hohen 
Sportein und Ausgaben zu verleiten sucht. „An so'nem grossen Be- 
gräbnisfest, da hat die hohe Geistlichkeit ihre Scheene lebervorteilung. 
Desto zahlreicher so eine Grablegung gehandhabt wird, je umfäng- 
licher auch die Offertorien fliessen. Wer die hiesigen arbeitenden 
Verhältnisse kennt, der kann mit unmassgeblicher Bestimmtheit be- 
haupten, die Herren Farrer dulden bloss widerstreblich die stillen 
Begräbnisse. „Man wird sich nun die Frage vorlegen : War Fabrikant 
Dreissiger wirklich ein so "ausgeprägter Bluthund? Ist es Heuchelei, 
wenn er sagt: Die iSeschäfte gehen hundsmiserabel, ich setze zu, 
statt dass ich verdiene. Die Ware liegt mir da in tausenden von 
Schaken und ich weiss heute noch nicht, ob ich sie jemals verkaufen 
werde." Ist es Lüge, wenn Dreissiger zum Pastor sagt: „Das Aus- 
land hat sich gegen uns durch Zölle verbarrikadiert ; dort sind uns 
die besten Märkte abgeschnitten und im Inland müssen wir eben- 



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— 42 — 

falls auf Tod und Leben konkurrieren, denn wir sind preisgegeben^ 
völlig preisgegeben." 

Auch wir bestreiten die Lebenswahrheit der „Weber" nicht. lü- 
den Baumerts ist der genaue Typus einer alten Hausweberfamilie 
in ihrem Heimarbeiterverhältnis reproduziert. Nach Frahne ^ stellte 
sich der damalige wöchentliche Verdienst 

eines Putzelspinners auf 2 — 5 Sgr. 

eines gewöhnlichen Handspinners auf 5—12 Sgr. 
eines Handwebers auf 10 — 20 Sgr. 

Kries behauptet, dass für Hunderte, ja Tausende dieser unglttcklichei» 
Familien der tägliche Erwerb von 9 Pfennigen bis 1 Sgr. 3 Pfennige 
den Mann, Frau, Kind erarbeiten, oft für sechs Köpfe ausreichen 
soll. Frahne behauptet nun mit Recht: „Wer unparteisch und ob- 
jektiv mit dem Studium jener trostlosen Zustände der ersten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts sich befasst, wird Zuständen begegnen, die 
man heutzutage als menschenunwürdig nicht mehr ans Licht zu 
ziehen wagt, und die umso recht erkennbar machen, welch gewaltige 
soziale Fortschritte die kapitalistische Wirtschaftsperiode neben allen 
ihr anhaftenden Schwächen und Schäden gezeitigt hat, und wie 
wenig eine alles rücksichtslos regierende Unzufriedenheit in der 
Gegerrwartsepoche am Platze ist." 

Hauptmann wollte aber nicht etwa ein deskriptives soziales Drama, 
sondern ein deskriptives Tendenzdrama schreiben. Er wollte mit 
diesem Stücke die heutige kapitalistische Gesellschaft anklagen, ob^ 
wohl, wie sofort bewiesen werden wird, die damalige Wirtschafts- 
epoche teilweise eine Manufaktur- teilweise eine kleinkapitalistische 
Epoche war. 

Oiäich in seiner geschichtlichen Darstellung des Handels sehreibt 
1830: „Im allgemeinen entwickelte sich die schlesische mechanische 
Spinnerei nur langsam; der Uebergang war schwierig, es fehlten 
die geeigneten Maschinenfabriken und das Kapital. 1843 besass 
Schlesien nur. acht Maschinenspinnereien, 1849 zehn Betriebe mit 
2636 Arbeiter, während die Zahl der Handspinner von Zimfnerma$m 
auf 52,415 im Jahr 1849 geschätzt wurde. Und in der Leinen- 
weberei gab es 1846, 45,029 Webstühle, hingegen nur 15 mecha- 
nische Leinenstühle. Es ist nun pittoresk zu erfahren, dass die 
Webemot hauptsächlich durch die preussische Freihandelspolitik, 
sowie durch die schrankenlose Gewerbefreiheit herbeigeführt wurde. 

^ Die Textilindustrie im Wirtschaftsleben Schlesiens, Tübingen 1906. 

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— 43 — 

Ferner hing der kleine Mann mit seltener Zähigkeit am Altherge- 
brachten fest; nicht einmal die Einftthrung der bequemen und besser 
arbeitenden Schnellschützen, die schon 1738 durch John Kay in 
Anwendung gebracht wurden, gelang dem Minister von Hoym zu 
Beginn des 19. Jahrhunderts. Eine Folge davon war das Hängen- 
bleiben an der alten unrentablen manuellen Fabrikationsmethode. 
Es ist bezeichnend für die Hauptmannschen „Weber" dasa sie bei 
Ausbruch der Revolution nichts Eiligeres zu tun hatten, als die 
mechanischen Webstühle zu zerstören, obgleich die Arbeiter der 
wenigen schlesischen Fabriken 5 — 8 Sgr. Taglohn hatten. 

Man darf nicht etwa glauben, dass die Regierung untätig diesen 
schrecklichen Ereignissen zusah. Man versuchte die Leinenbranche 
auf alle erdenkliche Weise zu heben, man ging dazu über, durch 
die Belebung anderer Berufszweige und Schaffung neuer Erwerbs- 
quellen dieselbe mittelbar zu fördern. {Frahne, a. a. 0. S.) Aber, 
so schreibt Frahne. „Die tief eingewurzelte Gewohnheit ihrer alt- 
hergebrachten Beschäftigungsweise wurde zum Fluch für diese mühsam 
sich ernährende, aber dumpf dahinbrütende Menschenkategorie, 
welche jeder Neuerung abhold, Unglück und Elend des Vaters sich 
auf Sohn und Enkel vererben sah." Am 1. Februar 1849 schrieb 
Minutoli: „In der Unbeweglichkeit und Indolenz der Gebirgsbe- 
wohner und in ihrer beispiellosen Unkenntnis der Verhältnisse ausser- 
halb der Provinz liegt die Hauptschuld an dem Verfall des Leinen- 
gewerbes." Wie zu erwarten war, schlug die geplante Ueberführung 
der Leinenarbeiter zum Landbau fehl. 

Hauptmanns „Weber" sind ein Schulbeispiel für das einzigund allein 
zur Anwendung gebrachte deskriptive Vei-fehren des modernen Natura- 
lismus. Ein deskriptives Drama kann wohl Konflikte aufweisen, 
ebenso wie das wirkliche Leben Konflikte mit sich bringt ; aber ein 
Drama, welches sich damit begnügt, die Erscheinungen festzustellen 
und zu ordnen, hingegen darauf verzichtet, Regeln ihres Zusammen- 
hanges aufzuweisen, sowie ihre Verwendbarkeit für praktische Zwecke 
zu lehren, ist eine trj^sche Skizze aus dem Leben, aber kein drama- 
tisches Kunstwerk. Der Gegensatz von dem Wirtschaftsleben des 
Arbeiters ist das Wirtschaftsleben des Kapitalisten, nicht aber das 
Privatleben des Fabrikanten. Infolgedessen könnte man „die Weber" 
mit vollem Rechte eine pamphletartige Skizze nennen. Dazu kommt 
noch, dass gegenwärtig die Verhältnisse, nachdem das Maschinen- 
wesen das ihm zustehende Gebiet im wesentlichen vollständig erobert 

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— 44 — 

hat, und die Arbeiterbevölkerung sich der neuen Produktionsweise 
angepasst hat, fttr die Beschäftigung der Arbeiter weit günstiger 
sind, als in der Uebergangsperiode, wo die Maschine ihren Sieges- 
zug erst eben begonnen hatte und die Handarbeit noch einen nutzlosen 
Verzweiflungskampf (vergl. Hauptmanns Weber) gegen sie versuchte 
(cf. Lexis, Wörterbuch der Volkswirtschaft). 

Infolge der Entwickelung der Maschinentechnik ist sowohl der 
Endlichen Bevölkerung, namentlich für die Winterabende, aber auch 
den städtischen Familien eine Menge häuslicher Beschäftigungen 
genommen und von dem Grossbetrieb annektiert worden. Die Her- 
stellung von Kleidern, Tisch- und Bettzeug, von Talglichtern, Kuchen, 
Syrupen, Marmeladen, u. s. w. geschah früher in dem Hause selbst 
Bisher konnte ein allgemeiner Ersatz für diese Arbeiten noch nicht 
beschafft werden. Die Folge davon ist, dass die Mädchen der unteren 
Klassen in steigender Anzahl Beschäftigung in den Fabriken suchen, 
während in dem mittleren Bürgerstande es den jungen Mädchen 
an einem angemessenen Wirkungskreise fehlt. Diese Situation hat 
sich die Grossindustrie, sowie der Handel zu Nutze gemacht. In 
tausenden von deutschen, mit Kindern reich gesegneten Bürgers- 
und Beamten-Familien reicht der Gehalt des Familienhauptes gerade 
aus, um Wohnung, sowie Essen für die gesamte Familie zu schaffen. 
Insbesondere sind die Töchter darauf angewiesen, sich die Mittel 
für die Kleidung selbst zu erwerben. Die Mehrzahl dieser Mädchen 
ist gern bereit, sich diese Mittel durch tägliche mehrstündige Arbeit 
für einen Unternehmer zu beschaffen. 

Ricardo und nach ihm Lassalle hatten den Satz aufgestellt, 
dass der Lohn niemals längere Zeit ungestraft unter das Existenz- 
minimum sinken könne. Eine übergrosse Sterblichkeit müsste als- 
dann die Folge sein. Fräulein Gertrud Dyrenfurt hat in den Ver- 
öffentlichungen des Vereins für Sozialpolitik nachgewiesen, dass die 
Löhne für Heimarbeit in der Berliner Konfektionsindustrie trotz 
täglicher 12 stündiger Arbeit so niedrige sind, dass selbst bei der 
grössten Bedürfnislosigkeit ein normaler Mensch unmöglich davon 
Wohnung, Essen und Kleider beschaffen kann. Die Frauenrecht- 
lerinnen spornen die Frauen an mit den Männern auf gewerblichem 
Gebiete zu konkurrieren, um sich hierdurch die Mittel zur Ehe zu 
beschaffen und vergessen ganz, dass sie dort, wo sie es mit Erfolg 
tun, z. B. in kaufmännischen Bureaus, nur die Löhne der Männer 
mit hinabziehen und es dadui*ch den Männern unmöglich machen, 

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— 45 — 

zu heiraten» Aber in der Hauptsache ist der grösste Feind der 
Frauen in ihren eigenen Reihen zu suchen. Solange sich Frauen 
finden, die mit dem Lohne für täglich Sstündige Arbeit nur ihre 
Toiletten Bedürfnisse befriedigen wollen, werden diejenigen Frauen, 
die gezwungen sind, in derselben Zeit die Mittel für ihreu gesamten 
Lebensunterhalt zu erwerben, der Prostitution anheimfallen. 

In dieses Milieu führt uns Hermann Svderniann in seiner 
„Schmetterlingsschlacht". ^ Der Fabrikant Winkelmann macht mit ge- 
malten Fächern, auf welchen Schmetterlingsscblachten abgebildet 
sind, ein sogenanntes Bombengeschäft. Nichtsdestoweniger bezahlt 
er den Herstellerinnen, den Töchtern der verwitweten Frau Steuer- 
inspektor Hergenthein, ein elendes Honorar. Die kleine Rosi, ein 
künstlerisch empfindendes, junges Mädchen bekommt für ihre Malerei 
überhaupt keinen Lohn, sondern nur freie Wohnung und Essen im 
Hause des Fabrikanten. Als der Reisende der Firma die Drohung 
ausstösst, sich zu etablieren und das arme Mädchen zu heiraten» 
da kommt die ganze Angst, eine solche Geldquelle zu verlieren, 
zum Ausbruch. Kurzer Hand bietet der Fabrikant seinem Reisenden 
die Teilhaberschaft an dem Geschäft an. „Also, da gehts hinaus.^ 
Darum treiben Sie sich heimlich bei Hergentheims herum? Das 
Kind wollen Sie kapern! Und mit ihren Schmetterlingen, die sich 
gut eingeführt haben, wollen Sie meine alte Kundschaft kapern. Nun 
ist ja alles klar — Sie Lump Sie — Sie Halunke — Sie Filou — 
Sie elende Streberseele — Sie — Sie — Mensch, wollen Sie mein 
Compagnon werden ?" — Diese Heimarbeit ist selbstverständlich eine 
viel grössere Sklaverei, als die Fabrikarbeit. Denn, wie gesagt, 
Heimarbeiten, von deren Erlös der Lebensunterhalt einer Familie 
bestritten werden kann, gibt es sehr wenige. — „Wissen Sie, was 
ein Pfund Fleisch kostet, Herr Winkelmann •*, fragt die Frau Hergent- 
heim. „Wissen Sie, was ein Pfund Margarinebutter kostet. Das ist 
auch teuer, Herr Winkelmann. Und sehen Sie, Sie zahlen fürs 
Dutzend Fächer 6 Mark. Und um ein Stück zu kopieren, braucht 
man nen halben Tag. Da gibts noch kaum das Sattessen. Ei, die 
Kleider! Wie müssen die Mädchen angezogen gehen — Und dabei 
sind Sie, Herr Winkelmann, noch unser Wohltäter geworden. Und 
früher? Da haben wir Wäsche gestickt! Da hätten Sie mal sehen 
sollen, wie wir da manchmal hungerten. Und noch früher, als die 



Verlag von Gotta, Stuttgart 

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— 46 — 

Kinder noch klein waren, da habe ich alles allein verdient. Da habe 
ich — da habe ich — mein Gott, mein Gott, was werden wir nur 
bloss machen? Eischen, was werden wir nur bloss machen? 



Id ähnlicher, vielleicht noch schlimmerer Lage befinden sich 
die Schauspielerinnen an mittleren imd kleinen Bühnen. Während 
die Heimarbeiterinnen nur gegen die Putzsucht ihrer begüterten 
Kolleginnen anzukämpfen brauchen,* müssen die Schauspielerinnen 
gegen Prostituirte fechten, die in den meisten Fällen eine geschlos- 
sene Phalanx, nämlich Direktor und jeunesse doree hinter sich 
haben. In dem Schnitzler' sehen Drama: Freiwild^ verlangt der Direktor 
von seinen Schauspielerinnen ganz offen, dass sie sich ein Verhältnis 
anschaffen sollen, bloss damit er selbst an Löhnen sparen könnte. 
„Ich sorge für mein Personal", so spricht der gentlemenlike Direktor, 
„ich habe ein Recht zu verlangen, dass mein Personal auch für midi 
sorgt." „Ich kann es nicht anders, als indem ich meine Pflicht tue", 
erwiderte Anna Riedel in erregtem Tone. „Das ist eben zu wenig, 
mein Fräulein. Bitte schauen Sie doch Ihre Kolleginnen an. Jede 
hat ihren Anhang. Wenn ich heute die Schütz oder die Bender 
einfach hinausstelle, selbst in der kleinsten Rolle, ich kann darauf 
rechnen, dass Logen und ein Dutzend Parkettsitze genommen werden. 
Ihnen kann ich heute eine Rolle von 12 Bogen geben, es geht 
keine Katze ihretwegen hinein." Schliesslich macht er der Schau- 
spielerin das Anerbieten, für monatlich 25 Gulden seinem Kunst- 
institut auch fernerhin angehören zu dürfen. Während der Lohn 
der ungelernten männlichen Arbeiter stets auf dem Existenzminimum 
durch die industrielle Reservearmee gehalten wird, haben wir das 
unglaubliche Schauspiel vor uns gesehen, dass in zwei ehrenhaften 
Berufen der Lohn weit unter das zum Leben notwendige Minimum 
gesunken ist. 

Dass die Frauenfrage ein soziales Problem ist, wird wohl heute 
von niemandem mehr bestritten. Die Sozialdemokratie hat denn auch 
konsequenterweise die Lösung der Frauenfrage in ihr Programm 
aufgenommen. Innerhalb der Partei herrschenjedoch zwei Strömungen, 
die sich bisher über die Lösung dieses schwierigen Problems nicht 



Verlag von S. Fischer, Berlin. 

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— 47 — 

-einigen konnten. So betrachtet ein Teil der deutsehen Arbeiter 
-die erwerbenden Frauen nur als Lohndrücker. Zu dieser Kate- 
gorie von Arbeitern gehört auch der Maurerpolier Eduard in 
Hartlebens: Hanna Jagert.^ „Was gehen uns die Weiber an, möcht 
mal wissen, was das mit der Arbeitersache zu tun hat. Das Ein- 
zige, sie drücken die Löhne." Darauf erwiderte der sozialdemo- 
kratische Agitator Conrad: „Die Hanna, die kann doch sehr schön 
leben. Du gibst ihr doch nichts dazu. Das ist doch ne ganz andere 
Sache, wie mit sone Burschoatochter. Die natürlich hat nichts ge- 
gelernt, und hat von der ganzen Welt keine Ahnung. Und wenn 
sie nicht zufällig einer nimmt, und macht se zur Gnädigen und 
-der Vater macht mal die Augen zu, nu ja. Dann sitzt sie da mit 
4ie Talente und mits Klavierspielen und kann froh sind, wenn sie 
noch irgendwo so als alte Jungfernante unterkriechen kann." Beide 
Teile haben natürlich recht. Eine Lösung ist nur so herbeizuführen, 
<la8s diejenige Frau, die arbeiten will in einem Beruf Unterkunft 
finden kann, wo sie dem Manne keine Konkurrenz macht, dass hin- 
g^en die Frau, die mehr für das Familienleben geschaffen ist, ent- 
weder einen Mann findet, der sie miternährt, oder wenn dies aus 
persönlichen, nicht aber aus pekuniären Gründen, nicht möglich 
ist, eine ihren häuslichen Neigungen entsprechende Stellung finden 
kann. 



Nicht an Anzengrubers gesund derbe Bauern, so schreibt Koch 
in seiner Literaturgeschichte, sondern an die schlimmste Entartung 
•der Rasse, wie wir in ZoUis: la terre sie sehen, erinnert die ver- 
tierte Bauemfamilie aus den schlesischen Kohlenbezirken in: „Vor 
Sonnenaufgang."^ Unvermuteter Reichtum hat sie sittlich und kör- 
perlich zu Grunde gerichtet. Das durch Ibsem ,^Gespenster" als 
<lramatisches Motiv in Mode gekommene Moment erblicher Belastung 
wird hier mit der widerlichsten Vorführung fortgeschrittenen Säufer- 
wahnsinnes verbunden.'' Koch sowie Bleibtreu, der bekanntlich Haupt- 
mann als Undramatiker . und phantasiearmen Milieuschreiber charak- 
terisiert, tut in diesem Punkte Hauptmann unrecht. Die Zeiten sind 
4och vorüber, wo die beiden Schlusssentenzen aus der art poetique 
Ton Gottsched: 



Verlag von S. Fischer, Jena. 
Verlag von S. Fischer, Jona. 

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— 48 — 

„Was sich dem Blick verneut, stell die Erzählung dar 
Zwar wird durch Augenschein die Sache besser klar 
Doch sind der Dinge viel, die kunstverständiger Sinn 
Dem Ohre wohl, doch nie vors Auge bringet hin." 
unbeschränkte Geltung beanspruchten. 

Die französische Tragödienform mit ihrer Zurückdrängung der 
Handlung gegenüber den glänzenden, langen Reden und schönen 
Grefühlsdeklamationen in Alexandrinerreimpaaren, ihrer ängstlichen 
Wahrung des Schicklichen, der Liebe von Prinz und Prinzessin mit 
beiderseitigen Vertrauten, ist wohl für alle Zeiten abgetan. 

Aber wir verlangen nach wie vor, dass wir bei einigermassen 
gutem Wollen Sympathien für den Helden hegen können. Und da 
müssen wir Koch recht geben, wenn er schreibt, dass der Held 
unseres Stückes, ein sozialdemokratischer Agitator, zugleich der 
ledernste Philister und Prinzipienreiter sei. Wir sehen, dass ein 
verkrachter und mit Gefängnis bestrafter Journalist die hehre 
Aufgabe in sich spürt, die wirtschaftliche Lage der Bergarbeiter 
im Waldenburger Kohlenrevier zu untersuchen. Bevor ich näher 
auf die Tätigkeit dieses Mannes eingehe, will ich eine kurze 
Schilderung des Milieus, in welchem das Stück spielt, geben. Man 
kann das Niederschlesische Bergwerksrevier von Breslau mit der 
Bahn in einer Stunde erreichen. Fährt man von Waidenburg per 
Wagen nach Freiburg, so gelangt man zunächst in das reichste 
Dorf Deutschlands Weisstein. Es ist keine Uebertreibung, wenn in 
dem Stück gesagt wird : „In Witzdorf fressen Kühe und Pferde aus 
marmornen Krippen und neusilbernen Raufen." Man könnte ruhig 
noch hinzufügen, und jeder 2. Bauer holt sich seinen Schwiegersohn 
aus dem Berliner Gardeofläzierskorps. „Das hat die Kohle gemacht, 
so heisst es in dem Stücke, die unter unseren Feldern gemutet worden 
ist, die hat die armen Bauern im Handumdrehen reich gemacht." 
Ebenso wie wir in dieser Gegend die grössten Kontraste im sozialen 
Leben vorfinden, so erleben wir dasselbe Schauspiel auch in der 
Natur. Hinter Polsnitz gelangt man in den herrlichen Fürstensteiner 
Grund ; auf beiden Seiten erheben sich dichte Fichten Waldungen 
und hoch oben winkt herunter Schloss Fürstenstein, der Wohnsitz 
des Füi'sten von Pless, aus dem Hause der Grafen von Hochberg. 
Auf der andern Seite mit Epheu bewachsen liegt die alte Schloss— 
ruine Fürstenstein vor uns. 



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— 49 — 

Doch kehren wir zurück zum Agitator Loth. Natürlich ist er 
Abstinenzler, wahrscheinlich trägt er auch Jägersche Normalwolle. 
200 Mark zu borgen ist ihm zu unbequem, er lässt sie sich von seinem 
Freunde, den er durch seine Untersuchungen selbstverständlich schä- 
digt, lieber gleich schenken. Loth besitzt nicht die geringsten landwirt- 
schaftlichen Kenntnisse. Er erkundigt sich bei einem Arbeiter, wozu 
die Sense, ferner der Exstirpator da ist und fügt dann, wichtig tuend,, 
hinzu : Ich weiss, bei den Ikariern hatte man auch solche Exstirpa- 
toren. Auf die Frage des Arbeiters, wer die Ikarier seien, antwortet 
Loth: „Die Ikarier? Es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute 
aus allen Nationen, die sich zusamihengetan haben; sie besitzen in 
Amerika eiu hübsches Stück Land, das sie gemeinsam bewirtschaften ; 
alle Arbeit und allen Verdienst teilen sie gleichmässig. Keiner ist 
arm, es gibt keine Armen unter ihnen." 

Um 1840 schrieb Cabet sein berühmtes Werk: Voyage en Icarie. 
Bekanntlich ist aber auch dieser Versuch, einen Platon'^chen Ideal- 
staat zu gründen, missglückt. Man ging zunächst von dem falschen 
Grundsatz aus, dass die jungfräuliche Erde alles umsonst hergäbe; 
dann abei* waren die Mitglieder dieses Traumstaates zum grössten 
Teil Dilettanten, genau so wie unser Loth, die den Hafer von der 
Gerste nicht unterscheiden konnten, Hauptmann hätte gut daran 
getan, seinen Loth mit seinen ikarischen Erlebnissen nicht renom- 
mieren zu lassen. Ebenso sind Loths Salbadereien über die Wirkungen 
des Alkoholismus im höchsten Grade dilettantisch. Ueberhaupt stört 
an diesem Menschen das permanente dozierende Sprechen. Loth ist 
ein ebenso trockner Schleicher und Pedant wie Wagner in Göthes 
Faust. Femer: Loth wünscht die Erlaubnis zur Besichtigung der 
Gruben zu erhalten: „Ich will mindestens 4 Wochen lang täglich 
einfahren, damit ich den Betrieb einigermassen kennen lerne. HoflF- 
mann stellt daraufhin die selbstverständliche Frage : „Du willst bloss 
über die Bergleute schreiben, wie?" — In arrogant dozierendem 
Tone erwidert Loth: „Aus dieser Frage hört man, dass Du kein 
Volkswirtschaftler bist." Aber Herr Loth war ein Volkswirtschaftler 
par excellence! Unsere Wissenschaft hat, Gott sei Dank, mit der- 
artigen verlumpten Demagogen keine Gemeinschaft. Dass Loth zum 
Schlüsse sogar noch seine Braut verlässt, aus Angst in eine Pota- 
toren Familie hineinzuheiraten, eine Furcht, die vollständig unbe- 
gründet ist, da sich der alte Bauer das Saufen wohl erst nach der 
Geburt Helenens angewöhnt haben mag, das ist so ungeheuerlich. 



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— so- 
dass jeder vernünftige Mensch sich sagen muss: Di^se eine Schand- 
tat genügt, um dem Helden des Stückes jede Sympathie zu rauben. 
Schienther behauptet neuerdings, Helene sei die eigentliche Heldin des 
Stückes. Die Entstehung des Stückes fallt jedoch in die Zeit, in welcher 
Hauptmarm mit Begeisterung im Verein ^^Durch^ den darwinistischen 
Reden seines Freundes Bölsche lauschte. Wäre Helene in der Tat 
die Heldin des Stückes, dann wäre das Stück eine der glänzendsten 
Parodien auf den Darwinismus. Dass Hauptmami auch für Hedwig 
Sympathien hegt, ist selbstverständlich. Nach der Theorie von „Milieu" 
soll doch gerade gezeigt werden, wie eine unschuldige, sympathische 
Person durch die Schuld ihrer Umgebung zu Grunde geht. Schleather 
nennt „Vor Sonnenaufgang", mit vollem Recht, das erste naturali- 
stische Drama Hauptmanns. Wäre Loth nicht der Held des Stückes, 
so ist das Drama selbstverständlich aus der Liste der naturalisti- 
schen Werke zu streichen. 

Die Ironie des Schicksals hat es nun gewollt, dass gerade die 
Bergarbeiter im Waldenburger Bezirk, die Loth mit seinen sozial- 
demokratischen Segnungen überschütten wollte, die einzigen in Schle- 
sien sind, die sich zum grösseren Teil der sozialdemokratischen 
Partei nicht angeschlossen haben, sondern einen sogenannten reichs- 
treuen Bergarbeiterverband gegründet haben. Anderseits muss jeder 
objektiv Denkende zugeben, dass Hauptmann in keinem anderen 
Stücke jemals wieder das Milieu so souverän beherrscht hat, als in 
„Vor Sonnenaufgang". Gerhard Hauptmann ist für uns ein Gegner, 
den man, ebenso wie es seiner Zeit LassaUe Ricardo gegenüber 
getan hat, nur mit dem Hut in der Hand bekämpfen kann. 



Wie ist es nun zu erklären, dass gegen Ende des vorigen 
Jahrhunderts unsere neue Literatur, die, um mit Dr. Ernst zu 
reden (Zeitgeist, Berlin 1905), mit einem sehr energischen, auf 
spätere ästhetische Grosszügigkeit hinweisenden, revolutionär politi- 
schen Ansturm begann plötzlich abbrach, unruhig und ziellos wurde, 
und schliesslich gänzlich versiegte? Wie ist es zu erklären, dass 
ähnlich, wie zu Anfang des Jahrhunderts auf die ästhetischen die 
politischen Romantiker, gegen Ende des Jahrhunderts auf den 
Naturalismus das Standesdrama folgte ? Eine grosse Anzahl Literar- 
historiker haben sich mit diesem Problem beschäftigt, gelöst hat es 
keiner. Im allgemeinen wird behauptet, dass die Anhänger de» 

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— öl — 

Naturalismus sich plötzlich davon überzeugt hätten, dass die Arbeiter 
nichts anders im Sinne haben, als die geistlichen Arbeiter zu kör- 
perlich arbeitenden zu degradieren. Wenn dies wahr wäre, so hätte 
man also ein Jahrzehnt lang gegen Freiheit, Gerechtigkeit und 
Menschenwürde gekämpft. Nun ist es aber erwiesen, dass gerade zu 
der Zeit, wo der Naturalismus in Deutschland aufkam, die Maxiine 
Marx: „8 Stunden sollst du körperlich, 8 Stunden sollst du geistig 
arbeiten und 8 Stunden sollst du schlafen^, in höchster Blüte stand, 
während gegen Ende des Jahrhunderts August Bebd im Reichstage 
erklärte : „Glauben Sie ja nicht, dass wir geistig bedeutende Männer 
zwingen werden, im Zukunftsstaat körperlich zu arbeiten ; im Gegen- 
teil, wir werden uns auch im kommunistischen Staate z. B. der 
Ministerialdirektoren auch fernerhin bedienen und sie sogar sehr 
gut besolden." In der Tat handelt es sich hier um ein volkswirt- 
schaftliches Problem und ist eine eingehende Untersuchung nicht 
zu umgehen. 



Es war auf der 97er Tagung des evangelisch-sozialen Kongresees, 
als Oustav Schmoüer, * ddiS Haupt der historischen Schule, jene in der 
Zeitgeschichte höchst bemerkenswerte Schwenkung vornahm. Nach 
längerer Auseinandersetzung kam er zu folgendem Schlüsse: „Ich 
glaube bewiesen zu haben, dass, wenn wir die höheren Stellungen 
des Verwaltungspersonals, der Werkmeister und hochbezahlten Arbeiter 
die liberalen Berufe mit in Rechnung ziehen, die Schwächung des 
Mittelstandes nicht erheblich erscheint, ja vielleicht schon überwunden 
ist, dass jedenfalls Tendenzen auf eine Neubildung des Mittelstandes 
vorhanden sind." Alsdann ergriff Adolf Wagner das Wort und zu den 
anwesenden Sozialdemokraten sich wendend, sprach er : „Ihr habt völlig 
falsch generalisiert, indem Ihr das, was bei gewissen Erwerbsberufen, 
Gewerben teilweise gilt, ohne weiteres für die ganze Entwicklung 
der Volkswirtschaft als allgemeines Prinzip au^festellt habt** Der 
Sozialismas sah sich nunmehr veranlasst, die Yerelendungstheorie 
aus dem Programm der Partei zu streichen. — Es ist interessant 
2VL beobachten, welche Folgerungen die Sozialdemokratie aus dem 
Zusammenbruch der Verelendungstheorie gezogen hat. Während bis- 
her die Theoretiker des Sozialismus behaupteten, dass die dem 
Kapitalismus immanenten Verelendungstendenzen den Sieg des Prole- 
tariats unvermeidlich machten, behauptet in jüngster Zeit Rudolf 

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— 52 — 

Ooldsdieid (Verelendungs- oder Meliorationstheorie, Berlin 1906), 
dasä gerade die Abnahme des Elends, des Drucks, der Knechtung, 
der Entartung gegenwärtig die Unaufhaltsamkeit des sozialistischen 
Sieges garantieren. Ooldscheid setzt also an Stelle der Verelendungs-, 
die Meliorationstheorie. Dieses Zugeständnis ist fOr uns von über- 
aus grossem Werte. Beweist es uns doch, dass Dichter und Publikum 
in den letzten 5 Jahren auf dem richtigen Wege sich befunden haben. 
Fragen wir uns nun: Wie war es möglich, dass Theoretiker 
sowie Praktiker gezwungen werden konnten, innerhalb weniger Jahre 
ihre Ansicht von Grund aus zu ändern, so muss man hierauf ant- 
worten : Die Gewerbezählung vom Jahre 1895 hatte zahlenmässig nach- 
gewiesen, dass im deutschen Reiche die Zahl der Handwerker im 
Zunehmen begriffen sei. Nunmehr begann auch das Publikum, seine 
Stellung zur Arbeiterfrage einer Revision zu unterziehen. Im Pu- 
blikum begann plötzlich die Ansicht die Oberhand zu gewinnen, dass 
die Abhängigkeit des Handwerkers von der Grossindustrie lange 
nicht so drückend sei, wie diejenige vom Zwischenhändler. Weitere 
Untersuchungen ergaben femer, dass auch die Hausindustrie, das 
Schmerzenskind der modernen Sozialpolitik, welches, wie wir gesehent 
haben, in der naturalistischen Literatur eine tlberaus grosse Rolle 
gespielt hat, namentlich in der Kleiderkonfektion, der Tabakver- 
arbeitung, der Spitzenverfertigung und Weisszeugstickerei u. s. w.,. 
in den letzten Jahren immer mehr an Boden gewonnen hat. Während 
man früher in gewissen Kreisen die Zustände in der ländlichen 
Hausindustrie nicht pessimistisch genug beurteilen konnte, liess sich 
bei nüchterner und unbefangener Prüfung der Dinge nicht verkennen» 
dass in den betreffenden Gegenden die Zustände noch viel schlimmer 
sein würden, wenn die Hausindustrie nicht vorhanden wäre. Denn 
ohne diese würde z. B. im landwirtschaftlichen Osten die Bevölkerung 
im Winter einfach verhungern. Man gewöhnte sich ferner daran,, 
die Kartelle, über die zuerst Björnson in „lieber unsere Kraft "^ 
(2. Teil) zuerst den Stab gebrochen hatte, als etwas ebenso natür-^ 
liches und normales zu betrachten, wie den tatsächlichen Zustand 
der freien Konkurrenz. Und in der Hauptsache haben die Erfah- 
rungen, die man in Deutschland, ebenso wie in England bei dem 
weiteren Fortschreiten des Kapitalismus gemacht hatte, bewiesen,, 
dass in der voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, der Lohn- 
arbeiter nicht mehr in der gleichen, ungünstigen Lage sich befindet,, 
wie zurzeit des im Entstehen begriffenen Kapitalismus. Als sich 

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— 53 — 

nun aber die so überaus segensreichen Folgen der deutschen Arbeiter- 
schutz- und Arbeiterversicherungsgesetzgebung in Deutschland be- 
merkbar machten, als es bekannt wurde; dass innerhalb eines Jahr- 
zehnts auf Grund dieser Gesetze bis zum Schiuss des Jahrhunderts 
rund 40 Millionen Arbeiter zusammen 2 V« Milliarden Mark an 
Entschädigungen erhielten, als bekannt wurde, dass für Zwecke der 
Arbeiterversicherung in Deutschland Tag für Tag rund eine Million 
Mark aufgewandt wurde, ausserdem aber noch 100 Millionen Mark 
für den Bau von Arbeiterwohnungen, Kranken- und Genesungsheimen, 
Volksheilstätten ausgegeben worden waren, da erlosch das Interesse 
•des Naturalismus für den organisierten Arbeiterstand. Es gibt in 
Deutschland keine hungernden Fabrikarbeiter mehr, also kann man 
sie auch nicht mehr auf die Bühne bringen. Wie innig die soziale 
Lage der Arbeiter mit dem sozialen Tendenzdrama verwachsen ist, 
beweist das Erlöschen dieser Bewegung in Deutschland und das 
Wiederaufflackem der Bewegung in Russland. Russland hat es be- 
kanntlich verstanden, sich durch laugsames Erhöhen der Industrie- 
zölle eine Industrie zu schaffen. Als nun auch hier sich kapitalistische 
Krankheitserscheinungen mit all ihrem Elend für die Arbeiter zeigten, 
entstand plötzlich, ebenso wie vor 10 Jahren in Deutschland, auch 
in Russland das städtisch-soziale Tendenzdrama (Maxim Oorki) und 
vor allem die naturalistische Novelle. Ihr Hauptvertreter ist Leonid 
Andrejew. Im strikten Gegensatz zu dem städtisch-sozialen Tendenz- 
drama steht der bis zu dieser Zeit einzig und allein dominierende 
Agrarsozialismus Tolstois und Ljaesskoffs, 



Auf der Sehwelle von der alten zur neuen Zeit, d. h. vom Arbeiter- 
zum Standesdrama* steht Rose Berndt* trotz vieler Unwahrschein- 
keiten Hauptmanns bestes und ergreifendstes Drama. Wenn es sich 
auch in diesem Stücke mehr um psychologische Zergliederung als 
um Schilderung sozialer Zustände handelt, so erhalten wir gerade 
durch das Unbeabsichtigte eine wahrhaft objektive Schilderung des 
sozialen Milieus. Alter und neuer Mittelstand treten sich schroff 
gegenüber. Samhart zählt zu dem Kleinbürgertum alten Schlages, 
zu dem auch die Bauern gehören, alle jene Wirtschaftssubjekte, 



' Vgl. Teil I, S. 2 oben. 

* Verlag von S. Fischer, Berlin. 

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die auf der Grundidee der „Nahrung^ ihre Existenz aufzubauen das 
Streben haben. Deren ganzes wirtschaftliches Denken und Wollen 
von der Vorstellung beherrscht wird: die Organisation des Wirt- 
schaftslebens müsse derart sein, dass mittlere Persönlichkeiten mit 
eigenem Sachvermögen auf der Grundlage eigenen technischen Könnens 
durch Erzeugung oder Austausch einer nach Menge und Art von 
jeher bestimmten Warenmenge ihr gutes Auskommen finden. In 
.diese Kategorie gehören der alte Berndt und Buchbinder August KeiL 
Zwei richtige Vertreter des alten Mittelstandes aus der Zunft- und 
Leibeigenenzeit, deren Wahlspruch lautete : ora et labora. Den neuen 
Mittelstand repräsentiert Maschinist Streckmann. Professor Conrad 
(Halle) charakterisiert den modernen kapitalistischen Mittelstand^ 
der im schroffen Gegensatz zu dem aussterbenden, teilweise korrupten 
Handwerkermittelstand steht, folgendermassen : „Zwischen Arbeiter 
und Unternehmer bildet sich eine neue Mittelklasse heraus, die 
berufen ist, einen Ersatz für den mittleren und kleineren Hand- 
werker zu bieten und die nicht allgemein die nötige Beacl^tung 
gefunden hat. Diese Zwischenstufe wird durch die besonders vorge- 
bildeten Beamten in den grösseren kaufmännischen Geschäften, wie 
Fabrikunternehmungen gebildet, femer rekrutiert sie sich aus Leuten, 
die eine handwerksmässige Ausbildung erlangt haben und sich nach 
Bildung und Verdienst dem mittleren Handwerk angliedern, denen 
jedoch die Selbständigkeit fehlt und welche in persönlicher Abhängig- 
keit von dem Unternehmer stehen.'' Diesem neuen Mittelstande fehlt 
vor allem die Bescheidenheit. Streckmann brutal wütend zu Rose 
Berndt : ,,Du nimmst dir was raus, Ich nahm mir nischt raus ! Ich 
weld mir ju gerne genug o was rausnahma: wo Flamm Schulze 
hiereicht kumm ich o no mit.'' An einer anderen Stelle sagt er: 
y,Das is ni, als wenn ich noch Anspanner war, wie dazumal ufm 
Dominium droben, wo ihr mich habt unter d> Fuchtel gehabt. Heute 
bin ich wohl repetierlich geworn. Wer eemal Kopp hat, der tutt 
sein' Weg machen. 



Aller Augen waren nun plötzlich wieder auf den Mittelstand 
gerichtet, sämtliche Parteien bemühten sich im Reichstage sogenannte 
Mittelstandsforderungen zu vertreten, und so ist es nicht verwunder- 
lich, dass der Antrag auf teilweise Wiederherstellung der alten Zunft- 
ordnung mit grosser Majorität im Reichstage angenommen wurde. 

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— 55 — 

Durch das Gesetz vom 26. Juli 1897 über die Organisation des 
Handwerks wurde bestimmt, dass auf Grund eines Mehrheitsbeschlusses 
der beteiligten Handwerker, unter Genehmigung der höheren Ver- 
waltungsbehöitien, Zwaugsinnungen wieder hergestellt werden konnten. 
Dieselbe Regierung, die sich bisher beharrlich geweigert hatte, der- 
artige Anträge zu akzeptieren, ergriff nun selbst dazu die Initiative 
und stellte im August 1896 beim Bundesrat den Antrag, für mehr 
als 70 Innungen ^wangsinnungen durchzuführen, ferner wurde für 
die Handwerker eine Standesvertretung geschaffen in Gestalt von 
Handwerkskammern, Doch die Klagen der Handwerker wollten nicht 
verstummen. Ihre Forderungen wurden von Jahr zu Jahr massloser. 
Vor allem verlangten sie Einführung des Befähigungsnachweises, 
eine geradezu unglaubliche Forderung in einem Industriestaate, ferner 
Erdrosselung der Warenhäuser, Aenderung des Submissionswesens usw. 
Nunmehr begannen die Wissenschaft sowie die Kommunen sich etwas 
näher mit den Verhältnissen in den deutschen Innungen zu befassen. 
Es war ein denkwürdiger Tag, als der Oberbürgermeister von Breslau 
einen grossen Teil der deutschen Handwerker als korrupt bezeichnete. 
Diese Rede und noch mehr das von dem Redner vorgelegte Material, 
machte auf die Regierung einen tiefen Eindruck. Sowohl das Reichs- 
amt des Innern, als auch das preussisehe Handelsministerium gaben 
die Erklärung ab, dass die Einführung des Befähigungsuachwcises 
für die deutschen Regierungen unannehmbar sei. 

Es war vorauszusehen, dass sich in kurzer Zeit auch die Literatur 
mit diesen Zuständen befassen würde. Allerdings gibt es in Deutsch- 
land nur einen Mann, der geradezu prädestiniert erscheint, die 
Korruption des Mittelstandes auf der Bühne vorzuführen. Dieser 
Mann ist Dr. Ludwig Thoma, der Mitarbeiter des Simplizissimus 
Peter Schlemihl (1). 

Während Gerhard Hauptmann in seinem „Vor Sonnenaufgang" 
den Nachweis erbringt, dass der Bauer in dem Augenblick, in welchem 
er ein vermögender Bourgeois wird, vertiert und untergeht, zeigt 
uns Thoma, dass die Handwerker infolge mangelnder Charakterstärke, 
sich zu jeder Schurkerei hergeben, sobald sie ihre materiellen Inte- 
ressen bedroht sehen. Aber Thoma geiselt in seiner Komödie: Die 
Lokalbahn nicht nur die Charakterschwäche der Handwerker, die 
von ihrem Bürgermeister verlangen, dass er dem Minister einmal 
ordentlich die Wahrheit sagen soll, und nachher, aus Furcht, keine 
Staatsaufträge mehr zu bekommeo, denselben Bürgermeister zwingen, ^ 

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— 56 — 

den Minister um Verzeihung zu bitten. Auch die Bourgeoisie über- 
schüttet er mit giftigem Hohne. 

Ad. 1: Der Herr Bürgermeister, meine gutmütige Person, die 
zu Haus uDter dem Pantoffel der Frau steht, aber seinen Bürgern 
gegenüber mit seiner Energie renommiert. Dieser treffliche Mann 
hatte sich in der Eisenbahn die Standpredigt auswendig gelernt, die 
er dem Herrn Minister halten wollte, weil dieser den Wünschen der 
Bürgerschaft betreffend Bahnbau nicht nachgekommen war. Als aber 
der Herr Bürgermeister vor dem Herr Minister stand, machte er nur 
eine tiefe Verbeugung und ging wieder hinweg. „Und während der 
Fahrt in die Residenz habe ich mir ausgemalt, was ich ihm sagen 
werde". — „Und im Vorzimmer?" „Im Vorzimmer auch noch. Und 
dann — siehst Du Carl, ich kann furchtbar grob sein, rücksichtslos, 
wenn jemand gegen mich grob ist. Aber wenn jemand höflich ist, 

da ... da bring ichs eben nicht fertig." ^Und der Minister 

war höflich? — " . . . „Und wie. Er gab mir gleich die Hand. Mein 
lieber Bürgermeister, es tut mir unendlich leid usw." .... „Man 
hat Dir Honig ums Maul geschmiert. Kenn ich" .... „Ich habe 
überhaupt nichts gesprochen, ich wurde hinaus komplimentiert. Wie 
ich dann wieder in der Eisenbahn sass, habe ich mir vorgestellt, 
was ich eigentlich hätte später sagen sollen." 

Nicht genug damit. Zu Hause angekommen, prahlt der Bürger- 
meister damit, wie sehr er den Minister heruntergemacht hat. — 
„Warum hast Du denn geflunkert?", fragt ihn sein Bruder. — „Du 
lieber Gott, wie ich ankomme, steht schon der Schweigel da und der 
Stelzer. Brennend vor lauter Neugier. Aus jedem Hause schauen 
die Leute und grüssen. Daheim seid ihr und fragt mich aus. Ueberall 
ist die grösste Erwartung. Da konnte ich doch nicht sagen, dass 
gar nichts gewesen ist." 

Während aber der Bürgermeister Rehbein nur ein charakter- 
schwacher, aber gutmütiger Mann ist, hat der Amtsrichter Dr. Adolf 
Beringer geradezu die Gesinnung einer Canaille. Dieser Ehrenmann 
und Bräutigam der Tochter des Bürgermeisters löst kaltlächelnd 
die Verlobung auf, aus Angst im Avancement zurückgesetzt zu 
werden. Loth und Beringen, Darwinist und Streber, wahrlich zwei 
traurige Vertreter unserer deutschen Jugend. „Du weisst, dass ich 
jeden Tag die Beförderung erwarte (der Bürgermeister nickt zu- 
stimmend) und dass ich begründete Aussichten habe, als Staatsanwalt 
in das Justizministerium zu kommen." — „Gewiss weiss ich das." — 

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— 57 — 

4rE8 muss dir auch bekannt sein, dass man sich im Ministerium 
«ehr genau informiert, wenn ein Beamter heiratet, dass man sich 
über die Familie der Braut mit peinlicher Sorgfalt erkundigt." 
{Bürgermeister stotternd: „Ja — aber — aber"). ^Es wäre eine 
unverzeiliche Torheit, wenn ich mir die Karriere verscherzen würde. 
Ich darf mich nicht kompromittieren." „Was willst Du damit sagen?" — 
^Dass ich von der Verlobung zurücktreten muss, so schmerzlich 
mir das ist." 

Dem Bürgermeister bleibt nun nichts anderes übrig, als noch- 
mals in die Residenz zu fahren und den Minister um Entschuldigung 
zu bitten, für das, was er gar nicht gesagt hat. — „Weisst Du Carl, 
•eine Lehre habe ich mir gezogen heute. Ich bin jetzt gewitzigt. 
Ich hole nicht noch einmal die Kastanien aus dem Feuer." Das 
Orundmotiv des ganzen Stückes sind jedoch die Worte, die der 
Dichter dem Bierbrauer Schweigel in den Mund legt, die aber nicht 
nur die Gesinnung der braven Dornsteiner, sondern auch die leider 
der Mehrzahl der deutschen Bürger kennzeichnen. „Na, die Politik 
is was für de Leut', de Zeit dazua hamm und de koana Rücksichten 
net z'nehma braucha. Mir hamm a G'schäft und hamm a Familie. 
Net wahr, wenn oaner Politik macht, steht er alleweil zu einer 
Partei. Und des is' nix for an G'schäftsmann, der muss mit alle 
Leut guat steh." 

* 

Der innere Zusammenhang zwischen Naturalismus und Wirt- 
schaftsleben ist im Vorstehenden einer eingehenden Untersuchung 
unterzogen worden. Wir haben gesehen, dass auch in Russiand 
auf das agrar-sozialistische das städtisch-sozialistische Drama folgte. 
Es ist wenig oder gar nicht bekannt, dass auch in Deutschland dem 
«tädtisch-sozialistischen ein agi-ar-sozialistisches Drama voranging. 
Wir erinnern nur an Wolf gang Kirschbachs: Waiblinger. Femer 
lässt sich der Nachweis erbringen, dass der Beginn und das Ende 
des naturalistischen Dramas mit den Schwankungen im sozialen 
Leben im Zusammenhang steht. Als erste Etappe kann man die 
Mittelstandsrede SchmoUers 1872 betrachten. Das erste naturalistische 
Drama (Schlaf: Meister Oelze) fällt mit dem Vorwärtsartikel 1892 
zeitlich zusammen. Auf das Ende der Bewegung hat die 2. Schmol- 
lersche Rede auf dem evangelisch-sozialen Kongress eingewirkt. Aber 
noch fehlt der greifbare Zusammenhang. Sozialdemokraten werden 
natürlich behaupten, dass alle Dichter den „Vorwäi'ts"-Artikel ge 

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^ _ 58 — 

lesen hätten und durch ihn inspiriert worden wären ; aber mit dieser 
mehr als zweifelhaften Tatsache lässt sich der Ausbruch einer 
derartig gewaltigen Bewegung nicht erschöpfend erklären. Den 
äusseren Anstoss für die naturalistische Bewegung gab der grosse 
wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands im Jahre 1892, der grösste^ 
den dieses Land jemals erlebt hatte. Sombart schreibt in seiner 
„Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" :^ ^Aber das Jahrhundert sollte 
nicht zu Ende gehen, ohne noch einmal eine Periode stärkster 
spekulativer Färbung erlebt zu haben. In den Kammern der 
deutschen Reichsbank stieg der Goldvorrat beträchtlich und über- 
traf bereits im Jahr 1892 mit 616 Millionen Mark den höchsten 
bisherigen durchschnittlichen Stand. . . So war alles vorbereitet, unk 
bei dem leisesten Anstoss den zurückgedämmten Unternehmungs- 
geist zu machtvollem Hervorbrechen zu bringen. Die Emission voa 
Industrieaktien überhaupt (durch die Gründung neuer und die Kapital- 
vermehrung bestehender Gesellschaften) wird nach ihrem Kurswert 
veranschlagt auf 79 Millionen Mark für 1894, auf 861 Millionen 
Mark für 1899.« 

Ein Berliner Bauquier sagte sehr richtig: „Was man umfasste, 
das wurde zu Gold". Die schlechtesten Unternehmungen wurden 
ihren Besitzern zu horrenden Preisen abgekauft und in Aktienge- 
sellschaften umgewandelt. Der grösste Teil dieser Gründungen 
wurde in Berlin ausgeführt. Die Bewohner des Tiergarten vierteis 
wurden zu Multimillionären. Was nun die Dichter des Naturalismus 
anbelangt, so darf man sich nicht wundern, wenn Männer, wie der 
Novellist Tovolte, der Lyriker Holz und der Dramatiker ScJdaf auf 
den Gedanken kamen, dass die gegenwärtige Gesellschaftsordnung 
eine ungerechte sei. (Die beiden letzteren Dichter waren sogar 
mehrere Jahre hindurch vollständig mittellos.) Die Betrachtung 
des übermässigeu Luxus im Berliner Tiergartenviertel veranlasste 
diese Männer, schwere Anklagen gegen unsere gegenwärtige Gesell- 
schaftsordnung zu erheben. Tovote wurde der Berliner Maupassant^ 
Kretzer nahm sich Zola zum Vorbild, Dehmd schuf die moderne 
sozialistische Lyrik und Schlqf und Holz wurden die Vorgänger des 
Dramatikers HaupUnann. 

Den äusseren Ansto«»^zum Aufhören des Naturalismus gab das 
Einsetzen der schweren wirtschaftlichen Krise am Anfange unseres 
Jahrhunderts. Es widerstrebte den Dichtern, den Berliner Banquier 



Verlag von Bondi, Berlin 1004. 

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als Schlemmer darzustellen, lu dem Augenblicke, wo Frau Sorge 
im Berliner Tiergartenviertel Einzug gehalten hat. Auf der anderen 
Seite fanden grössere Arbeiterentlassungen in den Fabriken nicht 
statt und wo dies geschah, da glückte es den Arbeitern dennoch, 
sich über Wasser zu halten; der sozialdemokratischen Lehre zum 
Trotz waren die Arbeiter in der Lage gewesen, Ersparnisse zu machen. 
Die sozialdemokratische Lehre vom natürlichen Arbeitslohne, von 
der Verelendung der Arbeiter sowie von der industriellen Reserve- 
armee, war durchlöchert. 

Eine Physiologie des Naturalismus zu schreiben, würde höchst 
interessante Resultate zu Tage fördern. Es gilt: zu untersuchen. 
Worin besteht die neue Kunstform, die Holz und Schlaf entdeckt 
zu haben glauben. 

August 1891 schrieben Holz und Schlaf: „Kein Homomunculus 
war unserer Retorte entschlüpft, sondern eine neue Kunstform hatten 
wir uns erkämpft, eine neue Technik dem deutschen Drama unseren 
Gegnern zum Trotz". Die neue Kujistform und die neue Technik 
lernen wir zunächst in der „papierenen Passion** kennen. Gänzlich 
zusammenhanglos wird uns vorgeführt : eine Zimmervermieterin, die 
vorzüglich Kartoffelpuflfer zu kochen versteht, ferner deren Adoptiv- 
kind, eines von den 11 unehelichen Kindern ihrer Schwester ein 
armer Student, der sich mit Stundengeben durchhungert und ein 
reicher Student, der jede Nacht in weiblicher Begleitung nach Hause 
kommt und schlechte Witze macht, femer ein Rechtskonsulent, der 
atheistisch-symbolistische Bilderbogen ausschneiden kann. Hinter 
den Koulissen ertönt der Lärm einer Fabrik und schlägt ein Mann 
seine Frau zu schänden. — Voila tout diificile est, satiram non 
scribere. 

Ko(^ bezeichnet Johannes Schlafs: „Meister Oelze" als erstes 
naturalistisches Drama. Mit Unrecht. Um hier eine Entscheidung 
fällen zu können, müssen wir uns zunächst darüber Klarheit ver- 
schaffen, was unter einem naturalistischen Drama zu verstehen ist. 
Wir sind geneigt, ein naturalistisches Drama dasjenige Trauerspiel 
zu nennen, in welchem ein Stück sozialen Lebens in die Kunstform 
der Tragödie gepresst wird, wobei nur die äussere Form des Ori- 
ginals gewissen dramaturgischen Aenderungen unterzogen wird, 
während das innere Wesen, d. h. Inhalt, Milieu und Sprechweise 
einer Aenderung nicht unterliegt. Ein besonderes Charakteristikum t 

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des naturalistischen Dramas ist das Eintreten für einen der vier 
später gekennzeichneten Stände; ferner, während die Romantiker 
^4b» Postulat aufstellten, dass die gegenwärtige politische Ordnung 
reformiert werden müsse, verlangen die Naturalisten, dass eine Reform 
der gegenwärtigen sozialen Ordnung vorzunehmen sei. 

Das naturalistische Drama richtet sich vor allem gegen Schiller. 
Lehrt doch dieser, dass im Tragischen die sinnliche Natur dem 
Schicksal unterliegt, und der Held untergeht; aber als moralischer 
Mensch im kantischen Sinne erhebt er sich über Schicksal, Tod 
und Untergang und triumphiert. Ausserdem verlangt Schiller noch, 
dass der Held in Schönheit untergehe, obgleich dieses Zitat erst 
bei Ibsen vorkommt. Diese beiden Kriterien des Dramas fallen ohne 
weiteres hinweg. Wie steht es aber mit der Lessingschen Forderung, 
dass wir Mitleid mit dem Helden des Dramas haben müssen? Dies 
ist das einzige dramaturgische Postulat, das von den Naturalisten 
verwirklicht worden ist. 

Nunmehr ist es nicht schwer, zu untersuchen, ob Schlaf oder 
Hauptmann der Begründer des naturalistischen Dramas ist. Während 
wir in ^Vor Sonnenaufgang" für Hedwig das wärmste Mitgefühl 
empfinden, (und für Loth ein gewisses teilnehmendes Interesse hegen) 
findet sich im „Meister Oelze" auch nicht eine einzige sympathische 
Person. Der „Meister Oelze" ist eine soziale Skizze in Form eines 
Dramas, aber kein naturalistisches Drama. Man könnte es am besten 
als Vorläufer in der Sprach- und Milieu-Technik des naturalistischen 
Dramas bezeichnen. Die Personen, die sich in dem Stück bewegen, 
sind Schemen geblieben. Ausserdem merkt man die Absicht des 
Verfassers, das Böse am Schluss triumphieren zu lassen, zu deutlich 
und wird infolgedessen verstimmt. Es ist von Interesse, die popu- 
lationistisch naturalistische Bewegung weiter zu verfolgen. Den 
Höhepunkt erreichte sie in dem Augenblicke, als Hauptmann in 
seinem „Florian Geyer" den Versuch machte, die materialistische 
Geschichtsauffassung auf das naturalistische Drama zu übertragen. 
Man war in den Kreisen der „Jungen" zur Ueberzeugung gelangt, 
dass die naturalistische Bewegung versumpfen müsse, falls es nicht 
gelinge, das naturalistische Drama auf eine breitere ökonomische 
Basis zu stellen. Dieser Versuch ist bekanntlich vollständig missglückt. 

Gegen Ende der 90. Jahre erzielte C. Karl Weiss mit seinem 
„Groben Hemd", in welchem er den Naturalismus verspottete, einen 
grossen Erfolg. 1901 versuchte Philipp Langmann den Naturalis- 

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mu8 insofern zu modernisieren, als er im „Bartel Turaser" die 
ethischen Momente in den Vordergrund stellte und dem natura- 
listischen Milieu eine ähnliche Rolle zuwies, wie dies Schüler im 
„Wallenstein" in Bezug auf das Lager getan hatte. ^Sein Lager 
nur erkläret sein Verbrechen", heisst es im Prolog zu diesem Werke. 
Gerhard Hauptmann hat alsdann in seinem „Fuhrmann Henschel" 
und in der „Rose Berndt" diesen „modifizierten Naturalismus ak- 
zeptiert. 

Das naturalistische Drama der 90. Jahre war ein ausschliess- 
lich populationistisches, d. h. es beschäftigte sich ausschliesslich mit 
der bloss ihre persönliche Arbeitskraft besitzenden Bevölkerung. 
Alsdann kam die von uns gekennzeichnete Uebergangsperiode, welche 
kein ausgeprägtes politisches Programm besass und nun setzte mit 
voller Kraft eine neue Bewegung ein, der Naturalismus der liberalen 
Berufe. Wir haben es also hier mit einem ökonomischen, d. h. 
bürgerlichen, mit einem politischen, d. h. den Adel betrefifendeo, 
sowie mit einem klerikalen, d. h. die Geistlichkeit betreffenden ' 
Tendenzdrama zu tun. Allen drei Kategorien sind wir schon in der 
Literaturgeschichte begegnet. Und doch, welch grosser Unterschied 
besteht zwischen Hebbels „Agnes Bernauer" und Harttebens „Rosen- 
montag**. Die Tendenz ist wohl dieselbe. In beiden Fällen versucht 
der Adel das Eindringen einer bürgerlichen mit allen ihm zu Gebote 
stehenden Mitteln zu verhindern, aber während Hebbel die Tendenz 
der Kunst unterordnet, wird uns bei Hartleben und Bayerlein und 
dann im bürgerlichen Drama bei Dreyer und Ernst die Tendenz 
ostentativ vor Augen geführt. Dazu kommt, dass nicht mehr vor 
uns ein gottbegnadeter Künstler steht, der ethisch denkt und fühlt, 
sondern entweder beschimpfen Standesgenossen ihre eigenen Staodes- 
genossen, oder politisierende Dichter machen den Versuch, im Drama 
mit ihren politischen Gegnern abzurechnen, hauptsächlich um dem 
zum grössten Teil liberalen Publikum eine Freude zu bereiten, oder 
schliesslich wünschen entlaufene Pfaffen bei den Zuhörern den Glauben 
zu erwecken, als wären die Klöster Zuchtstätten der Verdummung. 

Unterziehen wir die wirtschaftliche Lage der uns im Drama 
vorgeführten Stände einer näheren Untersuchung, so machen wir 
die Wahrnehmung, dass der abgedankte Offizier zunächst die Er- 
bitterung eines Teils des Bürgertums gegen die Arroganz und den 
Dünkel der Offiziere in sich aufgenommen hat. Seine Verabschiedung 
schiebt er sofort den schlechten Charaktereigenschaften seiner Vor- 

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gesetzten iu die Schuhe. Dazu kommen noch folgende wirklich vor- 
handene Missstände. Sie finden im preussischen Offizierskorps Offiziere, 
die bis 100,000 Mark in einem Jahre verzehren und solche, die sich mit 
75 Mark monatlich durchhungern. Die Gefahr liegt sehr nahe, dass 
in ab^hbarer Zeit das preussische Offizierskorps ein plutokratisches 
wird. Ebenso traurig ist die Lage des inaktiven Offiziers. Die 
preussischen Offiziere haben nur Anspruch, kein Recht auf Arbeit 
Während der Unteroffizier nach 12jähriger Dienstzeit ein Kapital 
von 1000 Mark erhält, wird ein Offizier, welcher z. B. nach 12 
Jahren Invalide wird, mit einem Monatsgehalt von 50 Mark und 
Aussicht auf Zivildienst entlassen. Der Reichstag nahm vor kurzem 
ein Gesetz an, das die Mehrzahl der Uebelstände beseitigt hat. 

Nachdem Diderot und nach ihm Lessing für das Standesdrama 
eingetreten sind, und Lessing in seiner „Mina von Barnhelm^ das 
Muster eines solchen uns gegeben hat, ist es doch erst in unseren 
Tagen wieder als Trauerspiel aus der Versenkung aufgetaucht. 
Soldat und Lehrer, Journalist und Mönch kommen nunmehr auf die 
Bühne. Lessing deutet in dem 86. Stück der Hamburgischen Drama- 
turgie an, dass der Diderotsche Vorschlag insofern für das Drama 
fruchtbar gemacht werden könnte, dass nicht Uebereinstimmung von 
Standespflicht und Charakter, wie wir es in den Moserschen Lust- 
spielen gesehen haben, sondern ihr Zwiespalt die Grundtendenz des 
Stande^dramas bilden müsse. Fassen wir die drei Stände, zwischen 
denen es zum Konflikt kommt, näher ins Auge, so kommen wir zu 
einem für den Nationalökonomen überaus interessanten Resultat. 
Es gibt wohl keine Nation, bei welcher nicht die Viergliedrigkeit 
der Ständeordnung bestanden hat. Bei den alten Indern, im Gesetz- 
buch des Manu, in Piatos besten Staat (in welchem allerdings der 
vierte Stand, weil unfrei keinen Platz findet), im Mittelalter (Aikd, 
Klerus, Handwerker und Bauer), sowie in unseren Tagen, gemäss 
den Angaben des Professors der Soiialphilosophie am College de 
France, Jean Izotdet in seinen quatre problfemes sociaux finden wir 
diese Einteilung. Nach ihm hat man im gesellschaftlichen Leben 
vier nebeneinander bestehende Gesellschaften mit eigenen Betäti- 
gungszwecken zu unterscheiden: la sociötö religieuse, la soci6t^ 
politique, la soci^t^. ^conomique, et la soci^t^ dom^stique. Hüllmann 
in seiner Geschichte der Stände in Deutschland und nach ihm Arnold 
in seiner Verfassungsgeschichtfe der deutschen Freistädte teilt die 
Einwohner einer mittelalterlichen Stadt ein in die Pfaffheit, in die 

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altbürgerlichen Geschlechter oder Patrizier, in die kaufmännischen 
Oilden und in das Handwerk. Heute, wo die Sozialdemokraten es 
belieben, das gesamte Bürgertum als eine einzige reaktionäre Masse 
darzustellen, ist es von besonderer Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, 
dass diese Standesunterschiede noch heute genau dieselben sind, 
wie vor 600 Jahren. Während die Sozialdemokraten fortwährend 
predigen, dass sich gegenwärtig nur noch Kapitalisten und Arbeiter 
gegenüber stehen, können wir aus dem sogenannten Standesdrama 
ersehen, dass sich noch rudimentäre Formen der anderen drei 
Stände bis in unsere Tage erhalten haben. Während Millionen von 
Arbeitern in dem Kapitalisten den Stellvertreter Gottes auf Erden 
zu erblicken wähnen, gibt es noch Millionen von Arbeitern, die in 
dem Pfarrer, bezw. in dem Offizier den Ideal typus des Menschen 
zu erblicken glauben. Umgekehrt wird derjenige, der auf unser 
modernes Leben den grössten Einfluss ausübt, der Lehrer, kaum als ge- 
sellschaftsfähig betrachtet (cf. Mauthner: Bunte Reihe, München 1896). 

Leutnant von Laufen hatte im ^Zapfenstreich" die Tochter 
«eines Feldwebels verführt. Der Feldwebel in Deutschland nimmt 
-die gesellschaftliche Stellung eines subalternen Beamten, d. h. gar 
keine ein, gehört aber nach Uebertritt in den Zivildienst zur Bour- 
^oisie. Als Leutnant von Höven seinem Kameraden zuredet, das 
arme Mädchen zu heiraten, erwidert ihm dieser: „Heiraten! Hm, 
daran habe ich auch gedacht. Das wäre gar nicht so ohne weiteres. 
Mein Wort dai'auf, von Herzen gern würde ich die Kläre heiraten. 
Allen Ernstes direkt verehrungswürdig ist mir der alte Krauter der 
Vater. Aber das ist ja noch nicht das Ende von. . . Und du?" „Das 
könnt ich einfach nicht ertragen, wenn da plötzlich der Onkel- 
schwager auftauchte und wäre Schornsteinfeger und will mir die 
berusste Biedermannshand retchen, Nö, nö, nö, nö, das, das kann 
ich nicht." Als dann der alte Wachtmeister den Leutnant auf Pistolen 
fordert, entspinnt sich folgender Dialog: 

Wachtmeister Volkard zieht einen Revolver aus dem Latz der 
Ulanka. „Da!" Laufen (auffahrend): „Wachtmeister, Sie sind — 
was soll das nur heissen ?" — Volkhard : „Herr Leutnant verzeihen, 
das ist doch klar. Das ist mein Dienstrevolver und Herr Leutnant 
haben auch einen drinnen im Schrank, da» ist die Vorschrift. Und, 
ich habe gemeint, wie das Sitte ist bei solchen Sachen . . ** Lauffen : 
^Wachtmeister, das ist unmöglich." Volkhard : Mit (mit sorgföltiger 
Steigerung): „Ich bitte gehorsamst, Herr Leutnant, das, das ist 



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doch noch vielmehr unmöglich, da8s so alles bleibt wie es ist, dass 
ich da sitzen soll mit dem Mädel, auf das die Leute mit den Fingern 
weisen, dass mein Name so ganz und gar ungestraft mit Dreck be- 
sudelt sein soll! Das ist doch, bei Gott im Himmel noch vielmehr 
unmöglich. (Hinausschreiend.) Es muss doch gerecht zugehen in 
der Welt." Laufen: „Ja, natürlich muss es das, Wachtmeister. 
Eigentlich ! Aber Sie sehen doch selber, es gibt Fälle, da kann man 
beim besten Willen, beim allerbesten Willen, Wachtmeister; Mit 
nem Unteroffizier kann ich mich nicht schiessen ! Ich darf Dicht." — 
Nicht minder interessant ist die Stellung des 2. Standes (Adels) zu 
den Angehörigen des 3. Standes (Kaufleute) in Harrlebens Rosen- 
montag. Während die beiden Leutnants Ramberg auf ganz infame 
Weise ihren Vetter, den Leutnant Hans Rudorflf von seinem Ver- 
hältnis, einer bürgerlichen „losgeeist" haben, akzeptieren sie freudig 
als zukünftigen Schwiegervater ihres Vetters den Kommerzienrat 
Schmitz. Fideler alter Herr, sagt Leutnant Disterberg, ich glaube 
sagen zu dürfen, eine nette, eine wertvolle Akquisition fürs Regiment." 
Die Kluft zwischen Adel und Handwerker ist heute mehr denn 
je unüberbrückbar. In Hanna Jagert von HarÜeben äussert sich der 
alte Baron von Vernier: „Was wir Adel nennen, unterscheidet sich 
vielleicht nicht unwesentlich von dem, was Sie sich darunter vor- 
stellen. Denn, Fräulein Jagert. Der Mensch . . . fängt allerdings 
erst mit dem Baron an. „So sieht die Ständegliederung aus mit 
den Augen eines alten Aristokraten gesehen. Ganz anders urteilt 
der moderne Arbeiter als Schüler von Marx. Für ihn gibt es nur 
Proletarier auf der einen Seite und Bourgeoisie auf der anderen. 
Der Arbeiter macht zwischen Bürger und Adel keinen Unterschied. 
Dies rührt daher, dass er den Grossgrundbesitzer gleich wie den 
Fabrikanten als kapitalistischen Unternehmer ansieht. Daneben kennt 
der Arbeiter nur noch zwei im Untergange begriffene Stände, den 
Bauer und den Handwerker. Es ist hier nicht der Ort, um näher 
auf den agrarischen Dogmenstreit zwischen Kautsky und Dr. David 
einzugehen. In Hanna Jagert sagt die Prostituierte zu Hanna: „Onkel 
sagt, du wärst eine Begehrliche. Was die richtigen Arbeiter wären, 
die hätten die Begehrlichkeit nicht. Das wäre eine Lüge. Die wollen 
bloss ihr gutes Recht. Aber die Reichen, was er so die bürger- 
lichen nennt und auch die Adeligen, die hätten die Begehrlichkeit 
und wollten immer noch mehr haben". Vater Jagert verwechselt- 
hier zwei in sich abgeschlossene Kriterien. Das eine ist die Tatsache,, 

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dass der Handwerker im Mittelalter nur um standesgemässen Unter-- 
halt zu erringen, arbeitete, während der Erwerbstrieb, die Sucht nach 
Kapitalakkumulation eiue Errungenschaft des modernen Kapitalismus 
ist. Das andere Kriterium ist das bekannte Postulat der sozialisti- 
schen Arbeiter, nach welchem Lohn, sowie Pension kein Gnaden-^ 
beweis, denn der Arbeiter will keine Gnade, sondern ein Recht sein 
soll, eine Forderung, die heute zum grössten Teil verwirklicht ist. 
Man denke nur an die Bestimmungen der deutschen Unfallversiche- 
rungsgesetzgebung. Gemäss dieser zahlt bei Unfällen der Unter- 
nehmer die Rente nicht unmittelbar an den Arbeiter, sondern dieser 
erhält sie durch die Post angewiesen. Es ist übrigens interessant, 
nachzuforschen, wie ältere Dichter das Thema vom Adel und dem 
Bürgerstand behandelt haben. Koch schreibt hierüber in seiner 
Literaturgeschichte: jyOöthe hatte in „Wilhelm Meisters Lehijahren 
den sozialen Gegensatz von Adel und Kaufmannsstand vor allem in 
dem Unterschied der geistigen Bildung und der gesellschaftlichen 
Umgangsformen erblickt". Immermann fasst in den „Epigonen** 
bereits die Verschiedenheit der wirtschaftlichen Bedingungen ins 
Auge, die dem tätigen bürgerlichen Industriellen das Uebergewicht 
über den bloss repräsentierenden adligen Grundbesitzer verschaffen. 
Freytcy lässt die ganze Handluug aus den sozialen Gegensätzen 
sich entwickeln. (Soll und Haben.) Freytag ist qs in erster Linie 
nicht um die moralische Beurteilung, sondern um die Erklärung 
sozialer Verhältnisse zu tun. Doch kehren wir wieder zu unserem 
eigentlichen Thema zurück. 

Wir haben uns mit dem Schnüderschen Drama „Freiwild" an- 
lässlich der Besprechung der sozialen Frauenfrage bereits beschäftigt. 
Dieses Stück ist aber noch in einer anderen Hinsicht für den National- 
ökonomen und Soziologen von grossem Interesse. Wie schon erwähnt, 
glaubt die Sozialdemokratie, unsere kapitalistische Gesellschafts- 
ordnung wäre bereits reif, durch den Kommunismus ersetzt zu 
werden und vergisst ganz, dass wir die Eierschalen des Feudalismus 
noch mit uns heruintrageu. Wenn Oberleutnant Karinski verzweifelt 
ausruft: „Als was soll ich weiterleben, nachdem ich der Oberleutnant 
Karinski gewesen bin", so ist dieser Ausspruch vollauf berechtigt. 
Denn der moderne Staat hat dem Offizier zwar grössere Pflichten 
gegenüber dem Zivilisten, aber auch doppelt soviel Rechte zugeteilt. 
Nehmen wir den Fall, Karinski hätte in dem Augenblick, wo ihn 
Paul Rönning körperlich züchtigte, den Degen an der Seite gehabt, 

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ii^as, wenn das Drama sich in Deutsehland abgespielt hätte, sicher 
der Fall gewesen wäre, so hätte er ihn ohne weiteres, vgl. den Fall 
Brüsewitz in Karlsruhe 1899, durchbohrt, und das Kriegsgericht 
hätte ihn ohne weiteres freigesprochen oder mit Festung bestraft 
Umgekehrt, hätte Oberleutnant Karinski dem Paul Rönning ins Ge- 
sicht geschlagen, so würde dieser mindestens als Mörder oder 
mindestens als Totschläger bestraft werden, falls er sich es einfallen 
lassen würde, den Beleidiger seiner Ehre niederzuschiessen. Nur 
wenn er nachweisen kann, dass er aus Notwehr gehandelt hat, dass 
also sein Leben bedroht gewesen war, darf er sich nach deutschem 
Gesetz seiner Haut wehren. 

Was nun das Lehrerstandesdrama anbelangt (insb. Otto Ermt: 
Flachsmann als Erzieher), so haben sich die Zeiten sehr geändert. 
Früher verlangte man von einem Volksschullehrer nur pädagogische- 
und Fachkenntnisse, heute muss der Lehrer auf dem Gebiete der 
Hygiene, der Naturwissenschaft, der Sozialpolitik genau Bescheid 
wissen. Es ist allgemein bekannt, dass der Lehrer Damaschke Vor- 
sitzender des Bundes deutscher Bodenreformer ist, femer, dass der 
ehemalige Lehrer Conrad Agahd, bekannt durch seine Agitation ftti* 
ausgedehnteren Kinderschutz, die Aufmerksamkeit auch der wissen- 
schaftlichen Kreise auf sich gelenkt hat. In vorliegendem Stücke 
wirft der Direktor Flachsmann dem Lehrer Flemming, einem modern 
denkenden Menschen, vor, dass er in einer öffentlichen Versammlung 
gewesen sei, wo über die Wohnungsfrage verhandelt wurde. Flemming 
antwortet: „Stimmt. Als Lehrer interessiere ich mich für die Woh- 
nungen meiner Schüler." Ferner macht ihm Flachsmann zum Vor- 
wurf, dass er nur 15 Städte Englands anstatt der vorgeschriebenen 
33 die Kinder habe lernen lassen. Flemming erwidert : „Dafür habe 
ich den Kindern recht viel von Steinkohle und Baumwolle erzählt. — 
Das sind Dinge, die sie täglich brauchen und vor Augen haben. 



Neben dem Berufe des Offiziers und desjehigen des Lehrers, 
treffen wir noch den des Journalisten auf der Bühne an. Währeud 
wir bei Freitag den Journalisten vor allem als Ehrenmann kennen 
lernen, führt uns Schmtder den Journalisten nur als mauvais sujet 
vor. Die Verrohung der Kritik, die wir in unseren Tagen beobachten 
können, hängt mit Charakterverrohung innig zusammen. Nietzsches 
„Lehre vom Uebermenschen" trägt hauptsächlich die Schuld an 



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diesen Missständen. Ewald beschuldigt die modernen Schriftsteller, 
sich nur das Erotische aus Nietzsche angeeignet zu haben. So viel 
wie möglich Selbstbewusstein, so wenig wie möglich Bildung, das 
ist die Losung dieser Herren. Dieses Journalistenproletariat setzt 
sich zusammen, aus % Teilen verbummelten Studenten, welche 
schon als Gymnasiasten Verse verbrochen hatten und nun als 
Studenten sich erhaben über jeden bürgerlichen Beruf fühlen. Otto 
Ernst in seiner „Jugend von heute" und Leo Berg in seinen „Lumpen", 
geben uns ein anschauliches Bild von diesen Zuständen. — Je mehr 
wieder heutzutage beim Journalisten auf abgeschlossene akademische 
Bildung gesehen wird, umso schneller werden diese furchtbaren 
Missstände wieder verschwinden. Sdinitzler in dem dritten Teil seiner 
„Lebendigen Stunden" stellt dem durch CliquenwirtscI^ft anf den 
Schild erhobenen unfähigen und eitlen Dichter einen genialen aber 
entgleisten Redakteur eines Revolverblattes gegenüber. Es wirkt 
geradezu erschütternd, wenn man den im Spital mit dem Tode 
ringenden Radaumacher reden hört: „Ja, das ist wahr, Florian 
Jackwerth, seit ich einen Beruf habe, bin ich sein Opfer — vom 
ersten Augenblick an bin ich sein Opfer gewesen. Und wissen Sie, 
woran ich zugrunde gehe? Sie meinen, an den lateinischen Vokabeln, 
die da auf der Tafel stehen ? Oh nein, an Galle, dass ich vor Leuten 
hat Buckerln machen müssen, die ich verachtet habe, um eine 
Stellung zu kriegen. Am Eckel, dass ich hab Dinge schreiben müssen, 
an die ich nicht geglaubt habe, um nicht zu verhungern. Am Zorn, 
dass ich für die infamsten Leutausbeuter hab Zeilen schinden müssen, 
die ihr Geld erschwindelt und ergaunert haben, und dass ich ihnen 
noch dabei geholfen hab mit meinem Talent. Ich kann mich zwar 
nicht beklagen, von der Verachtung und den Hass gegen das Gesindel 
hab ich immer meinen Teil abbekommen — nur leider von was 
anderem nicht." 

Schnitder hat hier deutsche und zum Teil auch österreichische 
Verhältnisse im Auge. Es genügt den Grosskapitalisten nicht mehr, 
in ihrem Reich zu herrschen, sondern sie wollen auch mittels der 
Presse auf die Regierung einen Druck ausüben. Und da nun die 
grossen Handelszeitungen im allgemeinen (Ausnahmen kommen leider 
vielfach auch vor) tendenziös gefärbte Artikel nicht aufnehmen, so 
gründen diese Magnaten einfach eigene Zeitungen. Man darf aber 
ja nicht denken, dass derartige Zeitungen von anständigen Menschen 
nicht gelesen werden, Zeitungen, wie z. B. die Rheinisch-Westfälische, 

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die von den Grossindustriellen ans dem Ruhr- und Saargebiet sub- 
ventioniert wird, erfreuen sich mit Recht allgemeiner Achtung. Man 
darf eben nicht vergessen, dass den Industriellen durch die Agrarier, 
Sozialdemokraten, Zentrumsleuten, die in ihren Zeitimgen Standes- 
vertretung mit wüster Agitation gegen alle Gegner verbinden, die 
Verteidigimg ihrer eigenen Interessen aufgedrängt worden ist. Anders 
steht es natürlich mit den sogenannten Revolverblättchen, die ent- 
weder von Spekulanten unterstützt werden, um Baisse oder Hausse 
Manöver an der Börse auszuführen oder von verlumpten Journalisten 
geleitet werden, die, gestützt auf vorzügliche Informationen, mit 
Drohungen und Erpressungen arbeiten. Diese Art von Journalistik 
stammt aus Amerika, dort schickt der Erpresser seinem Opfer ein 
Zeitungsblatt mit dem Datum des nächsten Tages ins Haus, ent- 
haltend einen grossen Skandalartikel, entweder persönlicher oder 
sachlicher Natur, oft mit voller Namensnennung. Der Verleger ver- 
langt nun für Zurückziehen dieses Artikels meistenteils eine horrende 
Summe, die fast immer gewährt wird. Denn selbst wenn der Artikel 
von Anfang bis Ende zusammengelogen ist — semper aliquid hseret. 

Schliesslich müssen wir noch mit ein paar Worten auf die 
Brüder von St. Bernhard zu sprechen kommen. Auch dieses Stück 
ist unzweifelhaft ein Tendenzdrama. Denn Ohon führt uns nicht 
die gesamten Mitglieder eines Klosters, sondern nur einige epikuräische 
Mönche vor. Dass ein grosser Teil der Mitglieder dieses Ordens 
beruflich tätig ist, erwähnt Ohom nur ganz nebenbei. Das interessan- 
teste an diesem Werke ist die von einer Handwerkerfamilie ausge- 
übte Frömmigkeit, welche aber im innersten Wesen rein materialistisch 
ist, imd welche wohl eine der Hauptursachen der an anderer Stelle 
erwähnten Charakterlosigkeit unserer Handwerker ist. 

Wir sind, am Ende unserer Untersuchungen angelangt. Der 
Zweck des zweiten Teiles dieser Arbeit war, nicht soziale Dramen 
chronologisch vorzuführen, wie es neuerdings Holzke in seinen 
20 Jahren Literatur getan hat, sondern den Typus und die Kriterien 
dieser Kunstgattung festzustellen. Ich hoffe dieses Ziel mittels 
Diflferenzierung und Integrier ung des Stoffes erreicht zu haben. Wir 
sind zu dem Ergebnis gelangt, dass ein Arbeiterverelendungsdrama 
heute geradezu unmöglich sein würde. Infolge des überaus starken 
Andrangs zu den liberalen Berufen, hat sich vor allem in Deutschland 
ein neues Proletariat herangebildet, im Vergleich zu welchem das 
Arbeiterproletariat als wohlsituiert erscheint. Das deutsehe Volk 

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Termehrt sich Jahr aus, Jahr ein um eine Million Menschen. Trotz- 
-dem wir uns heute in einer Epoche der Hochkonjunktur befinden, 
welche alles überflüssige Meoschenmaterial aufsaugt, ist Deutschland 
heute bereits unzweifelhaft übervölkert. Infolge falsch angebrachten 
[Neides haben uns die Völker Europas daran gehindert, Kolonien für 
unsere überschüssige Bevölkerung zu erwerben. Die Thoren wähnen, 
durch derartige kleinliche Mittel die Entwicklung Deutschlands auf- 
lialten zu können. In wenigen Jahren wird Deutschland vor der Frage . 
stehen, entweder die Elite seiner Bevölkerung durch Auswanderung 
zu verlieren, (denn nur wirtschaftlich starke Elemente pflegen aus- 
auwandem), oder aber eins der mächtigen Kolonialvölker zu ver- 
nichten. Hierin liegt die soziale Frage der Zukunft und es ist an- 
zunehmen, dass die Dichtung demnächst an die Behandlung dieser 
Frage herantreten wird. Denn das Standesdrama befindet sich bereits 
in der absteigenden Linie. Zu den „leidenden Ständen" gehört heute 
vor allem der Aerztestand. Man bedenke, dass heute in Berlin eine 
grosse Anzahl Aerzte Armenunterstützung geniessen, dass ferner die 
Hälfte bis zwei Drittel der Aerzte ein Einkommen von weniger als 
5000 Mark besitzen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir dem- 
nächst einem Aerztedrama auf der Bühne begegnen. Der Kampf 
ums Dasein, sowie der Streit mit den Kurpfuschern und Kranken- 
kassen, ferner der Krankheitsverheimlichungs-Paragraph des Straf- 
gesetzbuches, welcher den Arzt häufig den furchtbarsten Gewissens- 
kämpfen aussetzt, würde sich zur Bühnendarstellung vorzüglich eignen. 
Aber auch diese Periode wird hoffentlich bald der Geschichte ange 
hören, und wir können nur hoflfen, das^s wir recht bald wieder eine 
Kunst erhalten, welche frei ist von jeder politischen Tendenz. 

Was die Ethymologie des Wortes: Standesdrama anbelangt, so 
ist diese Bezeichnung, welche bereits in die Literaturgeschichten 
übergegangen ist, falsch und irreführend. Denn das naturalistisch- 
populationistische Drama ist ebenfalls ein Standesdrama. Und zwar 
ist es das Standesdrama des 4. Standes, während das Klerikerdrama 
das des 1., das OflSziersdrama das des 2., das Lehrer-, Schauspieler-, 
Journalistendrama das des 3. Standes ist. Alle diese Dramen sind 
aber sowohl soziale Dramen, denn in all diesen wird ein Stück 
soziale Frage behandelt, sowie Tendenzdramen, denn der Autor 
beabsichtigt, dem Publikum gewisse Postulate aufzuoktroieren. 

Das Orundprinzip des Naturcdismtis ist, wie schon mehrfach 
erwähnt, das Verlangen, leidende Stände auf die Bühne zu bringen, 

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Auf den vom Kapitalisten ausgepressten Arbeiter (Hawptmcmng 
„Weber"), folgte die vom Direktor bedrängte Schauspielerin (Schnüder: 
„Freiwild "), folgte der vom Verleger ausgepresste Journalist (Schtiüzler: 
„Literatur"), folgte das vom Offizier im Stich gelassene BOrgermädchen 
(Beierlein: „Zapfenstreich"), folgte schliesslich der von seinen El- 
tern zum Geistlichen gepresste Jüngling, (Ohorn: „Die Brüder von 
St. Bernhard"). 

Die Frage über den Zusammenhang von Wirtschaft und Drama 
ist in der Weise gelöst worden, dass das Grundprinzip der roman- 
tischen Dichtung die Politik, das des populationistisch-naturalistischen 
Dramas die Sozial-, und das des liberal-naturalistischen Dramas die 
Wirtschafts-Politik gewesen ist. 



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Berner Studien znr Philosophie und ihrer Geschichte. 

Band XXXXVII. 



Herausgegeben von 
Dr. LndwifiT Stein, 

Professor an der Universitüt Bern. 



Die Entdeckung und Begründung 
der D'rilerentiil- und IntegraMnung durch LeiliDiz 

im Zusammenhange mit seinen Anschauungen 
in I^og-ik uodi mrkoniitiiieitlioorio 

Fragen aus der Funktionentheorie 
Monade und Differential bei Leibniz 



Von 

Dr. IMoritz Ti-amei' 

aus Zawada (österreichisch Schlesien). 



^"^^'^ 




BERN 

Buchdruckerei Scheitlin, Spring & Cie. 
1906 



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Inhaltsverzeichnis. 



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Einleitung 1 

I. Kapitel: Wesentliche Anschauungen Leibnizens bis zur Zeit des 

Pariser Aufenthaltes 5 

H. Kapitel: Geschichtlicher Ueberblick über die Anfänge und Ansätze 

der Differentialrechnung vor und bis Leibniz 15 

III. Kapitel: Die Entdeckung der Differentialrechnung durch Leibniz 

nach ihrer mathematischen und logischeh Seite hin . . 37 

IV. Kapitel: Die Zeit nach dem Pariser Aufenthalte bis zu den achtziger 

Jahren des 17. Jahrhunderts 48 

V. Kapitel: Definitive Ausgestaltung des Differentials und Integrals, 

ferner des Monadenbegriffes durch Leibniz. Fragen aus der Funk- 
tionentheorie 68 

I. Abschnitt: Einige logische, wichtige Betrachtungen . 68 

II. Abschnitt: Mathematik, Raum und Zeit 81 

III. Abschnitt : Mechanik und Dynamik 116 

IV. Abschnitt: Methaphysische Anschauungen, Monade . . 124 



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Einleitung. 



Bei der Verfolgung, der in dem Titel vorliegender Arbeit an- 
gedeuteten Hauptfrage, innerhalb der wissenschaftlichen Arbeiten 
Leibnizens, drängte sich mir unwiderstehlich die Ueberzeugung auf, 
dass mir ein näherer Einblick nur vergönnt sein wird, wenn ich 
nicht nur die Entdeckung der Differential- und Integralrechnung im 
Zusammenhange mit seinem wissenschaftlichen Denken betrachte, 
sondern ausserdem noch dieser Betrachtung die individuell entwick- 
lungsgeschichtliche Methode zu Grunde lege. Dass übrigens diese 
Ueberzeugung nicht trügerisch war, glaube ich nach Fertigstellung 
nachfolgender Dissertation annehmen zu dürfen. Wollte ich jedoch, 
hier in der Einleitimg diesen Standpunkt näher begründen, so 
müsste ich das Nachfolgende vorwegnehmen, was ich nicht als an- 
gängig erachte. 

Eines nur möchte ich trotzdem vorwegnehmen, da es mir mehr 
Nebenresultat wurde, als es Aufgabe war und das ich doch her- 
vorheben möchte, einmal weil es klar die logische, sachliche Ord- 
nung in sich birgt, innerhalb deren sich das Leibnizsche Denken 
entfaltete und andermal weil ich unbescheiden genug bin zu betonen, 
dass ich damit zu einem Schlüsse kam, den auch Cassierer in seinem 
grundlegenden Werke, das mir grosse Dienste leistete, «Leibniz' 
System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen» (Marburg 1902, 
XL 548) zieht, indem er einerseits dartut, dass Leibniz von der 
Logik zur Mathematik, von da zur Dynamik und Physik aufstieg, 
von da, im Aufbau der Monade weiterhin, zur Biologie, zur Lehre 
vom Bewusstsein, um schliesslich im fertigen Monadenbegriff in der 
Methaphysik auszumünden, andererseits diese logische Ordnung dem 
Aufbau seines Werkes zu Grunde legt. 

Von der Logik also ging Leibniz aus und so werden wir uns 
denn auch nicht wundern, wenn wir ihn schon bei den ersten 



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— 2 — 

Schritten, die wir in die Werkstatt seines Denkens tun, beim Studium 
der Logik antreffen. Die Logik enthielt die ersten Probleme, die 
ihn tiefer beschäftigten, sie war es, auf die er immer wieder beim 
tieferen Eindringen in eine Wissenschaft zurückkam. Um aber den 
mannigfachen Bedürfnissen, die die neuerwachten Naturwissenschaften 
an die Logik stellten, gerecht zu werden und welche Bedürfnisse 
auch Leibniz von ihr befriedigt zu werden forderte, musste sich die- 
selbe aus dem fleischlosen Skelette, zu dem sie in der Scholastik 
geworden war, in ein mit Fleisch und Blut erfülltes Wesen ver- 
wandeln, sie musste aus ihrer Beschränkung heraustreten und zu 
einem wichtigen Lebenselement der Wissenschaft werden. 

Es ist Zufall und ist es wieder nicht, dass Leibnizens Denken 
njit der Logik seinen Anfang nahm, wenigstens soweit es sich um 
selbständiges Denken handelt. Zufall ist es, wenn man die eigen- 
tümliche Zusammenstimmüng von Ereignissen sich vergegenwärtigt, 
dank derer er in die Bibliothek seines Vaters kam,^ wo er mehr 
fand, als er in seinem damals noch jugendlichen Alter eigentlich 
wollte. Aber andererseits ist es kein Zufall, wenn man bedenkt, 
dass ihn gerade die Logik, trotz ihrer scholastischen Dürre, mächtig 
anzog und mannigfache klare und unklare Gedankenkombinationen 
in ihm anregte, sondern wir müssen das, so unbestimmt auch die 
Vorstellung für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaften sein 
mag, einer besonderen Veranlagung seines Geistes zuschreiben. 

Diese Tatsache, für die wir im L Kapitel dieser Arbeit, Leibniz 
mit eigenen Worten werden sprechen lassen, ist überaus wichtig, 
denn diese erste Beschäftigung mit der Logik ist es, die wir als 
einen mächtigen Faktor in der gesamten Arbeit Leibnizens antreffen 
werden und die wir in ihren Resultaten auch ganz besonders als 
überaus wichtigen integrierenden Bestandteil bei der Entdeckung 
und Begründung der höheren Mathematik aufzuweisen versuchen 
werden. 

Auf eine nähere kritische Stellungnahme zu Werken, die ganz 
oder teilweise die gleichen Probleme bei Leibniz behandeln, musste 
ich aus naheliegenden Gründen verzichten. Nur wo eine kritische 



* Näheres hierfiber findet man in der Biographie : „Gottfried Wilhelm 
Freiherr von Leibniz** von G. E. Guhrauer, erster Teil; dann in dem Abschnitte: 
Leibniz Leben in der Uebersetzung der „Neuen Abhandlungen Qber den mensch- 
lichen Verstand*' von G. W. v. Leibniz von C. Scharschmidt, Philosophische 
Bibliothek, Bd. 69, 2. Auflage. 

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— 3 — 

Stellungnahme überhaupt unumgänglich nötig war, wie in Bezug 
auf die Auffassung der Entdeckung der Differential- und Integral- 
rechnung, sowie die Bedeutung des Differentials, da flocht ich eine 
solche ein. Im übrigen muss ich auf die in meiner Darstellung 
implizite liegende Uebereinstimmung imd Nichtübereinstimmung, 
«owie deren Begründung, hinweisen. 

Es möge jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass ich ausser in 
dem anfangs angegebenen Momente auch sonst in wesentlichen Punkten 
mit Cassierer übereinstimme, ausgenommen unter anderem wesent- 
liche Bestimmungen über Raum und Zeit. Daraus ergibt sich auch 
meine Zustimmung zu den hauptsächlichsten Punkten der kritischen 
Stellungnahme Cassierers in dem Nachtrage seines Seite 1 genannten 
Werkes, zu den Werken von Couturat^ und Rüssel.* Vor allem 
bezüglich des Verhältnisses der Logik zu den Naturwissenschaften 
und zur Monadenlehre glaube ich auf Grund meiner Darlegungen, 
<iass Cassierer Recht hat gegen Couturat. 

' Louis Couturat : La logique de Leibniz d'apr^s des documents in^dits. 
Fans (F6lie Alcan) 1901, XIV i. 608 S. 

* Siehe den „kritischen Nachtrag** in dem zitierten Werke Cassierers, 
S. 532 bis 548. 



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I. Kapitel 



Wesentliche Anschauungen Leibnizens bis zur Zeit 
des Pariser Aufenthaltes. 

Schon in der Einleitung ward der Tatsache Erwähnung getan, 
dass die ersten selbständigen Gedanken Leibnizens innerhalb der 
Logik entstanden. Als er, wie er uns selbst erzählt, bei dem Stu- 
dium derselben auf die sogenannten Prädikamente oder Ordnungen 
der Begriffe stiess, vermöge derer man die letzteren in bestinunte 
Reihen ordnete und so von einem zum anderen gelangte, da fiel 
ihm ein, ob man denn solche Prädikamente nicht auch von Zu- 
sammengesetzen Wahrheiten aufstellen könnte, denn, so eröffnete 
sich ihm sofort die Aussicht, wäre das möglich, gelänge dies, dann 
könnte man vermöge dieser Prädikamente der zusammengesetzten 
Wahrheiten, oder Terminos complexos, einmal in der einen Richtung 
zu immer neuen Wahrheiten aufsteigen, was in gewisser Weise ein 
synthetischer Vorgang wäre, andererseits könnte man vermöge der- 
selben absteigend von bestimmten Wahrheiten zu immer einfacheren 
bis schliesslich zu den einfachsten rückwärts schreiten, was dem ana- 
lytischen Verfahren entspräche. Damit waren aber zunächst zwei 
wichtige methodische Gedanken erfasst, deren klare Herausarbeitung 
Leibnizen von nun an beschäftigte. Aber noch ein anderes war 
damit gegeben. Die Möglichkeit von einer bestimmten Wahrheit 
zu immer einfacheren rückwärts zu schreiten, stellte auch das Problem 
der einfachsten, derjenigen, die eine weitere Zurückführung auf 
andere nicht zulässt, auf. Auch diese Frage beschäftigte von nun 
an oft das Denken Leibnizens. Sie drückt sich konkreter in der 
Frage nach den Elementen, aus denen der Inhalt alles Wissens 
letzten Endes besteht, aus. 

Dies wird nun noch dahin erweitert, dass nicht nur die Be- 
kanntschaft mit diesen Prädikamenten, dann mit den Elementen 

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— 6 — 

gefordert wird, sondern konkreter, tritt noch der überaus wichtige 
Gedanke auf, nicht mit diesen schwerfälligen Wortkomplexen, die 
solcher Aufstieg oder Abstieg erforderte zu operieren, sondern 
gleichzeitig einfache Bezeichnungen zu erfinden, ein Alphabet der 
Gedanken, das durch einfache Operationen mit ihnen die Findung 
von neuen Wahrheiten und die Analyse bekannter zu bewerkstel- 
ligen gestattete, vor allem in diesem Zusammenhange das erstere^ 
das letztere dann um die so gefundenen Wahrheiten aus ihren Zeichen 
herauszulesen. 

Fasst man dies zusammen, so ergibt sich der wesentliche Grund- 
gedanke, der Keim, jener Scientia generalis, jener allgemeinen 
Charakteristik, die Leibniz während seines ganzen Lebens erstrebte. 
Es ist bekannt, wie mannigfache universalistische Seitengedanken 
und Tendenzen aus diesem universalen Gedanken flössen, wie z. B. 
die Forderung einer allgemeinen Weltsprache u. a.* 

Dass übrigens Leibniz die Lösung nicht gelang, liegt wesent- 
lich darin, dass dieselbe implizite den Abschluss des Wissens, vor 
allem des menschlichen, erfordert, indem sich die Welt unserer 
Vorstellungen niemals rein deduktiv erzeugen lässt, sondern stets 
der induktiven Erfahrung bedarf, der Erfahrung aus Beobachtungen, 
Der Grundgedanke der Scientia generalis, enthält aber die Ideal- 
forderung des rationalen Denkens, nämlich den zufälligen Erfahrungs- 
inhalt in seiner individuellen Abgeschlossenheit auf rein deduktivem 
Wege, ohne Zurückbleiben irgend welchen Restes zu begreifen. 

So sehen wir, was leicht zu begreifen ist, dass der Ratio- 
nalismus bei Leibniz in den ersten Keimen seines Denkens Wurzel 
fasst, aber seiner Genialität wurde das nicht zum Hindernis auch 
dem empirischen Momente seine Würdigung zuteil werden zu lassen. 
Hiefür sprechen, glaube ich, vornehmlich auch seine psychologischen 
und erkenntniskritischen Betrachtungen, wie sie uns die «Neue Ab- 
handlungen über den menschlichen Verstand» in ihrem Kampfe mit 
Locke darbieten. 

Doch hören wir was uns Leibniz selbst über jene ersten Ge- 
dankenkombinationen unter anderem sagt : € Durch eine sonderbare 
Schickung ist es gekommen, dass ich noch als Knabe auf diese 
Gedanken verfiel, welche wie die ersten Neigungen zu tun pflegen, 
nachher inuner meinem Geiste am tiefsten eingeprägt geblieben 



' Siehe hiezu das zitierte Werk von Couturat. 

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— 7 — 

sind ...» und an anderer Stelle : € Als ich aber diesem Studium 
(der Logik) mit grösserem Nachdruck oblag, verfiel ich notwendig 
auf jene bewunderungswürdige Betrachtung, dass nämlich ein ge- 
wisses Alphabet der menschlichen Gedanken erfunden werden könnte, 
und dass aus der Kombination der Buchstaben dieses Alphabets und 
aus der Analysis, der aus ihnen gebildeten Wörter alles sowohl 
erfunden, als auch beurteilt werden könnte. Sobald dieses von 
meinem Geiste erfasst worden war, jauchzte ich auf, freilich mit 
einer knabenhaften Freude, denn damals fasste ich die Grösse des 
Gegenstandes nicht genug. Späterhin aber, je grössere Fortschritte 
ich in der Erkenntnis der Dinge machte, desto mehr wurde ich in 
dem Entschlüsse befestigt, einen so grossen Gegenstand zu ver- 
folgen.»* 

So klar also hatte Leibniz den allgemeinen Gedanken bereits 
erfasst. Ihren literarischen Ausdruck fanden diese Gedanken über 
die Prädikamente vor allem, in dieser Zeit, verbunden mit anderen 
Fragen in der Schrift «de arte combinatoria* vom Jahre 1666. 

Bevor wir uns jedoch den Gedanken, die in derselben nieder- 
gelegt sind, zuwenden, wollen wir einer anderen früheren Schrift 
aus dem Jahre 1663 also aus dem 17. Lebensjahre Leibnizens, Er- 
wähnung tun. Es ist dies die Schrift: «De principio individui».* 
Der eiste Blick in dieselbe schon verrät, wie fest schon damals 
Leibniz die scholastischen Methoden beherrschte, wie er es verstand 
mit gleichen Waffen seine These zu verteidigen, wie sie die Scholastik 
verwendete. Für uns wichtig ist, dass in dieser Schrift eine Seite 
seines Systems bereits zum vollen Durchbruche kommt, wenn auch 
nicht zur vollen systematischen Klarheit, nämlich das Prinzip der 
Individualität. Charakteristisch ist, dass er sich bei der Behandlung 
dieser These zum Nominalismus erklärt. In diesem Sinne ist auch 
die etwas unbestimmte Determination des Individuums, nämlich durch 
die Summe seiner unterscheidenden Merkmale, gehalten, die eigent- 
lich, wie auch Kirchmann bemerkt, in ihrer Bedeutung erst durch 
den Gegensatz zum Realismus verständlich wird. 

Die volle Ausgestaltung sollte dieses Prinzip erst in der Monade 
finden, also nach einer langen, mühevollen, wissenschaftlichen Arbeit. 



' Leibniz, Haupttchriften zur Grundlegung der Philosophie. Uebersetzt 
von Dr. A. Buchenau, Leipzig 1904, S. 32. Siehe auch Guhrauer: Leibniz, 
eine Biographie. 

' Uebersetzt in Kirchmann: Leibniz, kleinere philosophische Schriften. 

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— 8 — 

Ein anderes Moment, das des Universalismus, hatte schon seine 
allgemeine Charakteristik in gewisser Weise betont, wie wir auch 
bereits erwähnten. Die Verknüpfung beider sollte erst der reifen 
Ausgestaltung seines Systems vorbehalten bleiben, jene Verknüpfung 
die auch noch im gegenwärtigen Denken ihre wichtige Rolle spielt 
und inruner spielen wird. Leibniz' System ist nicht die Lösung, 
sondern der Versuch einer Lösung. Noch bei Nikolaus von Cusa 
liegen diese beiden Momente unverknüpft nebeneinander.^ 

Der Universalismus im Sinne einer einheitlichen Zusammen- 
fassung der einzelnen Gegebenheiten, tritt schon frühzeitig bei Leibniz 
als teleologische Forderung auf und als anregenden, wenn auch 
nicht bestimmenden Faktor hiefür, dürfen wir seine theologischen 
Betrachtungen aus dieser Zeit mit ansehen.^ 

Wenden wir uns nun zu seinen anderen Anschauungen aus der 
Zeit, die uns' in diesem Kapitel beschäftigt. 

Bekannt ist, dass Leibniz sich schon 1661, also vor Abfassung 
der eben erwähnten Schrift, für den Mechanismus erklärt hatte, 
nachdem er besonders Gassendis Schriften kennen gelernt. Der 
Mechanismus, im speziellen der Atomismus, war es auch der be- 
stimmend in sein Denken eingriff imd während er den ersteren 
stets anerkannte, wurde er ein starker Bekämpfer des letzteren aus 
methodischen und systematischen Einsichten heraus, wie überhaupt 
Leibniz eine Bekämpfung, eventuell ihm nicht zusagender An- 
sichten, aus methodischen und systematischen Gesichtspunkten kenn- 
zeichnet. Nicht an bestimmten Einzelergebnissen, sondern an der 
Wurzel sucht er das Problem zu fassen. 

Aus dieser Anerkennung des Atomismus heraus erklärt sich 
auch, dass ihm jetzt noch das Stetige aus zwar unendlich vielen, 
aber extensiven Teilen zusanunengesetzt erschien. Dies führt ims 
nun wieder hinüber zu der schon erwähnten Schrift < de arte com- 
binatoria». Die Quantität wird hier als die Zahl der Teile erklärt, 
so dass sie der Sache selbst nach mit der Zahl zusammenfallt, denn 
auch die Zahl fasst er hier noch rein als ganze Zahl auf, also ledig- 
lich als Ausdruck und Inbegriff einer bestinunten Gruppe von Ein- 
heiten. Nun hat aber die Zahl das charakteristische Merkmal, dsss 
ihr der spezielle Inhalt gleichgiltig ist, dass sie es eigentlich mit 

» Siehe auch Windelband: Die Geschichte der neueren Philosophie, Leip- 
zig 1904. 

* Hiezu: Guhrauer, Leibniz, eine Biographie. 



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— 9 — 

Ideellen Einheiten zu tun habe. Sie gilt also allgemein, ebenso wie 
die Beziehungen, die sich aus der Operation mit ihr ergeben. .War 
aber anderseits erkannt, dass die Zahl im wesentlichen mit der 
Quantität übereinstimme, so musste insbesondere auch die Quantität 
des Raumes und deren Bestimmung nur als ein Spezialfall der all- 
gemeinen Arithmetik erscheinen, die nach den vorherigen Bestim- 
mungen die Quantität überhaupt zu betrachten hat. So erklärt sich 
der Ausspruch Leibnizens: «Da somit die Zahl einen allgemeinen 
Inhalt darstellt, so gehört sie mit Recht zur Metaphysik, deren Auf- 
gabe es ist, das Gemeinsame für alle Gattungen darzustellen. > ^ 

Aber die Ars combinatoria enthält noch einen anderen wich- 
tigen Gedanken als Frucht jener Beschäftigung mit der Logik. 

Indem die Arithmetik nicht allein auf die gemeinhin bekannten 
Zahlenoperationen beschränkt wird, welche Beschränkung auch schon 
in den Worten des obigen Zitats aufgehoben gedacht ist, sondern 
sie zum Ausdruck aller möglichen denkbaren Kombinationen von 
algebraischen Zahlen wird, die hier vor allem metaphysisch in An- 
lehnung an Leibnizens Lehrer Erhard Weigel als Zeichen gedacht 
sind, wird die Arithmethik zur kombinatorischen Kunst im weiteren 
Sinne, so dass die Algebra, die sich auf diese Grundoperationen 
und die aus ihnen unmittelbar ableitbaren beschränkt, von diesem 
Gesichtspunkte nur ein Spezialgebiet der allgemeinen Kombinatorik 
ist. Auch hier sehen wir einen Gedanken jener allgemeinen Charak- 
teristik bestimmte Formen annehmen. Die Zeichen, hier Buchstaben, 
sind Vertreter von Begriffen, die eben eventuell auch Zahlbegriffe 
sein können. Mit diesen Zeichen sollen Operationen vorgenommen 
werden, die bestimmte Beziehungen ausdrücken und bestimmte Re- 
sultate ergeben. Auch Beispiele werden hiefür angeführt. Es sind 
das Anßlnge einer Algebra der Logik, wie sie noch heute versucht 
wird. Uns ist wichtig die klare Heraushebung der Methode der 
Kombination, in ihrer selbständigen Bedeutung der Loslösung der 
Operation, der Funktion würden wir heute sagen, von ihrem spe- 
ziellen Inhalt. Es ist das eine der Grund forderungen seiner allge- 
meinen Charakteristik. Erst vermöge dieser allgemeinen kombina- 
torischen Kunst sind auch letzten Endes die Qualitäten auf Quantitäten 



* Zitiert bei Cassierer S. 490, dessen Ausführungen mir für dieses Ka- 
pitel überhaupt grosse Dienste leisteten, wenn ich auch gewisse Punkte starker 
hervorheben musste. Ferner siehe hiezu Couturat: La logique de Leibniz, 
die ich erst später bekam. 

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— 10 — 

zurückführbar. Es ist dies ein Gedanke, den der Atomismus, zu dem 
sich ja Leibniz hier noch bekannte, eigentlich fordert. ' 

In dem eben Gesagten, wie in der ganzen Zeit, die wir jetzt 
betrachten, tritt uns immer die Forderung nach dem Element ent- 
gegen, aus dem die komplexen Inhalte erzeugt werden können, und 
Cassierers Werk baut sich an Hand der verschiedenen Stufen der 
Ausgestaltung dieses Elementes im wesentlichen auf, was sich als 
zutreffend aus der Erkenntnis der Bedeutung, die die allgemeine 
Charakteristik für Leibniz hatte, bei tieferem Studium seiner Schriften 
ergibt. 

Doch nicht nur mit Descartes und Gassendi, den Scholastikern 
und Kirchenvätern beschäftigte sich Leibniz in dieser Zeit, sondern 
auch die Begründer der modernen Naturwissenschaft, ein Kepler und 
Galilei, sind ihm bekannt, daneben Mathematiker wie Pascal, Ca- 
valieri und andere. Damit aber erwächst uns die Aufgabe, seine 
mechanischen, physikalischen Anschauungen, deren Betrachtung aber 
immer einen mehr oder weniger allgemeinen, philosophischen Cha- 
rakter trägt, zu besehen. Wichtig hiefür ist vor allem die Schrift: 
«Hypothesis physica nova>, die im Jahre 1671 erschien, daneben 
kommen noch andere Schriften in Betracht. 

Die Methode der Unteilbaren oder Indivisibilien Cavalieris ist 
es, die ihm in ihrer Einführung der Bewegung, als einer neuen Er- 
xeugungsmöglichkeit von Komplexem aus Einfachem, oder Elementen 
zusagt. Die Wichtigkeit der Untersuchung der Bewegung hatte er 
bereits auf Grund anderer Studien erkannt. Aber die logische Gründ- 
lichkeit Leibnizens stiess sich an der etwas unbestimmten, Zweifeln 
ausgesetzten Methode Cavalieris, deren wichtigste Momente uns 
noch das zweite Kapitel zeigen wird. Ihre Fruchtbarkeit und Nütz- 
lichkeit leuchtete Leibnizen ein, und so stellte er die Forderung auf, 
die auch schon Pascal * aufgestellt hatte, die Methode der Indivisi- 
bilien logisch zu vertiefen. Vor allem aber ist wichtig, dass, da die 
Cavaliersche Methode das Moment der Bewegung aufnimmt, sie die 
geometrischen Raumgebilde durch Bewegimg einfacherer erzeugt 
sein lassen will, also z. B. die Linie durch stetige Bewegung des 
Punktes, der Punkt selbst damit aus seiner starren Fassung als ab- 



* Siehe Couturat zum Vergleiche. Chapitrc VII, S. 283 u. f. La Math^- 
matique universelle, wo Conturat zu einem im wesentlichen gleichen Ergebnis 
kommt. 

'^ Siehe Cantor: Geschichte der Mathematik bei „Pascal**. 

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— 11 — 

solute Null bezüglich der Extension, heraustreten musste, indem ihn> 
eben das Moment des Bewegtwerdenkönnens zugesprochen wurde. 
So unwichtig dies für den ersten Blick scheinen möchte, so wichtig 
konnte es für den methodischen Blick Leibnizens werden. 

Für die spezielle Ausgestaltung der Bewegungsgesetze wurde 
das durch die Aufnahme des < conatus > der Geschwindigkeit in den 
Begriff des bewegten Elementes wichtig. * 

Aber nun sollte weiter durch die Cavaliersche Methode die Ex- 
tension im eigentlich Intensiven, wie uns das II. Kapitel näher zeigen 
wird, festgehalten werden. Es muss z. B. möglich sein, in den Be- 
ziehungen von Linien, als den Erzeugenden von Flächen, die Be- 
ziehungen ihrer Erzeugnisse der Flächen selbst festzuhalten. Wollte 
Leibniz die Methode Cavalieris logisch vertiefen, so musste vor 
allem diese Möglichkeit logisch dargetan, oder wenn dies vorläufig 
nicht ganz möglich war, sie postuliert werden. 

Da er aber die Methode Cavalieris anerkannte, so war damit 

zumindest dieses Postulat anerkannt. Dann aber musste Leibniz 

auch erkennen, dass Quantität und Extension nicht dasselbe seien,, 

denn das Quantum war für ihn zunächst nur fassbar als Inbegriff 

von Teilen, die Extension selbst sollte aber hier aus Inextensivem 
> 

bestimmt werden. Die Extension, wenn sie aber nicht mehr Quantum 
ist, bleibt nur noch unter die Kategorie der Grösse zählbar. Es 
musste sich für Leibniz hieraus methodisch die Loslösung des Be- 
griffes Grösse von dem des Quantums ergeben. ^ Die Kategorie der 
Grösse wird, wie dies schon bei Descartes geschah, in ihrer metho- 
dischen Selbständigkeit erkannt und nur bedingt durch die Bestimm- 
barkeit in einem willkürlich, aber fest angenommenen Mass. Wie 
wichtig dies ist, kann allerdings erst später gezeigt werden. 

Der Begriff des Körpers ist von Leibniz in der «Hypothesis 
physica nova» noch rein sinnlich gefasst. Der Begriff der Masse, 
wie er sich uns später darbieten wird, ist noch nicht da. Noch 
muss er einen Unterschied zwischen einer < wahren > und einer 
« konkreten oder wirklichen > Bewegung machen. Die erstere stützt 
sich auf die Lehre von der geometrischen Zusammensetzung von 
Geschwindigkeiten, die letztere gibt uns die wirklichen Tatsachen 
der Erfahrung wieder. Phoronomie und Mechanik stehen einander 



* Siehe auch Cassierer, S. 497. 

* Siehe hiezu auch Cassierer, S. 124 u. f. 

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— 12 — 

unvermittelt gegenüber, und es musste erst eine Durchdringung des 
Körperbegriffs kommen, ehe sie zu einer systematischen Einheit 
vereinigt werden konnten. 

Aus den Schriften in der gleichen Zeit ergibt sich ferner, dass 
Leibniz schon ' damals, was er auch später immer hervorhob, zur 
vollen Klarheit darüber kam, dass das wahre demonstrative Ver- 
fahren der Physik darin bestehe, die Phänomene aus Phänomenen, 
die Menge der Besonderheiten aus wenigen allgemeinen Erschei- 
nungen abzuleiten. Auch hier können wir nicht umhin zu bemerken, 
dass an dieser Bestimmung der Gedanke der allgemeinen Charak- 
teristik wahrscheinlich seinen Anteil haben wird. Darum verstehen 
wir, dass uns schon 1667 die Forderung Leibnizens entgegentritt, 
alle Qualitäten der Körper auf eine subtile Bewegung zurückzuführen. 
Sie musste das Element sein, auf dass sich der Mechanismus der 
Körper weit, der Erscheinungswelt aufbauen konnte. Wie weit diese 
Einsicht, angeregt durch mannigfaches Studium, schon damals gelangt 
war, zeigt .wohl der Satz Leibnizens vom Jahre 1671 an Amauld : 

< corporis essentiam non consistere in extensione essentiam 

corporis polius consistere in motu ...» * 

Aber anderseits dürfen wir, wie schon erwähnt, nicht vergessen, 
dass Leibniz bei allen seinen logischen, mathematischen und physi- 
kalischen Studien und Betrachtungen inuner das Ganze der Philo- 
sophie, sogar die Theologie mit inbegriffen, im Auge hatte. So 
erföhrt der Substanzbegriff, nachdem er sich von der starren Fassung 
der Atomistik losgelöst hatte, eine veränderte Fassung. « Das Wesen 
des Körpers besteht nicht in der Ausdehnung, die ein blosses Aus- 
einander von Teilen darstellt, sondern in der Bewegung, welche im 
Conatus als intensive Einheit bestimmt ist. >* Auch das Problem des 
Organismus gewinnt einen Einfluss auf die Fassung des Substanz- 
begriffes, angeregt wohl auch durch die mikroskopischen Unter- 
suchungen der Zeit, ^ indem gesagt wird, dass Menschen, Tiere, 
Körper und Mineralien einen Kern, eine Substanz haben, die von 
dem € capite mortuo » unterschieden sei : « Dieser Kern sei so subtil, 
dass er auch in der Asche der verbrannten Dinge übrig bleibe und 

' Zitiert bei Cassierer, S. 519, unten in der Anmerkung. Zum Ganzen 
vergleiche, wie schon mehrfach erwähnt, die betreffenden Stellen bei Cassierer. 

' Zum vollen Verständnis dieses Satzes muss man sich vergegenwärtigen, 
dass Descartes' Körper und Ausdehnung identifiziert hatte. 

^ Siehe hiezu Stein: Leibniz und Spinoza. 



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— 13 — 

^ichsam in ein unsichtbares Zenbiitm sich zusammenziehe. In dem 
Foetus oder Frucht begreife man bereit« das ptmctum saliens, den 
Kern des ganzen Körpers. > Wir sehen, wie unbestimmt diese natur- 
philosophtsctien Bestimmungen noch sind, wie «ie aber anderseits 
das wichtige Moment in sich enthalten, dass Leibniz kein konser- 
vativer Denker ist, sondern wie ihm jede neue Erfahrung, jede neue 
Erkenntnis zum starken Anregungsmittel nach tieferer Einsicht wird,, 
möge dabei auch das, was er bis nun gedacht, aufgerieben werden. 
Es Hegt darin der grosse Gegensatz zu Spinoza, jenem abgeschlos- 
senen Einheitsdeaker. 

Auch das Einfache der Seele, das nachher eine so grosse Rolle 
spielt, tritt uns schon in einer wenn auch unbestimmten Fassung 
entgegen. «... also ist mens eine kleine, in einem Punkt begriffene 
Welt, so aus denen ideis wie centrum ex angulis besteht, denn an- 
gulus ist pars centri, obgleich centnnn indirisibel, dadurch die ganze 
natura mentis geometrice erklärt werden kann. > * Diesen Vergleich 
hat Leibniz auch späterhin öfter gebraucht. Das unteilbare Zentrum^ 
in dem alle Winkel enthalten sind, also eine Mannigfaltigkeit, ist 
doch ein Einfaches. Es lässt gleichsam die Strahlen aus sich hervor- 
gehen, gemäss seiner Eigenart, die durch seine Lage gegeben ist,. 
die die Winkel, also seine Inhalte, trotz seiner Einfachheit bilden. 

Diese wenigen angeführten Sätze zeigen doch zur Genüge, wie 
stark sich Leibniz von der starren Atomistik losgelöst hatte, wie 
sich das Bewusstsein emporgearbeitet, dass der wesentliche Grund- 
stock der Erfahrung doch ein ideelles, ein rationales Moment sei^ 
jene Erkenntnis, die weitere Ausgestaltung noch bei Leibniz fand 
und mit vollem Bewusstsein ausgesprochen wurde, ihren klaren me- 
thodischen Ausdruck wohl erst bei Kant fand. 

Noch einen Gedanken dürfen wir nicht unerwähnt lassen. Die 
Demonstrationen der Natur Gottes führten ihn (Leibniz) von der 
Bewegungslehre aus bereits zu einer universalen Harmonie, die in 
den Bewegungsgesetzen selbst begründet sein soll, ja die ihn zu 
dem Ausspruche bringen: « seu Harmonia Universalis id est Deus 
seyn müsse». Dieser an sich wichtige Gedanke zeigt uns aber noch 
eines, nämlich den Zweckbegriff, der hier schon auftritt, denn die 
Harmonie der Bewegungen ist ihrem letzten Grunde nach nur aus 
einem Zwecke, aus einer sie erschaffenden oder in sie gelegten Ein- 
heit zu verstehen. 



Zitiert bei Cassierer, S. 511. ^^ T 

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— 14 — 

Zusammenfassend können wir folgendes über die betrachtete 
Periode resümieren: Der Grundgedanke der universellen Charakte- 
ristik ist es, den wir vor allem als das wesentlichste Ergebnis 
herausheben müssen. Sie ist Grundgedanke, enthält aber anderseits 
einen wichtigen methodischen Kern. Dieser zeigt sich darin, dass 
gefordert wird einerseits die Zerlegung komplizierter zusammenge- 
•setzter Begriffe und Urteile, Wahrheiten, Phänomene in einfachere, 
letzten Endes in ihre sie erzeugenden Elemente — die Analysis — 
und anderseits die Verbindung, die Kombination dieser Einfachen, 
dieser Elemente zu komplexen Begriffen, Wahrheiten, Phänomenen — 
•die Synthesis. Wichtig ist hierbei, dass ihm die Arithmetik, die von 
der allgemeinen Zahl handelt, also mit Zeichen, denen der momen- 
tane Inhalt gleichgiltig ist, als der Typus erscheint. Darin ist also 
<ler Gedanke nach einer Loslösung der Operation von ihrem spe- 
ziellen Inhalt ausgesprochen, und darin liegt keimartig der Gedanke, 
■dass eine neue Rechnungsart nur möglich sei, indem eine Beziehung 
von Grössen aufgestellt werde, die einen möglichst allgemeinen In- 
halt bezeichnen. Auch die Forderung nach Vertiefung der Cavalieri- 
flchen Methode weist schon nach diesem Ziele hin. 

Für Körper- und Substanzbegriff wollen wir nur bemerken, dass 
wesentlich seine Loslösung von der starren Atomistik, von der Ge- 
gebenheit des Seins nur durch die sinnliche Wahrnehmung, ist. 

Die eben angeführten Gedanken weisen uns nun mit Notwen- 
digkeit auf jene fundamentale Entdeckung einer neuen Rechnungsart 
<ier Differentialberechnung durch Leibniz hin. Bevor wir jedoch 
diese selbst in Betracht ziehen, möge uns das nun folgende zweite 
Kapitel zunächst die Vorläufer Leibnizens auf diesem Gebiete, die 
teils direkt, teils indirekt auf ihn wirkten oder wirken konnten, in 
den wesentlichsten Punkten zeigen. 



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IL Kapitel. 



Geschichtlicher Ueberblick über die Anfänge und 
Ansätze der Differential -Rechnung vor und bis 

Leibniz.* 

Die geschichtlichen Anfönge der Rechnung mit mathematischen 
Grössen, wie sie die Differentialrechnung aufweist, reichen in der 
Mathematik bis auf die grossen Geometer des Altertums, auf Euclid, 
Archimedes, Apollonius, zurück. Sie bedienten sich bereits eines 
Verfahrens zur Quadratur von Kurven, welches sich vor allem durch 
logische, also auch mathematische Strenge auszeichnete und welches 
anderseits das Problem des Continuums implicite enthielt. Ihr Be- 
weisverfahren zeigt, wie sie, die Schwierigkeiten desselben begreifend, 
ihm durch den Syllogismus des apagogischen oder indirekten Be- 
weises beizukommen suchten. 

Deutlich wird das Gesagte, wenn wir in kurzen Zügen das 
Verfahren des Archimedes bei Bestimmung eines Parabelsegmentes 
betrachten. Wir geben hier die rein geometrische Ab- 
leitung, * die mechanische ist bei Gerhardt* zu finden. 
Man ziehe eine beliebige Sehne AB (Figur 1). 
Es soll der Flächeninhalt des Parabelsegmentes ABDA 
bestimmt werden. Hiezu ziehe man die zur Sehne 
AB parallele Tangente EC, fälle von B, D und A" 
Senkrechte, so erhält man die in der Figur ge- 
zeichneten Rechtecke. Ausserdem verbinde man 
noch A mit D und D mit B, ziehe also die Sehnen 
AD und BD. 




' Ich habe mich hiebei vornehmlich an Cantor; Geschichte der Mathe- 
matik, I. und IL Band, Leipzig 1892, sowie an Gerhardt: Die Entdeckung der 
OifTerentialrechnung durch Leibniz, Halle 1848, und Gerhardt: Die Entdeckung 
der höheren Anal/sls, Halle 1855, gehalten. 

- Cantor, I. Band, S. 263. Leipzig 1880. 

^ Gerhardt: Entdeckung der höheren Analysis, S. 6 u. f. 

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— 16 — 

Archimedes sagt — heisst es nun bei Cantor — /\ ADB ist 
kleiner als der Parabelabschnitt ADBA. /\ ADB ist die Hälfte 
des Rechteckes ABCE, und als eingeschrieben in den Parabelab- 
schnitt ist es grösser als die Hälfte des Abschnittes kleiner als sein 
Ganzes. 

Man kann aber auch die umgekehrte Folgerung ziehen und die 
Fläche des Abschnittes grösser als das betreffende Dreieck, kleiner 
als das Doppelte desselben, nennen. 

In jedem der beiden kleinen Abschnitte AD und DB wird nun 
nach ähnlicher Regel wieder ein Dreieck beschrieben, und indem 
er diese Dreiecksinhalte addiert, bekommt Archimedes für den ge- 
suchten Parabelabschnitt einen immer annähernderen Wert, indem 
die Seiten der Dreiecke immer kleiner werden und sich dem Parabel- 
bogen inuner enger anschmiegen, also einen ihm eingeschriebenen 
Teil eines Polygons herstellen. Der Unterschied zwischen dem durch 
dieses Polygon und die Sehne AB eingenommenen Flächenraum 
einerseits und dem durch den Parabelbogen ADB und die Sehne 
AB anderseits abgegrenzten kann so unter jeden angebbaren Wert 
gebracht werden. 

Indem nun noch Archimedes einen Satz über geometrische Pro- 
gressionen ableitet, welchen er für die Summierung dieser Dreiecke 
braucht, gewinnt er schliesslich einen annähernden Wert des Parabel- 
segmentes ABDA in */8 des Dreieckes ADB, das mit dem Parabel- 
segmente dieselbe Grundlinie und dieselbe Höhe hat, und zeigt femer, 
vermöge obiger Betrachtung, dass er den Unterschied des Parabel- 
abschnittes gegen ^/b des genannten Dreieckes kleiner als jede ge- 
gebene Grösse machen kann. 

Hier nun wäre man bereits imstande gewesen, den Begriff und 
Inhalt des Continuums scharf zu fassen, den begrifflichen üebcrgang 
zur Grenze ^s zu machen, welchen Grenzübergang wir ja heute oft 
anwenden. 

Doch Archimedes umgeht diese begriffliche Schwierigkeit, in- 
dem er zeigt, dass die Annahme, das Parabelsegment könnte grösser 
oder kleiner sein als Vs jenes Dreieckes — auf einen Widerspruch 
gegen die entsprechende Voraussetzung führt. Damit erst hat er, 
mit Hilfe des apagogischen Beweises also, den strengen Beweis ge- 
führt, dass das Parabelsegment in der Tat 7» jenes Dreieckes ist. 
Man sieht, mit welch logisch mathematischer Strenge hier zu Werke 
gegangen worden ist. 



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— 17 — 

Wir bemerken ferner auch die Anfänge gleichsam der GrenZ' 
methode^ aber wir sehen den Mangel der begriflflichen Bestimmung 
des Continuums. Die Geometrie kennt dasselbe noch nicht als methö- 
disckes Mittel. Das Problem des Continuums, eng verwachsen mit 
demjenigen des Unendlichen, da» eine immer grössere Rolle spielen 
sollte, fand seine Bearbeitung, wie leicht verständlich, auch in der 
griechischen Philosophie. Bekannt sind die Schwierigkeiten, die vor 
allem der Sophist Zeno aus dem Continuum herauslas und wie Ari- 
stoteles dieselben zu lösen versuchte. Doch können wir hier nicht 
darauf eingehen. ^ 

Spätere Mathem^atiker haben die Betrachtung des Continuums, 
sowie des Unendlichen in ihre Untersuchungen hineingezogen, aber 
diese Betrachtungen haben meist nur philosophisches, ja oft nur 
metaphysisches Interesse. Untersuchungen oder Verwendungen des- 
selben als Mittel zur exakten Grössenbestimmung waren einer spätem 
Zeit vorbehalten. 

So unterscheidet Bradwardinus^ ein englischer Mathematiker 
um 1325,* das kathetisch Unendliche oder einfach Unendliche als 
eine Grösse, die kein Ende hat, von einem synkathetisch Unend- 
lichen dem Endlosen, Infiniten, welches aus der endlichen Grösse 
durch unbegrenztes Wachstum hervorgeht . . . Ferner Sätze, die an 
die Auffassung des Stetigen, wie sie in der Differentialberechnung 
wirksam ist, anklingen. Jede Wissenschaft, heisst es, sei wahr, in 
welcher nicht die Voraussetzung gemacht werde, Stetiges setze sich 
aus Unteilbarem zusammen . . . oder der Satz : « NuUum continuum 
ex indivisibilibus infinitas integrari vel componi». «Kein Continuum 
lässt sich aus unendlich vielen Unteilbaren zusammenziehen oder 
ergänzen. > 

Aber noch früher, im Jahre 1220 schon, sagt uns yordanus Nemo- 
rarius^: «Stetigkeit ist NichtUnterscheidbarkeit von Grenzstellen, 
verbunden mit der Möglichkeit ahzugrenzen, > Es wird sich zeigen, 
wie das ein wesentliches Moment der Begriffsbestinunung des Con- 
tinuums von Leibniz ist, ohne dass wir zu behaupten wagen, Leibniz 
habe es von da her genommen, aber oft geht es Denkern so, dass 
sie manches später auf methodischem Wege entdecken, was sie früher 
einmal schon irgendwo gefunden hatten. 

' Ich verweise hiezu auf das Werk von Jonas Cohn: Die Geschichte des 
Unendlichkeitsproblems im abendländischen Denken bis Kant. Leipzig 1896. 
» Cantor, II. Band, S, 108 u. f. 
^ Cantor, IL Band, $. 67 u. f. Digitized by ^ZaOOglc 



— 18 — 

Aber die Schriften des deutschen Kardinals Nicolaus Cusanus 
hat Leibniz gekannt. 

Auf seine metaphysischen Betrachtungen näher einzugehen, liegt 
uns hier ferne. Wir erwähnen nur, dass ihm Gott als das absolut 
Unendliche erscheint, das er dadurch näher zu bestimmen sucht, 
dass in ihm alle endlichen Eigenschaften und Gegensätze aufgehoben 
sind. Hier in dem absolut Unendlichen in Gott findet eine Koin- 
cidenz der Gegensätze statt. Zur Veranschaulichung dieses Satzes 
benutzt er ein mathematisches Mittel, indem er darauf hinweist, dass 
die unendlich gerade Linie zugleich Dreieck, Kreis uud Kugel sei. 
Dreieck,* weil in demselben eine Seite kleiner ist als die Summe 
der beiden andern. Ist nun eine Seite unendlich, so müssen es die 
beiden andern zusanunengenommen auch sein, somit auch jede von 
ihnen. Da es nun aber nicht mehrere Unendliche geben kann, so 
fallen alle drei Seiten mit der unendHchen Geraden zusammen. 
Analog ist die unendliche Gerade Kreis. Schliesslich entsteht eine 
Kugel durch Rotation eines Kreises um seinen Durchmesser, also ist 
wie leicht einzusehen, auch die unendliche Gerade zugleich Kugel. 
Wir sehen, wie willkürlich hier noch mit dem Unendlichen operiert 
wird. Immerhin entsteht aus solchen Gedankenverbindungen, wie 
Cohn richtig bemerkt, eine doppelte Anregung nach der metaphy- 
sischen und mathematischen Seite hin, wenigstens bei Männern mit 
solch eigenartiger Denkweise, wie die des Cusaners ist. 

Auch Stetigkeitsbetrachtimgen werden von Nicolaus Cusanus 
angestellt, die mannigfache, wenn auch ziemlich unbestinunte und 
manchmal unklare Hinweise auf spätere Entwicklungen enthalten. 

Der Punkt, das Abbild der absoluten Einheit, die von nicht 
mitteilbarer Unteilbarkeit ist, ist selbst unteilbar nach jeder Art des 
stetigen Seins, aber von mitteilbarer Unteilbarkeit. Er teilt seine 
Unteilbarkeit der Linie mit, insofern diese nicht in Stücke zerlegt 
werden kann, die nicht wieder Linien wären. Analog für Oberfläche 
und Körper. So kann insbesondere auch der Körper nicht in Nicht- 
körper zerlegt werden, c In der Unteilbarkeit des Punktes sind alle 
jene Unteilbarkeiten mit inbegriffen, und in ihnen wird nichts ge- 
funden als die Entfaltung der Unteilbarkeit des Punktes. Alles, was 
im Körper gefunden wird, ist folglich nichts anderes als der Punkt 
oder ihm ähnlich. » 



' Siehe auch Cohn, S. 88 u. f. 

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— 19 — 

Von einer klaren Einsicht in die stetige Natur räumlicher Ge* 
bilde kann hier nicht die Rede sein, aber doch sind diese ganzen 
Auseinandersetzungen von manchen wahren Einblicken getragen. 
Besonders bemerkenswert ist, worauf auch Cantor* hingewiesen hat, 
<lass hier der Gedanke der Zusammensetzung räumlicher Gebilde 
aus ihnen ähnlich gearteten Elementen auftritt, aber diese Zusanunen- 
setzung ist nicht im Sinne einer äusserlichen Zusammenfügung^ 
«ondem einer Entfaltung gedacht. Gerade dieser Punkt ist es, der 
«iner logischen Fixierung erst ßlhig gemacht werden musste, um 
die Fruchtbarkeit von Stetigkeitsbetrachtungen in der Mathematik 
zu ermöglichen. 

Die oben angeführten Gedanken führen uns noch zu einem 
wichtigen Problem des Cusaners, das wir kurz betrachten wollen.* 

Es ist dies der Versuch, die ludolphische Zahl n zu bestimmen. 
Dazu schickt er in der Schrift « de mathematica perfectione > eine 
Betrachtung über die kleinste Sehne voraus. In der genannten Schrift 
heisst es*: «Meine Absicht ist, aus der Koincidenz der Gegensätze 
die Vollendung der Mathematik zu erjagen (perfectionem mathema- 
ticam venafi). > Als eine solche Vervollkommnimg erscheint ihm, wie 
-er auch in der Zueignung erwähnt, die Verwandlung von Krununem 
in Gerades und von Geradem in Krummes, ein Problem, das sich 
in seiner ganzen Schwierigkeit dem Cusaner gezeigt haben musste, 
denn seine Lösung ist noch sehr unvollkommen, ein Problem, von 
dem Descartes noch behaupten sollte, wenn auch aus scheinbar me- 
thodischen Einsichten, dass es der Menschengeist nie lösen werde. 

Zu dem genannten Zwecke stellt Cusanus den Satz auf^: «Die 
kleinste Sehne, welche es geben kann, hätte, wenn sie angebbar 
wäre, keine « sagitta > (Pfeilhöhe) und wäre so auch nicht mehr 
kleiner als ihr Bogen. Es würde also dort Sehne und Bogen zu- 
«anunenfallen, wenn man in solchen Dingen zum Kleinstmöglichen 
^ad minimam qualitatem) gelangen könnte. Dies sieht der Geist als 
notwendig ein, wenn er nur weiss, dass weder Bogen noch Sehne, 
da sie Quantitäten sind, so einfach die aktuell kleinsten sein können; 
denn das Stetige ist immer teilbar. Um aber die Wissenschaft von 
ihrem Verhalten zu erlangen, berücksichtige ich das geistige Gesicht 



1 Cantor, II. Band, S. 176. 
* Cantor, II. Band, S. 177, und Cohn, S. 92/93. 
» Cohn, S 92. 
Cohn, S. 92. /^ T 

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— 20 — 

und sage, dass ich sehe, wo die Gleichheit des Bogens und der 
Sehne ist : nämlich in dem einfach Kleinsten von beiden (in simpli- 
citer minimo utriusque). > So sehen wir, dass diese wenn auch ziem- 
lich unbestimmte Charakterisierung der kleinsten Sehne dem Cusaner 
wenigstens die logische Möglichkeit einer solchen Verwandlung von 
Krumm in Gerade dartat. Dieses Minimum ist hier nicht klar er- 
fasst, es fehlt die Möglichkeit der begrifflichen Erfassung desselben,, 
wenn auch der Uebergang zu demselben durch stetigen Fortschritt 
angedeutet ist. Was noch fehlt, ist eben alles das, was solche Be- 
trachtungen für eine mathematische Methode verwertbar macht. Das 
kann natürlich nicht eine Herabsetzung des Verdienstes des Nicolaus 
von Cusä bedeuten, denn gäbe es keinen Anfang, so gäbe es keine 
Möglichkeit, nach einem Ende zu streben. 

Was nun die Bestimmung der Zahl n anbelangt, so sucht Cu- 
sanus auf folgendem Wege dazu zu gelangen: Er betrachtet auf 
Grund obiger und anderer Betrachtungen den Kreis als regelmäs- 
siges Unendlichvieleck und sucht zu diesem dadurch zu gelangen,, 
dass er von einem gleichseitigen Dreiecke ausgeht, dessen Umfang 
bekannt ist. Dieses verwandelte er nun nach und nach in regel- 
mässige Vielecke von grösserer Seitenanzahl, aber von gleichem Um- 
fange. So suchte er sich auf dem Wege der Arcufikation einem 
Kreise zu nähern, dessen Umfang mit dem des Dreieckes gleich sei 
und dessen Halbmesser er suchte. ^ Auf diese Weise konnte er 
natürlich nur eine Annäherung erlangen, denn den Grenzübergang 
vom Unendlich Vieleck zum Kreis auf Grund der Einsicht in das 
Kontinuitätsproblem konnte er nicht machen. Dass ihn das übrigens 
nicht weiter zu beunruhigen brauchte, ergibt sich daraus, dass er 
ja erkenntnistheoretisch zu der Einsicht gekommen war, dass alle 
Erkenntnis des Menschen nur ein Annäherungsprozess sei, welcher 
durch inuner wahrscheinlichere Mutmassungen der Wahrheit näher 
zu kommen suche. * 

Da es uns hier nicht auf geschichtliche Vollständigkeit ankommen 
kann, so wollen wir unsere Betrachtungen unmittelbar bei Kepler 
fortsetzen. 

Hier, bei Kepler, sehen wir Anfänge der späteren Differential- 
rechnung wieder schon konkreter auftreten, aber nur in der Form, 
wie sie die sinnliche, rein geometrische Anschauung ergibt. Das Element 



' Cantor, U. Band, S. 177. 
' Cohn, S. 86/87. 



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— 21 — 

ist hier nicht dasjenige, das durch Setzung auf Grund einer funk- 
tionalen Beziehimg die Grösse erzeugt^ sondern wir sehen nur ein 
Zusammensetzen aus diskreten Elementen. Doch wird anderseits die 
unendliche Teilbarkeit des Stetigen aufgestellt, welche Einsicht schon 
vielfach vorbereitet war, * aber es wird über diese Bestimmung nicht 
hinausgegangen. Auch wird, was wir schon bei Cusanus fanden, die 
Möglichkeit der Darstellung der Kreisperipherie in einer Geraden 
vorausgesetzt, also des Krununen in Geradem. 

Ein Beispiel möge das Gesagte, verdeutlichen, das von der Be- 
rechnung der Kreisfläche handelt. * 

Die Kreisperipherie hat soviel Teile als Punkte, also unendlich 
viele (. . . partes habet totidem, quot puncta, puta infinitas), jedes 
Teilchen ist als Basis eines gleichschenkligen Dreieckes anzusehen, 
so dass innerhalb der Kreisfläche unendlich viele Dreieckchen zu unter- 
scheiden sind, die sämtlich mit ihren Spitzen im Kreismittelpunkt 
zusammenstossen. Ein einziges Dreieck mit dem Halbmesser als 
Höhe, der Kreisperipherie als Basis, besitzt also alle jene unendlich 
vielen Dreiecksgrundlinien aneinandergefügt und über jeder derselben 
gibt es ein Dreieck mit dem Kreismittelpunkt als Spitze, welches 
«inem jener früheren gleichschenkligen Dreiecke flächengleich ist. 
Folglich liefert das ganze Dreieck die ganze Fläche (id est trian- 
gulüm ex onmibus illis constans aequabet sectores circuli omnes, id 
est aream circuli ex onmibus constantem). 

Analog ist auch die Aufgabe der Bestimmung des Rauminhaltes 
der Kugel behandelt.* «Der Körper der Kugel enthält nach Ana- 
logie dessen, was vorhin angeführt wurde, der Möglichkeit nach 
unendlich viele kegelartige Gebilde (potesta in se continet infinitos 
velubi conos), welche mit ihren Spitzen im Mittelpunkte der Kugel 
zusammentreffen und mit ihren Grundflächen, deren Stellen Punkte 
vertreten (quorum vicem sustinent puncta), auf der Oberfläche auf- 
stehen. > 

Zudem, was wir vor Anführung der Beispiele anführten, wäre 
noch folgendes hinzuzufügen: Die Möglichkeit der Zurückführung 
der Kreisperipherie auf eine Gerade stützt sich darauf, dass die 
erstere wesentlich aus unausgedehnten Punkten zusammengesetzt 
gedacht wird, erst so ist rational die Verwandlung derselben in eine 

^ Cohn: Geschichte des Unendlichkeitsproblems. 

« Cantor, II. Band, S. 750 u. f. 

=^ Cantor, U. Band, S. 751/752. ^ t 

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— 22 — 

Gerade für Kepler denkbar anzusehen. Auch wenn er im zweiten 
Beispiele sagt, . . . und mit ihren Grundflächen; deren Stellen Punkte 
vertreten . . ., sehen wir das gleiche, denn er konnte folgendes ein- 
sehen : Wenn ich die Oberfläche der Kugel oder die Kreisperipherie 
in noch, so unendlich kleine Teile zerlegt denke, so bleiben sie inuner 
für die rein begriff'liche Auffassung gekrümmt und insolange ist die 
Grundfläche des Kegels oder die Grundlinie des Dreieckes nicht 
eben, resp. gerade, also meine Berechnung nicht streng mathema- 
tisch richtig. Ich muss also bis auf unausgedehnte Teile zurück- 
gehen. Hier aber musste sich ihm die Unmöglichkeit zeigen, die 
Linie aus unausgedehnten Punkten zusammenzusetzen^ darum sagt er 
vorsichtig: « die Grundflächen, deren Stellen Punkte vertreten», und 
darum enthält die Kugel « der Möglichkeit nach unendlich viele 
kegelartige Gebilde». Die strengen Beweise, wie sie ein Archimedes 
benutzte, verwendete er nicht. Seine Geometrie knüpft unmittelbar 
an die sinnliche Anschaulichkeit an. 

Wie sehr er den Gedanken der Diff*erentialrech- 
nung von ihrer anschaulich geometrischen Seite her 
vorbereitet, möge noch das Beispiel der Bestimmung des 
Rauminhaltes des sog. «Apfels»,* d.h. des Umdrehungs- 
körpers des Kreisabschnittes, der grösser als ein Halb- 
^^ kreis ist, zeigen (Fig. 2). 

Das Segment MDN, das durch seine Umdrehung den «Apfel» 
erzeugt, wird durch zur Sehne MN parallele Gerade in gleichartige 
kleinste linienartige Stücke zerlegt (. . . in aliquot segmenta asqua- 
lata minima, quasi lineari). Bei der erfolgenden Drehung bildet das 
Teilchen nächst der Sehne so gut wie keinen Raum, weil es die 
geringste Bewegung hat (cum igitur figura circa MN circum agitur^ 
nihil fere creat areola MN, quiva minimum movetur). Der Körper, 
der durch Bewegung jedes folgenden Punktes eines folgenden Teil- 
chens erzeugt wird, ist durch eine Kreisperipherie gemessen, welche 
als Gerade senkrecht zur Ebene der Anfangslage der gedrehten 
Figur aufgetragen wird. Dadurch verwandeln sich die ringförmigen 
Elementarstücke des « Apfels » in zylindrische und deren Sununie- 
nmg liefert den gesuchten Körperraum. 

Noch mehr, als das Beispiel zeigen sollte, ersehen wir wieder 
daraus. Wieder wird an Hand der sinnlichen Anschauung die Zer- 




Cantor, II. Band, S. 752. 

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— 23 — 

legung vorgenommen, aber immer wieder bricht die Erkenntnis der 
dadurch ermangelnden Strenge durch, denn eben als er durch die 
parallelen Linien die Zerlegung in schmale Streifen vornimmt, ent- 
schlüpft ihm das « quasi lineari >, d. b, er muss nun doch wieder 
bis auf die Linie zurückgehen, um begriffliche Strenge zu bekommen. 
Wie soll aber damit die Summierung vereinigt werden ? 

So sehen wir hier noch eine Unausgeglichenheit zwischen sinn- 
licher Anschaulichkeit und begrifflicher Exaktheit, die sich, vielleicht 
in schon etwas geschlichteterer Form, bis in unsere Tage auch in 
der Differentialrechnung erhalten hat. 

Aber anderseits erscheint uns nun die Entwicklung, die diese 
Gedanken bei Bonaventura Cavalieri nahmen, als eine natürliche 
Fortsetzung derselben, wenn auch An anderer Hinsicht auch Guldin 
Fortsetzer derselben ist. 

Das Moment der Bewegung, zur Bestinunung des Inhaltes, wenn 
auch nur von Rotationskörpern, wo es naheliegt, sahen wir eben 
bei Kepler verwendet. Wir sahen, wie ihn die Zerlegung der Figur 
in schmale Streifen zu solchen führt, die < quasi lineari > sind, wie 
überhaupt die naheliegende Zerlegung der räumlichen Gebilde vor- 
genommen wird und deckten die darin liegenden Unausgeglichen- 
heiten auf. 

•Cavalieri nimmt nun die Zerlegung bis in letzte in einer oder 
zwei Dimensionen unausgedehnte Gebilde wirklich, bewusst vor und 
verbindet damit das andere Moment der Bewegung, wobei er aber 
letztere aus ihrer diskreten sinnlichen Gegebenheit loslöst und sie 
zu einem stetigen Fliessen macht. Anfangs hatte sich Cavalieri um 
die Schwierigkeiten und Unbestimmtheiten seines Verfahrens wenig 
bekünmiert, denn dessen Gültigkeit stand teilweise empirisch fest, 
indem manche Auflösungen von Aufgaben, die er mit seiner Methode 
ausführte, mit jenen übereinstimmten, die nach altern und strengen 
Methoden gefunden worden waren. Aber als er doch versuchte, 
seine Anschauungen näher zu begründen, insbesondere als er im 
Kampfe mit Guldin stand, da zeigte sich das Problem in seiner 
vollen Schwierigkeit und vor allem auch in seinem Mangel der All- 
gemeinheit, jener Mangel, der auch den alten Verfahrungs weisen, 
wie wir sie bei Archimedes kennen lernten, anhaftete. Dieser Kampf 
mit Guldin leistete aber doch auch wertvolles, indem Cavalieri, auf 
diese Weise in die Enge getrieben, seine Bestimmungen mannig- 
fach zu präzisieren suchte. 

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— 24 — 

Gerungen hat er also mit dem Problem, aber er hat es, wie 
sich uns zeigen wird, nicht überwunden. Die Lösung blieb einem 
logisch tiefer blickenden und besser vorbereiteten Manne vorbe- 
halten, nämlich Leibniz. 

Wir lesen bei Cantor*: cBei jedem geschlossenen ebenen Ge- 
bilde lässt eine Gerade als Berührungslinie sich denken (Fig. 3), die 
s einen Scheitel, cvertex» genannten Berührungspunkt 
mit dem Gebilde gemein hat. Ihr parallel gibt es 
Gerade in beliebiger Zahl, endlich wiederum eine, 
welche die Figvu* berührt und ihr gewissermassen 
als Abschluss dient. Sie wird die gegenüberliegende 
Tangente, ctangens opposita» genannt. Bei Körpern 
findet ähnliches ^tatt, sofern statt des Wortes Gerade 
das Wort Ebene eingeführt wird. Regula heisst nun jene erste 
Gerade, bezw. erste Ebene, mit Bezug auf welche die Begriffe des 
Scheitels und der gegenüberliegenden Berührenden festgestellt 
sind. . . . Der Gebrauch der Regula in der Ebene ist folgender: 
Seien EO (Fig. 3), BC etwa zwei gegenüberliegende Tangenten. 
Durch die als Regula benutzte EO wird eine Ebene gelegt, zu 
welcher eine Parallelebene durch BC vorhanden ist. Die erste 
Ebene wird in paralleler Lage bewegt, bis sie mit der zweiten 
zusammenföllt, eine Bewegung, welche als An Fliessen bezeichnet 
wird. Die Durchschnittsgeraden der bewegten oder fliessenden Ebene 
mit der Figur (communes sectiones talis moti sive fluentis plani et 
figurae) bilden die Gesamtheit der Geraden der Figur {omnes linea 
figurce), 

Aehnlich ist der Gebrauch der Regula im Räume. Dort wird 
die fliessende Ebene selbst in gewissen durch die Gestalt des Raura- 
gebildes bedingten Begrenzungen den Körper erzeugen, und Gesamt- 
heiten der Ebenen des Körpers (omnia plana solidi) heissen alle 
ebenen Figuren, welche bei jener Bewegung entstehen. 

Und nun erscheint ein allgemeiner Satz: € Ebene Figuren oder 
auch Körper stehen in demselben Verhältnisse wie die Gesamtheiten 
ihrer Geraden, bezw. ihrer Ebenen, welche nach irgend einer Re- 
gula genommen worden sind.» 

cMan könnte,» sagt Cavalieri, € Schwierigkeiten machen, wie der 
Anzahl nach unbestimmte (indefinitae numero) Gerade oder Ebenen, 



Cantor, II. Band, S. 760/761. 

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— 25 — 

welche von mir die Gesamtheiten der Geraden, der Ebenen, genannt 
worden sind, in Vergleich gebracht werden können. Daher erscheint 
mir der Wink notwendig, dass, wenn ich die Gesamtheiten der 
Geraden, der Ebenen, eines Gebildes betrachte, ich nicht deren uns 
unbekannte Anzahl vergleiche, sondern nur die Grösse, welche dem 
von eben diesen Geraden eingenommenen Räume zukommt, und 
weil dieser Raum in Grenzen eingeschlossen ist, so ist auch jene 
Grösse in denselben Grenzen eingeschlossen, und man kann sie zu- 
zählen, abzählen, ohne ihre eigene Anzahl zu kennen.^ Solches aber 
genügt zu ihrer Vergleichimg, weil sonst die Rauminhalte der Fi- 
guren auch nicht untereinander vergleichbar wären.» 

Bei aller Unbestimmtheit kann man nicht umhin, anzuerkennen, 
wie manches Richtige in diesen Gedanken steckt, vor allem der 
richtige Gedanke, dass Vergleiche von Stetigkeiten nur vermöge 
ihrer Grenzen möglich sind, ja dass diese Grenzen es sind, deren 
Setzung die Grösse innerhalb des Continuums ergibt. 

€ Mag demnach, > heisst es weiter, € das Continuum oder mag 
es nicht aus den Indivisibilien bestehen, die Indivisibilien sind mit- 
einander vergleichbar und stehen in einem Verhältnisse.»* 

Wir sehen femer, was sich uns noch deutlicher zeigen wird, 
wie die Schwierigkeiten sich immer mehr auf den begrifflichen Aus- 
druck dessen reduzieren, wie wir diese Zusammenfassung der In- 
divisibilien zu denken haben. Das involviert aber die Frage, wie 
die Indivisibilien selbst zu denken sind. Cavalieri konnte insbe- 
sonders auf letztere Frage die endgiltige Antwort nicht geben, weil 
ihm das Indivisibilium, das Unteilbare, etwas war, das jeder weitern 
Determination unfähig erschien, insofern es den letzten Abstraktions- 
rest der sinnlichen Anschauung darstellte. Als solches konnte aber 
aus ihm nicht begreiflich werden, wie aus ihm die Grösse selbst 
(hier räumliche Grösse) entstehen kann, wenn auch das Moment des 
stetigen Fliessens aufgenommen worden war. 

Bevor wir jedoch diese Betrachtung fortsetzen, wollen wir uns 



' Es wird nicht uninteressant sein, zu erwähnen, dass Professor Fiedler, 
Zflrich, in seinen Vorlesungen Ober GMomeirie die Gerade als aus unendlich 
vielen Funkten bestehend denkt. „Diese Anzahl,'' sagt er (wie mir aus seinen 
eigenen mflndlichen Vorlesungen bekannt), „brauchen wir nicht zu kennen, 
wir bezeichnen sie mit „u** und können damit operien, ais tväre es eine fest- 
bestimmte Zahl.*" 

' Cantor, 11. Band, S. 761 u. f. 

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— 26 — 

ein konkretes Beispiel, welches das Verfahren der Indivisibilien ver- 
wendet, kurz vergegenwärtigen.^ 

Es soll gezeigt werden, * dass das 
Parallelogramm AEHF, der Parabelab- 
schnitt FCMH und das Dreieck FCH, 
deren Lageverhältnisse aus der Figur 4 
-^ ^ einleuchten, sich wie 6:4:3 verhalten. 

Man zieht NM||CG||EH. Vermöge der Eigenschaft der Parabel 
ist EH:NM=--CE*:CN« oder auch NO :NM=r:CE*: CN'. Darum 
nach dem allgemeinen Theorem: Die Gesamtheit der NO, d. h. das 
Rechteck CGHE zu dem dreilinigen Räume (trilineum) CMHE, wie 
die Gesamtheit der Quadrate der Geraden im Rechtecke CGHE zu 
der der Quadrate der Geraden CN, d. h. der Geraden im Dreiecke 
CHE, denn nehmen wir CE als Regel und GH als tangens oppo- 
sita des Dreieckes CHE und führen die Bewegung aus, so stellen 
die Gesamtheiten der Linie CN die Gesamtheiten des Dreieckes 
CHE dar. Nun hat Cavalieri in einem frühern Satze bewiesen, dass 
sich die Gesamtheiten der Quadrate der CE im Rechtecke CGHE 
zu denen in seinem Halbierungsdreiecke CHE verhalten wie 3:1, 
nach einer Seite des Rechteckes als Regel genommen, somit ist 
auch Rechteck 

CGHE:CMHE = 3: 1; CGHE--3CMHE, also 
CMHG =« CGHE und Parabelabschnitt CFH = | Rechteck AH 
=-|^ Dreieck CFH, 
oder AFHE : ACMH : CFH = 6 : 4 : 3 w. z. b. w. 

Hier also wird deutlich, wie die Indivisibilientheorie eigentlich 
die Indivisibilien als Erzeugende des Continuums betrachtet, wenn 
es auch Cavalieri nicht ausdrücklich sagt. Nur so ist denkbar, dass 
Cavalieri das, was von einem diskreten Einzelgliede des Continuums 
gilt, auf das erzeugte Ganze überträgt, indem ungewusst mitge- 
nommen wird, dass bei der Erzeugung und Zusammenfassung wegen 
der Stetigkeit das Verhältnis sich nicht ändert. Aber gerade dies, 
was wir eben als € ungewusst» bezeichneten, ist es, was zum me- 
thodischen Ausdruck gebracht werden müsste. Einerseits ist das In- 
divisibilium ein in sinnlicher Abstraktion entstandenes Discretum, 

^ Cantor, II. Band, S. 765 u. f., sowie Gerhardt: Entdeckung der höheren 
Analysis. 

* Cantor, IL Band, S. "65. 

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— 27 — 

voiK^ diesem Standpunkte, wie schon hervorgehoben wurde, nicht 
weiter determinierbar, anderseits soll es aber doch im stetigen 
Fliessen das Continuum in einem begrenzten Raumgebilde hervor- 
bringen. Wie diese beiden Momente zu verbinden sind, ist das^ 
schwierige Problem. 

Unter anderm Hessen sich hier zwei Wege denken: 

1. Das Indivisibilium wird nicht als in einer oder zwei Dimen- 
sionen Unausgedehntes, sondern als unendlich klein in diesen Di- 
mensionen, wie es eigentlich Kepler schon getan hat, betrachtet, 
und es wird versucht, durch einfache Summierung das Ganze zu 
erhalten, wobei natürlich begriflflich keine absolute Strenge zu er- 
zielen ist, sondern immer etwas vernachlässigt werden muss und 
sei der Fehler noch so unendlich klein. Dabei wird natürlich auch 
der Natur des Continuums nicht Genüge getan; oder 

2. man geht zwar in der Abstraktion bis zu jenen Indivisibilien,. 
nimmt sie aber dann schliesslich nicht mehr nur als Residuen sinn- 
licher Abstraktion, sondern als noch , vermöge ihres Entstehens,. 
begrifflich näher determinierbar, wenn auch sinnlich nicht teilbar^ 
Dann gewinnt man unter Zuhilfenahme weiterer Einsichten die Mög- 
lichkeit, aus ihnen das Continuum erzeugt zu denken, in ihnen al» 
Erzeugenden das Erzeugnis begriflflich zu fassen. 

Beide Anschauungen werden uns bei Leibniz begegnen. 

So wie Cavalieri die Sache gab, war sie mehr Problem als- 
Lösung, mehr Versuch einer Methode als Methode selbst. 

Der Kampf Cavalieris mit Guldin, den wir schon erwähnten, 
zeigt uns noch manches an der Indivisibilientheorie, aber immer 
bricht der Seite 26 angeführte Gegensatz hervor. 

So, wenn es heisst * : € Die Ebene ist aus parallelen Fäden her- 
gestellt zu denken, der Körper als Buch, welches aus zueinander 
parallelen Blättern besteht Dabei sei allerdings ein wesentlicher 
Unterschied zu bemerken. Die Fäden des Gewebes, die Blätter des 
Buches seien in begrenzter (finitum) Anzahl vorhanden und haben 
einzelne eine gewisse Dicke (crassitum). Die Geraden der ebenen 
Figuren, die Ebenen der Körper seien dagegen in unbegrenzter (in- 
deünitum) Anzahl vorhanden und unteilhaft jeder Dicke. Er, Cava- 
lieri, sage nur, die ebenen Figuren verhielten sich wie die Gesamt- 
heiten paralleler Linien, die Körper vde die Gesamtheiten der Ebenen 
(plane esse ut agregata onmium linearum aequidistantum ...).> 

» Cantor, II. Band, S. 767, dann 769. 

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— 28 — 

An anderer Stelle sagt Cavalieri, er habe nie gesagt, Körper 
und Gesamtheiten der Ebenen seien das gleiche, also ftigen wir 
hinzu, muss er, mehr oder weniger klar, ihre Erzeugung durch die 
Bewegung der Ebenen gemeint haben. 

Auch die ganze Schlussweise der Indivisibilien hatte Guldin 
bemängelt. * € Die Gesamtheit der Geraden einer Figur sei eine Un- 
endlichkeit einer zweiten Figur ebenfalls eine Unendlichkeit ; zwischen 
Unendlichkeiten finde aber ein bestimmtes Verhältnis nicht statt.» 
€ Ganz richtig, > erwidert Cavalieri, < wenn einfach vom Unendlichen 
die Rede ist, woher es immer stamme, unrichtig aber, wenn von 
Unendlichem gesprochen werde, welches mit Beziehung auf ein 
Endliches ein Verhältnis eingehe. » So zeigen uns auch diese Worte 
wieder, dass Cavalieri nicht so sehr die feste Gegebenheit der Ge- 
samtheiten vorschwebt, als ihre Erzeugung und Bestinunung durch 
Grenzen. 

Fassen wir zusammen, was uns die Betrachtung der Cavalieri- 
schen Methode gezeigt hat, denn als Methode können wir es be- 
trachten, indem wir hier unter Methode einschränkend ein Verfahren 
verstehen, in dem sich zwar die speziellen Verhältnisse ziemlich 
stark ändern, so das» eigentlich nur ein sehr allgemeiner Grund- 
gedanke derselbe bleibt, so ergibt sich uns folgendes: 

Cavalieri fehlte die Möglichkeit, das Indivisibilium, das Unteil- 
bare, näher zu erklären und zu determinieren, oder mit anderen 
Worten: ihm fehlte der Begriff der Grenze, sowohl im streng be- 
grifflichen Sinne, als auch so, wie wenn man sich, wie es auch die 
alten Geometer taten, darauf beruft, der Fehler könne kleiner ge- 
macht werden, als jede beliebig kleine angebbare Grösse, welch 
letztere Definition in der heutigen Mathematik vielfach verwendet 
wird und auch ihre volle Berechtigung hat. Doch das soll uns später 
noch ausführlicher beschäftigen. 

Es fehlt femer Cavalieri vollends ein Algorithmus, d. h. eine 
einfache Bezeichnung, die eine leichte Handhabung des mathema- 
tischen Verfahrens gestattet, was für eine mathematische Methode 
wesentlich ist. 

Wollten wir einerseits vorgreifend späterer Ausführung, ander- 
seits rückwärtsblickend auf das I. Kapitel dieser Arbeit, kurz den 
Mangel des Cavalieri sehen Verfahrens ausdrücken, so würden wir 



Cantor, II. Band, S. 769 u. f. 

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— 29 — 

sagen, dass ihm logisch und mathematisch der Gedanke der allge- 
meinen Charakteristik Leibnizens fehlt. 

Dass diese Gedanken in der Tat bei der Entdeckung der Dif- 
ferentialrechnung durch Leibniz ihre Wirksamkeit ausübten, soll 
das III. Kapitel an Hand Leibnizscher Manuskripte zu zeigen ver- 
suchen. Bevor wir jedoeh dazu übergehen, wollen wir noch die Ent- 
wicklung eines andern speziellen Gedankens, der den Betrachtungen 
Keplers zugrunde lag, verfolgen, wobei wir uns natürlich wieder 
nur auf das kürzeste fassen müssen. ^ Dieser Gedanke ist das Zurück- 
gehen auf unendlich kleine diskrete Teile. 

Zunächst wollen wir noch das Tang.entenproblem erwähnen, 
d. h. die Bestimmung der Tangente in einem Punkte einer Kurve,, 
welche die damaligen Mathematiker soviel beschäftigt hat und die 
von Florimond de Baune aufgestellte inverse Tangentenaufgabe, die 
eigentlich nur insofern hier von Interesse ist, als sie uns den spe- 
ziellen Inhalt, von dem die Differentialrechnung ausgegangen ist^ 
angibt, nicht weil sie aus ihm entstanden, sondern eigentlich da- 
durch, dass sie sich an ihm über ihn zu erheben vermochte. Die 
.Aufgabe selbst, die in ihm enthalten ist, ist erst nachher wieder, 
nachdem die Diflferentialrechnung selbständige Methode geworden^ 
war, zum Problem geworden, an dem sich die neue Methode betätigte 

Die Entdeckung der Methode der analytischen Geometrie durch 
Descaries ist bekannt. Wie dieselbe logisch mit dem Begriffe der 
Grösse zusanmienhängt, indem sie eine Erweiterung, eine Loslösung 
desselben von der Einschränkung auf den Begriff der Extension 
ermöglicht, ja fordert, wie die Forderung nach einem Koordinaten- 
system, was zunächst für den Raum die Relativität aller Bestimmungen 
in ihm involviert, wie das alles mit den enger philosophischen und 
methodischen Gedanken Descartes zusammenhängt, inwieweit es 
schliesslich darüber bei ihm zur Klarheit kam, kann hier, so inte- 
ressant es selbst vom mathematischen Standpunkte wäre, nicht 
untersucht werden.* 

Wir müssen jedoch hervorheben, dass die Methode der analy- 
tischen Geometrie, neben der Repräsentation der Kurve in der 
algebraischen Gleichung, noch das wichtige Moment des geome- 



* Ergänzungen zu dem Gesagten bietet ja jede Geschichte der Mathe- 
matik aus dieser Zeit, 

9 Siehe hierflber unter anderem Cassierer: Leibnitz' System in seine» 
wissensshaftlichen Grundlagen, Marburg 1902. 

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— 30 — 

trischen Ortes enthält. Denn nur insoferne, die in der Gleichung 
-der Kurve ausgedrückte Beziehung für alle Punkte derselben, also 
-eine Unendlichkeit, gilt, die man hier speziell geometrischen Ort 
nennt, nur insoferne ist sie die Gleichimg der Kurve. Dass dies, 
wie Cantor ausführt und auch wie Cassierer im wesentlichen zugibt, 
«bei Descartes nicht deutlich ausgesprochen ist, ändert an dem Tat- 
bestande nicht. 

Doch ist geometrischer Ort hier nicht aufzufassen, als durch 
•die ausgeführte Konstruktion gegeben, sondern in Verbindung mit 
<ler analytischen Geometerie fordert er ein anderes Moment, nämlich 
das der Bewegung, insoferne sie nicht sinnlich anschauliches Er- 
gebnis ist, sondern insoferne sie nichts anderes zimächst enhält als 
-dsis rein begriflfliche Moment der Veränderung, denn nur im Fort- 
gange der Veränderung d. h. der Bewegung entsteht aus dem durch 
-die algebraische Gleichung repräsentierten Ort, er selbst. Solange 
•dieser Begriff nicht eingeführt wird, ist die algebraische Gleichung 
wohl der Ausdruck für eine Unendlichkeit von diskreten Einzel- 
-elementen, aber noch nicht der Ausdruck für ein in ihnen darge- 
stelltes einheitliches Gebilde. 

Dass die nun erfolgte Verbindung des Zahlbegriffs mit dem 
Raümbegriff, die von den alten Mathematikern so völlig getrennt 
wurden, zu einer veränderten Auffassung des Zahlbegriffes selbst 
führen musste, ist klar. Er konnte nicht mehr allein der Ausdruck 
für die Setzung und den Inbegriff einer Vielheit von Einheiten sein, 
sondern er musste um für die analytisch geometrische Zuordnung 
brauchbar zu sein, vor allem bewusst und konsequent die Irraüonal- 
-zahl umfassen oder anders ausgesprochen die Zahl musste verstetig^, 
verkontinuierlicht werden. Es ist das deswegen wichtig, weil nach 
Leibnizens eigenem Bekenntnis* die Zahlendifferenzen und vor allem 
<iie Erzeugung von Reihen aus solchen Zahlendifferenzen (erzeugende 
Differenzen) ihm als leitender Gedanke einen grossen Dienst bei 
«einer Entdeckung geleistet haben und welche er schon in seiner 
Ars combinatoria aufgestellt hatte. Doch lege ich diesem Umstände 
aus mannigfachen Gründen für die Entdeckung selbst keine grosse 
Bedeutung bei. 

Wie wenig sich ein mathematisches und anderes Problem, wenn 
•es einmal im Menschengeiste aufgetaucht ist, wegdogmatisieren lässt, 



Cantor IL Bd., Seite 778. 

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— 31 — 

zeigt uns gerade auch Descartes, der ja, wie wir auch schon früher 
bemerkten, das Problem der Rektifikation der Kurven als unlösbar 
behauptet hatte, doch nicht zur Ruhe kam, indem er wie wir bei 
Cantor* lesen, wenn auch nicht eine Rektifikation, so eine Arkufi- 
kation versuchte, wie aus seinem Nachlasse hervorgeht. Allerdings 
nur in beliebiger Annäherung. 

Etwas näher wollen wir nur noch einen Mann aus jener Epoche 
betrachten, der uns gerade das zeigen soll, was wir auf Seite 29 
ankündigten. Es ist ein Mann, der mit und nach Descartes, der 
Diflferentialrechnung als Methode, wohl am nächsten gekommen 
war, aber doch nur der Diflferentialrechnung hauptsächlich aufge- 
fasst als Rechnung mit unendlich kleinen aktuellen Grössen, nicht 
als solcher mit einer strengen vom Continuum ausgehenden Grenz- 
methode. Der Uebergang zu einem Grenz fall bei Bestimmung der 
Tangente ist wohl nur ein einzelner Spezialfall, den auch Descartes 
schon vorgenommen hatte, der aber die strenge Begriffsbestimmung 
des Continuums noch nicht enthielt. 

Dieser Mann ist Peier von FerniaL 

Er beschäftigte sich schon 1629 mit Maxima und Minimafragen. 
Eine annähernde Bestimmung des Maximums hatte auch schon Kepler 
gegeben. Er sagt hierüber:* cAn solchen Stellen wo der Uebergang 
von einem Kleineren zu einem Grösseren und wieder zu einem 
Kleineren stattfindet, ist der Unterschied immer bis zu einem ge- 
wissen Grade unmerklich». So weit also war die Einsicht Keplers 
gekommen, wenn er das auch nicht als allgemeine Eigenschaft des 
Maximums und Minimums von Funktionen aussprach. 

Das Verfahren nun, das Peter von Fermat bei seinen Betrach- 
tungen anwendete ist nach Cantor* folgendes: cMan setze in dem 
zu einem Maximum oder Minimum zu machenden Ausdrucke statt 
der unbekannten A die Summe zweier unbekannten A-(-E und be- 
trachte die beiden Formen als annähernd gleich, wie Diophant sagte 
(adse quatur, loquitur Diophantus). Ist die annähernde Gleichsetzung 
vollzogen, so streicht man auf beiden Seiten, was zu streichen ist 
und behält dadurch lauter mit E behaftete Glieder. Teilt man 
durch E und streicht alsdann wiederholt, elidantur, die E noch 
enthaltenden Glieder, so bleibt endlich die Gleichung übrig, welche 
den Wert von A liefert, der das Maximum oder Minimum hervor- 
bringt. > 

» Cantor II. Bd., S. 755; » ebeBdaseibst S. 783; r^ \ 

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— 32 — 

Ein Beispiel soll uns das näher bringen : * 

Es soll B in zwei Teile zerlegt werden, welche das grösste 
Produkt geben oder wie dieses Beispiel in den heutigen Lehrbüchern 
der Diflferentialrechnung lautet : € Unter allen Rechtecken mit glei- 
chem Umfange, soll dasjenige mit grösster Fläche gesucht werden >• 

Die erste Annahme wählt, heisst es bei Cantor, die Teile A 
und B — A; die zweite A-(-E und B — A — E. Man muss also nach 
Aer allgemeinen Vorschrift setzen: 

A(B — A) = (A-|-E) (B — A — E) oder 
AB — A*=:AB — A«— AE + BE — AE — E«, 
was zu streichen ist, gestrichen gibt O = E (B — 2 A — E) nach 
Division durch E bleibt B = 2A-}-E. Nun wird .E gestrichen und 
man erhält als Resultat 2A = B; A =^. 

Analog werden andere Aufgaben gelöst. 

Hier dürfen wir wohl bemerken, welcher Mangel bei einer 
scheinbaren Vollkommenheit dem Ganzen anhaftet, was auch für 
alle andern Geometer dieser Epoche gilt, die in dieser oder ana- 
loger Weise solche Aufgaben lösten. Zunächst sei erwähnt, dass 
dies eine Rechnung mit unendlich kleinen Grössen ist, die als 
aktuelle, wirklich extensiv bestehende gedacht sind. Es ist dies 
eine Anschauung die nachher Bemoulli gegen Leibniz noch ver- 
teidigen sollte. Deren Berechtigung wird uns noch späterhin be- 
schäftigen. 

Nun ist zu beachten, dass wir hier nur scheinbar eine allge- 
meine Methode haben, es ist mehr ein Verfahren, denn zu einer 
allgemeinen Methode gehört, wie wir schon Gelegenheit hatten zu 
charakterisieren, die scharfe logische und mathematische Begründung 
der einzelnen vorzunehmenden Schritte und ganz besonders ein 
Algorithmus. Im ferneren fehlt gegenüber der Diflferentialrechnung 
als wirklicher Methode, die Möglichkeit innerhalb und mit den 
Mitteln der Methode selbst einzusehen, dass wir es mit einem 
Maximum oder Minimum in dem Resultate in der Tat zu tun haben, 
denn wenn die Verfahrungsweise in gleichem Masse für Maximum 
und Minimum gilt, muss angegeben werden, wie man sie im Resultate 
unterscheiden kann, aber mit der gleichen Methode. Dass man 
durch der Methode fremde Betrachtungen unter Umständen zum 
Ziele gelangen kann, kann, wie leicht von dem hier eingenommenen 



Cantor U. Bd. S. 783 u. f. ^ 

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33 — 



Standpunkte einzusehen ist, nicht als berechtigter Einwand aner- 
kannt werden. 

Man könnte zwar noch sagen, in dem Weglassen der Glieder, 
die E als Faktor enthalten und des E selbst, ist ja der Gedanke 
enthalten, dass das E schliesslich als verschwindend betrachtet wird. 
Gewiss, aber nur in dem Sinne als es gegenüber dem Endlichen 
verschwindet. Denn das Charakteristikum dieses E ist, das spricht 
die Rechnimg deutlich genug aus, eine fest bestimmte, wenn auch 
imendlich kleine Grösse zu sein. Es ist allerdings nicht zu leugnen, 
dass eine gewisse Beweglichkeit in diese imendlich kleinen Grössen 
hinein kam, infolge ihrer Betätigung an rein geometrischen Auf- 
gaben, doch ist das wohl mehr durch die Unbestinmitheit in der 
Begrenzung des Unendlichkleinen zu erklären. Es tritt dies be- 
sonders an den Rektifikationsaufgaben, die Fermat behandelte hervor. 
Weil dies ziemlich wichtig ist, wollen wir uns auch das an konkreten 
Ausführungen Fermats vergegenwärtigen, doch bevor sei bemerkt, 
dass die obigen kritischen Betrachtungen das Verdienst Fermats 
um die Differentialrechnung nicht zu schmälern wagen, sondern 
lediglich dem Zwecke dienen, die Tat Leibnizens besser verstehen 
und beurteilen zu können, 

cDas wesentliche an dieser Rektifikation,» sagt Cantor, eist 
das, dass er (Fermat) den Bogen der Kurve zerlegt und ihn dann 
zwischen die Sununen von Tangentenabschnitten einschliesst».* 

Die Sache wäre also folgende: 




r.p.s 




4 

A 9 e 9 t q'' 



rij^l 



Fermat zeigt zunächst, dass Fig. 5 HI<; arc HR und HK>- arc 
HM. Es sei nun in den Figuren 6 und 7 ein und dieselbe Kurve 
gezeichnet gedacht, dann in beiden A G in eine gleiche Anzahl 
gleicher Teile geteilt und die Tangenten in A, P . . . . H in Fig. 6 
nach aufwärts in Fig. 7 nach abwärts gezogen. Nun ist, da die 



Cantor II. Bd., S. 794 und folgende. 



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— 34 — 

Ordinaten in beiden Figuren gleich lang sind, aus den Figuren 6 

und 7 unmittelbar ersichtlich, dass PV = PV, TZ = TZ' denn 

es ist nach Voraussetzung Aß = BC = CD und das Tangenten- 
stück PV ist die Verlängerung von PV\ 

Nur in Fig. 6 AQ und in Fig. 7 HK treten vereinzelt auf und 
sie allein stören die volle Uebereinstimmung der in beiden Zeich- 
nungen zu bildenden Tangentensummen. Gleichwohl ist vermöge 
der zuerst aufgestellten Ungleichungen : 

AQ -f- PV + . . . + Ol > arc AH < PV + TZ' + + Or -}- HK. 

Bei der Nähe sämtlicher Ordinaten kann aber unmöglich AQ um 
Beträchtliches von HK sich unterscheiden. Umso eher ist es aber 
gestattet, die eine oder die andere Tangentensummc als Kurven- 
länge zu benutzen. 

Das ist die allgemein gehaltene Vorbereitung, welche die 
Möglichkeit einer Rektifikation darzutun beabsichtigt. 

Wie wir aus Cantor* ersehen, ergibt sich, dass das Schriftchen 
€de linearum curvarum cum lineis rectis comporatione», in welchem 
die Rektifikation dargelegt war, als Anhang des Werkes des Antoine 
Lalouvrere sehr rasche Verbreitung fand und auch Huygens schon 
1660 ein Exemplar besass, wir also vermuten können, dass es auch 
Leibniz bekannt wurde, als ihn Huygens in das Studium der höheren 
Mathematik einführte. Leibniz selbst hat sich aber bei der Rekti- 
fikation dieser Methode, so weit mir bekannt, nicht bedient, was 
natürlich nicht gegen obige Vermutung spräche. 

Der Gedanke der Rektifikation der Kurven ist uns aber auch 
deshalb hier interessant, weil ja Descartes die Möglichkeit derselben 
in Abrede gestellt hatte, während schon Cusanus sie von einer 
ähnlichen Seite, wenn auch nicht so klar, angefasst hatte. 

Indem wir noch erwähnen, dass Wallis in seiner cAritmetica 
Infinitorum» Sätze zu beweisen suchte, arithmetisch, die Cavalieri 
geometrisch bewies, wieder eine Frucht, der vielleicht der Gedanke 
der analytischen Geometrie zu Grunde lag, werden wir diese Be- 
trachtungen schliessen. 

cSoll z. B. gezeigt werden,* dass die Summe der drei Potenzen 
aller Ordinaten sich zur gleichen Potenz der Schlussordinate im 
Dreiecke wie 1 : 4 verhalten, was Cavalieri ausgesprochen hatte, so 



> Cantor, II. Bd., S. 794 u. f. 
2 Cantor, II. Bd.. S. 822 u. f. 

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— . 35 — 

iiihrte Wallis den Beweis dadurch, dass er mehr und mehr dritte 
Potenzen ganzer Zahlen von der O anfangend birdet und nun das 
Verhältnis, das gesucht wird, bei wachsender Zahl der Glieder 
ilarauf prüft, ob wirklich 1 : 4 herauskommt. Er findet aber: 

Q-f-l _ 1 1 0-[-l + 8 _ 11 

^- 1 .^ 8 -}-27 _ 1 J_ 0-f l^8-|~'. . . +21 6 

27 -\- 27 -^27 -fV~~i~^ 12 ' " 216 + 216-f- . , . +216 



1 . J_ 

24* 



= 7 + 



Der Bruch, um welchen — übertroflfen wird, hat zum Nenner 

4 

offenbar (ut patet) stets um 4 zunehmende Zahlen, wird stetig 
kleiner, so dass er endlich kleiner als jede beliebige angebbare Zahl 
wird und wenn man ins Unendliche die Versuche ausdehnt, geradezu 
verschwindet.* * 

Wir sehen hier ein Verfahren, das den Gedanken der Grenze 
in Form des Angehens eines Unterschiedes, der kleiner als jede 
beliebige angebbare Zahl ist, ausspricht, aber wollen wir bemerken, 
das Ganze gründet sich mehr auf ein cso glauben» als auf ein 
klares, determiniertes Wissen. 

Auch RobervcU hatte eine Methode, die der Cavalieris ähnlich 
war, nur dass er nicht Indivisibilien im strengen Sinne, wie Cavalieri 
sie dachte, annahm, sondern für ihn bestand, wie er sagte, die 
Linie aus unendlich vielen oder der Zahl nach unbestimmt vielen 
Linien, analog die Oberfläche aus unendlich vielen Flächen etc.^ 
Auf das früher Gesagte zurückweisend, brauchen wir wohl hiezu 
nichts weiter zu bemerken. 

Es mag auffallen, dass wir für dieses Kapitel, wie auch anfangs 
«rwähnt, fast ausschliesslich Cantor benutzten, doch war dies zu- 
lässig, da wir nur das tatsächliche Material der betreffenden Mathe- 
matiker verwendeten, und Cantor vor allem dieses bringt. 

Trotzdem wollen wir zum Schlüsse dieses Kapitels noch einige 



* Cum autem crescente numero terminonim excessus ille super rationem 
sub quadruplum ita continue miniatur ut tandem quolibet assignabili. 

* Siehe hiezu auch die Arbeit von Dr. J. Eggenberger: Inauguraldisser- 
tation, Bern 1893. 

» Cantor, II. Bd., S. > r^ \ 

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— 36 — 

Bemerkungen beifügen, die wir der Schrift Gerhardts cdie Ent- 
deckung der höheren Analysis» entnehmen.* 

clm Laufe des 17. Jahrhunderts trat zwar die ursprüngliche 
Cavalierische Methode in den Hintergrund* und die grossen Geometer 
Pascal, Roberval, Fermat in Frankreich, Wallis in England, zerlegten 
die krummlinig begrenzten Ebenen und die von krummen Flächen 
eingeschlossenen Körper in Teile, die sich wie die Glieder einer 
ins Unendliche abnehmenden Reihe zu einander verhielten, so dass 
zuletzt die Summierung solcher Reihen die Hauptsache wurde, im 
Prinzife jedoch geschah keine Aenderung. Als eine Modifikation 
der Unteilbaren ist auch das Verfahren zu betrachten, das Gregoriu» 
a. S, Vincentio in seinem Werke: Contemplatio curvilineorum, nee 
non examen quadrat; Lugd. Batav. 1652, zu Grunde gelegt hatte 
und von ihm ductus plani in planum genannt wurde.» 

Seite 20 der genannten Schrift Gerhardts, heisst es weiter: 
€ Durch Pell in (in London) war Leibniz auch auf das im Jahre 
1666 erschienene Werk Mercators € Logarithmotechnia > aufmerksam 
gemacht worden, besonders wegen der Quadratur der gleichseitigen 
Hyperbel, die Mercator hierin mit Hilfe der Methode der Unteil- 
baren Cavalieris dargetan hatte. Leibniz nahm es mit nach Paris 
und begann nun unter Huygens Anleitung mit dem lebhaftestem 
Eifer das Studium der höheren Methematik in ihrem ganzen Um- 
fange. > 

So dienen diese Worte zur Ergänzung und Bestätigung de& 
von uns Gesagten und unsere Aufgabe ist nun die Zeit des Pariser 
Aufenthaltes von Leibniz zu betrachten. Diese Aufgabe trat uns 
am Ende des I. Kapitels ihrem Inhalte nach unbestimmt entgegen, 
jetzt erhielt sie den konkreten Inhalt die Entdeckung der Differen- 
tialrechnimg, die in diese Periode fällt, zu betrachten. Dies soll 
das nun folgende Kapitel zu leisten versuchen. 

* Gerhardt: „Die Entdeckung der Differentialrechnung** S. 16 u. 17 und 
analog „die Entdeckung. der höhern Analysis*'. 

' Leibniz jedoch, sahen wir im I. Kapitel, kannte die Methode Cavalieris 
schon vor seiner Abreise nach Paris, also bevor er die grossen Geometer des 
1/. Jahrhunderts kennen lernte. 



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IIL Kapitel. 



Die Entdeckung der Differentialrechnung durch 
Leibniz nach ihrer mathematischen und logischen 

Seite hin. 

Nachdem wir so im zweiten Kapitel die Geschichte der Mathe- 
matik fast im Fluge durchmustert haben bis auf die Zeit Newtons 
tmd Leibnizens, insofeme wir sie für den vorliegenden Zweck als 
notwendig erachteten, könnten wir, wenn uns ein solcher Vergleich 
aus der Mathematik gestattet wird, sagen, dass wir es hier mit 
einer konvergenten Reihe zu tun haben, deren Summe wir in jedem 
Stadium bis zu einem gewissen Gliede bestimmten, und deren 
Summe, wie wir sahen, sich vor Letbniz inuner mehr ihrem Grenz- 
wert näherte. Ein solcher Grenzwert, wenn auch immer noch ein 
Annäherungswert, repräsentiert sich uns in Leibniz, zu dessen ße- 
trachtimg wir uns also jetzt wenden, soweit es dieses Gebiet be- 
trifft. Erst, wenn wir dies abgeschlossen haben, gehen wir wieder 
auf die Entwicklung des. Monadenbegrififes ein, der ja auch innig 
und als wichtig zu unserer Arbeit gehört 

Im ersten Kapitel sahen wir, wie weit ungefähr es Leibniz in 
der Mathematik vor der Reise nach Paris gebracht hatte. In Paris 
selbst wurde er, wie wir schon vernahmen, * mit Huygens bekannt, 
dessen Schüler und Freund er wiu-de und der ihn in die höhere 
Mathematik einführte. Dem Studium derselben oblag nup Leibniz 
in Paris mit so grossem Eifer, dass er nicht nur der Entdecker der 
Differentiahrechnung * sondern, wie wir hinzufügen können im 
Gegensatze zu anderen Ansichten und in Uebereinstimmung mit 

> Siehe S. 35/36 dieser Arbeit. 

' Ich sage ausdrOcklich nicht des „ Algorithmus ** der DiflTerentialrech- 
nung wie andere. Der Grund ist teilweise schon den vorhergehenden Kapiteln 
zu entnehmen, wird aber erst später vollends klar werden. 

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— 38 — 

noch anderen, auch deren und der höheren Analysis überhaupt, 
logischer Grundleger ward. Gewiss erfolgt diese logische Grundlegung 
erst im Verlaufe und Fortgange der geistigen Entwicklung und 
Vervollkommnung Leibnizens selbst. 

Einen charakteristischen Zug Leibniz'scher Entdeckungs- und 
Denkweise möchten wir hier hervorheben, weil er, so scheint es 
mir, wenigstens sehr lehrreich ist in mannigfacher Hinsicht, umso- 
mehr als er sich uns auch in dem Manuskript offenbaren wird, in 
dem Leibniz seine ersten Schritte der Entdeckung darlegte. Leibniz 
selbst spricht diesen Zug als einen ihn bezeichnenden aus, nämlich 
dass er nie ohne zveiteres auf dem schon Gegebenen von anderer 
Seite her weiter baute, sondern dieses Gegebene selbst, diese Vor- 
aussetzung erst so weit zu durchdringen, zu begreifen suchte, das» 
er sie gleichsam selbst von neuem entdecken könnte. Erst dann 
schritt er, das so Gewonnene verwertend, weiter. 

Am deutlichsten spricht sich das wohl in den Worten aus, die 
er über sich selbst sagt, dass nämlich ein grosser Vorteil bei seinen 
Entdeckungen der war, vorher in der betreffenden Wissenschaft 
Autodidakt gewesen zu sein. * 

Unserer nun folgenden Betrachtung legen wir zunächst das 
Manuskript Leibnizens, datiert vom 29. Oktober 1675, welches als 
pars secunda der € Analysis Tetragonistica» beigefügt gewesen war 
und wie es in der schon mehrfach erwähnten Schrift Gerharts cDie 
Entdeckung der höheren Analysis» abgedruckt ist, zugrunde. Dabei 
kommt, selbstverständlich nur das zur Sprache, was für unseren 
Zweck von Interesse ist. 

Leibniz hatte, nachdem er durch seine eifrigen Studien in das 
Wesen und die grossen Probleme, die die damalige mathematische 
Welt bewegten, wie besonders das direkte und inverse Tangenten- 
problem, d. h. zu einer Kurve in einem Punkte die Tangente und 
aus den Bestimmungen der Tangente die Kurve zu bestimmen, ein- 
gedrungen war, selbst versucht dieselben zu lösen und nach seiner 
Art nicht mit einer, sondern mit mehreren ihm bekannten Methoden.' 

Er hat sich, wie das Manuskript ergibt, mit Oberflächenbe- 
stimmung und Quadraturen beschäftigt und stellt schliesslich noch 
folgenden Satz auf:* cNota: superficies curvilinea facta motu 



* Siehe Guhraner, auch Stein, Leibniz und Spinoza. 

' Gerhardt. S. 58 : Die Entdeckung der höheren Analysis. 

* Gerhardt. S.124 u. f. 

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— 39 — 



curvae sibi parallelcc per curvam aequabitur cylindro curvae sub BL, 
summam omnium 1, sed hsec obiter. > Hierauf heisst es : Porro 
— = 7 wie aus der Fig. 8 leicht ersicht- 

a omn I -rt y o 

lieh, indem Leibniz vorher folgende Bezeichnungen 
eingeführt hatte: 

BL^-yi; 
AB= X, GW 

Also €-" 



WL = 1, BP==p, TB 
: a, y = onm 1 (Fig. 8). 



-^— -, ergo p =- 



1 



aber omn l = y ist, so heisst es weiter: p 



l, da 

::-^l 



sive p -— 



omn i 



1, wobei omni dasjenige ist, welches 



mit dem ihm entsprechenden p verbunden ist.> 

Und nun kommt ein wichtiger Schritt. Aus 

p ^^^ ^^ 1 schliesst Leibniz mit einem «ergo 



omn p =: omn 



omni 



l.> Weiter heisst es, at qui 




omni [ 2] 8 
2 



r.^8 



Nun ruft 



aliunde demonstravi ' ist omn p --^ sive -- 
Leibniz aus (also viel früher als Gerhardt und Cantor angeben, 
wenn auch der Ausruf, den sie zitieren, vorhanden ist, je- 
doch später): «ergo habemus theorema quod mihi videtur ad 
mirabile et novo huic calculo magni adjumenti loco futurum nempe 

[2] 



quod sit 



=r omn omn 1 — qualiscunque sit 1. > Also haben 



wir ein Theorem, welches mir Wunderbares zeigt und dieser neue 
Grössenkalkül wird die Stelle in der Zukunft wegnehmen, nämlich 

omn 1 



welches ist 



^= omn omn l 



welches auch immer l sei. 



Hier sehen wir also, zum Unterschied gegen die oben ge- 
nannten Autoren, dass Leibniz, bevor er das eigentliche Integral- 
zeichen einführte und noch bevor er den entgegengesetzten Kalkül 
der Differentialrechnung entdeckt hatte, bereits die neue wunder- 
bare G rosse nrechnung sieht, wofür so ungeheuer bedeutungsvoll die 
Worte sind : «qualiscumque sit 1, welches auch immer 1 sei. > Und 
noch einen Punkt müssen wir hervorheben, bevor wir an die Be- 
sprechung dieser höchst wichtigen Stelle herantreten. 

Es heisst «p:= **"° 1» und nun ein «ergo omn '^'^° 1.» Mit 
welchem Rechte darf er dieses «ergo> setzen? 

' Ich verwende statt des von Leibniz verwendeten Gleichheitszeichens 
nämlich \^ das jetzt gebräuchliche. 

' Zu deutsch: wie anderswo bewiesen. 
» Bedeutet [omn 1] ». 

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— 40 — 

Es ist begreiflich, dass Gerhardt und Cantor die Worte, die 
dieser Stelle beigefügt sind, übersahen, wenn sie auch das rein 
analytische derselben anführen. Gerhardt selbst erwähnt an späterer 
Stelle, worauf ich noch hinweisen werde, dass Leibniz «früher» 
einmal erwähnt hat, «welches auch immer 1 sei>. Aber damit ist die 
Bedeutung dieses Ausspruches, eben weil viel später, «wieder» 
erwähnt, nur von einer Seite betrachtet, nämlich der, inwieweit sie 
die Rechnung als solche später erleichterte. Verständlich wird dies 
Uebersehen nämlich dadiu-ch, dass sie hier in Leibniz nur den 
Mathematiker allein sahen, nicht berücksichtigten, womit er sich 
vorher intensiv beschäftigt hatte, welches bereits das «Leitmotiv», 
wenn mir dieser Ausdruck gestattet wird, seines Denkens geworden 
war. Hier auf die Worte, unmittelbar vor und nach der rein analytischen 

Gleichung : **"° ^^ = omn onm 1 —^ ist bereits der Stempel seines 
logischen Denkens gedrückt. 

Von einem Verhältnisse der Figur, dem Geometrischen ent- 
nonunen, war Leibniz ausgegangen, wenn auch dieses Verhältnis 
für jede Kurve gilt. Dann war er von dem p = -^^^^ l zu dem 



omn 1 



omn p = omn — ^l emporgeschritten durch ein «ergo». Dieser 
Schritt ist nur zu begreifen, wenn er hiebei schon, sein später so 
eingehend behandeltes Kontinuitätsgesetz im Auge gehabt hat. Was 
für ein einzelnes einer gesetzmässigen Reihe gilt, gilt auch für «alle 
einzelne» zusammen, wenn auch dieses «omn» hier nicht eine stetige 
Erzeugung, sondern ein Zusammensetzen bedeutet. Auch dies dürfte, 
neben andern, später auftretenden sehr wichtigen Gründen, einer 
sein, welcher Leibnizen vorschwebte, wenn er immer wieder sagt, 
ohne Kontinuitätsgesetz könne die Mathematik nicht auskommen. 
Der erste Schritt in die neue Rechnung bedurfte ja dessen schon. 

Doch ist dies hier das minder wichtige. 

Als er sah, dass er eine Beziehung zwischen den unendlich 
kleinen Grössen «l» bezw. den Erzeugnissen aus ihnen den «omn 1 » 
entdeckt hatte, bevor er dem noch den analytischen Ausdruck gab, 
da sah er vor seinem geistigen Auge den neuen Grössenkalkül 
erstehen. Wenn ich nun die Frage aufwerfe: «Wie konnte er es 
schon hier sehen», so könnte man das als banal ansehen. Doch 
soll die weitere Entwicklung die Berechtigung dieser Frage dartun, 
denn wenn wir eine bessere Erklärung, als das seherische Ahnen 
des Genies, zur Hand haben, da muss dieselbe auch einsetzen. 

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— 41 — 

Nachdem «ich die Grösse cl> bezw. comnU von ihrem geo- 
metrischen Hintergrunde losgelöst hätte, und in eine reine Be- 
ziehung eingetreten war, eine solche, die unabhängig von der 
speziellen Bedeutung von 1 ist, da erblickte er ja einen Gedanken 
seiner allgemeinen Charakteristik verwirklicht. Er entdeckte so eine 
Beziehung zwischen unendlich kleinen Grössen 1 bezw. ihren Er- 
zeugnissen omn 1, was im Prinzip also logisch gleichbedeutend ist, 
mit einer Beziehimg die zwischen neuen Charakteren den 1 bezw. 
den <omn> statt hat, die also nach der Ueberzeugung der allge- 
meinen Charakteristik verwendet werden konnten, um mit ihnen als 
Elementen und Gnmdbeziehung neue Kombinationen herzustellen, 
deren Analyse die so gewonnenen neuen Wahrheiten aufdeckt. Es 
war das eine Art Verwirklichung seines logischen Grundmotivs. 
Jetzt tritt das cqualiscumque sit 1> in das richtige Licht und seine 
ganze Bedeutung an dieser Stelle. Nun drängt es ihn, leichtver- 
ständlicherweise, mit Ungestüm vorwärts, wozu auch sonst das 
Gefühl des «Neuen» beigetragen haben mag. Er erinnert sich einer 
früher abgeleiteten Beziehung, indem er sagt^: «Tale est etiam 
theorema: omn xl = x omn 1 — omn omn l.> Diese beiden Grund- 
beziehungen sind es, die das ganze Fundament der weiteren Ent- 
deckungen ausmachten. An geometrischen Aufgaben entstanden, 
haben sie sich von der Geometrie zur Selbständigkeit der Be- 
gründung eines neuen Kalküls erhoben, aus einfachen Grundbe- 
ziehungen und Grund dementen entstanden weitgehende neue. Deut- 
licher kann sich der Gedanke der allgemeinen Charakteristik wohl 
nicht aussprechen. Und wir hören Leibnizen, wie er uns, was eben- 
falls übersehen wurde, bevor er noch das Integralzeichen einführt, 
sagt: «Nota: in his calculis obscervari potest lex homogeneorum, 
nam six omn. praefigatur numero seu rationi, vel infinite parvo, fit 
linea; si linea, fit superficies, si superficies, fit corpus, et ita in 
infinitimi et iam ad dimensiones. * Kann man wohl deutlicher 
sprechen, was einem gedanklich vorschwebt, man es aber nicht 
niederschreibt, weil es nicht an diese Stelle gehört. Es enthüllt sich 
ihm also ein allgemeines Gesetz, denn wenn «omn. praefigatur nu- 
mero seu rationi» ist, wenn unendlich Kleines durch dieses omn., 
durch dieses Gesetz gleichsam zur Linie, wenn Linie zur Ober- 
fläche, wenn Oberfläche zum Körper wird und so ins Unendliche 

' Gerhardt. S. 124/125. 

> Gerhardt. S. 125. C^ \ 

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— 42 — 

sogar in den Dimensionen, so muss es so sein. Sein Geist hält 
hier vor den drei Dimensionen des Raumes nicht still, sondern 
durchdrungen von dem Gedanken eines allgemeinen Gesetzes, einer 
allgemeinen Beziehung, überbrückt er diese Kluft, denn logisch ist 
kein Grund vorhanden bei den drei Dimensionen stehen zu bleiben,' 
Damit aber hat sich uns ein Gedanke offenbart, der das feste 
Fundament des Leibniz'schen Unendlichkeitsbegriifes bildet und 
damit auch des BegriflFes des Continuums, nämlich das Portbestehen 
desselbcfi Grundes, Auch sehen wir aus dem Ganzen den Gedanken, 
dass die Gebilde, die durch Ausdehnung charakterisiert sind, nicht 
einfach als gegeben zu betrachten, sondern zu «erzeugen» sind. 
Es ist das ein Gedanke, der uns besonders bei Cavalieri ent- 
gegentrat, wo er aber nicht zur reifen Ausbildung kam und kommen 
konnte. 

Ueberblickt man das Gesagte, so erklärt es sich, warum Leibniz 
nach dem auf Seite 41 angeführten Satze sagt: «Utile erit scribi 
f pro omn. ut f\ pro omn. l id est summa ipsorum l. (Es ist 
nützlich zu schreiben f für omn. wie fi für omn l das ist Summe 
aller 1.)^ Nicht ein plötzlicher unberechenbarer Zufall war es, dass 
Leibniz f statt «omn> gesetzt hat, wie es bei manchen Autoren 
erscheint, sondern hier ist folgendes zu beachten. Zunächst ist es 
für die spätere Entwicklung wohl äusserst bedeutsam, dass da ein 
kürzeres Zeichen eingeführt wird, also ein Algorithmus entsteht, 
aber für Leibniz war es in der Tat nur noch «nützlicher», denn 
sein omn. hat sich bereits als selbständige Operation gezeigt, es 
ist schon Beziehung geworden im Sinne der allgemeinen Charak- 
teristik, es ist also nur noch der eine Gesichtspunkt massgebend, 
nämlich der, dass man für dieses «omn> ein kürzeres Zeichen ein- 
führt, dem man dieselbe Bedeutung gibt wie dem omn und darum 
ist das f nur «nützlicher*. Also nicht aus der rein formalen, aber 
nicht formal logischen, sondern formal konventionellen Handlung 
hat sich ein neuer Kalkül gebildet, sondern dieser stand schon, 
dunkel oder bestimmt fest. Soviel logische Bedeutung diesem <f 
statt omn> zuzuschreiben ist, glaube ich nach den obigen Dar- 
legungen nicht zulässig und auch allgemein nicht zulässig. Wenn 
Vteta statt der gewöhnlichen arithmetischen Zahlenkoeffizienten die 

* Vergleiche hiemit die Auffassung, vor allem der italienischen Geometer, 
über Räume mit mehreren Dimensionen. 
- Gerhardt, S. 125. 

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— 43 — 

algebraischen allgemeinen a, b, etc. anwandte, so tat er es nicht 
nur der Zeichen wegen, sondern diese allgemeinen Zeichen wurden 
ihm auch Repräsentanten logischer Allgemeinheiten. 

Im Gegenteil, dieses kürzere Zeichen f entstand erst, nachdem 
sich das €omn> als selbständige Operation gezeigt hatte, indem es 
in der früher angeführten Gleichung eine reine Beziehung zwischen 
seinen Erzeugnissen, ohne Dazwischenkunft fremder Elemente offen- 
bart hatte. 

Gewiss ist es bei einer neuen Methode wesentlich, wie wir 
schon hervorzuheben Gelegenheit hatten, vor allem in der Mathe- 
matik, wenn sie einen einfachen, allgemeinen Algorithmus einführt,. 
aber in ihm ist noch nicht der neue Kalkül erschöpft, wie ja all- 
gemein zugestanden wird, sondern an diesen Algorithmus müssen 
gewisse logische und mathematische Funktionen geknüpft sein und 
die hat Leibniz nicht einfach übernommen, wie nach manchen 
Autoren erscheint, sondern auch sie hat er selbständig entdeckt, 
getragen von dem Gedanken der allgemeinen Charakteristik. 

Wir geben zu, dass sich Leibniz, dem tieferen Inhalte nach, 
jetzt noch nicht vollends klar war über die Bedeutung des omn 
odery*. Aber zwei Momente waren hier, so glauben wir, tätig. 
Das < omn > erinnert an Cavalieris Gesamtheiten, an Robervals 
Ansichten, wenn auch verändert. Der Gedanke der Anwendbarkeit 
dieser Methoden hat sich bereits empirisch betätigt. So weit war 
Cavalieri, waren seine Nachfolger im grossen und ganzen gekommen^ 
aber immer haftete das an bestimmtem geometrischem Material, 
geometrischen Vorstellungen. Ferner konnten wir bei Cavalieri be- 
sonders den Mangel der logischen Erkenntnis der Erzeugungsmög- 
lichkeit von Grössen aus ihren Elementen konstatieren, die ja 
Leibniz in seiner Charakteristik forderte, ohne natürlich dort die 
speziellen Arten solcher Erzeugungen anzugeben. 

Kurzum, ich glaube schon jetzt die Berechtigung meiner An- 
sicht über die Bedeutung der allgemeinen Charakteristik für die 
hier behandelte Entdeckung Leibnizens, wenigstens wahrscheinlich 
gemacht zu haben. 

Ein Moment, dasjenige der Bewegung und speziell des stetigen 
Fliessens, tritt hier noch nicht selbständig zutage, wenn es auch 
im Wesen zu Grunde liegen mag und welches später von Leibniz. 
im Begriffe des Continuums vertieft wurde. 

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Folgen wir jetzt nur noch ein wenig dem genannten Manus- 
kripte. Wir sahen, dass Leibniz zum Schlüsse folgende zwei 
Gleichungen aufstellte : 

omni [2] rv.«« 1 — 



j = omn onm 1 ^y~ und omn xl = x omn 1 — omn omn l. In 
den neuen «nützlichen» Zeichen heissen sie 

Wenn uns auch Leibniz nun nicht genau angibt, wie er jetzt zu 
dem nun folgenden Satze yx =^ kommt, so kann man sich, glaube 
ich, an Hand des Manuskriptes, die Sache etwa so rekonstruieren. 
Er setzt, wie er auch später anführt, yi = x, damit ist ^ =/» ~ , 
da 1 jeden beliebigen Wert haben kann, so kann man auch setzen 
-^ =1 und hat~-=yxl und aus der zweiten Gleichung S. 41 unten 
hat man dannyxl == xLy"x, für yxl den Wert gesetzt, gibt also 
-y- = X* — /x und daraus y x = x* j- = ~ w. z. b. w. 

Damit hatte Leibniz die eine Grundformel yx = -—- entdeckt. 
Jetzt begreift man inruner mehr, wie sich das omn :=y immer mehr 
verselbständigte, zu einer selbständigen Operation wurde. 

Da nun yi = x und J'x = -~ ist, so schliesst Leibniz, da diese 
Theoreme zu einer allgemeinen gesetzmässigen Reihe gehören, dass 
fx^= ^ sei. Weiter heisst esy-^l = -|-/l wenn -^ eine Kon- 
stante ist. Hier offenbart sich die ganze schöpferische Kraft des 
Genies, dessen Kombinationen, angeregt durch einem anderen Menschen 
wenig bedeutende Gedanken, immer weiter ungeahntes entdecken. 

So leitet Leibniz noch einige weitere Theoreme ab und ruft 
dann nochmals aus : «Satis haec nova et notabilia, cum novum genus 
calculi indicant. Pono ut ad priora redeamus. Datur 1, relatio ad 
X, quserituryi. Quot fiet jam contrario calculo, scilicet si sityi = ya. 
Ponemus 1 = ^, nempe ut y augebit, ita d minuet dimensiones. 
y autem significat summam, d difFerentiam. Ex dato y semper in- 
venitur^ sive 1, sive diflFerentia ipsarum 1. >* Und nun folgen 
einige Theoreme darüber. 

Analysieren wir wieder diese Gedanken, so bemerken wir wie 
die ungeahnten Ergebnisse Leibnizen noch einmal zu dem freudigen 



' Gerhardt: „Die Entdeckung der höhern Analysis**. S. 125. 
« Gerhardt. Am angcf. Ort S. 126/127. 



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— 45 .— 

Ausrufe veranlassen, der uns nach den früheren Darlegungen doppelt 
verständlich wird, nämlich zunächst als Entdeckung des neuen 
Kalküls und zweitens durch den innigen Zusammenhang mit den 
Gedanken seiner bisherigen logischen Errungenschaften, die sich 
hier wirksam zeigten. Nachdem er den Ausruf tat, erinnert er sich^ 
auch psychologisch leicht begreiflich, an den Ausgangspunkt seiner 
Entdeckung indem er sagt: cPono ut att redeamus.» cDatur !...> 
Nun mit dieser Relation zwischen 1 und x tat er so wichtige 
Schritte in seiner Entdeckung, dass ihm der Gedanke nahe liegen 
musste, den umgekehrten Weg einzuschlagen, umsomehr als seine 
allgemeine Charakteristik nicht nur eine Synthese, sondern auch 
eine Analyse, der so gewonnenen Erzeugnisse forderte. Trotz dieser 
weitgehenden Zerlegung Leibniz'scher Gedankengänge, die ich hier 
versuche, ja gerade darum vielleicht, offenbart sich die ganze Ge- 
nialität Leibnizens. 

Wie wirksam der logische, allgemeine Gedanke, der schon so- 
wiederholt erwähnten Charakteristik ist, zeigt wieder die Art der 
Einführung der Differentiation. cWenn ist yi = y a, so setze ich 
! = -—-> und sofort wird die Bedeutung des neuen Zeichens <-j-> 
angegeben, sofort wird es als Repräsentant einer neuen selbständigen 
Operation aufgefasst. 

Dieses Zeichen der Operation des Bildens des Differentials- 
<-^> hat Leibniz bereits in dem Manuskript vom 1. November 
1675, * also einem um drei Tage späteren als das bisher betrachtete, 
abgefassten, in das jetzt gebräuchliche des vorgesetzten cd» ver- 
wandelt. Er schrieb also dort z. B. nicht mehr -j- sondern dx. In 
dieser, sowie in der Schrift vom 11. November 1675 * wendet Leibniz. 
die neu gefundene Rechnung auf geometrischen Beispielen an, wohl 
um sie an diesen zu erproben. Auch dieser Punkt ist charakteristisch,, 
insofern er uns zeigt, wie Leibniz zunächst von geometrischen Auf- 
gaben ausgeht, die neue Rechnung in ihrer Selbständigkeit und 
lA^slösung bis zu einem gewissen Punkte führt und erst dann 
wieder an geometrischen Aufgaben prüft und erprobt. Der logische 
Gedanke, jedes Verfahren, jede Methode müsse sich in ihrer me- 
thodischen Reinheit ausbilden, Elemente, die ein Fremdes von 
anderswo Hergebrachtes enthalten, müssen femgehalten werden^ 
offenbart sich hier. Der gleiche Gedanke ist es, der, wie wir sehen 

" Gerhardt. A. a. O. S. 127 u. f. 
^ Gerhardt. A. a. O. S. 135. 

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— 46 — 

-werden, in der ^geometrischen Charakteristik > Leibnizens verwirk- 
licht ist. ' 

In dem eben erwähnten Manuskript vom 11. November ver- 
wendet er statt der bisherigen Schreibweise z. B. yy = -y- die jetzt 
auch allgemein benutzte y y dy =^ -—-. Dies geschieht an Hand einer 
behandelten geometrischen Aufgabe ; doch wird dies hier noch nicht 
streng festgehalten, sondern noch manchmal die erstere Bezeich- 
nungsweise, die wohl im Anschlüsse an Cavalieri enstanden ist, 
angewendet. 

Hier nun erscheint auch die Randbemerkung Leibnizens: cldem 
•est dx et ^ id est differentia inter duas x proximas. > Wir benützen 
diese Gelegenheit, um schon hier etwas über die Auffassung des 
Differentials durch ihn zu sagen. Man hat diese Bedeutungsfest- 
legung des dx als c Differenz zweier unmittelbar benachbarter x> 
neben andere spätere gestellt und aus deren Nichtübereinstimmung die 
Unklarheit Leibnizens über den Begriff des dx gefolgert. Dabei 
vergass man aber zunächst, dass Leibniz hier das dx aus dessen 
Anwendung auf ein geometrisches Beispiel heraus ableitete und ihm 
hier, wie es ja noch heute geschieht, dass dx als der Unterschied 
zweier benachbarter Werte der Abscisse x erscheinen musste, um 
^o mehr, als wir gerne zugeben, dass Leibniz hier über die tiefere 
logische Bedeutung des <omn> oder des «y>, wie auch des cd> 
noch nicht ganz klare Anschauung gewonnen hatte, vor allem, da 
der Begriff des Continuums noch nicht feststand. 

Auch muss bemerkt werden, dass Leibniz später die Bedeutung 
von dx, wie sie hier auftritt, nicht vollends abschaffte, sondern nur 
zeigte, wie wir noch sehen werden, dass diese Bestimmung des dx 
für gewisse Anwendungen zureichen könne, im allgemeinen jedoch 
einer festeren logischen Begründung und Vertiefung bedarf, da es 
sonst auf seine Dynamik unanwendbar bliebe. 

Ferner vergass man in der oben erwähnten Zusanunensteilung, 
wie oft sich Leibniz in der Ausdrucks weise an seine Leser oder Zu- 
hörer anzupassen suchte, was leider nur zu oft zu seinem Nachteil 
wurde, indem man ihn missverstand. Auch berücksichtigte man nicht, 
dass solche Zusammenstellungen willkürlich sind und dass ihnen 
gegenüber die wichtige Frage entsteht, wie sie möglich gewesen 
■oder wie solche verschiedene Begriffsbestimmungen einer und der- 
selben Sache bei demselben Denker zu erklären sind. 



^ Siehe hiezu auch Couturat den entsprechenden Abschi^tt. 

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— 47 — 

Vor allem bei der hier gegebenen Begriffsbestimmung des dx 
als « inter duas x proximus > muss auch beachtet werden, dass 'da- 
neben, dass sie an geometrischen Aufgaben entstand, die neue Rech- 
nung erst dadurch, dass sie die geometrischen Probleme, wie sie 
die damalige Epoche bewegten, löste oder gar solche, welche den 
früheren zu lösen nicht gelang, ihre Anerkennung sich verschaflFen 
konnte. Von diesem Standpunkte erscheint die innige, wenn auch 
nachherige Anschmiegung der neuen Rechnung an die Geometrie 
verständlich.* Aber Leibniz Hess sie nicht darin untergehen. 

Weiter auf die Entdeckung selbst hier jetzt einzugehen, liegt 
nicht in unserer Aufgabe, manche Fragen derselben, die von grund- 
legender Bedeutung sind, werden uns noch zu beschäftigen haben, 
indem uns die folgenden Kapitel den logischen Ausbau der Funda- 
mente der neuen Rechnung zu zeigen versuchen werden. 



' Siehe auch hiezu die Beilage V der Schrift Gerhardts : „Die Entdeckung 
der höheren Analvsis", S. 143 u. f. 



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IV. Kapitel 



Die Zeit nach dem Pariser Aufenthalte bis zu den 
achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts. 

In der kurzen Spanne Zeit von 1672 bis 1676 seines Pariser 
Aufenthaltes hatte sich für Leibniz die wichtigste Epoche seiner 
weitem wissenschaftlichen Arbeit, wenigstens was ihre Begrtindung 
betrifft, abgespielt. Er hatte eine Entdeckung gemacht, die nicht nur 
zum Fundament einer neuen Entfaltungsmöglichkeit der Mathematik 
werden sollte, sondern auch zum Fundament seiner und der spätem 
Mechanik und Physik und im weitem Sinne der gesamten Natur- 
wissenschaft. Die Universalität Leibnizens ging aber noch weiter. 
Auch eine neue Metaphysik erschloss ihm die neue Rechnung, und 
als Analogen, als Symbol gebraucht, verwandte er sie auch auf 
andere Gebiete menschlichen Wissens. 

Dass Leibniz in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes neben der Be- 
schäftigung mit der Mathematik auch ander weitig tätig war, steht, wenn 
auch wegen des Mangels literarischer Zeugnisse aus dieser Zeit nicht 
direkt urkundlich fest, so doch auf mannigfache andere Weise, vor 
allem durch Vergleichung seiner Anschauungen vor und nach dem 
Pariser Aufenthalte, deren Kontinuität sich nur unter dieser Annahme 
ergibt. Aber auch Leibnizens eigene, da und dort gegebene Selbst- 
bekenntnisse, nie mit einem Gegenstande zufrieden gewesen zu sein, 
sprechen hiefür. ' Sein unablässiges Drängen, mit Spinoza bekannt 
zu werden und zu sprechen, kann nicht bloss einem ^*^<^rer wachen 
philosophischen Interesses zugeschrieben werden,- sondern gerade 
seinem kontinuierlichen Fortbestehen. Wenn man das gesamte Wirken 



* Guhrauer: G. W. Freiherr v. Leibniz, Eine Biographie. 
^ Stein: Leibniz und Spinoza, will bloss ein solches Wiedererwachfen 
philosophischen Interesses dartun. 



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— 49 — 

Leibnizens überblickt, muss man ja gerade auch als eine psycho- 
logische Eigentümlichkeit desselben erkennen, dass er überall der 
< ganze Leibniz >, der universale Geist, blieb, obwohl natürlich psycho- 
logische Eigentümlichkeiten nicht als Beweise angesehen werden 
können. Doch ganz fehlen die literarischen Zeugen für diese An- 
sicht nicht. So heisst es in einem Briefe aus Paris vom 10. Mai 
1676': «Denn meine Entdeckungen sowohl in der Zahlenlehre als 
auch in der Geometrie, wie in der Mechanik sind mit Beifall auf- 
genommen worden. Und so hätte ich, wenn auch sonst nichts, so 
doch soviel erreicht, dass ich die wahre Analytik und die eckten 
Methoden der Demonstration an hervorstechenden Beispielen gegeben 
habe, und jetzt, wertn auch nicht so Vieles, doch Besseres auch in 
der Wissenschaft des Rechts zu geben vermag. > So lassen uns 
diese Worte tief die Gedankenarbeit Leibnizens während seines 
Pariser Aufenthaltes ahnen, und was noch mehr, sie geben auch 
einen allgemeinen Wahrscheinlichkeitsgrad mehr für unsere im 
III. Kapitel entwickelte Ansicht bezüglich seiner Entdeckung. Neben 
allen andern Hindernissen zeigen uns auch diese Worte eine Er- 
klärung für den Mangel grösserer literarischer Zeugen aus dieser 
Zeit Leibnizens. Leibniz befand sich in dieser Zeit bezüglich der 
meisten Probleme im Werden. Ihre Lösung war nicht fertig, und 
er hat es uns selbst gesagt, dass er stets nur «Wohlerwogenes >, 
Fertiges dem weiteren Publikum eröffnen wollte. 

Das I. Kapitel hatte uns die wesentlichen Begriffsbestimmungen 
aus der Zeit vor dem Pariser Aufenthalte gezeigt ; das dritte führte 
uns die Entdeckung der höheren Analysis vor Augen. Aber wir 
sahen, dass Leibniz bei der Entdeckung das Unendlichkleine in 
seiner Funktion als Element des Integrals nicht gerade als unend- 
lich kleine reelle, d. h. begrifflich extensive Grösse annahm, dass 
er sich aber auch sonst nicht bestimmter darüber aussprach. Das 
Hauptinteresse war hier, wie wir sahen, auf die Rechnung als solche 
gelegt. Die weitere Anwendung auf die Geometrie jedoch musste 
aus dem Unendlichkleinen schlechtweg, vor allem die unendlich 
kleine Linie, also ein wirklich existierendes unendlich kleines Exten- 
sives machen, wenn auch in dem dx als «Differenz zweier unmit- 
telbar benachbarter x > in gewissem Sinne auf die spezielle Natur 
des Stetigen hingewiesen ist. 



» Guhrauer, S. 145. ^ 

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— 50 — 

Schon 1676 hatte jedoch Leibniz seine Zweifel über das Da- 
sein des Unendlichkleinen ausgesprochen, wobei er. aber erkennt, 
dass es ein gewichtiges Instrument der Wissenschaft sei. ^ Dieser 
Gedanke musste jedoch notwendig nach einer weiteren Vertiefung 
des Unendlichkleinen treiben. Damit im Zusammenhang, ja in fort- 
währender Wechselwirkung mit ihm, steht die Frage nach dem Con- 
tinuum, nach der Zusammensetzung des Stetigen. In dem gleichen 
Aufsatze von 1676 geht Leibniz näher auf die Fragen, die den Be- 
griff des Stetigen involvieren, ein und wird sich der Widersprüche 
bewusst, die daraus resultieren, wollte man das Stetige aus Punkten 
zusammensetzen. Wir sehen das deutlich daraus, dass er hier aus- 
führt,^ Bewegung sei Aggregat aus den momentanen Existenzen 
einer Sache in zwei nächsten Raumstellen, d. h. solcher, zwischen 
denen kein dritter Punkt sich angeben lässt. Hier aber musste sich 
ihm offenbaren, dass diese Begriffsbestinunung sinnlich keinen Rück- 
halt hat, weil wir in der sinnlichen Anschauung niemals solche zwei 
Stellen angeben können; damit wieder konnte sich die Loslösung 
des Continuums von jeder sinnlichen Anschauung, d. h. als Abstrak- 
tion im gewöhnlichen Sinne, vorbereiten. Dies zeigt uns auch das 
Weitere': c Raum ist Aggregat von Punkten, die Zeit das Aggregat 
von Augenblicken, jedoch Punkte sind nicht Teile, sondern Grenzen 
von Linien. > Diese Bestinunung des Punktes wird auch später in 
der cAnalysis der Lage > nicht nur festgehalten, sondern deutlicher 
dahin präzisiert, dass der Punkt Grenze des Continuums sei. 

Aber auch in anderer Hinsicht Hess ihn die Entdeckung der 
neuen Rechnung logisch nicht zur Ruhe kommen. In dem neuen 
Kalkül hatte sich zwar das c omn > oder <y> so von selbst gleichsam 
gebildet. Dieser c Charakter > schien also, wenigstens des Inhaltes 
seiner Definition nach, klar zu sein, aber nun hatte Leibniz, wie 
wir sahen, auch den entgegengesetzten c Charakter >, das DiflFeren- 
zieren eingeführt. Dieses jedoch durch eine Definition, indem er 
die Umkehrung des Integrierens als das DiflFerenzieren bezeichnete. 
Aber gerade an das durch diese Operation entstandene dx als Ele- 
ment hatten sich die Schwierigkeiten des Stetigen geknüpft. Das 
musste, in Eriiinerung an die Behauptung des Hobbes,* das De- 

• Cassicrcr, S. 522. 

* Cassierer, S. 522 u. f. 
« Cassierer, S. 522. 

♦ Leibniz kannte schon vor seiner Abreite nach Paris den Hobbes. 



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— 51 — 

finieren läge eigentlich in der menschlichen Willkür, seiner Vernunft, 
auf die allgemein logische Frage bringen, welche Bewandtnis es mit 
<iem Definieren eigentlich habe. Insolange dieses Hobbessche Argu- 
ment nicht an einem festen mathematischen Argumente bei Leibniz 
gerüttelt hatte, konnte es nicht seine ganze Tragweite entfalten, 
um so mehr, als ja Leibnizen und seiner Zeit die Mathematik als 
Ideal der Exaktheit erschien. Jetzt aber wurde die Frage aktuell. 
Damit will nicht gesagt sein, dass dies das einzige Motiv zur nähern 
Erörterung dieser Frage gewesen sei, wie sie uns z. B. in dem 
«Dialog über die Verknüpfung zwischen Dingen und Worten» aus 
dem August des Jahres 1677 entgegentritt.* Es heisst daselbst: 
«u4. Du siehst also, dass die Wahrheit zwar dem Gelnete der Ur- 
teile und Gedanken, jedoch dem der möglichen Gedanken angehört. > 
Und weiter, mit dem deutlichen Hinweis aufHobbes: < A. Manche 
Gelehrte sind der Ansicht, die Wahrheit habe ihren Ursprung in 
menschlicher Willkür und hafte an Namen und Charakteren. 
B. Ein recht 'paradoxer Satz. 

A. Sie beweisen ihn indessen in folgender Weise: Die Defini- 
tion ist doch die Grundlage jeder Beweisführung. 

B, Allerdings, kann man doch einzig aus der Verbindung von 
Definitionen manche Sätze beweisen. 

A. Die Wahrheit solcher Sät^e hängt also von den Defini- 
tionen ab? 

B, Gewiss. 

A, Die Definitionen aber hängen von unserer Willkür ab. 

B. Wie das?>^ 

Im weitem Verlaufe des Dialoges wird nun die unumgängliche 
Notwendigkeit irgendwelcher Charaktere oder Zeichen bei noch so 
abstraktem Denken gezeigt. Es gilt dies insbesondere auch von der 
Mathematik und besonders der höheren Analysis. Wenn aber auch, 
so wird weiter ausgeführt, solche Charaktere oder Zeichen immer 
notwjendig sind, immer, wie in einem gleichzeitigen Briefe an Gal- 
loys^ gesagt wird, ein Ariadnefaden ims von der echten Methode 
in die Hand gegeben werden muss, ein rein sinnliches Hilfsmittel, 



* G. W. Leibniz: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Ueber- 
«etzt von Dr. A. Buchenau, herausgegeben von Dr. E. Cassierer. Phil. Biblio- 
thek. Band 107. Leipzig 1904. 

' Cattierer, Buchenau, S. 16 u. 17. 

^ Ebendaselbst, S. 18 unten in der Anmerkung. ^ j 

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— 52 — 

wie es ja auch die neue Rechnung tatsächlich gegeben hatte, ver- 
möge dessen wir unser Denken vor Schwierigkeiten und Irrtum be- 
wahren, so liegt doch die Wahrheit nicht in diesen mehr oder 
weniger willkürlichen Zeichen, nicht in dem «y> oder dem «d> 
z, B. als solchen, sondern in der Verknüpfung und den Ordnungen, 
in den Relationen, die sie selbst ausdrücken und in denen man sie 
verknüpft. <Denn wenngleich die Charaktere als solche willkürlich 
sind, so kommt dennoch in ihrer Anwendung und Verknüpfung etwas 
zur Geltung, was nicht mehr willkürlich ist : nämlich ein Verhältnis, 
das zwischen ihnen und den Dingen besteht und damit auch be- 
stimmte Beziehungen zwischen all den verschiedenen Charakteren,. 

die zum Ausdrucke derselben Dinge dienen > * « Wenngleich 

also die Wahrheiten notwendig irgendwelche Charaktere voraus- 
setzen, so gründen sie sich doch nicht auf das, was in ihnen will- 
kürlich ist, sondern darauf, was in ihnen beständig ist: auf die Be- 
Ziehungen^ die die Zeichen selbst zu den Dingen haben. > * Wir sehen,, 
wie Leibniz hier gegen eine regellose Willkür in den Definitionen 
kämpft. 

Diese logische Erkenntnis musste nun auch jetzt darauf dringen, 
diesen Massstab der «logischen Möglichkeit» an seinen neuen Kalkül 
anzulegen. 

Ein ähnlicher Gedanke wie- der der Dialoge tritt uns auch in 
den Bemerkungen zu Spinozas Ethik aus dem Jahre 1678 entgegen. 
Hier heisst es bei Gelegenheit der Kritik der Definition Gottes von 
Spinoza : « Zudem ist jede Definition unvollkonunen — mag sie 
immerhin richtig und klar sein — aus der sich nicht zugleich mit 
dem Verständnis des definierten Inhaltes zweifellos ergibt, ob dieser 
Inhalt möglich ist. > Auch dem Gottesbeweise Descartes' aus der 
Idee eines vollkommensten Wesens hatte bekanntlich Leibniz diesen 
vorläufigen Einwand entgegengesetzt. — 

Das erste Kapitel hatte uns unter anderem auch gezeigt, dass 
Leibniz vor seiner Pariser Reise einen förmlichen Dualismus zwischen 
einer geometrischen und wirklichen Bewegung aufstellte. Eine solche 
Lösung eines mechanischen Problems konnte einen Leibniz, der 
ausserdem immer bereit war zu lernen, auf die Dauer nicht be- 
friedigen. Im Gegenteil, es musste ihm zum Ansporn werden,, 
es zu überwinden, umsomehr als dies wider die Ueberzeugung 



' Ebendaselbst, S. 20. * Ebendaselbst, S. 21. 

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— 53 — 

Leibnizens war, im Universum herrsche vernünftige Ordnung. Zu- 
dem kam noch, dass sein Lehrer und Freund Huygens, gerade 
während Leibnizens Aufenthalt in Paris' sein Werk «Horoglium 
O8ciliatorium> herausgab, wo er den Satz der Erhaltung der leben- 
digen Kräfte zur Gnmdlage der Betrachtimg nahm. 

Wie sollte nun der Gegensatz von wirklicher und geometrischer 
Bewegung überwunden werden? Der Mangel lag oflfenbar in dem 
unrichtigen Körperbegriff. Solange Körper und Ausdehnung identi- 
fiziert wurden und insolange die Ausdehnung selbst als eine fertige 
sinnliche Gegebenheit angenommen war, schien die Ueberwindung 
nicht möglich. Dass Leibniz, wie wir erwähnten, schon 1671 
das Wesen des Körpers in die Bewegung setzte, ändert an dem 
Sachverhalt nichts , denn jene Bewegung war mehr auf die all- 
gemeine, physikalische Hypothese der Aetherbewegung bezogen. 
Jetzt aber galt es, vermöge eines neuen KörperbegriflFes Erfahrungs- 
tatsachen mathematisch fassbar zu machen. Hiezu musste also zu 
dem Körperbegriff etwas hinzukommen, welches nicht gleichgültig, 
wie es die rein geometrische Bewegungslehre annahm, gegen jed- 
wede Bewegung ist, sondern welches ihr passiv oder aktiv gegen- 
übertritt, und dieses neue wieder musste konstituierendes Element 
des Körpers sein. Hiezu aber bedurfte es eines mathematischen 
Instrumentes. Dieses aber war in der neuen Rechnung entdeckt, 
in der Beziehung des Differentials zum Integral und umgekehrt. 
Damit aber forderte diese Beziehung selbst ihre logische Vertiefung 
und Festlegung, was Leibnizen allerdings nicht sofort ganz gelang. 
Versuchen wir nun, da es sich so sehr aufdrängt, eine wenn auch 
mehr oder weniger subjektive, vorläufige und mögliche Rekon- 
struktion Leibniz'scher Gedankengänge, die wir dann an Hand des 
historischen Materials prüfen werden, um so diese Rekonstruktion, 
die ja nur ein Schema sein kann, zu vervollständigen. 

Waren Körper und Ausdehnung nicht identisch, konnte ersterer 
aus letzterer nicht begriffen werden, ja wurde umgekehrt, wie sich 
später zeigen wird, die Ausdehnung zum Erzeugungsprodukt des 
Körpers, so musste aus dem Begriffe des Differentials, sollte es 
konstituierendes Element des physikalischen Körperbegriffs werden, 
das Extensive verschwinden; es muss, wie es ja auch schon bei 
der Entdeckung angedeutet worden war, als selbständiges Element 
auftreten. Dann aber bleibt ihm nur der Charakter des Inextensiven. 
Doch konnte dieses Inextensive auch nicht mehr die räumliche, 

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— 54 — 

absolute Null sein, wie in den Indivisibilien Cavalieris, sonst wäre 
es unfähig konstitutives Element des Körpers zu sein. Es musste 
also in der extensiven Null ein begrifflicher, also inextensiver oder 
intensiver, begrifflicher Inhalt mitgedacht werden, um obiges zu 
ermöglichen. Hier kam aber der Gedanke, der Punkt sei die Grenze 
der Linie, des Stetigen, zu Hilfe, denn wenn dies If^lar erkannt 
worden war, so hiess es, dass der Punkt der Linie nicht als etwas 
Selbständiges, von ihr Verschiedenes ihr gegenüberstehe, sondern 
ihr verwandt sei, ihr Produkt. Damit war aber wieder der umgekehrte 
Gedanke gegeben, die Linie selbst als Erzeugnis des Punktes zu 
betrachten, indem man, da er ihre Grenze war, in diese Grenze 
selbst die Eigenschaften der Linie aus den sie entstanden, d. h. ihre 
Erzeuguiig, begrifflich mitdachte, wenn auch die Extension aus dem 
Punkte als Grenze verschwunden war. Wenn nun diese Punkte, 
jetzt repräsentiert durch die Differentiale, stetig gesetzt gedacht 
werden, so erzeugen sie durch diese Setzung die Linie, weil sie 
ein jeder in ihren Eigenheiten enthält. Diese Setzung selbst ist 
wieder nur begrifflich zu fassen, ihre Abschliessbarkeit sinnlich nicht 
gegeben. Abgeschlossen wird diese Setzung erst in einem neuen 
Begriff dem Integral, als Repräsentanten^ der aus den inextensiven 
Elementen entstandenen, erzeugten extensiven Grösse. Damit aber 
war die Linie nicht aus Punkten zusammengesetzt, sondern mit 
Hilfe der Bewegung erzeugt, denn die stetige Setzung enthält den 
Begriff der Bewegung. 

Man sieht deutlich, wie sich eine Tendenz das anschaulich 
Gegebene, rational d. h. begrifflich zu fassen, eine Tendenz, die in 
der Tat bei Leibniz vielfach hervortritt, kundgibt. 

Nun handelte es sich uns aber um den Körperbegriff. Die Er- 
zeugung des Extensiven aus Nichtextensivem konnte so erkannt 
sein. Das Neue, das wir suchten, der neue Faktor zur Bildung des 
Körperbegriffs konnte nun nicht mehr in der Anschauung selbst 
gefunden werden. Das neue Prinzip desselben musste ine^tensiv also 
unanschaulich sein. Dass trotzdem aus solchem ein Extensives ent- 
standen begriffen werden kann, haben wir eben gesehen und auch 
das mathem. Instrument hiezu erkannt. 

Jetzt konnte sich auch der charakteristische Unterschied beider 
offenbaren. In der Mathematik ^setzten^ wir die Elemente und der 
Inbegriff der Setzungen gab uns das / als den Repräsententen, den 
Charakter, des so entstandenen Extensiven. In der Mechanik oder 



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— ' 55 — 

Physik, da können es nicht mehr von uns vorgenommene logische 
Setzungen sein, sondern da es sich hier um Wirklichkeiten, Realitäten 
handelt, von uns als unabhängig vorzustellende, muss in dem inex- 
tensiven Element selbst die ^^ Möglichkeit^ aus sich allein die Setzung 
zu erzeugen mitgedacht werden. 

So entsteht die Materie als passive Kraft, das Prinzip des Körpers 
als derivative Kraft, d. h. nach Leibniz das Inextensive, t das aber 
nur als eine momentane Grenze im Werden der Veränderung zu 
verstehen ist, welche selbst inextensiv, inhaltlich die cTendenz» 
zum Fortschritte, mitgedacht erhält, welche also in einem Punkt, 
das Gesetz des Fortschrittes enthält. Das letztere wird später noch 
klarer werden. 

So wurde auch der Körper rationalisiert, er wurde Erscheinung, 
er wurde Phänomen im rationalistischen Sinne des Wortes. — 

Hier nun wollen wir unsere vorläufige Konstruktion abbrechen. 

Dass es der obgenannte Dualismus in den Bewegungen war, der 
ihn anspornte, ihn zu bewältigen und dass hierbei die Besprechungen 
mit Huygens, auf die Leibniz selbst hinweist, vor allem des ersteren 
Gesetz der Erhaltung der lebendigen Kräfte auf ihn den nachhaltigsten 
Eindruck gemacht hat, sehen wir aus dem cSystem nouveaux» wo 
es heisst:* cAber seitdem ich versuchte, den Prinzipien der Mechanik 
«eibst auf den Grund zu kommen, um Naturgesetze zu begründen, 
welche die Erfahrung uns kentten lehrt^ ward ich inne, das die blosse 
Inbetrachtnahme einer ausgedehnten Masse nicht hinreiche, und dass 
noch der Begriff der Kraft^ benutzt werden müsse, der sehr ver- 
ständlich ist, obschon er zum Gebiet der Metaphysik® gehört.»* 

Also die Vereinigung der Erfahrung mit der Vernunft in den 
Bewegungsgesetzen, war es, die zum Begriffe der Kraft führte, jene 
Vereinigung, die Huygens für ein bestimmtes Gebiet, mit Hilfe des 
Satzes von der Erhaltung der lebendigen Kräfte, gelungen war. 
Für Leibniz erstand daraus die Forderung es überhaupt zu leisten, 

* Leibniz kleinere philosophische Schriften fibersetzt von Robert Habs 
(Reclam) S. 43. 

^ Kraft ist für Leibniz nicht das was wir unter Kraft jetzt verstehen, 
sondern mehr im Sinne von Energie. 

^ d. h. nicht zur Metaphysik im gewöhnlichen populären Sinne Leibnizens. 
sondern im Sinne als zum rein Vernünftigen gehörend. 

* Damit trete ich in bewussten Gegensatz zu Stein: „Leibniz und Spinoza," 
der den Begriff der Kraft bei Leibniz als von Piaton hergenommen hinstellt. 
Derselbe Gegensatz findet sich auch bei Cassierer. 

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— 56 — 

auch hier, ein Alphabet der Erfahrung, das begrifflich fassbar ist, 
zu entdecken. Dies bestätigen uns seine eigenen Worte im Phoronamus, 
einer Selbstschilderung, wo es heisst; cSo sah ich, dass die mechani- 
schen Prinzipien und die Grundlage der Bewegungsgesetze aus 
einem höheren Prinzipe abzuleiten sind, das von der Sinnlichkeit 
und dem Mathematischen unabhängig ist.»* 

Aber der Uebergang von der Analysis zur Mechanik und Physik 
war auf dieser Stufe noch nicht erreicht. Das Motiv der logischen 
Setzung und ihre Erweiterung für den Kraftbegrift' als selbständige 
cTendenz» ist noch nicht erfasst, denn einem schon erwähnten 
Aufsatze vom Jahre 1676 nach, kann der Körper seine Bewegung 
nicht von selbst bewahren und fortsetzen, sondern bedarf der be- 
ständigen Neuschüpfung und des stets erneuten Impulses der gött- 
lichen Allmacht, die jedoch konstant und nach bestimmten Gesetzen 
wirkt. Darin erkennt man auch Anklänge an die occasionalistische 
Theorie, an die Theorie der Gelegenheitsursachen, aber ein wichtiger 
Unterschied gegen diese offenbart sich doch. Die göttliche Allmacht 
handelt hier bei Leibniz nicht nach Willkür, sondern wie die eine 
Substanz bei Spinoza, nach konstanten Gesetzen. Die Erwähnung 
der nach konstanten Gesetzen wirkenden göttlichen Allmacht, ergibt 
sich aus der Tatsache, dass Leibniz schon im August 1676 in einem 
Briefe an Oldenburg das Gesetz der Erhaltung der Kräfte in voller 
metaphysischer Allgemeinheit ausgesprochen hat.^ Zur Aufstellung 
dieses Gesetzes führte ihn, angespornt durch die Huygensche 
Arbeit, auch noch das tiefere Eindringen in die Relativität der Be- 
wegung. Diese Erkenntnis war schon in Descartes gereift, und der- 
selbe nannte eine wahre Bewegung diejenige, bei welcher als Be- 
zugssystem^ die zum bewegten Subjekt «unmittelbar» benachbarten 
Stellen genommen wurden.® Dies Hess jedoch eine Unbestimmtheit 
zurück ; ausserdem aber hatte Leibniz bereits das Wesen des Körpers 
in etwas anderes als die Ausdehnung gesetzt, nämlich in die Kraft, 
die damit auch zum Subjekte der Bewegung wurde. Es musste also 
in diese der Grund zu einer wahren Bewegung gelegt werden, 
während die rein räumliche Betrachtung, d. h. richtiger die rein 
anschauliche, stets nur eine Relativität ergibt, niemals eine absöluie 
Bewegung, wenn man die Dinglichkeit, die sclbsteigene Existenz 



' Gittert bei Casierer S. 516. 

' Cassierer, S. 517. 

" Siehe hierzu Cassierer I. Teil, der über Descartes handelt. 

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— 57 — 

eines Raumes leugnet. Aber sollte nun die Bewegung unter diesem 
Gesichtspunkte doch fixierbar sein, so musste. zwischen den Kräften 
selbst eine Beziehung vorhanden sein, die eine eindeutige Bestimmung 
der ersten ermöglichte und so eine Festhaltung zuliess. Und so 
sagt uns Leibniz im «Phoronamus» : cUm mich aus diesem Labyrinthe 
zu befreien, habe ich endlich keinen anderen Ariadnefaden gefunden 
als die Schätzung der Kräfte unter der Voraussetzung des meta- 
physischen Prinzips, dass die Gesamtwirkung ihrer vollen Ursache 
gleich sei», was aber dynamisch gewandt nichts anderes ist als der 
Satz der Erhaltung der Kräfte. In dieser Form verwendet ihn ja 
eigentlich das Experiment. Die Erhaltung heisst in diesem Sinne, 
was hier an Energie verbraucht wurde, muss in 4er Wirkung wieder 
zu finden sein. 

Bei Leibniz wurde der Satz rational gefunden und erfasst und 
die Ueberzeugung von dessen Richtigkeit ist zunächst nicht auf 
Experimente gegründet, konnte es nicht sein, wie aus der Darlegung 
hervorgeht. Die Experimente, mögen sie wo immer und wie immer 
angestellt werden, können dies Gesetz, wie Leibniz später aussprach, 
niemals umstossen. Gerade unter seiner «Voraussetzung» Hessen sich 
die wirklichen Bewegungsgesetze eindeutig begreifen und die Be- 
wegung war für Leibniz stets das Fundament aller mechanischen 
Erklärung. ' 

Der Begriff der Kraft war zunächst, in Anbetracht der Bewe- 
gungsgesetze, als passive Kraft vornehmlich entstanden, als Wider- 
stand, Widerstreben gegen Bewegung. Um sie aber als Ursache 
und Subjekt der Bewegung selbst zu fassen, musste sie zur deri- 
vativen Kraft werden, die sich mit dem Momente der Aktivität ver- 
band. Die derivative oder abgeleitete Kraft (das Verständnis der 
Bezeichnung «derivativ» wird sich später ergeben) kann sich also 
nur in ihrem Effekte kundgeben, d. h. in der Hervorbringung einer 
bestimmten Leistung z. B. des Hebens eines Gewichtes, der Zusam- 
raendrückung einer elastischen Feder. Zwei Kräfte heissen gleich, 
wenn sie dieselbe Leistung hervorbringen. 

Diese letzteren Bestimmungen sind hier nur der Vollständigkeit 



' In Bezug auf die Auffassung dieses Satzes kann man Spencer „Prinzipien 
der Philosophie" übersetzt von B. Vetter, Stuttgart 1875, vergleichen. Spencer 
nennt diesen Satz das „Fortbestehen der Kraft^, und erkennt auch keine empi- 
rische Ableitung desselben an, ja er meint jede empirische Induktion setze ihn 
voraus. 

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— 58 — 

wegen angeführt, und werden erst im folgenden Kapitel ihre eigent- 
liche Betrachtung finden, weshalb wir auf dieses verweisen. 

Mit dieser vorläufigen Betrachtung des Kraftproblems, wie sie 
der in diesem Kapitel behandelten Periode entspricht, würden wir 
gemäss unserer einleitenden Betrachtungen, izum Substanzproblem 
übergehen sollen. Wir müssen jedoch vorher das Problem des 
Continuums, das wir schon gestreift haben, dann aber auf andere 
Momente geführt wurden, hier einschalten, wobei wir einer, auch 
nur vorläufigen, erkenntnistheoretischen Betrachtung von Raum und 
Zeit nicht ausweichen können. 

Bei der Kritik eines kartesianischen Gottesbej^eises, der sich 
auf die Atomisierung der Zeit stützt, und der darum die Unabhängig- 
keit des Weltinhaltes in einem Augenblike von jenem in einem 
anderen Augenblicke behauptet, bemerkt Leibniz, dass man dies 
nicht ohne Beweis annehmen dürfe, auch folgte daraus die wirkliche 
Teilung des Continuums in unteilbare Elemente. Damit offenbart sich 
uns eine Schwierigkeit, die das Continuum in sich birgt. Einerseits 
ist das Continuum bis ins Unendliche teilbar, d. h. es gibt keine 
Stelle, an der wir sagen könnten, hier ist die Teilung zu Ende, das 
sind die letzten weiterhin unteilbaren Elemente (wie z. B. Atome) 
aus denen es sich aufbaut, anderseits ist man aber gezwungen, inso- 
lange man sich für die Entstehung des Continuums auf die sinnliche 
Anschauung beruft, solche letzte unteilbare Elemente anzunehmen, 
um es aus ihnen sinnlich anschaulich zusammenzusetzen. Insolange 
aber diese letzteren extensiv, und sei es noch zo unendlich klein 
extensiv gedacht werden, insolange ist es wieder unbegreiflich, wie 
man aus solchen Elementen das Continuum bilden kann, da doch 
gerade dessen Charakteristik ist, nirgends eine letzte Teilung als 
annehmbar zuzulassen. 

Die continuierliche Zeit kann, das erkannte schon Aristoteles, 
nicht aus unabhängigen Augenblicken zusammengesetzt werden und 
doch sind die Augenblicke in ihr enthalten. Also, erkannte Leibniz 
wie wir sahen, sind sie Grenzen der continuierlichen Zeit. Dann 
aber wird das Continuum Zeit vorausgesetzt und in ihm werden 
erst Grenzen gesetzt, die selbst als Entstehungsprodukte desselben, 
in sich nicht unabhängig zu denken sind, sondern als wirkliche 
Elemente jenes Continuums Zeit, insoferne sie in ihrer Ausbreitung, 
Entfaltung, die letztere selbst erzeugen können. Aber nicht durch 
«Zusammensetzung» sondern Ausbreitung d. h. stetige Bewegung 

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— 59 — • 

Der Körper war, wie wir sahen, durch Aufnahme des nichtsinnlichen 
Momentes der Kraft in die Reihe der Phänomene, der realen Er- 
scheinungen getreten. Aber dieses Wesen der Kraft, setzte bereits 
die Zeit voraus^ denn sie, die Kraft, sollte sich darin charakterisieren, 
das in einem bestimmten Augenblicke der Veränderung gedanklich 
Halt gemacht ttnd in ihm die Tendenz zum Fortschritte mitgedacht 
wird.^ Beides zusammengenonunen drängt also dazu zu erkennen, 
dass Zeit nicht als mit den Erscheinungen erst gegeben, sondern 
ihnen vorangeht, die Möglichkeit ausdrückt, die Erscheinungen im 
Nacheinander zu ordnen, oder wie es Leibniz auch nennt : «die Zeit 
ist die Ordnung der Erscheinungen im Nacheinander». 

Ganz ähnlich ging es nun mit dem Räume. Dieselben Schwierig- 
keiten, wie sie sich bezüglich des zeitlichen Continuums ergaben, 
mussten auch in Bezug auf das räumliche auftreten. Ja hier noch mehr. 
Denn schon die höhere Analysis war in ihrer Endeckung davon aus- 
gegangen, hatte wie wir sahen, gesagt «Unendlich kleines» werde 
zur Linie. Hier, dem Uriendlichkleinen, ist das extensive Moment 
gar nicht hinzugefügt, ein Zeichen, dass Leibniz hier schon ahnte, 
oder vielleicht nach Cavalieri wusste, dass dieses Merkmal für das 
Differential nicht wesentlich sei. Später allerdings wird es an Hand 
der Anwendung doch zu einem wirklichen «extensiven Unendlich- 
kleinen».* Nun aber hatten die weiteren Betrachtungen darüber 
hinausgedrängt. Das Wesen des Körpers war aus der räumlichen 
Ausdehnung verbannt, ja diese musste als ein Erzeugnis des ersteren 
erscheinen. Was war dann also der Raum.^ 

Das Continuitätsproblem forderte den Punkt, erkannten wir, 
als Grenzsetzung, insofern war er Element des Raumes, aber solche 
Grenzsetzung fordert etwas, worin man Grenzen setzen kann. Ferner 
aber, das Wesen des Körpers, vor allem die Masse als passive Kraft, 
sollte ja, wie wir später noch ausführlicher hören werden, die Aus- 
dehnung erst erzeugen. Damit wurde letztere selbst zur Erscheinung, 
zum Phänomen im rationalistischen Sinne des Wortes. Das zweite 
wesentliche Merkmal der Kraft, die Bewegung, die Veränderung, 
war aber im Grunde nichts anderes als eine Setzung von Lagebe- 
ziehungen, auch die Ausdehnung war dann im Prinzipe ein Produkt 
solcher Lagebeziehungen. Aber Lage ist ja auch nichts anderes als 
die begriffliche Fixation innerhalb des räumlichen Continuums. Die 



' Siehe hiezu spätere Bestimmungen Kap. V. 
* Siehe Kap. III dieser Arbeit. 



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— 60 — 

Erscheinungen verlangen also für ihre Ordnung und Entstehung im 
Wesentlichen die Möglichkeit der Setzung von Lage be Ziehungen, 
somit kann der Raum nicht erst mit den Erscheinungen gegeben 
sein, sondern er muss ihnen vorangehen als die Möglichkeit der 
Ordnung der Erscheinungen im Nacheinander. 

Leibniz sagt es uns selbst, «dass die Schwierigkeiten in dem 
Labyrinthe des Continuums es waren, die ihn zur Auflfassung von 
Raum und Zeit als Ordnung der Erscheinungen geführt haben>,* 
eine Bestätigung der Wahrscheinlichkeit unserer Rekonstruktion. 

Diese ganzen Betrachtungen wurden Leibniz erleichtert, besonders 
die reine Hervorhebung der Körper als Erscheinungen, durch das 
intensive Studium Piatons, das nach Stein^ in diese Zeit von 1677 
fällt. 'Ja Leibniz hebt selbst dieses Mumcnt später hervor. Aber, 
fügt Leibniz in einem Briefe an Foucher 1687 hinzu, Piaton hatte 
den Charakter von Körper und Bewegung als Erscheinungen richtig 
erkannt, vermochte sich aber von Zweifeln nicht völlig zu befreien; 
denn «c'est qu'en son temps la Geometrie et TAnalyse n'e'toient 
pas assez avancdes».** Und wir begreifen das, denn die ganze Be- 
trachtung zeigte, wie fast überall die höhere Analysis als immanentes 
Denkinstrument arbeitete. Wie ist aus der Bewegung (die nähere 
Bestimmung kommt später), der inextensiven Lage, die räumliche 
Ausdehnung als Continuum entstanden zu denken möglich; ebenso 
wie aus dem inextensiven Differential das Integral entsteht, als 
Repräsentanten extensiver Erzeugnisse.* 

Mit diesen Entwicklungen sind wir aber bereits mit Leibniz in 
die 80er Jahre hinein gekommen. Ehe wir hier weiter fortfahren, 
was im folgenden Kapitel geschehen wird, und ehe wir die immer 
klarer sich erhebende Einsicht in die mannigfachen Probleme be- 
trachten, müssen wir eines auch für unseren Zusammenhang äusserst 
wichtigen Problemes Erwähnung tun, das ja auch sonst in die 
Gemeinsamkeit obiger Fragen, aus erkenntnistheoretischen und meta- 
physischen Gesichtspunkten gehört. Gemeint ist das Substanzproblem, 

' Cassierer, S. 524. 

' Stein: Leibniz und Spinoza. 

•» Bei Cassierer S. 527. 

■• Wir müssen hierbei vorweg nehmen, dass es sich nicht darum handelt, 
anzugeben, wie die sinnliche Anschauung der Ausdehnung aus kontinuierlichen 
Setzungen von Lagen entsteht, sondern nur um ihre begriffliche Fixierung, wie 
sie für den wissenschaftlichen Gebrauch nötig ist. Darin bin ich mit Cassierer 
vollends einverstanden, soweit es Leibnizen anlangt. 

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— 61 — 

jenes das die Geister auch der- damaligen Zeit ganz besonders be- 
schäftigte, wie einen Descartes, Berkeley, Locke und andere. 

Schon am Ende der Betrachtung über die Periode vor Leibnizens 
Abreise nach Paris konnten wir konstatieren, dass er vermutete, die 
Substanz sei etwas was gleichsam über der Materie stehe, ein Kern^ 
der noch in der Asche bliebe, wenn auch der Körper verbrannt 
werden würde. — Diese Vermutung klingt uns heute etwas naiv, denn 
wir sind gewohnt zu fragen wo bleibt das Ding, wenn man den 
Körper in Dampfform überführt. — 

In dieser Anschauung musste Leibniz durch seine dynamischen 
Entdeckungen nur bestärkt werden, denn diese forderten im Begriffe 
der Kraft überhaupt, wie in dem der passiven Kraft, der Materie 
im besonderen, eigentlich noch mehr als nur das. 

Aber anderseits verlangen diese Kräfte, die passive und derivative^ 
in sich selbst wieder eine Einheit, ein Prinzip zunächst, aus dem 
sie als seine Erzeugnisse, Entfaltungen, als sein in Erscheinung 
treten sich offenbaren. Der Ausweg, die letzten unteilbaren physischen 
Atome als die Träger dieser Kräfte anzunehmen, war bereits aus- 
geschlossen, diese waren längst verworfen, obwohl sie, wie Leibniz 
manchmal sagt, der Einbildungskraft am meisten entsprechen. Die 
Einheit der nichtsinnlichen Kräfte (Energien) die rein begrifflich zu 
fassen waren, musste, sollte nicht eine methodische Inkonsequenz 
begangen werden, selbst wieder begrifflich gefasst werden. Dazu 
kommen noch die Einsichten in das Continuum, das sich nicht aus 
Teilen zusammensetzen lässt, wie es die sinnliche Anschauung fordern 
möchte, was aber niemals eine wahre Einheit begründen kann. Diese 
Einheit der Kräfte, dieses ihr Prinzip, musste aber selbst als unteilbar 
gedacht werden. 

Den ganzen Prozess der Entstehung des Substanzbegriffes, 
schildert uns Leibniz selbst in seinem «System nouveaux».^ Nachdem 
er dort seine Losreissung von den Atomen geschildert hat und die 
Unmöglichkeit, die Prinzipien einer wahren Einheit im «Stoffe» allein 
zu erkennen einsieht, sagt er : «Da nun aber die Menge ihre Wirklich- 
keit nur von wahren Einheiten erhalten kann, die anderswoher 
kommen und etwas ganz anderes sind als die Punkte, aus denen 
das Stetige erwiesenermassen nicht zusammengesetzt sein kann, so 
war ich um jene wirklichen Einheiten aufzufinden, gezwungen, meine 



Habs: Leibniz kl. phil. Schriften. 

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— 62 — 

Zuflucht zu einem «formalen» Atom zu nehmen .... Ich musste 
also die heut zu Tage so verrufenen substantiellen Formen wieder 
ins Leben rufen und gleichsam zu neuen Ehren bringen »' 

Wie weit sein Substanzbegriff schon 1678 gediehen war, er- 
kennen wir auch aus den Bemerkungen zu Spinozas Ethik.* Da 
heisst es in der Bemerkung zur dritten Definition : 4l .... da 
CS vielmehr den Anschein hat, als gäbe es mancherlei Inhalte, die 
zwar in sich ihren Bestand haben, dennoch aber nicht durch sich 
allein begriffen werden können. In dieser Weise pflegt man sich 
auch gemeinhin die Substanzen zu denken,'^ ® Und ferner Lehrsatz 
12 und 13. «In Wahrheit lässt sich kein Attribut einer Substanz 
denken, aus dem folgte, dass die Substanz geteilt werden kann: 
die Substanz ist im absoluten Sinne gefasst, unteilbar.» Hiezu die 
Bemerkung Leibnizens : « Ich gebe dies, soweit es sich auf den 
Gegenstand, der durch « sich selbst seinen Bestand » hat, zu. » ^ 
Dazu dann die Bemerkung zum Lehrsatz 14 der Ethik: «Mir 
scheint es auch noch nicht sicher, dass die Körper Substanzen 
sind, mit den Geistern allerdings verhält es sich anders.» ^ 

Nun erhob sich aber für Leibniz die Frage, wie der Zusammen- 
hang der Kräfte in dieser wahren Einheit zu denken sei, damit in 
ihr selbst der Grund für jene Entfaltung liege, damit also das, was 
wir im Begriffe der Kraft mitdenken mussten, nämlich die Tendenz 
zu weiterem Fortschritte, auch seinen sicheren Bestand habe. Diese 
wahre Einheit musste also schon darum ihrem letzten Wesen nach 
«Kraft» sein. Jetzt kommt nun aber Leibnizen der Begriff der 
Seele zu Hilfe. Das Bewusstsein offenbart sich ihm dadurch, dass 
hier in der Einheit desselben die Mannigfaltigkeit von Inhalten ge- 
geben ist. Die passive Kraft und vor allem die derivative, die 
bewegende Kraft, stellen sich uns ebenfalls in einer Mannigfaltigkeit 
von Erscheinungen dar, ihre Einheit in der Substanz wird also 
nach Analogie der Seele zu denken sein, umsomehr als die Kräfte 
als von nichtsinnlicher, besser überstofflicher Natur, erkannt wurden. 
Diese Analogie erscheint auch insoferne treffend, als das Bewusst- 
sein ohne Inhalt nicht gedacht werden kann; ebenso kann diese 



^ Habs an ang^f. Stelle. 

^ Buchenau, Cassierer S. 355 u. ff. 

3 Ebendaselbst S. 356. 

* Ebendaselbst S. 366. 

* Ebendaselbst S. 366. 

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— 63 — 

wahre Einheit nicht ohne ihre passive oder derivative Kraft gedacht 
werden und umgekehrt. Aber fernerhin ermöglichte diese Analogie 
den Begriflf der Tendenz einzuführen, diese war dann etwas dem 
Begehren analoges. Jedoch wie die Seele nicht zur Erklärung des 
Einzelnen im Bau des Tierkörpers benutzt werden dürfe, sagt uns 
Leibniz, dürfen auch die substantiellen Formen, diese wahren Ein- 
heiten, nicht zur Erklärung der besonderen Phänomene der Natur 
benutzt werden. Also hier schon reinliche Scheidung zwischen 
metaphysischen Prinzipien im Sinne Leibnizens, wie schon Seite 55 
erörtert, die der wissenschaftlichen Erklärung dienen, und solchen, die 
dem gemeiniglich als Metaphysik bezeichneten Gebiete angehören. 

Was immer wieder von Leibniz gefordert wird, möchten wir 
bei dieser Gelegenheit bemerken, ist die gegenseitige Befruchtung 
und Wechselwirkung der einzelnen Gebiete der Wissenschaft, aber 
ihre Vermengung ist zu vermeiden. Jede hat ihre Methoden, soll 
ihren Inhalt in methodischer Reinheit erhalten. — 

Im weiteren Verlaufe der Darstellung im «System nouveaux» 
sagt uns Leibniz : « Ich sah ein, dass diese Formen und diese Seelen 
unteilbar sein müssen wie unser Geist, wie ich mich denn auch 
erinnerte, dass dies in der Tat die Ansicht des heiligen Thomas 
bezüglich der Tierseelen gewesen ist. Aber diese Wahrheit erneuerte 
die grossen Schwierigkeiten hinsichtlich des Ursprungs und der 
Dauer der Seelen und der Formen .... So war ich denn von den 
Seelen abgesehen, die Gott noch ausdrücklich erschaflfen kann, zu 
der Anerkenntnis gezwungen, dass die konstitutiven Formen der 
Substanzen mit der Welt geschaffen worden sind und immer fort- 
bestehen .... und die Sache kann durchaus nicht ungewöhnlich 
erscheinen, da ich ja den Formen nur jene Dauer gebe, welche die 
Gassendisten auch ihren Atomen gaben.»* 

Wir sehen aus diesen Worten, wie an Hand der Entstehung 
dieser substantiellen Formen als letzter metaphysischer Wesenheiten 
des Stoffes, der selbst wieder in den passiven und derivativen Kräften 
oder Energien seinen Bestand hat, ihre Unteilbarkeit behauptet 
werden musste, weil sonst der Prozess wieder nicht abgeschlossen 
wäre in dem Suchen nach der wahren Einheit und weil ja die Teil- 
barkeit, als sinnliches Moment aufgefasst, hier ausgeschlossen ist. 
Mit der Unteilbarkeit der Substanzen, die, wie wir schon früher 
sahen, auch ihren Bestand in sich haben, wurden dieselben auch 



Habs, S. 44 u. f. 

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— 64 — 

vollends selbständig, die Substanzen können nicht eine aus einer 
anderen hervorgegangen sein. Diese Selbständigkeit und Unteil- 
barkeit der Substanzen und damit ihre Pluralität zu behaupten wird 
uns hier erklärlicher, wenn wir uns erinnern an jene scholastische 
Erstlingsschrift Leibnizens, in der er sich zum Nominalismus erklärte 
und das Individuum herauszuheben suchte, denn die Pluralität der 
Substanzen ist offenbar von dem Gedanken des Individuums getragen. 
Aber mit obiger Behauptung über die Substanzen musste, das 
erkannte Leibniz, ihre ewige Dauer aufgestellt werden. Wie war 
aber damit die Möglichkeit der Veränderung zu verbinden, die uns 
die Substanzen in ihren Erscheinungen darbieten, vor allem wie 
waren in der organischen Welt Geburt und Tod zu verstehen ? Lag 
da nicht der Gedanke eines Analogons zur Seelenwanderung nahe 
um die ewige Dauer zu erklären, etwas ähnliches, wie Leibniz sagt, 
cwie einige Philosophen die Uebertragung der Bewegung aufge- 
fasst haben».* Allein dieser Gedanke, spricht Leibniz aus, ist «weit 
vom wahren Wesen der Dinge entfernt. Es gibt keinen solchen 
Uebergang und hier nun sind die Umgestaltungen der Herren 
Swammerdamm, Malphigi und Leuwenhook, die zu den ausge- 
zeichnetsten Forschern unserer Zeit gehören, mir zu Hilfe gekommen 
und haben mir die Annahme erletchtert, dass das Tier und jede 
andere organische Substanz nicht anfängt, wann wir es glauben, 
und dass seine anscheinende Erzeugung nur eine Entwicklung und 
eine Art Vermehrung ist.»* Hier ist klar gekennzeichnet, dass 
eigentlich an diesem Punkte, diese Annahme, um die ewige Dauer 



' Habs, S. 45. 

* Habs, S. 45. Femer zum besseren Verständnis des Gesagten, sowie 
einiger noch folgender diesbezüglicher Bemerkungen, sei erwähnt was O. Hertwig 
als wesentlichen Inhalt der hier gemeinten Theorie der Entfaltung oder Evo- 
lution, Präformationstheorie, in seinem Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte 
des Menschen und der Wirbeltiere, 7. Auflage, Jena 1902, angibt. Aus diesem 
ergibt sich S. 24 als wesentlicher Inhalt dieser Theorie: nDie Eier stimmen 
in ihrem Bau mit den erwachsenen Organismen aufs vollständigste Qberein 
und besitzen daher von Anfang an dieselben Organe in derselben Lage und 
Verbindung wie diese, nur in einem viel kleineren Zustande, wobei diese Teile 
auch durchsichtig sein sollten, da sie mit den stärksten VergrÖsserungsgläsern 
nicht entdeckt werden konnten. Je nachdem nun diese Wesen im Ei oder 
Spermatozoon vorgebildet sein sollten, unterschied man die Forscher in Ovistcn 
und Animaculisten. Leuwenhook z. B. erklärte die Samenfäden fQr präexistente. 
Keime der Tiere, Hess sie bei der Befruchtung in die Eizelle eindringen und 
in ihr heranwachsen.** 



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~ 65 — 

der Substanzen zu erklären, sich im Leibnizschen Denken als not- 
wendig ergab und dieselbe durch die erwähnten Entdeckungen nur 
erleichtert wurde.* 

Allein die Leugnung der Uebertragung der Bewegung von 
Körper zu Körper die wir nur nebenbei erwähnten, hat doch für 
uns hier grössere Wichtigkeit. Sie enthält ihre zwei Seiten. Zu- 
nächst eine rein dynamisch mechanische, indem nämlich der Satz 
von der Erhaltung der Kraft als Fundament aller Bewegungsgesetze, 
diese Uebertragung nicht fordert, sondern nur die Möglichkeit ein- 
deutiger Bestimmimg dartut. Was sich fortpflanzt, sind nicht die 
Kräfte, sondern ihre Wirkungen aufeinander. Es ändern sich die 
Inhalte der substantiellen Einheit, wie die des Bewusstseins, nicht 
aber die erstere selbst. Damit aber haben wir die zweite, die 
metaphysische Seite, dieses Ausspruchs gestreift. F^benso wie die 
Kräfte nicht übertragen werden können, hier die primitiven Kräfte 
gemeint, die wir noch kennen lernen werden, nämlich eben die 
substantiellen Träger der passiven und derivativen Kräfte, ebenso 
können auch die Substanzen nicht übertragen werden, nicht wandern. 
Dieser Zusammenhang wird im Verlaufe des folgenden Kapitels noch 
klarer werden. 

Mit diesen Erklärungen ist wohl gezeigt, dass die Geburt kein 
wirkliches Entstehen der Substanzen bedeute, aber noch nicht die 
Frage beantwortet, was eigentlich im Tode mit ihnen geschehe. 
Hier entstand nun noch eine grosse Schwierigkeit dadurch, dass 
Leibniz damals und immer der Ueberzeugung war, eine Seele könne 
nie ohne materiellen Körper sein und bestehen. Diese Eigenschaft, 
ohne materiellen Körper zu sein, komme nur, wie er selbst anführt, 
Gott zu, der reine Aktivität sei. «Und dies,» sagt Leibniz, «hat 
mich endlich zu der Ansicht gebracht, dass hier nur ein einziger 
vernünftiger Ausweg bleibt, nämlich die Annahme der Erhaltung 
nicht bloss der Seele, sondern auch des Tieres selbst und seiner 
organischen Maschine, wenn auch die Zerstörung der gröberen Teile 
derselben sie zu einer Kleinheit herabgebracht hat, die für unsere 
Sinne ebensowenig wahrnehmbar ist, wie jene, die ihm vor seiner 
Geburt eigen waren.»* 

^ Zu S. 63. Ich betone das ^erleichtert" und bin somit in diesem Punkte 
mit Stein : Leibniz und Spinoza, einverstanden, dasa die biologischen Momente 
für Leibniz nur yerilikatorischen Charakter hatten. 

* Habs, S. 47. 



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— 66 — 

So sehen wir wie die unvollständigen, unvollkommenen biologischen 
Befunde und Vorstellungen in Leibniz feste Wurzel fassten und in 
seiner Metaphysik Früchte trugen. Die biologische Forschung ist 
heute weit über diese Vorstellung hinausgekonunen, die Präforma- 
tionslehre hat sich überlebt, wenn sie auch noch später in der so- 
genannten Mosaiktheorie, wonach bestimmte Partien des Eiplasmas 
auch bestimmte Organe aus sich erzeugen sollten, leise Nachklänge 
gehabt hat. Es wäre verfehlt, Leibnizen vom Standpunkte des 
heutigen Standes der ßiolpgie, im weitesten Sinne des Wortes, 
zeihen zu wollen. Er war Mann seiner Zeit und konnte nur das 
verwerten, was die Forscher seiner Zeit ihm gaben. Umsomehr 
als wir uns ruhig gestehen können, dass auch die heutige biolo- 
gische Forschung Probleme genug hat, die ungelöst, teilweise un- 
befriedigend gelöst, dastehen. — 

War nun erkannt, dass die Seele nie ohne materiellen Körper 
bestehen könne, so war damit im Prinzipe der Gedanke aufge- 
nommen, dass auch die c substantielle Form» überhaupt nie ohne 
organischen Körper sei, was sich schliesslich zu dem Gedanken der 
Allbeseelimg erweiterte. Nun kam aber noch ein wichtiges Problem, 
jenes an dem Descartes gescheitert war und es mit einem Macht- 
spruch des Dualismus zu lösen suchte, dass dann Spinoza in seiner 
«einen Substanz» und ihren «Attributen» zu überwinden suchte 
und das die Occasionalisten in ihrer Weise lösten : es ist das die 
Beziehung von Leib und Seele. Der Unterschied zwischen beiden 
war hier noch nicht in voller Klarheit metaphysisch aufgehoben, 
wie es später Leibniz tat. Es ist bekannt, dass Leibniz dieses 
Rätsel schliesslich mit der « prästabilierten Harmonie» zu lösen 
vermeint hatte. Die Monade existiert in der Zeit, die wir jetzt 
betrachten noch nicht recht,* nur ihre Anßlnge und Grundlagei 
sind mehr oder weniger vorhanden. Aber Leibniz sagt uns selbst, 
dass wir das jetzt noch nicht von ihm fordern dürfen, denn in einem 
Briefe an Foucher heisst es, dass er zehn Jahre vor dem Erscheinen 
des «Systeme nouveaux», also um 1685 noch über seine philoso- 
phische Hypothese nicht im Klaren war. Er sagt da: «Ich erinnere 
mich, mein Herr, dass ich ihrem Wunsche nachzukommen glaubte. 



* Siehe zu der Aufnahme des Namens „Monade*^ selbst und seine AB- 
hängigheit von anderen Philosophen die ihn gebrauchten, Leibniz und Spinoza 
von Prof. Stein, wo auch das erste Auftreten dieses Namens bei Leibniz dar- 
gelegt ist 

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— 67 — 

als ich ihnen vor mehreren Jahren (nacn Foucher 10 Jahren^) meine 
philosophische Hypothese mitteilte, obgleich ich Ihnen gleichzeitig 
versicherte, dass ich noch nicht entschlossen wäre, mich zu derselben 
zu bekennen.»* 

Ueberblicken wir den Inhalt dieses Kapitels, so werden wir 
leicht gewahr, dass die Probleme, soweit es Leibniz betriflft, hier 
noch im Gähren sind, mehr im Werden als im Sein bezüglich ihrer 
Lösung. Viele Fragen, wie die nach dem Individuum, nach dem 
Unendlichen u. a. treten mehr verschlungen mit anderen Problemen 
auf als in ihrer Selbständigkeit und so werden wir denn auf das 
folgende und letzte Kapitel hingewiesen, das uns die Probleme in 
ihrer ihnen von Leibniz gegebenen cndgiltigen Lösung, soweit sie 
auf den vorliegenden Zusammenhang näheren Bezug haben, vor- 
führen soll. Dabei muss man uns gestatten, anknüpfende, wenn 
auch ziemlich weit sich entfernende Seitenbetrachtungen anzustellen. 

' Habs: „Antwort Leibnizens an Foucher**. 
3 Habs, S. 6i: 



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V. Kapitel 

Definitive Ausgestaltung des Differentials und 

Integrals, ferner des Monadenbegriffes durch Leibniz. 

Fragen aus der Funktionentheorie. 

I. Abschnitt 

Einige logische, wichtige Betrachtungen.* 

Wir hatten schon bei einer anderen Gelegenheit der Abhand- 
lung über die «Verknüpfung zwischen Dingen und Worten» aus 
dem Jahre 1677 Erwähnung getan. Was uns dabei interessierte 
war, dass Leibniz hier auf eine Grundfrage seiner Charakteristik 
eingeht, nämlich wie bei einer Willkür von «Charakteren», doch 
in den Resultaten ihrer Verknüpfung Wahrheiten enthalten sein 
können. Die Antwort darauf war, dass in ihrer Beziehung, die 
Beziehung der Dinge, die sie repräsentieren zum Ausdrucke konune, 
diese Beziehung selbst aber nicht von den Charakteren, sondern 
von dem was sie darstellen, abhänge. Auch war hier, wie ebenfalls 
in den Bemerkungen zu Spinozas Ethik, gefordert, dass in den 
Definitionen gleichzeitig die Möglichkeit der definierten Inhalte er- 
kennbar sein müsse. Dies wird nun von Leibniz später weiter aus- 
geführt und vertieft, wie uns vor allem auch die Abhandlung 
«Betrachtungen über die Erkenntnis, die Wahrheit und die Ideen» 
vom Jahre 1884^ zeigt. Leibniz beginnt hier damit,^ dass er eine 

' Bezüglich weiterer Ausführungen über die Logik Leibnizens verweisen 
wir auf Cassierer und Couturat: „Logique de Leibniz**. 

' Ferner findet man diesbezügliche Betrachtungen in der Theodicee, 
dann besonders auch in den entsprechenden Abschnitten der „Neuen Abhand- 
lungen über den menschlichen Verstand**. Ich benutzte die Uebersetzung von 
C. Schaarschmidt Philosophische Bibliothek, Band 69, 2. Auflage, Leipzig 1904. 

' Cassierer, Buchenau S. 22 u. f. 

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— 69 — 

Einteilung der Erkenntnisse in c dunkle» und c klare» vornimmt. 
Bei letzteren wieder unterscheidet er verworrene und distinkte und 
die distinkten teilt er wieder in adaequate und inadaequate, symbo- 
lische oder intuitive ein. cDie vollkommenste Erkenntnis endlich,» 
sagt er, c wird die sein, welche zugleich adaequat und intuitiv ist. » ' 
Also nicht auf Vorstellungen, sondern auf c Erkenntnisse » bezieht 
«ich die Unterscheidung, d. h. sie bezieht sich auf Urteile. In der 
Tat ist Leibnizen das Urteil die Gnmdfunktion des Denkens, das 
sich aber nicht in der Setzung von Subjekt und Prädikat, d. h. als 
analytisches Urteil, im engeren Sinne des Wortes, erschöpft, sondern 
^uch auf Setzung von Relationen überhaupt, also auch auf synthetische 
Urteile bezieht. Dieser Gedanke liegt in seinen Anfängen bereits 
in der «Ars combinatoria » enthalten, indem hier der Begriff- nicht 
als Summe, sondern wenigstens als «Produkt» also als Multiplikation 
von Merkmalen aufgefasst wird.* Wohl ist damit die eigentliche 
Bedeutung des Begriffes nicht ganz erkannt, immerhin zeigt sie, 
dass er sich schon so früh über die hergebrachte Logik zu erheben 
suchte.'* Auch dies steht natürlich mit seiner allgemeinen Charak- 
teristik im Zusammenhang. Die «Nouveaux essais» haben die ganze 
Auffassung des Begriffes noch weiter zu vertiefen gesucht. Uns 
ist es versagt, näher hier darauf einzugehen. 

Immerhin muss zu dem obigen noch hinzugefügt werden, dass, 
wenn auch die Unterscheidung «dunkel», «klar» etc. sich auf die 
Erkenntnisse bezieht, sie sich doch von entsprechenden Eigenschaften 
der zu Grunde liegenden Vorstellungen ableitet. Unmittelbar an die 
Betrachtung der Erkenntnisse schliesst sich für Leibniz jene der 
Definitionen an, denn eine grosse Zahl der ersteren nehmen nach 
ihm in den Definitionen ihren Anfang oder beruhen auf solchen. 
in der Abhandlung von 1677, wo wir Leibniz im Kampfe mit Hobbes 
bezüglich der Willkür des Definierens fanden, war eine Unterschei- 
dimg, die uns nun entgegentritt, noch nicht erreicht; nämlich die 
in Nominal- und Realdefinitionen. Für dieselbe knüpft Leibniz an 
das bei ihm öfter gebrauchte Beispiel der «schnellsten» Bewegung 
an, von der wir doch eine Idee zu haben vorgeben und zeigt, dass 
dies nicht richtig sei, denn nehmen wir an, ein Rad drehe sich mit 



^ Ebendaselbst, S. 22. 
- Siehe zum Ganzen Cassierer. 

• Damit trete ich, wie auch in der Einleitung erwähnt, in Gegensatz 
zu Couturat. 

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— 70 — 

der «schnellsten» Bewegung und denken wir uns in dasselbe einen 
Nagel hineingeschlagen, so wird der Kopf desselben, da er ausser- 
halb der Peripherie liegt, eine noch schnellere Bewegung haben^ 
als ein Punkt der Peripherie des Rades, da die Geschwindigkeit 
proportional dem Radius zunimmt. V(ir glaubten also die Idee einer 
schnellsten Bewegung zu haben, es zeigt sich aber, dass dies ein 
Irrtum war. Die Konsequenz, die sich andererseits aus diesem Bei- 
spiele ergibt, dass nämlich alle Bewegung relativ ist, hat Leibniz 
selbst gezogen, doch gehört dies nicht hieher. — Ein zweites Bei- 
spiel, das er anführt, ist der eine der Beweise Desca^tes, für da» 
Dasein Gottes, den wir schon erwähnten und wo Leibniz, indem 
er den Mangel dieses Beweises zeigt, der nach seiner Ansicht darin 
liegt, dass für die Gültigkeit des Beweises die Möglichkeit eines 
vollkonunensten Wesens erst bewiesen oder vorausgesetzt werden 
müsste, zeigt, dass wir auch hier glauben, die Idee eines voUkom 
mensten Wesens zu besitzen, sie aber nicht haben. 

An diesen Beispielen erläutert nun Leibniz seine Unterscheidung 
zwischen Nominal- und Realdefinitionen. Eine Nomioaldeünition ist 
eine solche, die nur die Merkmale enthält, um eine Sache von einer 
anderen unterscheiden zu können, und eine Realdefinition ist eine 
solche, aus der sich die Möglichkeit einer Sache ergibt, c Daraus 
erhellt» sagt Leibniz* cder Unterschied zwischen wahren und falschen 
Ideen». Eine Idee ist wahr, wenn die Vorstellung möglich ist^ 
falsch, wenn diese einen Widerspruch enthält. Damit aber erhebt 
sich die wichtige Frage, woran wir den die Möglichkeit selbst zu 
erkennen vermögen. Zunächst scheint es ja, als ob die Möglichkeit 
selbst wieder nur das Moment der Widerspruchslosigkeit in sich 
enthielte. Nach Leibniz gibt es für die Erkenntnis der Möglichkeit 
zwei Wege und zwar können wir sie ca priori» oder «a posteriori» 
erkennen.* «A priori» erkennen wir die Möglichkeit, wenn wir 
die Vorstellung in ihre Elemente, d. h. in andere Vorstellungen, 
deren Möglichkeit bekannt ist, auflösen und wissen, dass in ihnen 
nichts € Unverträgliches » enthalten ist.^ Es wird also die Analyse 
der Vorstellungen verlangt, ihre Auflösung in Elemente, wobei aber 
letztes Kriteruum doch der Satz des Widerspruches bleibt. Etwas 
analoges sagt auch Kant, wenn er als deh Satz, auf den sich ana- 

^ Buchenau, Cassierer, S. 26. 
' Ebendaselbst, S. 26/27. 
3 Ebendaselbst, S. 27. 

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— 71 — 

lytische Urteile stützen, den des Widerspruches bezeichnet. Diese 
Erkenntnis der c Möglichkeit > der Vorstellung eines Gegenstandes 
a priori ist z. B. dann vorhanden, setzt Leibniz weiter auseinander, 
« wenn wir insbesondere die Art, wie sich der Gegenstand erzeigen 
lässt, einsehen, weshalb die kausalen Definitionen von vorzüglicher 
Bedeutung sind».^ 

Hier vermissen wir nun die grosse Grundfrage Kants, nämlich 
wie synthetische Urteile a priori möglich sind. Die kausale Defi- 
nition, die Erzeugungsdefinition könnten wir sie in gewissem Sinne 
nennen, ergibt sich hier nur in der Analyse, stützt sich also letzten 
Endes auf den Satz des Widerspruches und Leibniz meint vielleicht 
hier die Synthese gehe ebenso vor sich, denn dass er die synthe- 
tischen Urteile als solche, in denen die Sache wirklich erzeugt wird, 
ursprünglich wohl kennt, haben wir schon erwähnt und wird uns 
noch entgegentreten. Darum verstehen wir auch, dass Leibniz inrnier 
wieder darauf zurückkommt, die ganze Mathematik lasse sich auf 
den Satz des Widerspruches und identische Sätze zurückführen. 
Kant hat allerdings gezeigt, dass der Satz des Widerspruches für 
synthetische Urteile a priori nicht c zureiche >, aber bei einer Ueber- 
sehung des Umstandes des c Zureichens » kommt man leicht darauf, 
in der Tat auch sie auf den Satz des Widerspruchs allein zu stützen, 
insbesondere, wenn man wie Leibniz jedes anschauliche Moment 
discursiv zu fassen sucht. 

Nun kommt noch der zweite Weg die Möglichkeit eines Gegen- 
standes zu Erkennen, nämlich die ca posteriori». «A posteriori 
hingegen erkennen wir die Möglichkeit einer Sache, wenn uns ihre 
Wirklichkeit durch Erfahrung bekannt wird, denn was wirklich 
existiert oder existiert hat, das muss jedenfalls möglich sein. >- Hier 
macht also der Rationalist Leibniz, an die empirische Erfahrung 
ein Zugeständnis und wie mir scheint, ist Leibniz eigentlich nie ein 
ganz reiner Rationalist gewesen. Ganz besonders scheinen mir die 
neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand, wie schon 
erwähnt, hie für zu sprechen. Insbesondere Cassierer^ möchte in 
Leibniz den reinen Rationalisten sehen. Es ist allerdings zuzugeben, 
dass Leibniz diese Unkonsequenz zu überwinden suchte. Charak- 
teristisch für dieses Moment, auf einer gewissen Stufe, ist folgendes : 
«Ob aber jemals die menschliche Erkenntnis zu einer vollkommenen 

* Buchenau, Cassierer, S. 27. 
' Ebendaselbst, S. 27. 

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— 72 — 

Analyse der V^orstellungen, also zu den ersten Möglichkeiten und 
unauflöslichen Begriffen gelangen wird, ob sie, was dasselbe bedeutet 
alle Gedanken jemals auf die absoluten Attribute Gottes selbst als 
erste Ursachen und den letzten Grund der Dinge zurückführen wird, 
das möchte ich für jetzt nicht zu entscheiden wagen. »^ Im cPrinzipe» 
also stehen einer vollkommenen rationalen Durchdringung der Er- 
fahrung und Erkenntnis keine Hindernisse entgegen, aber dazu wäre 
erforderlich, dass wir zunächst die letzten weiter unauflösbaren 
Elemente kennen. Diese selbst können wir aber nur durch Analyse 
der Vorstellungen gewinnen, die Möglichkeit dieser Gewinnung 
lässt hier Leibniz unentschieden. Diese letzten unauflöslichen Be- 
griffe müssten selbst irgendwo ihren Bestand haben, da- aber die 
Welt eine Welt der Erscheinungen ist, der Körper sich ganz in 
Erscheinung aufgelöst hat, Raum und Zeit zu idealen Ordnungen 
wurden, so bleibt für den Bestand dieser letzten Begriffe, aus denen 
sich die Erscheinungen konstituieren, als letztes transzendentes Sein 
nur Gott, die Ursubstanz. Dieser Gedanke, der uns hier innerhalb 
rein logischer Entwicklungen entgegentritt, wird uns später in anderem 
Zusammenhange nochmals begegnen. 

«Für gewöhnlich, fügt Leibniz zu obigem hinzu, sind wir damit 
zufrieden, uns der Realität gewisser Begriffe durch Erfahrung zu 
versichern, um sodann aus ihnen andere nach dem „ Vorbilde der 
Natur^ zusammenzusetzen. » ^ 

Noch eines möchten wir aus der bis jetzt zugrunde gelegten 
Abhandlung hervorheben, das sich in gewisser Weise auch an die 
eben geführten Betrachtungen anschliesst, insbesondere, wenn man 
berücksichtigt, dass Leibnizen der Wert und die Bedeutung der Logik 
in einer «Logik der Sachen» erschien und dies mit Recht, wenn 
man sich den leeren Formalismus, in den die Scholastik verfallen 
war, vor Augen hält. An diese aber knüpft Leibniz zumeist an. 

Streng, sagt er, ist ein Beweis, wenn er den Vorschriften der 
logischen Form entspricht. Aber nun kommt der angeführte Gegen- 
satz. «Zwar bedarf es nicht immer der gewöhnlichen, schulmässigen 
Syllogismen, nur das wird erfordert, dass der Beweis kraft seiner 
Form den Schluss zustandebringe. Als ein Beispiel für einen solchen 
in strenger Form geführten Beweis, Hesse sich auch jede beliebige 



Buchenau, Cassierer, S. 27. 
Ebendaselbst, S. 27. 



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— 73 — 

regelrechte Rechnung anführen. > ' Auch weist er darauf hin, dass 
wenn eine Prämisse hypothetisch ist auch der Schluss nur hypothetische 
Geltung habe. 

Der Gedanke der Analyse der Vorstellungen in ihre letzten 
begrifflichen Elemente, der uns vorhin entgegentrat, ist auch noch 
darum wichtig, weil er ein Grundmoment seiner allgemeinen Charak- 
teristik bildet, auf die er immer wieder, trotz vielseitiger Arbeit, 
zurückkam, ^ und die sich schliesslich dahin ausprägte ; für die 
begrifflichen Elemente charakteristische Zahlen aufzufinden, vermöge 
derer dann sich alles andere wie in einer Zahlenkombination ergäbe. 
Diese charakteristischen Zahlen zu finden, war die Hauptschwierigkeit 
und mancherlei wurde hiezu von Leibniz ersonnen, aber das Werk 
als Ganzes blieb ein in den allerprimitivsten Anfängen stecken 
gebliebener Versuch. Nur in einzelnen Spezialproblemen kam es 
zu einer mehr oder weniger ausgebildeten Ausführung, aber das 
allgemeine Ideal war damit nicht erreicht, es sollte mit andern 
Worten, nicht eine Spezial-, sondern eine allgemeine Sprache des 
Menschengeistes sein. ^ 

Neben rein mathematischen Ausprägungen des Gedankens, wie 
wir es in den ueuen Kalkül fanden, ist noch vielleicht auch die 
geometrische Charakteristik zu erwähnen, die allerdings nur ein 
Versuch blieb, in gewissem Sinne auch die Analysis der Lage."* 

«Diese ersten Begriffe», deren Behandlung wir zuletzt vorge- 
nommen hatten, heisst es in einer andern Abhandlung ^ « sind ent- 
weder deutlich oder verworren ; deutlich sind solche, die aus sich 
selbst begriffen werden, verworren und dennoch klar die unmittel- 
baren Wahrnehmungen wie die Farbe, die wir einem anderen nur 
dadurch erklären können, dass wir sie ihm zeigen. > So sind also, 
wegen der beschränkten menschlichen Erkenntnisfähigkeit, diese 
letzten Elemente auch teils apriorische, teils aposteriorische nämlich 
Wahrnehmungen. Verworren, heisst also femer bei Leibniz, erkennen 
wir aus Vorstehendem, die Vorstellung, die sich einer weiteren 



' Buchenau Cassierer S. 28. * Ebendaselbst S. 30 u. f. 

' Ueber diese Fragen auch Couturat. 

** Wie es mir scheint dürfte die sogehannte „Algebra der Logik", wie sie 
noch heute von manchen Logikern geübt wird, auf dem gleichen Gedanken, 
\v\e ihn die allgemeine Charakteristik Leibnizens fordert, beruhen. 

* Buchenau Cassierer: „Die Methoden der universellen Synthesis und 
Analysis«* S. 40 u. f. ^ 

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— 74 — 

Zerlegung in begriffliche Elemente, in Erkenntniselemente widersetzt, 
und von der wir doch aus anderen Gründen überzeugt sind, dass 
sie nichts Einfaches darstellt. Darum können wir auch von ihnen 
keine Nominaldelinitionen geben, da diese nach Leibniz in der Auf- 
zählung der Merkmale und Konstituentien, die hinreichen das Objekt 
von anderen zu unterscheiden, besteht. Dies gelingt aber bei den 
deutlichen Begriffen, die sich stets in letzte ursprüngliche Begriffe, 
Elemente, auflösen lassen. 

Bei der Verknüpfung dieser Elemente zu neuen Wahrheiten nun, 
seien diese Elemente apriorischen oder aposteriorischen Charakters, 
müssen wir uns hüten, unnütze Verbindimgen zu schaffen, indem 
man Unvereinbares zusammenbringt. ^ Bei der Festsetzung der Real- 
definitionen, sagt daher Leibniz, ist somit sorgfältig darauf zu achten, 
dass man sich ihrer Möglichkeit, d. h. Vereinbarkeit ihrer einzelnen 
Bestandteile versichert.^ Der letzte Zusatz sagt uns also, dass wir 
die Realdefinition logisch immer wieder nur auf den Satz des Wider- 
spruches stützen können. Er sieht aber, dass dies voraussetzt, dass 
irgend etwas widersprochen werde, d. h. eine Realdefinition, inso- 
feme sie eine Synthese ausdrückt, kann logisch doch nur als richtig 
erwiesen werden, wenn sie aus einem anderen synthesischen Satze 
nach dem Satze des Widerspruchs folgt. Dies führt ihn aber von 
der Realdefinition im speziellen wieder zur Kausaldefinition. Wie 
der Inhalt derselben gedacht ist, konnten wir bereits sehen; er 
besteht darin, dass man angibt, wie der definierte Inhalt erzeugt 
werden könne, ein Verfahren seiner möglichen oder wirklichen 
Entstehung ausdrückt. Deutlich führt uns den Gedanken Leibnizens 
Beispiel vor Augen. Ich kann z. B. verlangen, es solle eine Kurve 
konstruiert werden, deren sämtliche Punkte die Eigenschaft haben, 
dass, wenn ich irgend einen Punkt derselben mit den Endpunkten 
einer ihrer Sehnen verbinde, der Winkel, den diese Verbindungs- 
linien miteinander einschliessen, immer derselbe sei. Für eine 
bestimmte Sehne könnte ich zwar Punkte finden, die diese Eigen- 
schaft haben, aber dann könnte ich noch zweifeln, ob diese Eigen- 
schaft die so gefundenen Punkte für jede beliebig^ Sehne erfüllen, 
üb also, mit anderen Worten, eine solche Kurve überhaupt möglich 
ist. Hier also könnten wir ziÄreifeln, ob die Definition der Kurve 
eine mögliche Kurve ausdrückt, ob sie Realdefinition ist. Diese 

* Buchenau Cassierer: ^Die Methoden der universellen Svnthesis und 
Analvsii« S. 42. ' Ebendaselbst S. 42. 



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— 75 — 

Kurve ist nun bekanntlich der Kreis, dessen Möglichkeit auf diese 
Weise allein nicht einzusehen ist. Nehmen wir eine der kausalen 
Definitionen des Kreises, wonach er der Weg eines Punktes einer 
Geraden ist, wenn dieselbe nun einen zweiten aber festen Punkt 
auf ihr in der Ebene sich dreht, und beweisen wir von der so 
gewonnenen Kurve obige geforderte Eigenschaft, so ist uns auch 
die Möglichkeit einer solchen Kurve verbürgt. Doch damit hat 
Leibniz ein Moment unvermerkt in die kausale Definition aufge- 
nommen, das er stets diskursiv zu bewältigen suchte, nämlich die 
Anschauung. Denn diese Erzeugung durch Bewegung, die Kurve als 
Weg definiert, fordert doch oflfenbar die Anschauung. In einem 
anderen Zusammenhange sucht Leibniz dies wieder zu umgehen. 
Jedoch muss zugegeben werden, dass der hier gegebene Fall nicht 
schwer ins Gewicht ßlllt. 

€ Unter den Realdefinitionen», sagt uns Leibniz weiter, «sind 
nun diejenigen am vollkommensten, die allen Hypothesen oder 
Erzeugimgsarten gemeinsam sind, endlich die, aus denen die Mög- 
lichkeit der Sache unmittelbar einleuchtet, ohne dass dazu die 
Beihülfe der Erfahrung oder der Beweis der Möglichkeit eines 
anderen Gegenstandes erfordert würde. > ^ 

«Dies ist der Fall, wenn der Gegenstand in reine primitive 
Gnmdbegriffe, die unmittelbar erkannt werden, aufgelöst ist, welche 
Erkenntnisart ich als adäquate oder als intuitive zu bezeichnen pflege,. 
denn hier müsste ein etwaiger verborgener Widerspruch hervor- 
treten, da keine weitere Auflösung statt hat. > * 

Hypothese ist also Erzeugungsart. Dies wird in den « Nouveaux 
essais» (Neue Abhandlungen . . . .) noch weiter fortgebildet, wo 
die Hypothese schliesslich «Erkenntnisbedingung» wird. Dann aber 
hat sie den echten wissenschaftlichen Sinn erreicht, in dem auch wir 
sie gebrauchen. Doch dies hier nur nebenbei. 

^ie vollkommenste Realdefinition ist also die, deren Möglich- 
keit unmittelbar einleuchtet, sich also auf eine unmittelbare Anschau- 
ung gründet, wenn auch auf keine Wahrnehmung. So tritt uns da» 
anschauliche Moment, wenn auch in etwas rationalistisch vertiefter 
Form abermals entgegen imd wir sehen, dass Leibniz bei allem 
Bemühen das nicht zu überwinden vermag. Damit aber deckt sich 
der Widerspruch gegen die Leibnizsche Behauptung auf, alles Hesse 



Buchenau Cassierer S. 45. ^ Ebendaselbst S. 45. 

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— 76 — 

sich auf identische Sätze und den Satz des Widerspruches zurück- 
führen. Nur so scheint ihm die Synthese bei diskursiver Analyse 
verbürgt. Aber er verwechselt die Entstehung mit der nachherigen 
Begründung und letztere könnte, wie wir dies schon erwähnten, 
unter gewissen Umständen sich auf oben angeführte Sätze stützen. 
Die intuitive oder adäquate Erkenntnisart ist die voUkonunenste, 
aber gerade diese fordert die unmittelbare Anschauung, lässt sich 
nicht in diskursives Denken auflösen. Es ist interessant zu bemerken, 
dass Leibniz innerhalb rein mathematischer Entwicklungen, gerade 
stets das diskursive Denken ausnahmslos zu verwerten sucht, nur 
so könnte man vermeinen, erscheine ihm die Sicherheit der Mathe- 
matik verbürgt. ^ Die Axiome, die man gemeinhin so nennt, müssen 
daher durch weitere Analyse bewiesen, d. h. auf identische Sätze 
und den Satz des Widerspruchs zurückgeführt werden.* Dass es 
Leibniz nicht nur bei der Behauptung bewenden Hess, zeigt uns 
sein durchgeführter Beweis des Axiomes, dass das Ganze grösser 
als sein Teil sei, aus ursprünglichen Definitionen und aus indentischen 
Sätzen, gemäss dem Satze des Widerspruchs, wobei die Definitionen 
immer die Forderung der Möglichkeit ihrer Inhalte erfüllen.^ 

Diesen Kampf, das Anschauliche in der Mathematik in Diskur- 
sives umzusetzen, mögen uns noch folgende Entwicklungen Leibnizens 
zeigen, aus der reifsten Zeit seines Denkens.* Dass es zwischen 
zwei Punkten nur eine einzige Gerade gebe und diese ihre kürzeste 
Verbindungslinie sei, ist gemeinhin ein Axiom. Leibniz aber setzt 
an Stelle dieses Axioms eine Definition aus der die Eigenschaften 
der Geraden wie, dass sie die kürzeste Entfernung ist, ferner, dass 
sie zwischen den Punkten gleichförmig ist, erst folgen. Er definiert 
nämlich die Gerade als den c einfachsten» Weg, der zwischen zwei 
Punkten bestimmt ist. Der Weg ist aber nach einer früheren 
Definition nichts anderes, als die Ordtmng des Ueberganges von 
Glied zu Glied. Unter diesen Ordnungen muss es nach Leibniz 
nur eine einfachste geben, da sie ja ins Unendliche variieren können. 
Diesen « einfachsten > Weg also, diese einfachste Ordnung des Ueber- 



' Es ist das in anderer Wendung nichts anderes aU der Humesche Satz, 
dass alle mathematischen Urteile analytischer Natur sind. 

* Buchenau Cassicrer S. 45. » Ebendaselbst S. 59. 

^ Ebendaselbst S. 61. Diese Stellen sind der Schrift entnommen: „Aus den 
methaphysischen Anfangsgründen der Mathematik** (Initia^ rcrum Mathcmati- 
carum metaphisica), verfasst um das Ende des Jahres 1714. 

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__ 77 — 

ganges, nennt er Gerade. Diese letztere ist nun weiter die, deren 
Mittelglieder zu den Endgliedern das denkbar einfachste Verhältnis 
haben. Und ferner ist diese c eindeutige > Ordnung des Ueberganges 
auch der kürzeste Weg, seine « Grösse > heisst Enfernung. ^ Man 
sieht aus den angeführten Worten deutlich, wie wenig es trotz: 
weitgehender Definitionen gelingt, das zu erreichen, was Leibniz. 
eigentlich hier wollte. * 

Diese Zurückführung der Wahrheit auf identische Sätze, musste 
nun auch Leibnizen als Kriterium derselben erscheinen, da ja diese 
Sätze nicht weiter beweisbar sind. Insoferne sie dies gest^tten^ 
sind sie im Wesentlichen das, was Leibniz die «logischen oder 
notwendigen» Wahrheiten genannt hat.* Insoferne sie dies nicht 
zulassen, insoferne sie sich, wie wir schon sahen, auf Erfahrung 
stützen, die sich nicht so weit analysieren lässt, sind sie « tatsäch^ 
liehe oder zußlllige» Wahrheiten, deren Gegenteil nicht undenkbar 
sei, was bei den ersteren zutrifft. Nach dieser Zweiteilung mensch- 
licher Erkenntnisse, erscheint uns auch das eben behandelte Ver- 
langen Leibnizens in einem neuen Lichte, seine Forderung scheint 
wenigstens für die Mathematik berechtigt. 

Was ist nun aber das Kriterium der Wahrheit der Sätze, die 
sich auf die Erfahrung stützen, d. h. der Phänomene, der Erschei- 
nungen ? Darauf antwortet Leibniz, dass die Uebereinstimmung der 
Phänomene unter sich, uns als Wahrheit gelten müsse, da sie nicht 
planlos zustande gekommen, sondern eine Ursache haben werde. * 
Aus der Tatsache ferner, dass wir im Selbstbewusstsein nicht nur 
ein denkendes Subjekt, sondern auch eine Mannigfaltigkeit von 
Inhalten gewahren, hatte Leibniz schon vorher geschlossen, dass 
es etwas ausser uns gibt. Was dieses «etwas» ist, gehört der 
Methaphysik an. 

Auf die obgenannte Weise gewinnen wir nun nach ihm zu den 
Sinnen Vertrauen. Weitere Kriterien für die Erfahrungs Wahrheiten, 

* Buchenau Cassierer S. 61 u. f. 

' Es dürfte interessant sein, damit die entsprechenden Entwicklungen, 
bei Veronese: ^ Grundlage einer Geometrie von mehreren Dimensionen'* zu ver- 
gleichen. 

* Siehe auch Monadologie § 33 u. f. Habs S. 158 u. f., femer „Nouveaux 
essais^, Thcodicee u, a. 

* Buchenau Cassierer S. 46. Ebenso in den „Neuen Abhandlungen ...•*■ 
nach der zitierten Uebersetzung S. 485; „Ich habe schon in unseren früheren 
Besprechungen bemerkt, dass die Wahrheit der sinnlichen Dinge durch ihren 
Zusammenhang gerechtfertigt wird." 



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— 78 — 

wahrscheinlich anderer Art als die oben genannten, sind dann das 
übereinstimmende Zeugnis vieler und anderes. Dabei zeiht er auch 
die Beobachtungs weise seiner Zeit und hebt den Mangel an richtigen 
Induktionen hervor. Doch können wir darauf nicht näher eingehen 
Nur ein Moment möchten wir noch erwähnen, da es wieder Licht 
wirft auf schon früher aufgestellte Bestimmungen. Die cSynthesis» 
bestimmt er näher dahin, dass dieselbe vorliegt, ' € wenn man von 
den Prinzipien anfügt, der Ordnung nach die Wahrheiten durch- 
läuft und eine c gewisse Regelmässigkeit» des Fortschrittes fest- 
stellt.» cDie Analysis hingegen geht einzig, um das gegebene 
Problem zu lösen, von diesem zu den Prinzipien zurück, wobei aber 
oft nur schon getane Arbeit wiederholt wird.» * 

Diese c Ordnung» und «gewisse Regelmässigkeit des Fort- 
schrittes» ist wieder ein vergeblicher Versuch, das Anschauliche in 
der Synthese durch DiskursiVes zu ersetzen, den Satz des Wider- 
spruches als das einzige Fundament zu erhalten.* 

Anhang des /. Abschnittes. 

Nun sei es mir gestattet, von der Entwicklung der Real- und 
kausalen Definitionen aus, eine Frage zu beleuchten, die in der 
heutigen Analysis eine gewisse Rolle spielt. 

Die Entwicklung der Analysis insbesondere hatte die Einführung 
von Grössen als notwendig ergeben, die nur rein begrifflichen, rein 
« Funk tions wert» haben, gemeint sind zimächst die «komplexen 
Zahlen». Die irrationalen Zahlen waren schon längst Besitz der 
Mathematik geworden. Auch der Funktionsbegriff selbst löste sich 
immer mehr von seiner ihm noch anhaftenden algebraischen Be- 
itimmtheit, er erweiterte sich zur «transzendenten Funktion», d.h. 
zur Funktion, die jenseits rein algebraischer Formen liegt, die ins- 
besondere in ihrer Wertbestimmung der irrationalen und komplexen 
Zahl nicht entraten kann. 

Wie kam man zur Aufstellung solcher transzendenten Funktionen? 
Zunächst erging es den Mathematikern darin so, dass sie gewisse 



' Buchenau Cassierer S. 48. 

' Man erinnert sich hier unwillkflrlich an die Charakteristik analytischer 
Urteile durch Kant 

' Vergleiche hiezu den kritischen Nachtrag Cassiörers zu .Rüssel und 
Couturat, woraus meine Stellungnahme zu diesem Probleme ohne weiteres 
«ersichtlich. 



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— 79 — 

Verknüpfungsarten von Zahlengrössen, wie Potenzieren, Radizieren, 
ganz ohne jegliches Bedenken auf Zahlengrössen anwendeten, wo 
eigentlich der reale Sinn der Operationen zunächst verloren ging. 
Wenn ich sage «a*», so weis ich aus der Definition der Potenz 
was das bedeutet, nämlich a.a.a.a oder a viermal mit sich selbst 

multipliziert, wenn ich aber aus Analogie auch setze ca^^», so fordert 
das schon eine neue Definition, die mir sagt, was damit bezeichnet: 
werden soll, denn sowie a* kann ich das nicht mehr verstehen. 

Aber um solche Ungereimtheiten kümmerte sich das Entdecker- 
genie anfangs nicht, denn zufälliger und doch nicht zufölliger Weise 
trifft es sich so, dass, wie einer meiner Lehrer einmal bemerkte, 
die Matematik für uns denke. So zeigte es sich, dass, wenn man 
die Gesetze, die für ganze Exponenten anwendbar sind, auch für 
diese gebrochenen Exponenten verwertet, die Sache ihre Richtigkeit 
bewahrt. Man ging jedoch noch weiter und stellte die Potenz ca*» 
auf, wobei z eine komplexe Zahl, also 2. B. a-j-i/8, sein soll {i = yZIi). 
Hier häuften sich schon die Schwierigkeiten, denn damit war schon 
gar nicht mehr der ursprüngliche Sinn zu verbinden. — Als Um- 
kehrung des Potenzierens ergab sich das Radizieren von einem 
gewissen Gesichtspunkte, und die Bestimmung des Exponenten aus 
der Potenz führte auf das Logarithmieren. Auch dies blieb vollends 
verständlich, insolange es sich um reelle Zahlen handelte, wenn auch 
die Irrationalzahl unentbehrlich wurde. Waren aber einmal die 
komplexen Zahlen in die Mathematik eingeführt, so drängte es auch 
von ihnen den Logarithmuss zu bilden. Man führte ihn zunächst 
ohne Furcht und Bangen ein, ohne sich zu fragen, ob denn der 
Logarithmus einer komplexen Zahl irgend welchen Sinn habe, oder 
ob demselben durch eine Definition erst ein Sinn beigelegt werden 
müsse. Analog erging es mit anderen Funktionen, wie z. B. mit 
den trigonometrischen. Auch die «unendlichen Reihen» waren früh- 
zeitig in die Mathematik eingeführt worden, doch die Frage nach 
ihrer Konvergenz, als fester methodischer Frage, trat im Verhältnisse 
ziemlich spät auf. Aber daneben waren sie zunächst nur für arith- 
metische und höchstens ganze algebraische Zahlen verwandt; doch 
auch ihr Gebiet erweiterte sich auf die komplexe Zahl, ja sie 
wurden dadurch zum Grundfundament der höheren Funktionslehre. 
Aber mit diesen Erweiterungen häuften sich die Schwierigkeiten, 
vor allem die Konvergenzfrage der Reihen forderte die ganze Auf- 



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— 80 — 

merksamkeit heraus, damit verbunden die Stetigkeitsfragen der 
Funktion. Die Erweiterungen von Potenzen, Exponentialfunktion, 
trigonometrischer Funktionen u. a. auf komplexes Gebiet, zeigten 
nur begrenzte Gebiete der Anwendbarkeit, indem sie für gewisse 
Argumente unstetig wurden. 

Aber neben dem ungeheuren Aufschwünge der Mathematik 
ging Hand in Hand, ja gerade dadurch ermöglicht ein Aufschwung 
der Naturwissenschaften, für uns hier vor allem wichtig der Mechanik 
und Physik. Diese stellten der Mathematik wichtige Probleme, aber 
auch sie mussten es gerade sein, die nach einer methodischen Durch- 
dringung der neuen Funktionen drängten, da dieselben sich für die 
Physik als anwendbar erwiesen. 

Die Physik jedoch verträgt keine Funktionen, die plötzlich ihren 
Dienst versagen, die plötzlich Werte aufweisen wie unendlich gross 
und die im allgemeinen für die Physik keine Bedeutung haben können. 
Wenn sie schon unstetig werden, so muss man für die Physik vor 
allem wissen, wo und unter welchen Bedingungen, sonst ist die 
Mathematik kein wahres Instrument, kein wahrer methodischer 
Faktor der Mechanik und Physik. — 

Der kombinatorische Geist des Menschen ging noch weiter, 
als nur bis zur Analogieerweiterung der bekannten Funktionen auf 
komplexes Gebiet. Auch durch Integrale wurden neue Funktionen 
definiert, wenn sich deren Notwendigkeit ergab. Damit erstand 
aber auch die Forderung, die ganze Fülle des Neuen unter die 
konsequente methodische Lupe zu nehmen, denn die Definition wurde 
fast zur willkürlichen Definition. Klar bewusst oder nicht, musste 
sich hier abermals die Frage erheben, die Leibniz zur Polemik gegen 
Hobbes in bezug auf Definitionen brachte, ob denn die Definition, 
selbst mathematischer Grössen und Funktionen, willkürlich sei, oder 
üb doch gewisse Bedingungen zu berücksichtigen sind, um diesen 
Definitionen Wirklichkeit zu verleihen. Dies führte dann zu der 
Frage nach den Real- und im speziellen nach den Kausal-Definitionen, 
ganz im Sinne Leibnizens. Es genügt nicht, einfach nur zu definieren, 
sondern man muss auch dartun, dass der definierte Inhalt irgend 
welchen Sinn habe, dass die Definition also insoferne nicht willkür- 
lich sei. Damit verstehen wir vor allem die fundamentale Bedeutung, 
die die Reihenentwicklungen, ganz besonders diejenigen in Potenz- 
reihen innerhalb der Funktionentheorie erhielten, umsomchr als ja 
die Reihentheorie ein viel bearbeitetes Gebiet war. 



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— 81 — 

Durch die Eatwicklungsmöglichkeit in eine Reihe, insbesondere 
eine Potenzreihe, deren Eigenschaften der allgemeinen Natur nach 
bekannt waren, hat die Funktion ihre Existenzberechtigung legitimiert, 
sich als wahre mathematische Funktion erwiesen. Oder man konnte 
unter Umständen eine Funktion direkt durch eine Potenzreihe defi- 
nieren. — Wie fruchtbar der Gedanke der Bildung von kausalen 
Definitionen innerhalb der Fimktionentheorie werden kann, zeigt 
am deutlichsten die Entwicklung der Theorie der elliptischen Funk- 
tionen und darin wieder der konstruierende Aufbau derselben inner- 
halb der Weierstrass'schen Funktionentheorie. 



IL Abschnitt 

Mathematik, Raum und Zeit. 

Mit dem oben Gesagten im allgemein logischen Zusanunen- 
hange steht der Grundgedanke der « Analysis der Lage» von Leibniz, 
der uns wieder, wie mir scheinen will, ein Moment aufdeckt, das 
in der neueren Entwicklung der Analysis seine berechtigten Forde- 
rungen stellt. 

Die Erkenntnis Leibnizens, dass Raum und Zeit nur Ordnungen 
der Erscheinungen im Neben- bezw. Nacheinander sind, drängte 
auch innerhalb der Mathematik, insbesondere der Geometrie nach 
einer neuen Auffassung, denn durch diese Auffassimg war der Punkt, 
bezw. die räumliche Lage, als einer Fixation innerhalb der konti- 
nuierlichen Möglichkeit räumlicher Lagebestimmungen, zum Funda- 
ment der Geometrie geworden. Die Geometrie musste also auf 
Lagebeziehungen, auf Lagefunktionen, zurückgeführt werden. Die 
analytische Geometrie hatte im Prinzipe auch schon dies Moment 
erfasst, auch sie suchte bereits in der Beziehung des Punktes zum 
Koordinatensystem, die Eigenschaften seiner Produkte, der Kurven, 
festzuhalten, was wir auch schon bemerken konnten. Aber sie be- 
darf eben des c Koordinatensystems » und das deckt einen logischen 
Grundmangel in ihr auf, nämlich den, dass sie schon die extensive 
Ausdehnung, allgemein die extensive Grösse, im Koordinatensystem 
selbst und dann in der Masseinheit voraussetzen muss, somit nicht 
eine reine Analysis der Lage, sondern im wesentlichen eine solche 

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— 82 — 

der Grösse ist.* Daneben weist sie noch andere Schwierigkeiten 
auf. Zwischen algebraischer Gleichung und Konstruktion ist kein 
unmittelbarer Zusanunenhang. Aus der Konstruktion kann man nicht 
unmittelbar die Gleichung der Lagebeziehimgen, die das Erzeugnis 
konstituieren ersehen und umgekehrt.* Dadurch häufen sich die 
Umständlichkeiten und was noch mehr ins Gewicht fUllt für Leibniz, 
die analytische Geometrie verliert damit den Grad einer wirklichen 
Charakteristik, denn nach Leibniz muss eine wahre Charakteristik 
gerade dieses leisten, dass also Erzeugnis imd Erzeugendes sich in 
ihrer unmittelbaren Abhängigkeit zeigen. Dass die analytische Geo- 
metrie diesen Mangel aufweist, weist noch auf etwas anderes hin. 
Betrachten wir nämlich das Verfahren der analytischen Geometrie 
näher, so entdecken wir, dass sie Ergebnisse der Geometrie vor- 
aussetzt® und erst mit Hilfe dieser ihre Gleichungen, d. h. Lage- 
funktionen aufstellt. Um z. B. die Gleichung einer Geraden abzu- 
leiten, bedarf es der Sätze über die Aehnlichkeit der Dreiecke und 
der Proportionalität ihrer Seiten. Kurzum die analytische Geometrie 
leidet an dem wesentlichen Mangel, dass sie der methodischen Reinheit 
entbehrt, aber es ist ein wichtiger Gedanke der allgemeinen Charak- 
teristik, dass jede Wissenschaft ihre Elemente methodisch rein bilden 
soll und sie in eben solcher Reinheit zu ihrem methodischen Aufbau 
verwende. Bezeichnend hiefür sind folgende Worte Leibnizens an 
den Freiherm von ßodenhausen :* c Ich bin bedacht meinen calculum 
Situs in Form zu bringen, weilen wir bisher nur calculiun magnitu- 
dinis gehabt und daher unsere Analysis nicht perfecta, sed ab Ele- 
mentas Geometriae dependens gewesen. Mir aber müssen die Elemente 
selbst per calculum herauskommen.»*^ 

' Buchenau, Castierer, zur Analysis der Lage, S. 69 und folgende, ver- 
gleiche auch Cassierer Leibniz-Systera. 

' Ebendaselbst, S. 69 u. 70. 

> Ebendaselbst, S. 70. 

* Zitiert bei Cassierer, S. 145. 

^ Es ist vielleicht nicht uninteressant zu bemerken, dass Ingenieur Prof. 
Ritter in Zflrich durch AnfOhrung eines ähnlichen Mangels, den Geometer 
Professor Fiedler in Zürich, wie mir durch seine eigene Schilderung aus der 
Vorlesung Aber Geometrie der Lage bekannt, zur Entdeckung einer neuen 
Charakteristik, wenn ich mit Leibniz sprechen darf, anregte. Prof. Ritter machte 
einmal der analytischen Geometrie den Vorwurf, sie vermöge nicht fQr den 
praktischen Ingenieur gut verwertbar zu werden, eben weil sich die Ergebnisse 
der synthetischen Geometrie, vor allem der Kurven und Flachen zweiten Grades, 
nicht so algebraisch wiedergeben lassen, dass aus der algebraischen Gleichung 

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— 83 — 

Noch eines müssen wir hinzufügen, das dann Leibniz in seinem 
Entwurf der geometrischen Charakteristik,' neben anderem zu ver- 
-wirklichen suchte. 

Schon Euclid, wie die alten Geometer überhaupt beschäftigten sich 
vielfach mit den sogenannten geometrischen Oertem, d. h. mit der Auf- 
findung von Linien aus gewissen Bedingungen, die ihre Pimkte erfüllen 
müssen. Auch die analytische Geometrie hatte dies aufgenonimen 
und in ihrer Weise verarbeitet und verwendet. Aber der Gedanke 
des geometrischen Ortes, enthält in sich näher betrachtet, was wir 
schon andeuten konnten, den Gedanken in einem einheitlichen 
Grundgesetze, einer Funktion, die die Lage sämtlicher Punkte des 
Ortes, also ihres Erzeugnisses, bestimmt, auch die spezifische Art, 
<lie «Qualität» des Erzeugnisses, festzuhalten. Diesen Gedanken 
hebt nun jener Entwurf ganz besonders hervor. Die Qualität ist 
unter diesem Gesichtspunkte sogar das Ursprüngliche, denn sie allein 
ist in der blossen Lage, dem blossen Punkte durch ein Gesetz 
eine Funktion festhaltbar. Die Quantität, das Extensive allgemein, 
<iie Ausdehnung kann erst durch eine nachherige Fixation, nähere 
Bestimmung, innerhalb des qualitativ determinierten Erzeugnisses 
bestimmt werden. Das Ursprünglichere in den Figuren ist somit die 
AehnlichkeiL Gesellt sich zu ihr die Gleichheit, so entsteht die 
Congruenz. Diese musste also in einer wahren geometrischen Charak- 
teristik vorausgenommen werden, deinn Crleichheit und Aehnlichkeit 
sind nur SpezialßQle derselben. In dicsjer ^j^eise ist.dies auch in der Tat 
in der erwähnten Schrift, die eigentlich ein Brief an Huygens ist, 
erfasst. Von der Kongruenz geht dort Leibniz aus und versucht, 
mit Hilfe von Definitionen natürlich, eine Wiedergabe der geometri- 
schen Gebilde durch Zeichen, hier Buchstaben, und deren Kombination, 
so dass unmittelbar die Rechnung die Konstruktion in sich enthält. 



unmittelbar die Konstruktion und umgekehrt ersehen werden könnte. Im 
Principe lag der Mangel wieder in der Umständlichkeit des Koordinatensystems, 
eines der synthetischen Geometrie, eigentlich fremden Elementes, Durch einen 
f^lficklichen Grriff hat nun Prof. Fiedler, wenn auch das Koordinatensystem 
nicht ganx beseitigt, so doch in die Elemente der synthetischen Geometrie 
selbst derart verlegt, so dass jener Mangel aufgehoben ist So fruchtbar ward 
hier eine rein methodische Forderung, die die Praxis zur Grundlage hatte. 
Auch Leibniz leitete, wie er selbst sagt, vielfach die Rücksicht auf die Praxis, 
Ja sogar im speziellen auf die Maschinentechnik. 
> Buchenau, Cassierer, S. 77 bis 83. 



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— 84 — 

obiges zu leisten.^ Die Quantität ist also auf die Qualität hier zurück- 
geführt. Dass trotzdem die geometrische Charakteristik nicht von 
dem rein Qualitativen ausgeht, sondern von der Congruenz, hat 
seinen Grund darin, dass sie als eine Ausgestaltung des Gedankens 
der Analysis der Lage für die Geometrie, doch von dem Allgemeineren 
in den Figuren, nämlich der Congruena ausgehen muss. Für eine 
reine Analysis der Lage kann nur der erste Weg der richtige sein, 
nämlich das Quäle als das Ursprünglichere zu nehmen und verwenden, 
die Extensität als sein Erzeugnis betrachten. 

Kehren wir nun zu unserem Ausgangspunkt zurück. Es handelte 
sich darum zu zeigen wie ein methodischer Gedanke der Analysis 
der Lage auch auf eine Entwicklung innerhalb der höheren Analysis 
gewisses Licht wirft. Der Gedankef den wir meinen, ist der der 
methodischen Reinheit. Innerhalb der Funktionentheorie tritt ims 
in neuerer Zeit die Forderung entgegen alle ihre Ergebnisse, die 
man sonst auf geometrische Tatsachen zu stützen versuchte, rein 
innerhalb der eigenen Methode, die im Prinaipe die erweitert alge- 
braische oder analytische (im mathematischen Sinne hier gebraucht) 
ist, zu bewältigen. Diese Forderung erwuchs aus der Erkenntnis, 
dass Geometrie ftlr die Funktionentheorie nicht beweiskräftig sein 
könne, da sie methodisch einem anderen Gebiete angehört. Sie kann 
zur Veranschaulichung, als Hilfsmittel für das Vorstellen wohl ver- 
wandt werden, aber die Beweise dürfen sich nicht auf geometrische 
Eigenschaften, sondern müss^i sich auf analytische Verhältnisse 
stützen. Die Eigenschaften der Funktionen müssen sich rein analytisch 
aus der Eigenart der Variablen und der Funktionsart ergeben, die 
Geometrie kann nur Erleichterung, nie aber die Bedingung der 
Beweise sein. Diese Erkenntnis ist fundamental und hat schon 
manche Erfolge zu verzeichnen. Die Beweise dürfen nicht mehr 
hergenommen werden, beliebig wo es nur geht und wenn, dann 
nur provisorisch. Bei dem Studium der höheren Analysis, insbesondere 
wenn man auf eindeutige begriffliche Fixierung acht hat, tritt das 
klar vor Augen. Die integrale innerhalb der höheren Funktionen- 
theorie bringen das ganz besonders nahe. 



' Spezielle AutfQhrungen der geometiitchen Charakteristik an Beispielen 
zu geben, liegt ausser meiner Absicht, da der genannte Entwurf sich an der 
ciüerten Stelle in guter, klarer Uebersetzung nebst Figuren findet Femer sei 
noch auf Uire Beziehung zur Grassmannschen Ausdehnungslehre hingewiesen. 
Dazu sehe man Couturat im Anhange seines Werkes. 

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— 85 — 

Auf Beispiele einzugehen, kann ich mich hier nicht einlassen 
nur eines möchte ich noch erwähnen, dass z. B. die Definition des 
Integrationsweges, nicht als eine bestimmte, anschaulich gegebene 
Linie aufgefasst zu werden braucht, sondern ganz gut als der Inbe- 
griff aller möglichen Werte, die die Variable annehmen kann. Diese 
rein analytische Definition des Integrationsweges ermöglicht es, 
manche Beweise der Funktionentheorie, die sich auf geometrische 
Anschaulichkeit stützen, rein analytisch zu führen, z. B. den Satz 
über die Deformation des Integrationsweges einer Funktion innerhalb 
eines stetigen Gebietes derselben und anderes. 

Damit sind wir wieder netten in die höhere Analysis hinein- 
gekommen, deren Entdeckung durch Leibniz wir kennen lernten. 
£s liegt uns nun ob auf die nähere, vor allem uns hier interessierend 
methodische Ausgestaltung derselben einzugehen, wobei wir, wie es 
bei Leibniz eben geht, dazu erforderlichen anderen Betrachtungen 
nicht ausweichen werden können. 

Raum und Zeit^ sahen wir, sind bereits als ideale Ordnungs- 
möglichkeiten erkannt. Diese Erkenntnis musste sich bei weiterem 
Eindringen in Mathematik und Dynamik immer mehr vertiefen. Neben 
den cNouveaux essais» wo Leibniz sich vielfach gar zu sehr an 
seinen möglichen Leserkreis anpasst, wie die Bestimmung erkennen 
lässt: cDer Raum ist eine Beziehung, eine Ordnung nicht allein für 
die wirklichen, sondern auch für die möglichen Dinge, wie wenn 
sie wären,» ^ finden sich die Anschauungen über Raum und Zeit, 
sowie über Ausdehnung und Dauer, für Leibniz charakteristisch, in 
den «Metaphysischen Anfangsgründen der Mathematik*.* Von klaren 
Definitionen wird ausgegangen, mit einer Schärfe, die den gereiften 
Denker zeigt «Gesetzt es existiert eine Mehrheit dinglicher Zustände, 
die einander nicht ausschliessen, so werden sie als ztigleich existierend 
bezeichnet. Wenn von zwei Elementen, die nicht zugleich sind, das 
eine den Grund des anderen einschliesst, so wird jenes als voran- 
gehend^ dieses ^% folgend angesehen. Mein früherer Zustand schliesst 
den Gnmd ftir das Dasein des späteren ein. Und da wegen der 
Verknüpfimg aller Dinge, der frühere Zustand in mir auch den 
früheren Zustand der anderen Dinge in sich schliesst, enthält er 
auch den Grund für den späteren Zustand der anderen Dinge und 



' »Neue Abhandlungen'* Schaarschmidt, S. 123. 
' Buchenau Cassierer S. 53 u. £ 



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— se- 
ist somit früher als sie.>^ Es wird also versucht, die Idealität der 
Zeit dahin auszuprägen, dass Leibniz ihre Setzungen als früher oder 
später durch rein logische Verhältnisse nämlich das des Grundes 
zu erklären sucht, also wieder die Anschaulichkeit in Begriffe auf- 
zulösen. Diese Bestimmung kann aber nur logisch zugelassen werden, 
denn psychologisch setzt auch das Bewusstsein, dass ein gegenwärtiger 
Zustand die Folge eines anderen, seines Grundes sei, voraus, dass 
ich mir auch dieses anderen Zustandes, der früher war, in der Er- 
innenmg bewusst werde. Mit diesem c früher» habe ich aber bereits 
wieder die Zeit vorausg'esetzt. 

Bei aller Aehnlichkeit zwischen den Anschauungen Leibnizens 
und Kants in Bezug auf Raum und ^it, ist, glaube ich, hier der 
markanteste Unterschied. Leibnizen sind sie logische, begriffliche 
Bestimmungen, ideale Ordnungsmöglichkeiten logisch gefasst, Kant 
sind sie Anschauungen,^ Aus den oben gegebenen Definitionen folgt, 
dass sich alle existierenden Elemente nur nach den Verhältnissen 
der Gleichzeitigkeit oder des Vor- und Nacheinander ordnen lassen. 
Damit erklärt sich die hier gegebene Definition der Zeit, als 
der Ordnung des nicht zugleich Existierenden. Hier wie an 
vielen anderen Stellen zeigt sich, dass unter dieses «nicht zugleich 
Existierende» auch das «nicht zugleich Mögliche» gezählt wird, so 
dass also zu obiger Definition der Zeit Leibniz hinzufügt, dass die 
Zeit die allgemeine Ordnung der Veränderungen ist. Schon der Um- 
stand, dass Leibniz eine «Definition» der Zeit geben will, zeigt, dass 
der Hauptunterschied zwischen ihm und Kant in dem bezeichneten 
Momente liegt. Ist aber Zeit die «allgemeine» Ordnung, so ergibt 
sich von selbst, dass von jedem besonderen Inhalte der Veränderungen 
abstrahiert wird, diese allgemeine Ordnung muss aber dann, soll sie 
nicht in ein «Nichts» zerfliessen, zur allgemeinen Ordnungsmöglich- 
keit werden, was auch Leibniz ausspricht. 

Was ist nun aber Dauer ^ die Leibniz als die «Grösse» der 
Zeit bezeichnet ? Punkt und Augenblick sind nicht Teile von Raum 
und Zeit, sondern äusserste Grenz'en. Aus Augenblicken also kann 
die Dauer nicht einfach zusammengesetzt werden, denn dem Augen- 
blick als Grenze der kontinuierlichen Verminderung der Zeit kommt 



* Ebendaselbst S. 53/54. 

' Dabei braucht man ^ Anschauung*^ gar nicht rein psychologisch su 



nehmen. 



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— 87 — 

keine Grösse zu. ^ Aber damit ist noch nicht völlig ausgeschlossen, 
dass die Dauer aus dem Augenblicke entstehe^ erzeugt werde, indem 
in dem c Augenblicke > ein Moment mitgedacht wird, vermöge dessen 
aus seiner kontinuierlichen Setzung die Dauer entsteht. Wie das 
sinnlich zu fassen wäre, ist hier Nebensache, wie aber ist es begriff- 
lich zu fassen? Hiefür hatte nun Leibniz ein Mittel gefunden, es 
ist die Beziehung des Integrals als Repräsentanten der Grösse, des 
Extensiven, zu seinem Differential als dem Intensiven. Damit haben 
wir noch mehr erreicht, denn damit wird die Vertiefung des letzteren 
gefordert. So verstanden ist der Ausdruck, Dauer sei die Grösse 
der Zeit, begriffen. 

Hiermit ist aber erst das Verhältnis des c nicht zugleich Existie- 
renden > erschöpft. Das Verhältnis des < zugleich Existierenden > 
geht in die Definition des Raumes ein. «Der Raum ist die Ordnimg 
des Koexistierenden oder die Ordnimg der Existenz für alles was 
zugleich ist.>* 

Der Punkt war aber schon früher als die Grenze des Raumes, 
als das Ausdehnungslose, das bei kontinuierlicher Verminderung der 
Ausdehnung entsteht, definiert worden. Die letztere ist also logisch 
früher, wenn auch in einer entgegengesetzten Auffassung er zu ihrem 
Erzeugenden werden kann. Damit ergibt sich die Definition der 
Ausdehnung als der Grösse des Raumes; in ihrer begrifflichen Be- 
stimmtheit durch das Verhältnis von Integral zu Differential gegeben. 
Auch dies musste also zur Auffassung des Differentials als Inexten- 
siven drängen. Um aber die Möglichkeit der Entstehung der Aus- 
dehnung aus dem Punkte, der einfachen Lage, und der Dauer aus 
dem Augenblicke, des Integrals aus dem Differentials einzusehen, 
musste der Begriff der Bewegung, allgemein der Veränderung zuhilfe 
genommen werden. Schon die erwähnte kontinuierliche Setzung 
fordert diesen Begriff. 

Der Raum, in dem die Bewegung geschieht, ist aber zur Ord- 
nung der Dinge, sofern von ihrer jeweiligen Beschaffenheit abstra- 
hiert wird, geworden. Führt man diese Abstraktion zu Ende, so 
bleibt nichts zurück als die räumliche Lage, die darum Leibniz als 
die Bestimmung des Beisanmien definiert. Die Bewegung rein be- 
grifflich gefasst, insofeme sie von jedem besonderen Objekte, ja von 
jedem Objekte überhaupt abstrahiert, ist damit zur Veränderung der 

' Buchenan, Cassierer, S. 54 u. a. Stellen. 
' Ebendaselbst, S. 54 u. a. Stellen. 

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— 88 — 

Lage geworden, d. h. zur kontinuierlichen Setzung innerhalb der 
allgemeinen räumlich zeitlichen Ordnung. 

Diese kontinuierliche Setzung ist zunächst eine logische Opera- 
tion, die wir an einem Punkte vornehmen können, aber wenn wir 
von einem Objekte sagen wollen, dass es sich bewegt, so ist dazu 
notwendig, dass es einer Setzung von uns nicht erst bedarf, eines 
so äusserlichen Momentes. Sondern, ein Objekt bewegt sich, muss 
heissen, es verändert seine Lage, d. h. seine Bestimmung des Bei- 
sammen imd der Grund für diese Bestimmung liegt in ihm. * Zu 
dieser wesentlichen Bestimmung führte vor allem die Dynamik, die 
die Kraft als das Fundament und Subjekt des Körpers, damit also 
auch der Bewegung kennen lehrte. Diese Fassung der Bewegung 
als Veränderung der Lage, die Lage selbst als Bestimmung des Bei- 
sammen, die Erkenntnis von Raum als der allgemeinen Möglichkeit 
der Ordnung von Existierenden, d. h. in der Abstraktion von Lage- 
beziehungen, musste schon frühe die volle Relativität von Raum, 
Zeit und Bewegimg dartun. ^ Am deutlichsten ausgeprägt sind diese 
Gedanken in den Streitschriften zwischen Leibniz und Clarke, dem 
Anhänger Newtons.* 

Im fünften Schreiben an letzteren sucht Leibniz darzutun, wie wir 
überhaupt zu der Vorstellung eines ausserhalb der Dinge existierenden 
Raumes kommen und damit im Zusammenhange zu der Behauptung 
seiner absoluten Realität (die Ansicht Newtons), als eines c notwen- 
digen» Beziehungssystems, ohne das eine Feststellung einer «wirk- 
lichen» Bewegung nichtmöglich wäre. Letzteren Einwand hat Leibniz 
bereits in seinem Begriffe der Kraft überwunden, insofern sie als 
Subjekt der Bewegung aufgefasst wird. Gewiss, wird hier ausge- 
führt, insolange ich die Bewegung rein geometrisch betrachte, ist 
es gleichgiltig, welches Element oder welche Gruppe von Elementen 
ich als Beziehungssystem wähle, als Koordinatensystem allgemein 
gefasst. Die Elemente, die ich als Beziehungssystem gewählt habe, 



^ Buchenau, Cassierer, S. 58. 

' Buchenau, Cassierer, S. 134: „Ich habe mehrfach betont,^ dass ich den 
Raum ebenso wie die Zeit fQr etwas rein Relatives halte, fQr eine Ordnung 
der Existenzen im Beisammen, wie die Zeit eine Ordnung des Nacheinander 
ist. Denn der Raum bezeichnet unter dem Gesichtspunkte der Mdglickkeit eine 
Ordnung der gleichzeitigen Dinge, insofern sie zusammen existieren, ohne Über 
ihre besondere Art des Daseins etwas zu bestimmen.*^ 

' Buchenau und Cassierer, S. 120 bis 241. 



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— 89 — 

^betrachte ich als ruhend und gebe durch eine funktionale, gesetz- 
liche Bestimmung an, wie die übrigen Elemente dazu ihre Beziehung, 
-d. h. ihre Lagebeziehung, ihre Bestimmung des Beisammen ändern. 
Aber von diesem Gesichtspunkte aus könnten wir jedes Element 
als ruhend betrachten und die anderen darauf beziehen, so hätten 
wir also keine Möglichkeit, zu entscheiden, dieses Element bewege 
sich und jenes nicht. Erst die Frage^ in welchem Elemente der 
Grund zum Partschritte- der Bewegimg, welches Element, anders 
betrachtet, in sich die Ursache einer Verändenmg der Bestimmung 
•des Beisammen trägt, lässt uns obiges entscheiden und sagen, 
welches Element sich wahrhaft bewegt und welches nicht. Für die 
geometrische Betrachtung, für die Phoronomie, ist dies gleichgiltig ; 
-seine Bedeutung gewinnt es erst in der Dynamik und weiter in der 
Physik. Auch dies eröffnet uns das Verständnis des Leibnizschen 
Satzes, dass für den Uebergang von Mathematik zu Dynamik der 
"Satz des zureichenden Grundes nötiger sei, während für die Mathe- 
matik, wie er meinte, jener des Widerspruches ausreiche. ^ 

Indem man mm eine bestinunte Gruppe von Elementen als in 
ihrer Beziehimg unveränderlich annimmt und nun findet, dass ein 
bestimmtes Element im gegebenen Momente dieselben c Bestimm- 
ungen des Beisammen» zu ihnen hat, wie früher ein anderes, so 
^agt iman, das erstere ist an die „Stelle^ des letzteren getreten. So 
ergibt sich uns hier eine neue Bestinmiung des Raumes als des 
«Inbegriffes der Stellen*.* Aber der menschliche Geist ist damit 
nicht zufrieden, er will die « Stelle > nicht nur als diesen reinen 
Funktions-Beziehungsausdruck bestimmt wissen, in dem Geiste lebt 
-der Begriflf, die Kategorie der Substantialität. So setzt er an Stelle 
desselben Funküonsausdruckes eine Identität^ «ein Ding, das wahr- 
haft dasselbe ist», und stellt sich die «Stelle» als ausserhalb der 
Objekte existierend vor. Indem er nun noch von der Entstehung 
des Raumbegriflfes, als des Inbegriffes der Stellen, abstrahiert, ent- 
steht ihm nun der «absolute reale Raum», 

Leibniz selbst unterscheidet streng zwischen Stelle und dem 
Körper, der sie einnimmt, trotzdem verteidigt er die Relativität des 
Raumes. Dass er das erstere tut, erkennt man daraus, dass er aus- 



' Damit widerspreche ich der Behauptung Couturatt, der meint, dass 
iur Leibniz diese Sätze gleichbedeutend seien. 

' Siehe hiezu die „Streitschriften zwischen Leibniz und Clarke*^ an der 
zitierten SteUe. 

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— 90 — 

drücklich sagt, man müsse zwischen der Stelle und der Lagebe- 
ziehung des Körpers, insofern er die Stelle einnimmt, also in ihr 
enthalten ist, wohl imterscheiden, denn die Stelle kann die gleiche 
sein, die Lagebeziehung insofern und zwar nur insofern man vom in- 
dividuellen Körper, der sie einninmit, abstrahiert, kann es auch sein, 
aber die individuelle Lagebeziehung ist nicht die gleiche, denn die 
Kräftebeziehungen sind in beiden Fällen immer verschieden, da e« 
nach Leibniz keine zwei vollkommen übereinstimmende Körper gibt 
Dies wiederspräche der Vernunft, denn woran sollte man sie dann 
unterscheiden.^ 

Mit der obigen Auseinandersetzung erschliesst sich uns nun 
noch ein Punkt, nämlich die Frage nach der Beziehung der Dinge 
selbst, die in Raum und Zeit geordnet sind, zu letzteren. Sie sind 
einerseits die idealen Möglichkeiten ihrer Ordnung und zwar so, 
dass sie ohne die Dinge selbst eben nichts anderes als ideale Möglich- 
keiten sind. Erst die Dinge, in denen diese Möglichkeit zur Wirk- 
lichkeit wird, geben ihnen selbst Wirklichkeit. Raum und Zeit als 
ideale Ordnungen, haben daher nach Leibniz, nur insofeme ein von 
den Dingen unabhängiges Dasein, als sie es sind die ihrer Ordnung, 
ihrer Anordnung konkreter gesagt, als Möglichkeiten zugrunde 
liegen, aber diese Unabhängigkeit ist keine absolute Existenz, sondern 
das einheitliche Gesetz, die einheitliche allgemeine Grundfunktion, 
die die möglichen funktionalen räumlich zeitlichen Bestimmungen 
der Dinge als Erscheinungen in sich enthält. So sagt uns Leibniz 
in der Bemerkung zum § 15 des fünften Schreibens: cDie Annahme, 
dass Gott dieselbe Welt eher erschaffen habe, enthält also wie ge- 
sagt etwas Chimärisches : sie macht aus der Zeit ein absolutes von 
Gott unabhängiges Ding, während sie nur mit den geschaffenen 
Dingen zusammen bestehen kann und nur die Ordnung und Grösse 
ihrer Veränderungen begriffen wird.» 

Continuum und Unendliches^ traten uns in den letzten Betrach- 
tungen mannigfach entgegen, die nähere Bestimmung und Fixierung 
des Differentialbegriffes schon fordert ihr volles Verständnis, die 
also zu betrachten, ist unsere nächste Aufgabe. Das Problem des 
Unendlichen trafen wir, in seinen geometrischen Schwierigkeiten 
ringend, bereits im zweiten Kapitel bei Cavalieri, Wir sahen auch 
dort wie es Cavalieri zu bewältigen suchte. Inmier wieder betont 

* Ebendaselbst. 

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— 91 — 

er in der Polemik gegen Guldin, dass er die Gesamtheiten, als^ 
Unendlichkeiten, nicht als solche verwende, sondern in ihren Be- 
ziehungen, die in festbegrenzten Gegebenheiten festgelegt sind. Dass^ 
das Unendliche in dieser Relativität des Vergleichens mit anderea 
Unendlichkeiten, welche Beziehung durch die die Unendlichkeiten 
repräsentierenden Gegebenheiten (Linie, Fläche, Körper) gegeben 
ist, möglich sei, das ist ein Gedanke, den in neuerer Zeit (es dürfte 
nicht uninteressant sein) Kurt Geissler in seinem Werke : tDie Grund- 
züge und das Wesen des Unendlichen in der Mathematik und Philoso- 
phie» verwendet hat.^ 

Aber diese Auffassung des Unendlichen hat einen wesentlichen 
Mangel, der sich mit dem Leibnizschen Denken nicht verträgt, da 
sie nämlich bei ihrem Unendlichen an feste Gegebenheiten anknüpft. 
Mit anderen Worten, das Unendliche wird hier nicht erzeugt, ent- 
steht nicht, sondern es ist Accidens, ist Eigenschaft eines Dinges. 
Daran rüttelt nicht, dass dieselbe in ihrer speziellen Bestinunung 
nur relativ ist, also abhängig. Es ist damit die Möglichkeit, daa 
Unendliche als wahres Instrument des wissenschaftlichen Denkens 
zu verwenden* genommen, wie sich noch zeigen wird, denn diese 
Möglichkeit kann sich nur auf die Auffassung des Unendlichen als Wer- 
dendem gründen. Es wird, um vielleicht in einer anderen Termino- 
ogie zu sprechen, das Unendliche so nicht für den synthetischen 
Gebrauch tauglich, sondern ist analytisches Resultat, das uns nicl^ts 
Neues lehrt. Leibniz hatte diese Unterscheidung nicht selbständig 
hervorgehoben, aber sie ist nicht schwer aus seinem Denken heraus- 
zulesen. Nicht im Sein, nicht in der Gegebenheit, sondern im Ent- 
stehen, in der Konstruktion zeigt sich der wissenschaftliche Werfe 
eines Begriffes,* Dieser Gedanke ist ja ein Grundzug der allgemeinen 
Charakteristik. 

Diese Auffassung des Unendlichen war auch durch die neue 
Entdeckimg, in seiner Wirksamkeit für die Bildung des Integrals^ 
gefordert. 

Aber die Erkenntnis der Idealität von Raum und Zeit musste 
auch in ihrer Weise die Frage nach der Unendlichkeit derselben 



» Leipzig 1902. 

' Schon Nikolaus von Cusa, hat das Unendliche alt Erkenntnismittel 
verwendet Siehe hierfiber Jonas Cohn: „Die Geschichte des Unendlichkeits- 
problems", S. 90. 

' Siehe hiezu Cassierer: Leibniz' System. 

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— 92 - 

EU erklären imstande sein. Waren Raum und Zeit als ideale Ord- 
nungen erkannt, so war damit ausgeschlossen, dass der unendliche 
Raum und die unendliche Zeit noch selbständige Accidenzen oder 
Eigenschaften seien« Sie konnten und mussten nur noch selbst ideale 
Geltimg haben. 

So verstehen wir denn die scharfe und klare Begriffsbestinunung, 
die der Begriflf des Unendlichen bei Leibniz fand. Der Begriff des 
Unendlichen besagt nichts anderes als das Portbestehen desselben 
Grundes^ seinem Grundwesen nach. Die cNouveaux essais» sagten 
es so klar wie möglich an Hand des Beispieles einer unendlichen 
Geraden. «Nehmen wir eine gerade Linie und verlängern wir sie 
dergestalt, dass sie das Doppelte von der ersten ist, so ist klar, 
dass die zweite, welche der ersten vollkommen ähnlich ist, ebenso 
verdoppelt werden kann um eine dritte zu haben, welche auch den 
früheren ähnlich ist ; da dasselbe Verhältnis immer statt hat, so wird 
man unmöglich jemals aufgehalten. Es kann also die Linie ins Un- 
endliche dergestalt verlängert werden, dass der Begfriff des Unendlichen 
aus dem der Aehnlichkeit oder dem Fortbestehen desselben Grundes 
entspringt und sein Ursprung ist derselbe, wie der der ewigen oder 
notwendigen Wahrheiten.*^ Oder in Bezug auf die Zeit: «Aber um 
den Begriff der Ewigkeit daraus zu ziehen muss man femer bedenken, 
dass derselbe Grund inuner bleibt um weiter zu gehen. Diese Er- 
wägung vollendet den Begriff des Unendlichen in dem möglichen 
Fortschreiten.»* 

Jetzt begreifen wir auch die Lösung, die Leibniz den Fragen 
nach der unendlichen Teilbarkeit gibt. Der Raum wie die Gerade 
und die Zeit können ins unendliche geteilt werden,* denn in der 
Geraden wie in der Zeit ist der Teil dem Ganzen ähnlich, kann 
also wieder in derselben Weise geteilt werden, allgemein kann 
jedes stetige Gebilde bis ins Unendliche geteilt werden d. h. es 
liegt kein Grund vor an irgend einer Stelle mit der Teilung Halt 
zu machen, sondern im Gegenteil es besteht inuner der gleiche 
Grund zu weiterer Teilung. Diese letzten Bestinunungen sind insbe- 
sondere auch für die Dynamik von grosser Wichtigkeit. 



* Schaarschmidt „Neue Abhandlungen«* S. 133. 

' Ebendaselbst S. 128. Dazu vergleiche man eine neu hinzugekommene 
Bestimmung des Unendlichen bei G. Cantor zur Bestimmung seiner transfiniten 
Zahlen. „Grundlagen einer allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre.** 

' Buckenau Cassierer „Metaphys. Anfangsgründe S. 60. 

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— 93 - 

Die Fruchtbarkeit dieser Auffassung des Unendlichen ergibt 
sich nun vor allem in ihrer Anwendung aber nicht zum mindesten 
rein methodisch fUr ein Problem, auf das sie selbst hinweist, näm- 
lich das des Kontinuums und Leibniz selbst sagt es uns, dass der 
Begriff des Kontinuums seinen Quell im Unendlichen habe.^ Erst 
in Verbindung mit dem Kontinuum wird uns auch der Sinn der 
unendlichen Teilbarkeit vollends erschlossen imd seine Fruchtbarkeit 
vollends erwiesen. Aber von vornherein ist man sich klar zu sein, 
dass das Kontinuum wiedenmi nicht als eine an den Dingen ge- 
gebene Eigenschaft aufzufassen ist, sondern es erschliesst sich uns 
erst vollends im Begriffe der tKontinuation», der kontinuierlichen 
Ausbreitimg oder Entfaltung. Schon vielfach ist uns innerhalb unserer 
Betrachtungen dieser Begriff, wenn auch nicht in dieser Terminologie, 
entgegentreten. So ist die Ausdehnung als Grösse des Raumes, 
durch die Kontinuation des einfachen Punktes, des Ortes, entstanden 
zu denken. Als begriffliche Charakteristik, also auch als die mathe- 
matische, hat uns fUr alle diese Erzeugnisse der Kontinuation die 
Beziehung von Differential und Integral zu gelten. Das Integral ist 
jene Grösse, die durch Kontinuation des Differentials entstanden ist, 
insofeme man dieser kontinuierlichen Ausbreitung bestimmte Grenzen 
setzt. Die Kontinuation und ihr Erzeugnis die kontinuierliche Grösse 
ist dabei sinnlich, d. h. anschaulich nur als fertig, als Gegebenheit 
zu fassen. Dem Verstände bleibt die Aufgabe, die Gegebenheit erst 
durch einen Prozess entstanden zu denken. 

Hiezu musste, wie auch Leibniz selbst sagt, der Begriff des 
Unendlichen seine Hilfsmittel liefern. Der Begriff des Unendlichen, 
als eines Instrumentes des Werdens, erschöpfte sich wie wir sahen, 
wesentlich in dem Fortbestehen desselben Grundes, so dass der 
Abschluss niemals in einem anschaulichen Ganzen erreicht, sondern 
nur in einer Grenzsetzung im Prozesse, im gesetzlichen Fortschritte, 
gedacht ist. — Hier beim Problem des Kontinuums musste aber 
ein anderes Moment noch in Kraft treten. Es war schon früher 
erkannt, dass die Linie, auch ein Repräsentant des Stetigen, niemals 
aus Pimkten oder die Oberfläche niemals aus Linien zusanmien- 
gesetzt werden kann, im Gegenteil sieht man recht zu, so setzt die 
Linie schon den Begriff des Kontinuums voraus, innerhalb dessen 
der Punkt erst durch eine Grenzsetzung zu erreichen ist. Das Ent- 



Ebendaselbst, S. 54. 

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— 94 — 

•stehen der gegebenen Linie im Prozesse der Kontinuation des Ein- 
fachen, hier des Punktes, setzt also das Kontinuum voraus.' Ja 
gerade das Prinzip der unendlichen Teilbarkeit musste diese An- 
schauung deutlich zum Ausdruck bringen. Dieselbe bedeutet im 
wesentlichen das Fortbestehen desselben Teilungsgrundes. Dieses 
setzt aber einen Untergrund, in welchem es bestehen kann, voraus. 
Dieser Untergrund nun in welchem das Fortbestehen desselben 
Teilungsgrundes gedacht werden kann, ist das Kontinuiun, dessen 
Begriff eben darin eine wesentliche Bestimmung hat, dass er uns 
^on vornherein nirgends selbst anleitet, innerhalb seiner irgendwo 
im Prozesse eine Grenze zu setzen. Im Gegenteil er fordert zu 
immer weiterem Fortschritte auf, und nur durch eine logische 
Setzung in der Mathematik z. B. ergeben sich Grenzen in ihm. Nur 
so ist auch der wahre Inhalt der Grenze zu fassen imd es kann 
«darum im Kontinuum kein c Kleinstes» geben, wie Leibniz vielfach 
ausführt. Gerade so wie für den Fortbestand desselben Teilungs- 
grundes, muss andererseits auch für den Fortbestand desselben 
Grundes in das Unendlichgrosse ein solcher Untergrund, das Kon- 
tinuiun als des erstercn Möglichkeit, vorausgesetzt werden. 

Diese Erkenntnis erschliesst uns weiter das Verständnis für die 
Tatsache, dass Leibniz den Begriff der Kontinuität, stets als das 
Konünuitätsfrinzip ausspricht. Schon die ganze Anwendung inner- 
halb der höheren Analysis, weist ebenfalls auf diese Fassung hin. 
Ihre ganzen Auseinandersetzungen, setzen den Begriflf der Kontinuität, 
wie wir auch an gehöriger Stelle erwähnten, voraus. Die Betrach- 
tungen von Mechanik und Dynamik wiesen allüberall daraufhin, ja 
sie mussten diese Voraussetzung fordern, damit die Mathematik 
auf sie anwendbar werde. Einzelne Beispiele aus Leibniz herbei- 
«zuholen, finde ich nicht für nötig. 

Das Kontinuitätsprinzip, bezeichnet Leibniz auch näher, als das 
Prinzip der allgemeinen Ordnung, als Erkenntnisprinzip oder Hypo- 
these, die uns eine einheitliche, eindeutige Erklärung der Erschei- 
aiungen ermöglicht. Das Verständnis dieser Bestimmungen ergibt 
sich teils aus dem schon gesagten, teils aus dem was noch gesagt 
werden wird. 

Es ist auch eines jener Prinzipien, das der Mathematik vor 
^lem der höheren Analysis die Anwendbarkeit auf die Erscheinungen 
•ermöglicht, denn in diesen ist es von unbedingter Notwendigkeit,* 

* Buchenau, Cattierer, S. 84. 

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— 95 — 

Nim muss aber die Frage nach dem Verhältnis von Kontinua- 
tion und Kontinuität beantwortet werden. Vor allem ist festzuhalten, 
was auch schon gesagt wiu"de, dass erst in der ersteren sich der 
wissenschaftliche Wert des letzteren erschliesst. Dass dem so ist 
-erhellt auch aus den Beispielen, die Leibniz zur Erläuterung seines 
allgemeinen Prinzipes anführt. Vor allem das Beispiel der gemein- 
samen Erzeugung der Kegelschnitte durch die zentrale Projektion 
eines Kreises*. Ferner die Ableitimg der Eigenschaften der Parabel 
aus denen der Ellipse, indem man sich die Parabel durch einen 
stetigen Uebergang aus der Ellipse entstanden denkt.* Aus diesen 
^Beispielen und ähnlichen' ersieht man, dass darin der Begriflf der 
«Erzeugung» eine wichtige Rolle spielt, der hier auf Grund des 
Kontinuitätsprinzipes den stetigen Uebergang vermittelt. So liegt 
also auch hier die Kontinuität als Prinzip zugrunde, während dieses 
Prinzip erst in der Kontinuation, der stetigen Erzeugung seine 
Realität offenbart. Ganz analog verhält es sich ganz allgemein mit 
Raum und Zeit. Dass dies die Auffassung Leibnizens ist, zeigen 
■uns viele seiner Ausführungen, die dieses Prinzip verwenden. Den 
•Gesetzen des Stosses wird in der Kritik der Descartes' sehen Prin- 
zipien* das Kontinuitätsprinzip zugrunde gelegt, d. h. es wird als 
Hypothese für sie vorausgesetzt. Seine Gültigkeit erweist es darin 
aber erst dadurch, dass, indem man mit seiner Voraussetzung, die 
einzelnen Fälle unter dem einheitlichen Begriffe des Ineinander- 
übergehens, also der stetigen Veränderung fasst, sich eine einheit- 
liche Erklärung der Stossvorgänge ergibt. 

Aber gerade bei diesen Fragen zeigt es sich auch schon in 
seinem grossen wissenschaftlichen Wert als Hypothese. Es ermög- 
Hcht nicht nur eine einheitliche Erklärung, sondern es fordert z. B. 
-die Ruhe nicht als einen von dem Bewegungs vorgange absolut 
verschiedenen Fall aufzufassen, sondern sie mit in die stetige Reihe 
<ier möglichen Bewegungszustände aufzunehmen und ihre Gesetze 
als Spezialfälle der gewöhnlichen Bewegungsgesetze aufzufassen. 
Diese Auffassung konnte in der neuen Rechnung auch ihre mathe- 
matische Stütze finden. 

Diesen grossen Wert des Kontinuitätsprinzipes, dass es also 
TÜcht nur Erklänmgsmittel, sondern auch Mittel zur Eröffnung neuer 

> u. ' Buchenau, Cassierer, S. 85/86. „Ueber das Kontinuitatsprinzip" (1687). 

' Ebendaselbst, S. 85. 

* Ebendaselbst, S. 285 u. f. r^ ä 

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— 96 — 

Fragen und Probleme und deren Lösung sein kann, das Charakte- 
ristikum einer echten, wahren Hypothese, hat Leibniz selbst an^ 
vielen Stellen hervorgehoben. 

Besehen wir ims die spezielle Formulierung die Leibniz seinem 
grossen Prinzipe gab, so erkennen wir darin leicht,* wenn wir es 
in die Sprache der Mathematik umsetzen, einfach den Ausdruck 
für die Stetigkeit von Funktionen. Es heisst z. B. :* cWenn in der 
Reihe der gegebenen Grössen zwei Fälle sich stetig einander nähern, 
so dass schliesslich der eine in den anderen übergeht, so muss 
notwendig in der entsprechenden Reihe der abgeleiteten oder ab- 
hängigen Grössen, die gesucht werden, dasselbe eintreten. > Es 
hängt dies von dem folgenden noch allgemeinerem Prinzipe ab: 
€ Einer geregelten Ordnung im Gegebenen, entspricht eine geregelte 
Ordnung im Gesuchten».* Die Analogie mit der Bedingung der 
Stetigkeit einer Funktion f (x), die da lautet, eine Funktion f (x) 
ist stetig, wenn für einen Wert der Variablen xi sich sagen lässt: 
Wird [xi — x] < ^, so muss [f (xi) — f (x)] < e sein, oder in 
Worten, es muss sich zu jeder Zahl c, die beliebig klein sein kann, 
eine Zahl d angeben lassen, so dass für den absoluten Wert (mathe- 
matisch verstanden) von xi — x kleiner als d der absolute Wert 
von f(xi) — f(x) kleiner als e ist, lässt sich leicht einsehen. Dies 
wird noch erleichtert, wenn man folgende Worte Leibnizens in 
Betracht zieht, welche er bei dem Beispiele der Ableitung der Parabel 
aus der Ellipse erwähnt : « . . . . man wird demnach Kraft unseres 
Prinzipes alle von der Ellipse geltenden geometrischen Sätze ohne 
Ausnahme auf die Parabel anwenden können, sofern diese als eine 
Ellipse, deren ein Brennpunkt unendlich fem ist, angesehen wird, 
oder — wenn man den Ausdruck des Unendlichen vermeiden will — 
als eine Figur, deren Unterschied von der Ellipse unter jeden be- 
liebigen kleinen Wert vermindert werden kann.>^ 



^ Catsierer, am gehörigen Orte, hebt dies auch hervor. 

' Buchenau, Cassierer, S. 84 ; „Ueber das Kontinuitätsprinzip*^. 

' Datis ordinatis etiam quaestia sunt ordinata. 

^ Buchenau, Cassierer, S. 86. Man beachte hier auch die Konzettion, 
die Leibniz teinem Leser macht in den Worten „ . . . oder — wenn man vermeiden 
will . . .** Et ist das auch eine Bettätigtmg fQr unsere tchon frOher gemachte 
Bemerkung, dass sich Leibniz nur zu oft in der Autdnicktweise an teinen 
etwaigen Leser anzupasten tucht Für ihn ist das Unendliche bereits klar, aber 
fQr das gewöhnliche Denken sucht er fQr denselben Tatbestand leichter 
fassUche Bestimmungen. — 

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— 97 — 

Mit den letzteren Untersuchungen haben wir uns den Weg 
geebnet um die endgültige Ausgestaltung des DifferentialbegrifiEs 
bei Leibniz au betrachten. 

Zwei Begriffsbestinunungen des Dififerentials sahen wir schon 
•in den ersten Zeiten der Entdeckung der höheren Analysis platz- 
greifen. Einmal erschien es als unendlich kleine extensive Grösse, 
das andere Mal büsste es diese Extensität ein und erhielt seinen 
mathematischen und logischen Wert durch eine rein begriffliche^ 
intensive Bestimmung. ^ Welches ist nun das Richtige? Zur Beant- 
wortung dieser Frage müssen wir noch andere Umstände herbei- 
ziehen. In seiner Schrift c Elementa calculi novi > * wird der un- 
endlich kleine Zuwachs der Abscisse, also das was wir gemeinhin 
als das Differential dx bezeichnen, als c momentanes Increment», 
also momentaner Zuwachs bezeichnet. Damit hätten wir eine dritte 
Bestimmung des Differentials und stellen wir noch die dazu, dass 
es als eine beliebig kleine Grösse aufgefasst werden kann, so wird 
es scheinbar noch schwieriger die richtige herauszufinden, oder 
man könnte dann, in Anbetracht von noch anderen dazu gehörigen 
Aufstellungen Leibnizens, versucht sein, Leibnizen überhaupt die 
klare Einsicht in diese Frage abzusprechen, was auch in der Tat 
geschehen ist. Wir werden versuchen diese letztere Ansicht zu 
widerlegen. 

Um die Bestimmung des Differentials als momentanen Incre- 
mentes zu verstehen, Hihren wir eine Stelle Leibnizens aus dem 
«Specimen Dynamicum» an, wo es bei Gelegenheit der Erläuterung 
von Bewegungsgrösse und Impuls heisst: «Wir können jedoch im 
wissenschaftlichen Sprachgebrauche recht g^t einen Zuwachsy der 
schon erfolgt ist, oder noch erfolgen soll, von dem Zuwachs der 
eben jetzt erst eintritt, unterscheiden und diesen als Increment oder 
Element des Zuwachses bezeichnen, ebenso können wir zwischen 



Ob das Kontinuitätsprinzip in jener Allgemeinheit aufrecht erhalten werden 
kann, wie et Leibniz wollte ist zu bezweifeln, seine Wichtigkeit und Frucht- 
barkeit kann man jedenfalls nicht leugnen. 

' „Intensiv**, ist hier im Gegensatz zu extensiv gemeint. 

' Gerhardt „Die Entdeckung der höheren Analysis.*" Beilage VI (1689). 
Elementa calcuU novi pro differentiis et sunmiis, tangentibus et quadraturis» 
maximis et minimis, dimensionibus linearum, tuperficierum, solidorum, allisque 
communem calculum transcendentibut. t 

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— 98 — 

dem momentanen Akt des Herabfallens und dem Weg, der im Fall 
schon zurückgelegt wurde, einen Unterschied machen.> ^ 

Macht man sich diese Worte klar, so sieht man, dass diese 
Bestimmung ganz allgemein ist. Sie trifil ebenso die rein mathe- 
matische Grösse des Diflferentials, wie die phoronomische der Ge- 
schwindigkeit, wie die rein dynamische der Kraft oder Energie. 
Damit sehen wir auch ein, was Leibniz damit meint, wenn er sagt, 
diese dx seien wie momentane Incremente zu betrachten, cut in- 
crementa momentanea>.* 

Leibniz hatte also schon hier' erkannt, dass das Wesen des 
Diflferentials im Inextensiven, in dem Zuwachs der „eben*^ jetzt ein- 
tritt, liegt. Denn der Zuwachs, der ceben jetzt eintritt», bedeutet 
wenn man ihn schärfer betrachtet, imd mathematisch aufifasst, nichts 
anderes, als dass in dem bezeichneten Augenblicke, geometrisch 
dem bezeichneten Punkte, der Akt des Zuwachses, des ceben jetzt 
Erfolgens» mitzudenken ist, d. h. das Gesetz, die Funktion, das ihn, 
den Zuwachs, unentfaltet in sich enthält imd vermöge dessen er 
zur Wirklichkeit wird, wenn wir geometrisch eine sukzessive 
Setzung von Pimkten vornehmen, oder dynamisch durch die Kraft 
(Energie) selbst die Bewegung erfolgt, d. h. in beiden Fällen der 
wirkliche elementare Zuwachs hervorgebracht wird. 

Es ist also der Begriflf der Bewegung notwendig, aber in jener 
reinen Ausprägung, wie wir ihn kennen gelernt haben, losgelöst 
zunächst von allem sinnlich Erfahrenen. Dies zeigt uns auch der 
Hinweis Leibnizens in der Schrift cElementa caiculi novi> auf die 
Aehnlichkeit mit der Methode Cavalieris. 

Diese Bestimmung des Diflferentials als Increment, als teben 
jetzt Zuwachses » enthält auch mit in sich jene als inextensives 
Element, d. h. als einer Grösse, die erst in der Kontinuation das 
Integral erzeugt. Diese Kontinuation stellt sich uns also hier dar 
als die logische Setzung von Bestimmungen, innerhalb eines mit 
dem Punkte mitgedachten Gesetzes, innerhalb dessen eben jene 
kontinuierliche Entfaltimg erfolgt. 

Das Diflferential als unendlich kleine, festbestimmte, extensive 
Grösse, erschien uns zuerst in den ersten Anwendungen der höheren 
Analysis auf rein geometrische Probleme. Hier ist es dann eigent- 

' Buchenau Cassierer. S. 262. 
> Gerhardt Beilage VI. 

* Die Schrift „Elementa calcuU novi«" ist aus dem Jahre 1689. Siehe 
Gerhardt, auch Cantor. Digitized by^OOQlC 



— 99 — 

lieh nicht das echte Differential, sondern mehr ein möglicher Re* 
Präsentant desselben, die unendlich kleine Grösse. Das Integral 
bedeutet nun aber auch schon unter dieser Auffassung den Inbegriflf 
oder wie Leibniz in der «Elementa calculi novi> noch sagt eine 
Summe, von unendlich vielen unendlich kleinen Elementen. Aber 
das Unendliche ist ja nur im Fortbestehen desselben Grundes zu 
denken, kann also nie ganz durchlaufen werden, also kann auch 
obige Summe nicht eigentlich als Summation im arithmetischen 
Sinne aufgefasst werden, sondern fordert eine Erhebung darüber. 
Sie fordert eine einheitliche Zusammenfassung, die niemals in der 
Anschauung gegeben sein kann, sondern nur begrifflich zu erfassen 
ist. Aber wir konnten auch schon früher bereits bemerken, dass 
selbst das <dx> als unendlich kleine extensive Grösse gefasst, das 
Moment der Ver^lnderlichkeit in « sich aufnahm, d. h. als beliebig 
\inendlich klein genommen werden konnte. Diese Unbestimmtheit 
4iegt eben schon im Begriffe des Unendlichkleinen, das eben nur 
als jenes, das jenseits aller möglichen sinnlichen Anschauung liegt, 
bestimmt ist, weshalb Kiu-t Geissler auch dessen niu- relative Be- 
stimmungsmöglichkeit behauptet. 

Eine einfache Flächenbestimmung mit Hilfe von Integralen 
musste nun aber lehren, dass unter dieser Auffassung entweder eine 
mathematische Unexaktheit vorliegt, d. h.. dass das Integral nicht 
vollends genau die Fläche angibt, oder wenn sie dies doch tut, 
dann stehen wir vor einem mathematisch, logischen Rätsel, denn 
fiolche Flächenbestinunungen zerlegen die Fläche immer in schmale 
Elementarstreifen, die eigentlich einseitig krummlinig begrenzte 
Trapeze sind, aber wegen der Kleinheit als Rechtecke betrachtet 
werden. 

Eine Auffassung des Differentials als unendlich kleine extensive 
Orösse muss also logisch das Vorhandensein eines Fehlers, imd 
fnag er noch so unendlich klein und daher gegen das Endliche 
vernachlässigbar sein, zugeben, d. h. sie gibt zu, im Integral nur 
«eine Annäherung zu haben. Man versucht sich zwar auch noch so 
zxx helfen, dass man nach Art der alten Geometer beweist, der 
Fehler könne so klein als man nur will gemacht werden. Doch 
nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob er überhaupt zimi 
vollen Verschwinden gebracht werden könne. Den obigen Ausweg 
verwendet auch Leibniz in der ersten Zeit, später aber verwendet 
^r diese Tatsache in einem andern Sinne, wie wir noch sehen 

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— 100 — 

werden, denn er verwirft später mit voller Entschiedenheit die 
Auffassung des Unendlichkleinen als aktuell Unendkleinen, wie dies 
vornehmlich in dem Briefwechsel mit Bemoulli zutage tritt. 

Hier nun i^t wieder eine Stelle um zu zeigen, wie Leibnizens 
Art sich an seine Leser anzupassen, ihm Missverständnisse seiner 
Gedanken eintrüg. Er hatte in manchen Veröffentlichimgen das 
Unendlichkleine durch das Verhältnis des Sandkornes zur ganzen 
Erde oder der Erde zum gesamten Weltall zu erläutern gesucht. 
Dieses musste notwendig Menschen, die gewohnt waren, scharf zu 
denken, auf die Ansicht bringen, dass Leibniz das Unendlichkleine 
doch als aktuell Unendlichkleines auffasse. Wie sehr das wahr 
wurde, schon zu seiner Zeit, ersehen wir auch aus dem Briefwechsel 
mit Varignon. 

In einem Briefe vom 28. November 1701 schreibt Varignon: 

«Der Herr Galloys verbreitet hier, Sie hätten erklärt, dass 

sie unter dem Differential oder dem Unendliehkleinen nur eine, 
zwar sehr kleine, dennoch aber konstante und bestimmte Grösse 
verstehen, wie sie etwa die Erde mit Bezug auf das Firmament 
oder einem Sandkorn mit Bezug auf die Erde zukommt, während 
ich das Unendlichkleine oder das Differential einer Grösse, das- 
jenige bezeichne, worin sie unerschöpßich ist. Infinit oder indefinit 
habe ich also alles Unerschöpfliche, infinit oder indefinit klein — 
relativ zu einer gegebenen Grösse — dagegen dasjenige genannt, 
worin diese imerschöpflick ist. Daraus habe ich den Schluss gezogen, 
dass im Differential- Kalkül die Ausdrücke: Infinit, Indefinit, an 
Grösse unerschöpflich, grösser als jede angebbare Grösse, unbe- 
stimmbar klein — völlig gleichbedeutend sind. Hierüber erbitte 
ich mir ihr Urteil, um den Gegnern dieses KalktUs Einhalt gebieten 
zu können >* 

In dieser Bestinunung des «unerschöpflich» liegt bei näherem 
Zusehen in der Tat dasselbe, wie in der unendlichen Teilbarkeit, 
nämlich die Unmöglichkeit eines extensiv Aktuellunendlichkleinen. 
Aber diese Bestimmung ist doch andererseits unbestimmt, ermangelt 
der logisch scharfen Charakteristik. In der Antwort Leibnizens auf 
dieses Schreiben, scheinen mir die Mängel vollends beseitigt. Hier 
sagt ims Leibniz,' dass seine Absicht bei dem genannten Vergleiche 
von Erde imd Weltall oder Sandkorn mit Erde nur die war, zu 



* Buchenau Cassierer. S. 94/95. 

* Bbendaselbst S. 96 u. f. 

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— 101 -^ 

seigen, dass man die mathematische Analysis von metaphysischen 
Streitigkeiten nicht abhängig zu machen brauche, und dass es nicht 
unerlässlick sei, fär den praktischen Gebrauch in aller Sir enge auf 
das Unendlichkleine imd seine Bestimmungen einzugehen. 

Deutlicher kann man wohl seine Ansicht nicht kund tun und 
schon dadurch alle jene «um Schweigen bringen, die da behaupten, 
Leibniz sei sich über das Differential nicht zur Klarheit gekommen. 
Doch wir erhalten noch weitergehende Aufklärungen. 

Auch lag ihm daran, sagt uns Leibniz am angeführten Orte 
weiter, nicht nur das Unendlichkleine als solches zu erklären, sondern 
die MSglichkeit verschiedener Grade des Unendlichkleinen anzu- 
nehmen, darzulegen, wie sie die Analysis in den höheren Differen- 
tialen, wie sie die Mechanik in der Beschleunigung forderte. «Daher 
habe ich früher in den «Acta Eruditorum»^ einige Hilfssätze für 
die Rechnung mit dem Unvergleichbaren aufgestellt, die man sowohl 
auf das Unendliche im stret^en Sinne wie auch auf Grössen an- 
wenden kann, die an anderen gemessen nur nicht in Betracht kommen.*^ 
Also Leibniz war sich über den markanten Unterschied vollends 
klar, er wusste aber auch, dass sich unter einem bestimmten Ge- 
sichtspunkte beides vereinigen lasse und so ermögliche, dass das 
Resultat richtig bleibe, ob man nun das «Unendlichkleine im strengen 
Sinne» oder das Unendüchkleine, als mit dem Endlichen imver- 
gleichbar kleine Grösse auffasse. 

Das gance Problem beschränkt sich also, hat man einmal diese 
beiden Arten von Grössen scharf herausgehoben, meiner Ansicht 
nach darauf, jenen Gesichtspunkt darzulegen. 

Das Unendlichkleine im strengen Sinne, d. h. das Increment, 
das Differential als Ntäl aber nur in Bezug auf Extension nicht aber 
in Bezug auf begriffliche Determination^ d. h, insoferne in ihr ein 
Gesetz, eine Funktion mitgedacht ist, vermöge dessen durch Ent- 
faltung, durch Setzung in ihm das Integral als Repräsentant der 
Extension wird, ist die allein richtige Auffassung des Differentials, 
wie sie vor allem die Dynamik auch fordert und wohl zu unter- 
scheiden von dem durch Abstraktion aus der sinnlichen Anschauung 
entstandenen Aktueüunendlichkleinen, oder Relativunendlichkleinen 



' Die Schrift auf die sich Leibniz hier beruft ist das „Testamen de motum 
coelestium causis*" Acta Eniditorum 1689. Siehe Cassierer, Buchenau, S. 97, 
Anmerkung 70. 

^ Buchenau, Cassierer, S. 97- ^ 

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— 102 — 

als das es uns auch entgegentritt. Weitere Betrachtungen sollen 
noch bestätigen, dass sich Leibniz darüber vollends klar war, wie 
wir schon behaupteten. 

So heisst es im unmittelbaren Anschlüsse an die Seite 100 
zitierte Stelle: «Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die 
unvergleichlich kleinen Grössen, selbst in ihrem populären Sinne 
genonunen keineswegs konstant und bestimmt sind, dass sie vielmehr, 
da man sie so klein nehmen kann als man wiü^ in geometrischen 
Erwägungen dieselbe Rolle^ wie die Unendlichkleinen im streftgen 
Sinne spielen, >^ Damit also hat Leibniz gezeigt, unter welchem 
Gesichtspunkte jene Gleichsetzung beider Auffassungen möglich ist. 
Schöner imd klarer konnte nicht bestätigt werden, was ich darüber 
aussagte. 

Nun kommt allerdings jene versöhnliche Natur Leibnizen zum 
Vorschein, in der Mathematik eher Unheil als Heil stiftend, weil sie 
zu oft Missverständnisse hervorruft, indem er an seine Gegner Kon- 
zessionen des Nachgebens macht. Er macht nämlich das Zugeständnis, 
das ich schon erwähnte, man könne zeigen der Fehler sei kleiner 
als jede angebbare Grösse, da doch, und mm bricht wieder die 
richtige Auffassung durch, das Unendlichkleine in dieser Auffassung 
so klein als man will genommen werden kann. Diese letztere Auf- 
fassung bezeichnet jedoch Leibniz selbst als die nicht absolut strenge, 
«ihr Vorzug, meint er, läge darin, dass sie unmittelbar und augen- 
scheinlich und in einer Art den eigentlichen Quell der Entdeckung 
frei legt, dasjenige gibt, was die Alten, so z. B. Archimedes, auf 
Umwegen vermittelst des indirekten Beweises erreichten.»* «Man 
kann somit die unendlich kl einen und unendlichen Linien — auch 
wenn man sie nicht in metaphysischer Strenge und als reelle Dinge 
zugibt — doch unbedenklich als ideale Begriffe brauchen, durch 
welche die Rechnung abgekürzt wird» — und nun kommt wieder 
ein verhängnisvoller Satz aus dem Kurt Geissler in seinem schon 
genannten Werke herauslas Leibniz hätte gelegentlich auch gar 
das Unendlichkleine als imaginäre Grösse aufgefasst — «ähnlich 
den sogenannten imaginären Wurzeln in der gewöhnlichen Analysis, 
wie z. B. y^. Mag man diese auch als imaginär bezeichnen, so 



» Buchenau, Cassierer, S. 97 u. 98. 

' Ebendaselbst, S. 98. Die Klarheit Leibnizen über diese Punkte, die 
hier zutage tritt könnte fast beschämend genannt werden, ffir alle die ihn nüts- 
verstanden. 



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— 103 — 

sind sie dennoch nützlich und bisweilen sogar unentbehrlich um 
auf analytische Weise reelle Grössen auszudrücken».^ Dass das in 
Wirklichkeit, vorurteilslos verstanden, nur besagen will und soll, 
wie man sich die Sache verständlicher machen kann, oder besser, 
wie man bei aller Gegnerschaft doch die Unentbehrlichkeit jener 
Grössen begreifen kann, brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, denn 
die angeführten Worte sprechen es selbst aus, wozu ich noch fol- 
gende Worte Leibnizens beifüge: «Man darf jedoch nicht glauben, 
dass durch diese Erklänmg die Wissenschaft des Unendlichen herab- 
gewürdigt und auf Fiktionen zurückgeführt wird >* 

«Ebenso kann man sagen, dass das Unendliche imd Unendlich- 
kleine so fest gegründet ist, dass alle Ergebnisse in der Geometrie, 
ja selbst alle Ergebnisse in der Natiu- sich so verhalten, als ob 
beides vollkommene Realitäten wären, »^ d. h. als ob sie nicht nur 
rein begrifflich zu fassen wären, sondern als ob man von ihnen 
direkt Erfahrung haben könnte. 

Zimi Abschlüsse dieser Betrachtimgen über di^ Auffassung des 
Differentials bei Leibniz wollen wir einer Schrift aus dem Jahre 
1702* ein längeres Zitat entnehmen, worin Leibniz seine Auffassung 
durch den gewöhnlichen algebraischen Kalkül klarzulegen und zu 
rechtfertigen sucht. 

Die beiden Geraden A X und E Y Fig. 9 mögen 
sich im Punkte C schneiden. Femer sei E A J_ zu EX 
und ebenso XY X. zu EX imd schliesslich sei der 
Winkel A, den die beiden Geraden AY imd EX ein- 
schliesse'n von 45® verschieden. 

«Dann verhält sich, da die Dreiecke GAE und 
CXY einander ähnlich sind, x — c:y = c:e. Wenn 
nimmehr die Gerade AY sich mehr und mehr dem ^'^^ 

Punkte E nähert, dabei jedoch in dem variablen Pimkte C inmier 
den gleichen Winkel mit E X bildet, so werden offenbar die Strecken 
c und e inmier kleiner werden, ihr Verhältnis jedoch wird imge- 
ändert bleiben. Wir wollen annehmen, dass es von der Gleichheit 
verschieden, der betreffende Winkel also nicht gleich 45^ ist Setzen 
wir nun den Fall, dass die Gerade AY schliesslich durch den Punkt 




' Buchenau, Cassierer, S. 98/99. 

' Ebendaselbst, S. 99. 

3 Ebendaselbst, S. 99/100. 

« Ebendaselbst, S. 101 — 104. 

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— 104 — 

E hindurchgeht, so werden offenbar C und A in diesem einen Punkte 
zusammenfallen, die Strecken A C und A E oder c und e werden 
also verschwinden. Das Verhältnis oder die Gleichung ^^^ = — ge- 
staltet sich also zu — = — um. In dem vorliegenden Falle wird also 
vorausgesetzt, dass auch er imter die allgemeine Regel fällt. Den- 
noch aber werden c und e nicht im absoluten Sinne «Nichts» sein, 
da sie ja untereinander stets das Verhältnis CX-.XY bewahren, 
oder mit anderen Worten: . . . Wären nämlich c und e in diesem 
Kalkül für den Fall des Zusammenfallens der Punkte C, E, A, im 
absoluten Sinne nichts, so würden sie da ein Nichts das denselben 
Wert hat wie ein anderes, einander gleich sein, und aus der Glei- 
chung oder dem Verhältnis — = ^ ergäbe sich j = -^ = 1 d. h. es 
wäre x = y was ein offenbarer Widerspruch ist, da imserer An- 
nahme nach der Winkel A nicht 45^ sein sollte. Die Grössen c und c 
werden also in diesem algebraischen Kalkül nur vergleichsweise, 
mit Bezug auf x und y als «Nichts» gerechnet, besitzen jedoch 
untereinander ein algebraisches Verhältnis imd werden als Infinite- 
simale behandelt, wie die Elemente, die wir in unserem Differential 
Kalkül bei den Koordinaten der Kurven annehmen, d. h. tvte mümeM- 
tone Zuwüchse oder Almahmen, » Die Grössen c und e also, sagt uns 
hier Leibniz, verschwinden als extensive Grössen, wie das Differential, 
extensiv werden sie wirklich Null, eine Betrachtung, die auch Euler 
später in den Vordergrund stellte, aber absolut gcnonunen werden 
sie nicht Null, d. h. mit den extensiven Nullen, werden Gesetze, 
Funktionen, Verhältnisse, Beziehungen, mitgedacht, die diesen Ge- 
bilden eine bestimmte Bedeutung geben, die verhindern, dass sie 
zu absolutem Nichts werden. Ja an diesem Beispiele erkennen wir 
auch wie diese so bestimmten Grössen aus sich heraus das konkrete 
Verhältnis erzeugen können oder allgemein, wie aus dem Differential 
das Integral werden kann. Offenbar dadurch, wie wir es schon 
öfter darlegten, dass indem vom Differential als extensiver Null 
mitgedachten Gesetze, Verhältnisse eine kontinuierliche Setzung, die 
es repräsentierend enthält, vorgenonunen gedacht wird und dadurch 
die extensive Grösse erzeugt, die wir durch den Charakter des 
Integrals bezeichnen. Gerade so, wie hier das Verhältnis der Grössen 
— auch im Falle ihres Vcrschwindens die Repräsentanten aller der 
Verhältnisse extensiver, ausgedehnter Linien sind, die durch Parallel- 
verschiebung der Linie AY (Fig. 9) entstehen, d. h. die durch Ent- 
faltung dieses algebraischen Gesetzes in seine extensiven Mannig- 
faltigkeiten werden. Digitizedbyl^OOglC 



— 105 — 

Auch die Bedeutung, jener momentanen Zuwüchse und Ab- 
nahmen, jener Incremente, wird uns hier noch deutlicher. Sie heissen 
eben nichts anderes als, dass in dem Gesetze, das im Differential 
repräsentiert ist, auch der Zuwachs mitgedacht ist, der durch Ent- 
faltung in der nächsten imendlichkleinen Zeit entstünde. 

Man sieht welche grosse und selbständige Bedeutung das Gesetz, 
mathematisch gesprochen die Fimktion erhält, indem es ermöglicht, 
im Puikte, im Einfachen die Mannigfaltigkeit zu repräsentieren.* 
In diesem Zusanmienhange kommt Leibniz auch auf sein Gesetz 
der Kontinuität zu sprechen. Wir müssen im folgenden Abschnitte 
noch von einem anderen Gesichtspunkte wieder auf dasselbe zurück- 
kommen, trotzdem wollen wir hier es benützen um noch einen Punkt, 
nämlich den der mathematischen y^Grenze^^ aufzuhellen, c Wenngleich 
es indessen,» sagt uns Leibniz, «nicht in aller Strenge richtig ist, 
dass die Ruhe eine Abart der Bewegimg, oder die Gleichheit eine 
Art der Ungleichheit ist, ebensowenig wie der Kreis in Wirklichkeit 
eine Art reguläres Vieleck ist, so kann man trotzdem sagen, dass 
die Ruhe, die Gleichheit imd der Kreis Grenzfälle der Bewegungen, 
der Ungleichheiten und der regulären Vielecke bilden, die durch 
eine stetige Veränderung im Zustande des Verschwindens schliess- 
lich in jene übergehen. Und obgleich die Grenzen ausgeschlossen, 
d. h. streng genommen in der Mannigfaltigkeit, die sie abschliessen, 
nicht mit einbegriffen sind, besitzen sie dennoch deren Eigentüm- 
lichkeit, wie wenn sie darin enthalten wären. Dies steht im Einklang 
mit der Terminologie des Unendlichen und Ünendlichkleinen, nach 
der z. B. der Kreis ein Vieleck mit unendlich vielen Seiten ist. 
Andernfalls würde das Gesetz der Kontinuität verletzt, denn da 
man von den Vielecken durch stetige Veränderungen und ohne einen 
Spnmg zu machen, zum Kreise gelangt, so darf man nach diesem 
Gesetze (von. anderem Gesichtspunkte : Prinzipe) auch beim Ueber- 
gange von den Eigenschaften der Vielecke zu denen des Kreises 
keinen Sprung machen».^ Hier ist also der logische Inhalt des 
Grenzüberganges klar herausgearbeitet, besonders erleichtert durch 
die Zugrundelegung des Kontinuitätsprinzipes als Gesetzes, d. h. als 
einer bestimmenden Vorschrift der Beziehungen, die beim Fortschritte 
aufrechtzuerhalten sind. Der Grenzübergang bedeutet also nichts 
anderes, als dass das Gesetz auf dem durch den wirklich erfolgten 

^ Siehe dazu auch Cassierer: „Leibniz System*'. 
' Buchenau, Cassierer, S. 104. 

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— 106 — 

üebergang erhaltenen Grenzfall mitangewendet wird, obwohl es streng^ 
logisch als Grenze nicht mit darin enthalten ist und dies also ver- 
möge des logischen Charakters der Kontinuität. Dass jener Üeber- 
gang vom Unendlichvieleck zum Kreis und ähnliches, nicht in der 
Sinnlichkeit ohne Sprung, sondern niur im begriflüchcn Denken, ge- 
meint ist, ist nach dem früher Gesagten fast überflüssig hinzuzufügen. 
Ueberblicken wir die letzten Auseinandersetzungen, so wird 
ersichtlich, dass wir gezeigt haben : erstens, dass Leibniz sich über 
das Differential und die Grundlage der höheren Analysis zur vollen 
Klarheit gekommen ist, und dass es also zweitens nicht seine 
Schuld, sondern die der ihn nicht ganz verstehenden oder manch- 
mal nicht ganz verstehen wollenden Mit- und unmittelbaren Nach- 
welt ist, wenn man ihm solches absprach. Insbesondere sahen wir 
auch drittens, dass er scharf den Unterschied formulierte und näher 
ausführte, der zwischen dem Unendlichkleinen als extensiver Grösse und 
dem Unendlichkleinen als wirklichem Differential, d. h. als extensiver 
aber nicht begrifflicher Null besteht. Gerade diese letztere Bestim- 
mung ist es nun im weiteren auch, die erst die Möglichkeit von 
höheren Differentialen oder höheren Ableitungen dartut, und auch 
damit z. B. die der höheren Berührungen oder Osadationen, Der 
Punkt als extensive Null gedacht und sonst nichts, das Unendlich- 
kleine als fest bestimmte extensive Grösse, die lassen eine weitere 
Bestimmung nicht zu. Wie ist dann höheres Differential oder höhere 
Berühnmg denkbar? Bei der höheren Berührung hilft man sich 
noch damit, wenn man sie von ihrer rein geometrischen d. h. rein 
anschaulichen Seite her betrachtet, durch die Erklärung des Zu- 
sammenfallens mehrerer Punkte statt nur zweier; oder wie es 
Geissler tut, durch weitere Bestimmungen innerhalb seines soge- 
nannten c wesenhaften Dreiecks». Aber gerade Geissler * geht hier- 
bei so weit, dass das sinnlich geometrische oder das anschauliche 
das rein analytische Moment vollends in den Hintergrund drängt 
und doch ist gerade dieses das wichtigere. Diese rein analytische 



' Es kann natürlich innerhalb des Rahmens dieser Arbeit nicht die Auf- 
gabe sein, auf das schon erwähnte Werk von Geissler über das Unendliche 
in Mathematik und Philosophie einzugehen. Bei aller Anerkennung kann ich 
mich damit nicht einverstanden erklären, weil es mir scheint, dass er das 
Problem nur von einer Seite betrachtet. Doch kann eine solche kurze An- 
merkung nicht als Kritik aufgefasst werden. Einiges natürlich musste ich in 
der Arbeit an gehöriger Stelle erwähnen. 



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— 107 — 

Betrachtung wird aber zur Notwendigkeit, wenn man die Differential- 
und Integralrechnung als rein analytischen Kalkül betrachtet und 
deren Anwendung auf geometrische Fragen sekundär wird, eine 
Anschauung, die mir scheint, jetzt die herrschende zu werden ver- 
spricht. 

Innerhalb solcher Anschauung ist aber das liöhere Differential 
nur unter Zugrundelegimg der Leibnizschen Auffassung denkbar, 
insofeme nämlich in dem Gesetze, das durch das Differential aus- 
gedrückt wird, noch weitere speziellere Bestimmungen, weitere 
speziellere Eigenschaften der es repräsentierenden mathematischen 
Funktion und damit des Gesetzes selbst denkbar sind. Darum be- 
ruft sich Leibniz hierbei immer auf das Beispiel der Osculation, 
denn hier tritt das bei analytischer Betrachtung der geometrischen 
Tatsache deutlich hervor. Der Punkt der Berührung zweier Kurven 
ist als geometrischer Punkt, als extensive Null, nicht weiter deter- 
minierbar, wohl aber als Repräsentant je einer der beiden Kurven, 
insofeme in den durch ihn repräsentierten Funktionen weitere Ueber- 
einstimmungen, Aehnlichkeiten denkbar sind, die bewirken, dass 
nicht nur der erste Differentialquotient beider an dieser Stelle gleich 
ist, was die einfache Berührung fordert, sondern auch höhere Dif- 
ferentialquotienten, was höheren Berührungen entspricht. 

Manche Schwierigkeiten haben sich unter Zugrundelegung der 
strengen und eigentlichen Leibnizschen Auffassung so gelöst und 
unsere Betrachtung bezüglich dieses Punktes bei Leibniz kann, so- 
weit es die Mathematik betrifft, als beendet betrachtet werden. 

Wir wollen aber -noch auf manches hinweisen, das also schon 
über Leibniz in unsere Zeit hinausweist, das mir aber wichtig genug 
scheint, die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen 
und es hier festzuhalten, umsomehr als es schliesslich doch noch 
zur Klärung der Leibnizschen Auffassung beitragen kann. 

Es ist ein einfaches Beispiel, an das wir anknüpfen, das uns 
aber doch deutlich die Forderung zeigen wird, das Unendlichkleine 
als Differential nicht einfach dahin zu bestimmen, dass es eine Aus- 
dehnung ist, die jenseits der sinnlichen Anschaulichkeit oder der 
Anschaulichkeit überhaupt liegt, wie es Geissler tut; denn bleibt 
man bei dieser Bestimmung, dann wird die ganze Differential-In- 
tegralrechnung ein weitgehendes Annäherungsverfahren, aber keine 
absolut strenge Methode. Man wende nicht ein, der Fehler ist un- 
endlich klein, kann also gegenüber dem Unendlichen vernachlässigt 

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— 108 — 

werden. In einer strengen mathematischen Methode darf nichts ver- 
nachlässigt werden und sei es auch noch so imendlich klein, denn 
solche Vernachlässigungen können sich bald einer strengen metho- 
dischen Fassimg und Behandlung entziehen, und selbst wenn dies 
nicht stattfinde, so wäre es doch noch unverständlich, wie solche 
Methoden Ergebnisse liefern können, die auf dem Gebiete der Al- 
gebra gefunden, welche aber solche Vernachlässigungen nicht kennt. 
Was unter einem bestinmiten Gesichtspunkte even- 
tuell vereinbar ist, ist darum noch nicht identisch. 
Es sei Ox, Oy (Fig. 10) ein rechtwinkliges 
Koordinatensystem, y := f (x) die Gleichimg der 
„ gezeichneten Kurve auf das gezeichnete Koordi- 

Jii natensystem bezogen und es soll die Fläche 

^ Ä ' ^ ABCD berechnet werden. 
^'5 ^ Man denkt sich bekanntlich hierzu die Fläche 

durch benachbarte Ordinaten in schmale Flächenstreifen zerlegt, welch 
letztere man, wegen der Unendlichkleinheit des Fehlers, durch das 
schraffierte Recht^ckchen ersetzt, also FGHK statt FGHI nünmt. 
Man beweist hierzu, dass der gemachte Fehler unendlich klein sei 
gegenüber der Fläche yJx (FGHK) also die Vernachlässigung 
zulässig ist oder man kann noch weitergehen und zeigen, dass in 
der Grenze, wo also /d x = o wird , das krummlinig begrenzte 
Trapez in das Rechteck übergeht. Wir merken schon hier an, dass 
wenn Ax = o wird,, der Flächenstreifen zur Linie wird. 

Man bildet nun die Sunmie = Hy A x und nimmt hierauf die 
Grenze dieser Summe, d. h. bildet Limes ^y A x oder d. h. weiter, 
es geht dann das J x in das Differential Ax = o = d x über und 
diese Summe, die eine Unendlichkeit in sich enthält, ist dann das 
/y d X als Repräsentant, Charakter der Fläche A B C D. 

Wir wollen nun untersuchen, was denn durch dieses < Limes» 
zl X :=: o eigentlich logisch gesagt sein soll. 

Betrachtet man dx als extensiv aber unendlich klein, so ist 
man gezwungen zuzugeben, dass das Integral nicht streng, nicht 
absolut genommen die Grösse der Fläche darstellt, denn dann ist, 
so lange eben d x nicht wirklich extensiv Null ist, so lange es also 
unendlich klein ist, das Rechteck FGHK von dem Trapeze FHIG 
verschieden, für die begriffliche Strenge, die sich ergebende Fläche 
also nur eine Annäherung, oder es ist ein Fehler gemacht worden. 
Man sagt nun, was schon Archimedes z. B. und auch Leibniz tat, 

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— 109 — 

der Fehler ist kleiner oder kann auch kleiner gemacht werden in 
anderen Fällen, als jede angebbare noch so kleine Grösse oder ist 
unendlich klein bezüglich der ganzen Fläche, kann also vernach- 
lässigt werden, da er für die endliche Fläche nicht in Betracht 
kommen kanii. 

Oder aber man nimmt an, das Jx werde wirklich eine ex- 
tensive Null, d. h. das Rechteck zur nach zwei Dimensionen un- 
ausgedehnten Linie, wie wir oben anmerkten, dann aber wird das 
Ganze zunächst ein Rätsel. Denn jede endliche Zahl mit der arith- 
metischen Null multipliziert gibt Null, die Summe, das Agregat von 
Nullen ist wieder nur eine Null und wir wissen nicht, wora » ci gcj ifa^ 
lieh die Sache hängt. Kurzum, es ist ein Rätsel, wenn man dann 
auch sicher sein kann, dass erfahrungsgemäss ein richtiges Resultat 
herauskommt. 

Uns entsteht aber daraus die Forderung das Rätsel zu lösen,, 
d. h. zu zeigen, dass entweder unsere Differential-Integralrechnung 
nur eine Annäherungsmethode ist, also mit Vernachlässigimgen,. 
und seien sie noch so unendlich klein, arbeiten muss^ oder es muss 
eine andere Auffassung platzgreifen, die das Rätsel löst. 

Zunächst möge es an dem vorliegenden Beispiele weiter ver- 
folgt werden. 

In der Tat, in der Grenze ist das Jx zu einer extensiven 
Null geworden, somit die Möglichkeit, dass das Integral die ge- 
naue Fläche gibt, schon in Aussicht gestellt, wenn sich mit einer 
solchen Summe doch noch ein Sinn verbinden lässt. Und das kann 
«ein, denn in dem An als extensiver Null muss ein Gesetz der 
Kurve, zu der es gehört, nämlich ihrer Veränderung mitgedacht 
werden, das sich darin ausdrückt, dass zu jedem x, also auch dx, 
vermöge der Funktion f (x) ein ganz bestimmtes y, bezw. dy gehört. 

Dieses Differential d x als extensive Null ist ja eben gebunden 
an die speziellen Bedingungen der Kurve entstanden zu denken 
durch stetige kontinuierliche Verminderung, also ist mit ihm und 
in ihm noch die Funktion in der es entstanden ist mitzudenken, 
vermöge deren es in Verbinduiüg mit dem entsprechenden y ein 
Repräsentant, der aus ihm durch successive Setzungen innerhalb 
der gegebenen Funktion enstandenea Fläche bezw. des Integrals 
als Ausdruckes der Fläche wird- Dass man es nicht einfach mit a 
bezeichnet liegt neben anderem eben in dem obigen Moment. 

In Leibniasche Worte dies umgesetzt, würde es heissen: In 



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— 110 — 

dem ydx, wobei dx extensiv Null ist, idt der momentane Zuwachs 
der Fläche repräsentiert. Für die Fläche ist ydx extensiv betrachtet 
wirklich eine Null insoferne man aus Linien keine Fläche c zusam- 
mensetzen > kann, nicht aber begrifflich oder funktional, denn insoferne 
wird diu-ch stetige successive Entfaltung innerhalb des durch es 
repräsentierten Gesetzes, d. h. in einer kontinuierlichen Bewegung, 
die Fläche erzeugt. 

Dass wir hierbei an Cavalieri erinnert werden ist klar und in 
der Tat sagt Leibniz bei einem analogen Beispiele in der erwähnten 
cElemeiita calculi novi ....»*: «habetur Methodus indivisibilium 
Cavalieri». Aber trotz der Anerkennung der Berechtigung dieses 
Hinweises durch Leibniz kann der imgeheuere Abstand zwischen 
den Arbeiten beider nicht verkannt werden. 

Man sieht nun auch, dass der Differentialquotient -j^ nur unter 
dieser Auffassung wirklich und unbedingt den Tangens des Nei- 
gungswinkels der Tangente der Kurve darstellt, denn er wird nicht 
nur dieser Tangens allein, sondern enthält in sich in gewisser Weise 
die Eigenschaft der Funktion, also hier der Kurve mit, aus der 
er entstanden ist. Nur so ist das lungekehrte Tangentenproblem, 
d. h. die Bestinmiung der Kurve aus ihrer Tangente, allgemein me- 
thodisch fassbar. 

Methodisch könnte man mir jetzt den Vorwurf der Inkonsequenz 
machen, denn die geometrische Anwendung hatte ich als sekundär 
für die höhere Analysis bezeichnet und gerade bei der Leibnizschen 
Entdeckung den Nachdruck darauf gelegt. In der Tat, es ist ein 
methodischer Fehlgriff, aber er geschah bewusst, da ich mich nun 
über dieses geometrische Beispiel erhebe und die Sache rein analy- 
tisch, soweit es im Rahmen dieser Arbeit geht, charakterisieren will. 

Leibniz war eigentlich von einer Beziehung der Integrale aus- 
gegangen und hatte das Differential durch funktionale Umkehrung 
eingeführt. Wir machen jetzt den umgekehrten Weg, den ja schliess- 
lich auch Leibniz später eingeschlagen hatte, ^ sowie auch seine 
mathem. Nachfolger, indem wir vom Differential oder Differential- 
quotienten, der Derivrierte, ausgehen und das Integral durch eine 
Umkehrungsfunktion in bestinunter Weise einfuhren. 

Was ist nun rein analytisch der Differentialquotient, die Deri- 
vrierte einer stetigen Funktion, wenn er existiert? 

' Gerhardt Beilage VI. 

' Gerhardt, Beilage IV: „Calculus Tangentium differentiaUs*', S. 140 u. f 

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— 111 — 

Allgemein wird auch in der höheren Funktionentheorie der Dif- 
ferentialquotient einer Funktion von komplexem Argument w = f (z) 
-definiert durch: 

^"^^('(2)= ^"^ <'(' + 0~fW wobei auch C=pe*> 
dz ^ ^ C = o C 

also komplex zu verstehen ist. Dieser DifFerentialquotient -^ = f (z) 
-existiert funktionen theoretisch, wenn bei einer Stetigkeit und Ein- 
deutigkeit der Funktion f (z) das f (z) einen Wert hat, der unab- 
hängig ist von dem Werte der Amplitude ^ in f = ^e^^ sobald f 
zu Null wird, oder geometrisch gesprochen: unabhängig davon in 
welcher Richtung f zu Null wird. Wir haben durch diese Einschrän- 
kung bekanntlich eine bestimmte Klasse von Funktionen und zwar 
die regulär analytischen abgegrenzt. Diese Einschränkung verschwindet, 
sobald z und C reeW sind, da dann wesentlich nur eine Amplitude 
möglich ist. Die obige Definition ist also eine funktionentheoretische 
Erweiterung der ursprünglich für reelle Funktionen aufgestellten, 
nämlich : 

iiL_r/^x_ ^^ f(x + Jx)~f(x) 

dx ~ "" '~ Axz=o Ax 

Diese Definition hat aber, wie man ohne weiteres sieht, nichts 
mehr mit einer geometrischen Grundlage zu tun. Dabei habe ich 
nicht vergessen, was zu betonen wohl nicht mehr nötig, dass man 
zu obiger Definition von f (x) kam und konmit diu-ch die Bestim- 
mung der Tangente an eine Kurve. 

Man sieht aber nun, dass diese Definition fordert, dass in der 
Tat C bezw. Ax wirklich zu Null werden. Tritt dies aber ein, dann 
ist völlig unverständlich, soll diese Null eine arithmetische (a — a) 
sein, wie dieser Grenzübergang dann doch noch eine von z ab- 
hängige Funktion geben soll. Das ist nur dann möglich, wenn das 
Verschwinden von C oder Jx abhängig ist von f (z), bezw. f (x), 

-d. h. wenn das Gesetz, das z. B. in dem . — nur an- 

Jx 

nähernd angegeben ist, beim Uebergange des J x zu Null, bezw. dx, 
zu der wirklich in x selbst herrschenden funktionalen Eigenschaft 
von f(x) wird, welche Eigenschaft durch obige Definition festgelegt 
ist. Ganz analog bei f (z), wo dann noch diese neue Funktion f (z) 
von der Amplitude %p unabhängig sein muss, für eine reguläre ana- 
lytische Funktion. 

Damit ist aber gegeben, dass das d x wirklich arithmetisch eine 

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— 112 — 

Null ist, nicht aber funktionentheoretisch. Funktional ist es der 
Repräsentant einer Eigenart des Verhaltens von x bei seinem Ver- 
schwinden, wenn gleichzeitig das mit ihm verbundene f(x-f- Jx) 
in f(x) übergeht, also ihre Differenz verschwindet. 

Anschaulich gesprochen, ist dann das dx der Zuwachs oder das 
Inkrement von x, wenn gleichzeitig mit ihm das f(x) = y sich ver- 
ändert, in seinem Funktionswert zu- oder abnimmt. Diese d x und 
d y sind nicht willkürlich , sondern vermöge y = f (x) voneinander 
abhängig. Eines ist beliebig, das andere bestimmt und mögen beide 
noch so u&exuUicb klein sein. Beide, da« dx und das dy, charak- 
terisieren ebenso die Funktion wie y = f (x). Diese anschauliche 
Darstellung ermöglicht es nun, auch das Differential als unendlich 
kleine Grösse aufzufassen, aber man muss sich dessen bewusst 
bleiben, dass dies nicht genau ist, sondern streng genommen die 
Berechnung mit den unendlich kleinen Grössen zu trennen ist von 
jener mit wirklichen Differentialen, wie dies auch schon Leibniz be- 
tonte. Jede hat ihren eigenen ihr eigentümlichen Kalkül, wenn sie 
auch Berührungspunkte habeni 

Nun sieht man auch, dass, wenn der Differentialquotient exi- 
stiert, er streng genommen, deutet man y = f (x) als Kurve, den 
Tangens des Neigungswinkels gibt. Allgemein ist er ein Charak- 
teristikum der Funkt., eine neue Funktion, die mit der ersteren 
mitgegeben ist, wenn auch gewöhnlich mit anderen Eigenschaften 
versehen. 

Der Zweifel, ob ein solcher Limes stets existiert, ist auch bereits 
aufgetreten, und es hat sich gezeigt, dass dies nicht inuner sein 
muss, wenn auch die Funktion sonst normale Eigenschaften hat. 
Existiert er aber, so ist obige Festlegung desselben die analytisch 
bestimmteste. 

Man darf also mm ruhig aus -^ = f ' (x) schliessen d y = f (x) d x, 
da ja dy und dx Funktionswert haben, wenn auch nicht arithme- 
tischen Grössenwert. Diesen haben sie nur in der Rechnung mit 
wirklichen unendlich kleinen Grössen. Den Uebergang derselben 
in die Rechnung mit wirklichen Differentialen illustriert die diu-ch- 
ge führte Betrachtung der Kurvenquadratur. * 

Zu dem Gesagten möchte ich den Mathematiker nur noch auf 
die fartiellen Differentialquotienten hinweisen, wo ja die Auflassung 



Seite 107 u. f. dieser Arbeit. 

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— 113 — 



des Differentials als unendlich kleiner Grösse im gewöhnlich ihr 
beigelegten Sinne schlechterdings nicht angängig ist. Schon die 
elementare Definition des — ^ — zeigt dies. Hier kann bu nur Funk- 
tionswert hahen, es ist mit dem b f (u, v) das Charakteristikum für 
die funktionale Eigenart der Funktion, wie sie sich ändert, wenn 
nur eine ihrer sie bestinrunenden Variablen oben definierten Grenz- 
tibergang macht. 

Wenn es mir gestattet ist, zu diesen rein mathematischen 
Schwierigkeiten zum Ueberfluss noch auf solche aus der Physik hin- 
zuweisen, so möchte ich fragen, was denn dN bedeuten soll, wenn 
N die Zabi der Kraftlinien eines elektrischen oder magnetischen 
Feldes oder, noch schwerwiegender, die Zahl von Jonen oder Elek- 
tronen darstellt. ' Soll es dann ein unendlich kleines Stück einer 
Kraftlinie oder ein unendlich kleiner Teil eines Jons oder Elektrons 
sein oder vielmehr der funktionale Ausdruck, analog wie in Phoro- 
nomie und Mechanik, für die Art der Veränderung von N mit an- 
deren Faktoren? 

Doch wollen wir mm zimi zweiten Teil der ims hier inte- 
ressierenden Aufgabe schreiten. ' 

Wie ist das Integral rein analytisch zu begreifen und also wenn 
möglich durch bekannte Funktionsausdrücke zu definieren? 

Auch hier, in der Frage nach dem Integral, geht das Streben 
in der neueren Funktionentheorie dahin, diese analytische Definition 
wirklich zu geben. Eine davon ist die aus der Umkehnmg der Bil- 
dung der Derivrierten. Es ist das die Bildung des Integrals aus der 
Lösung folgender Aufgabe: Man suche eine Funktion, deren Deri- 
vrierte gleich ist dem Integranden. Oder in Zeichen: Man suche 
zu einer Funktion f (x) eine solche F (x), dass ^^^ = f (x), dann 

ist /( (x) dx = F(x) -l" Const. Man kann dies auch umgekehrt fassen 
und sagen : /f (x) d x = F (x) + C heisst ^^7^ "^ ^ ^*^- Beides ist 
gleichbedeutend. 

Diese Definition hat den Vorteil analytisch nicht weiter an- 
fechtbar zu sein, sobald man ganz allgemein dartun kann, dass eine 
solche Funktion überhaupt möglich ist. Die Möglichkeit der Existenz 
dieser Funktion kann man eben als aus der Umkehrung ersichtlich 
dargetan ansehen, insbesondere wenn man sich andere Umkehrungs- 
funktionen vor Augen hält. Aber diese Definition hat den grossere 
Nachteil, dass sie keinen Einblick in den eigentlichen Aufbau desserk 

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— 114 — 

gewährt, was in dem / ( (z) dz eigentlich enthalten ist, und insoferne 
nicht zeigt, wie man durch anderweitige analytisch funktionentheo- 
retische Ueberlegungen ebenfalls zu dieser gleichen Funktion F (z) 
= f(z)dz-f-C gelangen kann. Das ist nun ein schwerwiegender 
Nachteil, der auch die Unmöglichkeit der unzähligen geometrischen 
und physikalischen Anwendungen praktisch in sich schlösse. Es gibt 
denn ja bekanntlich auch noch eine zweite Definition, die das In- 
tegral als den Grenzwert einer Summe definiert, wie dies auch schon in 
dem Beispiel über Kurvenquadratur auf Seite 107 u. f. zu Tage tritt. 
Doch nehmen wir ein allgemeineres Beispiel. Wir betrachten das 
Integral yf(xy) d 99 (xy), das als Kurvenintegral längs einer Kurve 
L zwischen zwei Punkten A und B zu nehmen ist, d. h. auf Werten 
von X und y, die in einer durch eine Funktion bestimmten Art mit- 
einander verbunden sind. Dabei seien x = u (t), y = v (t) stetige 
Fimktionen von t. Dann kann man sich das Intervall von x und y 
zerlegt denken in kleine Intervalle zwischen den den Punkten A und 
B zugehörigen x und y, deren Begrenzungen man allgemein durch 
^k. ^k ^k+i ^k+i ^^g^^^'^ kann. Damit lässt sich folgende Defini- 
tion des Kurvenintegrals geben: 

B 

f(xy)d9^(xy)==lim °i'f(x^y^) J9> (^k + i y k+i) " ^ (^k Yk)! 

n = ook = o l ' 



B 



Da dieser Limes unter obigen Bedingungen existiert, so ist da- 
mit die Forderung einer strengen Definition erfüllt und obige Dar- 
stellung ist zulässig. Kürzer geschrieben hiesse es: 

B 

n— 1 

f (x y) d 9? (x y) = lim Ü^^Aq)^ 

n = ao k = o 



/' 



Diese, und ihr analoge Definitionen für andere Integrale, hebt 
die vorhin angedeuteten Nachteile auf, hat aber gegenüber der ersten 
Definition wieder den Nachteil, dass sie leicht dazu verführt, das 
Integral einfach als eine unendliche Summe, wie jede andere, zu 
betrachten. Dies ist nun, wird jedwede weitere Einschränkung nicht 
gemacht, von vorneherein abzuweisen, denn dann wäre das Integ^l 
keine neue Funktion und somit nicht die Grundlage einer neuen 
Rechnung, sondern eben nur eine unendliche Sunune. 

Ausserdem muss betont werden, dass beide Arten von Defini- 
tionen nebeneinander nur dann ein Recht auf Bestand haben — funk* 

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— 115 — 

tionentheoretisch — wenn gezeigt wird, dass beide Definitionen 
dieselbe Funktion ergeben, sonst könnte nur die eine oder andere 
als allein giltig angesehen werden. 

Gegenüber der unendlichen Summe nun weist das Integral be- 
•deutertde Unterschiede auf. Die unendliche Summe oder Reihe, wenn 
«ie stetig i«t, also für unendlich grosses n einen fest bestinunten 
imendlichen Grenzwert besitzt, oder was dasselbe besagt, mit wach- 
•sendem n sich ihm nähert, besteht st^ts aus Elementen — Gliedern — 
die einander sprungweise, diskret, obwohl gesetzmässig folgen. Sie 
ist also, als Symbol einer Funktion gefasst, der Repräsentant eines 
■diskreten mathematischen Gebildes, während selbst dann, wenn man 
das Integral als aus diskreten Elementen bestehend auffassen wollte, 
diese Elemente einander konsekutiv^ d. h. unmittelbar ohne ausge- 
lassene Zwischen werte der Variablen folgen müssten. Doch diese 
letztere Bestimmung würde das Integral nicht ganz vollständig charak- 
terisieren, denn dieses ist der Ausdruck eines stetigen^ konünuier- 
liehen Gebildes des mathematischen Denkens. Dieser Punkt ist es 
ja vor allem, der das Integral als selbständige Grösse mit bestimmter 
funktionentheoretischer Eigenart hervortreten lässt. Die Elemente, 
•die das Integral erzeugen, haben wir uns in stetiger kontinuierlicher 
Funktionsänderung zu denken und das Resultat derselben, d. h. das 
Erzeugnis dieses funktionalen Prozesses ist das Integral. Die Defini- 
tion, wie wir sie oben gegeben, und ihr analoge sind also nur zu- 
lässig, wenn man dabei bedenkt, dass sie nur zeigen sollen, wie 
man sich diesem neuen mathematischen Ausdruck des Integrals 
nähern kann, denn in dem Limes ist nicht nur gesagt, dass der Abstand 
^ (Xj^ , j Yj^ , -) — 9^ (^k Yk) verschwindet, sondern dass mit diesem 
Verschwinden die Summe aus einem diskreten mathematischen Ge- 
bilde in ein stetiges und damit in ein Integral übergeht. 

yY(x) dx bedeutet also f(x), hat sich zu verändern, wir nehmen 
<iie Veränderui^ durch logische Setzung vor, indem sich x verändert, 
wobei beider Veränderung durch y = f(x) fest verknüpft ist; diese 
Veränderung hat man sich als stetig erfolgend zu denken. Das Er- 
zeugnis dieses Prozesses zwischen beliebigen Grenzen eingeschlossen 
wird im Integral repräsentiert. 

Damit ist auch der Zusammenhang mit der Sunune gegeben, 
damit aber auch die Möglichkeit der anderen, zuerst angeführten 
Definition des Integrals, denn r(x)dx = dy war ims nichts anderes 

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— 116 — 

als die funktionale Bestinunung der Veränderungsart für y = f (x) 
im Werte x, wenn diese Veränderung stetig erfolgt. 

Ich muss mich mit diesen Auseinandersetzungen begnügen. Doch 
hoffe ich, gezeigt zu haben, dass die Differential- und Integralrech- 
nung kein speziell neues Rätsel ist, sondern wenn sie ein solches * 
ist, dann nur in dem Sinne wie viele andere unseres geistigen Ge- 
schehens auch. In der Bildung des Integrals drückt sich eben die 
Fähigkeit unseres Geistes aus^ nicht nur diskrete^ sondern auch stetige 
Veränderungsreihen in einer neuen Synthese zu vereinigen, welche 
Synthese für das maihemaüsche Denken durch das Integralzeichen 
repräsentiert ist. Gewiss bleibt darin die Schwierigkeit, dass wir 
diesen wie jeden anderen stetigen Prozess nicht Punkt für Pimkt 
im Bewusstsein durchlaufen können, aber wem wurde denn bewusst, 
wie er aus den Prämissen z. ß. den Schluss zieht. 



III. Abschnitt 

Mechanik und Dynamik. 

Wir zitierten Seite 103 des zweiten Abschnittes dieses Kapitels 
den Satz Leibnizens: «Ebenso kann man sagen, dass das Unend- 
liche und das Unendlichkleine so fest gegründet sind, dass alle Er- 
gebnisse in der Geometrie, ja selbst alle Ergebnisse in der Natur 
sich so verhalten, als ob beides vollkommene Realitäten wären >, und 
fügten hinzu, d. h. als ob sie nicht nur rein begrifflich zu fassen 
wären, sondern als ob man von ihnen direkt Erfahrung haben könnte. 

Ich habe diesen Satz an die Schwelle dieses Abschnittes ge- 
stellt, weil er uns auf die Verknüpfung von Mathematik und Dynamik, 
Physik überhaupt, hinweist, wie sie sich bei Leibniz selbst ergeben 
hat. Dann die Bemerkung, alle Ergebnisse in der Natur verhalten 
sich so . . . sagt nichts anderes, als dass die höhere Analysis es ist, 
neben der Lehre vom Unendlichen, die das Erkenntnismittel abgeben 
um die Probleme der Natur zu bewältigen, um die Welt der Sinne 
zur Erfahrung im wissenschaftlichen Sinne des Wortes zu machen.* 
Zum Beweise hiefür führt Leibniz sein Gesetz der Kontinuität in 
seiner allgemeinsten Fassung an. Denn : < Ganz allgemein kann man 



Siehe hiezu auch was ich am Schlüsse der Einleitung sagte. ^ 

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— 117 — 

sagen, dass die Kontinuität überhaupt etwas Ideales ist und es in 
der Natur nichts gibt, das vollkommen gleichförmige Teile hat, dafür 
wird aber auch das Reelle vollkonunen von dem Ideellen oder Ab- 
strakten beherrscht, die Regeln des Endlichen behalten im Unend- 
lichen Geltung, wie wenn es Atome — d. h. Elemente der Natur 
von angebbarer fester Grösse — gäbe, obgleich dies wegen imbe- 
schränkter wirklicher Teilung der IMaterie nicht der Fall ist und 
umgekehrt gelten die Regeln des Unendlichen für das Endliche, wie 
wenn es metaphysische Unendlichkleine gäbe, obwohl man ihrer in 
Wahrheit nicht bedarf und die Teilung der Materie niemals zu solchen 
unendlichkleinen Stücken gelangt. Denn alles untersteht der Herr- 
schaft der Vernunft und es gäbe sonst weder Wissenschaft noch 
Gesetz ....»' 

In diesen Worten erkennen wir in Leibniz den ausgeprägten 
Idealisten oder erkenntnistheoretischen Rationalisten. Alles unter- 
steht der Herrschaft der Vernunft, denn sonst wäre keine Wissen- 
schaft, keine wissenschafbliche Erfahnmg möglich, keine Anwendung 
der Mathematik, und insbesondere der höheren Analysis auf sie 
möglich. Dass dies möglich ist, ruht eben darin, sagt Leibniz oben, 
dass das Reelle vollkommen vom Ideellen oder Abstrakten beherrscht 
wird, dass also anders gesprochen die Wahrnehmungen durch Be- 
griffe, durch Kategorien bewältigt werden können, sich in solche 
einordnen lassen. Aber an der Spitze alles dessen gleichsam steht 
das Gesetz der Kontinuität in seiner ideellen Gestalt, in seiner 
reinsten Ausprägung als Gesetz. Es ist gleichsam der gemeinsame 
logische Untergrund, der ' es ermöglicht, dass die Ergebnisse der 
Mathematik, insbesondere der höheren Analysis auf die Erfahrung, 
die Natur, anwendbar werden. Es gibt die Möglichkeit der Anwen- 
dung der höheren Analysis, denn vermöge seiner kann man sowohl 
atomistisch die Materie auffassen, das entspräche mathematisch, den 
reellen, aktuellen Unendlichkleinen, man kann aber auch dynamisch 
vorgehen und erkennen, dass die Materie wirklich ins Unendliche 
geteilt ist, d. h. dass man zu letzten unteilbaren Elementen niemals 
gelangt. Dem mm entspräche die höhere Analysis, sofern das Diffe- 
rential im strengen Leibnizschen Sinne genommen wird. Vermöge 
des gleichen Gesetzes behalten die Regeln des Unendlichen im End- 
lichen Geltung und umgekehrt und es ist nicht notwendig zu sagen. 



Buchenau, Cassierer, S. 100. 

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— 118 — 

fügen wir hinzu, wie Gcissler es tut: Wir Menschen y^fosttdieren^ ^ 
dass die Gesetze des Endlichen im Unendlichen Geltung bewahren. 
Geissler stösst sich daran, dass wir durch stetigen Fortgang in der 
Anschatmn^ niemals vom Endlichen ins Unendliche nach irgend 
welcher Richtung kommen. Ganz recht, das gibt jeder zu. Aber 
ist es denn nur möglich in der Anschauung allein diesen Vorgang 
auszuführen, oder ist, vermöge des Gesetzes der Kontinuität, rein 
begrifflich, nicht anschaulich, für das Denken nicht auch das Fort- 
bestehen derselben Gesetzlichkeit verbürgt. 

Ganz allgemein also können wir sagen : Die höhere Analysis erweist 
ihre Möglichkeit in sich selbst, ihre Anwendbarkeit aber auf andere 
Gebiete eröflFnet sich erst durch eine feste logische Begründung in 
ihr, vermöge deren ihre fundamentalen Grundlagen erkannt werden 
imd gezeigt wird, dass diese ihr zu Grunde liegenden formalen 
Bestimmungen auf die Erscheinungen anwendbar sind. Dies aber 
erschliesst uns zimächst obiges Gesetz und mit ihm nicht zumindest 
die Idealität von Raum und Zeit als allgemeiner Ordnungen möglicher 
Dinge. 

Konkret zeigt sich dies an dem dynamischen Begriffe der Kraft 
(Energie) der uns bald nachher kurz beschäftigen wird.^ — 

Den Satz von der Erhaltung der Kraft, fanden wir schon am 
Anfange der neueren dynamischen Anschauungen Leibnizens. Ins- 
besondere hatte er denselben gegen die Descartes'sche Ansicht der 
Erhaltung der Bewegungsquantität zu verteidigen, aber diese Er- 
haltimg im engern Descartes' sehen Sinne verstanden, d. h. wo noch 
die Richtung der Bewegung nicht in die Erhaltung als bestimmender 
Faktor mit einbezogen, sondern der Seele noch ein Einfluss auf 
dieselbe zugestanden wurde, denn dass sich die < algebraische Summe > 
der Bewegungsquantität beim vollkommen elastischen Stosse erhält, 
hat Leibniz stets zugegeben.* 

In der Schrift «Beweis eines wichtigen Irrtums des Descartes> 
aus dem Jahre 1686 treten uns vor allem die Grundlagen aus denen 
der Satz filr Leibniz jene unbedingt allgemeine Geltung bekam, 
entgegen. Er ist für Leibniz, wie wir auch schon erwähnten, nicht 



* Ich kann und werde mich in den nun noch folgenden Betrachtimgen 
dieses und besonders der noch kommenden Abschnitte kürzer fassen. Ich kann 
es, weil das gesamte Material für dieselben bisher vorbereitet wurde, so dass 
ihr Verständnis nicht schwer wird. 

' Buchenau, Cassierer, S. 279. Briefwechsel mit de THospital. 

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— 119 — 

ein empirisch gefundenes Resultat, nicht aus einer Induktion gewonnen, 
sondern er ist Erkenntnisbedingung, ist Hypothese. Die Stossvor- 
gänge und die einfachen Maschinen, wird hier ausgeführt, beweisen 
nicht den Satz, sondern sie bestätigen ihn nur. «Nun ist es aber 
der Vernunft angemessen^ dass sich dieselbe Summe der bewegenden 
Kraft in der Natur erhält und sich weder vermindert noch auch 
vermehrt, weshalb ein mechanisches perpetuum mobile niemals zu- 
stande kommt. »^ Der Vernunft angemessen, bedeutet für Leibniz 
nun nicht etwas völlig Unbestimmtes, sondern wie aus dem früheren 
leicht ersichtlich, die Tatsache, dass nur so eine einheitliche und 
eindeutige Bestimmung der Phänomene möglich ist. 

Die Kraft ist hierbei nach der Grösse des Eflfektes zu berechnen, 
den sie hervorzubringen imstande ist, z. B. nach der Höhe zu der 
sie einen schweren Körper von gegebener Grösse zu heben, nicht 
aber nach der Geschwindigkeit, die sie ihm zu erteilen vermag.* 

Deutlich, und in einer noch anderen Wendung, zeigt uns die 
Beilage der eben erwähnten Schrift, den Erhaltungssatz. Er führt 
daselbst*^ den Beweis durch, dass dieselbe Kraft nötig sei um ein 
Pfund zur Höhe von zwei Fuss zu heben, wie um zwei Pfund zur 
Höhe von ein Fuss. «Ich mache hierbei», sagt er, «die einzige 
Voraussetzung^ dass ein schwerer Körper, der von einer bestimmten 
Höhe herabgefallen ist, dadurch genau die Kraft gewinnt, die er- 
forderlich ist um ihn zur selben Höhe wieder emporzuheben, vor- 
ausgesetzt, dass er auf seinem Wege weder durch Reibung noch 
diu-ch den Widerstand des Mediums oder eines anderen Körpers 
an Kraft verloren hat». 

Noch in einer anderen Form, nämlich als Gesetz der Gleichheit 
von Ursache und Wirkung, was im Grunde mit dem obigen über- 
einstimmt, begegnen wir dem Satz unter anderem im Briefwechsel 
mit de THospital, wo er in einem Briefe die Gründe für seine 
Schätzung der Kraft darlegt. « Sie sehen, > heisst es, « dass der Satz 
von der Gleichheit von Ursache imd Wirkung, d. h. die Ausschlies- 
sung eines mechanischen perpetuum mobile, meiner Schätzung der 
Kraft zugrunde liegt».* 

Hier also zeigt Leibniz deutlich den apriorischen Charakter 



1 Ebendaselbst, S. 246. 

' Ebendaselbst, S. 248. 

« Buchenau, Cassierer, S. 248 u. f. 

* Ebendaselbst, S. 277. 

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— 120 — 

des Erhaltungssatzes. Dies und die Tatsache, dass für ihn der Stoss 
Bestätigung nicht Beweis seines Satzes war, mögen noch folgende 
Worte Leibnizens illustrieren: «Dafür dagegen, dass sich die Be- 
wegungsquantität in der Natur erhalten muss, gibt es keinen Beweis. 
Bei den Körpern, die wir beobachten können, widerspricht dem die 
Erfahrung und die Vernunft gibt uns keine Veranlassung eine solche 
Erhaltung in den unwahmehmbaren Teilen der Materie anzunehmen, 
bei denen wir doch stets im Verhältnis dieselben Wirkungen, wie 
bei den sinnlichen Körpern voraussetzen müssen.^ Was aber diese 
selbst angeht, so gründet sich meine Anschauung hier offenbar nickt 
auf die Erfahrung beim Stosse^ sondern auf Prinzipien^ die von diesen 
Erfahrungen selbst Rechenschaft geben imd die imstande sind, Fälle, 
für die es noch keine Experimente oder Gesetze gibt, zur Bestim- 
mung zu bringen und zwar einzig imd allein aus dem Prinzi'pe der 
Gleichheit von Ursache und Wirkung.»* 

Dies stimmt auch ferner mit Leibnizens Auffassung der Induktion, 
die allein niemals die allgemeine Gültigkeit des Gesetzes dartun 
kann. — 

Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, als eines Grund- 
prinzipes der Erfahrung, weist uns wieder auf die Betrachtung der 
körperlichen Erscheinungen, als seiner Inhalte, hin. In Anbetracht 
und im Anschlüsse an früher Gesagtes erübrigt uns nur, die definitive 
begriffliche Bestimmung der Kräfte näher zu besehen. Die wichtig- 
sten Instrumente hiezu haben wir in der endgiltigen Grundlegung 
der höheren Analysis und in der Bestimmung der Bewegung kennen 
gelernt. 

Kraft ist nun, nach Lcibniz, der im Augenblicke festgehaltene 
Zustand einer Veränderungsreihe, sofern in ihm die Tendenz oder 
das Streben zum Fortschritte mitgedacht wird. «Und so liegt in ihr 
(der Bewegimg) selbst nichts reales ausser der Realität des momentanen 
Zustandes, der durch die Kraft und ihr Streben nach Veränderung 
zu bestimmen ist. Hierin ist also all das gefasst, was ausser dem 
Objekte der Geometrie oder der Ausdehnung in der materiellen 
Natur vorhanden ist. >* Die Kraft also verbürgt die Realität der 
Körper als Erscheinungen. An anderer Stelle wird die Kraft be- 
stimmt als der gegenwärtige Zustand der Bewegung selbst, sofern 

' Ebendaselbst, S. 278. 

' Buchenau, Cassierer, S. 258. „Specimen dvnamicum.** 

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— 121 — 

•er zu einem folgenden hinstrebt oder einen folgenden im Voraus 
in sich involviert.* 

Das Streben, die Tendenz, ist also für die Dynamik zunächst 
nicht psychologisch, sondern logisch, d. h. begrifflich zu fassen. Es 
ist kein Begehren, soxpidem ein im Gesetze voraus Involvieren. 
Mathematisch gesprochen ist dieses im voraus Involvieren, sowie 
das Festhalten des Fortschrittes im gegenwärtigen Zustande nur im 
Sinne der neuen Rechnung zu verstehen. Der Augenblick ist reprä- 
sentiert durch das Differential, sofern es extensiv Null ist, aber 
sofern in ihm das Gesetz der Veränderung, die Funktion mitgedacht 
wird ; sofern involviert es auch den folgenden Zustand. Dynamisch 
kommt ^ben das die Kraft vom rein mathematischen markant 
Unterscheidende hinzu, das Streben, die Tendenz, d. h. das in dem 
Augenblicke mitzudenkende Vermögen selbständig die Veränderung 
fortzusetzen und nicht wie in der reinen Mathematik einer logischen 
Setzung im Denken hiezu zu bedürfen, wie schon mehrfach betont 
wurde. 

Der derivativen Kraft, als jenem Teil des Tätigkeitspriiizipes' 
das sich in den mannigfachen Erscheinungsformen der realen Körper 
darbietet, welche Erscheinungsformen im Wesen auf Bewegimg zu- 
rückzuführen sind, steht gegenüber die „primiHve Kraft*^. 

«Die primitive Kraft, die nichts anderes ist als die erste Ente- 
lechie, entspricht der Seele oder substantiellen Form, gehört jedoch 
eben deshalb auch zu den allgemeinen Ursachen, die zur Erklärung 
der Erscheinungen imzureichend sind.»* Sie gehört mit anderen 
Worten in die Metaphysik, während die Physik es immer nur mit 
den derivativen Kräften zu tun hat, die nach Leibnizens Ausspruch, 
auch gleichsam die Einschränkungen der primitiven Kraft sind.* 
Diese derivativen Kräfte sind es darum auch allein, die dem Gesetze 
der Erhaltung der Kräfte zugrunde liegen.* 

Aber imi dieses einheitliche Gesetz auf die Erscheinungen, vor 
allem um die Bewegungsgesetze eindeutig zu begreifen, musste der 
Begriff der Masse als einer passiven Kraft eingeführt werden. Auch 
andere Gründe, wie, das« die Annahme einer Gleichgiltigkeit der 
Materie gegen Bewegung aller Erfahrung widerspricht, fordert diese 
Bestinmiung. Hiezu aber, um den Begriff der Masse richtig zu ver- 

* Ebendaselbst, S. 118. Anmerkung. 
' und ' Buchenau, Cassierer, S. 259. 

* Ebendaselbst, S. 261. /^ T 

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— 122 — 

stehen, muss man sich, wie Leibniz ausführt, von- dem Sinnliche» 
losreissen. Die Masse, wie sie die Dynamik verwertet, wird nicht 
vorgefunden, ist nicht einfach gegeben, sondern sie ist Hypothese 
Erfahrungsbedingung, welche der Satz der Erhaltung der Kraft und 
damit die wissenschaftliche Erfahrung fordert. 

Auch die passive Kraft, teilt Leibniz, wie die tätige Kraft in 
eine primitive und eine derivative passive Kraft ein.* 

Die primitive passive Kraft ist das «Prinzip», der einheitliche, 
gesetzliche Träger, in gewissem Sinne dieses Gese.tz selbst substan- 
tialisiert, des Widerstandes gegen Durchdringung, das Prinzip der 
Trägheit, d. h. des Widerstandes gegen Bewegung. Die derivative 
passive Kraft ist dann wieder nichts anderes als der gegenwärtige 
Augenblick, soferne in ihm der gegenwärtige Zustand der Passivität, 
samt seiner nächsten, und damit aller späteren Bestimmungen des 
Widerstandes und der Trägheit mitgedacht wird. Mit anderen Worten 
die primitive passive Kraft oder die «erste Materie» ist das einheit- 
liche Gesetz aber substantialisiert, das in einem einzigen begriflflichen 
Punkte, die Mannigfaltigkeit der passiven Bestimmungen dessen, 
was wir Körper nennen, vereinigt enthält. Die derivative passive 
Kraft oder zweite Materie sind die verschiedenen Bestimmungen 
selbst, die durch weitere Determination, weitere Beziehungen dieser 
primitiven passiven Kraft entstehen. 

Wie sich nun weiterhin Ausdehnung und Körper verhalten, 
sagt uns Leibniz in folgenden Worten: «Ich möchte immer unter- 
schieden wissen zwischen der Ausdehnung oder Extension und dem 
Attribut, auf das sie sich als relativer Begriff bezieht. So ist die 
Ausdehnung als Attribut des Raumes die Verbreitung oder stetige 
Wiederholung der Lage oder örtlichen Bestimmtheit — als Attribut 
des materiellen Körpers dagegen die Verbreitung des Widerstandes 
oder der stofflichen Bestimmtheit. > ' Die stoffliche Bestinuntheit, 
d. h. die primitive passive Kraft, wird also auf den Punkt bezogen. 
Ihre Ausbreitung ergibt die Ausdehnung als Attribut des Körpers 
und damit erst das, was wir eigentlich Masse nennen oder nach 
Leibniz die zweite Materie, die derivative passive Kraft (Energie). 
Leibniz hat also in seinen Bestimmungen nun vollends den ato- 
mistischen Standpunkt überwunden und verworfen, er ist Dynamiker, 



Ebendaselbst, S. 260. 
Buchenau, Cassierer. S. 342. 

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— 123 — 

näher Energetiker, huldigt jener naturwissenschaftlichen Anschauung,, 
die dem philosophischen Idealismus und Rationalismus nahe ist. In der 
weiteren Ausgestaltung der Dynamik bei Leibniz erweist sich erst 
die höhere Analysis in ihrer weitgehenden Fruchtbarkeit, ja als die 
Bedingung der Dynamik überhaupt. Hier ergibt sich dann auch die 
fundamentale ünterscheidimg zwischen toter Kraft, oder dem was 
wir jetzt schlechtweg unter Kraft verstehen, der statischen Kraft,^ 
und der lebendigen Kraft oder Energie, d. h. als dem Vermögen 
der Arbeitsleistung. 

Weiter darauf einzugehen ist mir hier unmöglich, 

War so die Möglichkeit gegeben, die körperlichen Erscheinungen 
in ihrem ganzen Umfange zu verstehen, so begreifen wir, warum 
Leibniz die Grundforderung aufstellt, alle materiellen Erscheinungen 
mechanisch, d. h. durch derivative Kräfte zu erklären, sowie durch 
ihre Gesetze, die sich vor allem in den Bewegimgsgesetzen, worin 
sie wahres Subjekt der Bewegung sind, kund tun. 

Aber diese Forderung, der durchgängigen mechanischen Er-^ 
klärung der Erscheinungen der materiellen Welt, ist wiederum nicht 
aus Erfahrung gewonnen, sondern liegt ihr zugrunde. Es ist, wie 
Leibniz sagt, ein Vemunftgrund, der aus derselben Quelle stammt 
wie die ewigen Wahrheiten, nämlich aus der Vernunft. «Deshalb 
lässt sich in den materiellen Dingen alles mechanisch erklären 
ausser den Prinzipien des Mechanismus selbst . . . . »^ Würden wir 
nur an einer Stelle diesen Grundsatz aufgeben müssen, so wäre 
damit die eindeutige Erklärung der Erscheinungen aufgehoben. Aus 
alle dem verstehen wir den Kampf, den Leibniz gegen Newton 
führte, der unter der Annahme vollkommen harter Atome Gott zur 
Erhaltung der Kräfte bedurfte, während Leibnizen umgekehrt der 
Erhaltimgssatz zum Grundfundament der Dynamik wurde, wozu es 
keines ausserweltlichen Prinzipes bedurfte.^ So rein scheidet sich in 
Leibniz der Naturforscher von dem Metaphysiken 

Die Prinzipien des Mechanismus selbst sind nicht durch die 
materiellen Erscheinungen gegeben, sondern sind ihnen, vor allem 
in de